Das Vermächtnis des Widerstands

geschrieben von Jutta Harnisch

7. Juli 2026

Hans Coppis persönliche Annäherung an seine durch die Faschisten ermordeten Eltern

Am 4. Juni fand die Buchvorstellung von Hans Coppis Buch »Annäherung an meine Eltern Hans und Hilde Coppi« in der Berliner Gedenkstätte Deutscher Widerstand statt. Eine zweite Vorstellung führte die Berliner VVN-BdA zum Buch ihres langjährigen Vorsitzenden und derzeitigen Ehrenvorsitzenden am 18. Juni durch. Deren Höhepunkt stellte die ergreifende Lesung aus Haftbriefen von Hans und Hilde Coppi dar, vorgetragen von der Schauspielerin Ruth Reinecke. Beide Veranstaltungen erfreuten sich gro-ßer Resonanz. Verleger Walter Frey hatte Anfang 2023 angefragt, ob Hans Coppi nicht eine Biografie über seinen Vater verfassen würde. Zu diesem Zeitpunkt war Hans schon so krank, dass es ihm unmöglich geworden war, diesem Wunsch nachzukommen.

Hans Coppis Weg zu seinen Eltern

Doch es fand sich ein Weg: Die Historikerin Dr. Geertje Andresen, mit Hans Coppi jr. aus gemeinsamer Arbeit in der Gedenkstätte seit 1992 bekannt, hatte sich über die Jahre mit ihm angefreundet und war mit dem Ordnen seines Vorlasses betraut worden. Darin entdeckte sie eine Reihe von Vorträgen und Artikeln, die Hans im Laufe seiner Beschäftigung mit der »Roten Kapelle« und seinen Eltern erarbeitet hatte. Über das Leben des Vaters war Hans durch die Erzählungen der Familie, von Freunden und Kampfgefährten sowie Fotos und Dokumente recht gut informiert. Über seine Mutter Hilde konnte Hans jedoch nur wenig herausfinden, da es nach dem frühen Tod ihrer Mutter 1944, wo der kleine Hans zunächst umsorgt worden war, keine weiteren bekannten Familienangehörigen gab.

Ein früherer, ins schwedische Exil geflüchteter jüdisch-kommunistischer Freund berichtete ihm in den 1960er-Jahren von Hilde. In den 1990er-Jahren fand sich bei Forschungen zum ehemaligen Frauengefängnis Barnimstraße, in dem Hilde Coppi inhaftiert war und ihren Sohn gebar, eine Karteikarte mit handschriftlichen Notizen über sie und ihren Charakter. Anfang der 2000er-Jahre informierte die Bundesversicherungsanstalt für Angestellte Hans, dass eine Personalakte seiner Mutter existierte.

Für dieses Buchprojekt hat Geertje Andresen diejenigen Vorträge und Artikel ausgewählt und bearbeitet, die Hans‘ Annäherung an und Auseinandersetzung mit seinen nie bewusst gekannten und erlebten Eltern am besten widerspiegeln. Die zu DDR-Zeiten für öffentliche Ehrungen entstandenen Beiträge hat sie nicht aufgenommen, weil sie »mehr über das Geschichtsbild der DDR als über Hans und Hilde Coppi« aussagten.

Hans Coppi jr.: Annäherung an meine Eltern Hans und Hilde Coppi. Herausgegeben von Geertje Andresen. Verlag Walter Frey, Berlin 2026, Band 12 der Reihe »Wedding-Bücher«, 172 Seiten, 17 Euro

Hans Coppi jr.: Annäherung an meine Eltern Hans und Hilde Coppi. Herausgegeben von Geertje Andresen. Verlag Walter Frey, Berlin 2026, Band 12 der Reihe »Wedding-Bücher«, 172 Seiten, 17 Euro

Das Buch enthält fünf Kapitel mit von Hans geschriebenen Aufsätzen: Je ein Kapitel mit den Lebensbildern über seinen Vater und seine Mutter, ein weiteres enthält einen in der Berliner Zeitung am 5. August 2003 veröffentlichten Artikel anlässlich des 60. Jahrestages der Hinrichtung seiner Mutter und 15 weiterer, überwiegend der »Roten Kapelle« zuzurechnenden Widerstandskämpfer. Das vierte beinhaltet eine Reflexion seines eigenen Lebens, überschrieben »Mein Leben im Tod meiner Eltern«, das ursprünglich nicht zur Veröffentlichung gedacht war, das letzte Kapitel enthält eine zusammenfassende Darstellung der Widerstandstätigkeit der »Roten Kapelle«, die Hans Coppi im Laufe der Jahre jeweils bei der Eröffnung der Wanderausstellung zur »Roten Kapelle« vorgetragen hat.

Haftbriefe als bewegendes Vermächtnis

Das Buch ist umso wertvoller, als Geertje Andresen einen Dokumententeil in das Buch aufgenommen hat: Neben Fotos sind es bisher weitgehend unveröffentlichte Briefe aus der Haft – Briefe, die Hans Coppi an seine Frau Hilde schrieb, und Briefe, die Hilde nach Hansʼ Hinrichtung am 22. Dezember 1942 an ihre Mutter und an ihre Schwiegereltern schrieb.

Die Briefe zeugen von der tiefen Liebe, die Hans und Hilde miteinander verband, der Freude auf das Kind und Überlegungen und Entscheidungen für die Zukunft ihres Kindes nach ihrem Tod. Beide waren sich über die Konsequenzen ihrer Widerstandstätigkeit im Klaren und insofern mit sich im Reinen. Sie geben einen sehr persönlichen Einblick in die Gedanken- und Gefühlswelt des jungen Paares während der Haft – von den Nazis getrennt und kurz nacheinander ihres Glückes, ihrer Jugend, ihres Lebens beraubt.

Ergänzt wird das Buch durch ein Vorwort des langjährigen Leiters der Gedenkstätte Deutscher Widerstand, Prof. Johannes Tuchel, in dem er das wissenschaftliche Wirken Hans Coppis zur Erforschung des Widerstandsnetzwerkes der »Roten Kapelle« und des Lebens und Wirkens ihrer Mitglieder würdigt, vor allem aber, dass es Hans »aus der doppelten Perspektive des Sohnes und des Wissenschaftlers« heraus gelungen ist, »die Eltern Hans und Hilde Coppi als Menschen sichtbar« zu machen.

Hans war es bereits in seiner wissenschaftlichen Beschäftigung mit der »Roten Kapelle« gelungen, die jahrzehntelang vorherrschenden – in Ost und West nahezu spiegelbildlichen – Mythen und Legenden über die unter diesem Namen zusammengefassten Widerstandsgruppen zu dekonstruieren. Diese Zusammenstellung seiner Artikel und Vorträge gibt erstmals Zeugnis über das kurze, sinnerfüllte Leben seiner Eltern und Hansʼ lebenslange Annäherung an sie.