Papst und Duce

geschrieben von Axel Holz

10. Mai 2017

Papst Pius XI. hat Mussolinis Machtausbau gefördert

In Bezug auf das Verhältnis von Papsttum und Faschismus ist Rolf Hochhuts Drama »Der Stellvertreter« bekannt, in dem die Kollaboration des Papstes Pius XII. mit den Nazis offengelegt wird. Dieser Papst war bereits als Kardinalsstaatssekretär seines Vorgängers tätig, des Papstes Pius XI., der zeitgleich mit Mussolini 1922 an die Macht kam. Über diesen Papst war bisher überwiegend Positives bekannt, wie dessen Enzyklika »Mit brennender Sorge«. Das päpstliche Rundschreiben behandelt die bedrängte Lage der römisch-katholischen Kirche in Deutschland und verurteilt Politik und Ideologie des NS-Regimes.

David Kertzer: Der erste Stellvertreter: Papst Pius XI. und der geheime Pakt mit dem Faschismus, 608 Seiten, Theis Verlag, 38 Euro

David Kertzer: Der erste Stellvertreter: Papst Pius XI. und der geheime Pakt mit dem Faschismus, 608 Seiten, Theis Verlag, 38 Euro

Auf der Basis von Akten aus den erst 2006 geöffneten vatikanischen Archiven kommt der Pulitzerpreisträger David I. Kertzer nun zu einem differenzierteren Bild, in dem er zeigt, wie Pius XI. bereits ab 1922 die Weichen pro Faschismus stellte. Beide Personen konnten kaum unterschiedlicher sein. Mussolini war tief antiklerikal eingestellt und hatte als brutaler Schläger Aufmerksamkeit gefunden. Der Papst war eher intellektuell introvertiert, ein Bücherwurm, der die vatikanische Bibliothek geleitet hatte, war zugleich herrschsüchtig, aufbrausend und duldete keinen Widerspruch. Der Papst neigte zu langen Monologen, lehnte Fotos mit ihm außerhalb der Kurie ab und mied Telefonate. In einem waren sich das 65-jährige Kirchenoberhaupt und der 39-Jährige Duce bei ihrem Machtantritt aber einig. Beide hatten eine tiefe Angst vor dem Kommunismus und beide sahen in der Demokratie etwas Schlechtes, weil die Menschen der Obrigkeit gehorchen sollten statt sie in Frage zu stellen. Und beide waren aufeinander angewiesen – Mussolini um seine Macht zu sichern und der Papst, um den katholischen Glauben zu stärken und die Position des Vatikans rechtlich zu sichern. Mussolini kam dem Papst entgegen, in dem er Kruzifixe in Klassenzimmern und Krankenhäusern aufhängen ließ, die Abwertung der katholischen Kirche zum Straftatbestand erhob, Priester und Bischöfe besser materiell versorgte und dem Klerus Millionen Lira zur Restaurierung ihrer Kirchen zukommen ließ. Andererseits gingen Mussolinis faschistische Schläger nicht nur gegen Oppositionelle mit Massenterror vor, sondern auch gegen die Katholische Aktion des Papstes. Dennoch hatte Papst Pius XI. dem faschistischen Regime dem Weg geebnet und speziell in der Phase nach der Ermordung des sozialistischen Politikers Giacomo Mateotti Mussolinis Macht gerettet, als dieser kurz vor dem Sturz stand. Erst danach wurden alle Parteien außer der faschistischen Partei verboten, einschließlich der vom Papst kreierten katholischen Partei. Der Papst sah im Duce den staatlichen Partner für eine Rechristianisierung Italiens. Beide kommunizierten fast wöchentlich über einen jesuitischen Mittelsmann. Papst Pius hatte wiederum ein großes Interesse daran, den rechtlichen Status des Vatikans zu klären, der seit der Besetzung Roms und anderer vatikanischer Gebiete durch den italienischen König im Jahre 1870 ungeklärt war, was zur Exkommunizierung des Königs führte. Durch die Lateranverträge zwischen dem Papst und Mussolini wurde 1929 die Trennung von Staat und Kirche vollzogen, die Vatikanstadt mit weiteren Gebäuden als eigener Staat anerkannt und Italien wieder zu internationaler Anerkennung verholfen. Papst Pius versuchte auch über Mussolini Einfluss auf Hitler zu gewinnen, um sich in Nazideutschland für eine Verbesserung der Situation der katholischen Kirche einzusetzen, etwa für die katholischen Schulen. Nach der Schaffung der Achse Deutschland-Italien wollte Mussolini solchen Wünschen nicht mehr entgegenkommen. Ebenso wenig war Mussolini bereit, der Forderung des Papstes nach Anerkennung katholischer Mischehen mit jüdischen Konvertiten nachzukommen. Der katholische Antisemitismus des Papstes wirkte letztlich nicht weniger ausgrenzend, als der rassische Antisemitismus, den Mussolini 1938 mit antisemitischen Gesetzen nach deutschem Vorbild etablierte. Diese Geister konnte der Papst auch zum Schluss seines Lebens nicht mehr bannen, als er sich in einer Enzyklika gegen den Antisemitismus wendete. Nach seinem Tod ließ Kardinalstaatssekretär Pacelli die bereits für die Bischöfe geduckten Exemplare und die Notizen zweier Reden dazu verschwinden. Einige Dokumente zum Pontifikat Pius XI. sind bis heute nicht zugänglich.

 

Der Chef der »Eisernen Garde«

geschrieben von Gerald Netzl

10. Mai 2017

Eine Biographie des rumänischen Faschistenführers Corneliu Codreanu

Im Vorjahr erschien die erste wissenschaftliche Biografie über den bei uns wenig bekannten rumänischen Faschistenführer Corneliu Codreanu (1899-1938). Seine »Eiserne Garde« ist uns ein Begriff, dass Codreanu in seinem Land einst so populär wie Adolf Hitler und Benito Mussolini in ihren war, dagegen kaum.

»Capitan Codreanu - Aufstieg und Fall des rumänischen Faschistenführers« von Oliver Jens Schmitt. Zsolnay Verlag, 336 Seiten, 26 Euro

»Capitan Codreanu – Aufstieg und Fall des rumänischen Faschistenführers« von Oliver Jens Schmitt. Zsolnay Verlag, 336 Seiten, 26 Euro

