Was von 9/11 bleibt

geschrieben von André Wartmann

4. September 2026

Ein Vierteljahrhundert nach den Anschlägen: Überwachung, Generalverdacht und rechte Hetze

Dieses Jahr jähren sich die Anschläge auf das New Yorker World Trade Center zum 25. Mal. Der größte Angriff auf die USA vor einem Vierteljahrhundert – 60 Jahre nach Pearl Harbor – markierte eine Zäsur nicht nur für das Land, sondern für den gesamten kapitalistischen Westen. Dieser und seine liberale Werteordnung, geprägt von Wohlstand, Wachstum und Fortschritt, oft zulasten anderer Erdteile, waren siegreich aus dem Kalten Krieg hervorgegangen. Am 11. September 2001 zeigte sich, wie verwundbar dieses System dennoch war.

Wie verwundbar, das zeigte sich vor allem in Bildern: die brennenden Türme, Menschen, die hilflos in den oberen Stockwerken eingeschlossen waren, die einstürzenden Gebäude. Diese Bilder gingen in das kollektive Gedächtnis einer ganzen Generation ein. Rund 3.000 Menschen starben bei den Anschlägen, viele werden bis heute vermisst oder leiden an Spätfolgen. Unzählige Geschichten und antisemitische Verschwörungserzählungen entstanden seitdem – manche davon sind bis heute präsent.

Der Begriff der »Zeitenwende« ist seit dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine in Politik und Gesellschaft allgegenwärtig. Dabei erlebte die sogenannte westliche Welt bereits vor 25 Jahren einen wohl noch tiefer greifenden Umbruch – einen, der bis heute nachwirkt: in der Sicherheitsgesetzgebung, in der Politik gegenüber Geflüchteten und im Erstarken einer extremen Rechten, die den 11. September bis heute für ihre Zwecke nutzt.

Eine Zeitenwende vor der Zeitenwende

Mit dem Ende des Kalten Krieges waren neue Bedrohungen und Feindbilder ins Licht der Öffentlichkeit getreten. Auch für die Linke änderte sich viel: »Wiedervereinigung«, neuer Nationalstolz, der Aufstieg der extremen Rechten, der Zusammenbruch der Friedensbewegung und eine Hinwendung zum globalen Protest prägten die 1990er-Jahre. Der 11. September sollte jedoch noch einmal Grundsätzliches ändern.

Als Antwort auf die Anschläge ordnete der damalige US-Präsident George W. Bush – bis zum Auftreten Trumps wohl die größte Hassfigur der globalen Linken – eine militärische Eskalation ohnegleichen an. Zunächst marschierten US-Truppen 2001 in Afghanistan ein, um den mutmaßlichen Drahtzieher Osama bin Laden zu fassen und das Terrornetzwerk Al-Qaida zu zerschlagen. 2003 folgte, ohne UN-Mandat und mit gefälschten Beweisen, der Angriff auf den Irak. Vorgeblich sollten in beiden Ländern demokratische Strukturen nach US-Vorbild entstehen. Tatsächlich ging es auch um westliche Hegemonie und den Zugriff auf Rohstoffe. Die Interventionen endeten in einem militärischen Desaster – besonders deutlich wurde das am überstürzten Abzug der Truppen aus Afghanistan 2021.

Wie eng sich die BRD an die Seite der USA stellte, zeigte sich schon Tage nach den Anschlägen: Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) sprach von einer »Kriegserklärung an die zivilisierte Völkergemeinschaft« und sicherte Bush die »uneingeschränkte (…) Solidarität Deutschlands« zu. Dieser Aussage folgten Taten: Die rot-grüne Bundesregierung zog 2001 zum zweiten Mal nach 1999 mit ihren NATO-Verbündeten in den Krieg, und die Bundeswehr wurde auf Auslandseinsätze in einem bis dahin ungekannten Ausmaß ausgerichtet. Innerhalb der gesellschaftlichen Linken löste das zunächst nur wenig Aufschrei aus – anders zwei Jahre später, als sich gegen den Irakkrieg eine neue Friedensbewegung formierte, an der zahlreiche Antifaschist*innen beteiligt waren, in die sich zunehmend aber auch Verschwörungsgläubige mischten – ihr linkes Profil begann zu verwässern.

