Klimakrise, Kollaps, Antifa

7. Juli 2026

Tadzio Müller über Resilienz, Faschisierung und die Zukunft sozialer Bewegungen

antifa: Was genau meinst du mit »Klimantifa« – und was unterscheidet den Begriff von klassischer Klimapolitik oder Antifapraxis?

Tadzio Müller: Der ursprüngliche, primäre Zweck der Klimabewegung, wie wir sie geschaffen haben, war, zur Verhinderung der Klimakatastrophe beziehungsweise des Klimakollapses beizutragen. Ich würde sagen, es gab da ein übergeordnetes strategisches Ziel der Bewegung. In den letzten 15 Jahren ist die Klimabewegung in Deutschland mit Abstand zur mobilisierungsstärksten Bewegung geworden – rein quantitativ und auch organisatorisch. Im selben Zeitraum ist die Faschismusgefahr immer größer geworden. Aus diesen beiden Elementen leite ich ab, dass die Klimagerechtigkeitsbewegung von jetzt an jede ihrer Aktivitäten auch unter das strategische Ziel stellen muss, einen Beitrag dazu zu leisten, dass der Faschismus nicht wieder an die Macht kommt.

Die Klimabewegung ist die mobilisierungsstärkste und mächtigste soziale Bewegung in Deutschland. Der Kampf gegen den Klimawandel ist weitgehend verloren, und der Kampf gegen den Faschismus beginnt gerade erst so richtig. Deswegen sage ich seit ein paar Jahren, dass die Klimabewegung künftig alles tun muss, damit ihre Aktionen nicht zur Faschisierung oder zum Faschismus beitragen, sondern diesen zurückdrängen.

Tadzio Müller ist Politikwissenschaftler und seit den 1990er-Jahren in der Klimabewegung und Globalisierungskritik aktiv. Bekannt wurde er u. a. als Mitinitiator von »Ende Gelände«. Foto: Andreas Schmidt

Tadzio Müller ist Politikwissenschaftler und seit den 1990er-Jahren in der Klimabewegung und Globalisierungskritik aktiv. Bekannt wurde er u. a. als Mitinitiator von »Ende Gelände«. Foto: Andreas Schmidt

Das heißt zum Beispiel: Die Klimabewegung muss sich fragen, ob das, was sie tut, möglicherweise zum Rechtsruck beiträgt. Trägt das, was wir tun, dazu bei, Leute weiter in Abwehrreflexe zu treiben, die sie nach rechts schieben? Wenn ich etwa sage, wir müssen die Benzinpreise erhöhen, dann weiß ich, dass das bei vielen Autofahrer:innen krasse Abwehrreflexe auslösen wird. Diese Reflexe können dann leicht von der AfD instrumentalisiert werden, wenn die zum Beispiel plötzlich fordert, »nur einen Euro für einen Liter Benzin!«

Die Frage lautet also: Trägt das, was wir tun, eventuell dazu bei, Menschen weiter in Abwehrreflexe zu drängen, wie wir sie ständig erleben, wenn es an die individuelle Mobilität geht? Angesichts der enorm wichtigen Rolle der Klimabewegung im deutschen Bewegungsfeld und angesichts der faschistischen Herausforderung will ich sagen: Die Klimabewegung muss eine fundamental, strategisch und dauerhaft antifaschistische Bewegung sein.

Gleichzeitig richtet sich mein Punkt auch an die klassische Antifa, sofern sie noch existiert. Jedenfalls müssen jene, die sich dazu zählen, verstehen, was der Zusammenhang zwischen Klima und Faschisierung ist, und sich auf Situationen einstellen, die wahrscheinlich oder sogar sicher passieren werden. Denn die Klimakatastrophe verändert die Bedingungen, unter denen Politik gemacht wird.

antifa: Du schreibst, dass die Klimabewegung eine Resilienzbewegung werden muss. Wie sähe das konkret aus?

T. M.: Ich betrachte den Kampf gegen die Klimakatastrophe als solche mittlerweile als verloren. Es wurde 20 Jahre versucht, die Klimakatastrophe aufzuhalten. Wir haben es nicht geschafft, das werfe ich niemandem vor, aber das ist erst mal der Spielstand. Jetzt beginnt ein neues Spiel: nicht mehr die Klimakatastrophe zu verhindern, sondern dafür zu sorgen, dass in der Klimakatastrophe nicht alles so schlimm wird, wie es werden könnte.

Um die Klimakatastrophe zu verhindern, muss ich Emissionen reduzieren, dafür haben wir aber keinen Hebel gefunden. Und auch wenn, zumindest kurzfristig ändern sinkende Emissionen nichts an einer Klimakatastrophe, die bereits stattfindet. Wenn ich sage, wir müssen resilient werden, dann kann ich in Nachbarschaften und Communities arbeiten und fragen: Wie können wir uns solidarisch auf Katastrophen vorbereiten?

