Infrastruktur der Solidarität

geschrieben von Peps Gutsche

7. Juli 2026

Liebeserklärung an die Zivilgesellschaft und eine Gebrauchsanweisung

Der Aktivist, Journalist und Autor Arne Semsrott ist vielen durch das Projekt »Frag den Staat«, seinen Einsatz für ein demokratisches und transparentes Gemeinwesen und den »Freiheitsfonds«, der Menschen freikauft, die aufgrund von Fahren ohne Ticket inhaftiert werden, bekannt. In seinem ersten Buch »Machtübernahme« hat er szenarienhaft dargestellt, was passieren könnte, wenn die AfD an die Regierung käme, und wie sich Verwaltung, Medien und Zivilgesellschaft dagegenstellen können. Mit »Gegenmacht« wirft er einen Blick zurück nach vorn und zeigt, dass sich zivilgesellschaftliche Kämpfe nicht in Protest erschöpfen, sondern Solidarität zwischen den unterschiedlichsten Menschen ermöglichen und fördern.

Neun Millionen Ehrenamtliche

»Gegenmacht« widmet sich in acht Kapiteln Themen wie Demokratie und Gerechtigkeit, Medien und Verwaltung, Klima und Migration und zeigt auf, wie zivilgesellschaftliche Initiativen genauso wie engagierte Einzelpersonen einen Unterschied machen können. Dabei werden die neun Millionen Ehrenamtlichen, die seit 2015 Geflüchtete und Asylsuchende unterstützen, ebenso in den Mittelpunkt gerückt wie Nachbarschaftsgärten, die Kampagne »sanktionsfrei«, das Netzwerk Polylux oder der Verein Finanzwende, der sich gegen Finanzkriminalität und Steuerhinterziehung stellt.

Arne Semsrott: Gegenmacht – Die Zivilgesellschaft schlägt zurück. Eine Anleitung für die demokratische Offensive. Droemer Verlag, München 2026, 208 Seiten, 22 Euro

Arne Semsrott: Gegenmacht – Die Zivilgesellschaft schlägt zurück. Eine Anleitung für die demokratische Offensive. Droemer Verlag, München 2026, 208 Seiten, 22 Euro

Erfrischend ist dabei, wie Arne Semsrott nicht in einer Problembeschreibung verharrt, sondern aufzeigt, was hilft, um das bestehende System anders zu denken. Parteien als »Infrastruktur für zivilgesellschaftliche Forderungen« zu sehen, ist dabei ebenso augenöffnend wie die ständige Wiederholung, dass die Reichen schuld sind, witzig ist. Wie schon in »Machtübernahme« endet jedes Kapitel mit konkreten Tipps, wo es sich im jeweiligen Themenfeld lohnt, weiterzumachen, sei es durch die Veränderung des eigenen Kommunikationsverhaltens, das Spenden an Organisationen und Vereine oder den Aufbau von Bürgerräten und die Durchsetzung von Volksentscheiden.

Mut für gesellschaftliche Veränderungen

Damit richtet sich das Buch sowohl an jene, die sich gern engagieren möchten, aber nicht wissen, wo sie anfangen sollen, als auch an gestandene Aktivist_innen. Diesen macht das Buch Mut, dass viele gesellschaftliche Veränderungen in den letzten Jahrzehnten nur dank des Engagements von sozialen Bewegungen erreicht worden sind – auch wenn der »Erfolg« nicht immer zeitnah eintritt. Von der Anti-AKW-Bewegung bis zu »Deutsche Wohnen enteignen« ist sichtbar: Utopien und Organisierung helfen dabei, Druck auf die Politik aufzubauen. Eigene Visionen einer solidarischen Gesellschaft für alle gehören neben dem Kampf für eine gerechte Welt ebenso dazu wie das gemeinsame Feiern und zärtliche Netzwerke. Und für alle, die manchmal anhand der Krisen der Welt an ihrem eigenen Engagement zweifeln: Es lohnt sich allein deshalb, weil es die Welt nicht schlechter macht – und das allein ist aktuell schon besser als vieles andere.

Lese- und Verschenktipp für alle, die einen kleinen Motivationsbooster brauchen oder Anregungen zum Loslegen.