Wiederkehrende Geister
5. Mai 2026
Aus Reden von Lena Sarah Carlebach, Hape Kerkeling und Sabine Stein bei den Buchenwald-Gedenkfeiern 2026
Lena Sarah Carlebach, Präsidentin des Internationalen Komitees Buchenwald-Dora und Kommandos, zur Bedeutung von Erinnerung und Widerstand heute:
Es ist mir eine besondere Ehre, Sie anlässlich des 81. Jahrestages der Befreiung und Selbstbefreiung des KZ Buchenwald (…) ansprechen zu dürfen. (…) Dieser Augenblick ist auch deshalb so bewegend für mich, weil meine Familiengeschichte (…) mit der Verfolgung (…) und mit der Vernichtung von jüdischen Menschen verbunden ist. Vor (…) 81 Jahren (…) erlebte mein Großvater Emil Carlebach (…) die (…) Befreiung in Buchenwald. (…) Hier (…) musste er (…) im Schlamm unter den Bodenbrettern vom Block 56 mehrere Tage und Nächte versteckt bleiben, um (…) der Hinrichtung durch die SS zu entkommen. (…) Nur weil er sich auf die Solidarität seiner Kameraden verlassen konnte, (…) kann ich (…) als seine Enkelin heute hier stehen.

Lena Sarah Carlebach. Foto: Gedenkstätte Buchenwald/Peter Hansen
Wir stehen hier an einem Ort, der einen Tiefpunkt der Menschheit symbolisiert. Hier wurden Menschen zu Nummern, sie wurden misshandelt, sie wurden gequält und ausgelöscht (…). Wir aber dürfen nicht schweigen. (…) Selbst hier waren Menschen solidarisch, haben sich zusammengetan und Widerstand geleistet. (…) Erinnern heißt nicht, nur zu sprechen und zu mahnen (…). Erinnern heißt auch, sich dieser Vergangenheit durch Handeln würdig zu erweisen. (…) Wir sehen (…) Antisemitismus (…) Rassismus (…) menschenverachtende Sichtweisen (…). Die Geschichte hat uns gelehrt: Katastrophen beginnen nicht mit Schreien, sie beginnen mit Verschiebungen (…) mit Worten (…) mit Schweigen, das man rechtfertigt. (…) Was heißt (…) »Widerstand« heute? (…) Vielleicht heißt es: sich der Vereinfachung zu verweigern (…) die Würde jedes Menschen zu verteidigen (…) sich äußern (…) auch wenn es unbequem ist. (…) Es liegt an uns, ob diese Vorstellung Erinnerung bleibt, oder Verpflichtung wird. (…)
Hape Kerkeling, Enkel des Buchenwald-Überlebenden Hermann Kerkeling, über Erinnerung und Verantwortung:
Wenn ich heute durch das Tor von Buchenwald gehe (…) als Enkel eines Überlebenden. (…) Mein Großvater (…) wurde (…) zur Nummer 6117. (…) In den Augen des faschistischen Apparats (…) ein »Hochverräter«. (…) Für mich steht (…) sein »Hochverrat« (…) als das höchste Zeugnis von Treue zur Menschlichkeit. (…)

Hape Kerkeling. Foto: Gedenkstätte Buchenwald/Peter Hansen
Er hat (…) Flugblätter gegen Hitler verteilt (…) er hat (…) lediglich die Wahrheit geschrieben, gedruckt und verteilt. Das kostete ihn zwölf Jahre seines Lebens. Zwölf Jahre! Denken Sie kurz darüber nach (…). Hermann saß in Haft (…). (…) In der Effektenkammer (…) musste er den Raub an seinen Mitmenschen verwalten. Uhr, Ehering, Brille (…) alles wurde registriert, als handele es sich um bloße Lagerware. (…) Die Barbarei beginnt nicht mit dem ersten Schuss (…) sondern dort, wo Menschen nur noch Nummern (…) sind. (…) Als mein Großvater (…) befreit wurde, war er (…) ein gebrochener Mann (…). (…) Das Schwerste (…) war sein bleiernes Schweigen, dieses dröhnende Schweigen (…). (…) Wir (…) tragen keine Schuld (…) aber (…) Verantwortung (…) im Hier und Jetzt. (…) Die bösen Geister (…) werden (…) in verunglimpfender Sprache, bösartiger Hetze (…) und in der alltäglichen Gleichgültigkeit wieder geweckt. (…) »Die Würde des Menschen ist unantastbar.« (…) Artikel 1 des Grundgesetzes ist die direkte (…) Antwort auf Buchenwald. (…) Demokratie ist kein Geschenk (…) sie ist ein Versprechen (…). (…) Wir (…) müssen die Wächter der Erinnerung sein (…). Denn das »Nie wieder« darf kein Lippenbekenntnis bleiben. (…)
Sabine Stein, Historikerin, über die Solidaritätsaktion vom 18. Oktober 1941 als Ausgangspunkt internationalen Widerstands:
Am 18. Oktober 1941 (…) traf (…) ein Zug (…) mit 2.000 sowjetischen Kriegsgefangenen ein. Die SS (…) nahm sie mit Schlägen in Empfang und trieb (…) die bereits stark geschwächten Männer auf die Straße zum Ettersberg. Aleksej Jewgenewitsch Lysenko erinnerte sich: »Uns quälte furchtbarer Hunger (…) wir waren wie das Vieh (…). Es wurde schon dämmrig (…) als man uns (…) durch das Tor ließ.« (…) 1.991 Rotarmisten trafen lebend ein – neun von ihnen lagen, unterwegs erschossen, am Straßenrand.

Sabine Stein. Foto: Maria Zarada 2026 zradapictures.com
»Was wir (…) zu sehen bekamen (…) überstieg (…) unsere Erwartungen« (…) »Durch das Tor wälzte sich ein (…) Haufen Menschen im erbarmungswürdigen Zustand.« (…) »Es war schon fast dunkel, da erschienen (…) Leute (…) mit Suppe. (…) Richtig heiß (…) gesalzen (…). Hundert Tage hatte ich so etwas nicht gesehen.« (…) Als die Kriegsgefangenen (…) durch die Lagerstraße (…) liefen, geschah (…) »etwas, was mit Worten schwer zu beschreiben ist«: Häftlinge sammelten »Brot (…) den letzten Zigarettenstummel (…) die karge Marmeladenration, eine Scheibe Wurst«. (…) »Ungeachtet des SS-Verbotes (…) strömten die Häftlinge (…). Keiner schloß sich aus (…) jeder versuchte (…) zu geben.« (…) Zum erstenmal (…) eine offene Massenaktion gegen einen SS-Befehl (…). Die SS reagierte (…) drastisch (…). Doch (…) die Hilfe (…) ging weiter. (…) Diese (…) bildete das feste Fundament des Widerstands. (…)



























