Kultur als Kampffeld

geschrieben von Lisa Mangold

4. September 2026

Vokabular und Schauplätze der Hegemoniepolitik der »Neuen Rechten«

Um den Debattenstand über kulturpolitische Strategien und Hegemoniepolitik der »Neuen Rechten« zu beleuchten, setzt der neue Sammelband auf ein Fundament aus Rechtsextremismus-Forschung sowie Literatur- und Sozialwissenschaft. Die Autor*innen stellen Erkenntnisse der unterschiedlichen Disziplinen vor und verbinden sie zu einer gewinnbringenden Deutung der Strategien der »Neuen Rechten«. Die Kapitel sind jeweils von ein bis zwei Autor*innen verfasst und von allen Mitwirkenden diskutiert worden. Das trägt zur guten Verständlichkeit der Ausführungen bei.

Akribische Auseinandersetzung nötig

Die Hegemoniepolitik der »Neuen Rechten« kennend, äußern sich die Autor*innen zu dem Dilemma, dass jede Publikation über die »Neue Rechte« Gefahr laufe, ihr genau die Aufmerksamkeit zu verschaffen, mit der sie spekuliere. Sie werben daher für eine akribische Auseinandersetzung: Es müsse genau betrachtet, decodiert, historisch und kultursemantisch eingeordnet werden. Leser*innen, die sich mit der Hegemoniepolitik der »Neuen Rechten« im Bereich der Literatur und Kultur beschäftigen, werden in dem Band keine neuen Akteure und Beispiele kennenlernen, diese jedoch durch ein genaues Sezieren durch die Autor*innen und eine gründliche Einordnung in historische und politische Kontexte vertiefend verstehen. Die Entscheidung, sich auf bekannte Akteure und Aktionen der »Neuen Rechten« zu beziehen, lässt sich vermutlich mit dem beschriebenen Dilemma erklären. Indem sie die bereits im Feld der Aufmerksamkeit befindlichen Beispiele nutzen und das Feld nicht erweitern, schaffen sie keine neue Aufmerksamkeit und können zugleich die Untersuchung und Einordnung leisten.

David Begrich, Mareike Gronich, Jeannie Moser und Hans-Joachim Schott: Literatur- und Kulturpolitik der ›Neuen Rechten‹ – Lektüren, Schauplätze, Vokabular. Transcript, Bielefeld 2026, 168 Seiten, 35 EuroPDF-Download und weitere Infos: www.transcript-open.de/isbn/11697

David Begrich, Mareike Gronich, Jeannie Moser und Hans-Joachim Schott: Literatur- und Kulturpolitik der ›Neuen Rechten‹ – Lektüren, Schauplätze, Vokabular. Transcript, Bielefeld 2026, 168 Seiten, 35 Euro
PDF-Download und weitere Infos: www.transcript-open.de/isbn/11697

In dem ersten der sechs Kapitel werden die Grundlagen der Hegemoniepolitik der »Neuen Rechten« erklärt. Gut verständlich und zugleich differenziert wird gezeigt, wie sich die »Neue Rechte« strategische Überlegungen von marxistischen Theoretikern, wie Gramsci, zu eigen macht, immer mit dem Ziel, ihre ideologischen Positionen gesellschaftlich zu normalisieren. Dass hierbei eine instrumentelle Lesart von unter anderem Althusser und Gramsci vorliegt, wird an dem Beispiel der Konstruktion von Zivilgesellschaft und Staat deutlich, die die »Neue Rechte« im Widerspruch zu den Theoretikern ausbaue. Zivilgesellschaft werde von den »Neuen Rechten« als durchdrungen von linken oder progressiven Akteuren verstanden, mit enger Verbindung zum Staat, der die Zivilgesellschaft orchestriere. In der Zivilgesellschaft sei keine Meinung jenseits linker und progressiver Haltungen erwünscht. Von dieser Vorstellung der »Neuen Rechten« ausgehend, begründen die Autor*innen zwei Formen von deren strategischem Handeln: »die Ideologieproduktion, die extrem rechte Akteursgruppen und Parteien adressiert, sowie Propaganda, mit der ein Misstrauen gegenüber zivilgesellschaftlichen Institutionen in der Gesellschaft geschürt werden soll« (S. 22).

Wie diese Propaganda funktioniert und der »Brückenschlag in die diskursive Mitte der Gesellschaft« (S. 27) gelingt, zeigen die Autor*innen anhand der »neurechten« Literaturpolitik, mit der Zielgruppe Eltern. Die Ideologieproduktion wird der Leser*in am Beispiel des »Staatspolitischen Handbuchs« vor Augen geführt. Die detailreiche Auseinandersetzung mit der »Chiffre 451« zeigt, welcher Erkenntnisgewinn im Decodieren liegen kann: Durch eine literaturhistorische und -wissenschaftliche Einordnung von Ray Bradburys »Fahrenheit 451« zeigen die Autor*innen, wodurch der Roman für rechtsintellektuelle Propaganda so attraktiv ist und wie die Chiffre 451 im Rahmen der Selbstverharmlosung der »Neuen Rechten« genutzt wird. Auf solche »neurechten« Lektürestrategien solle nicht mit Abwehr reagiert werden, sondern der Streit um die Begriffe, Themen und Texte geführt werden. Zum Beispiel: »Texte wie Fahrenheit 451 durch alternative Deutungen zu durchkreuzen und auf diese Weise dazu beizutragen, dass die Zahlenfolge 451 nicht (mehr) als Chiffre der Rechtsintellektuellen funktioniert.« (S. 95)

Gelungener Protest gegen »Neue Rechte«

Durch eine umfassende Auseinandersetzung mit dem Begriff »Reconquista« wird ein interessanter Einblick in das Netzwerk der »Neuen Rechten« in Spanien, Frankreich und im deutschsprachigen Raum vermittelt. Die abschließende Rekonstruktion der Aktivitäten der »Neuen Rechten« zwischen Propaganda und Ideologieproduktion auf der Leipziger und Frankfurter Buchmesse sowie auf szeneinternen Events ist ein passender Abschluss der Publikation. Hier wird mit dem WIR-Festival in Halle ein Beispiel für gelungenen Protest gegen Aktivitäten der »Neuen Rechten« vorgestellt. Weitere Aus-einandersetzungen mit antifaschistischem Protest fehlen in der Publikation; sie dient jedoch als Grundlage, um Proteststrategien zu entwickeln. Anhand der konkreten Beispiele lassen sich antifaschistische Ansatzpunkte entwickeln. Es ist zu wünschen, dass die Publikation neben Aktivist*innen auch von Kulturarbeiter*innen sowie Medienvertreter*innen des Feuilletons gelesen wird. Denn es ist an allen, die Resonanzräume für rechtsextreme Ideologie zu verschließen.

Mitautorin Mareike Gronich hat die hegemoniepolitische Literatur- und Kulturstrategie der extremen Rechten bereits in der Mai-/Juniausgabe der antifa ausführlicher dargestellt (»Rechte Wortmacht«, antifa 5-6/2026).