Justiz voller Altnazis

geschrieben von Zusammengestellt von P.C. Walther

6. Dezember 2016

In den Anfangsjahren der Bundesrepublik waren über die Hälfte der Führungs- und Leitungspositionen im Bundesjustizministerium mit ehemaligen NSDAP-Mitgliedern besetzt. Das hat eine Untersuchungskommission von Wissenschaftlern festgestellt. Im Unterzeitraum von 1949/50 bis 1973 lag die Zahl der ehemaligen NSADP-Mitglieder deutlich über 50 Prozent; in manchen Abteilungen des Ministeriums zeitweilig sogar über 70 Prozent. Von den insgesamt 170 Abteilungs-, Unterabteilungs- und Referatsleitern im Ministerium waren 53 Prozent ehemalige NSDAP-Mitglieder; jeder fünfte ein ehemaliger SA-Mann, 16 Prozent saßen bereits im Nazi-Reichsjustizministerium. Die hohe personelle Kontinuität zwischen der Nazi-Justiz und dem Justizministerium der jungen Bundesrepublik habe fatale Folgen gehabt, erklärte Bundesjustizminister Heiko Maas bei der Vorstellung des Berichts. Nach Feststellung der Kommission hat das dazu geführt, dass bis heute in den Gesetzen Formulierungen und Ideen zu finden sind, die aus der NS-Zeit stammen. Opfer der Nazis seien weiter diskriminiert worden. Kriegs- und Naziverbrechern sei geholfen worden, indem deren Strafverfolgung systematisch verhindert wurde.

Stimmungsmache

geschrieben von Zusammengestellt von P.C. Walther

6. Dezember 2016

Freigesprochen vom Vorwurf der Vergewaltigung wurden in Norderstedt zwei Flüchtlinge. Vor Gericht stellte sich heraus, dass eines der angeblichen Opfer in der Vergangenheit bereits sechsmal Männer einer Vergewaltigung bezichtigt hatte. Kein Fall bestand vor Gericht. Mehrere Medien, insbesondere die Bild-Zeitung, hatten die Angeschuldigten in Schlagzeilen als »Sex-Gangster« hingestellt und dabei herausgestellt, dass es sich um Flüchtlinge handelt. Ähnliche Falschmeldungen produzierten Medien und Politiker mit der Verbreitung der Behauptung, bei den Flüchtlingen gebe es vermutlich viele gefälschte Pässe. Die Bundesregierung ließ jedoch mitteilen, dass von den in diesem Jahr bis August überprüften 230.000 Dokumenten sich lediglich 1,6 Prozent als gefälscht herausstellten. Dabei sei zu beachten, dass manche Flüchtlinge gezwungen gewesen seien, ihre Identitätspapiere zu fälschen, um ihr Land verlassen zu können.

Wacht auf, bevor es zu spät ist

3. Dezember 2016

Rede von Aiman A. Mazyek am 3. September in Berlin

»Liebe Demokratinnen und Demokraten, wir sind heute gekommen um ein Zeichen gegen Rassismus und für Toleranz zu setzen. Wir kommen aber auch zusammen um der sogenannten »Alternative für Deutschland« zu erklären: Sie ist keine Alternative für Deutschland. Ihre einfachen Antworten sind keine einfachen Lösungen, es sind allenfalls Scheinlösungen.
Denn mit plumpen Parolen, Sündenbockdiskussion und dem Hassschüren gegen Minderheiten mit Antisemitismus und Muslimfeindlichkeit wurde bisher noch kein einziger Arbeitsplatz gerettet – im Gegenteil; mit solchen plumpen Parolen wird das Rentenproblem ganz bestimmt nicht gelöst – im Gegenteil, und schließlich, mit Hassparolen wird dem sozialen Frieden und Deutschland und in der Welt keinen Deut geholfen.
Die AfD sagt: Früher war es besser und schwärmt romantisch von Zeiten, wo die Welt angeblich noch in Ordnung war. Aber welches »früher« meinen sie denn? Dieses, des dunklen Zeitalters Deutschlands etwa? Das wollt ihr und ich jedenfalls nicht.

