Die ersten Internationalen

geschrieben von Werner Abel

13. September 2016

Die »Grupo Thaelmann« gründete sich im Juli 1936

»Die Nation ruft -euch auf…« begann ein Manifest, mit dem sich Francisco Franco Bahamonde, Generalkommandant der Kanaren, am 18. Juli 1936 an »Alle Spanier« wandte, und mit dem vor allem alle Militärangehörigen aufgerufen wurden, sich der »Erhebung«, dem »alzamiento militar«, gegen die »revolutionären Horden« anzuschließen. Grundsätzlich aber war Spanien zu diesem Zeitpunkt keine Hochburg des Kommunismus, sondern eine bürgerlich-demokratische Republik, in der die politische Klasse noch immer dem Volk misstraute. Sie unterschätzte auch sträflich die Gefahr, die von dem putschbereiten Militär ausging, das die vorhergehenden Jahre genutzt hatte, seine Reihen von linken Offizieren und Soldaten zu säubern und dessen reaktionäre Offiziere, sich mit der 1933 gegründeten »Unión Militar Española« eine republikfeindliche Organisation geschaffen hatten, die das geistige und logistische Zentrum der »sublevación«, der »Erhebung« werden sollte.
Aber der größte Teil der Nation, der die Proklamation Francos vom 18. Juli galt, reagierte anders. Obwohl die Regierung von Casares Quiroga bis zu diesem Zeitpunkt geglaubt hatte, bei der Verschwörung handle es sich um einen der üblichen »pronunciamientos«, einer Erhebung der Militärs, der man mit Versetzungen begegnen könne, und die weiterhin die Bewaffnung des Volkes ablehnte, reagierte dieses Volk, reagierten die Antifaschisten und die linken Organisationen und Parteien. In den wichtigsten Städten wie Madrid, Barcelona und Valencia stürmten die Antifaschisten die Kasernen des putschenden Militärs und stoppten dessen geplanten Siegeszug. Unter denjenigen, die versuchten, die rechtmäßig gewählte Volksfront-Regierung zu verteidigen, waren auch deutsche Emigranten.
Spanien gehörte zunächst nicht zu den klassischen Exilländern der Deutschen, die ihr Land wegen des Terrors der Nazis verlassen mussten. Die Situation änderte sich mit dem Sieg der Volksfront im Februar 1936. Unkomplizierte Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigungen erleichterten überdies die Entscheidung, nach Spanien zu gehen. Antifaschistische Ausländer, darunter auch Deutsche, hielten sich auch wegen der für den 19. Juli 1936 geplanten Volksolympiade vor allem in Barcelona auf.
In Gefolge des Putsches kam es in verschiedenen großen Städten zu spontanen Abwehrkämpfen. Zunächst bestenfalls organisiert durch die mächtige anarchosyndikalistische Gewerkschaft CNT (Confederación Nacional de Trabajo) und die sozialistische UGT (Unión General de Trabajadores), stellte sich das einfache Volk, vor allem Arbeiter, Angestellte und linke Intellektuelle, den reaktionären Putschisten in den Weg. Erstmals in Europa schien es dem Volk zu gelingen, den Siegeszug der Reaktion, des Faschismus aufzuhalten.
Als die Kraft der Putschisten in Barcelona gebrochen war, vereinigten sich dort am 23. Juli vier Arbeiterparteien zum PSUC, zur Sozialistischen Einheitspartei Kataloniens. Am gleichen Tag schlossen sich achtzehn der Teilnehmer an den Straßenkämpfen in Barcelona, acht Deutsche, sieben Polen, zwei Schweizer und ein Engländer zu einer Kampfgruppe zusammen, die zu einer der ersten internationalen Einheiten gehörte und die sich den Namen »Grupo Thaelmann« gab. Es war die Zeit, in der dem »Milizgesetz« der Regierung über die Bildung militärischer Formationen folgend, alle linken Parteien Milizen gründeten. Unmittelbar nach ihrer Gründung zog diese Gruppe mit der von den UGT- und PSUC-Funktionären José del Barrio und Manuel Trueba gegründeten Columna Trueba-del Barrio an die Huesca-Front und nahm dort an den Kämpfen nahe dem Städtchen Tardienta teil.
Tardienta sollte dann für einige Zeit der Stützpunkt der Columna werden. Die Columna hatte inzwischen den Namen »Carlos Marx« angenommen, aus ihr ging später die 27. Division »Carlos Marx« der Spanischen Volksarmee hervor. Zunächst aber setzte sich diese Einheit aus 800 Personen zusammen, die jedoch nur 600 Gewehre zur Verfügung hatten. In der Columna kämpften in den ersten Monaten, ebenso wie in anderen Milizen, auch Frauen, die aber dann im Zuge der sogen. »Militarisierung« der Milizen auf Befehl des Verteidigungsministeriums von der Front abgezogen wurden.
Die »Militarisierung«, die auch erfahrene deutsche Offiziere wie Ludwig Renn forderten, bedeutete die Einführung hierarchischer Befehlsstrukturen, unterschiedliche materielle Ausstattung von Offizieren und Mannschaftsdienstgraden, vor allem aber die Abschaffung der für die Milizen typischen basisdemokratischen Willensbildung. Gerade das war für viele Ausländer, die in ihren Herkunftsländern gegen das Militär und die bürgerlichen Armeen aufgetreten waren, ein großes Problem. So verließen z.B. mit Egon Illfeldt und Kurt Hessenthaler zwei deutsche Kameraden die ohnehin kleine Thälmann-Gruppe und stellten sich in Barcelona der CNT zur Verfügung. Letztlich sahen sich dann aber auch die anarchistischen Milizen gezwungen, sich den militärischen Notwendigkeiten zu beugen und zu regulären Armeeeinheiten zu werden.
Während der Kämpfe erhielten die Angehörigen des Grupo Thaelmann die Nachricht, dass Ende August aus Frankreich angekommene KPD-Funktionäre unter der Leitung von Hans Beimler eine weitere bewaffnete Einheit mit dem Namen »Ernst Thälmann« gegründet hatten. Diese Einheit, die später mehr Aufmerksamkeit erfahren sollte als die Thälmann-Gruppe, nannte sich »Centuria Thälmann«, gehörte der von Ferrán Gancedo kommandierten Columna »19.Julio« an und wurde militärisch zunächst von Albert Schreiner, dann von Hermann Geisen, und politisch von Hubert von Ranke (»Moritz Bresser«) geleitet. Die Centuria war natürlich mit ca. 190 Kämpfern, unter ihnen über sechzig Deutsche, ungleich größer als die Thälmann-Gruppe. Als beide sich aber bei dem Sturm auf die nahe Tardienta liegende Anhöhe trafen, auf der sich die umkämpfte Eremitage de Santa Quiteria befand, kam es wegen militärischer Differenzen zu keiner Vereinigung. Die inzwischen kampfgeübten Genossen der kleinen Thälmann-Gruppe sahen ihre vornehmste Aufgabe darin, den spanischen Milizionären ihre Erfahrungen weiterzugeben und deren politische Haltung zu festigen. Albert Schindler hingegen, weltkriegserfahren, wollte diese Genossen hauptsächlich als Kämpfer für seine Centuria. Die Genossen stimmten darüber ab und blieben als Gruppe bestehen.
Allerdings zeigten nicht nur die oft chaotischen Kampfeinsätze der Milizen, sondern auch die genannten Differenzen die Grenzen auf, die das Milizsystem gegenüber einer regulären Armee besaß. Gerade der verlustreiche Kampf um die Eremitage, die einige Male eingenommen wurde, aber wegen Nachschubproblemen wieder aufgegeben werden musste, war dafür ein Beispiel. Auch verfügten die meisten der Kämpfer beider Einheiten über keinerlei militärische Erfahrungen, außerdem wurde der Mangel an Waffen in der ersten Zeit noch durch das völlige Fehlen von Kommunikationstechnik übertroffen. Max Friedemann gelang es, Feldtelefone zu organisieren, später sollte er in der Volksarmee eine Schule für Fernmeldetechnik leiten.
Die vielen Probleme der Anfangszeit verhinderten unter anderem auch, dass die strategisch wichtige Eisenbahnlinie Zaragoza-Huesca unterbrochen werden konnte. Die Kämpfer mussten aus der Ferne mit ohnmächtigem Zorn wahrnehmen, wie die Franquisten mit der Bahn Zug um Zug ungehindert ihre Leute an die Front bringen konnten. Die Verluste unter den Internationalen waren hoch, die Centuria Thälmann verlor fast die Hälfte ihrer Kämpfer durch Tod oder Verwundung. Als sie zur Reorganisation nach Barcelona zurückgeführt wurde, waren sie so wenige, dass Hans Beimler mit dem Ausruf »Ihr seid Helden« jeden einzelnen umarmen konnte.
Am 27. September 1936 rief das Exekutivkomitee der Kommunistischen Internationale dazu auf, für die Verteidigung der Spanischen Republik internationale Freiwilligenverbände aufzustellen. Die Verantwortung dafür lag bei den jeweiligen kommunistischen Parteien, der Aufruf aber richtete sich an alle Antifaschisten, unabhängig von ihrer Parteizugehörigkeit, ihrer Religion oder Nationalität. Nachdem am 22. Oktober die Komintern-Funktionäre Luigi Longo, Pierre Rebière und Stefan Wisniewski dem sozialistischen Ministerpräsidenten Largo Caballero die Zustimmung abgerungen hatten, internationale Freiwilligenverbände zu gründen, wurde in Albacete in der La Mancha sofort damit begonnen, die Internationalen Brigaden zu organisieren. Der Kasernenkomplex von Albacete, den zuvor das »5. Regiment«, die aus der Milicia Popular der KP Spaniens hervorgegangenen Armeeeinheit, den Putschisten abgenommen hatte, wurde nun den Internationalen als zukünftige Base zur Verfügung gestellt. Als erste Internationale Brigade wurde die XI. Brigade unter Mitwirkung der deutschen Offiziere Ludwig Renn und Hans Kahle aufgestellt, die seit dem 1. November Manfred Stern (Emilio Kléber), danach Hans Kahle kommandierte. Die Überlebenden der Centuria »Thälmann« marschierten nach Albacete und wurden in das erste Bataillon der XI. Internationalen Brigade eingegliedert. Während der Schlacht um Madrid schloss sich auch der Rest des »Grupo Thälmann« dieser Brigade an, die hier ihre Feuertaufe erhielt und trotz gewaltiger Verluste einen enormen Anteil der Rettung Madrids vor dem Ansturm der Franquisten hatte.
Zwischen den Deutschen, die in Spanien nunmehr die Chance sahen, dem Faschismus mit der Waffe in der Hand entgegenzutreten, herrschten oft schroffe ideologische Gegensätze. Obwohl sie sich im Antifaschismus und der Notwendigkeit der Verteidigung der Demokratie einig waren, konnten die Differenzen, die sich letztlich schädlich für den Kampf zur Erhaltung der Republik auswirken sollten, nicht überwunden werden. Aber bleiben wird: Etwa 4000 deutsche Männer und Frauen halfen bei der Verteidigung der Spanischen Republik und der Revolution in Spanien. Viele von ihnen opferten dafür ihr Leben. Alle diese Männer und Frauen verkörperten das bessere Deutschland gegenüber denen, die im deutschen Namen zwei Jahre später Europa mit Krieg, Konzentrationslagern, mit Mord, Not und Verderben überzogen.

