Vor der Pogromnacht

geschrieben von Andreas Kozik

27. November 2016

Die »Polenaktion« Ende Oktober 1938

Über Judenverfolgung in Deutschland gibt es schon zahlreiche wissenschaftliche Arbeiten, Forschungsprojekte, Monographien. Man kann also überrascht sein, wenn man über ein Thema erzählt und die Zuhörer scheinen die Geschichte nicht zu kennen und staunen, dass so was überhaupt passierte. Über die erste massenhafte, gewalttätig durchgeführte Deportation polnischer Juden aus dem Dritten Reich im Oktober 1938 weiß man tatsächlich nicht viel. Die erste monografische, wissenschaftliche Arbeit wurde erst 60 Jahre nach den Ereignissen, also im Jahr 1998 in Polen herausgegeben. Relativ schnell wurde das Buch (»Preludium Zagłady. Wygnanie Zydów Polskich z Niemiec w 1938r.« von Jerzy Tomaszewski) ins Deutsche übersetzt: »Auftakt zur Vernichtung. Die Vertreibung polnischer Juden aus Deutschland im Jahre 1938«, fibre Verlag, Osnabrück 2002. In der Einführung zur deutschen Ausgabe dieses Buches gibt der Autor zur Kenntnis, dass er leider keine Möglichkeit hatte, in deutschen Archiven zu arbeiten.
Wenn aber jemand versuchte, zu diesem Thema Augenzeugenberichte, Listen von Deportierten, Polizeiberichte in deutschen Archiven zu finden, würde er eine große Enttäuschung erleben. Verwirrend ist auch die Tatsache, dass sogar im Bundesarchiv dieses historische Ereignis nicht als eine Deportation betrachtet wird. Es wurde als »Abschiebung« definiert, so als hätte es sich um Kriminelle, um Verbrecher gehandelt, die eine große Gefahr für die Ordnung in der Gesellschaft darstellten. Es wurden einfach Denkweise und Wortschatz aus der Hitler-Zeit übernommen. Man kann wohl von einer Art »Gehirnwäsche« sprechen. Begriffe wie »Jude« und »polnisch« werden so bewusst kriminell assoziiert.
Betrachtet man aber den gewaltsamen Verlauf dieser Aktion, die Tatsache, dass die Betroffenen nur nach zwei Hauptkriterien verhaftet wurden (Religion und Staatsangehörigkeit), dann den massenhaften Charakter (circa 17.000 bis 20.000 absolut unschuldige Menschen wurden über die Grenze nach Polen gejagt), und die Tatsache, dass man nicht mal die rechtlichen Regeln einer Abschiebung beachtete (Widerspruchsrecht), halte ich den Begriff »Deportation« für einzig richtig, und diese Bezeichnung werde ich weiter verwenden.
Die Betroffenen, die man in Deutschland auch als »Ostjuden« bezeichnete, waren jüdische Migranten aus Ost-Mitteleuropa, überwiegend aus den ehemaligen polnischen Gebieten (im 19. Jahrhundert Russ-land und Galizien). Nach dem Ersten Weltkrieg, als Polen nach 123 Jahren wieder auf der europäischen Landkarte zu finden war, wurde der Begriff »Ostjuden« mit »polnischen Juden« gleich verwendet. Die Ursachen für die Migration waren zu der damaligen Zeit sowohl wirtschaftlicher Natur (Galizien), lagen aber auch in der antijüdischen Gesetzgebung in Russland begründet. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts kam es sogar zu zahlreichen Juden-Pogromen in Russland. Das Ziel der Migration war aber nicht Deutschland, sondern das gelobte Land: Amerika. Die deutschen Städte, wie Berlin und Hamburg, waren nur Zwischenstationen.
Zur Zeit des Ersten Weltkriegs gab es eine neue Migrationswelle: jüdische Zwangsarbeiter, die für die deutsche Kriegsindustrie arbeiten mussten. Nicht nur Herkunft, auch Kleidung, besondere Frommheit, Treue zur jüdischen Tradition, jüdische Sitten, die Sprache (als Muttersprache galt Jiddisch) machten den Unterschied zwischen westlichen, »zivilisierten« Juden und den Zuwanderern aus dem Osten. Von den Einheimischen (Nichtjuden) wurden sie konsequent als Fremde betrachtet, wobei die gesellschaftliche Herabstufung diese Migrantengruppe auf die unterste Ebene positionierte.
Schon in den ersten Monaten der nationalsozialistischen Herrschaft wurden von Seiten der polnischen Juden zahlreiche Beschwerden über Raubüberfälle und Misshandlungen bei den polnischen Konsulaten gemeldet. Die neue Gesetzgebung hatte rechtliche Grundlagen geschaffen und machte die Judenverfolgung zur »Pflichtaufgabe« des deutschen Nationalstaates.
Die Deportation »Polenaktion« wurde durch den Befehl des Reichsführers SS und Chef der Deutschen Polizei vom 26.10.1938 eingeleitet. Alle Kräfte der Ordnungs- und Sicherheitspolizei sollten sich, unter Zurückstellung anderer Obliegenheiten, nur einer Aufgabe widmen: alle polnischen Juden (..) in Abschiebungshaft zu nehmen und unverzüglich zur polnischen Grenze in Sammeltransporten abzuschieben.
Als Ausländer durften die Verhafteten nur 10 Reichsmark mitnehmen. Erlaubt war auch ein Handgepäck mit Vorrat für zwei Reisetage. Die Vorgehensweise war unterschiedlich. Teilweise wurden nur Männer verhaftet, ganz absichtlich mit der zynischen Vermutung, dass die Ehefrauen und Kinder später freiwillig folgen werden. Unbekannt sind die Zahlen der während dieser Deportation erkrankten, geschlagenen und gestorbenen Menschen. Niemand hat solche Statistiken geführt. Tausende wurden über die grüne Grenze nach Polen gejagt, bevor die polnische Seite die Entscheidung traf, die noch gebliebenen Deportierten in der kleinen Grenzstadt Zbąszyń festzuhalten.
Ohne Geld, beraubt von ihrem ganzen Vermögen, ohne materielle Gegenstände, die man für den Alltag braucht, überwiegend ohne polnische Sprachkenntnisse, waren die deportierten polnischen Juden vom ersten Tag an auf Hilfe von anderen angewiesen. Nur dank einheimischer Polen wurde das Schlimmste verhindert. Relativ schnell waren auch Mitarbeiter von Joint und anderen Hilfsorganisationen nach Zbąszyń gekommen. Am 29.10.1938 wurde die massenhafte Deportation gestoppt. Der wichtigste Grund dafür war für Hitler die sehr ungewöhnliche Reaktion der Polen. Anstatt nachzugeben und ratlos zu sehen, was die Deutschen so tun, hatte der polnische Politiker Józef Beck Maßnahmen ergriffen, die die Deutschen fast in einen Schockzustand versetzten. In Polen hatte man angefangen, Deutsche zu verhaften und zur Grenze abzutransportieren. Das »Deutschtum« in Polen wurde bedroht. Damit hatte wohl keiner gerechnet. Die mutige und entschlossene Vorgehensweise der Polen zeigte, dass Hitler gezwungen werden konnte nachzugeben, wenn man ihn unter Druck setzte, wenn man nicht nur »Nein« sagte, sondern auch Gegenmaßnahmen ergriff. Die Deutschen waren schließlich bereit zu diplomatischen Gesprächen. Einige von den Transporten, die schon zur polnischen Grenze unterwegs waren, wurden sogar zurückgeschickt.
Die Deportation verursachte einen Zwischenfall, der die Situation der Juden im Dritten Reich sehr erschwerte. Ein 17-jähriger polnischer Jude, Herszel Grynszpan, der zu dieser Zeit in Paris lebte, bekam Post von seiner Familie mit der Beschreibung des Elendsweges von ihrem Wohnort Hannover bis nach Zbąszyń, dem Deportationsort. Aus Verzweiflung und mit Wut im Bauch kaufte sich der Junge einen Revolver und ging in die deutsche Botschaft in Paris. Dort schoss er fünfmal auf einen der deutschen Diplomaten (Ernst vom Rath). Zwei Tage später starb das Opfer des Attentats in einem Pariser Krankenhaus. Die deutsche Propaganda nahm das Attentat zum Anlass für die Judenpogrome am 9. und 10. November. Auch unter den deportierten Juden in Zbąszyń herrschte Angst. Die Familie Grynszpan bekam einen neuen Namen, so wollte man sie vor den Gestapo-Agenten schützen.
Erst am 24. Januar 1939 kam es in Berlin zu einem vorläufigen Abkommen zwischen Deutschland und Polen. »Die deutsche Regierung war bereit, eine (…) vorübergehende Rückkehr in das Reichsgebiet zu gestatten, wenn diese zur Regelung ihrer persönlichen und geschäftlichen Verhältnisse notwendig ist und der Antrag innerhalb von vier Wochen vom heutigen Tage ab (24.01.1939) gestellt wird. Die Liquidationserlöse und sonst zustehenden Kapitalbeträge müssten auf ein besonderes, zu diesem Zweck eröffnetes Konto bei einer noch zu vereinbarenden deutschen Devisenbank eingezahlt werden. (…) Die Zahl der Rückkehrer, die sich zu irgendeinem Zeitpunkt in Deutschland befindet, soll Tausend nicht übersteigen. Die polnische Regierung hat sich u.a. verpflichtet die Ehefrauen und unter 18 Jahre alten Kinder der Ausgewiesenen, jederzeit nach Polen zu lassen.«1
Unabhängig von den Verhandlungen lief das Leben der Deportierten in Zbąszyń. Es wurden Sprachkurse und berufliche Umschulungskurse organisiert. Später wurden die Menschen in kleinen Gruppen, nach den erlernten Berufen, ins Landinnere gelassen und an verschiedene Städte und jüdische Gemeinden verteilt. Der deutsche Angriff auf Polen machte indes jede Hoffnung auf ein neues Leben zunichte.