Rumänien zählte zu den Siegerstaaten des Ersten Weltkriegs dessen Staatsfläche sich fast verdoppelte, das Staatsvolk wurde dadurch jedoch inhomogener. Knapp 30 % der Bevölkerung gehörten einer ethnischen oder religiösen Minderheit an: Ungarn, Deutsche, Bulgaren, Ukrainer, Russen, Türken und Juden. Nach dem Krieg lagen Wirtschaft und Verkehr, Bildungswesen und Staat darnieder. Der Geheimdienst war in der Zwischenkriegszeit die am besten funktionierende Bürokratie. Parteien des linken Spektrums waren lange ohne Bedeutung, trotzdem gab es bis 1920 immer wieder Streikwellen. Die Angst der tiefreligiösen bäuerlichen und der schwachen bürgerlichen Klassen vor der bolschewistischen Revolution musste nur geschürt werden. So erklärt sich die Sympathie und Unterstützung für Codreanus »Legion« durch den orthodoxen Klerus. Wie Hitler setzte Codreanu Bolschewismus und Judentum gleich. Codreanu stand für eine faschistische »Internationale«, die alle Gegner der Juden vereinigte. Von der NSDAP selbst wurde die »Legion« allerdings nicht unterstützt.
Nach Hitler und Mussolini war Corneliu Codreanu der dritte charismatische Führer des Faschismus im Zwischenkriegseuropa. Schon als Militärschüler, und dann als Jus-Student im ostrumänischen Iasi hatte er ein gefestigtes Weltbild. Ab 1920 agitierte er gemeinsam mit anderen antisemitischen Studenten an den Universitäten, aber auch mit gleichgesinnten Arbeitern, ging kurz zum Studium nach Berlin und Jena, von wo er das Hakenkreuz als Kampfzeichen mitbrachte, und kehrte 1923 nach Hause zurück. Am 24. Oktober 1924 erschoss er einen Polizeipräfekten, wurde jedoch freigesprochen. Keine Überraschung: Alle Geschworenen trugen die Swastika am Revers. In der Untersuchungshaft entwickelte der tiefreligiöse, streng asketisch lebende Codreanu das Konzept einer Jugendorganisation namens »Legion des Erzengels Michael«, die er dann 1927 tatsächlich gründen wird. 1930 ging aus der Legion die »Eiserne Garde« als deren militärische Elite hervor. Sinnigerweise gegründet am Palmsonntag. Interessant: Die Legionäre trugen Grünhemden. Die Entwicklung dieser Legion verlief nicht linear, der Aufstieg war immer wieder von schweren Krisen und zeitweiligen Verboten gebremst.
Trotz schwacher Industrialisierung erfasste die Weltwirtschaftskrise das Land und erschütterte auch das ohnehin wenig demokratisch-entwickelte politische System. König Carol II. deckte ein durch und durch korruptes System. Genau hier bot der Moral predigende und persönliche Bescheidenheit lebende Codreanu eine glaubwürdige Alternative mit dem Ziel einer »Volksgemeinschaft« von Bauern, Arbeitern und Intellektuellen. Die Fragmentierung des politischen Systems machte es dem König leicht zu regieren. Ende November 1938 ließ Carol Codreanu, der ihm zu gefährlich geworden war, umbringen und die Eiserne Garde verbieten. Im Krieg erstarkte die Garde erneut und war kurze Zeit an der Regierung beteiligt, dann allerdings unter ganz anderen Bedingungen. Leider fehlt der Platz, die Ereignisse detailliert wiederzugeben…
Der Autor kommt zum Schluss »Führerkult, extremer Nationalismus, Antisemitismus, xenophobe Minderheitenfeindlichkeit, kollektivistisches Denken in Gesellschaft und Wirtschaft, Antiliberalismus, Antidemokratismus, Antiokzidentalismus prägten die folgenden drei Diktaturen des Königs, der Armee und der Kommunisten zwischen 1938 und 1989. Die Armeediktatur hat überdies den Massenmord an der jüdischen Bevölkerung begangen.«
Dem sehr interessanten, leider wenig bebilderten Buch fehlen Landkarten, um die erwähnten Städte und Regionen zu verorten. Es erweitert trotzdem den Wissenshorizont.

Der rumänische General Ion Antonescu putsche 1941 gegen den König und proklamierte zusammen mit der »Eisernen Garde« den »National-Legionären-Staat«. Das Bild zeigt ihn bei einem Treffen mit Adolf Hitler im Juni 1941 in München.

 

Lidice bleibt ein Mahnmal

geschrieben von Ulrich Schneider

10. Mai 2017

Vor 75 Jahren wurde der Ort durch Wehrmacht und SS zerstört

Lidice, der Name dieses Ortes ist in aller Welt ein Begriff für die deutsche faschistische Barbarei gegen das tschechische Volk. Ein kleiner Arbeiterwohnort nahe Prag wurde am 9./10. Juni 1942 zum Objekt der Rache des Okkupationsregimes. Nach dem erfolgreichen Attentat gegen SS-Obergruppenführer und General der Polizei, Reinhard Heydrich, den man im Reichsprotektorat Böhmen und Mähren nur »den Henker« nannte, wurde in Berlin für den Ort Lidice folgende »Sühnemaßnahme« beschlossen:
1. Alle männlichen Erwachsenen sind zu erschießen,
2. alle Frauen sind in ein Konzentrationslager zu überführen,
3. die Kinder zu sammeln und, soweit »eindeutschungsfähig«, an SS-Familien ins Reich zu geben. Der Rest soll einer anderen Erziehung zugeführt werden.
4. Die Ortschaft ist niederzubrennen und dem Erdboden gleichzumachen.
Begründet wurde diese verbrecherische Anweisung mit der Behauptung, die Attentäter hätten Unterstützer in dieser Ortschaft gehabt.
SS-, Schutzpolizei und Wehrmachtseinheiten begingen das Verbrechen gemeinsam. 173 Männer wurden erschossen, 198 Frauen und 98 Kinder wurden deportiert. Die 93 Häuser niedergebrannt, nachdem zuvor die bewegliche Habe und das Vieh zu Gunsten des Deutschen Reichs geraubt worden waren. Bürokratisch korrekt wurden alle Maßnahmen der Vernichtung abgerechnet. Eine Ortschaft mit dem Namen Lidice sollte nicht mehr existieren.
Die Nachricht von diesem Massaker verbreitete sich in aller Welt. Spontan beschlossen Orte in den USA, selbst auf Kuba und in Brasilien, sich in Lidice umzubenennen. US-Präsident Franklin D. Roosewelt erklärte: »Der Name der Stadt Lidice wird eine immerwährende Erinnerung für uns sein, dass die Gewalt der Nazis weder die Liebe zur Freiheit noch den Mut, sie zu verteidigen, zerstören kann.« Diese Worte schickte er an die Gemeinde Stern Parks Garden (Illinois) anlässlich deren Umbenennung.
Künstler und Schriftsteller – insbesondere aus dem deutschsprachigen Exil – nahmen sich des Themas an. Thomas und Heinrich Mann, Hans Marchwitza, Alfred Kantorowitz und viele andere beschrieben ihre Reaktionen in Erzählungen, Essays oder Theaterstücken. Bertolt Brecht, Hans Eisler und Fritz Lang realisierten gemeinsam den Film »Hangmen Also Die« über das Attentat auf Heydrich.
Sehr früh entwickelte sich eine internationale Bewegung »Lidice shall live«, die einerseits die Erinnerung an dieses Verbrechen lebendig halten und andererseits sich für den Wiederaufbau der Gemeinde nach der Zerschlagung des deutschen Faschismus einsetzen wollte. Eine der wohl emotionalsten Veranstaltungen war die Lidice-Versammlung am 12. März 1944 in der zerstörten Kathedrale von Coventry, einer Stadt, die zum Synonym für deutsche Luftangriffe auf Städte und Zivilbevölkerung wurde (»coventrysieren«). Auch die britische Gewerkschaftsbewegung sammelte Geld, das 1947 von schottischen Bergarbeitern zum Wiederaufbau der Gemeinde übergeben wurde. So entstand Anfang der 50er Jahre am Rande des historischen Areals das neue Dorf Lidice. Als Ort der Erinnerung wurde 1955 ein Rosengarten angelegt, der bis heute existiert.
Die Erinnerung an diesem Ort wurde vielfach durch politische Entwicklungen überlagert. Die CSSR pflegte das Gedenken, hatte jedoch Probleme, die Ende der 60er Jahre international gesammelten Kunstwerke »pro Lidice« wegen unterschiedlicher Kunstauffassungen angemessen zu würdigen. Als sich eine Öffnung andeutete, wurde diese durch die politische Wende 1989/90 blockiert, da die neue Regierung kein Interesse an der Bewahrung dieses Erinnerungsortes zeigte. Es dauerte fast zehn Jahre, bis durch den deutsch-tschechischen Zukunftsfond Mittel zum Neubau einer Begegnungsstätte und zur Neugestaltung der musealen und pädagogischen Bereiche bereitgestellt wurden. Seit einigen Jahren wird die Gedenkstätte als Teil des tschechischen Kulturministeriums wieder angemessen ausgestattet. Zusätzlich haben Spenden und Fördermittel dazu beigetragen, dass beispielsweise die eindrucksvolle Skulptur von Marie Uchytilova für die Kinder von Lidice fertig gestellt werden konnte. Die Delegierten des FIR-Kongresses konnten sich im November 2016 von dem guten Zustand des Gedenkortes überzeugen.
Für 2017 ist angesichts des 75. Jahrestages ein großes internationales Treffen geplant, an dem auch Lidice-Initiativen aus verschiedenen europäischen Ländern, u.a. aus Bremen und Berlin erwartet werden. Auch die FIR wird mit einer Abordnung vertreten sein.

