Neue Staaten, neue Geschichte
3. November 2026
Gedenkstättenbeiträge zu Nationalismus und Opferkonkurrenz in Osteuropa
Nach 1989 gründeten sich in Osteuropa, teils nach blutigen Kriegen, postkommunistische Staaten – etwa auf den Gebieten Jugoslawiens, der Tschechoslowakei und der Sowjetunion. Mit ihnen wandelte sich auch der Blick auf die Vergangenheit grundlegend. Diesem Wandel widmet sich die sechste Ausgabe der jährlich von verschiedenen Gedenkstätten herausgegebenen Reihe »Beiträge zur Geschichte der nationalsozialistischen Verfolgung«: »Geschichtspolitische Umbrüche im postsozialistischen Europa. Auswirkungen auf die Erinnerungskultur«.
Das Heft enthält zwölf Beiträge, davon zwei in englischer Sprache. Es beginnt mit einem Überblick über die von Nationalisierung, Geschichtsumdeutung und Opferkonkurrenz geprägte Entwicklung der Erinnerungskulturen im postsozialistischen Europa nach 1990: Ljiljana Radonić schildert – auch anhand verschiedener Museen – die Veränderungen, denen diese vonseiten unterschiedlicher Akteur*innen ausgesetzt sind. Zum einen müssen Ansprüche erfüllt werden, die etwa durch den Beitritt zur EU und damit zum Raum einer imaginären »gemeinsamen, europäischen Erinnerung« entstehen; zum anderen gedeihen Nationalismus und das Verschweigen von Kollaboration. Ähnliches berichtet die bekannte Osteuropahistorikerin Katja Makhotina in ihrem ebenfalls sehr lesenswerten Beitrag über Russland, Belarus und die drei baltischen Staaten. Eva Hasel befasst sich mit Kroatien, Serbien und Bosnien-Herzegowina.
Stephan Lehnstaedt beschreibt die Umbrüche in der polnischen Erinnerungspolitik und Gedenk(stätten)kultur nach 1990 einschließlich ihrer Auswirkungen auf Deutschland. Hier scheint das Motiv der russischen Besatzung und des Verrats am polnischen Volk, etwa durch den Hitler-Stalin-Pakt, das der deutschen Verbrechen während des Nationalsozialismus abzulösen.
Dargestellt werden auch Herausforderungen für Gedenkstätten und Museen in Deutschland, die sich mit den an Menschen aus dem östlichen und südöstlichen Europa begangenen NS-Verbrechen befassen: Ausstellungen werden überarbeitet, Gedenkzeichen um neue Nationen ergänzt. Jörg Morré leitet das Museum Karlshorst, das aus einem Militärmuseum der sowjetischen Truppen in der DDR entstand und lange als Deutsch-Russisches Museum Karlshorst firmierte. Er beschreibt, wie sich das Museum und seine Perspektive verändert haben, als aus der Sowjetunion 15 Nationalstaaten hervorgingen.
Der Band bietet einen guten Einstieg in die Auseinandersetzung mit den geschichtskulturellen Transformationen in all diesen Ländern und ihren vielen Aspekten. Er zeigt zum einen, dass Geschichtskultur und Erinnerungspolitik im postkommunistischen Europa stark staatlich beeinflusst sind; zivilgesellschaftliche Akteur*innen, die es vor und nach 1989/90 durchaus gab und gibt, scheinen derzeit wenig Bedeutung zu haben. Zum anderen wird deutlich, dass sich alle heutigen Staaten Ostmitteleuropas in ihrem Blick auf die Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts mit der Sowjetunion und Russland auseinandersetzen (müssen).
Axel Drecoll und Oliver von Wrochem (Heftverantwortliche): Geschichtspolitische Umbrüche im postsozialistischen Europa. Auswirkungen auf die Erinnerungskultur. Beiträge zur Geschichte der nationalsozialistischen Verfolgung 6 (2025). Wallstein Verlag, Göttingen 2025, 211 Seiten, 22 Euro






