Aiman A. Mazyek ist Vorsitzender des Zentralrats der Muslime un Deutschland

Aiman A. Mazyek ist Vorsitzender des Zentralrats der Muslime un Deutschland

Sie sagen: Wir haben ein Parteiprogramm demokratisch wählen lassen und viele Menschen teilen diese Ansichten. Aber wenn diese Ansichten eklatant gegen das Grundgesetz verstoßen? Wenn es die Werte wie Religionsfreiheit und Meinungsfreiheit existentiell bedroht und Andersdenkende und Andersgläubige degradiert und Muslime zu Menschen zweiter Klasse macht?
Was ist dann, wenn diese Ansicht nun von einigen geteilt werden und diese den Gang durch die deutschen Institutionen gehen? Das alles erinnert an längst vergangene schreckliche Zeiten. Ich will da nicht zurück. Die AfD will eine andere Republik – das wollen wir aber nicht.
Ich richte aber auch einen Appell an die etablierten Parteien: Bitte verliert vor den Wahlen nicht die Nerven und kopiert nicht manch gefährliche Parole im Gewande von Sündenbockdiskussionen. Das Konzept geht nicht auf – das sehen wir in Österreich, in Frankreich, in England oder Ungarn. Stets wird das Original am Ende gewählt. Insbesondere an die Konservativen Parteien richte ich auch meinen Appell: Setzt euch mit dem Populismus handfest und scharf auseinander und streicht vollständig die Strategie gegenüber der AfD: Kopieren oder Ignorieren.
Liebe Demokratinnen und Demokraten, wir stehen hier, um unser Land wachzurütteln: Wacht auf, bevor es zu spät ist. Wir stehen hier, damit danach keiner sagt: Oh, das haben wir nicht gewusst.
Und wir reichen denen, die verstehen wollen, unsere Hände, unsere Herzen des Friedens und Versöhnung. Dennoch sagen wir auch klar: Keine Toleranz der Intoleranz. Kein Hass und keine Menschenfeindlichkeit auf unseren Straßen und im Netz. Nein zu Antisemitismus. Nein zum antimuslimischen Rassismus! Nein zu gruppenspezifischer Menschenfeindlichkeit. Nein zu Homophobie. Nein zu Antiziganismus!
Liebe Demonstranten, wer eine Kirche oder Christen angreift, so ist es, als ob er uns alle angegriffen hat. Wer einen Anschlag auf eine Synagoge verübt, der hat einen Anschlag auf uns ausgeführt. Wer im Namen einer Religion oder irgendeinem Nationalismus Menschen mit keiner Religion angreift, hat sich außerhalb unserer Gemeinschaft gestellt. Wenn Rechtextreme und Rechtspopulisten die Muslime existentiell angreifen, dann greifen sie alle Religionen an, dann greifen sie Deutschland und unsere Verfassung an.
Und wir alle, die hier heute stehen, wir werden das zu verhindern wissen. Gehen wir in unsere Städte, in unsere Gemeinden und klären unsere Mitbürgerinnen und Freunde auf: Wählt nicht die Ewiggestrigen, die im Gewande von Populismus, Hass und Verachtung auf bestimmte Gruppen, unsere Gesellschaft aus den Fugen nehmen wollen. Rassismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen. Rassismus ist nichts anderes als die Kapitulation vor der Unmenschlichkeit.
Jeder Mensch ist einzigartig, jeder Mensch hat eine Würde, die uns zu schützen auferlegt ist, ja die uns Muslime im Heiligen Buch ebenso auferlegt ist. In der Präambel des Grundgesetzes heißt es: »Die Würde des Menschen ist unantastbar«. Es gibt also keinen Grund sich vor dieser Verpflichtung und Verantwortung davon zu stehlen. Im Gegenteil, wir müssen mit Wort und Tat dafür einstehen – Hier und heute.
Wir stehen hier, um unser Land wachzurütteln. Wacht auf bevor es zu spät ist. Wir stehen hier, damit danach keiner wieder sagt: Oh, das habe ich nicht gewusst. Ich danke euch für die Aufmerksamkeit.«

