Deepfakes aus dem KZ

geschrieben von Niklas Tretow

8. März 2026

Die Gefahr von KI-Bildern für ein würdiges Erinnern an den Holocaust

Aktuell blicken Gedenkstättenbetreiber*innen und andere Akteur*innen im Bereich der Gedenk- und Erinnerungsarbeit mit Sorge auf die Auswirkungen von Künstlicher Intelligenz auf das Holocaustgedenken. In den sozialen Medien tauchen vermehrt KI-generierte Bilder und Videos aus Konzentrations- und Vernichtungslagern des deutschen Faschismus auf. Sie zeigen meist emotionale Szenen mit Häftlingen, Täter*innen und Befreier*innen. Viele der Bilder und Videos sind von Personen mit einer gewissen Medienkompetenz schnell als Fakes auszumachen: Sie wirken zu modern, glatt, zeigen unnatürliche Bewegungen oder Schrift, die keinen Sinn ergibt. Doch die Entwicklung generativer KI schreitet schnell voran, und so entstehen auch immer realistischere Fakes, die erst auf den zweiten Blick oder durch KI-Erkennungstools als solche zu erkennen sind.

Ein Großteil dieser Inhalte wird von »Content-Farmen« ins Netz gestellt. Ihr Ziel ist es, mit geringem Aufwand möglichst viele Beiträge zu posten, um Reichweite und Werbeeinnahmen zu generieren. Bilder und Videos aus Konzentrationslagern eignen sich dafür wegen ihrer emotionalen Wucht besonders. Die entsprechenden Accounts bedienen einen sensationsgierigen Lagervoyeurismus und verbreiten falsche Zeugnisse des Holocaust. Dabei machen sie Profit auf dem Rücken der Opfer. Neben dem profitorientierten »AI-Slop« (massenhaft produzierte KI-Inhalte minderer Qualität) gibt es jedoch auch politisch motivierte Fakes, die bewusst historische Fakten verwässern, die Grausamkeit der Lager herunterspielen und Täter-Opfer-Umkehr betreiben.

KI-generiertes Foto von Häftlingen nach der Ankunft in Auschwitz, gepostet von der Facebook-Seite "90 S History"

KI-generiertes Foto von Häftlingen nach der Ankunft in Auschwitz, gepostet von der Facebook-Seite „90 S History“

In einem offenen Brief warnen die Arbeitsgemeinschaft KZ-Gedenkstätten, Arolsen Archives, das Jüdische Museum Berlin und weitere Institutionen vor den Auswirkungen von KI-Fakes auf das Gedenken. Die Fakes unterminieren jahrzehntelange Forschung und fluten den digitalen Raum mit falschen Informationen und Dokumenten. Durch die immer realistischeren Bilder verschwimmen die Grenzen zwischen echten und falschen historischen Dokumenten.

Die Unterzeichner*innen des offenen Briefs fordern daher die Einführung von verpflichtender Markierung von KI-Inhalten, proaktive Moderation vonseiten der Plattform-Betreiber*innen, Löschung bei missbräuchlicher Nutzung und die Zusammenarbeit mit Gedenkstätten, Archiven und Expert*innen, um Fehlinformationen und Fakes zum Holocaust rechtzeitig zu erkennen. Ob diese Forderungen auf offene Ohren stoßen, bleibt abzuwarten. Die großen Tech-Konzerne sind notorisch nachlässig in der Moderation auf ihren Plattformen. Zum einen, weil Plattformmoderation und ein funktionierendes Meldesystem Geld und Ressourcen binden. Zum anderen, weil ein deregulierter (Plattform-)Kapitalismus einschließlich Hassrede und Falschinformation als legitime Meinungsäußerungen eine logische Konsequenz aus der Verschmelzung von Silicon Valley- und MAGA-Ideologie sind, die sich insbesondere seit Beginn der zweiten Amtszeit Trumps vollzieht.

Siehe auch Beitrag der Jüdischen Allgemeinen zur Tagung »Digitale Horizonte« des Zentralrats der Juden im Januar 2026: kurzlinks.de/digitalehorizonte und Seite 27

Offener Brief des Netzwerks »Digital History and Memory«: kurzlinks.de/offenerbrief-KI-Holocaust

Foto: KI-generiertes Foto von Häftlingen nach der Ankunft in Auschwitz, gepostet von der Facebook-Seite
»90 S History«.