Zu den Deutschen, die in Barcelona am Sturm auf die von den Putschisten gehaltenen Kasernen teilnahmen, gehörte auch Max Friedemann, Deutscher jüdischer Herkunft und Kommunist. Eine Waffe, sagte man ihm, müsse er sich selbst erobern, zumindest aber, erzählte er später, sollte ihm innerhalb einer Minute beigebracht werden, wie ein Gewehr funktioniert.
Zu den deutschen Freiwilligen, die im Juli/ August 1936 gegen die Putschisten an die Aragón-Front gingen, gehörten aber auch diejenigen, die in den CNT-nahen Milizen den Grupo Internacional »Erich Mühsam« der Columna Ascaso und den Grupo bzw. der Compania Internacional der Columna Durruti gebildet hatten. Andere wiederum kämpften in den Reihen des Bataillons Roviera, einer Einheit der von der kleinen Arbeiterpartei POUM organisierten Columna »Lenin«.

Antritt von Rechts

geschrieben von Markus Roth

13. September 2016

Während der Hauptstadtwahlkampf zum Abgeordnetenhaus und den Bezirksverordnetenversammlungen merklich in die heiße Phase (am 18. September wird gewählt) eintritt, versuchen sich die Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus (MBR) und das Antifaschistische Pressearchiv (apabiz) an Ratschlägen zum Umgang mit der Alternative für Deutschland (AfD).
Als Sammelbecken für das rechtsliberale, rechtskonservative und rechtsextreme Spektrum werden der AfD auch in Berlin bis zu 14% der WählerInnenstimmen vorausgesagt. Nicht die konkreten Inhalte und das Berliner AfD-Personal würden die WählerInnen überzeugen, sondern der bundesweite Trend, selbst Teil einer neuen rechten Bewegung zu sein, die auf außerparlamentarischer wie parlamentarischer Ebene dem Establishment das Fürchten lehrt. Wenn dieses Ziel in erreichbare Nähe rückt, scheinen die parteiinternen Widersprüche zwischen wirtschaftsliberal und offen rassistisch, überwindbar. Die Strategien zur Schadensbegrenzung bei öffentlicher Thematisierung von extrem rechten Tabubrüchen sind hinlänglich eingeübt: Herausreden, Leugnen, Vertagen, sich als Opfer von Polit-Mobbing darstellen. Wie also ist die AfD in der Konfrontation zu packen?

Konfrontationsstrategien
Die AutorInnen wollen unter anderem die »Grundlagen der Demokratie« dazu in Stellung bringen. Zu denen gehören die Grundrechte, die Rechte von Minderheiten und allgemeine Menschenrechte, die die AfD letztlich aushebeln wolle. Doch ist das nicht schon längst bundesdeutsche Realität? Für Nicht-Deutsche fallen Bürgerrechte zumeist flacher aus. Das geht beim Wahlrecht los und endet noch lange nicht beim Straf- und Ordnungsrecht (z.B. »verminderter Rechtsschutz« im Asylverfahren), das sehr wohl die BürgerInnen zweiter Klasse kennt. Wer beispielsweise in den letzten Jahren versucht hat die Schulpflicht für minderjährige Flüchtlinge gegen den Willen von SPD-Bezirksstadträten und die versammelte LehrerInnen- und Elternschar an den Berliner Schulen durchzusetzen, hat den Glauben in die »unveräußerlichen« Grundrechte verloren. Wenn sich die dringende strategische Abgrenzung zur AfD nun ausgerechnet auf die Grundrechte bezieht, die ohnehin ausgehöhlt sind, werden die meisten Parteien ins Schlingern geraten. Da wird auch der »Berliner Konsens gegen Rechtsextremismus und Rechtspopulismus«, einer Erklärung der sechs größeren demokratischen Parteien, nicht weiterhelfen. Eine ernsthafte Debatte darüber, was hierzulande Menschenrechte wert sind, braucht mehr als die AfD und den Wunsch, diese aus den Parlamenten rauszuhalten.

Argumentative Anstrengungen
Man möge im Wahlkampf »Argumentative Anstrengungen« unternehmen, um die Lösungsvorschläge der AfD für gesellschaftliche Probleme als nicht-lösend bzw. verschlimmernd darzustellen. Am besten vor Publikum das unentschlossen ist und von einem Wahlerfolg der AfD womöglich nicht profitieren würde, so die AutorInnen. So richtig die erweiterte Suche nach BündnispartnerInnen gegen die AfD ist, so mühsam scheint die praktische Umsetzung doch gerade in Berlin. Die AfD hat, trotz des »Berliner Konsens« und der inszenierten Ausbrüche, den demokratischen Duldungsrahmen offenbar noch nicht verlassen. Was uns schon bei der NPD entgegenhalten, bekommen wir bei den Anti-AfD-Aktionen ebenso zu hören: So lange sie nicht verboten sind, muss der Widerstand auf Sparflamme bleiben. Dass in sämtlichen AfD-Parteistrukturen, bis in die Bezirksverbände, ehemalige CDU-Funktionäre und ein hoher Anteil an Staatsbediensteten (StaatsanwältInnen, LehrerInnen, PolizistInnen usw.) eine neue Heimat gefunden haben, erschwert den breiten gesellschaftlichen Konsens.
Aus diesem Grund gibt es auch keine wahrnehmbare Diskussion dazu inwieweit Podien in Schulen und Diskussionsveranstaltungen mit der AfD gemieden werden sollten. Sie finden statt. Und zwar ohne, dass zentral über die diskriminierenden Schwerpunkte der AfD gesprochen wird. Zur Vorbereitung zu solchen Veranstaltungen können die Vorschläge der MBR aus der Broschüre weiterhelfen: (1) Eingrenzung der Themen um eine Selbstinszenierung der AfD zu unterbinden, (2) faktensichere und entschiedene Moderation, (3) rechtsextremes Personal und Inhalte – auch jenseits der offiziellen Verlautbarungen – der AfD argumentativ entgegenhalten, (4) ob im Modus »andauernde Empörung« oder im Geplauder über Verkehrs- und Baupolitik, das Ziel sollte ein »selbstbewusst-dechiffrierender Umgang« mit der AfD sein.
Diese eindeutigen Hinweise von Projekten die staatlich gefördert werden, sind nicht selbstverständlich. Umso dankbar sollten wir sein, dass sich die AutorInnen etwas weiter vorwagen als ihre AdressatInnen (vor allem KandidatInnen anderer Parteien). Schade, dass die Gelegenheit nicht genutzt wurde auch einen Überblick darüber zu geben was aus antifaschistischer Perspektive noch gegen die AfD aufgefahren wird und gemeinsam ausgebaut werden müsste.