Gewährenlassen ist Hilfe

geschrieben von P.C. Walther

3. Dezember 2016

Mehr als Mängel bei der Bekämpfung der rechten Gefahren

In den letzten Tagen und Wochen gab es eine Reihe von Ereignissen und Vorgängen, bei denen ein ähnliches Grundmuster sichtbar wurde: In den Sicherheitsorganen, in der Polizei, in den Geheimdiensten und auch in der Justiz, ebenso wie in Behörden und in der verantwortlichen Politik zeigt sich eine beängstigende Bandbreite der Unterschätzung und Bagatellisierung rechtspopulistischer, rechtsextremer, rassistischer und neonazistischer Kräfte und Gefahren, bis hin zum Wegsehen, Gewährenlassen oder gar (zumindest indirekter) Unterstützung.
Da tobten sich in Bautzen – wie bereits vorher und gleichzeitig an anderen sächsischen Orten – Neonazis, Rassisten und Menschenhasser tage- und wochenlang aus, beschimpften und bedrohten Flüchtlinge und deren Helfer.
Am gleichen Ort war es im Februar, nachdem eine geplante Flüchtlingsunterkunft angezündet worden war, gar zu einer Beifalls- und Freudenkundgebung von Neonazis und rassistischem Mob gekommen – ähnlich wie seinerzeit in Hoyerswerda.
Erst als sich jetzt auf dem Bautzener Kornmarkt junge Flüchtlinge, die das Ziel der neonazistischen Angriffe waren, auch körperlich wehrten und zurückschlugen, schritten Polizei und Behörden ein – mit Maßnahmen gegen die Flüchtlinge, nicht gegen die Neonazis. Die jungen Flüchtlinge erhielten Ausgangsverbot; sie durften ihre Unterkunft nicht verlassen. Damit hatten die Neonazis und ihre Sympathisanten freies Feld, auch für neue Aufmärsche, bei denen dann unter anderem auch wieder Journalisten angegriffen wurden.
In Dresden ließen Ordnungsbehörde und Polizei – selbst nach vorangegangenen Sprengstoffanschlägen u.a. gegen eine Moschee – einen Trupp von Pegida-Aktiven, Neonazis und Anhängern vor der Dresdner Frauenkirche bei der Veranstaltung zum Tag der Einheit Gäste und Besucher aus unmittelbarer Nähe anbrüllen, beschimpfen und vollgrölen. Ein aufsichtsführender Polizeibeamter, der über einen Lautsprecher Mitteilungen verlas, wünschte den Grölern gar noch einen »erfolgreichen Tag«.
Die Bilder der grölenden und pöbelnden Randalierer gingen durch nahezu alle Medien. Sie dokumentierten unübersehbar das behördliche und polizeiliche Gewährenlassen. Ein Umstand, der Demonstranten gegen Nazis niemals zugute gekommen wäre. Ein Beobachter stellte fest: »Man hätte das Desaster verhindern können, wenn Polizei und Versammlungsbehörde sich der Pegida-Störer mit der Strenge angenommen hätten, die andere Demonstranten in der Stadt schon erfahren haben« (Bernhard Honnigfort in der »Frankfurter Rundschau« vom 5.10.2016).
In Leipzig demonstrierten Polizei und Verfassungsschutz im Fall des vermutlich potentiellen syrischen Attentäters Dschaler Al-Bakr ihre (gewollte?) Unfähigkeit, diesen potentiellen Attentäter zu fassen. Sie ließen ihn aus dem polizeilich umstellten Haus entkommen und konnten ihn auch anschließend trotz umfassender Razzien, Überwachungen und Durchsuchungen nicht finden. Erst syrische Landsleute des Gesuchten überwältigten den Verdächtigen und übergaben ihn der Polizei, nachdem sie diese benachrichtigt hatten.
Im Gefängnis konnte der vermutliche Terrorist dann ungehindert Selbstmord begehen. Auch hier dominierte offenkundig Wegsehen oder Gleichgültigkeit und Gewährenlassen.
Kurze Zeit später wurden dann im fränkischen Georgensgmünd Polizisten selbst Opfer der weitverbreiteten Verharmlosung und Unterschätzung rechtsextremer Kräfte. Ein sogenannter »Reichsbürger« schoss drei Polizeibeamte nieder, als die Polizei sein Haus betreten wollte, um ihm seine zahlreichen Waffen abzunehmen, die sich ,wie bei vielen anderen »Reichsbürgern« auch, legal mit Waffenschein in seinem Besitz befanden.
Bis zum Zeitpunkt der Schüsse wurden die »Reichsbürger«, die die Weiter-Existenz und Weitergeltung des »Deutschen Reiches« und dessen »letztgültigen« Reichskanzlers, des Nazi-Admirals Dönitz, – und damit auch des Nazi-Reiches – beanspruchen, bundesweit mit wenigen Ausnahmen vorwiegend als harmlose »Spinner« abgetan und nicht weiter beachtet.
Selbst noch nach den Schüssen ließ beispielsweise der hessische Verfassungsschutz verkünden, von den »Reichsbürgern« gehe »keine Gefahr für die öffentliche Sicherheit« aus (FAZ vom 21.10.2016).
Allen diesen Fällen, die gravierende Beispiele der rechtsextremen Gefahr und Bedrohung sind, liegt das gleiche Grundmuster politischer und polizeilicher Unfähigkeit und Unwilligkeit zugrunde. Hier herrscht ganz offensichtlich eine Grundeinstellung vor, die bereits eingangs als Unterschätzung und Bagatellisierung bis hin zum Gewährenlassen oder gar Unterstützen charakterisiert wurden.
Ebenso wie erst zu Beginn der Aufdeckung der NSU-Morde mehr zufällig bekannt wurde, dass in Baden-Württemberg mehrere Polizeibeamte Verbindung zum Ku-Klux-Klan hatten, so wurde erst jetzt nach den Schüssen auf die Polizisten bekannt, dass in Bayern und in Sachsen-Anhalt mehrere Polizeibeamte zu den »Reichsbürgern« gehören. In diesen, sicher nicht zu verallgemeinernden, Fällen gibt es mehr als Sympathie für Rechts – inmitten der Polizei.

