Im rechten Strom
4. September 2026
Wie rechte Live-Streamer*innen arbeiten und was dagegen hilft
Spätestens seit den Protesten gegen die Covid-Schutzverordnungen haben sich Liveübertragungen als fester Bestandteil von extrem rechten Aufmärschen und Gegendemonstrationen etabliert. Zuallererst ging es darum, die jeweils vorgetragenen Inhalte einem größeren Publikum zugänglich zu machen und dabei die Deutungshoheit über das Geschehen zu beanspruchen. Hinzu kam schon früh die Chat-Funktion, die die Zuschauenden interaktiv in den Protest hineinholt und ein gemeinsames Erlebnis suggeriert. Weil die Streamer*innen moderieren und das Programm mit Interviews und Provokationen inszenieren, wird der »Stream« selbst zum Ereignis. Weil nichts schlimmer ist als ein langweiliger Demobericht, sorgen die Streamer*innen selbst für Action und besuchen vor allem Demos, bei denen Überreaktionen wahrscheinlich sind. Das Filmen von antifaschistischen Protesten gegen rechte Aufmärsche sorgt regelmäßig für Situationen, die gerade für die auf dem Sofa Sitzengebliebenen enorm spannend sind. Die nachträgliche Verwertung solcher Szenen durch das Zuschneiden einzelner Clips und Ausspielen auf den unterschiedlichen Plattformen gehört genauso dazu wie die Pflege einer eigenen Fangemeinschaft bis hin zu einseitigen sogenannten parasozialen Beziehungen sowie die ökonomische Ausbeutung der »Community« durch Spenden oder gezielte Ausnutzung der eigenen Autorität für unseriöse Investments usw.
Warum dieses Demo-Streaming als politische Kommunikation so gut funktioniert, hat einerseits mit dem spezifischen, ziemlich emotionalen Content (Demonstration und politische Konfrontation) zu tun und andererseits mit den technischen Funktionsweisen von Video- und Social-Media-Plattformen, die genau solche Inhalte und die Monetarisierung begünstigen.
Weil damit Geld verdient werden kann, tummeln sich immer mehr Anbieter*innen in diesem eher kleinen Markt der Demoberichterstattung. Dabei kommt das Geld nicht primär von den Livezuschauer*innen, sondern stammt aus einem Mix aus YouTube-Werbung in den späteren Videos, irgendwelchen Premium-Abo-Mitgliedschaften in der aufgebauten Chat-Community, direkten Spenden (Telegram/PayPal) und Fanartikeln. Die Anzahl an deutschsprachigen Demo-Streamer*innen, die das als Haupterwerb betreiben, liegt erst bei rund zwanzig. Die größeren sind WeichreiteTV, UtopiaTV, Aktivist Mann und Björn Banane. Mit einigen tausend Livezuschauer*innen, 250.000 YouTube-Abonnent*innen und einzelnen Videos, die zwei Millionen Mal angeklickt wurden, ist Sebastian Weber (WeichreiteTV) der wohl erfolgreichste Streamer. Er hat eine gewisse politische Autorität – und weil er prominente Rechte im Interviewformat auftreten lässt, gibt er sich zugleich den Anstrich eines neutralen Beobachters.
Mainstreaming-Strategie
Wer sich mal in so einen Stream verirrt hat, wird feststellen, dass die größeren Streamer*innen irgendwie gemäßigt rüberkommen wollen und dem »Chat« – also der Gemeinschaft der live Kommentierenden – die extremeren Inhalte überlassen. Tatsächlich greift hier im Straßen-Livestreaming, was auch im größeren Markt der rechten Influencer*innen schon länger erkennbar ist: die strategische Selbstzensur, um in den Mainstream vorzudringen. Extrem rechte Inhalte – die Delegitimierung des politischen Systems etwa oder das Verbreiten von »alternativen Fakten« – werden verschleiert und kodiert, unter dem Deckmantel der Abstreitbarkeit, beispielsweise durch Ironie, Humor und Begriffsverschiebungen. Als »Bürgerjournalismus« getarnte und in Alltagssprache übersetzte rechte Inhalte sind anschlussfähiger bei einem gemäßigten und damit breiteren Publikum. Der Schutz vor Strafverfolgung spielt auch eine Rolle, obwohl die Angst vor Verbannung von den großen Plattformen bei allzu radikalen Inhalten wohl zentraler sein dürfte.
Gegenstrategien
Da alle, die demonstrieren, auf die eine oder andere Weise schon von diesen übergriffigen Möchtegernjournalist*innen betroffen waren, gibt es mittlerweile viel Erfahrung. Durchgesetzt haben sich sechs Ansätze: 1. Nicht in die Provokation einsteigen und nicht am Content mitwirken, heißt: nicht diskutieren, nicht körperlich werden und möglichst keine verwertbaren Szenen darbieten. 2. Das Publikum vorher über das manipulative Format der Streamer*innen aufklären und typische Argumente und Gegenmaßnahmen vorwegnehmen. 3. Rechtliche und organisatorische Gegenmaßnahmen, um das Herausgreifen und spätere Diffamieren einzelner Teilnehmender zu verhindern. 4. Schutz vor Identifizierung durch rechte Streamer – also Vermummung – ist erlaubt. 5. Plattformseitiges Sabotieren der Verwertung durch Melden von tatsächlichen Regelverstößen oder das Herbeiführen solcher Verstöße (z. B. durch Abspielen geschützter Musik). 6. Gegenöffentlichkeit: Nicht nur verhindern, dass die rechten Streamer*innen ihre Geschichte erzählen, sondern selbst die Geschichte erzählen – ein Wettbewerb um die Interpretation des Protests.
Es gibt also viele Möglichkeiten, wichtig ist vor allem, einen Umgang zu finden, der die Funktionsweisen der digitalen Medien mit berücksichtigt.
Zum Weiterlesen:
Andre Günther (2024): »Rechtsextremistische Livestreamer/-innen als neue Form des Politikunternehmers«, auf: haitblog.hypotheses.org
Rebekka Schlang (2026): »Polizei schützt rechte Livestreamer statt Demonstrierende« – Stellungnahme zum Anti-AfD-Protest in Erfurt am 4. Juli 2026, auf: grundrechtekomitee.de
Linus Pook, Rocío Rocha Dietz und Grischa Stanjek (2022): »Geil dabei zu sein« – Livestreams als Kommunikationsmittel rechtsextremer Proteste, in: ZRex – Zeitschrift für Rechtsextremismusforschung, Jg. 2, Heft 1/2022
democ (2023): »Interferenzen«: Livestream als Teil des Protestgeschehens, auf: democ.de/projekte/interferenzen/abschlussbericht/





























