Gegen Räte und Nazis

geschrieben von Peter Nowak

3. November 2026

Willi Buisson: Über einen rechten Sozialdemokraten, den die Nazis ermordeten

Ein unbekanntes Opfer des NS-Terrors ist Willi Buisson nicht. »Der 1. Senat des ›Volksgerichtshofs‹ verurteilt ihn am 26. April 1940 wegen ›Landesverrats und Vorbereitung zum Hochverrat‹ zum Tode. Willi Buisson wird am 6. September 1940 im Strafgefängnis Plötzensee ermordet«, heißt es im Totenbuch der Gedenkstätte Plötzensee. Dem Historiker und Politikwissenschaftler Rüdiger Zimmermann gelingt es, Buisson in seiner Biografie auch für Leser*innen interessant zu machen, die bisher wenig von ihm gehört haben.

Im ersten Kapitel widmet sich Zimmermann unter der Überschrift »Familiengeschichte Buisson« den Vorfahr*innen bis zurück zur Badischen Revolu-tion von 1848. Sogar eine Ahnentafel findet sich in dem Buch. Doch Willi Buisson, 1892 im badischen Emmendingen geboren, verlegte seinen Lebensmittelpunkt bald nach München. Dort politisierte er sich an der Seite des bayerischen SPD-Politikers Erhard Auer. Wie Auer vertrat auch Buisson im Ersten Weltkrieg unkritisch die Politik des Burgfriedens mit den herrschenden Kreisen Deutschlands.

»Sozialdemokraten, die sich in dieser historischen Rolle sahen, gehörten durchweg zum rechten Flügel der Partei«, benennt Zimmermann das Umfeld, in dem sich Buisson bewegte. Der sozialdemokratische Historiker Carsten Voigt hat dieses politische Milieu präziser charakterisiert: »Das später gegründete Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold bot den jungen Rechten in der Partei eine ideale Bühne, um militante Wehrhaftigkeit und staatsnahe Politik dialektisch zu vereinen«, zitiert Zimmermann Voigt.

Wie sein Mentor Auer war auch Buisson ein strikter Gegner der bayerischen Räterepublik, an deren Niederschlagung er sich beteiligte. Über die Massenmorde an Münchner Arbeiter*innen nach dem Einmarsch der auch von Auer unterstützten Konterrevolution können wir in Ernst Tollers Bericht »Eine Jugend in Deutschland« viel erfahren. »Leider fehlen alle Hinweise, wie Willi Buisson die blutige Niederschlagung der Räteregierung, die für die Münchner und bayerische SPD so verheerende Folgen hatte, in der Retrospektive persönlich eingeschätzt hat«, konstatiert Zimmermann. Zu diesen Folgen gehört auch die Errichtung eines autoritären Ordnungsstaates in Bayern. Unter dessen Dach konnte die damals noch kleine NSDAP ihren Putsch vorbereiten, der am 9. November 1923 scheiterte. Alle als links gelabelten Kräfte hingegen waren in der rechten Ordnungszelle Bayern nach 1919 mit Repression konfrontiert.

Rüdiger Zimmermann: Willi Buisson (1892–1940). »… einer der gefährlichsten Feinde des nationalsozialistischen Deutschland«, Metropol-Verlag, Berlin 2026, 384 Seiten, 24 Euro

Rüdiger Zimmermann: Willi Buisson (1892–1940). »… einer der gefährlichsten Feinde des nationalsozialistischen Deutschland«, Metropol-Verlag, Berlin 2026, 384 Seiten, 24 Euro

»Gewalt und Bedrohungen nahmen seit den frühen 1920er-Jahren gegen prominente Sozialdemokraten beider Parteirichtungen in der bayerischen Landeshauptstadt bedrohlich zu«, beschreibt Zimmermann, dass nicht nur linke Mitglieder der USPD, sondern auch rechte Sozialdemokrat*innen bedroht waren. Im Kapitel »Sozialdemokratische ›Notwehr‹ gegen Rechtsextremismus« erfahren wir von Attentaten auf bekannte bayerische Sozialdemokrat*innen ebenso wie von Veranstaltungsverboten durch die staatlichen Behörden.

Nach einem Attentatsversuch auf Auer im November 1921 beteiligte sich auch Buisson an Aktionen gegen die Rechten. In den frühen 1920er-Jahren baute er eine Sicherheitsabteilung der Münchner SPD mit auf, die mit reichlich militaristischem Pathos und den Farben Schwarz-Rot-Gold warb. Diese sozialdemokratische Wehrorganisation sollte Einrichtungen von Partei und Gewerkschaften vor Angriffen der Rechten schützen. Buisson drohten deswegen eine Anklage und sogar die Ausweisung aus Bayern. Dabei standen die Wehrverbände wie später das Reichsbanner in klarer Frontstellung zu allen Organisationen links der SPD; in der KPD sahen sie ebenso einen Feind wie in den völkischen Rechten.

Von dieser antikommunistischen Frontstellung, die Buissons Agieren am rechten Flügel der SPD prägte, soll er erst in den 1930er-Jahren abgerückt sein. Zu dieser Zeit versuchte er im tschechoslowakischen Exil, eine auch militärische Option gegen den deutschen Faschismus aufzubauen. Zimmermann beschreibt, wie Buissons Versuche, gegen den Nationalsozialismus vorzugehen, scheiterten. Dazu gehörte ein von der Exil-SPD finanzierter Anti-Nazi-Sender, der aus dem tschechoslowakischen Grenzgebiet nach NS-Deutschland ausstrahlen sollte. Ein NS-Spitzel sabotierte das Vorhaben.

Über Buissons zunehmend unglückliches Agieren im Exil, wo er sich auch in der SPD immer mehr Feinde machte, erfahren wir bei Zimmermann viel. Schließlich entschloss sich Buisson, für den tschechoslowakischen Staat zu arbeiten. Bei einer dilettantisch vorbereiteten Aktion wurde er im bereits von Deutschland besetzten Österreich verhaftet. Einige Mitarbeiter machten bei Gestapo-Verhören Aussagen, die Buisson belasteten. Nachdem die Wehrmacht erst Teile der Tschechoslowakei und bald das ganze Land besetzt hatte, fielen den Nazis weitere belastende Unterlagen in die Hände. Im letzten Brief an seine Mutter wenige Stunden vor seiner Hinrichtung schreibt er, er gehe in den Tod »getreu meiner Weltanschauung und meiner Überzeugung über Partei, Reichsbanner und Emigra-tion«. Zimmermann liefert eine gut lesbare Biografie, die die Widersprüche nicht verkleistert.