Leserbrief

geschrieben von Anne Waninger

3. Dezember 2016

Nachrichten aus Spanien

Wie in der letzten Ausgabe der antifa angekündigt, trafen sich am 21.Oktober Menschen aus den verschiedensten Ländern in Paris, um an die Gründung der Internationalen Brigaden vor 80 Jahren zu erinnern. Die Veranstaltung im Hauptsitz der CGT war der Auftakt für eine Reise auf den Spuren der Interbrigadisten, von der ich – noch bevor wir die letzte Station Madrid erreichen – schon ein paar Eindrücke schildern möchte: Schon die erste Zusammenkunft im Gewerkschaftshaus machte die Bedeutung von internationaler Solidarität sichtbar und erlebbar. Nach der Begrüßung durch die CGT und eine kommunistische Senatorin sowie einem knapp halbstündigen Film zweier französischer Filmemacher über die IB und die (fehlenden) öffentlichen Erinnerungsorte insbesondere in Albacete, meldeten sich zahlreiche Vertreter unterschiedlicher Nationen zu Wort, von denen ich hier nur den Repräsentanten aus Irland erwähnen will. Er hob nämlich die Besonderheit hervor, dass auf der irischen Gedenkfeier auch der Präsident des Landes eine Rede gehalten habe, was wohl leider die einzige Würdigung der Inter-brigaden durch ein Staatsoberhaupt an diesem 80. Jahrestag darstelle.

Eindrücke von der Reise zum 80. Jahrestag der Gründung der internationalen Brigaden

Aber alle Rednerinnen brachten auf ihre Weise zum Ausdruck, dass die Geschichte der IB nicht einfach als historisches Ereignis betrachtet werden kann, sondern dass diese tausenden und abertausenden Menschen, die aus den unterschiedlichsten Ländern und Situationen nach Madrid gingen, um den Faschismus aufzuhalten, trotz aller Differenzen einen gemeinsamen Kampf ausfochten, der auch heute noch aktuell ist. Denn in vielen Ländern sind rechte und neonazistische Parteien auf dem Vormarsch, die die Werte und Ideale angreifen, für die die Interbrigadisten nach Spanien gezogen sind.
Am nächsten Morgen wurde unter der Schirmherrschaft der Bürgermeisterin Anne Hidalgo und des SNCF am Bahnhof Gare d´Austerlitz ein Denkmal eingeweiht, das daran erinnert, wie viele der internationalen Freiwilligen über diesen Bahnhof ihren Weg nach Spanien antraten.
In für deutsche Verhältnisse unvorstellbarer Offenheit kritisierte die Vertreterin der Bürgermeisterin (deren Vater spanischer Republikaner war) die Nichteinmischungspolitik Frankreichs, die mit dazu beigetragen habe, den Sieg des Faschismus in Spanien und damit seinen Erstarken in Europa zu ermöglichen. Danach machte sich ein Großteil der Gruppe über Valencia auf nach Benicássim und Albacete, wo weitere Teilnehmerinnen und Teilnehmer dazu stießen.
Mich beeindrucken insbesondere die Gespräche zwischen den Veranstaltungen, in denen die Motive der Einzelnen zur Sprache kommen und die Geschichte und aktuelle Politik in Lebenswegen konkret wird: Rien aus den Niederlanden, dessen Vater in Spanien kämpfte, findet heraus, dass der Vater eines anderen, der ebenfalls in Spanien kämpfte, wo sie sich möglicherweise nie begegnet sind, später in der selben Schuhfabrik des selben Konzentrationslagers Zwangsarbeit leisten musste. Eine junge polnische Künstlerin berichtet von den Aktionen in Warschau, die gegen die geplante Umbenennung der Dombrowskistraße protestieren. Wendy aus Wales, die in einem Solidaritätschor singt und überall mit ihrer kleinen Gitarre und markanten Stimme präsent zu sein scheint, hat schon verschiedene Reisen mitgemacht und berichtet von bewegenden Momenten, als sie Massengräber ermordeter Republikaner aushoben und die Einwohner mit DNA Test herauszufinden suchten, welche Angehörigen gefunden wurden. Hermann Drumm, Sohn zweier Interbrigadisten, berichtet in Albacete einem gebannten Publikum, wie seine Mutter damals in Paris noch eine Ausbildung zur Hilfskrankenschwester machte, um dann in Albacete unter den widrigsten Umständen den Patienten überwiegend mit Worten Trost zu spenden, da es an den nötigsten Materialien fehlte. Er wird bei seiner Suche nach dem Krankenhaus ›Hospital Nr.1‹, in dem er 1938, drei Monate nachdem sein Vater gefallen ist, geboren wurde, von einem jungen Antifaschisten und Gewerkschafter aus Thüringen begleitet. Auch eine Frau aus Puerto Rico ist dabei, die berichtet, einige sind aus ihrem Dorf damals nach Spanien gegangen, aber heute interessierten sich die meisten weder für die Geschichte des eigenen Landes und erst recht nicht für die jener, die in ein anderes gingen. Ein chinesisches Ehepaar, das in den USA lebt, zeigt mir ein von ihnen herausgegebenes Buch, das die Geschichte der chinesischen Spanienkämpfer behandelt, ein Kapitel, das mir vollkommen unbekannt ist, das aber einen jungen Katalanen, der Sinologie studiert (und dessen Großvater auf republikanischer Seite gekämpft hatte), mit dazu ermuntert hat, diese Reise mitzumachen.
Einige dieser Gespräche scheinen Grundlage dafür zu sein, Verbindungen zu suchen und zu halten, um sich für spätere Aktionen in diesem oder jenen Land gegenseitig zu unterstützen. Aber nicht nur diese, auch die scheinbar unsichtbar bleibenden Verbindungen, die diese Gespräche knüpfen, werden die Einzelnen in ihren Orten selbst dann stärken, wenn sie den Gesprächspartnern nie wieder begegnen sollten.

