Widerstand, Revolution, Solidarität

geschrieben von Joachim Holz

4. Mai 2026

Jüdisches Engagement zwischen Geschichte und Gegenwart

Bereits im Vorwort von »Die radikale jüdische Tradition« wird ein Leitmotiv der deutschen Ausgabe formuliert: Donny Gluckstein und Janey Stone betonen, dass jüdisches politisches Engagement in vielen »westlichen« Ländern – vor allem in der Bundesrepublik – besonders starker Repression ausgesetzt ist.

Umschlag in offenen Antisemitismus

Gluckstein und Stone erinnern daran, dass bereits vor dem Ersten Weltkrieg Antisemiten in führenden Positionen des britischen Empire das Projekt einer jüdischen Staatsgründung unterstützten, nicht zuletzt, um Jüdinnen und Juden aus Europa zu verdrängen. Die scheinbar widersprüchliche Verbindung von Antisemitismus und Zionismus ist ein wiederkehrendes Motiv, das immer wieder aufgegriffen wurde. Wie Deborah Feldman im Essay »For the Love of Jews« im Berlin Review betont, kann ein solcher Philosemitismus und Philozionismus leicht in offenen Antisemitismus umschlagen.

Im Zentrum des Buches steht die linksradikale jüdische Tradition im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert zwischen Ostsee und Schwarzem Meer. Mit den Emigrationsbewegungen verlagerte sich dieser Widerstandsgeist zunächst nach London und später nach New York. In beiden Städten waren Jüdinnen und Juden überproportional in sozialistischen, kommunistischen und anarchistischen Bewegungen aktiv. So schrieb der jüdisch-jiddische Bund 1901 in seiner Zeitung Di Arbeyter Shtimme: »Wie das Proletariat jeder Nation ist auch [der Bund] eine unabhängige Partei des universalen Proletariats.«

Auch Antisemitismus innerhalb der Arbeiterbewegung wird thematisiert. Die Autoren betonen jedoch, dass insbesondere revolutionäre Bewegungen aktiv dagegen vorgingen. So verpflichtete sich der erste allrussische Rätekongress am 22. Juni 1917 dem Kampf gegen den Antisemitismus. Kommunistische Kräfte betrieben Bildungsarbeit und gingen teils gewaltsam gegen Pogrome vor; 1918 hieß es in der Prawda: »Gegen die Juden zu sein heißt, für den Zar zu sein.«

Mythos jüdischer Bolschewismus

Donny Gluckstein und Janey Stone: Die radikale jüdische Tradition. Partisanen, Widerstandskämpfer und Revolutionäre. Die Buchmacherei, Berlin 2025, 477 Seiten, 20 Euro

Donny Gluckstein und Janey Stone: Die radikale jüdische Tradition. Partisanen, Widerstandskämpfer und Revolutionäre. Die Buchmacherei, Berlin 2025, 477 Seiten, 20 Euro

Zugleich zeigen Gluckstein und Stone, wie der Mythos vom »jüdischen Bolschewismus« entstand, mit dem rechte Kräfte seit 1918 Antikommunismus und Antisemitismus miteinander verknüpfen. Prominente Personen wie Lenin oder Trotzki wurden dabei zu Projektionsflächen gemacht, gleichwohl sie sich selbst nicht als jüdisch bezeichneten. So sei die Arbeiterbewegung zwar weniger »jüdisch« gewesen, als ihre Gegner behaupteten, jedoch habe es ein deutliches jüdisches Übergewicht gegeben.

Ein ausführliches Kapitel widmet sich den Auseinandersetzungen in den USA der 1930er-Jahre. Im Februar 1939 kulminierte der Konflikt in New York, als Proteste gegen den »Amerikadeutschen Bund« im Madison Square Garden in eine stundenlange Straßenschlacht mündeten. Trotz Zurückhaltung etablierter Organisationen – der großen jiddischen Zeitungen, der Arbeiterzionisten von Hashomer Hatzair sowie der Kommunistischen Partei – mobilisierte die kleine trotzkistische Socialist Workers Party (SWP) Zehntausende zu den Protesten.

An den Kämpfen beteiligten sich jüdische Arbeiterinnen und Arbeiter ebenso wie schwarze Aktivistinnen und Aktivisten, Mitglieder der kommunistischen Partei sowie weitere migrantische Gruppen wie die italienischen und irischen Arbeiterinnen und Arbeiter. Obwohl die fünfstündige Straßenschlacht den Kongress des Amerikadeutschen Bundes nicht verhindern konnte, wurde sie als überwältigender Erfolg gewertet. Auf ein weiteres Kräftemessen wollten sich Faschisten und Polizei offenbar nicht einlassen. Der Vormarsch des Amerikadeutschen Bundes wurde in New York gestoppt. Mit der breiten Allianz zwischen Juden und Schwarzen, damals bekannt als »negro-jewish alliance«, zeigte der Antifaschismus eine bis heute unübertroffene Schlagkraft.

Jüdischer Widerstand gegen die Nazis

Der dritte Teil des Buches widmet sich dem bewaffneten jüdischen Widerstand gegen die Nazis und den Holocaust. Im vierten Teil schlagen die Autoren den Bogen zur Gegenwart. Sie stellen eine Verbindung zwischen dem Aufstand im Warschauer Ghetto und dem heutigen Kampf der Palästinenserinnen und Palästinenser gegen die israelische Besatzung Gazas und der Westbank her. Sie berufen sich dabei unter anderem auf Marek Edelman, einen der Anführer des Aufstands von 1943, der sich später solidarisch mit der palästinensischen Bewegung äußerte und sich zeitlebens gegen eine zionistische Vereinnahmung der Erinnerung stellte.

Abschließend formulieren Gluckstein und Stone eine grundsätzliche Ablehnung der deutschen Staatsräson gegenüber Israel. Sie argumentieren, dass ein ernsthaftes Gedenken an die Opfer des deutschen Faschismus nicht mit der Unterstützung eines Staates vereinbar sei, den sie als ultranationalistisch charakterisieren, und verbinden dies mit einer generellen Kritik an gegenwärtigen politischen Entwicklungen.