Mein Katastrophenbegriff meint dabei nicht nur Hitzewellen oder Fluten, sondern auch Naziwellen. Ein Naziangriff auf einen CSD ist für mich genauso eine Katastrophe wie eine Hitzewelle, die in Berlin hunderttausende Menschen an den Rand ihrer Belastbarkeit bringt.

Sich solidarisch auf Katastrophen vorzubereiten – das ist der Kern der neuen Kollapsbewegung, die wir aufbauen müssen. Das meine ich mit Resilienz. Resilienz ist die Fähigkeit eines Systems, einem externen Schock zu widerstehen. Wir reden von solidarischer Resilienz, also solidarischer Katastrophenbewältigung.

antifa: Wie nutzen rechte Kräfte Naturkatastrophen und Krisen, um Menschen an sich zu binden oder staatliche Hilfe zu delegitimieren?

T. M.: Das Allererste, was wir verstehen müssen: Von Katastrophen wird es in Zukunft viel mehr geben. Eine Zukunft im Klimakollaps ist eine Zukunft permanenter Katastrophen – ökologischer wie gesellschaftlicher. Die Katastrophe wird deshalb ein immer wichtigerer politischer Raum. Naomi Klein hat darüber schon vor vielen Jahren geschrieben, mit dem Begriff des »Desaster-Kapitalismus«. Katastrophen sind Situationen, in denen Menschen plötzlich sehr viele unerfüllte Bedürfnisse haben. Die menschliche Reaktion darauf ist zunächst einmal Solidarität und gegenseitige Hilfe. Das Interessante dabei ist: Rechte Kräfte versuchen genau diesen Solidaritätsinstinkt zu unterbinden. Sie versuchen, die Effekte der Katastrophe zu verstärken. Sie wollen, dass Menschen leiden. Sie zerstören Katastrophenhilfe-Institutionen und erschweren gegenseitige Hilfe. Dadurch sollen Menschen die Welt so erleben, wie Rechte sie beschreiben: als Ort, an dem alle gegeneinander kämpfen. Vor allem aber sollen Menschen psychologisch so zermürbt werden, dass sie nach einem starken Führer verlangen.

Deswegen wollte Donald Trump beispielsweise, dass sein Gesicht auf Hilfsschecks erscheint. Nach dem Hurrikan Maria in Puerto Rico warf er Menschen öffentlich Papierrollen zu und inszenierte sich als Retter. Die Botschaft lautet: Nur der Führer kann euch helfen.

Rechte Kräfte wollen die eskalierenden Katastrophen nutzen, um ihre Gesellschaftsvorstellung durchzusetzen. Deshalb müssen wir als Linke und progressive Kräfte genau das Gegenteil tun. Wir müssen Menschen befähigen, sich gegenseitig solidarisch zu helfen. Dann erleben sie eine andere Welt, eine Welt, in der Hilfe von der Seite kommt und nicht von oben. In Katastrophen gilt zugespitzt: Wer hilft, gewinnt. Wenn nur der Führer hilft, gewinnt der Führer. Das müssen wir verhindern.

antifa: Welche Rolle spielt die AfD in Deutschland in so einer rechten Katastrophen- und Krisenpolitik?

T. M.: Bisher keine besonders interessante oder herausragende, weil Deutschland – abgesehen von der Flutkatastrophe im Ahrtal – noch nicht allzu viele große Klimakatastrophen erlebt hat. Im Ahrtal waren zwar nicht die AfD, aber verschiedene Neonazigruppen präsent. Sie wollten dort eine Art »Katastrophenhilfe von Deutschen für Deutsche« aufziehen. Ehrlich gesagt waren sie darin nicht besonders erfolgreich.

Was wir aber schon sehen: Wenn es darum geht, Städte auf Hitzewellen oder andere Folgen der Klimakrise vorzubereiten, sagt die AfD heute schon nein zu mehr Investitionen in Katastrophenschutz und Vorsorge. Sie arbeitet also bereits daran, dass gemeinschaftliche Institutionen schlechter funktionieren, wenn die Katastrophen kommen. Damit wird gleichzeitig die Erzählung vom Staatsversagen gestärkt. Die AfD befindet sich noch nicht mitten in den Katastrophen, aber sie bereitet politisch die Bedingungen dafür vor, dass im Katastrophenfall mehr Leid entsteht und kollektive Strukturen schlechter funktionieren.

antifa: Wo siehst du bereits Ansätze einer solidarischen Gegenstrategie – in Deutschland oder auch international?