Der 28. Oktober 1938 war ein Freitag. Nach dem Sonnenuntergang sollte, wie gewohnt, die Zeit des Sabbats beginnen. Laut der strengen Vorschriften der jüdischen Religion, sollten die Gläubigen an diesem heiligen Tag jede Tätigkeit vermeiden, die man als Arbeit betrachten konnte, z.B. das Tragen von Gepäck und das Reisen. Der 18-jährige Marceli Reich, der damals in einer kleinen möblierten Wohnung in Berlin-Charlottenburg wohnte, wurde kurz vor 7 Uhr am Morgen von einem Wachmann geweckt und aufgefordert mitzugehen. In die Hand bekam er ein Abschiebungsbescheid. Absolut überrascht, versuchte der junge Mann, darauf hinzuweisen, dass er gemäß des Schreibens 14 Tage Zeit habe, das Land zu verlassen und sogar einen Widerspruch einlegen könne. Der »Gesetzeshüter« zeigte jedoch kein Verständnis für solche rechtlichen Nuancen.

 

Auf den Internetseiten des Kulturrings findet sich unter dem Menüpunkt »Konkret« ein Verweis auf eine Projektarbeit, die diesen historischen Ereignissen gewidmet ist. Neben der kurzen Einführung gibt es eine Chronik und wohl die bis jetzt umfassendste (854 Namen) online zur Verfügung stehende Namensliste der deportierten polnischen Juden.
Infos im Internet:
kulturring.org/konkret/polenaktion
http://www.zbaszyn1938.pl/

 

 

 

 

 

Bei der Verhaftung ahnte der zukünftige Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki noch nicht, dass er nur einer von tausenden polnischen Juden war, die schon seit dem Vortag (27.10.1938) im ganzen Reichsgebiet verhaftet und zu diversen Sammelpunkten gebracht wurden. Weiter ging es zur polnischen Grenze. Eine Projektarbeit des Kulturring in Berlin e.V. ist nun diesem historischen Ereignissen gewidmet, das vielen unbekannt ist. Der »Polenaktion« von 1938 in Berlin.
1 H.G. Adler »Der verwaltete Mensch. Studien zur Deportation der Juden aus Deutschland« J.C.B. Mohr (Paul Siebeck) Tübingen 1974, Seite 98/99.

Keine »soziale Heimatpartei«

geschrieben von Gerald Netzl, Wien

27. November 2016

Ein kritischer Blick in das Programm der FPÖ für Österreich

Der Aufstieg der FPÖ begann 1986 mit der Wahl Jörg Haiders zum Bundesparteiobmann, seither durchlebten die Freiheitlichen Höhen und Tiefen. Aktuell sehen Umfragen sie bundesweit klar auf Platz 1. Grund genug, ihr Programm genauer anzusehen.
Die FPÖ möchte den Faktor Arbeit über eine Senkung der Lohnnebenkosten entlasten. Welche Lohnnebenkosten sie damit genau meint, lässt sie offen. Es darf spekuliert werden, ob damit der Dienstgeberanteil zur Sozialversicherung (Arbeiter 21,7 % und Angestellte 21,83 % vom Bruttobezug) – dazu zählen die Kranken-, Unfall-, Pensions- und Arbeitslosenversicherung – oder der IESG-Zuschlag (Zuschlag zum Insolvenz-Entgeltsicherungsgesetz), die Arbeiterkammerumlage und der Wohnbauförderungsbeitrag, die Kommunalsteuer (Gemeindeabgabe in Höhe von 3 % vom Bruttobezug), der Beitrag zur Mitarbeitervorsorgekasse (1,53 % vom Bruttobezug), der Dienstgeberbeitrag zum Familienlastenausgleichsfonds (kurz DB genannt: 4,5 % vom Bruttobezug) oder der Zuschlag zum Dienstgeberbeitrag (kurz DZ genannt: je nach Bundesland zwischen 0,36 % und 0,44 %) gemeint ist. Egal um welche Kosten es der FPÖ genau geht, wer Lohnnebenkosten für den Dienstgeber kürzt, streicht damit Sozialleistungen für Beschäftigte.
Die FPÖ lehnt die Mindestsicherung (Grundsicherung) klar ab, weil diese ihrer Meinung nach eine grob ungerechte Form der Umverteilung darstelle und Zuwanderung von ausschließlich an unseren Sozialleistungen interessierten Personen provoziere. Sozialminister Alois Stöger stellte für die SPÖ klar: »Jeder, der einen rechtmäßigen Aufenthalt hat, muss sozial abgesichert werden.«
Die FPÖ tritt für eine eigene Sozialversicherung für AusländerInnen ein. Diese Forderung ist nicht nur unsozial sondern auch unökonomisch. Denn MigrantInnen sind sogenannte NettozahlerInnen in der Sozialversicherung. Sie zahlen schon alleine aufgrund ihrer Altersstruktur mehr ein, als sie an Leistungen in Anspruch nehmen. Sie bleiben unterdurchschnittlich lang arbeitslos und nehmen auch die Mindestsicherung seltener in Anspruch als ÖsterreicherInnen. Die eigene »Ausländersozialversicherung« ist daher aus ökonomischer Sicht unsinnig und würde lediglich unnötige Verwaltungskosten produzieren. Es ist naheliegend, dass es der FPÖ bei dieser Forderung nicht um Kosten geht, sondern darum, Sozialleistungen für AusländerInnen einzuschränken also um eine Art Apartheidsystem in der Sozialversicherung.
Die FPÖ fordert eine Anhebung der monatlichen Geringfügigkeitsgrenze auf 1.000 Euro. Die Umsetzung dieser Forderung würde bedeuten, dass Teilzeitbeschäftigte, die weniger als 1.000 Euro verdienen, nicht mehr sozialversichert sind. Zu den sozialen Problemen, die das verursachen würde, gingen dadurch auch der Sozialversicherung wichtige Einnahmen verloren.
Die FPÖ fordert eine Ausweitung der Nichtbesteuerung von Überstundenzuschlägen, weil sie die »Fleißigen und Tüchtigen« fördern wolle. In Zeiten steigender Arbeitslosigkeit neue Anreize für mehr Überstunden zu schaffen, ist kontraproduktiv.
Die FPÖ möchte neben Kinderbetreuung auch sonstige haushaltsnahe Dienstleistungen bis zu einer Obergrenze von 3.000 Euro steuerlich absetzbar machen. Schon jetzt nutzt die Absetzbarkeit von Kinderbetreuungskosten nur Gutverdienenden. Was daran sozial sein soll, wenn Gutverdiener in Zukunft nicht nur die Leihoma, sondern auch die Putzfrau von der Steuer absetzen können, ist nicht erklärbar. Es ist weitaus sinnvoller die Mittel, die das kosten würde, in den Ausbau der Kinderbetreuungseinrichtungen zu investieren.
Die FPÖ bekennt sich zum Familiensplitting bei der Einkommenssteuer. Was sie nicht dazu sagt ist, wie sie den dadurch entstandenen Einnahmenausfall bei der Einkommenssteuer kompensieren möchte. Aus sozialen Gesichtspunkten betrachtet ist ein Familiensplitting auch deshalb problematisch, weil es besonders wohlhabenden Haushalten nutzen würde, in denen nur einer (i. d. R. der Mann) verdient. Familiensplitting setzt zudem negative Anreize für Frauenerwerbsarbeit.
Die FPÖ ist gegen eine gemeinsame Schule der 10- bis 14-jährigen. Warum eine Partei, die sich damit brüstet, sich für die »kleinen Leute« einzusetzen, gleichzeitig verhindert, dass deren Kinder bessere Bildungschancen bekommen, lässt sich schwer erklären.
AusländerInnen die arbeitslos werden, sollen ihre Aufenthaltserlaubnis und Beschäftigungsbewilligung verlieren. Das würde sie für den Arbeitgeber völlig erpressbar machen und Lohndumping Tür und Tor öffnen.
Außerdem ist die FPÖ für eine »Diskussion über einen Austritt aus der EU« und eine Volksabstimmung darüber, für eine Erhöhung des Budgetanteils für das Bundesheer auf 1 % des BIP, gegen die Fristenlösung und gegen die Gleichstellung von homosexuellen Partnerschaften.