»Casa Brecht« in Uruguay

geschrieben von Raina Zimmering

7. Mai 2017

Kulturzentrum mit Wurzeln in der antifaschistischen Emigration

Montevideo ist ein Paradies für Künstler aller Genres, das sich unter den Bedingungen demokratischer und kulturfreundlicher Traditionen, wie liberaler Denkfreiheit, staatlicher Subventionierung von Kunst und Kultur, eines ausgebauten Bildungssystems und der Pressefreiheit herausbilden konnte. Auch wenn diese Atmosphäre in der Geschichte immer wieder durch Kriege und Diktaturen unterbrochen wurde, so gehört zu Montevideo eine blühende Kulturszene, die z.B. durch Maler wie Juan Manuel Blanes, Pedro Figari, Rafael Barradás und José Gurvich und Schriftsteller wie José Enrique Rodó, Mario Benedetti und Eduardo Galeano, bekannt ist. Die Künstler wirkten weit über den Rahmen ihres Landes stilbildend in der ganzen Welt. Ein breites Netz von Museen, Buchläden, Galerien, Bibliotheken, Zeitschriften, Kunstwerkstätten, Theatern, insbesondere das »Teatro Solis«, das älteste und eines der größten Theater Südamerikas, zeugt von der Kultur- und kunstfreundlichen Atmosphäre in Montevideo. Künstler und Kulturschaffende gehörten oft zum progressiven Teil der Gesellschaft. Ein Beispiel ist Eduardo Galeano mit dem Buch »Die offenen Adern Lateinamerikas«, das zur Grundlagenliteratur der historischen Entwicklung Lateinamerikas gehört.

Die gegenwärtige Regierung der Frente Amplio in Uruguay (Breite Front, die seit 2004 an der Regierung ist und eine Mitte-Links-Vereinigung politischer Parteien darstellt, wie der Sozialistischen Partei, ehemaliger Tupamaros, der Kommunistischen Partei und linker Christdemokraten) trug dazu bei, dass sich die Kunst- und Kulturszene im Land gut entwickeln konnte.

Die gegenwärtige Regierung der Frente Amplio in Uruguay (Breite Front, die seit 2004 an der Regierung ist und eine Mitte-Links-Vereinigung politischer Parteien darstellt, wie der Sozialistischen Partei, ehemaliger Tupamaros, der Kommunistischen Partei und linker Christdemokraten) trug dazu bei, dass sich die Kunst- und Kulturszene im Land gut entwickeln konnte.

In diese Szene ordnet sich das uruguayisch-deutsche Kulturinstitut »Casa Bertolt Brecht« (Bertolt Brecht-Haus) ein. Bertolt Brecht ist in Uruguay kein Unbekannter, seine Stücke werden in den zahlreichen Theatern in Montevideo gespielt, es finden Lesungen statt und seine Werke wurden ins Spanische übersetzt. Sicher trug die deutsche antifaschistische Immigrantengemeinschaft während des Zweiten Weltkrieges und danach zu seiner Verbreitung erheblich bei. Die »Casa Bertolt Brecht« liegt im Zentrum von Montevideo in einer sehr schönen Gründerzeitvilla auf der von Platanen bewachsenen Strasse Andés, nicht weit weg vom »Teatro Solis« und nahe des Hauptplatzes von Montevideo, der »Plaza Intependencia«, auf dem sich das Mausoleum mit General José Artigas befindet, der den Unabhängigkeitskampf Uruguays gegen Spanien anführte.
Die »Casa Bertolt Brecht in Montevideo« ist ein gemeinnütziger uruguayischer Verein, der sich zum Ziel gestellt hat, die Werke von Brecht in Uruguay bekannt zu machen, die interkulturelle Kommunikation, den Kulturaustausch zwischen Uruguay und Deutschland und die Vermittlung der deutschen Sprache zu fördern. Außerdem gehört es zu seinen Grundsätzen, einen Raum für politische Bildung, politische Aufklärung, den Austausch zwischen den Generationen zu schaffen.
Die Geschichte der Casa Brecht
Ursprünglich handelte es sich bei diesem Institut um die »Freundschaftsgesellschaft Uruguay – DDR – Bertolt Brecht-Haus«, das 1964 von einer Gruppe links eingestellter antifaschistischer uruguayischer Initiatoren wie Guillermo Israel und Ernesto Kroch gegründet wurde. Die Initiatoren gingen zum großen Teil aus dem »Deutschen Antifaschistischen Komitee« hervor, das sich während des Zweiten Weltkrieges aus vom nationalsozialistischen Deutschland Vertriebenen und geflüchteten Antifaschisten zusammen setzte und in dem heutigen Brechthaus, der »Casa Rosenberg« in der Calle Andes, seinen Sitz hatte. Nach dem Krieg wurde das Komitee geschlossen, doch blieb es weiterhin ein Zentrum der politischen Diskussion und des ideellen Austausches zwischen den antifaschistischen MigrantInnen mit deutschen und jüdischen Wurzeln, die in Uruguay geblieben waren. 1964 schließlich wurde die »Freundschaftsgesellschaft Uruguay – DDR. das Brecht-Haus«, kurz in Spanisch »Casa Brecht« gegründet. Es widmete sich dem kulturellen Austausch zwischen beiden Ländern, in dessen Rahmen die Werke von Brecht bekannt gemacht wurden, Lesungen von deutschen und uruguayischen Schriftstellern und verschiedene Ausstellungen von Künstlern beider Länder stattfanden. Der Deutschunterricht war auch ein wichtiges Angebot des Hauses. 1973, ein Jahr nach dem Militärputsch in Uruguay, wurde das Brechthaus von der Militärregierung geschlossen und die Mitglieder des Direktivrates verhaftet. Trotz des Privatbesitzes der Immobilie durch Lidia Zahari konfiszierten die Militärs das Haus und das Mobiliar, richteten dort ein Kinderheim ein und übergaben die Bibliothek der Botschaft der BRD. Nach der Rückkehr zur Demokratie 1985 wurden dem Institut die Immobilie und das Mobiliar von der Colorado-Regierung (Liberale Partei) zurückgegeben. Zu dem regen Kulturaustausch zählten nun wieder Lesungen und Theateraufführungen der Werke von Bertolt Brecht. Bekannte uruguayische und deutsche Künstler, wie Herbert Otto, Mario Benedetti und Eduardo Galeano, stellte dort ihre Arbeiten vor. Die Besitzerin der Immobilie schenkte diese Ende der 1980er Jahre dem Institut.
Nach der Übernahme der DDR durch die BRD 1990 stand das Institut vor dem Problem »zu schließen oder weiter zu machen.« Am 7. Februar 1990 entschied der Direktivrat einstimmig, weiter zu machen, nun auf einem eigenen Weg, der auch bis dahin noch nicht ausgeschöpfte kulturelle Ressourcen ermöglichte. Für Uruguay, das einen Mangel an progressiven Kulturinstituten nachwies, war das eine Bereicherung. Der Privatbesitz der Immobilie ermöglichte eine vom Goethe-Institut unabhängige Entwicklung und konnte von diesem nicht, wie andere Kultur-Institute der DDR nach 1990, übernommen werden. Neue Partner in Deutschland zu finden, war für das Brecht-Haus nicht einfach. Zu diesen zählten die Alexander von Humboldt-Gesellschaft aus Berlin, verschiedene politische Stiftungen wie die Rosa Luxemburg-Stiftung und die Heinrich-Böll-Stiftung, und die Evangelische Akademie Bad Böll. In den letzten Jahren kamen neue Kooperationspartner wie die NGO »Umverteilen«, das Goethe-Institut, die deutsche Botschaft in Uruguay, die NGO »Brot für die Welt«, das Inkota-Netzwerk, RedVIDA und »Global Greengrants« aus den USA dazu. In Uruguay kooperiert die »Casa« mit einer Reihe von Organisationen und sozialen Bewegungen. Sie nimmt an der »Nationalen Kommission zur Verteidigung des Wassers« und dem Programm für »Volksbildung Serpai y Amnestía Internacional« teil und kooperiert mit der Nationaluniversität der Republik Uruguay über den gegenwärtigen Sekretär der »Casa«, den Soziologen und Umweltspezialisten Prof. Dr. Javier Taks. Das Institut ist auf den Weltsozialforen unter dem zapatistischen Slogan »Eine andere Welt ist möglich« präsent.
Die »Casa Brecht« will besonders sozialen Bewegungen, die die neoliberale und konservative Entwicklung kritisieren, eine Plattform bieten und sie unterstützen. Dazu gehörte z.B. die Unterstützung des Volksentscheids gegen die Wasserprivatisierung in Uruguay 2004. Es gelang tatsächlich, u.a. durch Diskussionsveranstaltungen und mithilfe einer Dokumentation der »Casa« mit dem Titel »Las Canillas Abiertas de América Latina« (Die offenen Hähne Lateinamerikas) eine Privatisierung abzuwenden. Hier wurde dargestellt, dass Wasser als öffentliches Gut und als Menschenrecht für alle zu betrachten ist, das nicht in private Hände geraten darf. Auch der Volksentscheid gegen die Herabsetzung des Strafalters für Jugendliche »No a la baja« war erfolgreich. Die »Casa Brecht« führte zu diesem Thema verschiedene Seminare durch und erstellte eine Dokumentation unter dem Titel »Medidadas No Privativas de Libertad en Adolescentes« (keine Freiheitsentzug für Minderjährige) zusammen.
Der Deutschunterricht der »Casa Brecht« ist eine wichtige Kulturressource, aber auch eine Finanzquelle. Nach 1990 war das Erstellen neuer Lehrtexte, die durch die »Casa« editiert wurden, eine echte Herausforderung. Die Arbeiten an den Texten durch Ruth Dieschi, Virginia Puntigliano und Dieter Schonebohn mit ihren breiten Erfahrungen als Deutschlehrer, Linguisten und Übersetzer waren dabei von unschätzbarem Wert.

