Die Anti-AfD-Kampagne

7. Mai 2016

Ein Gespräch mit VVN-BdA-Bundesgeschäftsführer Thomas Willms

 

antifa: Im Februar hat der Bundesausschuss der VVN-BdA beschlossen, sich an der Anti-AfD-Kampagne »Aufstehen gegen Rassismus« zu beteiligen, die verschiedene Organisationen gemeinsam organisieren. Welche Gründe sprachen dafür?

Thomas Willms: Unmittelbarer Anlass war die Befürchtung, dass die AfD bei den Landtagswahlen im März große Erfolge erzielen würde, die sich noch stärker bewahrheiten sollte, als ohnehin schon angenommen. Der tiefere Grund ist aber, dass wir in diesen Monaten eine Zäsur erleben, wie es sie in der Nachkriegsgeschichte noch nicht viele gab. Das uns seit langem bekannte Potential von 15 bis 20 Prozent Wählerinnen und Wählern mit einem extrem rechten Weltbild handelt nun zum ersten Mal flächendeckend entsprechend ihrer Einstellung. Es geht dabei um das Wahlverhalten, aber auch um das Hinterherlaufen bei Pegida, das aggressive Auftreten in den sozialen Medien und überhaupt in der Öffentlichkeit. Das ist ein echter Dammbruch. Wir müssen wenigstens versuchen, die AfD wieder hinter die »rote Linie« zurückzudrängen, wohin sie zusammen mit der NPD und anderen Neonazis gehört.

Kreativ gegen die AfD. Hier in Berlin gegen einen Landesparteitag.

Kreativ gegen die AfD. Hier in Berlin gegen einen Landesparteitag.

antifa: Am 16. März trat das Bündnis mit seinem Aufruf an die Öffentlichkeit, seitdem arbeitest du für die VVN im Kampagnenstab mit. Wer sind dort deine Partner und wie muss man sich die Arbeit in einem solchen Gremium vorstellen?

Thomas Willms: Es gibt ein politisches Gremium (Ko-Kreis) und die sogenannten Kampagnengruppe, in der ich mitarbeite. Diese besteht im Kern aus Aktivisten von politischen Jugendverbänden, aber auch jüngeren Leuten aus allen möglichen Initiativen, die sich für die eine oder andere Aufgabe engagieren. Ich bin im Schnitt wahrhaftig 20 Jahre älter als alle anderen. Die Leute sind hochgradig engagiert, kreativ und dauernd damit beschäftigt, noch mehr Kohlen in die Glut zu werfen. Es werden in hohem Maße die technischen Möglichkeiten von Datenbanken usw. genutzt. Es wird sehr viel und schnell kommuniziert, wodurch viele Probleme in rasender Eile – »unter rollendem Rad« – gelöst werden. Das war mir, ehrlich gesagt, anfangs ein bisschen unheimlich. Es hat sich aber gezeigt, dass bislang alles auch funktioniert hat, was man sich vorgenommen hatte. Persönlich gefällt mir am meisten, dass ich ganz tolle Leute kennenlerne, mit denen man problemlos zusammenarbeiten kann. Bei allem Stress macht das auch viel Spaß.

 antifa: Die Kampagne heißt »Aufstehen gegen Rassismus«, aber die AfD vertritt ja nicht nur rassistische sondern auch demokratiefeindliche und extrem neoliberale Positionen. Warum diese Einengung?

Thomas Willms: Die Kampagne ist ja ein Bündnisprojekt, in das wir erst eingestiegen sind, als gewisse Grundlagen schon feststanden. Es ist nicht verwunderlich, dass es auch unterschiedliche Sichtweisen darauf gibt, was eigentlich das Problem an der AfD ist. Ich selbst nehme Ernst , was im Parteiprogrammentwurf der AfD nachzulesen ist. Demnach will die Partei im Grunde eine andere Republik: rechtsautoritär im Inneren und nationalistisch-militaristisch nach außen. Man wird genau beobachten müssen, ob sich die AfD als Hybridpartei mit ihren verschiedenen Strömungen und Schattierungen noch weiter nach Rechts orientieren wird.

Pressefoto von der Kampagnenvorstellung

Pressefoto von der Kampagnenvorstellung

antifa: Die VVN-BdA hat mit ihren nonpd-Kampagnen viele Erfahrungen gesammelt. Lassen sich die für die neue Kampagne nutzen?

Thomas Willms: Durch »nonpd« haben wir ein geschärftes Bewusstsein dafür, was eigentlich eine Kampagne ist. Man braucht konkrete Zielstellungen, eine inhaltliche Zuspitzung, Offenheit für Partner, aber auch die Bereitschaft zur harten politischen Auseinandersetzung mit dem Gegner. Das sind für mich ganz wichtige Erfahrungen, die ich in unsere Diskussionen einfließen lasse. Man sollte auch nicht vergessen, dass überhaupt »bundesweit« zu denken nicht selbstverständlich ist.

antifa: Was hat die VVN-BdA denn bislang konkret beigetragen?

Thomas Willms: In dieser Anfangsphase haben wir die Ressourcen unseres Berliner Büros voll eingesetzt, also Arbeitszeit, Lagerraum, Kontakte vermitteln usw.. Als juristische Person haben wir für die Homepage und das Massenmaterial die Verantwortung übernommen. Unsere Berliner Mitglieder haben den postalischen Massenversand für die Aktionskonferenz durchgeführt (140.000 Flyer und 5.000 Plakate) und unsere Frankfurter engagieren sich bei der Konferenz selbst in vielfältiger Weise. Nicht zuletzt haben wir 2.000 Euro in den Vertrieb gesteckt. Wir haben also einiges von dem geleistet was zu einer Kampagne dazu gehört.

Was mich am meisten beeindruckt hat, war eine Telefonaktion, die Ehrenamtliche für die Kampagne durchgeführt haben. Das ist im Grunde eine Art Call-Center, aber für eine gute Sache. Wir rufen dann eben die 2.000 Leute an, hieß es. Ganz so viele sind es dann doch nicht geworden, aber das ist sicher eine Arbeit, bei der noch viele von uns mitmachen können.

antifa: Plant das Bündnis zentrale Aktionen oder geht es auch um die Unterstützung bereits vorhandener Bündnisse vor Ort?

Thomas Willms: Es geht um beides. Die AfD ist ja ein bundesweites Problem, weshalb auch auf dieser Ebene etwas geschehen muss. Diskutiert wird zur Zeit ein Aktionswochenende in Berlin um den 3. September herum, also zwei Wochen vor den Berliner Wahlen zum Abgeordnetenhaus. Andererseits wollen wir lokale Initiativen unterstützen oder die Gründung solcher ermöglichen.

antifa: Welche konkreten Beiträge kann die VVN-BdA mit ihren Mitgliedern in den Orts- und Kreisvereinigungen in die Kampagne einbringen? Sind Vernetzungen mit anderen an dem Bündnis beteiligten Organisationen auch vor Ort geplant?