An die Macht!

geschrieben von Thomas Willms

21. November 2016

Der Plan des Front National

Die Choreographie für die Vergabe des stärksten politischen Amtes Westeuropas – die französische Präsidentschaft – hat aufgrund ihrer Ritualisierung etwas Erbarmungsloses, im Falle der kommenden Wahl sogar drohend Verhängnisvolles. Mit Sicherheit wird einer der beiden Kandidaten für die Stichwahl am 7. Mai 2017 Marine le Pen heißen. Und mit einer nie dagewesenen Wahrscheinlichkeit wird ihr Gesicht Punkt 20 Uhr als das Porträt des zukünftigen Präsidenten auf den Bildschirmen erscheinen.

François Durpaire, Farid Boudjellal: Die Präsidentin, 2016, 158 Seiten, 19,95 €

François Durpaire, Farid Boudjellal: Die Präsidentin, 2016, 158 Seiten, 19,95 €

Bereits 2002 war ihr Vater, Jean-Marie, bis in die Stichwahl vorgedrungen. Anders als damals hat die heutige Chefin des Front National eine reelle Chance auf den Sieg, mit unabsehbar negativen Konsequenzen für Frankreich und ganz Europa. Politik und Kultur haben begonnen, sich ganz ernsthaft auf den Sieg des FN einzustellen, bzw. sich mit den wahrscheinlichen Folgen auseinanderzusetzen. Die traditionellen Parteien scheinen gegen die national-sozialistische Ideologie des FN keine brauchbare Abwehr mehr aufbauen zu können. Der der Kandidatenaufstellung dienende Vorwahlkampf der konservativ-bürgerlichen Partei »Les Républicains« (früher UMP), inklusive Schaulaufen vor einer Unternehmerversammlung, zeigt Kandidaten, die sich inhaltlich weitgehend an den inhaltlichen Vorgaben des FN orientieren bzw. diese zu übertreffen versuchen. Buchtitel wie »Den islamistischen Totalitarismus besiegen« (François Fillon), »Für den starken Staat« (Alain Juppé) und »Alles für Frankreich« (Nicolas Sarkozy) sprechen davon. Ausgerechnet der ehemalige Präsident Sarkozy (»le Kärcher«) geriert sich als vielversprechender Mann gegen »das Establishment«. Die Kandidaten der Linken und ganz Linken mit ihrem Charme trauriger Dackel werden ohnehin nur noch unter ferner liefen vermerkt.
Der Blick auf den Projektplan (»Notre Projet«) des FN zeigt deutliche ideologische Unterschiede zur AfD, vor allem aber eine viel stärkere Gesetztheit und Selbstsicherheit. Man taumelt beinahe angesichts des entschiedenen Willens zur Macht, der einen in diesem Dokument anspringt. Das allererste Wort gilt dem Lob des Todes in den Kriegen der Nation. Es folgt ein radikales Aufrüstungsprogramm für das Militär, insbesondere seiner Marine-, Luftwaffen- und Nuklearstreitkräfte. Dann geht es um die Schaffung einer 50.000 Mann starken »Nationalgarde« (bereits durch die gegenwärtige sozialistische Regierung beschlossen), weiter um die umfassende Stärkung von Polizei und Geheimdienst und nicht zu vergessen der Rüstungsindustrie.
Leitbild und Götze ist »l’Etat fort«, der starke Staat. Es ist ein typisch französischer und beileibe nicht nur auf die Rechte begrenzter Aberglaube, dass der Staat alles richten könne, solle und müsse. Er und er allein soll dem FN zufolge die »Globalisierung« niederschmettern bzw. an den Grenzen Frankreichs abweisen. Aus dieser Sicht sind global agierende Konzerne als auch verzweifelte Afrikaner auf Schlauchbooten nur Ausdruck ein und desselben Phänomens. Auch NATO und EU sind demnach nur »trojanische Pferde« einer diffusen feindlichen Macht. Ausdruck höchster Souveränität und Problemlösungsfähigkeit ist für die FN die Gründung eines jeweils zuständigen Ministeriums, vorausgesetzt es erhält die nötigen Mittel und Befehlsgewalt. Außenpolitisch geht es zurück in die Kanonenboot- (heute Flugzeugträger-) politik mit der unverhohlenen Absicht, wenigstens den Rest der Kolonien mit Gewalt sichern zu wollen. In der Welt sieht man einen entscheidenden Partner: Russland. Mit diesem gelte es, eine »enge strategische Allianz« aufzubauen, beruhend auf einer »vertieften militärischen und energiepolitischen Partnerschaft«.
Wirtschaftspolitisch stehen ostasiatische Tigerstaaten Pate. Frankreich müsse planmäßig und unter Anleitung des Staates »reindustrialisiert« werden. Die Rückkehr zum Franc, in Wirklichkeit die Flucht in eine neue Währung, ginge einher mit einer neuen Staatsverschuldung über die man dank eigener Währung die Hoheit habe. Der FN verspricht sofortige positive Auswirkungen für die Bürger, allerdings nur für die »wahren Franzosen«. Der FN möchte nämlich mit der 200jährigen Tradition des Staatsbürgerschaftsrechts brechen und zu eine Art Blutrecht übergehen, resultierend in Massendeportationen unerwünschter »Ausländer«.
Die interessanteste sich stellende Frage ist, ob das französische Kapital verzweifelt genug ist, um sich auf ein solch unerhörtes Vabanquespiel einzulassen und le Pen zu unterstützen. Denn sicher ist, dass ein auch nur ansatzweise durchgeführter Projektplan die V. Republik an ihre politischen und sozialen Grenzen führen würde.

Notre Projet. Programme Politique du Front National, 116 Seiten
http://www.frontnational.com/pdf/Programme.pdf

 

Kulmhof – das erste Vernichtungslager

geschrieben von Jutta Harnisch

21. November 2016

Am 8. Dezember 1941 begann die industriemäßige Ermordung der europäischen Juden mit Giftgas

Kulmhof, wie die Nazis den polnischen Ort Chełmno eindeutschend nannten, ist in der öffentlichen Wahrnehmung kaum bekannt und in seiner Bedeutung weithin unterschätzt. Etwa 70 km nordwestlich von Łodz gelegen, war es das erste der sechs großen Vernichtungslager, die die Nazis – alle im besetzten Polen – errichteten. Vor 75 Jahren, am 8. Dezember 1941, begann in Kulmhof die Massentötung der europäischen Juden mit Giftgas.
Als Vernichtungsstätte wurde ab 1. Oktober 1941 ein unbewohntes Gutshaus (»Schloss«) im Dorf Chełmno gepachtet. Das Gelände am Fluss Ner, zu dem ein Park und ein großer Speicher gehörten, wurde mit einem Bretterzaun abgeschirmt und umgebaut. Abgelegen genug, um ungestört morden zu können, war es über Straßen- und Bahnverbindungen gut erreichbar – entscheidend für die Heranführung der Opfer. Im nur wenige Kilometer entfernten Waldstück von Rzuchow wurden die massenhaft anfallenden Leichen verscharrt.