Antritt von rechts (2016)
Ein Überblick über Wahlantritte rechter Parteien zu den Berliner Wahlen im September 2016.
Hg.: Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus Berlin (MBR) und das antifaschistische Pressearchiv und Bildungszentrum Berlin (apabiz); 20 Seiten. Download: mbr-berlin.de

Symbol wechselvoller Geschichte

geschrieben von Gerald Netzl

13. September 2016

Das Siegesdenkmal Bozen sollte das erste faschistische Mahnmal sein

1917 wurde damit begonnen, für die Gefallenen des in Bozen stationierten II. Regiments der Tiroler Kaiserjäger ein Denkmal zu errichten, das nach Kriegsende nicht vollendet wurde. Benito Mussolini ließ ab 1926 ein neues Denkmal errichten, ein Zeichen der »Italianität«. Nach 1945 war dieses jahrzehntelang umstritten, seit 2014 beherbergt es eine höchst interessante Ausstellung, die den Zeitabschnitt 1918 – 1945 in regionaler und überregionaler Hinsicht in den Blick nimmt und insbesondere den italienischen Faschismus und die Zeit der nationalsozialistischen Besetzung thematisiert.
Erklärtes Ziel des römischen Architekten Marcello Piacentini war es, nichts weniger als das »erste echt faschistische Denkmal« zu errichten. Zu diesem Zweck führte er eine völlig neue Säulenordnung ein – die Liktorensäule als Symbol der faschistischen Staatsmacht. Die Pfeiler des Denkmals wurden als monumentale Rutenbündel mit hervorstehenden Beilklingen gestaltet. Bald wurde das am 12. Juli 1928 eingeweihte Siegesdenkmal (dem zwölften Jahrestag der Hinrichtung Cesare Battistis) zur effektvollen Bühne für zahlreiche öffentliche Veranstaltungen, politische Kundgebungen und propagandistische Feiern. Das Monument wurde von den italienischen Kriegsveteranen, den faschistischen Parteikadern und der Jugendorganisation (»Balilla«) sofort ins Herz geschlossen.
Die Annexion der Gebiete südlich des Brenners durch Italien 1918 war der Lohn für dessen Kriegseintritt aufseiten der Entente. Der Brenner rückte so zum Symbol des siegreichen Italiens auf. Umfassende Maßnahmen zur Italianisierung und Faschisierung der Gesellschaft betrafen nach der kurzen liberalen Zeit rasch Verwaltung, Schule, Sprachgebrauch, Ortsnamengebung usw. Nur die katholische Kirche konnte im Rahmen ihrer konfessionell ausgerichteten Schulen und des Religionsunterrichts einige Rückzugsgebiete schaffen.
Für das Nachkriegs-Österreich, egal ob demokratisch oder autoritär regiert, und später für Nazi-Deutschland, war die Unterdrückung der Deutschsprachigen und Ladiner in Südtirol ein Problem. Dieses Problem wollten die beiden Diktaturen mit dem Optionsabkommen im Herbst 1939 zur Umsiedlung der Südtiroler ins »Reich« lösen. Es sollte anders kommen, mit Mussolinis Sturz 1943, der Besetzung Norditaliens durch die Wehrmacht und der Errichtung der Operationszone Alpenvorland wurde Südtirol dem deutschen Machtbereich einverleibt. Innerhalb der beiden Sprachgruppen entstanden jeweils eigene Widerstandsbewegungen. Nach Kriegsende wurden die Südtiroler Hoffnungen auf eine Grenzrevision enttäuscht. Das Gruber – DeGasperi-Abkommen vom 5. September 1946 gab einen Rahmen vor, der die Minderheitenrechte gewährleisten sollte. Der Blick ins Internet lohnt: www.siegesdenkmal.com

Cesare Battisti (4. Februar 1875 in Trient, damals Österreich-Ungarn; † 12. Juli 1916 ebenda) war Geograf. 1902 wurde er Gemeinderat in Trient, 1911 sozialistischer Abgeordneter zum österreichischen Reichsrat und im Mai 1914 zum Tiroler Landtag. Als Irredentist reiste Battisti im August 1914 ins damals noch neutrale Italien und trat mit Kriegseintritt Ende Mai 1915 in dessen Armee in den Krieg gegen Österreich-Ungarn ein. Am 11. Juli 1916 wurde er von österreichischen Kaiserjägern gefangen genommen und nach kurzem Prozess in Trient wegen Hochverrats trotz formalrechtlicher Immunität als Reichsratsabgeordneter hingerichtet. Ironischerweise war es Mussolini, der zunächst das Andenken Battistis bewahrte (sie lernten sich 1909 in Trient kennen, als Mussolini noch Sozialist war), doch verwahrte sich Battistis Witwe Ernesta gegen eine mögliche Vereinnahmung Cesares durch die Faschisten.

Aufenthalt mit Lernerfahrung

geschrieben von Ulrich Schneider

13. September 2016

Zum Leben und Werk von Hermann Kant (1926-2016)

Im Alter von 90 Jahren starb Mitte August der berühmte DDR-Schriftsteller Hermann Kant, Generationen von Lesern in der DDR bekannt, denen in der BRD zumindest durch seinen Roman »Die Aula«, in dem er in humorvoll-anschaulicher Weise die Aufbaujahre der DDR beschrieb.
Kant, der am 14. Juni 1926 in Hamburg als Arbeiterkind geboren wurde, kam als Jugendlicher mit seinen Eltern nach Mecklenburg, das seine neue Heimat wurde. Doch bevor er dort richtig heimisch wurde, schickte man ihn nach seiner Lehre Ende 1944 noch in den Krieg an die Ostfront. Er geriet schon nach kurzer Zeit in polnische Kriegsgefangenschaft. Dort begann für ihn ein Prozess des Umdenkens, der sein weiteres Leben prägte.

