Kultur des Mitmachens
7. Juli 2026
Warum ist »widersetzen« so erfolgreich?
antifa: »widersetzen« hat in den letzten zwei Jahren mehr Menschen in Aktion gegen die AfD gebracht als jede andere Kampagne zuvor. Zum Bundesparteitag in Essen kamen 50.000, von denen sich 7.000 an Blockaden beteiligten. Es ging weiter mit Riesa und zuletzt Gießen. Die Zahlen stiegen. Jetzt steht der AfD-Bundesparteitag in Erfurt an und »widersetzen« mobilisiert wieder zu Blockaden in den Morgenstunden. Wieso klappt das?
Thomas Willms: Das Konzept ist ja gar nicht so kompliziert, aber es passt gut zum Zeitgeist. Das Einfache ist: Parteitage müssen sie regelmäßig machen, es ist ihre größte Zusammenkunft bundesweit, die Abläufe sind immer ähnlich, und deshalb sind die Gegen-aktionen auch erwartbar, gut planbar und können aufeinander aufbauen. Zudem sind solche Blockaden, wie sie von »widersetzen« gemacht werden, sehr konkret, für viele anschlussfähig, für die allermeisten konsequenzenlos und enorm symbolträchtig für den Kampf gegen die AfD. Obwohl das alles kein Selbstläufer ist, gibt es eine Art Garantie auf Kollektiverlebnis und Erfolg. Und das spricht sich rum. Mittlerweile kommen auch Leute aus den Nachbarländern, um mitzumachen.antifa: »widersetzen« verbraucht sehr viele Ressourcen, Planung, Werbung und zig Tausende, die mit hunderten Bussen zweimal im Jahr durch die halbe Republik gefahren werden. Was braucht man alles dafür?
T. W.: »widersetzen« ist ein Bündnis, oder vielmehr ein Netzwerk, und gleichzeitig ist jeder Parteitag ein eigenständiges Projekt. In dem Sinne passt das Konzept in unsere heutige Zeit, die sehr sprunghaft, projektbasiert Menschen nur für kurze Zeit in Aktion bringt, ohne auf nachhaltige Organisierung so viel Wert zu legen. Andererseits wird sehr darauf geachtet, dass alle gut miteinander umgehen. Das trifft auf Menschen, die genau das wollen: Nur kurz was reißen, das gefühlt den Unterschied macht. Viele, die wir da in sehr verantwortungsvollen Positionen haben, wussten vor einem halben Jahr noch nicht, dass es so was überhaupt gibt. Klar gibt es daneben auch immer Organisationskerne, die die Hauptlast der Strukturierung, Planung und Formalien übernehmen. Da gibt es seit den großen Umweltbewegungen der 70er und den Antikriegsprotesten einen großen Erfahrungsschatz, von dem wir profitieren. Und natürlich gibt es immer mehr große und kleine Organisationen, die mit mobilisieren, Busse organisieren und Geld geben.
Dass es in der Form funktioniert, liegt nicht zuletzt an der aktuellen Lage. Die AfD ist drauf und dran zu regieren, und das haben viele verstanden. »widersetzen« ist eine Art gemeinsamer Nenner. Darauf wurde sich verständigt, weil es keine überzogenen Erwartungen weckt, nicht den Rahmen des zivilen Ungehorsams verlässt und parallel zu vielen anderen, nachhaltigeren Formaten stattfinden kann. Es war nur eine Frage der Zeit, dass sich die Sorgen wegen der AfD und das Begehren nach einer gemeinsamen Aktionsform, auch in Massenmobilisierungen übersetzen lässt.
antifa: Wer dabei war und dann wieder in den Alltag zurückfällt, hat den Eindruck, dass es sich um ein Strohfeuer handelt. Nur wenige bleiben dabei. Fruchten die Bemühungen, diese Aufbruchstimmung gegen die AfD zu verstetigen?
T. W.: Bei den Demos nach dem Potsdamer »Remigrations«-Treffen mag es diese Abnutzungserscheinungen gegeben haben, aber das stelle ich bei »widersetzen« nicht fest. Richtig ist, dass es kein alltagstaugliches Modell ist. Aber von diesen großen Kollektiverlebnissen, für die meisten ist es das erste, lässt sich anders starten, wenn man im Kleinen was bewegen will. Die beteiligten Organisationen sehen auch, wer wahrscheinlich für anderes ansprechbar wäre. Wir dürfen auch nicht vernachlässigen, dass wir zwei Jahre nach der Correctiv-Recherche noch mal weiter sind. Viele spüren diese Bedrohung durch die AfD oder die Politik, die sie propagiert und die bei anderen verfängt, sehr individuell. Wie auch immer man zum Brandmauerdiskurs steht, bleibt doch bei vielen hängen, dass viele wichtige Säulen der liberalen Demokratie entweder einknicken, die Lage relativieren oder opportunistisch werden und mitmachen. »widersetzen« wirkt da stabilisierend – ganz konkret für jede*n Einzelne*n. Weil uns das bewusst ist, wurde vor dem Parteitag in Erfurt die Stadt wochenlang durchdrungen, um die Stimmungen einzufangen. An 60.000 Haustüren wurde geklopft und mit den Leuten über »widersetzen«, die AfD und die allgemeine Situation gesprochen. Bei der Stadtversammlung am 16. Juni kamen über eintausend Menschen.
antifa: Die VVN-BdA ist von Anfang an mit dabei. In welcher Rolle siehst du uns da?
T. W.: Nur Mitmachen reicht für uns nicht. Wir müssen schon in die Verantwortung. Deshalb stehe ich auch als Verantwortlicher auf jedem Flyer. Gleichzeitig sehe ich uns in der Rolle, auf die Bündnis- und Anschlussfähigkeit zu achten. Es gibt aktuell in den kulturellen wie auch politischen Milieus einen Trend hin zu starren Hierarchien und ideologischem Dogmatismus. Auch bei »widersetzen« gibt es Leute, die auf dieser Schiene fahren – doch das passt nicht zur Strategie des Selbermachens auf gleicher Augenhöhe. Dass es so bleibt, dafür müssen wir mit sorgen.
Thomas Willms ist Bundesgeschäftsführer der VVN-BdA.
Das Interview führte Nils Becker.





























