Sechs Jahrzehnte Erinnern

geschrieben von Bernd Hüttner

4. September 2026

Neue Studien zum Gedenken an die sowjetischen Kriegsgefangenen im Stalag 326

Das »Stalag 326 (VI K) Senne« in Schloß Holte-Stukenbrock (einer Kleinstadt südlich von Bielefeld) war eines der größten NS-Kriegsgefangenenlager. Dort waren vor allem sowjetische Kriegsgefangene interniert. Besonders ist, dass es an diesem Ort seit April 1945 Bemühungen um Gedenken und Aufarbeitung gab. Erst 1967 gründete sich der bekannte Arbeitskreis »Blumen für Stukenbrock«, eine der ältesten Gedenkstätteninitiativen an sowjetischen Kriegsgräberstätten in der Bundesrepublik Deutschland.

Im März 2026 ist nach fast vier Jahren Arbeit der Sammelband zur Geschichte der Gedenkstätte »Stalag 326« erschienen. Der Ursprung des Buches liegt in einem Projektseminar von Prof. Dr. Christina Morina und Jens Hecker im Wintersemester 2022/2023 an der Universität Bielefeld. Die aus dem Seminar hervorgegangenen Arbeiten der Studierenden sind nun gemeinsam publiziert worden, bereichert um einleitende Beiträge der HerausgeberInnen, einen postum veröffentlichten Aufsatz des 2024 leider verstorbenen Prof. Habbo Knoch und einen ausführlichen Anhang.

Die Aufsätze des Bandes decken die Zeit von der Befreiung des Lagers durch die US-Armee im April 1945 bis zu den gegenwärtigen Auseinandersetzungen rund um den Ukraine-Krieg und den weiteren Ausbau der Gedenkstätte ab. Sie beruhen auf zahlreichen dafür neu bearbeiteten Themen und Fragestellungen sowie neu erschlossenen Quellenbeständen: Jessica Schmitz beschäftigt sich mit den Bio-grafien des Wachpersonals nach 1945 am Beispiel Oskar Sufferts. Lena Wagner und Charlotte Lünstroth ordnen in ihrem Beitrag die Gedenkstätte in die Geschichte der bundesdeutschen Erinnerungskultur ein: Denn in Schloß Holte-Stukenbrock wurde trotz des dominanten Antikommunismus in Westdeutschland ausdrücklich sowjetischer Toter gedacht und diesen indirekt auch für ihren Beitrag zur Befreiung vom Nationalsozialismus gedankt.

Christina Morina/Jens Hecker (Hg.): Gedenke, wo du stehst. Das Engagement für die Gedenkstätte »Stalag 326 (VI K) Senne« seit 1945. Metropol Verlag, Berlin 2026, 360 Seiten, 24 Euro, E-Book-PDF: 19 Euro

Christina Morina/Jens Hecker (Hg.): Gedenke, wo du stehst. Das Engagement für die Gedenkstätte »Stalag 326 (VI K) Senne« seit 1945. Metropol Verlag, Berlin 2026, 360 Seiten, 24 Euro, E-Book-PDF: 19 Euro

Erik Horstmann schreibt über die Bedeutung der Rede des damaligen Bundespräsidenten Joachim Gauck auf dem Lagergelände im Mai 2015. Lennart Klar analysiert die jährlichen Reden des Arbeitskreises »Blumen für Stukenbrock« von 1970 bis 2024, und Theo Flint untersucht mithilfe von »Oral History« die Kontakte zwischen »Blumen für Stukenbrock« und den sowjetischen Überlebenden im »Sowjetischen Komitee der Kriegsveteranen«. Michelle Wirachowski untersucht, welche Möglichkeiten sowjetische Kriegsgefangene hatten, selbst Einfluss auf die deutschen Entschädigungsdebatten zu nehmen und ihre Interessen geltend zu machen. Martha Blumenthalers Text ist eine kritische Auseinandersetzung mit dem aktuell geplanten Ausbau der Gedenkstätte, und Felix Tiemann berichtet von der Bildungs- und Vermittlungsarbeit der bisherigen Gedenkstätte. Neben Habbo Knochs Vortragsmanuskript »Keine Erinnerungskultur ohne Zivilgesellschaft«, einem Einführungstext von Christina Morina und einem Aufsatz von Jens Hecker über die Geschichte des Friedhofs rundet eine ausführliche Chronik den Band ab.

Der Band stellt die wechselvolle und auch konfliktträchtige Geschichte dieses Ortes dar, indem die Akteurinnen und Akteure sowie die Motive, Bedingungen und Dynamiken des mit dem »Stalag« verbundenen Gedenkengagements in den Blick genommen sowie untersucht und auch Konflikte nicht verschwiegen werden. Diese waren Teil und Ausdruck des Generationenübergangs, der an vielen Gedenkstätten stattfand, aber auch grundlegender Differenzen, etwa zur Bedeutung der Verbrechen der Wehrmacht in Osteuropa. Zugleich nimmt der Band charakteristische lokale, regionale und oftmals transnational ausgreifende Auseinandersetzungen in den Blick, was ihn umso lesenswerter macht. Er reiht sich in die wachsende Zahl von Publikationen ein, die die zivilgesellschaftliche und institutionelle Erinnerungskultur und -praxis näher untersuchen – und damit diese selbst in ihrer Wechselwirkung historisieren¹.

Gedenkort unter Druck

Im September 2023 lehnte eine Mehrheit um CDU und AfD im Gütersloher Kreistag die Finanzierung der Gedenkstätte Stalag 326 in Schloß Holte-Stukenbrock ab. Da Fördermittel an die Beteiligung aller Ebenen gebunden sind, drohte der Gedenkstätte das Aus. Zumindest wurden Vorschläge zum Ausbau der Gedenkstätte für die über 300.000 sowjetischen Kriegsgefangenen, die von einem Förderverein getragen wird, blockiert. Bei aller inhaltlichen Kritik an den vorgelegten Plänen des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) fordern Antifaschisten in Ostwestfalen, die regionale Erinnerungskultur auszubauen.

1 Ein aus einer Tagung an der KZ-Gedenkstätte Neuengamme 2022 resultierender Sammelband mit dem Arbeitstitel »Gedenkstättengeschichte(n). Gedenkstätten an die NS-Verbrechen in den postnationalsozialistischen Gesellschaften seit 1945« wird demnächst im Metropol Verlag Berlin erscheinen, verantwortet von Cornelia Siebeck, Oliver von Wrochem und Sophia Annweiler.