Thomas Willms: Es wird mehrere Kampagnenbausteine geben. Das schon erwähnte Großevent, die Stammtischkämpfer_innen-Ausbildung, die Recherche über das Personal der AfD mit anschließender politischer Verwertung und die Vernetzungsstruktur »von der lokalen Initiative zur bundesweiten Kampagne«. In all das können und sollten sich unsere Kreisvereinigungen und Mitglieder nach ihren Möglichkeiten einbringen. Ich hoffe darauf, dass sich in diesem Zuge politische Beziehungen vor Ort revitalisieren lassen und sich insbesondere von der AfD akut Abgenervte einbinden lassen. Wer Erfahrungen in der Erwachsenenbildung hat oder sich für das Thema besonders interessiert, sollte sich bereit halten, im Sommer an einer Teamer-Ausbildung teilzunehmen und fortan »Stammtischkämpfer« auszubilden. Unseren Kreisvereinigungen und Aktivisten steht es gut an, die Initiative zur Gründung lokaler Aktionsgruppen »Aufstehen gegen Rechts« zu ergreifen oder bei diesen mitzumachen.

antifa: Auf der Aktionskonferenz am 24. April wirst du den Arbeitskreis »Ausbildung von Stammtischkämpferinnen gegen die AfD« leiten. Worum geht es da?

Thomas Willms: Es heißt immer, dass dies das Herz der Kampagne sei. Unsere Gesellschaft hat sich ja in den letzten Monaten unerhört polarisiert. Das geht quer durch die Belegschaften, Familien und Freundeskreise. Wir haben ein Konzept zur Schulung von sogenannten »Stammtischkämpfern« entwickelt, das auf bereits bewährten Vorgehensweisen aufbaut. Der Unterschied ist, dass wir das in großem Maßstab aufziehen wollen – 10.000 Personen innerhalb eines Jahres – und dass wir es in eine Kampagne einbinden wollen. Man soll nicht nur für sich selbst etwas lernen, sondern auch mit anderen Verabredungen treffen können. Aus dem quantitativen Unterschied soll also ein qualitativer werden. Das muss aber alles erstmal organisiert werden. Dass die Organisation von all dem noch nicht zu Ende durchdacht ist, versuche ich gelassen zu nehmen. Wir werden das schon schaffen, wie alles andere auch.

antifa: Wer ist mein Ansprechpartner, wenn ich mich als VVN-Mitglied an der Kampagne beteiligen möchte?

Thomas Willms: Man sollte sich zunächst auf der Kampagnenseite www.aufstehen-gegen-rassismus.de registrieren und angeben, dass man vor Ort aktiv werden möchte. Damit kommt man in die berühmte Kampagnen-Datenbank und kann damit rechnen, angeschrieben oder angerufen zu werden. Ansonsten bitte Augen und Ohren aufhalten, sobald das Stichwort »Aufstehen gegen Rassismus« fällt.

Das Gespräch führte Regina Girod.

Regionales Taktieren

geschrieben von Axel Holz

7. Mai 2016

Studie der Otto-Brenner-Stiftung über die AfD bei Landtagswahlen

 

Wie viele Analysen zur AfD, sind auch Aussagen dieser Studie durch die neueren Entwicklungen in der AfD bereits mit der Veröffentlichung überholt. Zumindest die Wahlprognosen der Studie, die zwischen Dezember 2015 und Ende Januar 2016 erarbeitet wurde, werden mit den tatsächlichen Landeswahlergebnissen der AfD zwischen 12 und 24 Prozent deutlich übertroffen. Dennoch versucht die Studie systematisch zu beleuchten, was den Zuspruch der AfD in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt ermöglicht und fördert, was die Partei fordert, wie sie auf regionale Besonderheiten reagiert, wie es um Organisation, Personal und Kandidaten der Partei steht und wie die Partei gegen die erheblichen politischen Widerstände aus der Gesellschaft reagiert.

Ein Verdienst der Studie ist, dass sie die besonderen regionalen Bedingungen und die Geschichte der regionalen Parteienlandschaft beleuchtet und damit das unterschiedliche Vorgehen der AfD in den drei Ländern in den Fokus nimmt. So spare man im rheinland-pfälzischen Wahlprogramm radikale Forderungen weitgehend aus und versuche den Korridor rechtskonservativer Forderungen nicht zu überschreiten. In Baden-Württemberg sehen die Autoren bei der AfD ein deutlich schärferes Bedrohungsszenario europäischer Werte durch den Islam, ohne dass nationalistische Chiffren dominierten.

Ganz anders positioniere sich der Landesverband der AfD in Sachsen-Anhalt, der sich völkisch-nationalistisch und nicht selten biologistisch geriere. Während im Westen zielstrebig die rechtskonservative Lücke im parteipolitischen Raum besetzt werde und teilweise liberale Forderungen zum Wählerfang dienten, setze man im Osten auf die Aktionen des Straßenprotestes im Schulterschluss mit »Anti-Asyl-Initiativen« und marschiere auch offen mit extrem rechten Gruppierungen. Die Ansprache im Westen erfolge mit Bürgerdialogen, Vortragsabenden und Info-Tischen.

Viele Kandidaten verfügten über Radikalisierungspotentiale. In allen Ländern stammten zahlreiche Kandidaten der Kreis- und Landeseben aus extrem rechten Gruppierungen oder haben Kontakte zu ihnen. Eine Abgrenzung von Neonazis, wie sie in der Lucke-Partei noch nach außen propagiert wurde, findet nicht statt oder werde unterbunden. Die bunt zusammengewürfelte Truppe berge bereits für die zukünftige Fraktionsarbeit organisatorische und personelle Konflikte. Mit einem Auseinanderbrechen der Partei wie bei der DVU oder der Schill-Partei sei aber eher nicht zu rechnen, weil die rechte Mobilisierung trotz der Kritik durch Parteien, Medien und Zivilgesellschaft zu klappen scheint und das Mobilisierungsthema »Asylchaos & Eurokrise stoppen« der AfD über Monate und Jahre Stoff für rechtspopulistische Mobilisierung biete.

Trotz regionaler Unterschiede identifizierten die Autoren auch zentrale Gemeinsamkeiten der AfD, die sie in einem rechtspopulistischen Politikstil, in einem rigorosen Freund-Feind-Bild und der Verachtung etablierten Politik sehen. Angriffspunkte der AfD seien die Asylpolitik der Bundesregierung, ein angeblicher Verlust der traditionellen lebensweltlichen Ordnung der Familie und das Fehlen eines vermeintlich einigenden Heimatbewusstseins, angeblich in Folge von Zuwanderung.

Die Auseinandersetzung mit diesen Klischees führt die Studie ebenso wenig, wie sie Rassismus als zentralen Identifikationspunkt der AfD herausarbeitet. Auch die ausgrenzende Wirkung von rückwärtsgewandten Werten der AfD, die Offenlegung der Verfassungswidrigkeit zahlreicher Forderungen gegen das grundsätzliche Recht auf Asyl, gegen die Religionsfreiheit, gegen gleiche Rechte von Männern und Frauen findet kaum Eingang in die Studie. Die geistesgeschichtliche, organisatorische und personelle Genesis der AfD-Kernforderungen, die unterschiedlich offen in Landes- und Bundesprogramm Eingang finden und voraussichtlich an Einfluss gewinnen werden, wird nicht aufgezeigt. Dazu war der methodische Ansatz der Studie wohl zu eng gefasst worden. Zustimmen kann man der Einschätzung, man dürfe nicht darauf vertrauen, dass sich die AfD-Fraktionen im parlamentarischen Betrieb allein demaskieren, aufreiben und pulverisieren würde. Erfahrungen zeigten, auch im Parlament könne man erfolgreich gegen »Altparteien« wettern, im Namen des Volkes wüten und Diskurse vergiften. Die inhaltliche Auseinandersetzung mit der AfD müssen Parteien, Zivilgesellschaft und Presse wohl erst noch gemeinsam leisten.

