Krieg auf Raten

geschrieben von Ben Müller

4. November 2026

Die Rede von »hybriden Angriffen« dient vor allem der Aufrüstung

In der Nacht zum 5. August wurde am Flughafen Leipzig/Halle eine mit Sprengstoff bestückte Drohne neben einer ukrainischen Antonow-Frachtmaschine entdeckt. Der Sprengsatz zündete nicht. Anfang September machte die Bundesregierung Russland verantwortlich: Sie schloss das russische Generalkonsulat in Bonn, kündigte den Vertrag für das Russische Haus in Berlin und will den Druck auf die russische »Schattenflotte« erhöhen. Spätestens seit diesem Zeitpunkt ist »hybride Kriegsführung« das Schlüsselwort deutscher Sicherheitspolitik – für einen Zustand, in dem kein Krieg herrscht, aber auch kein Frieden mehr.
In einem Ende Oktober erschienenen Beitrag hält Ben Müller von der Informationsstelle Militarisierung (IMI) solche Gefahren nicht für erfunden. Ihn stört, wozu das Schlagwort dient: Es liefere den Vorwand für Wehrpflicht, Aufrüstung und mehr Geheimdienstbefugnisse, rechtfertige Kürzungen im Sozialen und dränge kritische Stimmen an den Rand.
Blind sei die Debatte für das eigene Handeln. Wenn Deutschland ukrainische Kampfpilot:innen ausbildet, Aufklärungsdaten weitergibt oder dem BND künftig erlauben will, Cyberangriffe mit Gegenangriffen zu beantworten, spreche niemand von hybrider Kriegsführung. Beide Seiten deklarierten ihr Vorgehen als Antwort auf den Gegner – aus Antwort und Gegenantwort werde eine gefährliche Spirale.

Wie sie sich dreht, zeigt Müller am Streit um russisches Öl: Weil EU und G7 eine Preisobergrenze verhängten, wich Moskau auf veraltete Tanker aus. Inzwischen setzen westliche Marinen einzelne dieser Schiffe fest, Russland lässt sie von Kriegsschiffen eskortieren. Die Berliner Antwort auf Leipzig setzt genau hier an – Wladimir Putin sprach prompt von einem »schweren Fehler«. Bei zerstörten Seekabeln werde zudem oft vorschnell ein russischer Auftrag unterstellt. Widersprüchlich findet Müller auch, dass Russland einerseits als militärisch erschöpft gilt, andererseits ein Angriff auf die NATO bis 2029 befürchtet wird.
Sein Fazit: Wer alles zur hybriden Bedrohung erklärt, schürt Furcht und Revanchegelüste und ebnet den Weg in einen offenen Krieg. Nötig seien Selbstkritik der westlichen Staaten und diplomatische Initiativen statt »Kriegstüchtigkeit«. (red)

IMI-Standpunkt 2026/60 von Ben Müller auf imi-online.de