Feindbild und Freiheitsrechte

Dass Deutschland und die USA hier so einträchtig vorgingen, war kein Zufall, sondern Ausdruck enger diplomatischer Beziehungen, die die beiden Länder zu den wichtigsten Verbündeten im Westen machten, gewachsen auf der gemeinsamen Feindschaft gegen den Kommunismus im Osten. Die 1990er-Jahre waren hingegen Jahre diplomatischer Entspannung gewesen; die These des Politikwissenschaftlers Francis Fukuyama, der 1989 »das Ende der Geschichte« verkündete, schien zunächst Realität zu werden. Mit dem Anschlag auf die Twin Towers rückte jedoch der Kampf gegen den islamistischen Terrorismus in den Vordergrund – und die heftig umstrittene These Samuel P. Huntingtons vom »Clash of Civilizations«, einem Kampf der Kulturen zwischen westlicher Welt und islamischem Kulturraum, schien plötzlich plausibler.

Die Eskalation in der internationalen Politik führte innenpolitisch sowohl in Deutschland als auch in den USA zu erheblichen Einschnitten in bürgerliche Rechte. Der US-Geheimdienst NSA erhielt immer mehr Befugnisse; Massenüberwachung, Datenspeicherung und Kontrollen wurden deutlich ausgeweitet. Der US-Patriot Act schränkte Freiheitsrechte drastisch ein, Inhaftierungen bei Terrorverdacht waren fortan auf unbestimmte Zeit möglich. Als weitere Reaktion wurde das US-Heimatschutzministerium (Department of Homeland Security) geschaffen – jenes Ministerium, das zum Werkzeug eines autoritären US-Präsidenten geworden ist und heute Polizeieinheiten wie ICE und Border Patrol verantwortet, die für brutale Abschiebungen und tödliche Angriffe auf US-Bürger*innen bekannt geworden sind.

Ähnliches passierte in Deutschland: Zahlreiche Sicherheitspakete, vom Bundestag beschlossen, ermöglichten einen erweiterten Zugriff auf Bank-, Post-, Luftverkehrs- und Telekommunikationsdaten sowie deren umfassende Registrierung, dazu Lauschangriffe und heimliche Überprüfungen verdächtiger Personen. Polizei und Sicherheitsbehörden bekamen neue Befugnisse und wurden erheblich ausgebaut. Zwar wurden einzelne Instrumente wie die Rasterfahndung oder die Vorratsdatenspeicherung von Gerichten eingeschränkt oder ausgesetzt, insgesamt aber wurden die Antiterrorgesetze immer wieder verlängert und teils ausgeweitet – die umstrittenen Vorschriften aus dem Terrorismusbekämpfungsgesetz wurden mit dem Gesetz vom 3. Dezember 2020 sogar endgültig entfristet.

Für linke und zivilgesellschaftliche Organisationen bedeutete dieser Umbau des Sicherheitsapparats mehr als eine vorübergehende Verschärfung: Überwachungsbefugnisse, die einst als befristete Ausnahme galten, wurden zur Normalität – und damit zu einem Instrument, das sich, einmal etabliert, auch gegen linke Strukturen richtet, wie sich im Nachhinein an den zahlreichen Grundrechtseingriffen und polizeilichen Ermittlungen rund um die Proteste gegen den G20-Gipfel in Hamburg 2017 zeigte.

Rechter Terror unterschätzt

Wie einseitig dieser neue Sicherheitsapparat ausgerichtet ist, zeigt ein Blick zurück. Die Terrorismusbekämpfung in den USA begann nämlich nicht erst mit dem 11. September 2001. Bereits nach dem bis dahin größten Terroranschlag in den USA – 1995 in Oklahoma City mit 168 Toten, verübt von den Rechtsterroristen Timothy McVeigh und Terry Nichols – beschloss der US-Kongress 1996 mit dem Antiterrorism and Effective Death Penalty Act umfangreiche Maßnahmen gegen in- und ausländische Terrororganisationen. Auch das FBI baute eine entsprechende Abteilung auf, die vornehmlich gegen rechtsextreme Gruppen ermittelte.