Die Tür nach rechts öffnen?

geschrieben von Hans Coppi, Berlin

6. Mai 2016

Zum Beitrag von Wolfgang Gehrcke in der antifa März-April

 

Wolfgang Gercke hat sich in der Replik auf Thomas Willms viel diskutierte »Zauberlehrlinge« auch auf die historische »Querfront« bezogen. Er befand sie nicht als angemessen gewürdigt. Eine Frühform der Volksfrontpolitik der 1930er Jahre kann ich in dem von Wolfgang beigefügten Auszug aus der Rede Karl Radeks von 1923 nicht entdecken.

Der Sinn dieser Rede erschließt sich für mich eher aus der schwierigen Situation, in der sich Sowjetrussland nach der Intervention und dem Bürgerkrieg und die KPD in Deutschland befanden. Auch deshalb riet Radek der KPD sich der nationalen Frage zu stellen, ihre Massenbasis zu erweitern und auf die nationalistisch eingestellte Mehrheit zuzugehen. Darin äußert sich zugleich das Dilemma, denn die KPD verstand sich als Sektion der Kommunistischen Internationale. Der Hauptfeind stand für die Kommunisten im eigenen Land. Nationales Sinnen und Fühlen lag ihnen fern. Sie betrachteten sich nicht als deutsche Patrioten, sondern als Internationalisten. Eine Zusammenarbeit mit völkischen Nationalisten und Antikommunisten stand für sie außer Frage.

Radek, der kurze Zeit ein gefragter Diskussionspartner für konservative und völkische Exponenten wurde, wie auch KPD-Funktionäre mussten erleben. wie unversöhnlich der Antikommunismus in den Reihen der deutschen Rechtsextremisten war. Der nationalbolschewistische Ausflug dauerte nur wenige Monate. Der Querfrontversuch wurde Anfang 1924 von der Komintern beendet.

Der Versuch der KPD, Wähler und Anhänger der NSDAP mit der nationalen Frage zu gewinnen, schlug auch in den Jahren 1930 bis 1933 fehl. Clara Zetkin bedauerte 1932, dass durch die Losung der nationalen und sozialen Frage die Grenzlinie zwischen den Kommunisten und den Nazis verwischt wurde. Auch deshalb kam ein breites antifaschistisches Bündnis, das den Siegeszug der braunen Bewegung und ihrer Unterstützer stoppen konnte, nicht zustande.

Die Volksfront sollte erst Mitte der 1930er Jahre Vertreter unterschiedlicher politischer Parteien und gesellschaftlicher Kräfte gegen die zunehmende faschistische Bedrohung für kurze Zeit vereinen.

Den Rundumschlag zur aktuellen »Querfront« im ersten Teil der Replik habe ich nicht verstanden. Die von Wolfgang beklagte Denkweise, die bisher angeblich in der VVN nicht vorhanden gewesen sei, erschließt sich mir gar nicht.

Leider äußert sich er sich nicht zu den von Thomas mehrfach angesprochenen Problemen mit den »Mahnwachen«, die eine Facette der großen rechten Mobilisierung in Deutschland geworden sind, neben dem Rechtspopulismus der AfD, dem Rassismus von »PEGIDA« und »HOGESA«, den neonazistischen »Reichsbürgern« und NPD-Leuten. Im Hinblick auf die demagogischen Wortführer der »Mahnwachen« kann jedoch nur gelten: Die Tür nach rechts muss zubleiben! Das bleibt die eindeutige Botschaft des Artikels von Thomas, und sie steht nach vieltstimmigen Diskussionen in Übereinstimmung mit den Beschlüssen unseres Verbandes.

Von Duisburg nach Spanien

geschrieben von Horst Günter Krusch

5. Mai 2016

Heinz Kiwitz – ein junger Künstler im Widerstand

 

Einer der bekanntesten, wenn nicht gar der bekannteste Duisburger Künstler, der gegen Nazi-Deutschland opponierte, war Heinz Kiwitz.

Geboren wurde er am 4. September 1910 in Ruhrort, das erst 1905 nach Duisburg eingemeindet wurde. Durch seinen Vater, der Buchdrucker war, hatte er bereits früh Zugang zur Grafik. So machte er dann auch konsequent eine grafische Ausbildung an der Folkwangschule in Essen bei Professor Karl Rössing.

Bei ihm lernte er die einfache klare Sprache des Holzschnitts. So begeisterte er sich zunächst für den Niederrhein und die Literatur. Nach seinen Bekundungen war es der Flame Felix Timmermans, der ihn mit dem Buch »Pallieter« inspirierte.

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1931 ging er mit seinem Freund Günther Strupp zunächst nach Köln und dann weiter nach Berlin. Zuvor war er mit Strupp der ASSO, einem sozialistischen Künstlerbund in Duisburg, beigetreten. Auch für die KPD arbeitete er, indem er Zeichnungen in der Betriebszeitung veröffentlichte und die Losung »Wer Hitler wählt, wählt den Krieg« an öffentlichen Gebäuden malte.

In Berlin also begann seine politische und gesellschaftskritische Kunstarbeit. Auch versuchte er, seine literarischen Talente in den Dienst der politischen Arbeit zu stellen.

Bereits im Februar 1933, kurz nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler, verwüstete die SA sein Atelier in Berlin und zerstörte seine Arbeiten.

Verstört kehrte er zurück zu seinen Eltern nach Duisburg-Neudorf. Dort, in der Einschornsteinsiedlung, vernichtete er seine politisch-satirischen Blätter aus Furcht vor weiteren Repressalien selbst. Es nützte aber nicht viel. Am 23. September wurde er nach einer Hausdurchsuchung verhaftet und in das KZ Kemna in Wuppertal verschleppt. Auch sein Freund Strupp wurde dort inhaftiert. Als das Lager aufgelöst wurde, kam Kiwitz in das KZ Börgermoor. Dort entstand im August 1933 das »Lied der Moorsoldaten«.

Im März 1934 wurde Kiwitz nach Hause entlassen. Er arbeitete zunächst an unpolitischen Themen, orientierte sich aber auch nicht an der »neuen Linie« der Nazis. Ab 1935 arbeitete er mit dem Verleger Ernst Rowohlt in Berlin zusammen. Er entwarf Buchumschläge und illustrierte den Roman von Hans Fallada, das »Märchen vom Stadtschreiber, der übers Land flog«. Auch weitere Illustrationen entstanden zu Woyzeck, Leonce und Lena, Don Juan und Faust und andere.

Da er in Deutschland keine Perspektive für sich und seine politische Arbeit sah, emigrierte er mit Hilfe des Rowohlt-Verlages am 1. Januar 1937 nach Dänemark. Das gelang unter dem Vorwand, dort Studien für eine Romanillustration durchzuführen. Er ist dort wohl auch mit Bert Brecht zusammengetroffen, um über die Situation in Deutschland zu berichten. In Kopenhagen schrieb er sich in die Graphikklasse der Kunstakademie ein. Ihm muss wohl klar gewesen sein, dass es für ihn kein Zurück mehr in dieses Deutschland gab, denn er bemühte sich um Aufenthaltsverlängerung mit Unterstützung der Akademie, leider vergeblich. Ein Antrag auf Einreise nach Russland blieb unbeantwortet.

