Schlussstrich im Stadtrat

geschrieben von AKuBiZ

4. November 2026

Keine Stolpersteine mehr in Heidenau

Im Februar 2026 haben wir noch gefragt: »Keine weiteren Stolpersteine in Heidenau mehr?« Nun ist dies vorerst leider Realität geworden.

In Heidenau gibt es bereits fünf Stolpersteine – für den bis 1933 amtierenden Bürgermeister Paul Gröger und die jüdische Familie Reiner. Anfang 2025 stellten wir beim damaligen Bürgermeister Jürgen Opitz einen Antrag zur Verlegung zwölf weiterer Stolpersteine und boten an, die Kosten zu übernehmen. Auf unsere ersten Nachfragen ab Oktober 2025 wurden wir mehrmals vertröstet.

AfD-Initiative durch CDU aufgegriffen

Im Dezember 2025 brachte die AfD-Fraktion einen Antrag in den Stadtrat ein, dass zukünftig keine Stolpersteine mehr verlegt werden dürfen. Laut Aussagen von Daniel Barthel (AfD) in der taz gingen die CDU und die BOD (Bürgerinitiative Oberelbe für mehr Demokratie) auf die AfD zu und baten diese, den Antrag zurückzuziehen und einen gemeinsamen Antrag einzubringen. Nachfragen und Gesprächsangebote durch uns und auch den Regionalverband der VVN-BdA blieben unbeantwortet.

Am 24. September 2026 beschloss der Stadtrat in Heidenau nach hitziger Debatte in geheimer Abstimmung mit Zweidrittelmehrheit die Annahme des interfraktionellen Antrages der BOD, CDU und AfD, in Heidenau keine weiteren Stolpersteine zu verlegen und stattdessen eine Gedenkfläche auf dem Nordfriedhof zu schaffen. Die Stadtverwaltung Heidenau hatte die Beschlussvorlage vorher kritisch bewertet: Die Gedenkfläche könne die Wirkung der Stolpersteine nicht ersetzen, es fehle an Finanzierung, einem Konzept und letztlich an der Erfüllung der denkmalrechtlichen Anforderungen.

Verdrängung und Verharmlosung

Die vorgetragenen Argumente gegen Stolpersteine in der Beschlussvorlage sind vorgeschoben. Es gibt unterschiedliche Auffassungen dazu, ob ein mögliches Betreten der Stolpersteine ein würdiges Gedenken darstellt. In München wurde die Kritik aufgegriffen und 2015 ein alternatives Konzept beschlossen, das seit 2018 umgesetzt wird. Ein solches dezentrales Gedenken ist in dem Beschluss für Heidenau jedoch nicht vorgesehen. Es ist unglaubwürdig, dass nach dem großen medialen Echo nun behauptet wird, an so einem Konzept werde gearbeitet – von unserer Antragstellung bis zum Beschluss wäre ausreichend Zeit dafür gewesen. Es scheint, als würde im Nachhinein versucht, den Beschluss irgendwie nachvollziehbar zu machen. Doch das ist er nicht.

Auf dem Heidenauer Nordfriedhof existiert bereits ein Gedenkort, an dem der Opfer des Nationalsozialismus gedacht wird. Dieser Gedenkort wurde nicht mitbedacht. Wir stellen uns die Frage, ob die vorgeschlagene Alternative denn tatsächlich gewollt war oder nur als vage Ausweichmöglichkeit herhalten musste.

Hinzu kommt, dass eine gemeinsame Gedenkfläche für »alle Opfer von Krieg, Terror, Diktaturen, Vertreibung und insbesondere des Nationalsozialismus in Heidenau« die unterschiedlichen historischen Zusammenhänge vermischt. Werden jüdische Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung gemeinsam mit Kriegsopfern, Vertriebenen und Opfern anderer Diktaturen unter einer übergreifenden Opferkategorie zusammengefasst, droht die spezifische Geschichte der Schoah hinter einer allgemeinen Erzählung von Krieg, Gewalt und Leid zurückzutreten. Zudem verwischt die Grenze zwischen Opfern und Tätern.

Geschichtsrevisionistische Vergleiche

Dass es aber genau solche Blicke auf die Geschichte sind, die zur Entscheidung im Heidenauer Stadtrat geführt haben, zeigen Aussagen von Stadträten: von der Befürchtung »vergoldeter Straßen« über an Stolpersteine angelehnte Gedenkplatten für Dresdner Bombenopfer bis hin zum Vergleich jüdischer Opfer mit Wehrmachtssoldaten.

Ziel der AfD und ihres Antrages ist die Umsetzung der von Björn Höcke ausgerufenen »erinnerungspolitischen Wende um 180 Grad«. Der Beschluss zeigt, was passiert, wenn rechtsextreme Parteien in demokratischen Parlamenten Themen setzen und beschließen. Die CDU und die BOD, die den Antrag miteingebracht haben, tragen diese Entwicklung mit und machen sich zu willigen Helfer:innen der AfD-Politik. Es ist deswegen auch kein mediales Zerrbild, wie es die Bürgermeisterin behauptet, dass sich gegen diesen Beschluss breiter Widerstand gebildet hat. Es ist die einzige Möglichkeit, diesen Vorgang nicht ohne Weiteres hinzunehmen. Denn wenn durch einen Stadtrat bestimmt wird, wie an die Opfer des Nationalsozialismus erinnert und ihrer gedacht wird, wird demokratischer Erinnerungskultur eine Absage erteilt. Wir begrüßen es, dass nun geprüft wird, ob der Stadtratsbeschluss überhaupt rechtmäßig ist. Es bleibt abzuwarten, wie die nächsten Stadtratssitzungen zu diesem Thema verlaufen. Wir werden uns weiterhin für ein würdiges Erinnern einsetzen.

Zwei Jahre lang hatten Schülerinnen des Herder-Gymnasiums Pirna die Verlegung vorbereitet. Gesetzt hat die Steine Gunter Demnig, der Kölner Künstler, der die Stolpersteine in den 1990er-Jahren ins Leben gerufen hat. Heute liegen über 100.000 davon in ganz Europa. Eine der Schülerinnen sagte nach der Verlegung: »Erst durch das Projekt haben wir uns intensiver mit der Geschichte unserer Region auseinandergesetzt. In der Schule lernt man zwar auch viel über den Nationalsozialismus, aber erst in der AG haben wir konkret auf unsere Umgebung geschaut und uns mit den Familien beschäftigt, die damals hier gelebt haben. Das hat mich schon sehr bewegt. Und jetzt zu sehen, wie schön die Steine hier aussehen, ist wirklich toll.« Dieses Zitat zeigt, weshalb wir weiterhin zum Konzept der Stolpersteine stehen: Sie ermöglichen eine individuelle Erinnerung und machen Opfer des Nationalsozialismus im unmittelbaren Lebensumfeld sichtbar.

 

Wir danken dem AKuBiZ aus Pirna, das diesen zuerst auf seiner Website erschienenen Beitrag für uns überarbeitet und aktualisiert hat. Der ehrenamtlich getragene Verein engagiert sich seit Jahren in der Sächsischen Schweiz gegen Neonazis und für eine lebendige Erinnerungskultur. akubiz.de