Alpha-Allianzen
3. November 2026
Julia Ebner zeigt, wie Gewalt und Dominanz zum Männlichkeitsideal werden
Julia Ebner ist eine Vorreiterin in der Auseinandersetzung mit digitalisierten Formen von Gewalt. Als Co-Geschäftsführerin des Institute for Strategic Dialogue beschäftigt sie sich seit vielen Jahren mit Verschwörungserzählungen und Hate Speech im Netz. In ihrem neuen Buch widmet sich die Wissenschaftlerin gewalttätigen und autoritären Männlichkeitsbildern und der Frage, warum diese weltweit so erfolgreich sind.
Dabei gibt Ebner Einblicke in sehr unterschiedliche Milieus, in denen auf Gewalt und Dominanz ausgerichtete Männlichkeit inszeniert wird. Muskeln, Fleisch und Geld sind die Währungen, die weltweit über Onlineplattformen und soziale Medien eingesetzt werden, um Macht, Follower oder Kameraden zu gewinnen. Von Gangkriminalität in Frankreich und Großbritannien über Fleisch-Influencer auf Instagram und Neonazi-Kampfsportevents in Deutschland bis zur US-amerikanischen »Manosphere« und den Razzien der Einwanderungsbehörde ICE – die Autorin zeigt deutlich, wie Männlichkeitsvorstellungen ins Extreme getrieben werden. Gerade jungen Männern bieten sie Orientierung und Halt, wobei die Grenze zu organisierter Kriminalität und extrem rechtem Terror verschwimmt.

Julia Ebner: Von Fitness zu Faschismus. Gefahren extremer Männlichkeit. Aus dem Englischen von Daniel Beskos, Matthias Strobel und Eva Regul. Suhrkamp Verlag, Berlin 2026, 296 Seiten, 22 Euro
ICE dient laut Ebner dem Aufbau einer paramilitärischen Truppe jenseits demokratischer Parlamentskontrolle – und soll damit Trumps Machtposition weiter ausbauen. Egal ob Donald Trump, Wladimir Putin, Tommy Robinson oder Andrew Tate: Gewalttätigkeit und gesellschaftliche Macht lassen sich nicht voneinander trennen. Es hilft jedoch, genauer hinzusehen und zu verstehen, warum autoritärer männlicher Nationalismus an Einfluss gewinnt.
Einen der Gründe sieht Ebner in technischen Entwicklungen und neuen Zugängen. Über soziale Medien, interne Chatgruppen und eigene Foren lassen sich Inhalte schnell verbreiten. Zugleich entstehen neue Formen digitalisierter Gewalt: KI-generierte Deep-fakes (manipulierte Bilder, die meist Frauen nackt und in erniedrigenden Zusammenhängen zeigen), Sextortion (Erpressung mit kompromittierendem Bildmaterial) oder Gruppen, in denen sich Männer über Vergewaltigungen austauschen. So befeuern neue Technologien immer neue Formen gewalttätiger Männlichkeit – und all das ist schon für Kinder und Jugendliche zugänglich.
Verknüpft mit ihrer eigenen Erfahrung im Kung-Fu zeigt Ebner, dass in den derzeit populären Männlichkeitsbildern nicht die Arbeit an sich selbst, Güte und Großherzigkeit als Stärke zählen. Diese »Alpha-Allianzen« verstehen Stärke vielmehr als Dominanz, Machtanspruch und Gewalt. Der letzte Teil des Buches widmet sich Lösungsansätzen und notwendigen Veränderungen bei Männlichkeitsbildern und in der Gesetzgebung. Ebner zeigt an Beispielen, wie fürsorgliche Männlichkeit nicht nur Männer stärkt, sondern auch deren Kinder. Ebenso helfen Technologien, die dem Ansatz »safe by design« oder der Idee eines »Bridging Algorithm« folgen – also Algorithmen, die gezielt versuchen, inhaltliche Gräben und Polarisierung in sozialen Medien zu überbrücken.
Lediglich die mitunter biologistischen Erklärungen zu Verhalten und Hormonen sowie die Vergleiche mit dem Sozialverhalten im Tierreich wirken stellenweise fehl am Platz. Trotz der oft erschreckenden Beispiele bietet das Buch Einblicke in aktuelle Entwicklungen und Forschung. Es spricht damit sowohl Expert*innen an als auch Menschen, die sich zum ersten Mal mit dem Zusammenhang von Faschismus, Autokratie und Männlichkeit auseinandersetzen.






