Im August reiste er also weiter nach Paris. Weil hier viele Deutsche aus politischen Gründen zusammenkamen, formierte sich hier auch der Widerstand gegen den Faschismus. Kiwitz knüpft an seine politischen Arbeiten an, arbeitet in dem 1938 gegründeten »Freien Künstlerbund« mit und beteiligt sich an der Ausstellung »Fünf Jahre Hitler-Diktatur«.

Obwohl auch seine literarischen Arbeiten weder thematisch noch stilistisch in die »Neue Linie« der NS-Vorstellung passte, versuchten die Nazis, ihn für ihre Zwecke zu vereinnahmen. Darauf hin schrieb er aus dem Exil in der Pariser Tageszeitung vom 27.8.1937 seine »Absage eines deutschen Künstlers an Hitler«.

Bereits seit Beginn des Spanischen Bürgerkriegs war bei ihm und Günther Strupp der Gedanke gereift, sich den Internationalen Brigaden anzuschließen. Nachdem Strupp von dem Plan abrückte, entschloss sich Kiwitz im März 1938, alleine zu gehen. Es ist wenig bekannt über seine dortigen Aktivitäten. Möglicherweise war er Berichterstatter oder Zeichner an der »Kulturfront«. Seine Spur verliert sich im Sommer 1938 in der Schlacht am Ebro.

Verdient hätte Heinz Kiwitz ein Denkmal in Duisburg, aber immerhin gibt es eine kleine nach ihm benannte Strasse in Huckingen. Seine zwölf Jahre jüngere Schwester, Trude Siepmann, kümmerte sich viele Jahren um seinen Nachlass. Das Lehmbruck-Museum erwarb von seinen erhaltenen Holzschnitten einen kompletten Satz. Der Duisburger Paul Bender erstellte 1963 ein mehr als 200 Werke umfassendes Verzeichnis und Manfred Tietz sammelte und veröffentlichte 2014 Texte von und über Heinz Kiwitz.

Der Pfad des Rückschritts

geschrieben von Zan Debevec

4. Mai 2016

Eine kurze Darstellung der internationalen »eurasischen Bewegung«

In Zeiten, da der alte Kontinent einen signifikanten Aufstieg von rechtsgerichteten Parteien mit ihrer Anti-Flüchtlings-Rhetorik erfährt, die derjenigen faschistischer Parteien recht nahe kommt, gibt es eine selbsternannte antikapitalistische Stimme aus Moskau namens Alexander Dugin, die Parteien wie den Front National, Jobbik oder die AfD unterstützt. Dugin wurde von Foreign Affairs, dem führenden US-amerikanischen Magazin für außenpolitische Analysen, als »Putins Gehirn« tituliert und vom VICE-Magazin als »Zizeks böser Bruder«.

 Dugin und der Eurasismus

Dugin ist 54 Jahre alt, politisch engagiert und ein soziologischer und geopolitischer Denker. Eingebunden in nationalistische (Pamjat), faschistische (Nationalbolschewistische Partei), kommunistische (Kommunistische Partei) und esoterische Zirkel, welche er einen nach dem anderen wieder verließ, begann er Mitte der 90er Jahre seine Tätigkeit in der Duma. Er neigt nach eigener Aussage weder Faschismus noch Nazismus noch Traditionalismus zu und sieht sich selbst als jenseits von rechts und links stehend. Sein 2009 veröffentlichtes Werk »Die vierte politische Theorie« ist der Versuch, Raum für eine neue konservativ-revolutionäre Politik und Praxis zu schaffen.

Nach einer erfolglosen Kandidatur für die Duma 2002 wandelte er die Eurasische Partei in eine NGO namens Internationale Eurasische Bewegung (MED) um. Während die Partei hauptsächlich aus zivilgesellschaftlichen Akteuren bestand, verfügt die NGO über eindeutige Verbindungen zu Parlament und Regierung.

Dugin versteht die eurasische Bewegung als antikapitalistisch und gegen die Globalisierung gerichtet, aber ich kann in keiner Weise behaupten, dass er ein fortschrittlicher Denker sei. Er würde auch behaupten, seine Gedanken seien antirassistisch, aber statt von Multikulturalismus spricht er von Multipolarität, einer Idee, die mit dem rechtsextremen Autor Carl Schnitt verbunden ist. Dessen 1954 erschienenes Buch »Land und Meer« erklärt die Weltgeschichte als eine ewige Schlacht zwischen den Mächten des Meeres und des Festlands.

Dugins Pfad, so sehr er sich auch bemüht, nicht als Traditionalist gesehen zu werden, ist der Pfad des Rückschritts. Der gegenwärtige Zustand der Dinge funktioniere nicht, und es ist sein Plan, zu einem »organischen Zustand der Nationen« zurückzufinden, z.B. zu Nazi-Deutschland, zum faschistischen Italien, zum indischen Kastensystem oder zu Russland unter Stalin. Jegliche Gedanken, die von den lokalen Traditionen abweichen (wie z.B. Frauenrechte oder Homosexuellenrechte), werden als Perversion oder als »atlantizistische Ideologie« gesehen. Seine ultimative Vision sieht die Welt unterteilt in übernationale »Zivilisationen« (er zählt zwölf relevante), welche jede ihre traditionellen Werte verteidigt. Aber es gibt eine Ausnahme.

 Der ewige Feind

Diese Ausnahme wird als »atlantizistische Zivilisation« bezeichnet, der liberale Westen oder die USA, die nach weltweiter Hegemonie streben und ihre liberalen Werte und kapitalistische Ordnung dem Rest der Welt aufzwingen wollen. In seinem Werk kommt Dugin immer wieder darauf zurück und gibt dem Liberalismus die Schuld für jedes Problem einer jeden Gruppe. »Der Amerikaner« verkörpert buchstäblich den Feind in gleicher Weise, wie »der Jude« als Bedrohung in Nazi-Deutschland dargestellt wurde oder »der Flüchtling« im heutigen Europa. Den Amerikanern wird eine Verschwörung zur Erlangung der Weltherrschaft unterstellt; sie seien verantwortlich für die Zerstörung unseres (kulturellen) Erbes und den allgemeinen kulturellen Verfall.

Dugins ideale Welt bestünde aus zwölf verschiedenen Zivilisationen, von denen sich elf zu einer Allianz zusammenschließen – in einem apokalyptischen und nie endenden Kampf gegen den liberalen Westen. Diese Zivilisationen sollten einen streng hierarchischen Großraum bilden, welcher über alle strategische Ressourcen, über Moral und Ethik verfügt, während die individuelle Freiheit in nicht-strategischen Bereichen gewahrt bleibt.