Aus der Kultur- und Bildungsarbeit des Hauses
Die »Casa Brecht« bietet ein breites Spektrum von kulturellen, politischen und Bildungsveranstaltungen an. Sie produziert Videos, verfasst Radio – Sendungen, führt Seminare, Projekte, graphische Kampagnen, Fotoausstellungen und Buchlesungen durch, hat einen eigenen Web-Auftritt und publiziert eigene Bücher.
Das Brecht-Haus kann auf eine Reihe von Publikationen, die ihrem Anliegen der kulturellen und politischen Bildung dienen, zurückblicken. Eines der jüngsten Bücher, ist das zum 100. Geburtstag von Ernesto Kroch, dem Gründer der »Casa Brecht«. Aber auch die Autobiographie von Ernesto Kroch mit dem Titel » Reencuentro y otros desencuentos« (Wiederbegegnungen und andere Entfremdungen) wurde mit Unterstützung des Brecht-Hauses beim Verlag Ediciones de La Banda Oriental 2012 herausgegeben. Hier beschreibt Ernesto Kroch, wie er in Breslau geboren, als deutsch jüdischer Kommunist, Gewerkschafter und politischer Aktivist, von den Nazis mit 17 Jahren ins Gefängnis und später ins KZ gesteckt wurde, unter der Bedingung Deutschland zu verlassen frei gelassen wurde, über Jugoslawien, Frankreich und Italien nach Uruguay flüchtete und in Montevideo in der Metallarbeitergewerkschaft und der Kommunistischen Partei aktiv wurde. Nach dem Militärputsch in Uruguay von 1973 ging er in den widerständischen Untergrund. Sein Sohn wurde von den Militärs verhaftet und jahrelang im Gefängnis festgehalten. Schließlich floh Ernesto Kroch 1982 über Brasilien in die BRD, wo er politisch wieder in der Gewerkschaft aktiv wurde. Doch wurde er in der BRD nicht heimisch und schon drei Jahre später, nach dem Ende der uruguayischen Diktatur, zog es ihn wieder nach Uruguay. Nun widmete er sich erneut der Arbeit in der wieder geöffneten »Casa Brecht«, unterstützte die progressive Regierung von Montevideo und beteiligte sich an Stadtteilarbeitsprojekten in den armen Wohnvierteln. In seinem Buch schreibt er über die Wege eines Migranten, der zweimal in seinem Leben gewaltsam vertrieben, jeweils freundlich in anderen Ländern aufgenommen wurde, sich immer politisch aktiv engagierte und sich immer mit dem »Fremd-Sein« auseinandersetzte. Dass er in seiner alten Heimat wiederum Fremdheitserfahrungen durchmachte, überraschte ihn selbst. Zurückgekehrt nach Uruguay hielt er jedoch seine Kontakte nach Deutschland aufrecht und kehrte oft dorthin zurück, um Vorträge in Schulen und bei Attac zu halten.
Mit all seinen Aktivitäten ist die »Casa Brecht« ein wichtiger Bestandteil der Kulturlandschaft Montevideos und Uruguays, die mit ihrem anspruchsvollen Programm und ihrer Ausstrahlung auf die Bevölkerung nicht wegzudenken ist. Umso unverständlicher ist es, dass die »Casa Bertolt Brecht« auf der Website der deutschen Botschaft in Montevideo nicht neben dem Goethe-Institut genannt, sondern verschwiegen wird. Ist das ein Überbleibsel der »Hallstein-Doktrin« oder Voreingenommenheiten gegenüber sozialen Bewegungen, insbesondere denjenigen, die gegen Privatsierungsobjekte von »Common Goods« wie Wasser und Elektroenergie oder gegen die Errichtung öko-ökonischer Zonen, an denen sich der Leiter der »Casa Brecht« Javier Taks direkt beteiligt, gerichtet sind?

Dem Erbe von Bertolt Brecht wird besondere Aufmerksamkeit gewidmet. Zu nennen wäre besonders das Brecht-Archiv, das als Gewinner des »Wettbewerbsfonds für Kultur« des »Instituts für Kultur und Bildung in Uruguay« 2015 finanzielle Zuwendungen erhält. Das Archiv widmet sich der Verbreitung der Brecht-Werke und deren Rezeption und Dokumentationen aus den Jahren 1957 bis 1973 in Form von Video-Aufzeichnungen über Theateraufführungen und Interviews mit Schauspielern, Regisseuren, Bühnenbildnern und Musikern, die über die Website des Hauses der Allgemeinheit zugängig sind. Auch kann man Plakate, Programme, Fotografien und Pressemitteilungen zu den verschiedenen Brechtaufführungen, besonders in Uruguay und Deutschland, ansehen.

Zum 60. Todestag von Bertolt Brecht fand eine Hommage mit Künstlern im Atahualpa-Saal des Teatro Galpón statt.

Das »schlechte Gewissen«

geschrieben von Ludwig Elm

7. Mai 2017

Untersuchung über die »Arbeitsgemeinschaft Verfolgter Sozialdemokraten«

In dieser Veröffentlichung geht es um eine der beiden Parteien, die die Bundesrepublik prägten, und ihr Verhältnis zum Schlüsselproblem deutscher Geschichte im 20. Jahrhundert. Die Autorin hat wertvolle Quellen erschlossen und wird dem Anliegen insgesamt überzeugend gerecht. »Der Umgang mit der NS-Vergangenheit, so die Ausgangsthese, war von Widersprüchen und Interessenkonflikten bestimmt – und gekennzeichnet durch Kompromisse und Zugeständnisse der einst widerständigen Minderheit gegenüber der Mehrheit der Deutschen.« Die Darstellung folgt in sechs Kapiteln dem zeitlichen Verlauf. Der vom SPD-Vorsitzenden in den Westzonen, Kurt Schumacher, erhobene Führungsanspruch sowie antikapitalistische Forderungen scheiterten rasch. Die SPD-Führung fügte sich restaurativen Grundprozessen. Sie entschied sich für Zugeständnisse an die Vorstellungswelt von Millionen ehemaliger Mitläufer und Täter. Antikommunismus lähmte das antifaschistische Potential der deutschen Sozialdemokratie. 1948 verbot der Parteivorstand der SPD die gleichzeitige Mitgliedschaft in der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) und gründete die Arbeitsgemeinschaft verfolgter Sozialdemokraten (AvS). Der geringe Einfluss der AvS innerhalb der Partei und darüber hinaus durchzieht die gesamte Darstellung.