Das neue Integrationsgesetz

geschrieben von Erika Klantz

30. November 2016

Die wichtigsten Regelungen und ihre Auswirkungen

Das Integrationsgesetz des Bundes hat kurz gesagt zwei Ziele. Zum einen sollen zur Abwendung des sogenannten Fachkräftemangels Nichtdeutsche aus Nicht-EU-Staaten einfacher angestellt werden können und – da, wo es aus Sicht des Gesetzgebers sinnvoll ist – auch die Möglichkeit zu Maßnahmen des Arbeitsamtes zu erhalten (z.B. § 132 SGB III). Zum anderen soll Menschen aus dem angesprochenen Personenkreis, die keinen Arbeits- oder Ausbildungsplatz erhalten, der Zuzug in solche Städte und Regionen erschwert werden, in denen bezahlbare Wohnungen und Infrastruktur schon jetzt oder zukünftig knapp werden. Dazu wird die Freizügigkeit – die bisher nach abgeschlossenen Verfahren galt – schlichtweg aufgehoben.
Das erste Ziel betrifft die erleichterte Eingliederung von Ausländern (Flüchtlingen) in den deutschen Arbeitsmarkt. Das heißt der Gesetzgeber baut im relativ geringfügigen Maße diejenigen bürokratischen Hürden bei der Anstellung von Nicht-EU-Bürgern ab, die er seit Jahrzehnten Stück für Stück aufgebaut hat, um genau diese Eingliederung zu verhindern.
Der durch das IntegrationsG neu gefasste § 132 SGB III erweitert den Kreis von Ausländerinnen, denen eine Ausbildungsbeihilfe zusteht. § 5 a AsylbewerberleistungsG regelt Arbeitsgelegenheiten (1-Euro-Jobs) aufgrund des Arbeitsmarktprogramms Flüchtlingsintegrationsmaßnahmen. Dies erlaubt Flüchtlingen möglicherweise den erleichterten Einstieg in die deutsche Wirtschaft, aber die Maßnahme wird gleich doppelt konterkariert. Denn erstens wird die Beteiligung daran für die Flüchtlinge verpflichtend und zweitens wird im § 5 Absatz 2 die Aufwandsentschädigung von 1,05 Euro auf 0,80 Euro reduziert. Durchaus möglich, dass dies eine Vorbildfunktion auch für Arbeitsgelegenheiten nach dem SGB II haben wird.
Der stärkste Eingriff in die Rechte von Nicht-EU-Bürgern ist in dem neuen § 12 a Aufenthaltsgesetz geregelt. Er legt fest, dass auch nach abgeschlossenen Verfahren Ausländer dazu verpflichtet sind, ihren Wohnsitz für längstens drei Jahre in dem Bundesland zu nehmen, in dem ihr Verfahren abgeschlossen wurde. Unter bestimmten Bedingungen kann auch ein bestimmter Wohnort (Gemeinde) zugewiesen werden. Detailliert hier auf die Bedingungen, Ausnahmen und Gegenausnahmen einzugehen, ist angesichts der neun Absätze dieses Paragraphen nicht möglich. Die Änderungen im SGB II (Alg 2) und XII (Sozialhilfe) sorgen dafür, dass Sozialleistungen außerhalb dieser Gemeinden nicht gezahlt werden. Die Änderungen im AsylG dienen im Wesentlichen der erleichterten Ablehnung eines Asylantrags bei sogenannten unzulässigen Anträgen (§§ 29 und 36 AsylG).
Mit dem Integrationsgesetz des Freistaates Bayern hat das bundesdeutsche bis auf den Namen fast keine Gemeinsamkeiten. Will der Freistaat seine Einwohner auf ein bestimmtes Gesellschaftsbild einschwören und notfalls zur Nachschulung zwingen, ist für die Bundesregierung Eingliederung in die Gesellschaft gleichbedeutend mit einer Beschäftigung zum Wohle der deutschen Wirtschaft. Wer es dafür vermeintlich an Fähigkeiten fehlen lasse, solle auch die knappen Ressourcen in den Wirtschaftsmetropolen nicht beanspruchen dürfen. Auch die Gesetzessystematik unterscheidet Bayern und den Bund völlig. Bayern schafft ein völlig neues Gesetz, dessen Verfassungsmäßigkeit mehr als fraglich erscheint. Die Bundesrepublik legt ein Gesetz vor, das bestehende Regelungen auf der einen Seite lockert und auf der anderen Seite zum Teil rigoros verschärft.
Insgesamt liegt das Gesetz auf der Linie der Bundesregierung. Der deutschen Wirtschaft soll die Möglichkeit gegeben werden, ihre selbst verschuldeten Probleme mit fehlenden Arbeitskräften zu möglichst geringen Lohnkosten zu lösen. Andererseits sollen die mangelnden Investitionen in den Wohnungsmarkt in wirtschaftlich stärkeren Orten durch eine Beschränkung der Freiheiten der Einwohner nicht noch deutlicher werden.
Aus meiner Sicht werden die Regelungen des Integrationsgesetzes das Zusammenleben der Menschen in der Bundesrepublik eher hemmen, als dass sie es fördern.

