Ein Name, der Opfer verhöhnt

geschrieben von Sophie Lierschof

9. November 2025

Asperger gehört in die Aufarbeitung der NS-Medizinverbrechen, nicht in eine Diagnose

Historische Forschungen zeigen, was längst bekannt sein müsste: Der Kinderarzt Hans Asperger begutachtete in der NS-Zeit Kinder, die er für »nicht bildungsfähig« und »nicht verwertbar« hielt, und schickte sie bewusst in die Wiener Kinderfachabteilung Am Spiegelgrund. Seine Beobachtungen an autistischen Kindern ordnete er danach, ob eine Eigenschaft der Gesellschaft nütze oder schade. Wenn er eine Belastung sah, überstellte er seine Patient*innen wissentlich in den Tod.

Asperger war zwar wohl kein überzeugter Nazi, aber ein ideologischer Rassenhygieniker. Er vertrat eine pseudowissenschaftliche Lehre, die vorgab, die »Erbgesundheit« zu verbessern, tatsächlich aber Zwangssterilisationen und Morde rechtfertigte. Von seinem Vorgesetzten Franz Hamburger übernahm er diese Haltung. Gemeinsam mit Hamburger, Erwin Jekelius und weiteren NS-Tätern gründete er die »Heilpädagogische Gesellschaft«, die steuern sollte, wie mit schwer behinderten Kindern im Sinne der Rassenhygiene umzugehen sei. Ein Name, der Opfer verhöhnt weiterlesen »

Lückenhaft, aber notwendig

geschrieben von Brigitte und Gerhard Brändle

9. November 2025

Biographien von Deutschen in der Résistance

In der Veröffentlichung »Deutsche in der Résistance« befasst sich die Autorin Sophie Schiffer-decker mit einem bislang weitgehend verschwiegenen Bereich des Widerstands gegen den NS-Terror in Europa, nämlich mit der Beteiligung von Menschen aus Deutschland an der Résistance in Frankreich 1940 bis 1944.

Der Titel weckt hohe Erwartungen: Wer waren die Menschen, die es wagten, dem Rad der NS-Mordmaschine in die Speichen zu fallen? Wo kamen sie her? Wo fanden sie Unterschlupf in Frankreich? Aus welchen Motiven entschlossen sie sich, Sand ins Getriebe der Nazibesatzung zu werfen? Mit wem arbeiteten sie zusammen? Mit welchen Methoden kämpften sie? Konnten sie Erfolge erzielen und/oder Leben retten? Erhalten sie endlich Namen, Gesicht und Geschichte? Lückenhaft, aber notwendig weiterlesen »

Erinnern als Praxis

geschrieben von Ulrich Schneider

9. November 2025

Wie Kunst, Migration und plurale Perspektiven das Gedenken verändern

Es ist keine spezifische Fragestellung der VVN-BdA, wie es gelingt, die historische Erinnerung an kommende Generationen weiterzugeben und mit Nachgeborenen zu organisieren. Dabei geht es nur bedingt um die historischen Inhalte, sondern auch um Perspektiven, Diversität und Medien.

Gesellschaftliche Wiederaneignung

Ein interessantes Projekt präsentierte in diesem Jahr der Wiener Mandelbaum-Verlag mit seinen verschiedenen Aufrufen für plurales Erinnern. Ausgehend von dem historischen Ort eines Wiener Bunkers, um dessen Nachnutzung bzw. gesellschaftliche Wiederaneignung es seit geraumer Zeit künstlerische und soziale Initiativen gibt, finden sich in dem Band »Erinnern in Zukunft« Überlegungen und Best-Practice-Beispiele im Umfeld einer umfassenden gesellschaftlichen Erinnerung. Beteiligt waren Mitwirkende aus den Bereichen Kunst, Aktivismus, Wissenschaft und verschiedenen gesellschaftlichen Kontexten. Sie machten »plurale Perspektiven auf Erinnerung durch künstlerische Produktionen, Forschung, Diskursformate und partizipative Projekte sichtbar« (S. 194). Erinnern als Praxis weiterlesen »

Vernachlässigt

geschrieben von Bernd Hüttner

9. November 2025

Studie zu Erinnerung in der DDR an die Shoah

Alexander Walthers voluminöses Buch untersucht den Umgang mit der Erinnerung an die Shoah in der DDR. Das Wort »Shoah« wurde dort nicht verwendet. Walther, ein 1989 geborener wissenschaftlicher Mitarbeiter der Unis Erfurt und Jena, fragt, ob und wie Überlebende ihre Verfolgungserfahrungen als Juden und Jüdinnen sowie ihre bewusst antifaschistischen Überzeugungen vereinbaren und unter den Bedingungen des Staatssozialismus thematisieren konnten. Welche Rolle spielten jüdische Überlebende in der DDR also in der »kulturellen Auseinandersetzung« mit der Shoah und dem NS beziehungsweise, welchen Platz konnten sie einnehmen?

