Der falsche Feind

geschrieben von Janka Kluge

3. November 2026

Sammelband vom »Budapest-Komplex« bis zur »Neuen Rechten«

Martin Schirdewan, Mitglied der Linken im EU-Parlament und der VVN-BdA, ist Herausgeber des kleinen Bandes »Der falsche Feind: Antifaschismus«. Die Texte reichen von sehr guten Analysen über die aktuellen faschistischen Bestrebungen bis zu Texten von inhaftierten Antifaschist*innen, die vom sogenannten Budapest-Komplex betroffen sind.

Hoffnung im Handeln

In einem schriftlich geführten Interview zwischen Schirdewan und Maja T. berichtet Maja vom Haftalltag. Schirdewan war auch mehrfach in Budapest, um als EU-Abgeordneter den Prozess zu beobachten. Die Fragen sind überraschend persönlich. Gleich am Anfang fragt er, was Maja gerne lesen würde. Neben Büchern, die Maja nennt, darunter mit »Momo« ein Buch aus den Kindertagen, kommt folgender Satz: »Ich beschließe, mir das aufzuheben für die Tage nach der Haft, für die Tage einer pilgernden Wanderschaft, nach der mir hier täglich Sehnsucht reift, genährt von Heim- und Fernweh, von dem Kampf gegen Trägheit und Monotonie. Wandern in Kulturlandschaften, an Rändern von Straßen, Bächen und Feldern, an Uferlinien und im Schutz von Berghängen, geleitet von den Tausenden Düften und den Versuchen, Antworten zu leben auf die Fragen nach Sein und Zeit, nach Verhältnissen und Beziehung. Ein romantischer Zukunftstraum, der mir hier den Überlebenswillen mit Kraft erfüllt, ähnlich jenen unter Daunendecken im Kinderbett, als Träume noch Träume waren und Waldwege wie Schnellstraßen kein Ende besaßen« (S. 18). Auf die Frage, wo Maja Hoffnung sieht, lautet ein Teil der Antwort: »Denn zum Trotz ist in mir Hoffnung, zuweilen auch Freud und Heiterkeit, denn ebendieses sagt mir, dass Erfahrenes in Mensch und Ort als Wissen und Sehnsucht bleibt. Ich sitze im Knast, und mir erscheint es heute, als sei Oberfläche immer komplex, Begreifen immer unsere Intention und Erleben immer Wirklichkeit, in der zwar Angst und Furcht sind, und doch sogleich auch unser Handeln. Und im Handeln verbirgt sich Hoffnung« (S. 28).

Martin Schirdewan (Hrsg.): »Der falsche Feind: Antifaschismus – Die Neue Rechte, Staat und Repression«, Dietz Verlag 2026, 164 Seiten, 16 Euro

Martin Schirdewan (Hrsg.): »Der falsche Feind: Antifaschismus – Die Neue Rechte, Staat und Repression«, Dietz Verlag 2026, 164 Seiten, 16 Euro

Von der Hoffnung im Handeln handelt auch der Beitrag über Hanna Schiller. Die Kunststudentin ist ebenfalls im Umfeld des »Budapest-Komplexes« verhaftet worden. Sie bekam für ihre Kunst mehrere Preise verliehen und wurde 2025 mit dem Bundeskunstpreis ausgezeichnet. Nach ihrer Verhaftung wurde der Preis »ruhend gestellt«. Auch in der Haft macht sie weiter Kunst, einige ihrer Arbeiten sind in dem Buch abgedruckt. Seit dem vierten Tag ihrer Haft gestaltet sie jeden Tag ein DIN-A4-Blatt, eine Art grafisches Hafttagebuch. Für Mitgefangene strickt sie Socken aus Zeitungspapier, die diese ihren geliebten Menschen in Freiheit schicken können.

Weitere Texte sind von Ilaria Salis, einer italienischen Lehrerin, die 2023 bei antifaschistischen Protesten gegen den »Tag der Ehre« in Budapest verhaftet wurde. Die Texte sind Übersetzungen aus ihrem in Italien erschienenen Buch »Vipera«. Während ihrer Haft in Ungarn wurde sie von dem links-grünen Parteienbündnis AVS als Kandidatin für das EU-Parlament aufgestellt und dann ins Parlament gewählt. Ebenfalls zum »Budapest-Komplex« gehört eine Analyse, die Matthias Monroy für das Buch geschrieben hat. Er schildert darin die verstärkte internationale Zusammenarbeit der Polizei.

Fritz Burschel legt in seinem Beitrag offen, wie der Kampf Trumps gegen die »Antifa« auch Einfluss in Europa hat. Natascha Strobl aus Wien schreibt über die Entwicklung der »Neuen Rechten«. Sie unterscheidet dabei mehrere Phasen, die die »Neue Rechte« von den Anfängen in den 1960er-Jahren in Frankreich bis heute durchlaufen hat. Neben der Verankerung beschreibt sie auch, wie es zu der Schnittmenge mit verschwörungsoffenen Milieus gekommen ist. Andreas Kemper ist auch in dem Buch mit einem Beitrag über den antifeministischen Kampf rechter Adelskreise vertreten. Es ist hier leider nicht möglich, auf alle Beiträge einzugehen.

Antifa im Netz

Einer sollte aber noch herausgehoben werden, weil er in der politischen Auseinandersetzung mit Rechten immer wichtiger wird: das Internet und die sozialen Medien. Die Kommunikationstrainerin Emily Laquer, die darauf spezialisiert ist, linke Aktivist*innen in Talkshows sprechfähig zu machen, schreibt über eine antifaschistische Online-Strategie. Zuerst analysiert sie den Erfolg rechter Parteien wie der AfD, die es wie keine andere Partei in Deutschland versteht, über soziale Medien Menschen zu erreichen und Wahlwerbung zu machen. Danach gibt sie Tipps für Antifa-Arbeit im Netz. Der wichtigste ist, auf Social Media zu bleiben und regelmäßig zu posten.

Abschließend ist in dem Band der »Appell an die Jugend« von Esther Bejarano und Peter Gingold abgedruckt. Der Text wurde als Vermächtnis der alten VVN-Kameradinnen und -Kameraden an die jüngere Generation in und außerhalb der VVN-BdA formuliert und 1997 zum 50-jährigen Bestehen der VVN-BdA veröffentlicht. Das Buch ist, obwohl es nur rund 160 Seiten hat, die notwendige antifaschistische Analyse der Gegenwart.

Im Jahr 2025 trat Maja aus Protest gegen die Haftbedingungen in Buda-pest 40 Tage lang in den Hungerstreik. Dazu ist nun eine 48-seitige Broschüre erschienen. Erhältlich unter solikomitee-maja@systemli.org