In seinem Buch »Putin vs. Putin« von 2014 verherrlicht Dugin die »autoritären Tendenzen« des russischen Präsidenten, die »Einschränkung der Redefreiheit« und andere Maßnahmen, mit denen Putin Gegner bekämpft. Im eurasischen Manifest liest sich das so: »Wir werden für den Präsidenten sein, inbrünstig, radikal, bis zum Ende, kleinen Ungenauigkeiten keine Beachtung schenken und alle Härten und Schwierigkeiten akzeptieren.«

Die Anziehungskraft von Dugins »Faschismus ohne Rassismus« und die Tatsache, dass er zu Kampf gegen den Kapitalismus bereit ist, stellt eine Gefahr für linke Aktivisten dar. Es gibt einen großen Unterschied zwischen einer Distanzierung von den USA aufgrund ihrer neokolonialen Aktivitäten etc. und einer vollständigen Abwendung von, bzw. einer Kriegserklärung an das »böse Amerika«. Mein Rat ist, Dugins Werk sorgfältig zu lesen, bevor man es sich zu eigen macht. Es ist nicht nur problematisch, sondern auch unglaublich widersprüchlich und vage.

22. Juni 1940 bis 22. Juni 1941

geschrieben von Manfred Weißbecker

4. Mai 2016

Die Nazis lassen ihren lang gehegten Absichten den »Plan Barbarossa« folgen

Deutschland hatte, wie im Sommer 1941 die Reichsgruppe Industrie frohlockend schrieb, dank der militärischen Erfolge die wirtschaftliche Führung in Europa erlangt. Im Inneren befand sich das faschistische Regime auf dem Höhepunkt seiner Macht. Als »größter Feldherr aller Zeiten« sonnte sich Hitler in trügerischem Glanz bisher errungener Siege.

Wie also weiter mit der »Neuordnung Europas« – zu dieser Frage entbrannten interne Diskussionen und Auseinandersetzungen. Sollte erst Großbritannien bezwungen, Gibraltar erobert und Griechenland besetzt werden, bevor man zum großen Schlag gegen die UdSSR ausholt? Soll ein Zwei-frontenkrieg vermieden werden? Muss die Großmacht USA ins Kalkül gezogen werden? Könnte ein »Ostkrieg« – Fixpunkt aller Vorstellungen über den Weg zur Vorherrschaft in der Welt – auch erfolgreich sein, obgleich im Westen noch nicht alle Ziele erreicht sind? Schritt für Schritt setzte sich in der deutschen Führung der Gedanke durch, Russland sei relativ leicht und rasch zu besiegen. Unmittelbar nach dem Sieg über Frankreich tönte Hitler: »Jetzt haben wir gezeigt, wozu wir fähig sind […] ein Feldzug gegen Russland wäre dagegen nur ein Sandkastenspiel.« Ohne dazu beauftragt zu sein, begann General-stabschef Franz Halder bereits während des Krieges gegen Frankreich mit der Sammlung von Material über die militärische Stärke der Sowjetunion. Und er suchte zuverlässige Offiziere dafür aus, erste Pläne für den Ablauf eines Überfalls zu entwerfen.

Je mehr sich im Herbst des Jahres 1940 herausstellte, dass der Luftkrieg gegen England erfolglos blieb, dass auch die mit dem Codename »Seelöwe« geplante Invasion auf der britischen Insel nicht gewagt werden konnte, desto eindeutiger und einmütiger verfolgten Hitler sowie die militärische Führung das Ziel, im Mai oder Juni 1941 den Krieg im Osten zu beginnen. Nach intensiver Vorbereitung unterschrieb Hitler am 18. Dezember 1940 die »Weisung Nr. 21 Fall Barbarossa«. In ihr hieß es, es gelte »auch vor Beendigung des Krieges gegen England Sowjetrussland in einem schnellen Feldzug niederzuwerfen.« Der Wehrmacht wurde befohlen, bis zum Einbruch des Winters eine Linie zu erreichen, die 400 Kilometer östlich von Moskau von Archangelsk am Weißen Meer bis zur Mündung der Wolga am Kaspischen Meer verlief. Dieses Gebiet umfasste den europäischen Teil der Sowjetunion bis zum Ural und zum Kaukasus. Es sollte Bestandteil eines deutschen Ostimperiums werden, das »bevölkerungspolitisch« neu zu ordnen sei.

Maßlose Überbewertung der eigenen Kräfte und Fähigkeiten ging einher mit einer nahezu irrationalen Unterschätzung der sowjetischen Streitkräfte. In der Vorstellung der Wehrmachtführung galten diese nicht als ernstzunehmende militärische Gegner. Die Rote Armee sei von Stalin zwischen 1936 und 1938 »enthauptet« worden und würde einen »Koloss auf tönernen Füßen« darstellen. Rassistischen Wertungen zufolge handele es sich bei den Russen ohnehin nur um »slawische Untermenschen«, unfähig den kulturell-zivilisatorisch und technisch-organisatorischen Fähigkeiten der arischen Deutschen zu widerstehen.

Von Anfang an war ein gigantischer Raub- und Vernichtungskrieg geplant. Die Wehrmacht sollte sich bereits beim Vormarsch aus dem Land versorgen, um unabhängig vom eigenen Nachschub über die immer ausgedehnteren Transportwege sein zu können. Es hieß, »so viel wie möglich Lebensmittel und Mineralöl für Deutschland zu gewinnen« sei das Hauptziel des Krieges im Osten. Viele Millionen Menschen, auch Kriegsgefangene sollten verhungern. Zugleich sollten, zusammen mit der Wehrmacht, spezielle SS-Kommandos, die Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes, mörderisch tätig werden. Dazu hatten am 26. März 1941 das Reichsicherheitshauptamt und die Wehrmachtführung vereinbart, Aufgabe der Einsatzgruppen sei die »Erforschung und Bekämpfung der staats- und reichsfeindlichen Bestrebungen« sowie ein sogenannte Sicherstellung von »Emigranten, Saboteuren, Terroristen usw.«.

Im Morgengrauen des 22. Juni 1941 begann der deutsche Überfall auf die UdSSR, jenes abenteuerliche, erbarmungslos geführte und in vieler Hinsicht illusionäre antikommunistisch-antirussische Unternehmen, das die NSDAP bereits zwei Jahrzehnte zuvor auf ihre Fahnen geschrieben hatte, unterstützt von großen Teilen der militärischen und wirtschaftlichen Eliten Deutschlands.

»Wurzeln« des Faschismus

geschrieben von Friedbert Mühldorfer

3. Mai 2016

Von der Schwierigkeit den »antifaschistischen Konsens« zu beschreiben

 

Ulrich Schneider beleuchtet in seinem Artikel »Auftrag Antifaschismus. Vom Nachkriegs-Bündnis zum Zukunftsmodell« (antifa März/April 2016) die Entwicklung antifaschistischer Bestrebungen vor und nach 1933 und begründet stichhaltig, dass es nicht Aufgabe einer antifaschistischen Bündnisorganisation wie der VVN sein könne, im Sinne einer Partei oder einer parteipolitischen Organisation zu wirken und dezidiert weltanschauliche Positionen zu vertreten. In der Tat liegt die Eigenart der VVN gerade darin, für die unterschiedlichsten Zugänge zum Antifaschismus offen zu sein. Dieses pluralistische Verständnis ist den historischen Erfahrungen nahezu aller nichtfaschistischen Kräfte vor und nach der Niederlage des Faschismus geschuldet; sie alle hatten verhängnisvolle Fehler begangen und dies mehr oder weniger selbstkritisch eingeschätzt: vom Scheitern der Antifaschistischen Aktion (KPD) über das Vertrauen auf Weimarer Verfassungsnormen (SPD) bis zur Politik des »kleineren Übels NSDAP« (bürgerliche Parteien).