Methodisch geschieht die Bearbeitung dieser Fragen, indem Walther etliche von ihm als relevant erachtete Personen herausgreift und näher beschreibt. Er liefert keine Biographien von ihnen, sondern schildert ihre Erfahrungen, Erlebnisse und ihre oftmals von Eigensinn geprägten Handlungen in der DDR. Ausgehend von Nachlässen und Ego-Dokumenten (Tagebücher etc.) zeichnet er die Handlungsoptionen und Motivationen vor allem jüdischer vereinzelt auch nicht-jüdischer AkteurInnen nach. Vernachlässigt weiterlesen »

Empathieblockaden

geschrieben von Janka Kluge

9. November 2025

Ein Essayband über Shoa, Holocaust und Nakba sucht Verständigung

Der Berliner Arabist Ruben Schenzle hat den kleinen Essayband »Fiktive Grenzverletzung« vorgelegt, mit dem er die »Zusammenhänge zwischen Shoa, Nakba, Holocaust« auszuleuchten versucht. Der Essay besteht aus mehreren Teilen. Zum einen beschreibt Schenzle seinen persönlichen Zugang zu dem Thema. Er ist in Leonberg, einer Kleinstadt bei Stuttgart, aufgewachsen. Er erinnert sich, wie sein Vater immer wieder mit den Großeltern über die persönliche Verantwortung für die Verbrechen des NS-Regimes diskutierte. Aus diesen Diskussionen entstand bei ihm ein antifaschistisches Grundverständnis, das bis heute anhält. Empathieblockaden weiterlesen »

Kontinuitätslinien

geschrieben von Axel Holz

9. November 2025

Unerwünschte Opfer: Verfolgte des Naziregimes in Westdeutschland

In ihrem Buch »Unerwünscht« beleuchtet die renommierte Historikerin Stefanie Schüler-Springorum den westdeutschen Umgang mit den Verfolgten des Naziregimes. Es wirft einen anderen Blick auf die vermeintliche Erfolgsgeschichte der Deutschen bei ihrer Vergangenheitsbewältigung, die auch im Ausland immer wieder betont wird. Zu Wort kommen Naziopfer, die nach 1945 erneut Ausgrenzung und Diskriminierung ausgesetzt waren. Auf 200 Seiten zeigt die Autorin eine Geschichte westdeutscher Demokratie auf, die wenig mit einem fortschrittlichen Umgang mit Geschichte zu tun hat. Kontinuitätslinien weiterlesen »

Das innere Imperium

geschrieben von Thomas Hacker

9. November 2025

Verstehen, wie Russland tickt

Im Kontext des russischen Annexionskriegs gegen die Ukraine ist in diesem Jahr ein bemerkenswertes Buch erschienen. Der Autor Marcus Keupp forscht und lehrt als Militärökonom an der Militärakademie der ETH Zürich. Vielen ist er aus diversen TV-Interviews bekannt, in denen er mehrfach die strategische Niederlage Russlands prognostizierte – also das Verfehlen zentraler Kriegsziele. Eine Niederlage im militärischen Sinne ist bisher nicht eingetreten. Dennoch ist Häme unangebracht; denn seine Analysen sind stets sehr aufschlussreich. Auch die besten Analytiker irren bei konkreten historischen Prognosen, seriöse Wissenschaftler gestehen Fehleinschätzungen ein und korrigieren sich entsprechend. Das innere Imperium weiterlesen »

Dokumentation der Antifadebatten

geschrieben von Peter Nowak

9. November 2025

Ein umfangreiches Lesewerk über Strategien, Konflikte und Selbstverständnis der autonomen Bewegung

