Zwei Lehren aus zweimal Blau
4. November 2026
Wo die AfD auf ein Gegenangebot trifft, verliert sie an Boden
Bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt am 6. September und in Mecklenburg-Vorpommern am 20. September ist die AfD mit 43,8 und 38,2 Prozent jeweils stärkste Kraft geworden. Die angestrebte absolute Mehrheit für eine Alleinregierung hat sie in beiden Ländern verfehlt. Doch bei ähnlicher Ausgangslage gehen die Ergebnisse weit auseinander – und mit ihnen die Lehren für den Antifaschismus.
Frau gegen Blau in MV
In Mecklenburg-Vorpommern musste die AfD trotz 32 Landtagssitzen ihren Regierungsanspruch schon am Tag nach der Wahl begraben. Bei einer Wahlbeteiligung von 78,1 Prozent (2021: 70,8) verdankt sie ihren größten Zuwachs früheren Nichtwähler:innen. Von rund 100.000 neu Mobilisierten gingen 67.000 Stimmen an sie. Hinzu kamen 47.000 frühere SPD-, 30.000 CDU-, 18.000 FDP- und 9.000 Linke-Wähler:innen. Die SPD konnte dagegenhalten: Mit einem ganz auf Schwesig zugeschnittenen Wahlkampf kam sie auf 35,5 Prozent und verdoppelte damit fast ihre Umfragewerte von vor einem Jahr – auch zulasten der bisherigen Koalitionspartnerin Die Linke, die im Duell »Frau gegen Blau« zwischen Manuela Schwesig und AfD-Herausforderer Leif-Erik Holm ein Drittel ihrer Wähler:innen verlor. Die CDU flog erstmals in ihrer Geschichte aus einem Landtag, auch BSW und die Ein-Prozent-Partei FDP scheiterten an der Fünfprozenthürde. Grüne und Linke, die ebenfalls Stimmen verloren, kommen auf je fünf Sitze. Gemeinsam mit der SPD übertreffen sie die AfD als einzige verbliebene Opposition um sieben Sitze und können eine stabile Regierung für fünf Jahre bilden. Die Grünen-Spitzenkandidatin Claudia Müller, einst Staatssekretärin im Bund, hat Chancen auf ein Ministerium, Die Linke dürfte eines verlieren.
Das Land ist gespalten: Die SPD gewann fast alle Städte ab 40.000 Einwohner:innen, die AfD fast alle übrigen Wahlkreise, in Vorpommern teils mit über 50 Prozent. Vieles spricht dafür, dass die bislang vergleichsweise gemäßigt auftretende AfD-Fraktion in der Rolle der einzigen Opposi-tion weiter nach rechts rückt. Mit 32 von 71 Sitzen verfügt sie über eine Sperrminorität. Mit ihrem Anspruch auf das Präsidentenamt ist sie jedoch gescheitert: Die SPD-Politikerin Birgit Hesse konnte ihre Position als bisherige Landtagspräsidentin bei der konstituierenden Sitzung des neuen Parlaments am 20. Oktober gegen AfD-Herausforderer Carlos Dias Rodrigues erfolgreich verteidigen. Dennoch wird die AfD ihre Positionen mit viel Einfluss und Geld in den kommenden Jahren absehbar ausbauen.
Sachsen-Anhalt: Hoffnung von rechts
In Sachsen-Anhalt lief es ganz anders. Mit 43,8 Prozent (plus 23 Prozentpunkte) und 38 von 41 Direktmandaten1 ist die AfD die unangefochtene Siegerin, sie hält 39 der 83 Sitze. Die CDU fuhr mit 17,2 Prozent (minus 19,9) ihr historisch schlechtestes Ergebnis ein. SPD und Grüne dürften mit der Kampagne »Taktisch wählen!« zwar Stimmen von der Linken geholt haben, für eine lagerübergreifende Mobilisierung reichte es nicht. CDU, SPD, Grüne und Linke kommen zusammen ebenfalls auf 39 Sitze. Damit fällt dem BSW als kleinster Fraktion mit fünf Sitzen die Schlüsselrolle zu. Dass es die Zusammenarbeit mit der AfD nicht meidet, sondern sucht, hat es längst gezeigt: Es verhalf Tobias Rausch (AfD) ins Amt des Landtagspräsidenten und Hans-Thomas Tillschneider ins Präsidium. Mit der AfD setzte es zudem eine Sondersitzung durch. Die Brandmauer in Magdeburg ist gefallen, bevor ein Ministerpräsident gewählt ist. Wie mit BSW-Mitgliedern umzugehen ist, sollte es zu einer engen Kooperation kommen, wird derzeit debattiert.2 Ulrich Siegmund will sich noch vor Weihnachten zur Wahl stellen – aber nur, wenn ihm die nötigen 42 Stimmen sicher sind.