Kristina Meyer: Die SPD und die NS-Vergangenheit 1945 – 1990, Wallstein Verlag, Göttingen 2015, 549 S. , 42,00 € (Beiträge zur Geschichte des 20. Jahrhunderts. Hrsg. von Norbert Frei, Bd. 18)

Kristina Meyer: Die SPD und die NS-Vergangenheit 1945 – 1990, Wallstein Verlag, Göttingen 2015, 549 S. , 42,00 € (Beiträge zur Geschichte des 20. Jahrhunderts. Hrsg. von Norbert Frei, Bd. 18)

»Konsens herrschte zwischen den großen Fraktionen beim Umgang mit den sogenannte 131ern.« SPD-Politiker traten dafür ein, verurteilte Kriegsverbrecher zu begnadigen oder Strafen zu mindern. Im Dortmunder Aktionsprogramm vom 28. September 1952 plädierte die SPD für eine großzügige Amnestie und Begnadigung von »verurteilten kriegsgefangenen Deutschen«. Sie forderte, die Waffen-SS in die Versorgung nach dem 131er-Gesetz einzubeziehen und entschied sich dafür, »gute Kontakte zu den Traditionsverbänden der ehemaligen Soldaten zu pflegen.«. Im Umgang mit der Widerstandsbewegung rückten die bürgerlichen Parteien den 20. Juli 1944 in den Mittelpunkt. Die Erwartungen der sozialdemokratischen Verfolgten ignorierend, reagierte die SPD-Führung »nicht etwa mit der Hervorhebung des Arbeiterwiderstands oder der Profilierung eines spezifisch sozialdemokratischen Widerstandsgedächtnisses, sondern mit einer demonstrativen Hinwendung zum 20. Juli.« Die Ausstellung »Ungesühnte Nazijustiz« im November 1959 in Karlsruhe veranstaltete der Sozialistische Deutsche Studentenbund. Der SPD-Vorstand distanzierte sich und schloss drei beteiligte Karlsruher SPD-Mitglieder aus der Partei aus. Wenig später stellte er die Förderung des SDS ein. Die SPD initiierte eine Änderung des Strafgesetzbuches, mit der das Strafmaß gegen Rechtsextremismus verschärft wurde und die der Bundestag am 20. Mai 1960 verabschiedete. Die Fälle Globke und Oberländer blieben in der sozialdemokratischen Kritik der Adenauerschen Vergangenheitspolitik präsent. Die SPD unterstützte ab den sechziger Jahren verstärkt die Wiedergutmachung gegenüber den jüdischen Opfern und Israel. Andererseits drängte die AvS auf überfällige Novellierungen des Bundesentschädigungsgesetzes (BEG). Die SPD wandte sich gegen die von Union und FDP angestrebte Verjährung von Mord – also sämtlicher Nazi- und Kriegsverbrechen – am 8. Mai 1965. Als Kompromiss wurde die Verjährungsfrist auf September 1979 verschoben. Der Regierung unter K. G. Kiesinger und Vizekanzler W. Brandt (1966-1969) gehörten auch SPD-Minister mit NS-Vergangenheit an: Lauritz Lauritzen und Karl Schiller. Die Erwartungen antifaschistischer Sozialdemokraten an die Koalition von SPD und FDP ab Herbst 1969 erfüllten sich nicht; die AvS signalisierte 1974 einen Tiefpunkt ihrer Situation. Ab 1979 beteiligten sich Aktive der AvS verstärkt als Zeitzeugen zum Dritten Reich. Im November 1983 veranstaltete die AvS die Tagung »Warum wurde der Arbeiterwiderstand gegen den Nationalsozialismus in der Bundesrepublik nicht gewürdigt?« Ehemals Verfolgte äußerten: »Wir waren das schlechte Gewissen der Nation, das schlechte Gewissen auch der Partei. Man hätte liebend gerne Straßen nach uns benannt; aber wir sollten unauffällig bleiben.« Ihnen wurde geraten, mit ihren Erfahrungen »die anderen« nicht zu verprellen. Der Band stellt engagierte sozialdemokratische Politiker wie Adolf Arndt, Gerhard Jahn und Hans-Jochen Vogel vor. Verdienstvoll ist die Würdigung wenig bekannter Aktiver der AvS, die für die Würdigung des Arbeiterwiderstands und seiner Erfahrungen, für die Ahndung der Verbrechen und eine kritische Haltung zur offiziellen Geschichts- und Gedenkpolitik sowie für Wiedergutmachung und sozialen Beistand für NS-Opfer eintraten. Führungen der SPD haben einen erheblichen Anteil an der »Zweiten Schuld« (Ralph Giordano). Allzu oft mussten das bis 1945 verfolgte Sozialdemokraten mit Unverständnis, Kritik und Bitterkeit hinnehmen. Ihre Lebenswege und Beiträge sind als Vermächtnis in die Erinnerung der Gesellschaft aufzunehmen.

Showdown in der Schule

geschrieben von Hans-Jürgen Küsel, Tostedt

7. Mai 2017

Oder: Wenn die beste Freundin einen Neonazi liebt

Es gibt mittlerweile Berge von Sachbüchern, die sich mit den gegenwärtigen Jugendkulturen im Allgemeinen und mit deren Verstrickungen in neofaschistischen Vereinigungen im Besonderen befassen. Rar gesät sind jedoch spannende Romane, die sich mit eben diesem Thema beschäftigen. Insofern betritt Christina Erdmann hier quasi Neuland. Und sie ist prädestiniert dafür, denn ihre eigene Jugend liegt noch nicht lange zurück.

Christina M. Erdmann: Meinst du das wirklich ernst? Eine Geschichte des Umdenkens. Geest-Verlag, 332 Seiten, 12,50 Euro

Christina M. Erdmann: Meinst du das wirklich ernst? Eine Geschichte des Umdenkens. Geest-Verlag, 332 Seiten, 12,50 Euro

Die Geschichte dreht sich um zwei Mädchen, Nishelle und Anna-Lena, die die 10. Klasse einer kleinstädtischen Realschule besuchen. Sie sind eng befreundet, aber diese Freundschaft wird auf eine harte Probe gestellt. Anna-Lena verliebt sich nämlich in den Gymnasiasten Benni. Das wäre nun nicht schlimm, denn so etwas kommt in dem Alter halt vor. Zum Problem wird diese Beziehung erst dadurch, dass Benni Mitglied der »Wölfe«, einer neofaschistischen Organisation im Ort, ist. Anna-Lena verstrickt sich immer stärker in die Gedankenwelt dieser Organisation – und entfremdet sich deshalb zunehmend von ihrer Freundin Nishelle. Nishelle ist nämlich schon wegen ihrer dunklen Hautfarbe – ihr Vater ist Ghanaer – ständigen Angriffen und Provokationen der »Wölfe« ausgesetzt. Zudem verfügt Nishelle über einen wachen Verstand. Ihr entgeht nicht, dass die »Wölfe« einen steigenden Einfluss auf ihre Mitschüler ausüben. Sie beginnt nun, über alle möglichen Quellen Informationen über rechtsextremistische Strömungen einzuholen. Und sie möchte auch praktisch den Neo-nazis die Stirn bieten. Als Verbündete gewinnt sie nach sehr geduldigen Verhandlungen auch Lehrer ihrer Schule.
Natürlich entgeht den »Wölfen« nicht, dass ihnen mit Nishelle eine zähe Gegnerin gegenübersteht. Nach bewährter Methode versuchen die Neonazis wiederholt, sie einzuschüchtern und überhaupt ein Klima der Angst zu verbreiten.
Zum Showdown kommt es auf einem »Fest für Zivilcourage«, für das Nishelle und ihre Verbündeten viele Wochen der intensiven Vorbereitung investiert haben. Aber auch die »Wölfe« waren nicht untätig…
Natürlich wird hier nicht verraten, wie das alles endet, nur so viel: Wenn man diesen Roman zu Ende gelesen hat, fühlt man sich nicht dazu eingeladen, einfach die Hände in den Schoß zu legen. Vielmehr kann es nur eine Konsequenz geben: Niemals nachzulassen im Kampf gegen den immer noch virulenten Neofaschismus!
Christina Erdmann vermeidet die Stereotype, die zuweilen aufkommen, wenn sich bestimmte Autoren mit dem Neofaschismus beschäftigen. Darin besteht eine große Stärke ihres Romans. Denn Stereotypisierungen können eine besondere Form der Verharmlosung sein. Die Autorin tappt zum Beispiel nicht in die Falle, alle Neonazis als tumbe »Haudraufs« zu zeichnen. Diesen Typus trifft man eher in den unteren Bereichen der strikten Nazihierarchien an, die dann fürs Grobe, für die Verbreitung von Angst und Schrecken, zuständig sind. Christina zeigt uns aber auch die Welt jener Nazis, die weiter oben in der Hierarchie angesiedelt sind. Diese Leute sind intellektuell geschult und in der Lage, zielgruppenorientierte Strategien (wie man es neudeutsch nennen kann) zu entwickeln. Und die Zielgruppen werden klar genannt: Menschen, deren Bewusstseinsbildung nie über den Status des »gesunden Volksempfindens« gediehen ist. Und davon gibt es viele. Pegida, AfD & Co. legen davon gerade ein besorgniserregendes Zeugnis ab.
Christina Erdmann hat für diesen Roman geradezu akribisch eine Aufgabe bewältigt, die zu den unangenehmsten gehört, die man sich überhaupt vorstellen kann: Sie hat sehr genau in den Milieus der Neonazis recherchiert. Christina ist Tostedterin und in einigen Details kommen auch Tostedter Eigenheiten zum Vorschein. So gab es den ‚Streetswear-Laden‘ , der als Kristallisationspunkt für neonazistische Aktivitäten im Roman eine wichtige Rolle spielt, in Tostedt wirklich. Trotzdem könnte die Romanhandlung mit nur wenigen Abwandlungen in jeder Gegend Deutschlands spielen. Darin liegt eine große Stärke des Romans – und zugleich eine große Gefahr, der sich alle überzeugten Antifaschisten stellen müssen.
Wir müssen das »gesunde Volksempfinden«, das jederzeit wieder in die Mentalität und Brutalität eines KZ-Wärters münden kann, mit Aufklärung konfrontieren. Denn nur ein aufgeklärtes Bewusstsein kann ein dauerhafter Schutz gegen neofaschistische Bauernfängerei sein. Aufklärung und Zivilcourage beginnen im Klassenzimmer.
Dieser Roman klärt auf und ist bestens geeignet, als Klassenlektüre in der Sekundarstufe I eingesetzt zu werden. Aber wir haben es nicht nur mit einem bloßen Jugendbuch zu tun. Lehrer und Erzieher sollten dieses Buch auch lesen – und alle Menschen, die gerne einmal einen spannenden antifaschistischen Roman lesen wollen.