Innerhalb weniger Jahre ist die AfD bundesweit zur zweitstärksten Partei geworden, in manchen Bundesländern zur stärksten. Zugleich ist die Antifabewegung oft zersplittert und in strategischen Fragen uneinig. Vor diesem Hintergrund ist dieser Doppelband ein wichtiger Versuch, die Diskussionen der letzten zehn Jahre innerhalb der autonomen Antifabewegung zu dokumentieren. Das Werk versteht sich als »Werkzeug« für die Weiterentwicklung antifaschistischer Praxis, nicht als Theorieproduktion. Die Bände versammeln Texte aus Medien wie AIB, Lotta, Interim oder Autonomes Blättchen. Sie spiegeln den Stand einer Strömung wider, die sich bewusst in Distanz zu Parteien, Staat und reformistischen Großorganisationen organisiert. Dass hier also die Perspektive der autonomen Antifa im Mittelpunkt steht, ist Teil des Konzepts. Viele der Texte setzen sich mit Repression und Kriminalisierung auseinander. Die Prozesse um das »Antifa-Ost-Verfahren« und den Budapest-Komplex werden mehrfach aufgegriffen. Besonders berührend ist ein Beitrag über die Kooperation zwischen Angehörigen von Inhaftierten und Autonomen – ein selten beleuchteter Aspekt der Solidarität, der an verlorenes Wissen linker Geschichte erinnert. Dokumentation der Antifadebatten weiterlesen »

Antifaschistisch lehren

geschrieben von Evelyn Bernadette Mayr und Irene Willroider

9. November 2025

Foucaults Thesen für nicht-faschistisches Leben

Um das antifaschistische Leben zu leben, müssen wir unsere Körper dorthin bewegen, wo sie dem Faschismus tatsächlich etwas entgegensetzen können. Und wenn wir dort angekommen sind, müssen wir uns lange genug an diesen kleinen befreiten Raum klammern, damit andere ihn finden, sich anschließen und ebenfalls darin leben können. Die radikale Verteidigung des Menschlichen beginnt bei uns selbst (Paul Mason: Klare, lichte Zukunft, S. 375).

Gehen wir davon aus, dass Schule ein solcher befreiter Raum sein kann – oder es einmal war. Ich selbst wurde von Professor:innen der 68er-Generation unterrichtet, die in ihrer antifaschistischen Pädagogik bis heute Orientierung geben. Doch Räume verändern sich. Vieles, was lange als selbstverständlich galt, ist es nicht mehr. Erkämpfte Werte geraten unter Druck – global, aber auch innerhalb der EU. Selbst Menschenrechte werden wieder zur Verhandlungsmasse. Die Frage ist nicht nur, wie wir neue Räume schaffen, sondern: Wer hält bestehende aufrecht? Wer verteidigt sie?

Michel Foucault hat 1977 Thesen für ein nicht-faschistisches Leben formuliert. Ursprünglich als satirische Antwort auf den katholischen Moralkodex gedacht, entwickelten sich daraus ernsthafte Impulse für eine Ethik jenseits autoritärer Denkformen. Ihm ging es nicht nur um den offensichtlichen Rechtsradikalismus, sondern um die Strukturen des »alltäglichen« Faschismus: um jene Haltung, die uns Macht lieben lässt, die uns lieben lässt, was uns beherrscht. Antifaschistisch lehren weiterlesen »

Banalität des Männlichen

geschrieben von Peps Gutsche

9. November 2025

Manon Garcia analysiert die bedrückende Normalität sexualisierter Gewalt im Pelicot-Prozess

Der Fall ging international durch die Medien und machte Gisèle Pelicot für den Ausspruch »Die Scham muss die Seite wechseln« zu einer feministischen Ikone. Über viele Jahre hat ihr Mann sie unter Drogen gesetzt, vergewaltigt und sie online anderen Männern angeboten. Diese Taten filmte und dokumentierte er. Mehr als 80 weitere Männer beteiligten sich an dieser Form der Vergewaltigung, 50 von ihnen konnten identifiziert und im Gerichtsverfahren von Mazan im Jahr 2024 verurteilt werden.

Gisèle Pelicot forderte einen öffentlichen Prozess, auch wenn dies zur Folge hatte, dass die Zeugnisse der Gewalt gegen sie öffentlich gezeigt wurden. Manon Garcia, aktuell Professorin an der Freien Universität Berlin und eine der bekanntesten zeitgenössischen Philosophinnen Frankreichs, hat diesen Prozess beobachtet und verbindet ihre persönlichen Eindrücke mit der Analyse von sexualisierter Gewalt als Herrschaftsmittel im Patriarchat. Banalität des Männlichen weiterlesen »

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