Im »Schwur von Buchenwald« zeigt sich für uns diese Absage an das frühere Gegeneinander und stattdessen der Wille, nun gemeinsam, ohne jede Ausgrenzung, ohne jeden Wahrheitsanspruch, ohne jede Instrumentalisierung für eine weltanschauliche Zielsetzung, den »Nazismus mit seinen Wurzeln zu vernichten«. Das Bemühen, jenen »antifaschistischen Konsens« von 1945 zu beschreiben, ist jedoch nicht einfach, weil er nirgends explizit in einer gemeinsamen programmatischen Erklärung formuliert worden ist.

So sind viele Zielsetzungen letztlich unscharf und wurden und werden unterschiedlich bewertet; aber diese Offenheit war notwendig, galt es doch, die unterschiedlichen Positionen zusammenzuführen und einen gemeinsamen Nenner zu finden und zu erhalten. Folglich gab es auch unterschiedliche Vorstellungen davon, was unter »Wurzeln des Nazismus« zu verstehen ist: Für die einen waren das eher die Beseitigung der Freiheitsrechte oder die NS-Propaganda oder das soziale Elend, für die anderen waren es die Beseitigung des Rechtsstaates, die Abkehr vom Christentum oder die autoritäre Tradition in Deutschland oder die bürgerliche kapitalistische Gesellschaft. Diese unterschiedlichen Sichtweisen sollten jedoch nicht trennen, sondern verschiedene Zugänge zum gemeinsamen Handeln ermöglichen.

Aber inhaltlich lässt sich doch aus Zukunftsprogrammen des Widerstandes, aus dem Potsdamer Abkommen, Verlautbarungen von Ausschüssen und von ersten VVN-Gruppen, aus ersten Parteiprogrammen und Beratungen zur Hessischen oder zur Bayerischen Verfassung Grundzüge jener »Welt des Friedens und der Freiheit« erkennen: eine Gesellschaft, in der volle demokratische Freiheiten und soziale Gerechtigkeit für alle Menschen gewährleistet, wirtschaftliche Machtkonzentration verhindert, konsequente Friedenspolitik gesichert, alle Bereiche demokratisch organisiert und jegliche faschistische Propaganda und Aktivität ausgeschaltet sein sollten.

Dieser »Kompromisscharakter« betraf auch gerade die Frage der wirtschaftlichen Orientierung. Breite Übereinstimmung gab es, analysiert man die einschlägigen Dokumente, dass Kapitalkonzentration und monopolartige Unternehmen zu beseitigen und Schlüsselindustrien zu sozialisieren seien, weil der politische Machtmissbrauch im Faschismus offen zutage getreten war bzw. das Gemeinwohl das erfordere.

Diese weitverbreitete »antimonopolistische« Orientierung lässt sich aber nicht mit einer durchgängig antikapitalistischen Orientierung gleichsetzen. Der Hinweis auf das Ahlener Programm von 1947 (in der Einleitung: »Das kapitalistische Wirtschaftssystem ist den staatlichen und sozialen Lebensinteressen des deutschen Volkes nicht gerecht geworden«) nützt hier nichts, denn dieses Programm zeigt im Hauptteil – genauso übrigens wie die ersten Aufrufe der KPD und der SPD vom Juni 1945! – eben gerade die Abwehr monopolartiger Gebilde zur Sicherung einer freien, am Gemeinwohl orientierten Privatwirtschaft, und wendet sich dezidiert gegen Planwirtschaft. Wenn »Kapitalismus« kritisiert wurde, dann war hier der »freie, ungezügelte Kapitalismus« von Großkonzernen gemeint. Deren Beseitigung entsprach in der Tat der Meinung breiterer Kreise. Dafür, aber nicht für generelle »antikapitalistische« Überzeugungen stehen auch die entsprechenden wirtschaftspolitischen Bestimmungen der Hessischen Verfassung.

Deshalb: »Antikapitalistische Überzeugungen« gehörten damals sehr wohl zum Spektrum der verschiedenen Kräfte (vor allem aus der Arbeiterbewegung), können aber nicht einfach als Bestandteil des »antifaschistischen Konsens« der unmittelbaren Nachkriegszeit bestimmt oder gar als zentrale »Wurzeln« des damaligen Schwurs von Buchenwald gedeutet werden. Diese Breite wurde damals nicht als Ausgrenzung, sondern als Chance gesehen.

So könnten wir es auch heute halten: Unterschiedliche Zugänge und kontroverse, aber solidarische Diskussionen fördern – aber niemanden ausgrenzen durch enge, weltanschaulich und parteipolitisch geprägte Festlegungen. Diese Balance immer wieder zu finden, ist schwer genug, aber lohnend!

Als die VVN jünger wurde

geschrieben von Ulrich Schneider

3. Mai 2016

Vor 45 Jahren öffnete sie sich für Nachgeborene

 

Eine Zäsur in der Organisationsgeschichte der VVN war ohne Zweifel der Oberhausener Kongress Mitte Mai 1971. Im Zentrum der Debatte stand neben der Frage, wie der politische Kampf gegen Reaktion und Neofaschismus intensiviert werden kann, die endgültige Beschlussfassung über die Öffnung der Organisation für nachgeborene Generationen, die nicht als Familienangehörige mit den Überlebenden verbunden waren. Schon in den 50er und 60er Jahren waren Jugendliche über »Hilfskonstruktionen« Mitglieder der VVN geworden, z.B. FDJler, die als Friedenskämpfer Widerstand gegen Remilitarisierung geleistet hatten und verfolgt wurden. Auch Teilnehmer der Feriencamps der FIR oder Mitglieder der »Geschwister-Scholl-Jugend« standen in direktem Kontakt zur VVN. Doch von einer gleichberechtigten Mitarbeit innerhalb der Organisation war man in dieser Zeit weit entfernt. Die VVN war auch im Selbstverständnis ihrer Mitglieder eine Gemeinschaft vor allem der Frauen und Männer aus dem Widerstand gegen Faschismus und Krieg und der Opfer der NS-Herrschaft.

Doch die politischen Entwicklungen in den 60er Jahren in der BRD erforderten eine Veränderung dieser Sichtweise. Die VVN wurde nicht zuletzt durch das Wiedererstarken des Alt- und Neofaschismus und die politischen Auseinandersetzungen um Notstandsgesetze und Kriegsgefahr zunehmend mit politischen Aufgaben der Gegenwart konfrontiert. Natürlich spielten Entschädigung und Wiedergutmachung immer noch eine Rolle, die Renazifizierung der politischen und wirtschaftlichen Elite blieb ein innenpolitischer Konfliktpunkt, auch der gesellschaftliche Umgang mit der Erinnerung an Widerstand und Verfolgung war eine Daueraufgabe für die VVN, aber die Bewegungen »Kampf dem Atomtod«, die beginnenden Ostermärsche und die außerparlamentarische Opposition (APO) mobilisierten zahllose Menschen in diesem Land für antifaschistische Themen, auch wenn sie nicht selbst Verfolgte waren.