 

Stereotype aufgelöst

4. Mai 2017

antifa-Gespräch über einen neuen Dokumentarfilm mit polnischen Befreiern Berlins

antifa: Wie kam es zu eurem Film über polnische Kriegsveteranen und -veteraninnen?
Christian Carlsen: Die Berliner VVN-BdA hatte mich und Philipp Jansen 2012 gebeten, anlässlich des 67. Jahrestags der Befreiung den Besuch von zehn ehemaligen polnischen Soldaten und Soldateninnen in Berlin filmisch zu begleiten. Zunächst stand eine Dokumentation im Vordergrund. Schnell zeigte sich aber, dass wir es mit wirklich spannenden Menschen zu tun haben, deren persönliche Erlebnisse und Perspektiven noch nie erzählt wurden.
Kamil Majchrzak: Wir wollten zeigen, dass sich den Herausforderungen einer europäischen Erinnerung nur grenzüberschreitend begegnen lässt. Es gibt in Deutschland eine Generation von Menschen, die sich ihrer solidarischen Verantwortung für demokratische und antifaschistische Werte bewusst ist und sich dafür einsetzt, dass der polnische Beitrag für die Befreiung vom Faschismus gewürdigt wird.
antifa: Warum hat die Realisierung des Films so lange gedauert?

»Vergesst nicht unseren Kampf« soll gegen eine kleine Gebühr in der Bildungsarbeit Verwendung finden. Auch ein Vertrieb der DVD ist geplant.

»Vergesst nicht unseren Kampf« soll gegen eine kleine Gebühr in der Bildungsarbeit Verwendung finden. Auch ein Vertrieb der DVD ist geplant.

Christian Carlsen: Wie so oft lag das am Geld und fast wäre das Projekt gescheitert. Angesichts des hohen Zeitdrucks, der sich aus dem Alter der Protagonisten ergab, mussten wir die Finanzierung extern organisieren. Dank einer Förderung der Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit (SdpZ) konnten wir einen Rohschnitt herstellen und die Arbeit Anfang diesen Jahres abschließen.
antifa: Was unterscheidet den Film von anderen Produktionen?
Christian Carlsen: Wir haben uns bewusst gegen Erklärungen aus dem Off oder historisches Bildmaterial entschieden. Wir wollten die Überlebenden bei ihrer Rückkehr an die historischen Orte zeigen, wo sie seit 1945 nicht mehr waren. Der polnische Beitrag am Kampf gegen den Faschismus spielt im historischen Bewusstsein in Deutschland keine Rolle. Daran ändern die zahllosen Dokumentationen nichts, die beiläufig auch polnische Einheiten erwähnen. Woher diese kamen und was die Menschen antrieb, wird nicht erklärt.
Kamil Majchrzak: Kaum jemand weiß, dass an den Kämpfen um Berlin insgesamt 170 000 polnische Soldaten und Soldateninnen teilnahmen, zwölf 000 von ihnen kämpften in der Innenstadt. Welche Umwege sie nach Berlin führten, das wollten wir mit diesem Film zeigen. Dabei halfen uns die Überlebenden selbst, die politischen Ambivalenzen aufzuzeigen, denn sie berichten von den schweren Entscheidungen, vor die sie als junge Menschen in Polen gestellt waren. Einerseits der Auftakt zum Vernichtungskrieg durch den deutschen Überfall auf Polen 1939, andererseits die sowjetische Besatzung der östlichen Teile von Polen. In der Folge stalinistischer Deportationen politisch Missliebiger wurden 1940-1941 zehntausende Polen nach Sibirien verschleppt. Die Protagonisten unseres Films fanden so erst im Jahre 1943 Aufnahme in die, in der Sowjetunion geschaffene, 1. Polnische Armee unter General Zygmunt Berling.
antifa: Wie verliefen die Dreharbeiten?
Christian Carlsen: Anfangs waren unsere Gäste merklich unsicher. Doch Kamil hatte einen Musiker organisiert. Das herzliche Willkommen und das Erklingen einer in Polen sehr bekannten Melodie (»Przed nami Odra«, deutsch: Vor uns die Oder), ließen das Eis brechen. Am Nachmittag trat die Gruppe im Haus der Demokratie vor junge Berlinern auf, die gespannt zuhörten, wie die Aufnahme in die Kościuszko-Division fanden – etwa aus der sibirischen Deportations-Haft oder als ehemalige Partisanen der Armia Krajowa (AK), die sich nach dem gescheiterten Warschauer Aufstand freiwillig meldeten. So erfuhren sie nicht nur etwas über die komplizierten polnisch-deutschen, sondern auch überdie polnisch-sowjetischen Beziehungen während des 2. Weltkrieges.
antifa: Es ist also auch ein Film über deutsch-polnische Versöhnung?
Kamil Majchrzak: Ich bin davon überzeugt, dass die Offenheit, mit der sie von deutschen Antifaschisten begrüßt wurden, ein stückweit bestimmte Stereotype über die deutschen Nachbarn aufgelöst hat. Plötzlich versuchten die Kombattanten, andere Aspekte aus ihren Erlebnissen hervorzuheben. Kapitän zur See Henryk. L. Kalinowski, einer der ersten Polen, die Berlin erreichten, unterstrich, dass er nicht gegen Deutsche kämpfte, sondern gegen die faschistische Ideologie, und dass er sich nicht mit Angehörigen der Roten Kapelle oder des Goerdeler-Kreises versöhnen musste, denn sie kämpften schon damals auf der gleichen Seite. Lech Tryuk, der als Minderjähriger im Warschauer Aufstand kämpfte und sich später zur Kościuszko-Division meldete, erklärte sichtbar erleichtert, dass er froh sei, dass wir uns nun als gute Nachbarn begegnen und nicht mehr als Feinde.
antifa: Wie soll es mit dem Film weitergehen?
Christian Carlsen: Wir wollen mit dem Film 2017 auf Festivals gehen. Es wäre toll, wenn wir einen Fernsehsender und einen Vertrieb fänden. Es gibt bereits einige Nachfragen für Filmvorführungen. Wünschenswert wäre es, wenn z.B. die Landesvereinigungen der VVN-BdA, Veranstaltungen mit dem Film organisierten. Wir wollen versuchen, möglichst viele davon persönlich zu begleiten.