Hermann Kant 2008

Hermann Kant 2008

Zuerst kam er in das Warschauer Gefängnis Morkotów, in das die faschistischen Okkupanten zuvor polnische Nazigegner eingekerkert hatten. Dann kam er in ein Arbeitslager, das sich auf dem Gelände des vollkommen zerstörten Warschauer Ghettos befand. Er wurde an diesen beiden Orten ganz unmittelbar mit den Verbrechen von Wehrmacht und SS konfrontiert. Daraus zog er die Konsequenz, sich im Antifa-Komitee zu engagieren und wurde sogar Lehrer an der Antifa-Schule. Aus dieser Zeit resultierten auch seine ersten Kontakte mit Schriftstellern. So traf er Anna Seghers, die als Antifaschistin in die SBZ zurückgekehrt war. Sie beeindruckte ihn sehr. Folgerichtig entschied sich Herman Kant nach seiner Heimkehr aus der Kriegsgefangenschaft 1949 wieder nach Mecklenburg zurückzugehen und sich für einen sozialistischen Neubeginn zu engagieren.
Er holte an der Greifswalder »Arbeiter- und Bauernfakultät« (ABF) sein Abitur nach. Anschließend studierte er bis 1956 Germanistik an der Berliner Humboldt-Universität. Wie stark ihn die Auseinandersetzung mit der faschistischen Vergangenheit beschäftigte, zeigte das Thema seiner Diplomarbeit: »Die Darstellung der ideologisch-politischen Struktur des faschistischen deutschen Heeres in Pliviers Roman Stalingrad«.
Nach dem Studium blieb er noch drei Jahre an der Universität, erst als wissenschaftlicher Assistent, dann als Chefredakteur der Studentenzeitung. Hier verstärkte sich sein Interesse am Schreiben.
Als Mitarbeiter des Schriftstellerverbandes veröffentlichte er bereits 1962 den Erzählband »Ein bisschen Südsee«, der in unterhaltsamen Miniaturen den DDR-Alltag und die persönlichen Entscheidungen von Menschen beschrieb. Fast 20 Jahre später1981 folgte ein weiterer Band solcher Erzählungen »Der dritte Nagel«.
Seinen Durchbruch erzielte er 1965 mit dem Roman »Die Aula«, der Geschichte der ABF. In einer autobiographisch geprägten Darstellung mit einer nüchternen, teils selbst-ironischen Sprache blickt er auf die Anfangsjahre der DDR zurück und lässt den Leser miterleben, warum sich die meisten Protagonisten für die DDR entschieden hatten. Dieser Roman wurde in 15 Sprachen übersetzt und auch in der BRD sehr positiv rezipiert.
Sein wohl wichtigstes Werk ist der ebenfalls autobiographisch geprägte Roman »Der Aufenthalt« von 1976. Er erzählt die Geschichte Mark Niebuhrs, eines deutschen Wehrmachtssoldaten, der irrtümlich unter dem Vorwurf ein SS-Verbrecher zu sein, in Polen verhaftet wird. Der Roman beschreibt in eindringlicher Form den Erkenntnisprozess des Protagonisten, der sich zuerst gegen die falsche Beschuldigung wehrt, um später zu verstehen, dass seine deutschen Mitgefangenen kaum bereit waren, sich mit ihren verbrecherischen Taten auseinanderzusetzen. Kant vermittelt den Lesern – auch in der DDR – dass das deutsch-polnische Verhältnis ohne eine Annahme der deutschen Verantwortung für diese Verbrechen immer belastet bleiben würde. Diese Perspektive stand durchaus im Spannungsverhältnis zu dem harmonisierenden Geschichtsverständnis, dass mit der gesellschaftlichen Veränderung in der DDR auch dieses Thema »gelöst« sei.
Wie brisant die Thematik war, zeigte sich auch bei der Verfilmung dieses Romans durch Frank Beyer. Auf polnischen Einspruch hin wurde dieser Film nicht bei der Berlinale 1983 gezeigt und war in der DDR nur in Studiokinos zu sehen.
Nach dem Ende der DDR versuchte das bürgerliche Feuilleton, Hermann Kant auf seine Rolle im DDR-Schriftstellerverband, den er – als Nachfolger von Anna Seghers – seit 1978 leitete, und vorgebliche MfS-Kontakte zu reduzieren. Aus diesem Grund zog er sich seit den 90er Jahren weitgehend aus der Öffentlichkeit zurück, schrieb und veröffentlichte aber noch mehrere Werke, u.a. »Okarina«, einen »Nachfolge-Roman« zum »Aufenthalt«.
Seine Überzeugung hat er nicht aufgegeben. Vor wenigen Jahren erklärte er in einem »Spiegel«-Interview:
»Ich war ein überzeugter Erbauer der DDR, ich wollte die. Ich wollte sie zwar nicht so, wie sie dann geworden ist, aber ich wollte einen Sieg. Das alte Deutschland wollte ich nicht mehr.«

Endlich mal Utopien

geschrieben von Thomas Willms

13. September 2016

Transgender in den US-Serien »Sons of Anarchy« und »Sense8«

Natürlich kann man über das Böse leichter interessante Geschichten erzählen, als über das Gute. Und doch ist es auffällig, wie sehr sich das Serien-Schaffen in den letzten Jahren darauf konzentriert zu zeigen, wie mehr oder weniger normale Menschen sich in den moralischen Abgrund manövrieren. Man fragt sich: Kann nicht einmal jemand eine Geschichte über das Gegenteil erzählen? Gibt es nicht vielleicht doch noch einen positiven Typus, ein Vorbild gar?
Die Rocker-Saga »Sons of Anarchy« (2008 – 2014) hält inmitten von Mord und Totschlag, an die man sich übrigens als Zuschauer viel zu leicht gewöhnt, einen solchen Moment bereit. Mit Walton Goggins betritt einer der charismatischsten US-Schauspieler, den man aus mehreren Rollen als durchtriebenen Südstaaten-Rassisten kennt, die Szene. In unglaublicher Manier verwandelt Goggins als Transgender-Domina »Venus« die hartleibigen Motorrad-Rocker in mitfühlende, sich ohne eigenen Vorteil für andere einsetzende Menschen. Venus entwaffnet durch eloquente Rede, Sex-Appeal, Gewaltlosigkeit und den Mut zur eigenen Biographie. Sie wird zum emotionalen Pol, zum Schneewittchen unter sieben Zwergen, das man um seiner eigenen Seele willen lieben, ehren und verteidigen muss. Genau so wirkte Venus laut übereinstimmender Medienberichte auf das zahlreiche Publikum dieser Tiefenbohrung ins Mackertum. Ideologiekritisch könnte man fragen, ob hier wohl eine neue Version des »edlen Wilden« oder der »friedfertigen Frau« präsentiert wird. Sons of Anarchy bleibt die Antwort bezüglich dieser begeisternden Nebenfigur schuldig, liefert aber mit ihrem Nachnamen »van Dam« einen schönen Hinweis. Im sich ewig selbst zitierenden Filmwesen deutet er natürlich auf den Action-Star »Jean-Claude van Damme«, die »Muskeln aus Brüssel« hin.
Die Figur der Venus – und auch das Thema »van Damme«, nun als Voodoo-Deko eines Busses in Nairobi – nimmt nun die neue Serie »Sense8« auf. Die Ideengeber und Regisseure namens »die Wachowskis« haben dafür persönliche Gründe. Die beiden, vormals als Brüder Wachowski bekannt, werden sicher einiges von ihrem eigenen Identitätswandel verarbeitet haben und vollbringen dabei etwas künstlerisch Neues. Auch hier ist es die Transgender-Frau, die alle Aufmerksamkeit auf sich zieht. Als hätten sie die AfD und insbesondere Beatrix von Storch bewusst auf die Palme bringen wollen, inszenieren die Wachowskis nicht-heterosexuelle Lebensentwürfe als beneidenswerte, wollüstige Form des Zusammenseins. Das Aufheben der Zwänge und Regeln wird aber radikal buchstäblich auf die Welt erweitert. Die Story besteht nämlich darin, dass acht Menschen auf allen Kontinenten gewahr werden, dass sie auf eine telepathische Weise miteinander verbunden sind und ihre Fähigkeiten und Kräfte untereinander tauschen können. Das wundervolle Märchen Sense8 weist den alten Mächten, den weißen Männern in Europa und Amerika, die als Trumps, Farages und Hofers immer noch glauben, die Welt müsse sich um sie drehen, ihren angemessenen Platz an. Die Figuren des Chicagoer Bullen und des Berliner Safeknackers symbolisieren in ihren Industriebrachen Niedergang und Gewalt als einzige Handlungsoption. Aber den Lauf der Geschichte und im Grunde den der Welt bestimmen die indische Pharmazeutin, der kenianische Busfahrer, die koreanische Managerin, die isländische Sängerin und eben die Computertransgenderfachfrau in San Franzisco. Man wird entführt in flimmernd bunt-berauschende Spielorte rund um die Welt. Die Originaltonspur ist wie ein Omelett aus Sprachen – Suaheli, Spanisch, Isländisch, Koreanisch und Deutsch, zusammengehalten durch verschiedene Dialekte des Englischen. Die Welt kann ganz anders und besser sein und diejenigen, die bislang das Sagen hatten, können sich entspannen und haben auch noch etwas davon. Das ist das Credo der Serie. Der eigentliche Plot, soweit das nach Staffel 1 erkennbar ist, dreht sich anscheinend um den Kampf gegen eine vage Industriellen-Verschwörung und wird vermutlich ähnlich ins Chaos führen wird wie bei der »Matrix«-Trilogie der Wachowskis. Aber das macht gar nichts! Freuen kann man sich über den positiv-utopischen Charakter des Projekts, ganz ähnlich wie beim Dokumentarfilm- Projekt »7 Milliarden Menschen« (siehe antifa Juli 2014). Hoffen wir, dass Sense8 es auch einmal in einen deutschen Fernsehkanal schaffe wird.

