Die Zora ist Knotenpunkt

5. Mai 2026

Ein soziokulturelles Zentrum im Harz stemmt sich gegen Nazis

antifa: Sie haben in der Vergangenheit über zunehmende rechte Aktivitäten in Halberstadt berichtet. Wie genau wirkt sich diese Bedrohung auf die ZORA aus?

Robert Fietzke: Die Zora war schon immer so etwas wie ein Blitzableiter für die extreme Rechte. Neonazigewalt gibt es ja seit Jahrzehnten, und das Zentrum hat schon schlimme Zeiten durchgemacht. Es war nie wirklich ruhig, aber man kann feststellen, dass sich durch den Zuzug von westdeutschen Akteuren wie Alexander Deptolla die zuvor sehr versprengte Neonaziszene vor Ort reorganisiert und auch professionalisiert hat.

Deptolla hat offensichtlich einen Führungsanspruch für ganz Sachsen-Anhalt. Das hat man bei einem rechten Aufmarsch einen Tag nach dem Anschlag in Magdeburg am 21. Dezember 2024 gesehen, als etwa 1.500 Neonazis auf die Straße gegangen sind, mit einer Mobilisierungszeit von unter 24 Stunden. Er schafft es, die versprengten Restbestände der extrem rechten Szene zusammenzubringen. Er hat sich sofort mit lokalen Akteuren vernetzt, zum Beispiel mit der verschwörungsideologischen Montagsdemo, die in Halberstadt immer noch jeden Montag stattfindet – als einer der letzten Protestkerne aus der Coronaleugner-Zeit.

Seitdem er da ist, hat die Bedrohungslage massiv zugenommen. Es gibt fast jede Woche Vorfälle. Zum Glück sind es im Moment »nur« Propagandadelikte – Schmierereien, Hakenkreuze, AfD-Tags –, aber es häuft sich. Fast jede Woche müssen wir etwas entfernen, was natürlich Zeit und Geld kostet. Außerdem konnten zwei Neonazis letztens die Zora betreten, haben Leute an der Bar bedroht und sind erst gegangen, als mit der Polizei gedroht wurde.

Man kann Deptolla persönlich nichts direkt nachweisen – das ist ja immer das Problem. Er macht sich nicht selbst die Hände schmutzig, sondern setzt darauf, dass seine Nachwuchsleute – zum Teil 13, 14, 15 Jahre alt – Aktionen durchführen. Was stark zugenommen hat, sind Bedrohungen, sowohl online als auch analog. Im Zuge von Hetzpropaganda über seine Kanäle passiert dann oft etwas. Leute äußern öffentlich, teils mit Klarnamen, dass sie die Zora abfackeln wollen. Gleichzeitig berichten uns Jugendliche aus Schulen, dass auf Pausenhöfen offen darüber gesprochen wird, die Zora anzuzünden – unter 13- oder 14-Jährigen. Teilweise wird das sogar im Unterricht geäußert. Das ist wirklich krass. So lässt sich die Lage beschreiben: Sie hat sich durch den Zuzug deutlich verschärft. Die Zora wird kontinuierlich markiert und bedroht.

antifa: Sie erwähnten, dass besonders Jugendliche verstärkt angesprochen werden. Welche Strategien der rechten Szene beobachten Sie, und wie reagiert die ZORA darauf, um junge Menschen zu schützen oder aufzuklären?

R.F.: Viel läuft über das Thema Boxen. Es gibt hier einen Boxclub, der von einem extrem rechten oder zumindest rechtsoffenen Trainer geleitet wird. Darauf stehen viele bereits rechtsradikalisierte Jugendliche. Die treffen sich dort mit Neonazikadern und trainieren gemeinsam. Die Themen Männlichkeitskult, körperliche Ertüchtigung und Kameradschaft spielen eine große Rolle. Darüber hinaus bieten Gruppierungen aus diesem Umfeld – etwa die JN oder Strukturen wie »Harz verteidigen« – beispielsweise Harzwanderungen an. Das sieht man auch in aktuellen Medienberichten, etwa in der aktuellen Spiegel-TV-Reportage »Naziland«, in der Bootcamps in Sankt Andreasberg gezeigt werden. Das zieht vor allem bei jungen Männern. Gleichzeitig muss man sagen: Die Rekrutierung hat auch Grenzen. Wir erleben nicht massenhaft Radikalisierungserfolge. In den unteren Jahrgängen – siebte bis neunte Klasse – gibt es Probleme, das berichten uns auch viele Lehrkräfte. Da wirkt es manchmal wie eine tickende Zeitbombe. In höheren Jahrgängen relativiert sich das zum Glück oft wieder. Was wir dagegen tun, ist schwer in einer kurzen Antwort zusammenzufassen, weil es sich über die gesamte Breite unserer Arbeit erklärt. Konkret stellen wir Räume zur Verfügung für Freizeit, Begegnung, Partys – Dinge, die nicht per se politisch sind. Gleichzeitig machen wir natürlich politische Bildungsarbeit: Workshops, Lesungen, Projekte mit Schulklassen, auch direkt an Schulen. Wir arbeiten eng mit anderen Jugendclubs, Schulsozialarbeit und pädagogischen Fachkräften zusammen. Oft entwickeln wir gezielte Angebote, wenn uns Lehrkräfte von konkreten Problemen berichten. Ich habe zum Beispiel ein Planspiel zur Seenotrettung mit einer Schulklasse gemacht und war dort auch direkt mit extrem rechten Jugendlichen konfrontiert – das war schon intensiv. Wir merken aber: Die Vielfalt unserer Angebote und der praktische Nutzen – Werkstätten, Räume, konkrete Möglichkeiten – überzeugen viele Jugendliche stärker als diese ideologischen (und auch wirklich langweiligen) Angebote der rechten Szene.

antifa: Können Sie uns das soziokulturelle Zentrum Zora kurz vorstellen? Welche Angebote und Aktivitäten gibt es, die gerade in Zeiten eines gesellschaftlichen Rechtsrucks wichtig sind?