T. M.: Die Gegenstrategie ist eigentlich sehr einfach. Eine Katastrophe ist eine Situation mit vielen unerfüllten menschlichen Grundbedürfnissen. Der Kern einer linken Antwort besteht darin, sich darauf vorzubereiten, genau diese Bedürfnisse zu erfüllen. Ein klassisches Beispiel ist New Orleans nach dem Hurrikan Katrina. Dort waren es Anarchist:innen, die die erste öffentliche Gesundheitsversorgung organisiert haben und zwar jene, die in Seattle die Blockaden bei der WTO organisiert haben. Ein näheres Beispiel, näher an Europa, kommt aus Schweden. Dort haben rechte Kräfte inzwischen sehr viel gesellschaftlichen Einfluss, beispielsweise weil die extrem rechten Schwedendemokraten bereits eine konservative Regierung toleriert haben. Ein Freund von mir lebt dort in einer Nachbarschaft, in der es immer wieder zu Schießereien und Gewalt kommt und die stark im Fokus der Rechten ist. Anarchist:innen haben in Stockholm begonnen, Menschen beizubringen, wie man Schuss- und Stichverletzungen versorgt. Das heißt: Sie geben einer Nachbarschaft die Fähigkeit, selbst mit Problemen umzugehen, statt sich rechten Erzählungen auszuliefern. Das nimmt Menschen Angst. Und wir wissen, wie gut Rechte mit Angst arbeiten. Genau dort setzt solidarische Resilienz und das solidarische Preppen an. Wenn wir uns gemeinsam auf Katastrophen vorbereiten, haben wir weniger Angst. Die Menschen, mit denen wir das tun, haben ebenfalls weniger Angst. Solche Gemeinschaften werden zu Bollwerken gegen faschistische Einflussnahme.

Das zeigen auch die Erfahrungen aus Schweden: Je stärker sich Nachbarschaften gemeinsam auf Probleme vorbereiten, desto weniger attraktiv werden rechte Diskurse von außen. Solidarische Vorbereitung schafft Handlungsfähigkeit – und Handlungsfähigkeit ist das Gegenteil von Ohnmacht. Ohnmacht ist aber genau das, wovon rechte Bewegungen leben.

antifa: Was heißt das alles ganz praktisch: Was sollten Antifaschist:innen und Klimabewegte jetzt anfangen zu tun?

T. M.: Ich erzähle erst mal von einem konkreten Projekt. Letztes Jahr hatten wir das Kollapscamp. Das war ein bisschen wie ein Klimacamp, aber ohne große Aktion. Dort ging es darum zu lernen, wie man sich auf Stromausfälle, Flutwellen, Hochwasser oder auch Naziangriffe vorbereitet. Dieses Jahr machen wir das intensiver. Wir organisieren eine Woche mit mehreren Trainingssträngen. Dort lernen Menschen: Wie versorge ich Leute im Notfall mit Essen? Wie kommuniziere ich im Notfall? Wie schütze ich mich und meine Gruppe? Wie behalte ich in Krisensituationen den Überblick? Wir machen medizinische Trainings und Traumasupport auf Basisebene. Erst lernen wir die Fähigkeiten, danach üben wir sie in Szenarien, in denen wir ausprobieren, was wir erlernt haben.

Ich glaube, wir müssen unsere Aktionsformen verändern. Sowohl der Antifaschismus als auch die Klimabewegung haben in den letzten Jahren stark auf Wochenendaktivismus gesetzt. Wir müssen wieder praktische Fähigkeiten entwickeln: Kommunikation, medizinische Hilfe, Organisation und vieles mehr. Und wir müssen uns so organisieren, dass wir in katastrophalen Situationen schnell bundesweit handlungsfähig sind.

Ich bin schwul, und die Angriffe von Nazis auf CSDs stressen mich enorm. Es ist für mich unerträglich, dass unser wichtigster Tag inzwischen immer wieder von Nazis angegriffen wird. Wenn wir heute versuchen, Schutz zu organisieren, fahren manchmal nur zwei oder drei Leute hin, die dafür gar nicht ausgebildet sind. Das reicht nicht. In allen größeren Städten müssten Strukturen existieren, die sagen können: Ja, wir sind übermorgen da und schützen einen CSD.

Wir sehen in den Niederlanden, in Großbritannien und in Irland rassistische Ausschreitungen, die immer schlimmer werden. Wenn es wieder Situationen wie in Rostock-Lichtenhagen gibt – und ich glaube, dass es sie geben wird –, dann müssen wir spätestens am zweiten Tag mit hunderten organisierten und handlungsfähigen Leuten vor Ort sein können. Diese Strukturen haben wir derzeit nicht. Ich weiß nicht, ob ich die perfekten Methoden kenne, um dahin zu kommen. Aber ich weiß, dass wir dahin kommen müssen.

Buchtipp

Tadzio Müller: Zwischen friedlicher Sabotage und Kollaps. Mandelbaum Verlag, Wien 2024, 316 Seiten, 20 Euro

Das Gespräch führte Andreas Siegmund-Schultze. Es ist hier in einer umfangreicheren Version zu finden als in der Printausgabe.