Im Detail enthält das Integrationsgesetz acht Artikel. Die ersten sieben ändern das Sozialgesetzbuch II, III und XII, das AsylbewerberleistungsG, das AufenthaltsG, das AsylG und Gesetz über die Zentrale Registrierung von Ausländern (AZRG). Der achte Artikel enthält Übergangsbestimmungen.

Schweriner Erfahrungen

geschrieben von Claus Oellerking

30. November 2016

Auf dem Marienplatz, da hat sich etwas verändert.

Wer im August 2015 auf den Marienplatz in Schwerin ging, sah sie fast nicht. Es waren erst wenige da. Plötzlich, im September 2015, hat sich da etwas verändert. Flüchtlinge aus Syrien, Eritrea und einigen andern Länder waren in die Stadt gekommen. Sie fielen auf. Sie sahen anders aus. Sie sprechen eine andere Sprache. Nach einem Jahr, wie sieht die Situation hier in Schwerin heute aus?
Die Mehrzahl ist bereits wieder gegangen. Oft in Großstädte. Auf der Suche nach Arbeit, nach Familienangehörigen, nach Freunden und Bekannten ging es nach Hamburg, Berlin und auch ins Ruhrgebiet. Etwa 24.000 Flüchtlinge kamen 2015 nach Mecklenburg-Vorpommern. 6.000 blieben im Land, etwa 2.500 leben heute in Schwerin.
Sie konnten in leerstehende Wohnungen einziehen, bemühen sich, in der neuen Nachbarschaft Fuß zu fassen, besuchen Integrationskurse und Sprachkurse. Manche haben bereits begonnen zu arbeiten.
Die Registrierung hier in Mecklenburg-Vorpommern geht mittlerweile in der Regel schneller als in anderen Bundesländern. Hier haben viele Flüchtlinge ihre Aufenthaltstitel relativ schnell bekommen. Trotz hohen Wohnungsleerstandes in der Stadt war und ist es nicht immer leicht, eine passende freie Wohnung zu finden. Gelungen ist es inzwischen doch für die meisten Neuankömmlinge.
Schwieriger ist es in Sachen Arbeit. – In Schwerin gibt es nicht so viele Arbeitsplätze und die Arbeitsvermittler haben es nicht leicht. Besonders die Anerkennung der Arbeitserfahrung und der Qualifikation der Flüchtlinge ist schwierig. So unterscheiden sich die Ausbildungssysteme der Länder zum Teil sehr. Der Arbeitsmarkt ist in den Herkunftsländern oft deutlich weniger formalisiert als in Deutschland. Viele Menschen haben dort gearbeitet, ohne eine umfassende Ausbildung zu machen. Tischler ist eben derjenige, der mit Holz arbeitet.
Gelegentlich erschweren fehlende und unvollständige Unterlagen die Beratungstätigkeit der Jobvermittler und die unterschiedlichen Sprachen machen es nicht leichter. Dennoch, wer es schafft, sich am Schweriner Arbeitsmarkt zu orientieren und dort Arbeit findet, geht arbeiten. Auch als Hilfskraft, auch schlecht bezahlt.