Mitte 1944 wurde Kulmhof kurzzeitig als Vernichtungsort reaktiviert: Das letzte verbliebene jüdische Ghetto im faschistisch besetzten Polen in Łodz sollte »liquidiert« werden. Das Bothmann-Kommando wurde aus Jugoslawien zurückberufen. Um das Waldlager wurde ein Zaun gezogen und zwei Baracken zum Entkleiden aufgestellt, je eine für Männer und Frauen. Zwei Feldkrematorien wurden in Betrieb genommen, zwei Gaswagen trafen ein. Vom 24. Juni bis 15. Juli 1944 wurden noch einmal 7.126 Juden in Kulmhof vergast. Die »restlichen« 68.000 Juden in Łodz wurden im August nach Auschwitz-Birkenau transportiert.

Mitte 1944 wurde Kulmhof kurzzeitig als Vernichtungsort reaktiviert: Das letzte verbliebene jüdische Ghetto im faschistisch besetzten Polen in Łodz sollte »liquidiert« werden. Das Bothmann-Kommando wurde aus Jugoslawien zurückberufen. Um das Waldlager wurde ein Zaun gezogen und zwei Baracken zum Entkleiden aufgestellt, je eine für Männer und Frauen. Zwei Feldkrematorien wurden in Betrieb genommen, zwei Gaswagen trafen ein. Vom 24. Juni bis 15. Juli 1944 wurden noch einmal 7.126 Juden in Kulmhof vergast. Die »restlichen« 68.000 Juden in Łodz wurden im August nach Auschwitz-Birkenau transportiert.

Im Oktober und November 1941 traf das »Sonderkommando Lange« – 15 Angehörige von Sicherheitspolizei und Sicherheitsdienst (SD) Posen sowie rund 90 Ordnungspolizisten – ein. Erster Kommandant wurde der einschlägig erfahrene SS-Sturmbannführer Herbert Lange, der bereits ab Dezember 1939 bis Mitte 1940 ein Sonderkommando befehligte, das Insassen pommerscher, ostpreußischer und polnischer psychiatrischer Anstalten in mobilen Gaskammern tötete.
Seit dem 8. Dezember 1941 wurden zunächst Juden aus der Umgebung und dem Ghetto Litzmannstadt (Łodz) zur Vergasung nach Kulmhof gebracht. Auch nach Łodz deportierte deutsche Juden sowie 4.300 aus dem österreichischen Burgenland stammende Roma gehörten dazu.
Im Schloss sagte man ihnen, es gehe zuerst zum Duschen. Sie mussten sich entkleiden und wurden von den Wachen brutal mit Peitschen über einen schmalen Korridor zur Rampe getrieben. An deren Ende standen drei Gaswagen, in die jeweils bis zu 90 Menschen gepfercht wurden. Waren sie voll, schlossen die SS-Leute die Türen, der Motor wurde angelassen und die Abgase ins Innere geleitet. Nach etwa zehn Minuten waren die Menschen tot. Die Motoren liefen gewöhnlich eine Viertelstunde.
Die Gaswagen fuhren ca. vier Kilometer zum »Waldlager«. Ein jüdisches Arbeitskommando musste die Wagen entladen, Goldzähne ausbrechen und nach Wertgegenständen suchen. Die Leichen musste es in riesige, langgestreckte, mehrere Meter tiefe Gruben schichten und die Lkws reinigen, die anschließend zurückfuhren. Ab Sommer 1942 gab es zwei Feldkrematorien, in denen das Arbeitskommando die Leichen gleich verbrennen, die Reste in Knochenmühlen zermahlen und die Asche in den Fluss schütten musste.
Die Nazis waren bemüht, den Massenmord in Kulmhof geheim zu halten. Doch die Bewohner von Chełmno konnten die Lkws sehen, die zwischen Schloss und Wald pendelten, manchmal hörten sie Schreie. Später waren die Feuer zu sehen, und der Geruch breitete sich bis zu 15 km weit aus.
Schon ab Anfang 1942 kursierten im Warschauer Ghetto Augenzeugenberichte. In der kommunistischen Untergrundzeitung »Morgenfrajhajt« wurde am 9. Februar 1942 die Nachricht einer Frau namens Fala veröffentlicht. Sie hatte am 27. Januar 1942 auf einer Postkaste an Verwandte im Warschauer Ghetto geschrieben: »Sie bringen uns nach Kulmhof und vergasen uns. Dort liegen schon 25.000 Juden. Das Gemetzel geht weiter. …«
Nach zwei Wochen Zwangsarbeit als Totengräber im »Waldlager« konnte am 19. Januar 1942 Szlama Ber Winer fliehen. Er erreichte das Warschauer Ghetto und schrieb auf Bitten der Untergrundbewegung sein Wissen über das Todeslager Kulmhof auf. Es ging unter dem Namen Grojanowski-Bericht an Untergrundvertreter der polnischen Exilregierung.
Am 2. Juli 1942 berichtete die New York Times von Tötungen mit mobilen Gaswagen. Am 2. September 1942 berichtete der polnische Exilpolitiker Szmul Zygielbojm in London von der Judenvernichtung.
Seit Anfang 1943 kamen immer weniger Transporte in Chełmno an: Die jüdische Bevölkerung war, mit Ausnahme der »Arbeitsfähigen« im Ghetto in Łodz, weitgehend vernichtet. Das Arbeitskommando musste nun die Leichen ausgraben, verbrennen und die Knochen zermahlen. Am 7. April 1943 sprengte das SS-«Sonderkommando Kulmhof«, seit April 1942 unter dem Kommando von SS-Hauptsturmführer Hans Bothmann, das Schloss und rückte »zur Partisanenbekämpfung« nach Jugoslawien ab. Innerhalb von 16 Monaten hatte es mindestens 145.000 Menschen ermordet.
Es gab nur drei Überlebende des Vernichtungslagers. Ihnen war die Flucht gelungen: Michał (Mordechai) Podchlebnik, Szyman (Shimon) Srebrnik und Mordechai Żurawski. Sie sagten 1945 vor polnischen Richtern aus, im Eichmann-Prozess bzw. bei Claude Lanzmann für seinen Film »Shoah«. Ihre Lebensinterviews werden in Yad Vashem aufbewahrt.

Gedenkstein mit der Aufschrift Pamiętamy (poln. für »wir erinnern uns« bzw. »wir gedenken«)

Weißwaschung widerlegt

geschrieben von Anne Allex

21. November 2016

Die Firma Salamander war Profiteurin des Naziregimes

Vera Friedländer liefert eine spannende und faktenreiche Auseinandersetzung mit der Firmengeschichte von Salamander in Kornwestheim (Baden-Württemberg). Aus den Schriften des Stadt- und Firmenhistorikers Hanspeter Sturm befördert sie unter Falschdarstellungen, Fehlinterpretationen und Auslassungen die tatsächliche Entwicklung des Unternehmens Salamander zwischen 1933 und 1945 ans Tageslicht. Hierbei nutzt sie Bücher von Anne Sudrow (Der Schuh im Nationalsozialismus), Petra Bräutigam (Mittelständische Unternehmen im Nationalsozialismus) und eigene recherchierte Quellen.

Vera Friedländer: Ich war Zwangsarbeiterin bei Salamander, Verlag Das neue Berlin, Eulenspiegel Verlagsgruppe, Berlin, 2016, 14,99 EUR Als aufsteigender Schuhproduzent war Salamander maßgeblich an der Testung von Ersatzstoffschuhen im KZ Sachsenhausen bei Oranienburg beteiligt. 1940 wurde dazu die berüchtigte »Schuhläuferstrecke«, eine halbrunde Laufbahn von 700 Metern mit 8-10 m Breite und abwechselnden Belägen eingerichtet. Unterernährte Häftlinge mussten dort täglich elf Stunden lang mit 15-30 kg Gepäck auf dem Rücken bis zu 40 Kilometer schnell laufen. Das überlebten nur wenige. Wenn die Direktoren der Lederbetriebe die Gebrauchsspuren und die Haltbarkeit der Schuhe besichtigen wollten, musste das Schuhkommando geschlossen vor den Vertretern der Schuhprüfstelle Aufstellung nehmen und die Schuhe ausziehen.