Ohne Empörung?

geschrieben von Regina Girod

13. September 2016

Jason Webster auf den Spuren des Spanischen Bürgerkrieges

Der Spanische Bürgerkrieg 1936 – 1939, von vielen Historikern als erste Schlacht des 2. Weltkriegs bezeichnet, hat im 20. Jahrhundert Generationen von Autoren, Musikern und Filmemachern zu künstlerischen Werken angeregt. Ob Pablo Picasso, Ernest Hemingway, George Orwell oder Ken Loach – ihre Darstellungen haben Millionen Menschen bewegt und damit auch das Bild der Zeitgenossen über diesen Krieg geprägt. Man könnte meinen, Franco habe ihn zwar gewonnen und danach für 36 lange Jahre in Spanien eine Diktatur errichtet, doch aus historischer Sicht war dies nur eine Episode. Ins Menschheitsgedächtnis eingeschrieben bleibt dagegen der heldenhafte Kampf des spanischen Volkes für Freiheit und Gerechtigkeit. Nicht zuletzt deshalb, weil ihn große Kunst für alle Zeit bezeugt.
Doch auch das entspricht nicht mehr der Wirklichkeit. Nicht nur in Spanien, wo nach Francos Tod noch einmal 30 Jahre vergehen mussten, bis der »Pakt des Schweigens« über den Bürgerkrieg gebrochen werden konnte, sondern auf der ganzen Welt ist heute kaum noch bekannt, was vor 80 Jahren die Menschheit bewegte. Wenn keine Zeugen mehr aus eigenem Erleben über ein Ereignis berichten können, tritt es in die Geschichte ein. Nachgeborene entnehmen diesem Reservoir nur das, was für ihr eigenes Leben Bedeutung haben könnte. Doch dazu müssen sie es kennen. Wer bereitet also mit welchem Ziel geschichtliches Wissen für nachfolgende Generationen auf? Die historische Bewertung der Kämpfe gegen den Faschismus bleibt nach wie vor umstritten, das heißt: Sie ist noch immer von Belang.
Was aber könnte junge Menschen heute am Spanischen Bürgerkrieg interessieren? Welche Erfahrungen könnten für sie wichtig sein? Jason Webster, ein Brite, der als Autor meist in Spanien lebt, hat eine unerwartete Antwort gefunden. Sie lautet: Genau das, was mich selber interessiert. 2006 veröffentlichte er, 36-jährig, sein Buch »!Guerra!«. Nach eigenen Angaben ein »nichtfiktionales Werk, das auf eigenen Erfahrungen und Erinnerungen beruht.« Die englische Originalfassung wurde ein Bestseller. Von der 2014 im Conte Verlag erschienenen deutschen Übersetzung ist das leider nicht anzunehmen, hierzulande ist Webster eher als Krimiautor bekannt.

Jason Webster »¡Guerra!« Übersetzt aus dem Englischen von Tobias Raubuch, Conte-Verlag, St. Ingbert, Paperback, 322 S., 2014

Jason Webster »¡Guerra!«
Übersetzt aus dem Englischen von Tobias Raubuch, Conte-Verlag, St. Ingbert, Paperback, 322 S., 2014

Übersetzer Tobias Raubuch nennt das Buch einen »modernen Hybriden aus Reiseroman und historischen Schilderungen«, doch das trifft nach meiner Meinung nicht seinen Kern. Auch wenn der Autor kein Kunstwerk schaffen wollte, packt er seine Leser durch Subjektivität und Ehrlichkeit. Er lässt sie daran teilhaben, wie er sich selbst auf die Geschichte des Bürgerkrieges eingelassen hat. Zögernd erst, wegen der Befürchtung, dass das neue Wissen sein Gefühl für Spanien ändern könnte. Dann immer rigoroser. Ganze Kapitel referieren den Kriegsverlauf, wie man ihn heute auch in Geschichtsbüchern lesen kann. Hier aber nicht im trockenen Geschichtsbuchstil, sondern spannend wie in einem Krimi, bildhaft, wertend und manchmal ungerecht. Im Wechsel damit Teile, in denen Webster über das moderne Spanien schreibt. Skurrile, berührende und verstörende Geschichten über Menschen, die er auf seinen Reisen zu den Stätten des Krieges getroffen hat. Und hinter allem die Frage: Was hat das miteinander zu tun?
Nach heutigen Schätzungen haben der Bürgerkrieg und der Terror Francos mindestens 500 000 Opfer gefordert. Kaum eine Familie, die nicht betroffen war. Jason Webster nutzt die Distanz die er als Nichtspanier und Nachgeborener besitzt für den Versuch, ein objektives Bild der Vorgänge zu zeichnen. Das heißt, er stellt die Interessen, Strategien und Taten beider Seiten dar, die mit dieser Bilanz endeten. Nicht ohne Grund nennt er sein Buch »¡Guerra!«. Im Krieg werden alle Beteiligten zu Schuldigen, könnte die Quintessenz seines Textes lauten.
Aber geht das überhaupt, »objektiv« über einen Krieg zu berichten, sich selbst herauszuhalten, nicht Partei zu ergreifen? Noch dazu bei diesem Krieg, der so ungeheures Unrecht hinterließ?
Es geht eigentlich nicht. Zu der Erkenntnis kommt auch Webster selbst, wenn er am Ende des Buches schreibt: »Es gibt nicht die eine Version der Ereignisse, ob nun vergangen oder gegenwärtig – es gibt nur Material, welches wir selbst zu formen beschließen konnten.«
Insofern ist »¡Guerra!« all jenen nicht zu empfehlen, die ein fest gefügtes Bild über den Spanischen Bürgerkrieg, seine Akteure und ihre Motive mitbringen. Viele Ansichten Websters würden ihnen nicht nachvollziehbar erscheinen. Für alle anderen aber kann das Buch eine Quelle der Inspiration sein. Für mich war interessant zu sehen, dass der Autor, dessen Sympathie durchaus der republikanischen Seite gilt, trotzdem deren Hauptakteure, nämlich Anarchisten und Kommunisten, so gut wie nicht verstanden hat. Ihre Gründe lagen zu weit außerhalb seines Erfahrungshorizonts.
Doch etwas hat auch mich irritiert: Der Mangel an Emotionen, mit dem Jason Webster die Gräueltaten der Franquisten beschreibt. Offensichtlich lösten sie keine Empörung mehr in ihm aus. Für mich jedoch ist der Geist der Empörung das eigentliche Erbe des Spanischen Bürgerkriegs.

 

Ruth Rewalds Erbe

13. September 2016

Dirk Krüger über seine Entdeckung des Jugendbuches »Vier spanische Jungen«

Im Jahre 1984 habe ich mit Prof. Thomas Koebner, dem Lehrstuhlinhaber für Allgemeine Literaturwissenschaft an der Universität Wuppertal, eine Dissertation zur Literatur zum Spanischen Bürgerkrieg besprochen. Wir einigten uns darauf, nicht die bekannte, umfangreiche Literatur neu zu bewerten und zu interpretieren. Mein Ziel war es, nach wenig oder gar nicht bekannten Arbeiten von solchen Exil-Autoren zu forschen, die in der Wahrnehmung nicht mit der Literatur zum Spanischen Bürgerkrieg in Verbindung gebracht wurden.
1985 bin ich beim Studium des Bandes 6, »Exil in den Niederlanden und in Spanien« des auf sieben Bänden angelegten Werks »Kunst und Literatur im antifaschistischen Exil 1933-1945« in einer Fußnote auf Ruth Rewald gestoßen. Der war zu entnehmen, dass ihr Nachlass im Zentralen Staatsarchiv der DDR, in Potsdam, archiviert sei und dass sich darin das unveröffentlichte Typoskript zu dem Kinder- und Jugendbuch »Vier spanische Jungen« befinde.

Am 25. März 2016 wurde das Mitglied der Wuppertaler VVN-BdA, der Literaturwissenschaftler Dr. Dirk Krüger, von der französischen Stadt Les Rosiers-sur-Loire mit der Ehrenmedaille (Medaille d’Honneur) »Avec les compliments du Maire et du Conseil Municipal« ausgezeichnet. Mit einer Gedenktafel, einer Ausstellung und einer literarischen Veranstaltung erinnerte die Stadt an Ruth Rewald.

Am 25. März 2016 wurde das Mitglied der Wuppertaler VVN-BdA, der Literaturwissenschaftler Dr. Dirk Krüger, von der französischen Stadt Les Rosiers-sur-Loire mit der Ehrenmedaille (Medaille d’Honneur) »Avec les compliments du Maire et du Conseil Municipal« ausgezeichnet. Mit einer Gedenktafel, einer Ausstellung und einer literarischen Veranstaltung erinnerte die Stadt an Ruth Rewald.

