Zuflucht in den Cevennen

geschrieben von Ulrich Schneider

3. November 2026

Annelie Buntenbach über deutsche Antifaschist*innen im französischen Widerstand

Manche erinnern sich an Annelie Buntenbach, ehemals Bundestagsabgeordnete für die Grünen und Mitglied des DGB-Bundesvorstandes. Schon damals überzeugte sie mit einer klaren antifaschistischen Haltung. Jetzt, im beruflichen Ruhestand, fand sie Zeit, sich intensiver mit einem Thema zu beschäftigen, das sie bereits viele Jahre verfolgt: dem antifaschistischen Widerstand in den Cevennen.

Die Cevennen, ein armer Landstrich im Süden Frankreichs, gehörten in den ersten Jahren des Zweiten Weltkriegs zum unbesetzten Frankreich. Das bedeutete nicht, dass die deutschen Besatzer dort nichts zu sagen hatten, aber die Möglichkeiten gegenüber den Kollaborateuren des Vichy-Regimes waren deutlich günstiger als in den von Deutschen kontrollierten Gebieten. Daher fand in dieser Region während des Krieges eine große Zahl von Flüchtlingen Zuflucht. Manche von ihnen wollten sich der Besatzungsmacht entziehen, andere waren auf dem Weg nach Marseille, wo sie sich Möglichkeiten zur Ausreise erhofften. Unter den Flüchtlingen waren nicht nur politisch Verfolgte, sondern auch zahlreiche Jüdinnen und Juden.

Pastoren und Kommunisten Hand in Hand

Im ersten Kapitel schildert die Verfasserin anschaulich und mit vielen persönlichen Beispielen, welche Herausforderungen die Aufnahme für Bauern und kleine Gemeinden mit sich brachte. Denn die Flüchtlinge benötigten Verpflegung, Unterkünfte und viele von ihnen auch Papiere – alles Dinge, die die Mitwirkung staatlicher Stellen erforderten, die jedoch vom Pétain-Regime kontrolliert wurden. Aktiv und umsichtig organisierten protestantische Pastoren und Kommunisten gemeinsam den Schutz der Flüchtlinge – eine Zusammenarbeit, die in den Cevennen keinen Widerspruch darstellte. Die Autorin zitiert den Widerstandskämpfer Ernst Peytavain: »Ohne vorherige Absprache begannen die Cevenolen, Juden zu verstecken, Arbeitsdienstverweigerer, politische Flüchtlinge. Diese Arbeit geschah ohne Ordnung, ohne Methode, aber jeder wollte etwas tun.«

Der Rückhalt in der Bevölkerung war recht groß. Ein Pfarrer berichtete, wie im Pfarrhaus Flüchtlinge zur Verpflegung eintrafen; die benötigten Lebensmittel kamen von den Nachbarn. Unter den Flüchtlingen, die in den Cevennen Schutz fanden, waren sowohl bekannte deutsche Nazigegner als auch Künstler wie Hanns Kralik, der im KZ Börgermoor die Zeichnungen zum »Moorsoldatenlied« angefertigt hatte. In einem eigenen Abschnitt »Zeitzeugen und mündliche Überlieferung« erläutert die Autorin die Quellenbasis ihrer Darstellung: Es sind in erster Linie Berichte von Überlebenden, nicht die Akten der faschistischen Verfolger.

Im zweiten Kapitel behandelt die Verfasserin unter der Überschrift »Mit der Waffe in der Hand: Deutsche im Maquis in den Cevennen« den bewaffneten Widerstand gegen Pétain und später gegen die deutschen Truppen. Der bewaffnete Kampf gegen die Besatzer war kein Spezifikum der Cevennen, und ausländische Antifaschisten kämpften in ganz Frankreich in den Reihen der Résistance. Das wohl bekannteste Beispiel im französischen Narrativ ist die Gruppe Manouchian aus Arbeitsmigranten, bekannt durch die »Affiche rouge« (das rote Plakat). Die Besonderheit liegt für die Autorin jedoch darin, dass durch die Aufnahme der Flüchtlinge in den Dörfern der Cevennen eine große Zahl deutscher Antifaschisten hier Schutz gefunden hatte, die bereit waren, sich auch bewaffnet gegen die Okkupation zu wehren. Im Maquis Montaigne kämpfte nach ihren Angaben die größte Gruppe von Deutschen, die sich in der französischen Résistance zusammenfand, gemeinsam mit Franzosen und Menschen verschiedener Nationalitäten. Der bewaffnete Kampf nahm oft überraschende Formen an. So befreiten die Kämpfer eine Schafherde, die deutsche Soldaten requiriert hatten, trieben die Tiere in die Berge und gaben sie anschließend den Bauern zurück. Solche Aktionen halfen, die ländliche Bevölkerung auf die eigene Seite zu ziehen.

Dieser Kampf konnte aber auch sehr verlustreich sein, wie die Autorin am Beispiel der Zerschlagung der Gruppe Bir Hakeim im Mai 1944 schildert. Zugleich beschreibt sie – ausgehend von den Berichten der Überlebenden – den Beitrag des Maquis zur Blockade der Transportwege der Besatzer und den Anteil an der Befreiung der Stadt Nîmes, an der die deutschen Kämpfer als 104. Kompanie der FFI (Forces françaises de l’intérieur, deutsch: Französische Streitkräfte im Inneren) teilnahmen.

Erinnerung zwischen Ost und West

Spannend ist das abschließende Kapitel zur Erinnerungskultur. Hier wird deutlich, dass es – bei aller politischen Ambivalenz – die DDR-Geschichtsschreibung war, die diesen Teil des deutschen Widerstandes aufarbeitete. In Frankreich entwickelte sich erst langsam ein Verständnis für den deutschen Anteil an der Résistance, in der Bundesrepublik war die Beschäftigung damit vom virulenten Antikommunismus überlagert, sodass selbst der Rettungswiderstand keine Würdigung fand.

Dass sich das seit einigen Jahren ändert, konstatiert die Autorin. Ihr Buch leistet einen wichtigen Beitrag dazu, dieses neue Interesse materialreich und anschaulich zu stützen.