Antifaschistische Wirtschaftspolitik

5. Mai 2026

Nicht genug, aber wichtig. Ein Gespräch mit Fred Heussner

antifa: Gerade macht »Antifaschistische Wirtschaftspolitik« als hoffnungsvolle Reformpolitik bei der demokratischen Partei in den USA, aber auch hier bei der Linken die Runde. Nun ist die Erkenntnis, dass ökonomische Krisen und fehlende soziale Absicherung Autoritarismus und Faschismus begünstigen, nicht neu. So wird der Sparpolitik des Reichskanzlers Brüning in der Weimarer Republik von 1930 bis 1932 eine wesentliche Mitschuld am Aufstieg der NSDAP gegeben. Was ist also neu an der These?

Fred Heussner: Das von der Ökonomin Isabella Weber ins Spiel gebrachte Framing »Antifaschistische Wirtschaftspolitik« verdichtet tatsächlich eher bestehende Diskurse, als dass es etwas fundamental Neues liefert. Gerade darin liegt jedoch die Kraft des Slogans. Der Begriff öffnet Räume für eine Beschäftigung mit den sozialen Verhältnissen, die die Faschisierung mit hervorbringen. Das beinhaltet verschiedene Aspekte: Die soziale Krise als Faktor, der Menschen anfällig für rechte Ideologien macht, ist ein Thema. Die Unterstützung, welche die extreme Rechte von Milliardären wie Elon Musk und Peter Thiel bekommt, ein anderes. Zudem ist der Fokus auf die Inflation, also steigende Preise, etwas tatsächlich Neues. Gerade Webers Theorie von der »Profit Inflation«, welche darauf verweist, dass Konzerne Preisschocks ausnutzen, um ihre Gewinnmargen zu erhöhen, ist ein wichtiger Beitrag zur Debatte, da sie ein Schlaglicht auf grundsätzliche Probleme kapitalistisch organisierter Gesellschaften wirft. Die daran anschließende Forschung hat gezeigt, dass gerade fossile Konzerne und ihre Eigentümer massiv von den Teuerungen der vergangenen Jahre profitiert haben.

antifa: Der Krieg gegen den Iran lässt die Energiepreise steigen. Wie schon beim Beginn des Krieges in der Ukraine 2022 hat das wiederum vielfältige Auswirkungen, unter anderem auf die Preise von Nahrungsmitteln. Die Bundesregierung hat auch dieses Mal mit Eingriffen in die Wirtschaft reagiert und in diesen Tagen den »Tankrabatt« beschlossen. In Italien geht die Diskussion in Richtung Wegfall des Hitzeschutzes in öffentlichen Gebäuden, um Energie zu sparen. Welche Maßnahmen sollten aus antifaschistischer Perspektive ergriffen werden?

Fred Heussner ist Politikwissenschaftler und Politökonomischer Bildner. Er analysiert, wie Wirtschaft und Technologie mit der autoritären Formierung von Staat und Gesellschaft zusammenhängen. Mehr: fred-heussner.de

Fred Heussner ist Politikwissenschaftler und Politökonomischer Bildner. Er analysiert, wie Wirtschaft und Technologie mit der autoritären Formierung von Staat und Gesellschaft zusammenhängen. Mehr: fred-heussner.de

F. H.: Wir sind mit dem Risiko dramatischer Preissteigerungen konfrontiert und müssen davon ausgehen, dass sich die soziale Lage weltweit verschlechtern wird. Wenn wir die gerade angesprochene Theorie von der Profit Inflation ernst nehmen, sind kurzfristige Instrumente wie Übergewinnsteuern und Preiskontrollen zentral. Zudem braucht es dringend Unterstützung für Menschen, die durch die Teuerungen in ihrem Zugang zu Basisgütern wie Energie und Nahrungsmitteln eingeschränkt werden. Gerade dort, wo Güter tatsächlich nicht nur teuer, sondern knapp werden, müssen wir uns dafür einsetzen, dass sie demokratisch und solidarisch verteilt werden. Auch das ist nicht neu, wenn wir uns an die drohende Gasrationierung im Winter 2022/2023 erinnern – Heizungen runter drehen oder die industrielle Produktion drosseln?

Im Kontext zugespitzter Knappheit wird sichtbar, wie brutal die Verteilung lebenswichtiger Güter über den Markt ist. Wir müssen uns dieser Brutalität der Verteilung über den Markt widersetzen und Visionen jenseits von Markt und Privateigentum in die Gesellschaft tragen. Da geht es um Demokratisierung von Wirtschaft, um bewusste Planung und um Vergesellschaftung.

antifa: Parallel planen Bund und Länder Kürzungen von Unterstützungsleistungen für Kinder, Alleinerziehende, Menschen mit Behinderung usw. Der Paritätische warnt davor, diese Alltagshilfen zu streichen, da das nicht nur das Leben vieler verschlechtert, sondern auch direkte Auswirkungen auf den Schutz vor Diskriminierung hat. Mal andersherum gefragt: Was muss passieren, damit diese Kürzungen und die Inflation nicht der AfD nutzen?

F. H.: Die von der Union forcierte Kürzungspolitik im Bereich der Unterstützungsleistungen zielt auf eine Krisenlösung im Sinne des Kapitals und nimmt dafür soziale Ausgrenzung billigend in Kauf. Die AfD teilt diese Stoßrichtung der Krisenpolitik. Sie ist keine Opposition zu den unsolidarischen Verhältnissen, sondern ihre radikalste Verfechterin. In dieser Einigkeit liegt auch die Grundlage des sich anbahnenden Bündnisses von Union und AfD. Eine antifaschistische Wirtschaftspolitik muss diese Gemeinsamkeiten der Parteien herausarbeiten und der Politik sozialer Ausgrenzung eine Politik auf der Basis von Gleichheit und Solidarität, Inklusion und Zärtlichkeit entgegenstellen. Dafür braucht es programmatische Forderungen, aber auch die organisierende Arbeit auf der Straße, in der Nachbarschaft und im Betrieb. Antifaschistische Wirtschaftspolitik, nimmt dabei die Ökonomie konkreter in die Debatte zur Abwehr weiterer Faschisierung, ist aber sicherlich nicht alles. Das Spektrum der Gründe, wieso Menschen sich rechten Ideologien zuwenden, ist bekanntlich breiter, aber das spricht nicht dagegen, auch antifaschistische Sozialpolitik zu machen.

Das Gespräch führte Nils Becker.