Die Herausforderung Nummer 1 ist die Sprache. Viele Flüchtlinge besuchen Sprachkurse und haben ihre erste Sprachprüfung B1 schon bestanden. Trotzdem können sie nicht so gut sprechen. Ihnen fehlt die Praxis im Alltag und es fehlen die deutschen Gesprächspartner. Einige Flüchtlinge, die gerade ihren Integrationskurs machen, haben nach dem Unterricht reichlich freie Zeit. Sie bleiben oftmals zuhause. Und manchem fällt dort sprichwörtlich die Decke auf den Kopf. Fast 20 Stunden in der Woche Däumchen drehen. Das ist nicht jedermanns Sache. Etwas tun, das möchten sie. Beschäftigt sein. Auch hilfreich sein und so fragen sich auch junge Flüchtlinge, ob sie etwas ehrenamtlich machen dürfen. – Aber was? Und wo? Hier fehlen konkrete Angebote, fehlen vor allem deutsche Ansprechpartner und Mitstreiter. – Und so organisieren sich die Geflüchteten eben auch selbst. Sie sind in der Flüchtlingshilfe Schwerin e.V. aktiv und die Projekte und praktische Arbeit von Ma’an – Miteinander e.V. sind lebendige Beispiele für die so genannte »Migranten-Selbst-Organisation«.
Viele Flüchtlinge finden die Gesetze hier in Deutschland kompliziert. Manche finden die Gesetze unfair, besonders das neue Integrationsgesetz. Dem zufolge müssen zahlreiche Personen noch mal umziehen, obwohl sie Wohnungen gefunden haben und ihre Kinder in der Schule oder im Kindergarten gut aufgenommen worden sind.
Auf der Flucht besuchen die Kinder keine Schule. So gibt es Kinder, die zwei Jahre oder länger nicht in der Schulen waren und nun fehlen in Schwerin Schul- und Kindergartenplätze für einige von ihnen. Wie soll die Zukunft dieser Kinder aussehen?
Den jungen Flüchtlingen, besonders diejenigen, die keine Familie in Deutschland haben, fehlt es gelegentlich an Orientierung in der neuen Gesellschaft. Einige langweilen sich hier sehr. Sie wünschen sich, etwas zu machen, nicht immer zuhause zu bleiben oder auf der Straße »abzuhängen«. Patenschaften für junge Menschen könnten eine gute Unterstützung sein.
Viele Flüchtlinge aus allen Ländern belastet die schleppende »Familienzusammenführung« sehr. Menschen, die ohne ihre Familien hierher kamen, sind häufig in den Gedanken bei ihren Angehörigen. Sie sind also nicht wirklich hier angekommen. Sie sorgen sich um das Wohl und das Leben und fragen sich, ob ihre Familien in Gefahr sind. Sie organisieren von Deutschland aus Hilfe für die, die in der Heimat in Not sind oder für diejenigen, die in auf der Flucht in Camps gelandet sind. Dies macht die Integration schwerer.
Wer kann sich schon auf den Sprachkurs, die Ausbildung oder die Arbeit konzentrieren, wenn im Heimatdorf Bomben fallen und gemordet wird? Wenn Schlepper die Familienmitglieder als Geiseln nehmen um Geld zu erpressen?
Und dann tut es doch gut, auf den Marienplatz zu gehen, Freunde zu treffen. In Sicherheit und in Frieden.

