Ambivalenter Mut
4. September 2026
Jüdischer Alltagswiderstand zwischen 1933 und 1943
Es ist von einem Buch zu sprechen, das 2023 in den USA und 2026 beim Wallstein Verlag erschien, mit biografischen Geschichten jüdischer Menschen – einem Kaufmann, einer Hausfrau, einem Immobilienmakler und zwei Jugendlichen –, die sich in Deutschland und Österreich zwischen 1933 und 1943 resistent verhielten. In einer Verlagsbeschreibung zur englischen Ausgabe »Resisters« heißt es: »Jede dieser Geschichten steht für eine Kategorie des individuellen Widerstands: schriftlicher Protest, mündlicher Protest, Anfechtung der NS-Propaganda, Missachtung antijüdischer Gesetze und Maßnahmen sowie Selbstverteidigung gegen physische Angriffe. Auch steht jede Geschichte für viele andere, wie der Autor an weiteren Beispielen zeigt.«
Dass solch widerständiges Verhalten für die jüdischen Männer und Frauen Konsequenzen hatte, steht außer Zweifel. So wurde beispielsweise David Bornstein in Hamburg der Prozess gemacht, weil er angeblich absichtlich ein Hakenkreuz an einem Reisebus zerkratzt haben soll. Trotz seiner wiederholten Beteuerung, dass er dieses Symbol nicht habe beschädigen wollen, beharrten Nazizeugen darauf, dass die Schramme von »dem Juden« bewusst verursacht wurde. Bornstein wurde daraufhin wegen Missachtung eines Hoheitszeichens verurteilt. So absurd dieser Vorgang klingt, so ambivalent ist jedoch die Einordnung dieses Vorgangs als »jüdischer Widerstand« gegen NS-Symboliken.
Dabei möchte Gruner nachzeichnen, wie sich jüdische Menschen gegen Ausgrenzungen und Zumutungen des NS-Regimes mit seinen unterschiedlichen Maßnahmen gewehrt haben. Er möchte zeigen, dass das verbreitete Bild, wonach es kaum öffentlichen Widerspruch der Betroffenen gegeben habe, falsch sei. Betrachtet man seine Geschichten jedoch genauer, bleibt das ambivalente Bild bestehen. War es ein bewusster Widerstand, als ein Münchener Immobilienmakler 1941 aus Verzweiflung über die Judenverfolgung gut ein Dutzend anonyme Postkarten mit Losungen gegen Hitler und das NS-Regime in Münchener Postkästen einwarf, die natürlich von der Gestapo registriert wurden? Diese Aktion, bei der er zwar keine öffentliche Resonanz erzielte, reichte jedoch aus, um ihn wegen »Hochverrat« zum Tode zu verurteilen. Damit sagt dieser Fall eigentlich mehr über den Umgang des NS-Regimes mit resistentem Verhalten aus, weniger über den Akteur selbst. Ähnlich widersprüchlich ist der Fall der Henriette Schäfer aus Frankfurt am Main, der wegen angeblich öffentlicher Proteste gegen die antijüdischen Pogrome im November 1938 im Frühjahr 1939 der Prozess gemacht wurde. Bei genauerer Betrachtung geht es bei diesem Fall nicht um jüdisches Resistenzverhalten, sondern darum, wie jüdische Menschen durch Nazianhänger in der Nachbarschaft diffamiert wurden und wie diese Denunziationen von der Gestapo und der Justiz als Vorwand zur Verfolgung genommen wurden.

Wolf Gruner: Mut und Widerstand. Wie Jüdinnen und Juden sich im NS-Alltag zur Wehr setzten. Wallstein Verlag, Göttingen 2026, 249 Seiten, 32 Euro
Solche Ambivalenz entsteht auch aus der Tatsache, dass sich Gruner weniger auf Überlebendenberichte als vielmehr auf Verfolgerakten, Polizeiberichte, Gerichtsakten und andere Täterdokumente stützt. Offenbar hat der Verfasser diesen Dokumenten, die doch mit einem klar definierten Ziel entstanden sind, einen hohen Wahrheitsgehalt zugemessen. Dabei sind doch gerade Begriffe, auf die er selbst mehrfach verweist, wie Beschwerden über »freche Juden«, eher Ausdruck einer rassistischen NS-Außensicht als Dokumente jüdischen Resistenzverhaltens.
Und so hinterlässt das hier besprochene Buch über Mut und Widerstand jüdischer Menschen einen zwiespältigen Eindruck, der einerseits geprägt ist von den akribischen biografischen Beiträgen, andererseits von den nicht erklärbaren Schwächen in der Methodik und der Quellenrezeption. Es fängt damit an, dass der Verfasser in seiner 15-seitigen Bibliografie zentrale Veröffentlichungen zum Thema jüdischer Widerstand, zum Beispiel Hermann Langbeins »… nicht wie die Schafe zur Schlachtbank«, nicht erwähnt. Vielleicht sah er darin keinen Ertrag für seine Fragestellung, aber angesichts der zahlreichen anderen Literaturhinweise ist das schon irritierend. Noch ärgerlicher ist es, dass er als in der DDR sozialisierter Historiker nur Helmut Eschwege und Victor Klemperer wahrnimmt, jedoch einen ausgewiesenen Experten zum Thema Antisemitismus in der DDR-Geschichtswissenschaft, Prof. Kurt Pätzold, ignoriert. Auch vermisst der Rezensent einen Hinweis auf das Projekt »Bay-ern in der NS-Zeit«, bei dem zum ersten Mal in der geschichtswissenschaftlichen Debatte der Widerstandsbegriff durch einen »Resistenz«-Begriff erweitert wurde, um alltägliches widerständiges Verhalten von Einzelpersonen und kleineren Personengruppen einbeziehen zu können. Die Debatte um dieses Projekt hat viel zur Klärung der Kategorien »Widerstand«, »nicht-konformes Verhalten« und »Alltagskonflikte« beigetragen. Ein Bezug auf diese Debatte hätte dazu beitragen können, die von Gruner erarbeiteten biografischen Skizzen klarer in ein historisches Gesamtbild einzuordnen. So stehen diese Biografien scheinbar als Beleg für »jüdischen Widerstand«, ohne dessen Besonderheit nachvollziehbar zu machen.





