Nach dem 11. September verschob sich dieser Fokus jedoch fast vollständig auf islamistische Netzwerke – während rechte Terrorzellen ungestört weiterwuchsen. Sowohl für die USA als auch für Deutschland gilt: Seit 2001 stellt rechter Terror in beiden Ländern die weitaus größere Gefahr dar und hat zu weit mehr Toten geführt als islamistischer Terrorismus. Diese Schieflage in der Bedrohungsanalyse wirkt bis heute nach – und sie ist einer der zentralen Ansatzpunkte für zivilgesellschaftliche Organisationen, die sich der Bekämpfung menschenfeindlicher Einstellungen widmen: Wo staatliche Ressourcen und öffentliche Aufmerksamkeit über zwei Jahrzehnte hauptsächlich auf eine Bedrohungsform gerichtet wurden, blieb die tatsächlich tödlichere rechtsextreme Gewalt unterschätzt.

Flüchtlingspolitik unter Generalverdacht

Dieses Missverhältnis beschränkte sich nicht auf die Terrorabwehr, es prägte auch die Migrationspolitik. Nicht nur gegenüber Einwanderer*innen aus Mexiko und anderen Ländern Lateinamerikas verschärfte die US-Regierung ihre Migrationspolitik, sondern besonders gegenüber Menschen aus islamisch geprägten Ländern; generelle Verbote der Einreise vor allem aus Staaten des Nahen Ostens und Afrikas waren die Folge. Dass die Täter und Drahtzieher des 11. September Islamisten waren, befeuerte eine neue Welle des antimuslimischen Rassismus in der westlichen Welt, die bis heute anhält und zum Aufstieg extrem rechter Strömungen beitrug.

Verstärkt wurde dieser Trend durch die Kriegsfolgen selbst: Die Migrationspolitik gegenüber Asylsuchenden wurde seit 2001 stark verschärft und Rechte teils außer Kraft gesetzt, während die westlichen Interventionen in Irak und Afghanistan sowie die Entstehung des »Islamischen Staates« zu einer ungeahnten Fluchtwelle nach Europa führten. Geflüchtete aus muslimisch geprägten Ländern gerieten unter Generalverdacht, rassistische Ressentiments und staatliche Repressionen nahmen in westlichen Ländern zu. Einen zusätzlichen Schub erhielt diese restriktive Argumentationslinie durch die nach 2001 zunehmende »Koppelung von Migration und Terrorismus« – eine Verknüpfung, auf deren Grundlage konservative bis extrem rechte Akteur*innen bis heute Stimmung gegen Zuwanderung machen.

Wie die extreme Rechte 9/11 instrumentalisiert

Genau diese Verbindung von Migration, Islam und Terrorismus machte sich die extreme Rechte gezielt zunutze. Faschistinnen und »neurechte« Publikationen deuteten die Anschläge oft als »Scheitern der Vereinheitlichung der Welt« im Sinne einer westlich-US-amerikanischen Globalisierung. Sie nutzten das Ereignis, um das Konzept einer »multikulturellen Gesellschaft« anzugreifen und ein »Recht der Völker auf nationale Abschottung« einzufordern. Die »Neue Rechte« nutzte diese Zäsur, um den Diskurs über Sicherheit, Migration und Islam massiv zu beeinflussen und eigene weltanschauliche Muster zu normalisieren. Ihren Hass auf Nicht-Weiße konnten ihre Vertreterinnen fortan legitimieren und in den vermeintlichen Schutz vor Terror und archaischer Gewalt umdeuten. Kulturelle Konflikte wurden – und werden – instrumentalisiert, um soziale Probleme zu verdecken.