Vera Friedländer: Ich war Zwangsarbeiterin bei Salamander, Verlag Das neue Berlin, Eulenspiegel Verlagsgruppe, Berlin, 2016, 14,99 EUR
Als aufsteigender Schuhproduzent war Salamander maßgeblich an der Testung von Ersatzstoffschuhen im KZ Sachsenhausen bei Oranienburg beteiligt. 1940 wurde dazu die berüchtigte »Schuhläuferstrecke«, eine halbrunde Laufbahn von 700 Metern mit 8-10 m Breite und abwechselnden Belägen eingerichtet. Unterernährte Häftlinge mussten dort täglich elf Stunden lang mit 15-30 kg Gepäck auf dem Rücken bis zu 40 Kilometer schnell laufen. Das überlebten nur wenige. Wenn die Direktoren der Lederbetriebe die Gebrauchsspuren und die Haltbarkeit der Schuhe besichtigen wollten, musste das Schuhkommando geschlossen vor den Vertretern der Schuhprüfstelle Aufstellung nehmen und die Schuhe ausziehen.

Nach einer knappen Darstellung vom Entstehen der Schuhfirma nimmt Vera Friedländer den weiteren Werdegang des Unternehmens im deutschen Faschismus genauer unter die Lupe. 1933 wird bereits eine schrittweise »Arisierung« im Vorstand des Unternehmens in Angriff genommen. Schlussendlich werden die jüdischen Kapitalgeber kalt gestellt. Anschließend wird die Firma aus der Boykottliste der Nazis gestrichen. Die Anlehnung der Firma an die Nazis beginnt mit einer Spende von 10.000 Reichsmark durch den neuen Firmenchef Alex Haffner zu Hitlers erstem Geburtstag als »Reichskanzler«. Gleich nach den Nürnberger Rassegesetzen von 1935 und weit vor der Reichspogromnacht 1936 »erwirbt« die Salamander AG bereits gut gehende Schuhfirmen aus Offenbach und Speyer. Die Offenbacher J. Mayer & Söhne Leder AG ist 6 Millionen Reichsmark wert, die Besitzer werden mit einer halben Million abgefunden. Das mag damals gerade gereicht haben, um ihr Vermögen aufzulösen und die Ausreise zu bewerkstelligen. Zudem »erwirbt« Salamander noch die württembergische Schuhfabrik Faurndau GmbH und 1937 Anteile der Gerberei Sihler & Co AG. Durch diese Einkäufe wird sie zu einem der größeren Schuhkonzerne neben der Freundenberg AG.
Die Autorin arbeitet an Hand von Fakten heraus, dass neben der Ledergewinnung (durch Raub), vor allem das Lederrecycling und die Gewinnung von Ersatzstoffen für Leder wichtige Schwerpunkte der Firmenstrategie waren. Sie weist darauf hin, wie Ledernachschub in großem Stil aus der Sowjetunion geraubt wurde. Dies war neben der Beschäftigung von mehr als 2000 Zwangsarbeiterinnen und Kriegsgefangenen überwiegend aus Frankreich, Griechenland und weiteren 19 Nationen ein wichtiger Faktor für den Erfolg des Unternehmens. Denn für geraubtes Leder fielen nur Transportkosten an und Zwangsarbeiter waren billig. Wozu angeblich nichts zu finden war, war die Wiederaufbereitung von Leder aus Schuhen, die ermordete jüdische Häftlinge verschiedener KZ zurückließen, und die von Berliner Juden, Polen und Franzosen in der Berliner Köpenicker Straße Nr. 6a-7 in Kreuzberg aufgearbeitet wurden. Obwohl die Firma Salamander zunächst bestritt, damit etwas zu tun zu haben, konnte der Beweis mit Berliner Adressbüchern von 1937 erbracht werden, die die Salamander AG als Betreiber eines Reparaturbetriebes in der Köpenicker Straße 6a ausweisen. Auch in Vera Friedländers Arbeitsbuch ist die obige Adresse auf dem Salamander-Stempel deutlich zu erkennen.
Vera Friedländer ist deshalb so sehr an dieser Unternehmensgeschichte interessiert, weil sie selbst als 16-Jährige Zwangsarbeiterin bei Salamander in Kreuzberg war. Sie ist Tochter einer jüdischen Mutter. Ihr Vater ließ sich nicht scheiden, sondern ging zum Schutz seiner Familie zur Organisation Todt, um »dort seine Wehrwürdigkeit« unter Beweis zu stellen. Vera wurde 1944 zur Zwangsarbeit im Reparaturbetrieb bei Salamander verpflichtet.
Nach einem friedlichen Leben in der DDR, das ihr ein Studium der Germanistik und eine Professur ermöglichte, ist sie als Bundesbürgerin seit 1990 wieder mit rechtsextremistischen Entwicklungen konfrontiert. In diesem Kontext erinnerte sie sich an ihre Jugend, und an die Fragen, die sie als junges Mädchen nicht auflösen konnte: Woher kommen die vielen Schuhe? Wer sind ihre Besitzer? Warum sind die Schuhe nicht mit einer Nummer markiert, damit sie wieder abgeholt werden können? In ihren Recherchen stieß sie auf Salamander (jetzt: Leiser): Sie entdeckte, dass sich das Unternehmen mit seiner Nicht-Verwicklung in die Naziherrschaft schmückte. Und das, obwohl die Schuhproduktion kriegswichtig und die Firma einer der einflussreichsten Schuhproduzenten im damaligen »Dritten Reich« war.
In der zweiten Hälfte ihres Buches skelettiert Vera Friedländer Hanspeter Sturms Legende von den »schützenden Händen über unsere Juden«: Sie berichtet von der weitaus umfangreicheren jüdischen Bevölkerung in Kornwestheim und widerlegt halb- und unwahre Einzelaussagen des »Historikers«. Vera Friedländers Buch ist großartig, weil es zur Aufdeckung der Methodik des Lügens zum Zwecke der Weißwaschung von deutschen Wirtschaftsunternehmen nach dem Zweiten Weltkrieg einen hervorragenden Beitrag leistet.

Vom Überleben im Krieg

geschrieben von Raimund Gaebelein

18. November 2016

Ein viel diskutiertes französisches Buch liegt nun auf Deutsch vor

Ein 20-jähriger französischer Mathematik-Student aus Versailles kommt im August 1943 als Zwangsarbeiter nach Bremen. Für ihn ist die Begegnung mit einer Kultur, die ihn interessiert, trotz aller bedrückenden Umstände, eher ein Ausbruch aus familiärer Enge. Es wirkt wie ein Abenteuer, ein Erlebnis. Die Härte des Krieges spürt Pierre, wie sich der Autor in seinen romanhaften Aufzeichnungen nennt, durchaus – Bombenangriffe, Verdunklung, Ausgangssperre. Von der Zwangsarbeit hätte er sich durch Vermittlung seiner Familie freistellen lassen können. Pierre wählt den schwereren Weg, vielleicht auch, um der zerbrochenen Ehe seiner Eltern zu entfliehen. Er geht auch nicht auf das Angebot seines Vorgesetzten bei den Francke-Werken ein, sich leichtere Arbeitsbedingungen als Dolmetscher zu verschaffen. Pierre versucht, seine Sprachkenntnisse zu verheimlichen. Stattdessen unterstellt er sich Willy Suhr, einem Meister mit Naziparteibuch, der aber eher sein Mentor ist.

