Wegschauen als Entscheidung
4. September 2026
Warum die Frage nach dem Wissen der Deutschen über den Holocaust in die Irre führt
In der Berliner Gedenkstätte Topographie des Terrors beschäftigt sich eine Sonderausstellung mit der Frage, was die Deutschen von den Verbrechen gewusst haben. Um es vorweg zu sagen: Die Frage führt in die Irre. Zwar wird anhand vieler Dokumente aufgezeigt, was Einzelne gewusst haben, die viel spannendere Frage ist aber, was die Deutschen hätten wissen können. Ich möchte meine Gedanken anhand von Beispielen aus der Ausstellung erläutern.
Die Presse hat 1933 offen darüber berichtet, dass politische Gegner in KZs gebracht worden sind. Am 22. März 1933 schrieb der Völkische Beobachter über das neu errichtete KZ Dachau: »Am Mittwoch wird in der Nähe von Dachau das erste Konzentrationslager mit einem Fassungsvermögen von 5.000 Menschen errichtet werden. Hier werden die gesamten kommunistischen und soweit dies notwendig ist, Reichsbanner und sozialdemokratische Funktionäre, die die Sicherheit des Staates gefährden, zusammengezogen.« Die Artikel über die frühen KZs dienten der Abschreckung und waren gleichzeitig eine Inszenierung von Ordnung und Sauberkeit.
Bis 1939 wurde über die Aktionen gegen die jüdische Bevölkerung in der Presse ebenfalls berichtet. Die Geheimhaltung begann erst mit der Vorbereitung auf den Zweiten Weltkrieg. Nach dem Überfall auf Polen berichtete die Presse über die Errichtung der Ghettos. Wie schlimm es war, ahnten manche. Erhalten gebliebene Tagebücher sind dabei wichtige Zeitdokumente, weil durch sie gezeigt werden kann, was die Menschen ahnten oder wussten.
Aufschlussreich sind die Tagebucheinträge der Stuttgarter Sozialdemokratin Anna Haag. Sie klebte Zeitungsausschnitte in ihr Tagebuch und kommentierte sie. Am 3. Dezember 1941 notierte sie: »Man erzählte mir heute: die Juden seien auf dem Killesberg gesammelt + dann ostwärts abtransportiert worden. (…) Es wird mir physisch übel bei all dem + ich kann es einfach nicht verstehen. Aber das ist wie eine Lawine: einmal ins Rollen gekommen, wächst sie, wächst sie – so ist es. So schwillt das Verbrechen der Nazis an: automatisch. Ich glaube die Juden schafft man jetzt fort, damit sie nicht da sind, wenn es schief gehen sollte. Damit sie nicht auf den + jenen deuten + ihn anklagen können. Ach ich fürchte sie kommen alle um!« (Katalog S. 265) Am 15. Februar 1942 schreibt der Diplomat Ulrich von Hassell in sein Tagebuch: »Was er aus Russland berichtet, nicht nur über die Massenmorde an Juden, (…) übersteigt noch das bisher Bekannte.« (Katalog S. 128)
Im Tagebucharchiv in Emmendingen ist das Tagebuch eines Fürther Lebkuchenbäckers erhalten. Er notierte am 22. Februar 1942: »Von Polen kommen Nachrichten über unerhörte Grausamkeiten gegenüber den dortigen und von Deutschland dorthin gesandten Juden. (…) Ich kann es nicht glauben, dass deutsche Menschen zu solchen Taten fähig sind.« (Katalog S. 71)
Selbst der Name Auschwitz war im Umlauf. Der Dresdner Romanist Victor Klemperer notierte am 16. März 1942: »Als furchtbarstes KZ hörte ich in diesen Tagen Auschwitz (oder so ähnlich) bei Königshütte in Oberschlesien nennen.« (Katalog S. 103) Selbst eines der geheimsten Kommandos im NS – das Ausgraben ermordeter jüdischer Menschen und die Verstümmelung und Verbrennung der Leichname – findet sich im Tagebuch der Schriftstellerin Lisa de Boor im Mai 1944 wieder: »Von ihm hören wir Grauenvolles: im Osten werden die Leichen der liquidierten Juden durch Sonderkommandos von Gefangenen ausgegraben und vernichtet, danach werden diese Gefangene von der SS erschossen.« (Katalog S. 129)
In den Tagebucheinträgen ist immer wieder davon die Rede, dass man etwas gehört hat. Soldaten, die auf Urlaub zu Hause waren, haben oft mit ihren Angehörigen über die schrecklichen Erlebnisse gesprochen.
Der Weg in die Opposition der Geschwister Scholl und anderer war geprägt durch ihre Auseinandersetzung mit den Verbrechen der SS und der Wehrmacht im Osten. Im zweiten Flugblatt, das sie 1942 geschrieben haben, nehmen sie ausdrücklich Bezug auf die frühe Shoah und sprechen von »dreihunderttausend Juden«, die »auf bestialischste Art« ermordet wurden. Unklar ist, wie viele Flugblätter die Weiße Rose verbreitet hat. Allein vom 5. Flugblatt sollen zwischen 6.000 und 9.000 Exemplare verschickt worden sein. Die britische Luftwaffe warf über deutschen Großstädten Millionen Flugblätter ab, in denen sie über die Verbrechen der Nazis informierte und teilweise auch aus den Flugblättern der Weißen Rose zitierte. Dazu kommen die Sendungen verschiedener ausländischer Rundfunksender, in denen regelmäßig über die Verbrechen informiert wurde.
Es hätte also viele Möglichkeiten gegeben, sich zu informieren. Allein durch das kritische Lesen der Zeitungen hat man vieles erfahren können. Warum haben aber viele weggeschaut und es vorgezogen, nicht informiert zu sein? Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr denke ich, dass beiden Verhaltensweisen eine Entscheidung zugrunde liegt. Das oft Gehörte »von all dem nichts gewusst zu haben« lässt sich nach der Ausstellung so nicht mehr sagen.





