Robert Fietzke ist Jugendbildungsreferent und gehört zur Leitung des »Soziokulturellen Zentrums Zora e. V.« im sachsen-anhaltischen Halberstadt. Infos: zora.de

Robert Fietzke ist Jugendbildungsreferent und gehört zur Leitung des »Soziokulturellen Zentrums Zora e. V.« im sachsen-anhaltischen Halberstadt. Infos: zora.de

R.F.: Die Zora befindet sich in einem großen historischen Gebäude – einem ehemaligen Wirtschaftsgebäude eines Klosters, mit mittelalterlichen Mauern und Fachwerk. Wir haben rund 800 Quadratmeter Innenfläche mit über 20 Räumen und einen großen, grünen Außenbereich. Dazu gehören unter anderem eine Fahrradwerkstatt, eine Siebdruckwerkstatt, eine Holzwerkstatt, Seminarräume, Schlafräume, ein Konzertgewölbe, eine Bar, ein Proberaum, Bastelräume, Büroräume, eine Feuerstelle und eine große Außenbühne für den Sommer. Wir haben regelmäßige wöchentliche Angebote: Sprachcafés und Deutschkurse für Geflüchtete, Beratungsangebote, einen offenen Jugendtreff, Selbsthilfegruppen wie eine ADHS-Gruppe, offene Werkstattformate. Im Kulturbereich organisieren wir Konzerte – meist zwei im Monat, vor allem Punk, Hardcore, Metal, Ska, aber auch Technoevents, Liedermacher-Abende, Karaoke oder Disko. Dazu kommt ein umfangreicher Bildungsbereich mit Lesungen, Podiumsdiskussionen und Veranstaltungen zu politischen Themen. Wir planen aktuell unter anderem Veranstaltungen mit Arne Semsrott, Matthias Quent und Veronika Kracher.

Das Zentrum ist ein Knotenpunkt: Viele Akteure treffen sich hier, es ist ein Ort der Vernetzung und Begegnung. Gerade in Zeiten des Rechtsrucks ist dieser breite Ansatz entscheidend. Es geht nicht nur um klassische politische Arbeit, sondern darum, Menschen in ihrer Lebenswelt abzuholen, Gemeinschaft zu schaffen, Vertrauen aufzubauen und im Gespräch zu bleiben. Viele kommen nicht als »Linke« zu uns, machen hier aber die Erfahrung, dass sie ernst genommen werden. Uns wird oft gespiegelt: »Die Linken sind ja gar nicht so, wie man denkt.« Und sie merken, dass unsere Angebote attraktiver sind als die der rechten Szene. Ein wichtiges Format ist auch der »Antifaschistische Tresen«, der einmal im Monat stattfindet. Das hat die Vernetzung, den Wissenstransfer und die politische Bildung deutlich gestärkt.

antifa: Wie gestaltet sich die Unterstützung durch die Stadt Halberstadt und den Landkreis? Welche Herausforderungen ergeben sich für Sie durch Kürzungen, Förderpolitik und die generelle Unterstützung alternativer Projekte in der Region?

R.F.: Wir sind ein anerkanntes Jugendzentrum und Träger der offenen Kinder- und Jugendarbeit – und das einzige Jugendzentrum in Halberstadt. Wir werden über die Jugendförderrichtlinie des Landkreises finanziert, aber nicht in ausreichendem Maß. Bisher müssen wir jedes Jahr neue Anträge stellen, und der Jugendhilfeausschuss entscheidet dann darüber – in dem auch AfD-Mitglieder sitzen. Das macht die Situation fragil.

Der Landkreis erkennt unsere Arbeit grundsätzlich an, aber strukturell bleibt die Unsicherheit. Von der Stadt Halberstadt erhalten wir kaum Unterstützung. Wir wünschen uns nicht nur wohlwollende Worte, sondern auch eine finanzielle Unterstützung mit Substanz. Andere Städte wie Quedlinburg oder Wernigerode machen das anders. Was bundesweite Kürzungen angeht – etwa Programme wie »Demokratie leben« – sind wir aktuell nicht direkt betroffen, weil wir keine Bundesmittel erhalten. Aber perspektivisch besteht die Gefahr, dass sich die Lage verschlechtert, etwa bei politischen Veränderungen auf Landesebene. Derzeit befinden wir uns außerdem in einer finanziell schwierigen Übergangsphase. Wir sind stark darauf angewiesen, Finanzierungslücken durch Spenden, Veranstaltungen, Vermietungen und Eigenmittel zu schließen.

antifa: Auf welche Weise können Einzelpersonen oder Organisationen die Zora konkret unterstützen – sei es finanziell, ideell oder durch politische Solidarität?

R.F.: Das Wichtigste sind tatsächlich Spenden und Fördermitgliedschaften. Das klingt banal, ist aber entscheidend. Planbare Einnahmen helfen uns enorm. Allein die Betriebskosten für das historische Gebäude fressen uns manchmal auf. Wenn wir das über planbare Einnahmen decken können, ist das eine große Hilfe. Darüber hinaus freuen wir uns über konkrete Unterstützung: zum Beispiel bei der Vermittlung von Bands. Bei uns haben schon die Beatsteaks gespielt – solche Auftritte helfen uns enorm, auch wenn Bands bereit sind, zu reduzierten Gagen zu spielen. Auch praktische Unterstützung ist wichtig: Öffentlichkeitsarbeit, Webdesign, IT, Security – all das sind Bereiche, in denen kleine Vereine wie wir Unterstützung gut gebrauchen können.