Wie unmittelbar diese Deutung nach den Anschlägen einsetzte, zeigt das Beispiel der italienischen Publizistin Oriana Fallaci: Ihr Buch »Die Wut und der Stolz«, kurz nach dem 11. September verfasst, wurde zum europaweiten Bestseller und stellte den Islam pauschal als zivilisatorische Bedrohung dar. In ihrem Nachfolgebuch »The Force of Reason« brachte sie diese Position drastisch auf den Punkt: Der Islam, so Fallaci, »sät Hass anstelle von Liebe und Sklaverei anstelle von Freiheit«. Fallacis Bücher gelten bis heute als Referenztexte einer rechten, islamfeindlichen Deutung des 11. September und werden von Akteuren wie dem italienischen Rechtsaußen-Politiker Matteo Salvini explizit zum Vorbild genommen.

Auf dieser Linie adaptierte die »Neue Rechte« auch Huntingtons These vom »Kampf der Kulturen« und deutete den Islam zur fundamentalen Bedrohung des Westens um. Religiöser Extremismus und generelle Zuwanderung aus muslimisch geprägten Regionen wurden in dieser Agitation untrennbar miteinander verknüpft: Der Islam dient einerseits als negatives Projektionsfeld einer angeblich drohenden »Überfremdung«, andererseits inszenieren sich rechte Akteure als vermeintliche Verteidiger abendländischer Werte.

25 Jahre später: Was bleibt zu tun?

Diese drei Linien – Sicherheitsapparat, Flüchtlingspolitik und rechte Diskursverschiebung – laufen ein Vierteljahrhundert später zusammen. Der 11. September hat nicht nur globale Politik und Kriegsführung verändert, sondern auch die Bedingungen, unter denen linke und zivilgesellschaftliche Organisationen in Deutschland und den USA arbeiten. Überwachungsgesetze, die als befristete Ausnahme begannen, sind Normalität geworden. Die Flüchtlings- und Migrationspolitik beider Länder ist bis heute von der 2001 etablierten Koppelung von Migration und Terrorismus geprägt. Und die »Neue Rechte« hat aus dem Datum ein Werkzeug gemacht, das antimuslimischen Rassismus bis in die politische Mitte trägt.

Für die Bekämpfung menschenfeindlicher Einstellungen bedeutet das heute vor allem eines: den Blick nicht länger einseitig auf den islamistischen Terrorismus zu verengen, sondern die tatsächlichen Bedrohungslagen – allen voran den rechten Terror – ernst zu nehmen, die Rechte von Geflüchteten gegen den fortwirkenden Generalverdacht zu verteidigen und den zivilgesellschaftlichen Raum zu erhalten, der durch zwei Jahrzehnte Sicherheitsgesetzgebung enger geworden ist.

Bis heute aktuell – Verschwörungserzählungen zu 9/11

Auch Jahrzehnte nach den Terroranschlägen kursieren Verschwörungserzählungen zum 11. September 2001. Neben Behauptungen zum angeblichen Schmelzpunkt von Stahl sind vor allem antisemitische Erzählungen weit verbreitet. Schon früh kursierte die Legende, jüdische Menschen seien vorab gewarnt worden und deshalb nicht unter den Opfern gewesen, oder der jüdische Eigentümer des World Trade Centers habe vom Einsturz finanziell profitiert. Ein weiteres Motiv ist der Vorwurf, der Mossad habe die Anschläge inszeniert, um einen Krieg gegen die Feinde Israels zu rechtfertigen. Damit reihen sich die 9/11-Mythen in eine jahrhundertealte antisemitische Tradition ein: die Vorstellung einer geheimen jüdischen Weltverschwörung, wie sie schon in den gefälschten »Protokollen der Weisen von Zion« verbreitet wurde.

Belegt ist davon nichts: Weder die 9/11-Kommission noch die Wissenschaft fanden Hinweise, dass die US-Regierung die Anschläge geplant oder wissentlich zugelassen hat. Bei Verschwörungsfetischisten sind diese Erzählungen dennoch weit verbreitet. Bis heute werden neue »Beweise« auf YouTube, Telegram und Co. veröffentlicht. Auch wenn Antisemitismus nicht immer sichtbar ist, bildet er weiterhin den ideologischen Unterbau vieler »neuer Enthüllungen«.