1986 habe ich die Erlaubnis bekommen, den Nachlass in Potsdam einzusehen. Ich habe dann mehrere Wochen im Archiv gearbeitet. Viele Teile musste ich handschriftlich erfassen, weil damals die Kopiermöglichkeiten noch begrenzt waren. Vom Typoskript und anderen Original-Dokumenten wurden Filme gemacht und davon dann Kopien gezogen. Sie wurden dann Ende 1987 die Grundlage für die Veröffentlichung des Buches »Vier spanische Jungen« in einem Kölner Verlag.
Ruth Rewald war Berlinerin, 1906 geboren. Sie studierte zunächst in Berlin, später in Heidelberg, brach das Studium jedoch vor dem Abschluss ab. Anschließend verfasste sie Kurzgeschichten, die in verschiedenen Zeitungen erschienen.  1932 veröffentlichte sie ihren ersten Roman: »Müllerstraße. Jungens von heute«.
1929 hatte sie den jüdischen Rechtsanwalt Hans Schaul geheiratet. Mit ihm gemeinsam floh sie 1933 vor den Nazis nach Paris. Dort hat sie mit zahlreichen Gelegenheitsarbeiten die Familie »über Wasser gehalten«. Und sie hat zwei Kinder- und Jugendbücher geschrieben: »Janko – Der Junge aus Mexiko« und »Tsao und Jing Ling – Kinderleben in China«. Das hat damals in der Exilpresse großes Aufsehen erregt. In der AIZ wurde gar ein ganzes Kapitel aus dem »Janko« abgedruckt.
Im Herbst 1936 ist Hans Schaul nach Spanien gegangen und hat dort praktisch bis zum Ende des Krieges in den Internationalen Brigaden gekämpft. Ruth Rewald blieb zunächst in Paris, wo am 16. Mai 1937 die Tochter Anja geboren wurde.
Als ihr Mann in einem Brief von den vier spanischen Jungen berichtete, die am Nachmittag des 16. Juni 1937 aus der Bergarbeiterstadt Penarroya zum »Bataillon der 21 Nationen – Tschapaiew« übergelaufen waren, wurde unter anderem von Gustav Regler beschlossen, Ruth Rewald nach Spanien einzuladen. Verbunden war das mit der klaren Absicht, dass sie ein Kinder- und Jugendbuch dazu verfasst.
Sie hat, nachdem sie eine Betreuung für ihr Kind gefunden hatte, dann um die Jahreswende 1937/38 drei Monate in dem Kinderheim »Ernst Thälmann«, das die 11. Internationale Brigade in einem verlassenen Schloss in der Nähe von Madrid eingerichtet hatte, zusammen mit den spanischen Kindern gewohnt und gelebt.
Nach ihrer Rückkehr hat sie das Buch »Vier spanische Jungen« geschrieben, Vorträge gehalten und zahlreiche Reportagen verfasst, die teilweise in Zeitungen in der Schweiz veröffentlicht wurden – und etwas Geld einbrachten. Für das Buch aber fand sich kein Verleger.
Im Mai 1940 überfiel die deutsche Wehrmacht Frankreich. Bereits am 14. Juni 1940 erfolgte die kampflose Einnahme von Paris. Frankreich zerfiel in zwei Teile: Es entstand eine »besetzte Zone« und ein französische Restgebiet mit dem Regierungssitz im Kurort Vichy und mit General Petain an der Spitze.
Hans Schaul, der aus Spanien zurückgekehrt war, wurde zunächst im Lager Le Vernet und dann in dem Lager Djelfa in Algerien interniert. Er wurde von dort in die Sowjetunion eingeladen. Damit konnte er sein Leben retten.
Ruth Rewald packte im Mai 1940 ihr gesamtes geschriebenes und gedrucktes Hab und Gut in einen Koffer (deutsche Frauen mit Kindern waren noch von der Internierung in Lagern ausgenommen) und floh zunächst nach Saint Nazaire. Als die Stadt von den Nazis zu einem militärischen Sperrgebiet erklärt wurde, floh sie weiter die Loire entlang und gelangte am 29. November 1940 nach Les Rosiers-sur-Loire. Sie wurde dort gut aufgenommen, bekam eine kleine Wohnung und konnte im Garten Obst und Gemüse anpflanzen und damit zur »Selbstversorgung« beitragen. Ihre Tochter konnte ohne Probleme die Schule besuchen.
Den zahlreichen Karten, die sie in dieser Zeit an ihren Mann richtete und die dieser retten konnte, konnte ich viele Informationen über ihre Lebens-umstände und etliche Kommentare und politische Einschätzungen, besonders nach dem Überfall der Wehrmacht auf die Sowjetunion, entnehmen.
Sie war, so würde man es heute ausdrücken, außerordentlich beliebt und gut integriert. Davon zeugen z.B. die Schulfeste an denen sich Anja und ihre Mutter aktiv beteiligten und die Geburtstage Anjas, zu denen immer viele Kinder kamen.
Am 22. Juni 1942 schreibt sie an ihren Mann: »Ansonsten trage ich jetzt das Emblem meiner ‚Rasse‘». Und sie fährt fort: »Das hat mir viel Sympathie eingebracht und zwei Paar Schuhe in keinem schlechten Zustand. Du weißt aber, dass ich mich darüber nicht amüsiere.«
Ihre letzte Karte trägt das Datum 17. Juli 1942 und das Poststempeldatum 18. Juli 1942. Sie schreibt: »Mein lieber Hans! Es ist soweit. Ich fahre zur Erntearbeit, ich weiß noch nicht wo…Ich glaube nicht, daß du so bald Nachricht bekommst…Außer der Trennung von Anja wird mir nichts etwas ausmachen…Dir alles Gute! Ruth«
Les Rosiers lag in der »Zone d’occupation allemande« in der besetzten Zone. Ruth Rewald wurde am 17. Juli 1942 im Rahmen der Großrazzia »Rafle du Vel‘ d’Hiv«, die Teil der »Operation vent printanier« und Teil der »Operation écume de mer« zur »ehebaldigsten restlosen Freimachung Frankreichs von Juden« von der Gestapo mit Unterstützung der französischen Polizei verhaftet und ins Gefängnis von Angers gebracht.
Am 18. und 19. Juli wurden von den Behörden die Deportationslisten erstellt. Darauf waren die Namen von 430 Frauen registriert. Ruth Rewald bekam die Nummer 68.
Am 20. Juli wurden die Gefangenen dann in Viehwaggons gesperrt und bekamen »Verpflegung für 14 Tage«. Um 21.35 Uhr, verließ der Zug den Bahnhof von Angers St. Laud. Sein Ziel: Das KZ Auschwitz. Ruth Rewald wurde nur 36 Jahre alt.
Ihre Tochter wurde zunächst von der Nachbarin und später von der Lehrerin aufgenommen. Der Koffer mit all ihren Unterlagen wurde beschlagnahmt und in das Gestapo-Hauptquartier nach Berlin gebracht. Dort wurde er nach der Befreiung Berlins von den Soldaten der Roten Armee gefunden und nach Moskau gebracht.
1957 wurde er dann in einem »Staatsakt« der DDR übergeben, die ihn im Zentralen Staatsarchiv in Potsdam archivierte. Er schlummerte danach unentdeckt und unbeachtet vor sich hin, selbst ihr Mann wusste davon nichts, und wurde erst 1979 durch die Wissenschaftlerin Silvia Schlenstedt entdeckt. Und so kam es 1981 zu dem Hinweis in dem schon erwähnten Buch.
Die Nazis wollten die Erinnerung an sie für immer auslöschen. Mit ihrem Hang zur Bürokratie durchkreuzten sie selbst ihre Absicht
Ich erfuhr, dass ihr Ehemann, Hans Schaul, noch in der DDR lebte und bekam die Gelegenheit mit ihm und seiner zweiten Ehefrau, Dora, lange Gespräche zu führen. Hans hat mir dabei viele Informationen über seine Rettung, über ihre gemeinsame Zeit in Paris gegeben, über seine Zeit in Spanien, Einzelheiten zu den »Vier spanischen Jungen«, die er fotografiert hatte, über die weltanschaulichen Positionen seiner Frau. Und er hat mir alle 42 Karten gegeben, die er in der Zeit vom April 1941 bis Juli 1942 von Ruth bekommen hat – darunter auch die letzte vom 17. Juli 1942. Es ist das letzte Lebenszeichen von Ruth Rewald.
Im Sommer 1988 war ich dann in Les Rosiers. Im Rathaus zeigte man mir das noch erhaltene große Buch mit den Registrierungen, welche Ausländer, wann in Les Rosiers angekommen sind. Darin fand ich den genauen Ankunftstag von Ruth Rewald und ihrer Tochter Anja – es war der 29. November 1940.
Ich besuchte auch die Tochter des damaligen Bürgermeisters, Josette Geffard, die als 14jährige die Zeit erlebt hatte und viele Einzelheiten berichten konnte. Auch übergab sie mir etliche Fotos von Anja, mit der sie befreundet war. Von ihr habe ich viel über das Leben in der Zeit der Besetzung erfahren. Sie hat mir das Haus gezeigt in dem Ruth und ihre Tochter gewohnt haben und die Schule in die Anja gegangen ist. Ganz wichtig war, dass sie mir die Adresse der Lehrerin von Anja geben konnte. Dadurch konnte ich ihr einen Brief mit vielen Fragen und Bitten schreiben. Die Lehrerin informierte mich darüber, dass Ruth Rewald aktiv von den Résistance-Kämpfern der Region unterstützt wurde und sie der kleinen Anja sogar ein selbst hergestelltes Dreirad geschenkt haben. Auch den Karten an Hans Schaul konnte ich einen verschlüsselten Hinweis darauf zu entnehmen.
Sie hat ganz detailliert und mit großem Schmerz und Trauer über ihre Bemühungen berichtet, das Kind zu retten, es zu adoptieren. Aber die Nazi-Barbaren hätten das weinende Kind »am Morgen des 25. Januar 1944« brutal aus der Klasse geholt. Es wurde nach Drancy und von dort, wie ihre Mutter, nach Auschwitz deportiert und ermordet. Sie hat die ersten kleinen Briefe und Zeichnungen von Anja an ihren Vater und an den Weihnachtsmann hinzugefügt.
Ich beschloss, die Anlage und das Thema meiner Dissertation zu ändern. Sie erhielt nun den Titel »Die deutsch-jüdische Kinder- und Jugendbuchautorin Ruth Rewald und die Kinder- und Jugendliteratur im Exil 1933-1945«. Die Arbeit habe ich mit der Veröffentlichung des Buches »Vier spanische Jungen« 1987 und der Publizierung der Dissertation im dipa-Verlag 1990 abgeschlossen.