Anfragen von Bildungseinrichtungen, Vereinen, Kinos etc. bitte an info@kassiberfilms.com

Das Leben von Seka und Ado

geschrieben von Ernst Antoni

4. Mai 2017

Eine antifaschistische Familie in den Kämpfen des 20. Jahrhunderts

»Vor Ado zeigen sich die Tiere.« Vom Titel-Krokodil, das einst eine Rolle spielte, als der Vater der Autorin im jugoslawischen Exil der 30er-Jahre die junge Seka aus Sarajevo kennenlernte, bis zur Schlange, die er nach überstandener Flucht aus einem Außenlager des KZ Buchenwald am Strand von Ahrenshoop den Kindern präsentiert, und schließlich den Krokodilen im Leipziger Zoo, vor deren Gehege er, 60 Jahre alt, tot zusammenbricht, kreucht und fleucht allerlei durch diesen ungewöhnlichen Familienroman.
In acht Kapiteln, aufgeteilt in 120 Episoden, lernen wir das Leben von Seka und Ado von Achenbach kennen, beginnend mit Sekas Geburt im April 1917. Ein »Revolutionsjahr«, auch in Bosnien. Das Umfeld, in dem das Mädchen auf die Welt kommt, allerdings ist konservativ: »gehobene« großbürgerliche und -bäuerliche Verhältnisse.

Marina Achenbach, Ein Krokodil für Zagreb, Edition Nautilus Hamburg, 224 S., 19,90 Euro

Marina Achenbach, Ein Krokodil für Zagreb, Edition Nautilus Hamburg, 224 S., 19,90 Euro

Aus diesen drängt es sie bald hinaus, ins weltläufigere Zagreb. 1938 darf Seka als junge Journalistin für das dortige Abendblatt den doppelt so alten, vor den Nazis nach Jugoslawien emigrierten deutschen Adelsspross Ado von Achenbach interviewen, den Theatermann, Bohemien, einstigen Räterevolutionär. Prompt funkt es. Obwohl bereits einem Fabrikerben versprochen, stürzt sich Seka in die neue Beziehung, ebenso wie Ado, der schon eine Ehe hinter sich hat. Es wird geheiratet, die Tochter Marina kommt 1939 auf die Welt, wenige Jahre später folgt Sohn Andreas.
»Über viele Jahre«, schreibt die Autorin, »bewahre ich ein erfundenes Bild in mir und lasse es durch nichts antasten: Da sehe ich Ado und Seka mit dem neugeborenen Andreas im Arm vor dem Radio stehen und die Nachricht vom deutschen Überfall auf Jugoslawien hören. Ich habe sein Auf-die-Welt-kommen und den Krieg nicht zusammen denken können. Damit habe ich meine Vorstellung von Ado und Seka geschützt, als hätten sie immer ihre Gegenwart erkannt und bewusst gehandelt. Als hätten sie nicht im Krieg gelebt wie fast alle, zeitwillig erblindet, unentwirrbar mit dem Alltag verwoben, der nie aufhört. Den jüngeren Bruder aber, den sie nach der Rückkehr aus Ados erster Haft gezeugt haben, hole ich mit dieser Zeitverschiebung in die Zagreber Vorkriegs-Glückskapsel mit herein.«
Die Realität: »Die Wehrmacht marschiert in Kolonnen ohne Widerstand in Zagreb ein und nimmt Quartier in den Kasernen vor der Stadt. Über Nacht sind die kroatischen Ustaschas da. Straßennachbarn legen Uniformen und Abzeichen an und geben zu erkennen, dass sie längst zu ihnen gehören. Eine Woche lang halten alle anderen ihre Türen verschlossen. Nachts herrscht Ausgangssperre, Seka und Ado hören Schüsse, morgens liegen Tote auf der Straße.« Seka ist da noch schwanger. Während sich Ados Exil-Gefährten Partisanengruppen anschließen, bleibt er bei seiner Frau. »Im Frühjahr trifft eine Vorladung zur Polizei ein, Decke und Zahnbürste sind mitzubringen.« Vor den Ustaschas flüchtet das Paar nun mit Tochter und neu geborenem Sohn mit Hilfe eines Konsuls, der einst Assessor bei Ados Vater war, als »Volksdeutsche« getarnt nach Nazideutschland.
In Ados Elternhaus nach Berlin, zu dessen Mutter Paula, »die erst durch die faschistischen Rassengesetze daran erinnert wurde, dass sie Jüdin ist.« Seit 1933 ist sie Witwe. Ihr Vermögen wird als »Judenbuße« eingezogen, schließlich wird sie nach Theresienstadt deportiert. In die Berliner Kapitel flicht die Autorin Rückblicke ein auf die Geschichte der Achenbach-Familie, auf Ados Flucht aus dieser »geordneten« Welt ins Künstler- und Revolutionärsleben. Und schildert dann wieder den Alltag gegen Kriegsende, den Weg des Vaters ins KZ, die Umsiedlung nach Ahrenshoop.
An Spannung mangelt es auch in den weiteren Kapiteln nicht, die uns bis ins Jahr 2007 führen, als Seka, 90 Jahre alt, in München stirbt. Die Hoffnungen auf einen antifaschistischen Neubeginn, das Heranwachsen der Kinder, die Trennung von Ado und Seka, deren neue Ehen – Seka schließt eine kurze, beide nicht besonders befriedigende mit dem ehemaligen Spanienkämpfer und Schriftsteller Alfred Kantorowicz – Ado als DDR-Kulturfunktionär, sein früher Tod, Sekas Weg in die Bundesrepublik.
Dies alles ist verbunden mit der Schilderung von Auseinandersetzungen, Widersprüchen, politischen Entwicklungen, Schicksalsschlägen, die den handelnden Personen das Leben nicht gerade leicht machen. Immer wieder gibt es Hindernisse: Für Seka etwa ist es in ihrer DDR-Zeit plötzlich der »Titoismus«-Vorwurf. Als sie dann plant, mit den Kindern in ihre jugoslawische Geburtsheimat zurück zu ziehen, wird sie dort als »DDR-Agentin« verdächtigt.
»Seka«, schreibt Marina Achenbach über die wichtigste Quelle ihres Buches, »erzählt ihr Leben lang Geschichten, wir hören süchtig zu, obwohl wir sie verdächtigen, dass sie übertreibt. Aber wir spornen sie an mit einem geflüsterten: ‚Und dann?‘. Sie rollt ihren Erzählfaden auf, lässt ihn schwirren und kreisen. Wenn wir anfangen, sie nach Umständen und Gründen zu fragen, versickert ihre Erzähllust. Ein geordnetes Berichten langweilt sie. Sie steht auf und kocht sich einen Tee. Als wollte sie uns sagen: Wenn ihr mir nicht glaubt, finde ich es traurig, aber auch euch, meinen Lieblingen, wird es nicht gelingen, mich zu zähmen.«

Marina Achenbach, geboren 1939 in Zagreb, wuchs in der DDR auf, hat danach Slawistik in München, Tübingen und Moskau studiert und als Übersetzerin für Russisch und Serbokroatisch sowie für den polnisch-deutschen Kulturaustausch gearbeitet. Sie drehte Dokumentarfilme und war 1990 an der Gründung der Wochenzeitung „Der Freitag“ beteiligt, entstanden aus der Fusion der BRD-„Volkszeitung“ (die wiederum aus einer vorhergegangenen Verbindung des Friedensbewegungs-Traditionsblattes „Deutsche Volkszeitung“ mit der VVN-Wochenzeitung „die tat“ hervorgegangen war) und der DDR-Kulturbund-Wochenschrift „Sonntag“. Über ein Jahrzehnt schrieb sie für den „Freitag“ Reportagen, nicht zuletzt über den Jugoslawienkrieg, zu dem sie 1994 auch das Buch „Auf dem Weg nach Sarajevo“ veröffentlichte. 2004 erschien von ihr im Asso Verlag Oberhausen das Buch „Fasia geliebte Rebellin“ über die Liedermacherin und Sängerin Fasia Jansen.