Yves Bertho, »Ich war Pierre, Peter, Pjotr«, 520 S. Kellner Verlag, Bremen 2016, 18,90 Euro

Yves Bertho, »Ich war Pierre, Peter, Pjotr«, 520 S. Kellner Verlag, Bremen 2016, 18,90 Euro

Pierre kultiviert eine ambivalente Freundschaft zu Robert, der ihn zu seiner Lagerunterkunft und der Arbeitsstelle begleiten soll. Durch Robert lernt er Ingrid kennen, eine deutsche Offiziersgattin, die sich seiner annimmt. Die Ehe mit ihrem Mann an der Balkanfront ist gescheitert. Mit Robert ist er ihretwegen in einer Art Hassliebe verbunden. Die Schattenseiten der Stadt eröffnen sich Pierre durch seine Bekanntschaft mit Madame Blanche, einer Französin, die ihn von der Notwendigkeit von Schwarzmarktgeschäften überzeugen will. Yves Bertho vermittelt uns einen Eindruck in das zivile Leben einer Stadt im Krieg, in den Willen zur Selbstbehauptung trotz aller widrigen Umstände. Robert und Pierre haben vor allem Kontakte zu anderen Zwangsarbeitern, zu den jungen ukrainischen Frauen, die die Unterkunft sauber halten, zu russischen Kollegen in den Francke-Werken, die Flugzeugmotoren reparieren müssen. Schwerstarbeit, vor allem als er als Strafe einen beschädigten Heizkessel auseinandernehmen muss. Aber daneben machen sie Bekanntschaft mit jungen BdM-Mädchen, die gerne mehr vom Leben draußen wüssten.
Auf den ersten Blick erscheint Yves Berthos Roman wie ein abenteuerlicher Ausflug in eine fremde Welt. Er sprüht vor Lebensfreude inmitten von Bombenhagel und erzwungener Schwerstarbeit. Pierre entwickelt eine enge Beziehung zu einer deutschen Offiziersgattin, er verfügt über mehr Geld und Zigaretten als er ausgeben kann. Er geht lächelnd über Strafen und körperlichen Zusammenbruch hinweg. Pierre scheint den Ausbruch aus seinem Elternhaus zu genießen. Er ist kein Kollaborateur, die Zwangslage ist real, in der er sich befindet. Helga Bories-Sawalla weißt in ihrem Nachwort darauf hin, dass der Roman bei seinem Erscheinen 1976 in Frankreich heftige Debatten auslöste. Auf der Höhe der Entschädigungsdebatte Ende der 90er Jahre hatte sie mehrfach heftige Diskussionen bei der Vorstellung des Originalromans im Institut Français. Über das zivile Leben in Bremen 1943/45 hatte ich Gelegenheit immer wieder mit dem niederländischen Zwangsarbeiter Cees Ruijter zu sprechen, der auf der A.G. Weser in Gröpelingen Elektrokarren fuhr. Manche seiner Erfahrungen korrespondieren mit denen Yves Berthos. So beschreibt er die Lebensmittelbeschaffung durch Aufnahme persönlicher Bindungen mit jungen deutschen Frauen. Für Westeuropäer war das durchaus möglich.

Lob des Vergessens

geschrieben von Thomas Willms

18. November 2016

Eine Polemik gegendie »Mythologisierung von Geschichte«

Das Vergessen hat generell keinen guten Ruf. Das fängt schon im Kleinen an (»Hast du das etwa schon wieder vergessen?«), gewinnt seine volle Wucht aber erst im Kollektiven (»Niemals dürfen wir vergessen«!). Die Streitschrift »In Praise of Forgetting« des US-Intellektuellen David Rieff richtet sich gegen diese moralische Gewissheit. Ihr Hintergrund sind Rieffs Erfahrungen aus den Balkankriegen der 90er Jahre. Damals munitionierten sich alle Kriegsparteien des zerfallenden Jugoslawiens mit Geschichten aus der Geschichte. Das ging bei den Serben bis zur Schlacht auf dem Amselfeld 1389 zurück, die man immer noch nicht verwunden haben wollte. Aus dem Zweiten Weltkrieg war für alle etwas dabei: die kroatische Kollaboration durch das Ustascha-Regime, die Wirren des Partisanenkrieges gegen die Deutschen und untereinander, die Repressalien durch die siegreichen Tito-Partisanen.
Die Identifikation konnte sich dabei sowohl auf die Opfer, als auch auf die Täterseite beziehen. Was dabei jedenfalls nicht herauskam, war die Schlussfolgerung, die man gegenwärtig in Deutschland für selbstverständlich hält, nämlich dass das Erinnern an Krieg und Mord ein Weg zu Frieden und Aussöhnung sein soll.
Rieff differenziert zwischen individueller Erinnerung und »kollektiver Erinnerung«. Letztere ist für ihn nur eine Metapher, wenn auch eine sehr wirkungsvolle. In Wirklichkeit sei diese nichts anderes als der Versuch, einem jeweiligen Ist-Zustand im Rahmen kultureller und politischer Kämpfe höhere Weihen zu verleihen.

David Rieff: In Praise of Forgetting. Historical Memory and its Ironies, Yale University Press 2016, 145 Seiten, 15,95 €

David Rieff: In Praise of Forgetting. Historical Memory and its Ironies, Yale University Press 2016, 145 Seiten, 15,95 €

Die wichtigsten weiteren Beispiele außer dem Balkan sind für ihn der Irland-Konflikt und der Südstaaten-Kult in den USA. Dass immer noch, oder schon wieder, die Flagge der »Konföderierten Staaten von Amerika« vor öffentlichen Gebäuden im Süden der USA hängt, hält er für einen Skandal, den er mitverantwortlich für den weiterbestehenden Rassismus mit seinen tödlichen Folgen macht.
Mit Bezug auf Nordirland und den Balkan folgert er, dass sich über Generationen, wenn nicht Jahrhunderte gezeigt habe, dass Erinnerung der »toxische Klebstoff ist, der alten Hass und gegensätzliche Martyriologien zementiert hat.« Rieff fragt: »Trotz des überwältigenden Konsenses für das Gegenteilige, zeigen nicht die historischen Fakten, dass in der Welt wie sie ist und nicht wie Philosophen sie haben möchten und vielleicht eines Tages auch sein wird, dass das … was die Gesundheit von Gesellschaften und Individuen gesichert hat, nicht die Fähigkeit zur Erinnerung, sondern die zum Vergessen ist?« Gesellschaften sollten zwar »Erinnerungen« kultivieren, aber nur dann – und das sei ein großes aber – sofern dies keinen zukünftigen Horror befördere.

Rieff lehnt die Mythologisierung von Geschichte, selbst im bestgemeinten Sinne, ab und will die Geschichtswissenschaft im Gegensatz zur Erinnerungspolitik stark machen. Vor allem wehrt er sich gegen einen »moralischen Freifahrtsschein«, den »Erinnerung« regelmäßig bekomme. Ebenso unausweichlich wie tröstlich ist ihm, dass buchstäblich alles eines Tages vergessen werde.
Rieff zeigt sich in seinem Essay als westlicher Gelehrter alten Schlages. Er schöpft aus einem schier unerschöpflichen Fundus an Lyrik, Literatur, Philosophie, der Geschichte der Geschichtswissenschaft, nicht zu vergessen religiöser Literatur. Allein das macht die Lektüre zum Genuss, verschleiert aber auch ein wenig die Probleme mit seiner Polemik. So kann er eigentlich nicht beantworten, wodurch eine gänzlich mythenlose Gesellschaft eigentlich zusammengehalten werden soll. Auch stört ein gewisser, bei älteren Intellektuellen nicht seltener Kulturkonservatismus, der außer der eigenen Geisteswelt nichts gelten lassen will. Die moderne Medienwelt versteht er nur ungenügend, hält sie per se für minderwertig und übersieht so, dass ihre Produkte so gut oder schlecht zur Entmystifizierung beitragen wie andere Medien auch.

Helft den Gefangenen

geschrieben von Michael Dandl

18. November 2016

Erster Band der Schriftenreihe zur Geschichte der Roten Hilfe erschienen

Mit der seit September 2016 vorliegenden Arbeit Silke Makowskis wird zum ersten Mal ein ausführlicher erinnerungspolitischer Text veröffentlicht, der sich vertiefend und klar konturierend mit der unerträglichen Situation auseinandersetzt, in die eine in der Weimarer Republik aufgebaute Massenorganisation nach der Machtübertragung an die Faschisten geraten war. Der 120 Seiten umfassende, durchweg bebilderte DIN A4-Band mit dem Titel »Helft den Gefangenen in Hitlers Kerkern« beschäftigt sich mit der Roten Hilfe Deutschlands (RHD) in der Illegalität ab 1933.