Zudem wurde deutlich, dass sich die Studentenbewegung zunehmend kritisch mit dem gesellschaftlichen Verschweigen der faschistischen Vergangenheit auch ihrer akademischen Lehrer beschäftigte (»Unter den Talaren der Muff von 1000 Jahren!«). Junge Menschen gingen auf die Straße gegen die Auftritte der NPD und für die Erweiterung demokratischer Rechte. Das waren Antifaschisten, die nicht aus eigenem Erleben oder familiärer Tradition, sondern aus politischer Überzeugung handelten.

In einem Bericht über den Oberhausener Kongress heißt es dazu: »Für die VVN wurde deshalb immer dringlicher, auch im Erscheinungsbild und im Namen der Öffentlichkeit deutlich zu machen, daß in ihren Reihen Platz für alle ist, die bereit sind, aktiven Anteil an der Verteidigung des Humanismus und der Demokratie gegen Neonazismus und Rechtskartell zu nehmen. Damit soll nicht gesagt werden, daß die VVN-Bund der Antifaschisten sich anmaßt, die Sammlung aller Gegner des Neonazismus zu sein … Aber für alle diejenigen, die denken, in den Reihen der VVN am besten und wirksamsten die alten und neuen Feinde und Gefahren bekämpfen zu können, ist nach der Namensänderung jede Möglichkeit eine aktiven Betätigung gegeben.« (»Stimme des Widerstandes«, Sondernummer Juni 1971).

Diese Änderung des Statuts war der Schlusspunkt einer mehrjährigen Debatte innerhalb der Organisation, bei der viele Ängste und Vorbehalte gegenüber der »rebellischen Jugend« überwunden werden mussten. Doch mit dem Beschluss selbst war es nicht getan. Zum einen mussten innerhalb der VVN noch viele ältere Mitglieder von der Richtigkeit dieser Erweiterung überzeugt werden und auch in der FIR blieb diese Öffnung für Nichtverfolgte nicht ohne Widerspruch. Zum anderen war es notwendig, nun auch innerhalb des Verbandlebens eine Kultur des Miteinanders zu entwickeln, die eine tatsächlich gleichberechtigte Mitwirkung von Angehörigen der nachgeborenen Generationen ermöglichte. In manchen Kreisvereinigungen dauerte es noch einige Jahre, bis jungen Antifaschisten in den Leitungsgremien und anderen Aufgabenbereichen Verantwortung übertragen wurde.

Sicherlich hat dazu auch beigetragen, dass sich besonders jüngere Antifaschisten in der Aufarbeitung der regionalen antifaschistischen Geschichte engagierten und damit sichtbar machten, welchen wichtigen Beitrag sie für die Bewahrung des politischen Vermächtnisses der Frauen und Männer aus dem Widerstand zu leisten bereit waren.

Weltanschauung Faschismus

geschrieben von Janka Kluge

2. Mai 2016

Die Tagebücher eines Vordenkers des Holocaust

 

Nazis schrieben eigentlich keine Tagebücher. Es gibt allerdings zwei Ausnahmen. Goebbels notierte genauso wie Alfred Rosenberg regelmäßig seine Gedanken. Obwohl Rosenberg der wichtigste und gefährlichste Theoretiker der NSDAP war, kennt ihn heute kaum noch jemand. Er wurde im Januar 1893 in Reval geboren. 1917 erlebte er die Revolution in Moskau. Aus dieser Zeit stammt auch sein Antisemitismus. Für ihn war die Revolution die Folge einer jüdischen Weltverschwörung. Als er dann nach München zog, kam er in Kontakt mit antisemitischen Kreisen in Deutschland. Durch sein Wirken und seine Veröffentlichungen beeinflusste er Hitler und die NSDAP stark. Rosenberg nahm am Putschversuch der Nazis beim sogenannten Marsch auf die Feldherrnhalle teil. Da ihm kein Prozess gemacht wurde, beauftragte ihn Hitler, die nun verbotene NSDAP in der Illegalität weiterzuführen. Seit dieser Zeit gehört er zum engen Kreis um Hitler. Während der Weimarer Republik veröffentlichte er zahlreiche Artikel und Schriften. Höhepunkt dieser schriftstellerischen Arbeiten war sein 1930 veröffentlichte Buch »Mythos des 20. Jahrhunderts«. In dem Buch entwickelt Rosenberg die Idee einer germanischen Religion, die das Christentum ablösen soll.

Alfred Rosenberg »Die Tagebücher von 1934 bis 1944« Fischer Verlag, 23,99 EUR

Alfred Rosenberg »Die Tagebücher von 1934 bis 1944« Fischer Verlag, 23,99 EUR

1933 ernannte Hitler ihn zum Leiter des Außenpolitischen Amts der NSDAP, außerdem wurde er 1934 zum »Beauftragten des Führers für die Überwachung der gesamten geistigen und weltanschaulichen Schulung und Erziehung der NSDAP«. Damit war er formal der oberste Mann für die gesamte weltanschauliche Schulung der Partei und ihrer Gliederungen. Ungefähr zu diesem Zeitpunkt setzen die jetzt veröffentlichten Aufzeichnungen ein. Sein erster Eintrag ist datiert auf den 14.5.1934. Nachdem er schreibt, dass er seit 15 Jahren kein Tagebuch mehr geschrieben hat und »dadurch vieles heute geschichtlich Gewordenes in Vergessenheit geraten« sei, nimmt er sich zwei Punkte vor zu denen er Notizen machen möchte. Da ist zum einen die damals diskutierte Einbindung Englands in ein Bündnis gegen die Sowjetunion und »die Durchsetzung unserer Weltanschauung gegen alle Gegner.« (S.112)

Die Einträge lesen sich zum großen Teil langweilig. Immer wieder aus Neue notiert er, mit welchen ausländischen Gästen er sich getroffen hat und wie sie ihn für seine Veröffentlichungen gelobt haben. Das »Amt Rosenberg« war zuständig für den Diebstahl zehntausender Kunstschätze aus den Museen der besetzten Länder. Außerdem plünderten seine Mitarbeiter zahlreiche Bibliotheken und schafften große Buchbestände nach Deutschland. Hitler hat in einem Erlass vom März 1942 ausdrücklich Rosenberg mit diesen Aktionen beauftragt,

Alfred Rosenberg war auch ein Vordenker des Holocaust. Für ihn war die Vernichtung aller Juden so selbstverständlich, dass er sie in seinen Aufzeichnungen nicht einmal erwähnte. Neben dem Tagebuch sind einige Dokumente abgedruckt. Dabei handelt es sich um Reden und Texte von Rosenberg. Im Dokument 7 sind Anweisungen aus dem »Amt Rosenberg« für den Umgang der Presse mit den Juden Osteuropas vom Frühjahr 1942 » (…) Daß die Juden selbstverständlich von uns als Hauptschuldige hingestellt werden, wird sicherlich von der ganzen Bevölkerung begrüßt werden. Die Judenfrage kann zu einem erheblichen Teil dadurch gelöst werden, daß man der Bevölkerung einige Zeit nach Inbesitznahme frei Hand lässt.« (S.555) Deutlicher wird er bei einer Rede zur Eröffnung eines »Instituts zur Erforschung der Judenfrage« in Frankfurt, die er ungefähr zur gleichen Zeit gehalten hat. » (…) Für Deutschland ist die Judenfrage erst dann gelöst, wenn der letzte Jude den europäischen Kontinent verlassen hat. Es ist dabei ganz gleich, ob ein solches Programm in 5, 10 oder 20 Jahren verwirklicht werden kann.« (S. 553)