Der an der Universität in New York lehrende Germanist, Robert Cohen, hat in seinem großartigen Roman »Exil der frechen Frauen« drei Frauen porträtiert. Eine von ihnen ist, neben Maria Osten und Olga Benario, Ruth Rewald. Diese drei »frechen Frauen« führt er hinreißend mittels zahlreicher fiktiver Begegnungen durch die turbulenten 20er, 30er und 40er Jahre des vorigen Jahrhunderts.

 

Hemingway und die »Lincolns«

geschrieben von Victor Grossman

13. September 2016

Ernest Hemingway liebte Spanien, zeitlebens war er mit dem Land beschäftigt, sein erster großer Roman »Fiesta« spielt dort, einer seiner letzten ebenfalls, wie auch der so bekannte, so populäre »Wem die Stunde schlägt«.
Hemingway war ein Gefahrenmensch; schon als Journalist zogen ihn Abenteuer und Todesgefahr an. Es war eine Art Macho-Mut, ob bei der Jagd auf Großtiere, im Kriege oder – und deshalb zog ihn gerade Spanien an – bei Stierkämpfen, wo es eben um Todesmut ging.  Deshalb sagte er 1937 gern zu, als Journalist vom Bürgerkrieg in Spanien zu berichten. Anfangs war ihm das, worum es ging, kaum von Bedeutung. Doch änderte sich das schnell als er die Angriffe auf Madrid beobachtete: »…im vorigen Monat haben wir Journalisten neunzehn Tage lang zugesehen wie gemordet wird. Es geschah durch deutsche Artillerie, und das war höchst wirksames Morden… Und jedes Mal, wenn sie auf dem Schlachtfeld geschlagen wurden, retteten sie die merkwürdige Sache, die sie Ehre nennen, indem sie Zivilisten morden. Wenn ich das so geschildert hätte, so würde ich damit Brechreiz verursachen. Es könnte Hass werden. Doch wollen wir keinen Hass. Wir wollen das Verbrecherische am Faschismus erkennen und wie ihm zu begegnen ist. Wir müssen begreifen, dass diese Morde die Untaten eines Tyrannen sind, des großen Tyrannen Faschismus. Es gibt nur eine Art, einen Tyrannen zu bezwingen und die ist, ihn zu vernichten.«
Aus diesem für ihn recht neuartigen Engagement entstand ein Arbeitsverhältnis mit dem holländischen Dokumentaristen Joris Ivens. Als Mitglied dessen Teams zog er gleich an die gefährlichsten Stellen der Front mit. Dazwischen, in den USA, organisierte er das Senden von zwei Krankenwagen an die Kämpfenden; andere Hilfe verbot ein Neutralitätsgesetz. Und er schrieb und sprach den Kommentar zu dem großartigen Ivens-Film, der leider vergebens in den USA eingesetzt wurde, um das unfaire, einseitige Gesetz zu ändern und der Republik zu helfen.
Wieder zurück als Berichterstatter, bekam er die Chance, eine Guerilla-Einheit im Franco-Gebiet zu besuchen, und bekam damit die Anregung für den äußerst erfolgreichen Roman »Wem die Stunde schlägt« und den gleichnamigen Film, die so viele bewunderten und bewundern.
Allerdings nicht die amerikanischen Freiwilligen, die nun zurückgekehrt waren. Hemingway hätte darin einen Einzelgänger geschildert, meinten sie, der zwar Spanien liebte, doch nicht begriff, um was der Kampf wirklich ging.  Milton Wolff, der letzte Kommandant der Lincoln-Bataillon, schrieb: »Er war ein Tourist in Spanien…ein Voyeur, der in die Aktion hinein und hinaus sprang, wie es ihm gefiel…Das bedeutet nicht, dass Ernest Hemingway nicht auf unserer Seite war. Das war er. Und sein Beitrag war beträchtlich…Doch war sein Engagement nicht wie das unsere.« Denn er »hatte es frei auszuwählen wo hinzugehen, wann hinzugehen, wann nicht hinzugehen.«
Man nahm ihm übel, dass er den führenden Brigadisten, Andrè Marty, schlecht darstellte. Es hat sich längst herausgestellt, dass seine harte Kritik womöglich berechtigt war. Doch er kritisierte auch Dolores Ibarruri, La Pasionaria, die wahre Heldin. Über den Film wurde auch viel gelästert. Irving Goff, der tatsächlich hinter den Linien Brücken und Züge sprengte, witzelte gar über die romantische Liebesgeschichte, die vielen so gefiel: »In der ganzen Zeit dort im Krieg habe ich niemals Ingrid Bergman gesehen. Ansonsten wäre ich vielleicht noch da!« Dass die Szenen der Gewalt durch die Republikaner ebenso brutal geschildert wurden wie die der Faschisten, nahm man Hemingway besonders übel.
Der recht bittere Streit kam gerade zu einer bitteren Zeit, der des Stalin-Hitler-Paktes. Die Veteranen, viele davon Kommunisten, die gerade ihr Leben im Kampf gegen den Faschismus riskiert hatten, oft verwundet und in den USA ständig diskriminiert wurden, waren besonders sensibel in Bezug auf das wichtigste Ereignis in ihrem Leben. Hemingway dachte dagegen gewiss auch an Beliebtheit und Verkauf, und die Zeiten waren eben rau
Mit dem Weltkrieg, in dem die USA und die UdSSR beide gegen die Faschisten kämpften, Hemingway dabei in Frankreich und viele Lincoln–Kämpfer von Süditalien bis in den Südpazifik, ebbte die Bitternis zwischen ihm und den »Lincolns« ab.  Als sie eine Anthologie über Spanien herausgaben war auch sein wunderschöner Nachruf über die Gefallenen darin, der endet – nachdenkend, traurig und dennoch hoffnungsvoll:
»…Die Toten brauchen nicht aufzustehen. Sie sind jetzt ein Teil der Erde, und die Erde kann niemals besiegt werden. Denn die Erde dauert ewig. Sie wird alle Systeme der Tyrannei überleben. Wer in Ehren in sie eingegangen ist, und niemals ist jemand in größeren Ehren in die Erde eingegangen als die in Spanien Gefallenen, hat die Unsterblichkeit bereits errungen.«

Auch Heminway war in manchem empfindlich. Warum, fragte er erbost, wurde im Film das Wort Faschisten herausgeschnitten? »Die USA kämpfen jetzt in einem Krieg gegen die Faschisten… der Feind soll als die Faschisten genannt werden und die Republik als die Republik.« Sonst würden amerikanische Zuschauer »keine Ahnung haben, wofür das Volk wirklich kämpfte.« Als später der Regisseur gefragt wurde, wer verhindert hätte, dass die Faschisten als solche benannt wurden, antwortete er knapp »In zwei Worten: die Faschisten«.
Hemingways so schöner Nachruf und Zitate von vielen über den Spanienkrieg – traurige, informative, auch humorvolle – sind als eine Art Chronologie des Ganzen in Victor Grossmans Buch »Madrid, du Wunderbare« enthalten.