Silke Makowski: »Helft den Gefangenen in Hitlers Kerkern«. Die Rote Hilfe Deutschlands in der Illegalität ab 1933, Schriftenreihe des Hans-Litten-Archivs zur Geschichte der Roten Hilfe [Band 1], Herausgegeben vom Hans-Litten-Archiv, München im September 2016: Verlag Gegen den Strom, Brosch. DIN A4, 120 Seiten, ISBN 3-9809970-4-9, Preis: 7,00 €.

Silke Makowski: »Helft den Gefangenen in Hitlers Kerkern«. Die Rote Hilfe Deutschlands in der Illegalität ab 1933, Schriftenreihe des Hans-Litten-Archivs zur Geschichte der Roten Hilfe [Band 1], Herausgegeben vom Hans-Litten-Archiv, München im September 2016: Verlag Gegen den Strom, Brosch. DIN A4, 120 Seiten, ISBN 3-9809970-4-9, Preis: 7,00 €.

Mit ihm ist es nun möglich, sich einen nahezu kompletten Zugang zu verschaffen zu den antirepressiven Konfliktlinien in einem an die Schaltstellen der Staatsmacht gehievten Herrschaftssystem des offenen Terrors und der nahezu lückenlosen Ausmerzung aller als »volksgemeinschaftsgefährdend« Deklarierten. Politische Repression ist zwar immer der auf das jeweilige Regime »zugeschnittene« Versuch, grundlegenden Wandel der Verhältnisse dauerhaft zu verhindern; aber die hierfür zur Verfügung stehenden Mittel können sich derart divergierend materialisieren, dass das für die von ihrem Einsatz Betroffenen den Verlust ihres Arbeitsplatzes, ihrer Gesundheit, ihrer Freiheit, ihres sozialen Umfelds oder eben ihres eigenen Lebens bedeuten kann.
Der Band ist in sieben große Themenblöcke ge-gliedert, die je nach Fülle des zur Verfügung stehenden Materials in aller Ausführlichkeit präsentiert werden: Nach einem kurzen historischen Abriss über die RHD in der Weimarer Republik -beginnt die Arbeit mit dem ersten großen Kapitel, das sich dem Übergang dieser Massenorganisation in den Untergrund widmet und die jeweils zum Tragen kommenden Formen der klandestinen Solidaritätsarbeit sowie den illegalen Apparat der RHD beschreibt. Das zweite Kapitel handelt von Rote-Hilfe-Zellen in der Provinz, gefolgt von einem Abschnitt über die unter ständiger Lebensgefahr entstehenden Druckschriften der RHD in der Illegalität. Im folgenden Text zur Situation von Frauen in der verbotenen RHD spürt Makowski den Gründen nach, die dazu führten, dass sich auch die Arbeit in der Klandestinität nicht zu einer reinen Männerdomäne entwickeln konnte, sondern viele Genossinnen eine aktive Rolle in der »Solidaritäts- und Kampffront« spielten. Auf ein Kapitel zu den RHD-Grenzstellen und zur internationalen Emigrantinnenarbeit folgt ein ausführlicher Text, der sich intensiv mit dem faschistischen Staatsterror gegen RHD-Aktivisten beschäftigt, der direkt nach dem Reichstagsbrand mit der Stürmung der Räumlichkeiten der sozialistischen Massenverbände und einer damit einhergehenden gewaltigen Verhaftungswelle eingeläutet worden war. Gesondert geschildert werden die letzten Jahre der Roten Hilfe, die anhand zweier Widerstandsgruppen veranschaulicht werden. Den Abschluss bildet ein fünfseitiger Exkurs zum politischen Exil in der Sowjetunion, in dessen Verlauf viele dorthin geflüchtete Rote Helfer und Helferinnen in den Strudel der Stalinschen »Säuberungen« gerieten.
Mit diesem Band wird die mühevolle Aufgabe in Angriff genommen, Antirepressionsarbeit im Rahmen einer strömungsübergreifenden, linken Solidaritätsorganisation punktgenau in die jeweils um sie herum installierte staatliche Herrschaftsarithmetik einzubauen und auf der Basis der bisher gemachten Erfahrungen nach gangbaren Wegen Ausschau zu halten, die Zugriffsmöglichkeiten des nach innen und außen aufgerüsteten politischen Systems permanent ins Leere laufen zu lassen. Dass antirepressives Engagement an keiner Stelle der Geschichte jemals einen Punkt der »absoluten Sicherheit« vor staatlichen Angriffen erreichen konnte, beweist nur, dass der politische Feind Mittel anwendet, die bisweilen auch ins Eliminatorische gehen können.

 

Kunst – Geschichte – Politik

geschrieben von Ulrich Schneider

15. November 2016

Auf dem Weg zu einer politischen »documenta 14« 2017 in Kassel

Die weltgrößte Ausstellung zeitgenössischer Kunst, die alle fünf Jahre stattfindende »documenta« in Kassel, wirft ihre Schatten voraus und wird auch für Antifaschisten wieder einmal interessante Objekte bieten. Wie in allen früheren Ausstellungen werden Kritiker sicherlich auch dieses Mal Belanglosigkeiten und Überflüssiges finden. Aber aus der Konzeption und allen bisher bekannten Hinweisen wird deutlich, wie politisch sich die »documenta 14« versteht.
Dazu gehört zuerst ein künstlerischer Brückenschlag von Kassel nach Athen, der anfangs Lokalpolitiker in helle Aufregung versetzte, da man befürchtete, die documenta solle aus Kassel verlegt werden.
Dagegen begründet der künstlerische Leiter Adam Szymczyk diese Verbindung mit der aktuellen politischen und sozialen Situation in Griechenland – einem Land unter der Kontrolle der Troika –, das auch schon im Zweiten Weltkrieg durch italienische und deutsche Okkupation unter fremder Kontrolle stand. Folgerichtig fanden erste Präsentationen des documenta-Konzepts in Athen an historischen Orten statt, die mit der Zeit der faschistischen Besetzung und der Militärjunta in den 60er Jahren verbunden sind.
Ein zweites Signal zur historischen Perspektive sendete Szymczyk, als er schon 2015 vorschlug, die Sammlung der NS-Raubkunst von Cornelius Gurlitt im Kontext der »documenta 14« zu präsentieren. Er verstand dies als Anknüpfung an die erste »documenta«, auf der Arnold Bode als »politische Wiedergutmachung« Werke der Nazi-Präsentation »Entartete Kunst« nun als anerkannte Kunstwerke 1955 in Kassel gezeigt und damit die Tradition der documenta begründet hatte.
Ein weiteres – nicht so öffentliches – Signal ist die Tatsache, dass Adam Szymczyk zusammen mit seinem Kuratoren-Team die Kasseler VVN schon 2015 gebeten hat, mit ihnen einen Stadtrundgang auf den Spuren von Widerstand und Verfolgung durchzuführen. Die intensiven Gespräche und Nachfragen auf diesem Rundgang zeigten, dass sich das Kunst-Team bereits intensiv mit dem historischen Ort und seiner Geschichte auseinandergesetzt hatte. Dieser Rundgang wurde später mit Künstlern der documenta und zukünftigen pädagogischen Betreuern wiederholt, da auch diese ein Interesse an diesem Teil der Kasseler Geschichte hatten.
Schon jetzt ist bekannt, dass sich verschiedene Kunstwerke bewusst mit der Geschichte auseinandersetzen werden. Exemplarisch sei nur auf das Projekt der argentinischen Künstlerin Marta Minujin »Der Parthenon der Bücher« verwiesen. Auf einer Grundfläche von 30 x 70 Metern – der Grundfläche des historischen Parthenon-Tempels auf der Akropolis – soll vor dem Eingang der documenta ein Metallgerüst errichtet werden, das mit bis zu 100.000 Büchern verkleidet werden soll, die in aller Welt gesammelt werden. Das Gemeinsame dieser Bücher ist, dass sie in ihren Ländern nach Jahren des Verbotes oder der Zensur wieder verlegt wurden oder trotz Verbot in anderen Ländern hier zugänglich sind. Die Idee eines solchen Kunstwerkes hatte Minujin schon einmal realisiert, nämlich 1983 in Buenos Aires, als sie 25.000 durch die Militärjunta verbotene und eingelagerte Bücher auf diese Weise präsentierte und anschließend verschenkte.
In Kassel wird diese Installation auf dem Friedrichsplatz gezeigt, wo am 19. Mai 1933 der »Kampfbund für deutsche Kultur« die Bücherverbrennung, die »Aktion wider den undeutschen Geist« inszenierte. Auf diesem Platz fanden auch die so genannten »Reichskriegertage« zur ideologischen Vorbereitung des Zweiten Weltkrieges statt. Und an diesem Platz befindet sich auch das Fridericianum, die ehemalige Landesbibliothek, die während eines alliierten Bombardements zerstört wurde. Als Folge der faschistischen Kriegspolitik verbrannte damals ein Buchbestand von 350.000 Bänden.
Die Bücher für die Installation von Marta Minujin sollen – beginnend mit der Frankfurter Buchmesse – weltweit gesammelt werden. Eine Projektgruppe an der Universität Kassel wird die eingegangenen Spenden sichten, katalogisieren und auf der documenta-Webseite dokumentieren.
Vor dem Hintergrund einer solch politischen documenta ist es nur folgerichtig, dass während der 100 Tage der »documenta 14« auch die Ausstellung »Antifaschistischer Widerstand in Europa« zu sehen sein wird. Verbunden mit dem Projekt »Bewahrung der Erinnerung – preserving memories« versteht sie sich als antifaschistische Ergänzung im Sinne des künstlerischen Ansatzes der documenta. Parallel zur Ausstellung finden Zeitzeugengespräche, Lesungen, Filmvorführungen und weitere Veranstaltungen statt. Träger der Ausstellung sind die FIR, das »Institut des Vétérans«, die Stadt und der Landkreis Kassel sowie die Volkshochschule.