Besonders hervorheben möchte ich das Vorwort der beiden Historiker Jürgen Matthäus und Frank Bajohr. Zum einen untersuchen sie die Frage, warum die Tagebücher erst jetzt komplett zugänglich sind, obwohl die in den ersten Jahren geschriebenen Einträge Teil der Anklage im Nürnberger Kriegsverbrecherprozess waren. Der ehemalige Chefankläger, Robert M. W. Kempner, bekam nach dem Prozess die Erlaubnis, Dokumente aus dem Verfahren privat zu entnehmen. Berichte und Artikel, die er später veröffentlichte, lassen vermuten, dass er Teile der Aufzeichnungen mit in die USA genommen hat. Nach Kempners Tod 1993 beschlossen die Erben, alle Unterlagen und Dokumente an das Holocaust Museum zu übergeben. Noch bevor dies geschah, sind allerdings viele Dokumente verschwunden. Die Suche nach ihrem Verbleib gestaltete sich schwierig. 2003 ordnete ein Gericht an, dass die Unterlagen, die sich noch im Besitz eines Altwarenhändlers befanden, dem Document Center übergeben werden müssen. Es dauerte zehn weitere Jahre, bis das Center weitere 425 handbeschriebene Tagebuchblätter bekam.

Alfred Rosenberg wurde in Nürnberg zum Tod verurteilt und 1946 hingerichtet.

Aufstand in Auschwitz

geschrieben von Gerald Netzl

2. Mai 2016

Am 7. Oktober 1944 erhoben sich die Häftlinge des Sonderkommandos

 

Dieses Buch über das Sonderkommando Auschwitz-Birkenau rekonstruiert auf Grundlage zahlreicher, zum Teil noch unveröffentlichter Zeugenaussagen und schriftlicher Quellen die dramatischen Ereignisse des Aufstands der jüdischen Häftlinge gegen ihre SS-Bewacher am 7. Oktober 1944. Der Historiker Gideon Greif und der Journalist Itamar Levin haben in den vergangenen Jahrzehnten mit Überlebenden gesprochen und Niederschriften der Häftlinge ausgewertet. Ihr Buch verfolgt die Ereignisse und die diversen Aufstandsplanungen, die der Revolte vorausgegangen sind, zeichnet den Aufstand nach und legt die Folgen für die Überlebenden dar.

Gideon Greif, Itamar Levin Aufstand in Auschwitz Die Revolte des jüdischen »Sonderkommandos« am 7. Oktober 1944, 300 Seiten, 24,99 EUR

Gideon Greif, Itamar Levin
Aufstand in Auschwitz
Die Revolte des jüdischen »Sonderkommandos« am 7. Oktober 1944, 300 Seiten, 24,99 EUR

Wurden die Aufstände in Treblinka am 2. August 1943 und in Sobibor am 14. Oktober 1943 in eingehenden Beschreibungen gewürdigt, war das für Auschwitz-Birkenau bisher nicht der Fall. Der Reihe nach: Am 15. Februar 1942 fand die erste Vergasung jüdischer Familien, noch im Stammlager, statt. Im Frühjahr 1943 wurden Morde und Leichenverbrennung nach Auschwitz-Birkenau verlegt – die Krematoriumsöfen des Stammlagers reichten nicht mehr aus, die große Zahl an Getöteten zu beseitigen. Es waren jüdische Häftlinge, zumeist aus Polen, aus Griechenland und ab 1944 auch aus Ungarn, die gezwungen wurden, die Leichen aus den Gaskammern herauszuholen und in den Krematorien zu verbrennen. Bis Februar 1944 belief sich die Zahl der Sonderkommando-Häftlinge nahezu permanent auf 400, im Zuge der »Ungarn-Aktion« stieg sie Ende April auf 900. Die vielen Todesfälle in ihren Reihen, zurückzuführen auf die schlechten Lebensbedingungen, auf Krankheiten, Gewalttätigkeiten, Selektion und Selbstmord, wurden aus dem nicht versiegenden Nachschub aufgefüllt. Die Größe des Sonderkommandos, seine Zusammensetzung und seine Aufgaben hatten zur Folge, dass es zum ersten Mal jüdische Blockälteste, Stubendienste und Vorarbeiter gab. Schon am 23. September 1944 wurden 300 von ihnen selektiert und von der SS ermordet.

 

Shlomo Dragon erinnert sich an den grauenhaften Anblick (zit. S. 32):

»Wenn man die Türe nach der Vergasung öffnete, lagen die Leichen alle aufeinander, dichtgedrängt in Schichten, andere waren aufrecht stehengeblieben. Oft sah ich auf den Lippen der Toten etwas Weißes. In der Gaskammer herrschte eine fürchterliche Hitze, man spürte den süßlichen Geschmack des Gases. Manchmal hörten wir beim Eintritt in die Gaskammer noch Stöhnen, besonders, wenn wir begannen, die Leichen an den Händen aus der Kammer zu zerren. […] Nachdem die Leichen herausgeholt worden waren, mussten wir das Haus sauber machen, den Boden mit Wasser wischen, Sägespäne wurden ausgeschüttet und die Wände geweißt.«

Wichtig ist festzuhalten, dass keiner der Männer auch nur einen einzigen Menschen umgebracht hat – die eigentlichen Mörder in Auschwitz-Birkenau waren immer und ohne Ausnahme Deutsche. Mehr als eine Million Jüdinnen und Juden wurden von den Nationalsozialisten im Lagerkomplex von Auschwitz ermordet.

Während des im Buch so weit wie möglich rekonstruierten zwölfstündigen Aufstands am 7. Oktober 1944 wurden drei SS-Männer und 452 Aufständische getötet. Doch wie ist es zu erklären, dass es überlebende Mitglieder und somit Zeugen gibt? Nach dem Aufstand und der Einstellung der Morde mit Zyklon B verblieben Anfang November noch 100 Häftlinge zur Leichenverbrennung. Zu ihrer Verwunderung und offensichtlich unbeabsichtigt wurden diese bei der Auflösung des Lagers im Januar 1945 nicht ermordet, denn ihnen gelang es, sich im Durcheinander der Evakuierung in die langen Reihen der Tausenden Häftlinge einzureihen, die auf Todesmarsch geschickt wurden oder mit Zügen weggebracht wurden. Höchstens 100 von 3.000 Männern, die dem Sonderkommando angehört hatten, haben überlebt.

Autor Gideon Greif hat Regisseur László Nemes für seinen mehrfach ausgezeichneten Film »Son of Saul« beraten. Dessen Handlung während des Aufstands (!) ist komplett fiktional (was zumindest den Autor dieses Artikels irritiert), gleichzeitig laut Greif jedoch höchst authentisch.

Folgende Worte des Auschwitz-Überlebenden Mordechai Fraenkel aus einem Brief an seinen Bruder beschließen das Buch (S. 303):

»Die jüdischen Jungen haben gezeigt, dass sie nicht im Feuer verbrennen werden und dass das Gas sie nicht töten wird. Das ist ein sehr schwacher Trost, aber wer auch immer die Geschichte von Auschwitz niederschreibt, wird nicht vergessen, sie zu erwähnen.«

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