Die Verfemten neu entdeckt

geschrieben von Ernst Antoni

13. September 2016

Eindrucksvolle Ausstellung zum Thema »entartete« Kunst

» ›Entartete‹ Kunst« ist der Haupttitel, der Untertitel heißt »Verfolgung der Moderne im NS-Staat«. Über einige Monate war diese hoch interessante Ausstellung in Bayern zu sehen (sie ist es noch, allerdings, sollte sie nicht verlängert werden, nur bis zum 11. September). Im Kallmann-Museum in Ismaning, einer Gemeinde im Umland von München. 1937 wurde in der damaligen NS-«Hauptstadt der Bewegung« mit der Ausstellung »Entartete Kunst« im Hofgarten als Pendant zur einen Tag vorher im neuen »Haus der Deutschen Kunst« eröffneten ersten »Großen Deutschen Kunstausstellung« das wohl markanteste Signal gesetzt für Künstlerverfolgung und Bildervernichtungs- und -raubaktionen, bald weit über die Grenzen des damaligen »Dritten Reiches« hinaus.
Wobei die faschistischen »Femeschauen« ja nicht mit der Ausstellung in München ihren Anfang genommen hatten. Schon 1933 gab es sie in einigen Städten. »Kunsttempel«, in Mannheim etwa, in Karlsruhe, in Dresden, waren »gesäubert« worden von »Verfallskunst«. Deren Urheber und ihre Werke wurden in »Schandausstellungen« an den Pranger gestellt.

Katalog »‚Entartete‘ Kunst«, hsg. von Gerhard Schneider und Rasmus Kleine, zahlreiche Abbildungen, mit Beiträgen von Rasmus Kleine, Gerhard Schneider, Claudia Schinkmann, Laura Koch/Antonia Latkovic, Hilke Bode/Stephanie Stadler, Michael Rauch und Natascha Mazur. 334 Künstlerbiographien mit Bildbeispielen. 448 Seiten, 24,00 Euro. Bestellungen per Email: info@kallmann-museum.de oder telefonisch unter 089/9612948. – Adresse des Kallmann Museums: 85737 Ismaning, Schloßstr. 3b, Öffnungszeiten Dienstag bis Sonntag 14:30 bis 17:00 Uhr

Katalog »‚Entartete‘ Kunst«, hsg. von Gerhard Schneider und Rasmus Kleine, zahlreiche Abbildungen, mit Beiträgen von Rasmus Kleine, Gerhard Schneider, Claudia Schinkmann, Laura Koch/Antonia Latkovic, Hilke Bode/Stephanie Stadler, Michael Rauch und Natascha Mazur. 334 Künstlerbiographien mit Bildbeispielen. 448 Seiten, 24,00 Euro. Bestellungen per Email: info@kallmann-museum.de oder telefonisch unter 089/9612948. – Adresse des Kallmann Museums: 85737 Ismaning, Schloßstr. 3b, Öffnungszeiten Dienstag bis Sonntag 14:30 bis 17:00 Uhr

»Kulturbolschewistische Bilder« nannte sich eine, eine andere präsentierte angebliche »Regierungskunst 1918-1933«, mit dem NSdAP-Reichsparteitag 1935 in Nürnberg begannen Ausstellungs-Tourneen durchs ganze Land. Und damit verbunden der Ausschluss der gebrandmarkten Künstlerinnen und Künstler aus jeglicher öffentlicher künstlerischer Betätigung – es sei denn, sie versuchten später, sich mit stilistischen oder politischen Wendungen anzupassen. Ab und zu funktionierte das.
Dem umfangreichen Katalogband zur Ausstellung in Ismaning ist zu entnehmen, dass zwischen 1933 und 1941 rund 20 000 Werke von ungefähr 1600 Künstlerinnen und Künstlern aus Museen beschlagnahmt wurden. »Bewusst negativ in Szene gesetzt« wurden ausgewählte Bilder und Objekte, »der Öffentlichkeit vorgeführt und lächerlich gemacht.« Von »NS-Kunst-Propagandisten«, als »entartet« bestimmt, so Rasmus Kleine vom Kallmann-Museum im Katalog, wurde diese Kunst als »krank« und »dem gesunden Volkempfinden« zuwiderlaufend aussortiert. Auch, »weil ihr als Ausdruck einer ‚jüdisch-bolschewistischen Verschwörung‘ ein zunehmender Einfluss auf die Kultur und auf die Menschen zugeschrieben wurde.«
Zu den Diffamierten gehörte auch der spätere Initiator und Namensgeber des 1992 in Ismaning gegründeten rührigen Museums, das öfter mit ungewöhnlichen Ausstellungen überrascht. Der Maler Hans Jürgen Kallmann (1908-1991) ist mit dem Bild einer Hyäne vertreten. Präsentiert werden in Ausstellung und Katalog Gemälde und vor allem Druckgrafiken aus der Sammlung von Gerhard Schneider. In mehr als 30 Jahren hat der Sauerländer Gymnasiallehrer und spätere Kunstantiquar Bilder von in der NS-Zeit verfemten Künstlerinnen und Künstlern zusammengetragen. Nicht zuletzt unter dem Aspekt, auch den bis heute vielfach in »offiziellen« Kunstszenen »namenlos« Gebliebenen Raum zu geben.
»Noch immer scheinen wesentlich Aspekte der Geschichte der ‚entarteten‘ Kunst vielfach unbekannt zu sein,« heißt es im Begleitmaterial, »insbesondere auch hinsichtlich des Umfangs, den die Repression, Diffamierung und Zerstörung von Kunst und Künstlern im ‚Dritten Reich‘ hatten. Das hat sicherlich auch damit zu tun, dass in Zusammenhang mit diesem Thema immer wieder die gleichen großen Künstlernamen aufgerufen werden, etwa Max Beckmann, Otto Dix oder die Künstler des Blauen Reiters und der Brücke. Dabei waren viel mehr Künstler betroffen…«.
Werke von über 400 Künstlerinnen und Künstler sind in Schneiders Sammlung zusammengekommen, darunter auch »große« Namen, vor allem aber solche, die bisher – zumindest in der alten BRD – einem breiten Publikum weniger bekannt waren. Anders zum Teil in der DDR, wo antifaschistisch engagierter Kunst (der »Kunst im Widerstand«, wie etwa ein 1968 erschienener Bildband hieß, in der BRD gab es eine Lizenzausgabe beim VVN-Röderberg-Verlag) und damit partiell auch dem Schaffen von NS-Verfolgten breiterer Raum gewidmet wurde. Dafür stehen unter anderem Künstlernamen wie Hans Grundig, Otto Nagel, Fritz Schulze, Heinz Kiwitz…
Ganz wichtig bei Ausstellung und Katalog deshalb diese Ausweitung: »Weiterhin fand eine Reihe durch die NS-Diktatur Beeinträchtigter Aufnahme, von denen zwar kein Kunstwerk beschlagnahmt wurde, die jedoch bis hin zum Tode unter den Auffassungen bzw. den Machenschaften des Systems gelitten haben. So sind z. B. alle Künstler/innen aufgenommen, die in KZs oder Gefängnissen oder an den Folgen der Haftbedingungen umgekommen sind. Es sei angemerkt, dass nachweislich nicht ihr Künstlertum für die Ermordeten zum Verhängnis wurde – zumindest ist bis heute ein solcher Beleg noch nicht erbracht – sondern ihre ethnische Herkunft (z. B. jüdische Abstammung) ihre politische Orientierung (etwa in Widerstandsgruppen, oft KPD-Mitglieder), ihre abweichende Weltanschauung (eine Religionszugehörigkeit) oder Eugenik (Erbgesundheitslehre, meist in Verbindung mit der Rassenlehre). Stets gaben solche Gründe in der Argumentation für die Verhaftung oder Tötung den Ausschlag.«

 

Unser Titelbild:

7. September 2016

Gruppenbild einiger Teilnehmer des VVN-BdA-Bundeskongresses in Bochum Ende Mai 2016. Foto: Rosita Mergen

Gruppenbild einiger Teilnehmer des VVN-BdA-Bundeskongresses in Bochum Ende Mai 2016. Foto: Rosita Mergen

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