Nazi-Bauschrott aufgehübscht

geschrieben von Detlef Peikert

15. November 2016

Einstige Mörderschule ist nun ein Touristenzentrum

In der Eifel oberhalb der Urfttalsperre sind die Umbauarbeiten der ehemaligen NS-Ordensburg Vogelsang abgeschlossen. Am 11.September hat die Betreibergesellschaft »Vogelsang IP«(Internationaler Platz) damit die lange angekündigte Ausstellung über die ehemalige »NS-Ordensburg Vogelsang« in der Eifel eröffnet. Unter der Überschrift »Bestimmung: Herrenmensch. NS-Ordensburgen zwischen Faszination und Verbrechen« wollen sich die Betreiber auf 750 Quadratmetern an den unterschiedlichsten Aspekten der NS-Ordensburgen abgearbeitet haben. Untersucht wurden Anspruch und Wirklichkeit des elitären NS-Schulsystems und was aus den Schülern geworden ist, von denen viele später in den Verwaltungen der von den Nazis besetzten Länder eingesetzt wurden und z.B. als Gebietskommissare für die  Ermordung zigtausender Menschen verantwortlich waren.
Der Umbau kostete ca. 45 Millionen Euro, ein Großteil dieses Geldes entstammt Fördertöpfen der EU. Mit dem Argument, Arbeitsplätze zu schaffen, wurde die unterentwickelte Eifelregion gekauft, dem Projekt Vogelsang zuzustimmen. Entstanden ist das »Forum Vogelsang IP«, von dem die Betreiber erhoffen, einen »touristischen und bildungspolitischen Leuchtturm der Region« erschaffen zu haben.
Neben »Bestimmung: Herrenmensch« wurde eine weitere Dauerausstellung  eröffnet: »Wildnis(t)räume« für die Natur des Nationalpark Eifel. Daneben wurde in den letzten Jahren bereits eine »Akademie Vogelsang IP« gegründet, die Geländeführungen und ein breites Bildungsprogramm für Jugendliche und Erwachsene bereithalt.
Auf der offiziellen Eröffnungsfeier am 11. September 2016 sprach die NRW-Familienministerin Christina Kampmann vom größten Konversionsprojekt seit 25 Jahren, weil die Anlage zuvor sechs Jahrzehnte militärisch genutzt worden war. An die Konversion durch die Nazis wurde nicht erinnert, denn das Gelände gehörte bis 1933 den freien Gewerkschaften.  Das Ministerium wolle ausreichend Mittel im Rahmen der Grundförderung für NS-Erinnerungsorte bereitstellen, um Vogelsang als Lernort für Demokratie und Verantwortung zu etablieren und Menschenfeindlichkeit zu begegnen. Für den Bundesbeauftragten für Kultur und Medien ergriff Dr. Günter Winands das Wort. Im Rahmen der neuen Gedenkstättenkonzeption der Bundesregierung wurde und wird Vogelsang als Erinnerungsort von Tätern gefördert, um anhand von Täterbiographien aufzeigen zu können, wie Menschen Teil der Tötungsmaschinerie der Nazis wurden. Er sprach von einem Spannungsverhältnis »Faszination und Verbrechen«, das in Vogelsang thematisch und aufklärerisch aufgegriffen werde.

Ausstellung »Bestimmung: Herrenmensch«

Die zentrale Ausstellung »Bestimmung: Herrenmensch. NS-Ordensburgen zwischen Faszination und Verbrechen« stellt die Geschichte Vogelsangs und das Leben der NSDAP-Ordensjunker in hunderten Dokumenten dar. Eindrucksvoll vermittelt wird der Versuch der NSDAP, Führer für den Führerstaat heranzubilden und diese vollends rassistischer Ideologie, dem Führerprinzip und dem Anspruch des arischen Herrenmenschen zu unterwerfen. Die Ausstellung wirft in gelungener Weise einen Blick auf die Täter von Vogelsang, die Ordensburgschüler inbegriffen. Insoweit kann die Ausstellung auch als Lernort einen Beitrag gegen Menschenfeindlichkeit leisten. Abzuwarten ist, ob auch Nazis sich dort angezogen fühlen.

Ausstellung »Wildnis(t)räume«

Die Nationalpark-Ausstellung »Wildnis(t)räume« ist ebenfalls in dem Besucherzentrum untergebracht, das über den alten »Adlerhof« betreten wird und in die unteren Geschosse der Burganlage führt. In einer  großartigen Ausstellung wird den Besuchern die Natur (nicht nur) des Nationalparks Eifel nahe gebracht. Es ist ein emotionales Erlebnis, in den Ausstellungsräumen die reiche Vielfalt der Natur sehen, hören und sogar riechen zu können. Besonders jene, die den Nationalpark Nordeifel als Erholungsgebiet mit wunderbaren Wanderwegen zu genießen wissen, werden diese Ausstellung schätzen. Aber einen Grund, diese Ausstellung in NS-Gemäuer unterzubringen, wussten die Ausstellungsmacher nicht zu nennen. Außer einem – Geld. Die Fördermittel, die diese Ausstellung ermöglicht hatten, waren gebunden an die NS-Ordensburg.

Ist der Nazicharakter gebrochen?

Es gab bei einigen Verantwortlichen das Ziel, der Anlage mit dem Umbau eine »neue Identität« zu geben. Die Ausstellung »Bestimmung: Herrenmensch« leistet tatsächlich einen Beitrag zur Mahnung zu Demokratie und Toleranz. Die Frage ist dennoch, ist das Ziel, den Nazi-Charakter der Burg und seiner Bestandteil zu brechen, erreicht? Die Zweifel sind stark, denn der Umbau der NS-Ordensburg hat die alte Anlage vollends erhalten, ihre architektonische Anlage wurde nicht gebrochen, im Gegenteil, der neue Eingang ins Besucherzentrum ist eine optische Aufwertung der im Kern unberührten, im Detail aber aufwendig sanierten NS-Anlage.

Relativ breiten Raum nehmen auch jüngste Forschungsergebnisse ein, die das verbrecherische Wirken des Führernachwuchses in den besetzten Gebieten zeigen. Die meisten der Vogelsang-Täter sind später in der Bundesrepublik nicht weiter strafrechtlich belangt worden.

Relativ breiten Raum nehmen auch jüngste Forschungsergebnisse ein, die das verbrecherische Wirken des Führernachwuchses in den besetzten Gebieten zeigen. Die meisten der Vogelsang-Täter sind später in der Bundesrepublik nicht weiter strafrechtlich belangt worden.

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