Erzählgemeinschaften

8. März 2026

Interview mit Felix Schilk zu Grenzen des demokratischen Konservatismus

antifa: Für die Bundesarbeitsgemeinschaft Kirche und Rechtsextremismus hast du kürzlich ein Referat zu den »Grenzen des demokratischen Konservatismus« gehalten. Worum ging es dabei?

Felix Schilk: Im Vortrag ging es um eine bestimmte Strömung des Konservatismus, die christlich und humanistisch geprägt ist. Mir ist aber wichtig hervorzuheben, dass es nicht den einen Konservatismus gibt. Historisch betrachtet handelt es sich beim Konservatismus um eine politische Ideologie, die sich deutlich flexibler und opportunistischer an die jeweiligen Epochen anpasst als etwa liberale oder sozialistische Ideologien.

Den Kern des konservativen Denkens bilden nicht moralische Leitlinien, sondern Hegemonie- und Machtansprüche, für deren Durchsetzung fortwährend neue Methoden und Strategien entwickelt werden. Die ideologische Offenheit des Konservatismus gegenüber Themen und Strategien kann in Phasen, in denen die Gesellschaft insgesamt autoritärer wird, sehr gefährlich sein. In den meisten Ländern ist der demokratische Konservatismus eine historische Ausnahmeerscheinung, die nur durch den mäßigenden Einfluss des christlichen Menschenbildes entstehen konnte. In dem Beitrag für die evangelische Kirche ging es daher um die Deutungskämpfe darum, was heute konservativ ist. Die wichtige Frage ist ja, wie dieser grundsätzlich offene Konservatismus mit demokratischen Werten gefüllt werden kann, statt ihn der Rechten zu überlassen.

antifa: Wie weit ist das Denken der »Neuen Rechten« im Konservatismus vorgedrungen?

Felix Schilk: Die Erzählgemeinschaft der Neuen Rechten. Zur politischen Soziologie konservativer Krisennarrative. Transcript, Bielefeld 2024, 438 Seiten, 46 Euro, kostenlos im Download

Felix Schilk: Die Erzählgemeinschaft der Neuen Rechten. Zur politischen Soziologie konservativer Krisennarrative. Transcript, Bielefeld 2024, 438 Seiten, 46 Euro, kostenlos im Download

F. S.: Das hängt davon ab, was man als Kern der Neuen Rechten versteht. In meiner Forschung habe ich neurechte Publikationen untersucht und festgestellt, dass dort immer wieder drei zentrale Krisenerzählungen wiederholt werden – Krisenerzählungen, die auch im Konservatismus eine wichtige Rolle spielen.

Es gibt das Entzweiungsnarrativ, also die Vorstellung, dass eine einst integrale Welt in der Moderne auseinanderbricht. Es gibt das Dekadenznarrativ, dem zufolge Ordnung und Struktur permanent verfallen und durch starke Männer verteidigt werden müssen. Und es gibt das apokalyptische Narrativ, das davon ausgeht, dass die gesellschaftliche Ordnung sehr bald zusammenbricht.

Diese Narrative funktionieren heute noch genauso wie vor 100 oder 200 Jahren. Geschichte ist in diesem Denken ein einziger Verfallsprozess, der sich zyklisch wiederholt. Im Grunde sind diese Narrative die politische Übersetzung religiöser Erzählungen. Auch sie laufen darauf hinaus, eine höhere Macht anzuerkennen und sich ihr zu unterwerfen. Nur geht es dabei nicht um Gott, sondern um König, Führer, Volk, Geschichte, Staat oder Nation.

Die »Neue Rechte« will diese Krisenerzählungen im kulturellen Repertoire der Gesellschaft und in den habituellen Denkstrukturen von Menschen verankern. Das ist die sogenannte Metapolitik. Es geht dabei um Hegemoniegewinne durch Diskursverschiebungen und die Normalisierung von Begriffen und Geschichtsbildern. Und diese Narrative sind gar nicht so leicht abzugrenzen. Wir kennen zum Beispiel alle die Rede vom vermeintlichen Bildungsverfall oder Sozialleistungsbetrug, die auch in sozialdemokratischen Milieus auf große Zustimmung stößt. Im Kern sind das klassische Dekadenz-erzählungen, die autoritäre Politiken legitimieren.

antifa: In diesem Jahr stehen wieder einige Wahlen an. Die Integration rechter Narrative in politisches Handeln ist so weit fortgeschritten, dass eine Abgrenzung von CDU/CSU zur AfD aus der Zeit gefallen erscheint. Was können wir da erwarten?

F. S.: Die CDU ist ja keine rein konservative Partei, sondern eine Volkspartei, die sich aus verschiedenen Spektren zusammensetzt. Diese haben jeweils auch eine unterschiedliche Auffassung davon, was Konservatismus heißt. Die einen verbinden ihn eher mit habitueller Mäßigung und Tugenden, andere eher mit christlicher Nächstenliebe, andere eher mit dem Kampf gegen politische und weltanschauliche Gegner.

Auch wenn Letztere aktuell besonders laut schreien, ist nicht ausgemacht, in welche Richtung sich die Partei entwickeln wird, um Mehrheiten zu erzielen. Ich finde es deshalb wichtig, die demokratischen und gemäßigten Stimmen zu unterstützen und sie im Umgang mit der AfD zu schulen. Diskurspolitisch bedeutet das, Tabus und Sagbarkeitsgrenzen aufrechtzuerhalten und Verstöße öffentlich zu sanktionieren. Auch ein Verbot der AfD gehört dazu. Dadurch verschwinden zwar die rechtsextremen Einstellungen der Wähler*innen nicht, aber sie werden zumindest wieder delegitimiert und entnormalisiert.

Kurzfristig ist es wahrscheinlich am wirksamsten, die rechten Krisennarrative gegen die AfD zu wenden, ihre Doppelmoral herauszuarbeiten und innerparteiliche Konflikte zu verstärken. Die verbreitete Vetternwirtschaft in der AfD kann man dann diskurstaktisch auch mal als Dekadenz bezeichnen. Studien zeigen, dass Korruptionsvorwürfe für viele ihrer Wähler*innen schwerwiegender sind als der antidemokratische Charakter der Partei.

Felix Schilk ist Soziologe, Rechtsextremismusforscher und politischer Erwachsenenbildner. Foto: privat

Das Interview führte Nils Becker.