Eine ausführliche Analyse der AfD, ihrer Akteure und Positionen hat Lukas Wanke für den sachsen-anhaltischen VVN-BdA-Landesverband schon im Wahlkampf vorgelegt.3 Für die rund 500.000 AfD-Wähler:innen war aber nicht das Programm entscheidend, sondern ein Gefühl von »Hoffnung« und »Aufbruch« sowie die Identifikation mit Spitzenkandidat Siegmund – gut nachzuvollziehen in den Videos rechter Streamer. Zugleich veranstaltete die AfD Simson-Ausfahrten und Familienfeste, möglicherweise unzulässig aus Fraktionsmitteln finanziert. Sie waren Machtdemonstration nach außen und stifteten Gemeinschaft nach innen. Anders als in Mecklenburg-Vorpommern kam es nicht zur Polarisierung – wohl auch, weil die AfD seit einem Jahr mit deutlichem Abstand bei rund 40 Prozent in den Umfragen lag und keine andere Partei in der Fläche eine ähnliche, aber entschieden andere Gemeinschafts- und Aufbruchsstimmung erzeugen konnte.
Beide Wahlen zeigen eine fortschreitende Faschisierung, die auch anderen Ländern droht. Und sie zeigen: Wo der AfD Zuspitzung und Mobilisierung entgegenstehen, lässt sie sich vorerst von der Macht fernhalten. Eine demokratische Mehrheit lässt sich dabei nur ohne die CDU organisieren, und auch das BSW kann man nicht einfach hinzuzählen. Wer der AfD nicht das Feld überlassen will, muss selbst »Veranstalter von Gesellschaft« werden. Weil das den Parteien offenbar nicht gelingt, liegt diese Aufgabe auch bei uns Antifaschist:innen.4 Axel Holz und Kolja Quensel
Egal, wer kandidiert
Wen die AfD aufstellte, spielte in MV vielerorts kaum eine Rolle. In Rostock lag ein AfD-Kandidat, ein verurteilter Bankräuber, mit dem dreifachen Stimmenergebnis vor CDU-Spitzenkandidat Daniel Peters. Neben dem bisherigen Fraktionschef Enrico Schult zieht auch Thore Stein aus dem völkisch-nationalistischen Netzwerk der Partei gestärkt in den Landtag ein. Unterstützt wird er vom besonders weit rechts stehenden Kreisverband Rügen um den früheren NPD-Kader Daniel Seifert.
1 Zwei Direktmandate in Halle (Saale) und eines in Magdeburg gingen erfreulicherweise an Kandidat:innen der Linken.
2 Statement des VVN-BdA-Landesverbands Sachsen-Anhalt: sachsen-anhalt.vvn-bda.de
3 Broschüre »Warum die AfD verboten werden muss – eine Auswertung mit
Blick auf Sachsen-Anhalt«:
t1p.de/BroschuereAfDVerbotLSA
4 »Mobilisieren? Ignorieren? – Notizen zum Podiumsgespräch ›Wie stoppen wir die AfD in Ostdeutschland?‹«, in: antifa, Nov. 2023
Erklärung der VVN-BdA zur Wahl von Tobias Rausch und Stellungnahme des Bundesausschusses »Warnung an das BSW«. Beides auf vvn-bda.de.






