»Motor der Veränderung«

geschrieben von Heinrich Fink

4. Mai 2017

Avantgarde-Kunst zur Oktoberrevolution in Chemnitz

Die Kunstsammlungen Chemnitz luden zu einer Ausstellung »Revolutionär!« (mit Ausrufezeichen) der russischen Avantgarde aus der Sammlung Vladimir Tsarenkov.
Der Termin der Ausstellung war für den aufmerksamen Zeitgenossen nicht frei von der Vermutung, daß er im Zusammenhang mit dem Datum »100 Jahre Oktoberrevolution« gewählt wurde. die »Revolutionäre« sind die russischen Künstler aus der revolutionären Kunstszene, die sich »Futuristen« nannten. Wladimir Majakowski soll zum Ereignis der Oktoberrevolution argumentiert haben »Anerkennen oder Ankommen war für mich keine Frage. Das war meine Revolution.«
Revolutionär!Die erste Aufforderung Lenins an die futuristischen Künstler unterschiedlicher Richtungen wurde spontan angenommen – sich mit ihrer Kunst an der Revolution zu beteiligen. Damit wurde die Oktoberrevolution zu einer Kulturrevolution. Das wird in dieser Ausstellung sehr deutlich. Die Kulturrevolution der Künstler war der »Motor der Veränderung Rußlands«, so Heinrich Vogeler.
Der erste umfassende Auftrag der Partei war die Ausgestaltung von großen öffentlichen Plätzen, besonders von Petrograd und Moskau. Für Petrograd wurde für den Revolutionsfeiertag im November 1918 ein Kunstwettbewerb ausgeschrieben, an dem sich nahezu 500 Künstler beteiligten, darunter auch einige, die in der Ausstellung in Chemnitz zu sehen sind.
Allein in Moskau wurden von 1918 bis 1921 25 Denkmale und über 500 Gedenktafeln geschaffen. Die große Bereitschaft vieler Künstler war verblüffend. Die Frage bleibt, ob sie von der Politik der Revolution ebenso bewegt waren. Jedenfalls kann der Beobachter in der Chemnitzer Ausstellung den Eindruck bekommen, daß die politische Überzeugung der Künstler mit ihren revolutionären Arbeiten übereinstimmt.
Leider ist diese Ausstellung trotz einmaliger Verlängerung immer noch zu früh beendet worden. Aber als Dokument bleibt der sehr gut konzipierte und gestaltete Katalog von 421 Seiten, verlegt im Sandsteinverlag.
Die in dieser Ausstellung präsentierte Auswahl umfasst die Zeit von 1917 bis 1930, von der Marc Chagall meint, sie wäre die produktivste Zeit der Kunst in Russland gewesen. Den Verfassern und Gestaltern dieses Katalogs ist für ihre Arbeit zu danken, damit das Interesse für die revolutionäre Kunst in Russland geweckt zu haben.
Es ist nur zu bestätigen, was die Herausgeberinnen, Ingrid Mössinger und Britta Milde, schreiben: »Mit ›Revolutionär! – die russische Avantgarde aus der Sammlung Vladimir Tsarenkov‹ ist es uns im Rahmen unseres internationalen Ausstellungsprogramm erneut gelungen, eine repräsentative Epoche russischer Kunst auf höchstem Niveau zu zeigen. … Die Sammlung … zeigt die außergewöhnliche Vielfalt der russischen Kunst im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts am Beispiel von rund 400 Werken von 110 Künstlern … Schmerzlich wurden wir in unserem Hause an die etwa 1000 Verluste während des Nationalsozialismus erinnert, wie z.B. das Aquarell »Skala« (1928) von Kandinsky und Lithographien von Jawlensky.
Eine Besonderheit der Chemnitzer Ausstellung ist das sogenannte Agitationsporzellan, das uns in den Zeitgeist jener Jahre führt. In der Zeit des noch verbreiteten Analphabetismus lesen wir auf den Tellern sehr eindrücklich gemalt: »Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen.« Oder »Hast Du Dich schon als Freiwilliger gemeldet?« Oder der einfache Aufruf gegen die Hungersnot unter dem gemalten Hammer und Sichel: »Hast Du schon geholfen, Hunger zu stillen?«
Die Porzellansammlung zeigt gegossene Rotarmisten, Arbeiterinnen mit umgebundener Schürze und Sportler.
Sehr gut mit anzusehen sind Schachspiele, z.B. mit Figuren der Roten und der Weißen. Der König der Weißen hat die Gestalt des Todes. Ihm liegen statt Bauern gefesselte Sklaven zu Füßen. Auf der Seite der Roten findet man Arbeiter und Bäuerinnen, beschützt von Rotarmisten.
Der Katalog gibt einen hervorragenden Einblick in die Arbeit der russischen Avantgarde mit ihrer Botschaft für die Zukunft »Nahrung für alle« und ihrer Hoffnung, daß die revolutionäre Kunst einen kulturellen Bestand haben soll. Sie begriff sich und ihre Kunst als futuristisch, was sie meinten, es wäre die Zukunft auf dem Wege der Erfüllung. Sie wollen ein neues, gemeinsames Leben mit neuen Menschen, in dem Gemeinschaft für alle gleichberechtigt wächst und gedeiht.
So trugen auch bildende und angewandte Kunst ebenso wie das sowjetische Theater und die Filme von Eisenstein dazu bei, dass viele Menschen außerhalb Russlands – von den Arbeitern bis zur Intelligenz – die Entwicklungen in Sowjetrussland mit Interesse und Sympathie verfolgten.
Es war eine gute Idee, mit dieser Ausstellung an das 100. Jubiläum der Oktoberrevolution zu erinnern.

Editorial

geschrieben von Ernst Antoni

22. April 2017

Eine Großveranstaltung extrem rechter europäischer Parteien im Januar in der Koblenzer Rhein-Mosel-Halle mit Spitzenfunktionären aus Österreich, Italien, den Niederlanden und Marine Le Pen aus Frankreich, herzlichst begrüßt von Frauke Petry von der AfD. Das befremdliche Urteil des Bundesverfassungsgerichts, das der NPD eine »Wesensverwandtschaft mit dem Nationalsozialismus« bescheinigt, um dann doch kein Verbot auszusprechen. »Neurechte« Formen der Holocaust-Leugnung, ein »Integrationsgesetz« in Bayern, das sich gegen Aus- und Inländer richtet, zunehmende Rüstungs- und Militarisierungsbestrebungen allerorten, die Bundesrepublik ganz vorne dabei…
Es sammelt sich derzeit schnell vieles an, über das in einem Magazin für antifaschistische Politik und Kultur kritisch berichtet werden muss. Zu den oben aufgeführten Punkten steht deshalb einiges Ausführlicheres in dieser Ausgabe der antifa. Ergänzt wie immer aber auch durch Überlegungen und positive Beispiele, wie und mit wem solchen Entwicklungen etwas entgegengesetzt werden kann. Wie hierzulande und andernorts humanistisches Engagement Impulse erhalten kann, breitere Bündnisstrukturen entstehen können, Wege des Widerstandes erprobt. Wichtig und nützlich ist hier nach wie vor die Erinnerung an Persönlichkeiten des antifaschistischen Widerstandes, an Verfolgte des Naziregimes und deren Wirken. Dazu auch in diesem Heft wieder einiges auf den Geschichts-, Porträt- und Kulturseiten.
Die aktuellen Entwicklungen vor dem Hintergrund unserer Erfahrungen und Erkenntnisse werden auch Gegenstand der Diskussionen und Schlussfolgerungen des Bundeskongresses 2017 der VVN-BdA sein, der am ersten April-Wochenende in Frankfurt am Main stattfindet. 70 Jahre nach der damals die alliierten Besatzungszonen übergreifenden Gründung des Gesamtverbandes. Die »Spezial«-Seiten dieser antifa informieren über Schwerpunkte des Kongresses, über den vom Bundesausschuss verabschiedeten Leitantrag und einen friedenspolitischen Antrag aus NRW.

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