Kann das mal weg?

geschrieben von Christian Viefhaus

4. September 2026

Ein Verein in Berchtesgaden kämpft gegen Hindenburgs Ehrung – jetzt mit Film

Berchtesgaden dürfte den meisten Mitgliedern der VVN-BdA bekannt sein: Kehlsteinhaus, Obersalzberg, ein zentraler Ort des Führerkults, neben Berlin das zweite Herrschaftszentrum der Nazis und ab 1933 ein regelrechter Sehnsuchts- und Wallfahrtsort für Hitler-Anhänger.

Auch wenn Hitlers »Berghof« lange abgerissen ist, zieht das Areal am Obersalzberg noch immer Menschen aus rechten Kreisen an. Ein Umstand, mit dem sich viele im Berchtesgadener Talkessel nicht abfinden wollen. Nachdem in der Kneipe »Kuckucksnest« ein Gast ohne Vorwarnung von Neo-nazis attackiert wurde, gründete sich Anfang 2024 der Verein »Berchtesgaden gegen Rechts – für Vielfalt und Demokratie«.

Obersalzberg als NS-Entscheidungszentrum

Der Verein schreibt auf seiner Homepage von einer großen historischen Verantwortung, die sich daraus ergibt, dass der Obersalzberg ein Entscheidungszentrum des NS-Regimes war. Teil der Vereinsarbeit solle daher eine aktive Erinnerungskultur sein, die eine fortwährende Aufarbeitung der NS-Zeit fördert. Zu diesem Anspruch passt die Kampagne zur Umbenennung der örtlichen Von-Hindenburg-Allee, die seit Gründung betrieben wird.

Am 30. Januar 2024 distanzierte sich der Berchtes-gadener Gemeinderat von der Verleihung der Ehrenbürgerwürde an Paul von Hindenburg. Das kann als erster Etappensieg gelten. Es folgten Anwohnergespräche, mehrere Vortragsveranstaltungen, eine Konferenz zur Umbenennung der Von-Hindenburg-Allee, die Veröffentlichung einer Broschüre und umfangreiche Social-Media-Aktivitäten mit dem Ziel, über die Person Paul von Hindenburg aufzuklären.

Am 18. Juni 2026 erreichte die Kampagne ihren vorläufigen Höhepunkt: Der eigens produzierte Dokumentarfilm »Wie konnte es dazu kommen? Hindenburg, Hitler und die nationalsozialistische Diktatur« feierte im ausverkauften Kino Berchtes-gaden Premiere. Zu diesem Anlass trafen sich, moderiert vom Leiter der Dokumentation Obersalzberg, Dr. Sven Keller, die Historiker Prof. Dr. Wolfram Pyta und Dr. Wolfgang Niess sowie der Produzent Norbert Egger zum Podiumsgespräch.

Volle Ränge bei der Filmpremiere des Hindenburg-Dokumentarfilms Mitte Juni in Berchtesgaden (Foto: privat)

Volle Ränge bei der Filmpremiere des Hindenburg-Dokumentarfilms Mitte Juni in Berchtesgaden (Foto: privat)

Pyta und Niess prägen zusammen mit Dr. Mathias Irlinger den Film wesentlich und kommen darin ausführlich zu Wort. Gründlich widerlegt werden alle Legenden von Hindenburg als einem Mann, der Hitler wahlweise zu verhindern suchte oder die Machenschaften um ihn herum aufgrund seines hohen Alters nicht mehr vollständig zu durchschauen vermochte. Der Film beschäftigt sich nicht ausschließlich mit den späten Jahren der Weimarer Republik, sondern setzt bereits im Kaiserreich ein. Zentral bleibt die Betrachtung von Hindenburgs Beitrag zur systematischen Zerstörung der parlamentarischen Demokratie und seiner Haltung zum Naziregime.

»Hindenburg, Hitler und die nationalsozialistische Diktatur« ist, wie von einer fast zweistündigen Dokumentation nicht anders zu erwarten, keine seichte Unterhaltung. Es ist ein Film, der mit Blick auf die nach Hindenburg benannten Straßen und Objekte eine Antwort gibt auf die Frage: Kann das mal weg? Ein vernichtendes filmisches Urteil über Leben und Wirken des Paul von Hindenburg, das allen empfohlen ist, die selbst schon einmal und vielleicht in der eigenen Nachbarschaft Anstoß an einer Würdigung Hindenburgs im Straßenbild genommen haben. Film, Broschüre und Material sind ein ermutigendes Zeugnis, mit welchem Nachdruck in Berchtesgaden für die Umbenennung einer Straße gekämpft wird und wie ernst es die Mitglieder von »Berchtesgaden gegen Rechts – für Vielfalt und Demokratie« mit der historischen Verantwortung im Schatten des Obersalzbergs nehmen.

Ohne bekannten Bezug zu Hindenburg

Hindenburg selbst hatte zu Berchtesgaden im Übrigen keinen bekannten Bezug und entsprechend kein spezifisches Verdienst. Am 25. März 1933 begründete der Gemeinderat Berchtesgadens die Umbenennung von Teilen der früheren Hanielstraße in Von-Hindenburg-Allee damit, der Generalfeldmarschall habe »sich durch seine Verdienste als Feldherr einen unsterblichen Namen erworben. Außerdem hat er als Reichspräsident des deutschen Volkes namentlich durch die Berufung des Führers der nationalsozialistischen deutschen Arbeiterpartei zum Reichskanzler eine nationale Einheit geschaffen (…)«. Sowohl Hindenburgs »Verdienste« als Feldherr als auch sein Beitrag zur Schaffung »nationale[r] Einheit« erfahren im Film angemessene Würdigung. Eine Leistung, zu der die Gemeinde Berchtesgaden durch Umbenennung der Von-Hindenburg-Allee noch aufschließen darf.

Was seither geschah

Der Film wurde seit seiner Premiere bereits in den Kinos Berchtesgaden und Bad Reichenhall im Programm gezeigt. Weitere Vorführungen im Bundesgebiet sind geplant (so am 15. September, 19.30 Uhr in Königsburg/Süchteln und am 10. Oktober, 18.30 Uhr in der Lokwelt Freilassing). Der Produzent Norbert Egger bietet den Film Initiativen, Vereinen, Parteien kostenlos zur Vorführung an (norbert.egger1@aaa-culture.com). Der neue Bürgermeister Berchtesgadens, Alexander Resch (CSU), positionierte sich bisher nicht öffentlich zur Umbenennung der Von-Hindenburg-Allee. Resch kündigte verschiedentlich an, sich mit dem Thema und dem Dokumentarfilm auseinanderzusetzen. Ein entsprechendes Angebot des Produzenten wartet seitdem auf Reaktion aus dem Rathaus. Der Verein »Berchtesgaden gegen Rechts« zählt inzwischen über 100 Mitglieder und heißt nun »Berchtesgadener Land gegen Rechts – für Vielfalt und Demokratie e. V.« (berchtesgaden-gegen-rechts.de). Auch andernorts tut sich was: Der Hindenburgdamm nach Sylt soll Syltdamm heißen.