Willkommen in Deutschland?

geschrieben von Regina Girod

30. November 2016

Was die Gesellschaft im letzten Jahr verändert hat

Europa hat bei der Lösung der Flüchtlingsfrage kollektiv versagt – diese Meinung vertritt nicht nur der niederländische Autor Tommy Wieringa. Doch kann man Bundeskanzlerin Merkel deshalb als »das Licht der Welt« bezeichnen, wie er es tut? Oder sollte man sie im Gegenteil als »Volksverräterin« beschimpfen, wie der Dresdner Pegida-Pöbel meint? Ein gutes Jahr nachdem die europäische Abschottungspolitik unter dem Druck verzweifelter Massen flüchtender Menschen nachgeben musste, ist heute nichts mehr, wie es war. Zwischen den europäischen Staaten und innerhalb ihrer Gesellschaften haben sich tiefe Klüfte aufgetan. Auf der einen Seite engagiert sich eine beeindruckende Zahl von Menschen für die Geflüchteten und kompensiert mit ihrem Einsatz auch das Versagen staatlicher Strukturen. Auf der anderen Seite haben nationalistische, rassistische und fremdenfeindliche Einstellungen überall in Europa Hochkonjunktur. Parteien, die sie befeuern, ernten Zustimmung und Wählerstimmen in ungeahntem Ausmaß, die Idee des geeinten Europas scheint ein Auslaufmodell geworden zu sein. »Jeder ist sich selbst der Nächste!« heißt die alte neue Losung, im Großen wie im Kleinen. Was ist geschehen?
Zwar scheint die Taktik, erst einmal den Flüchtlingsstrom einzudämmen, die Menschen nicht mehr nach Kerneuropa hineinzulassen und damit den gefühlten Druck auf die Politik zu verringern, im Augenblick aufzugehen, doch die Fluchtursachen werden davon nicht berührt. Im Gegenteil. Versuche, künftig Flüchtende schon in Afrika aufzuhalten, für die Frau Merkel auf ihrer jüngsten Malitour nach Freunden suchte, oder gar die Idee, tausende Afghanen in ein zerstörtes Land »zurückzuführen«, in dem bereits mehr als eine Million Binnenflüchtlinge in Lagern vegetieren, werden die bisherigen Fluchtbewegungen eher noch verschärfen.
Die Sonderstellung, die die Bundesrepublik in Bezug auf »Willkommenskultur« und »Wir schaffen das!« eine Zeit lang einnahm, hat sich entlarvt als kaltes politisches Kalkül. Denn die alte Strategie, nur »nützliche« Einwanderung zuzulassen und die so genannte »Einwanderung in die Sozialsysteme« zu verhindern, feiert in den Gesetzen, die zur Bewältigung der »Krise« durchgepeitscht wurden, fröhliche Urständ. Wenn auch auf höherer Stufenleiter. Die Annahme, dass die Bundesrepublik in 40 Jahren 12 Millionen Einwohner weniger haben könnte, drängte nach entschiedener Veränderung. Eine alternde und schrumpfende Bevölkerung ist mit Weltmachtambitionen einfach nicht vereinbar. Also Obergrenze hin oder her – die richtigen müssen kommen, das heißt Menschen, die für die Kapitalverwertung brauchbar sind. Dann schaffen wir es auch, die Führungsmacht zu sein, hätte der Satz ehrlicherweise lauten müssen.
Dass im Ergebnis dessen eine Art rechter Kulturrevolution losgetreten wurde, die wohl besser als Unkulturrevolution zu charakterisieren ist, ist der Tatsache geschuldet, dass hiesige Politiker die Bewegung gesellschaftlicher Widersprüche weder verstehen können, noch wollen.
Neoliberale Politik führt zu einer grundlegenden Entsolidarisierung in der Gesellschaft. Nicht als unliebsame Nebenwirkung, sondern ganz bewusst produziert. Das haben die letzten Jahrzehnte gezeigt. Entsolidarisierung aber heißt, dass die Verteidigung von Gruppen- und Sonderinteressen in den Mittelpunkt rückt. Eine zunehmende Verrohung und Abwertung anderer, das Ansteigen so genannter »gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit« und die wachsende Bereitschaft, eigene Interessen notfalls auch mit Gewalt durchzusetzen, haben große Studien der Bevölkerung der Bundesrepublik Jahr für Jahr attestiert. Nun sind diese Einstellungen durchgebrochen. Scheinbar unbescholtene Bürger legen Brände in Flüchtlingsunterkünften, Hass wird offen hochgekocht und entlädt sich in Gewalt. Und Vertreter des Staates, ob Polizisten, Bürgermeister oder Staatsanwälte haben Verständnis und schauen weg – oder zu. Es kann doch nicht falsch sein, ein angestammtes Vorrecht zu verteidigen! Wer das nicht teilt, kann nur ein Volksverräter sein – oder eine Volksverräterin? Neoliberale Logik kennt keine Gnade. Man hätte es wissen können.
Was aber könnte ein Ausweg aus dieser Lage sein? Gibt es überhaupt noch einen?
»Wir brauchen eine Politik, die Identifikation und Zusammenhalt für alle schafft, für Einheimische und Zugewanderte. Zentral dafür sind mehr Teilhabe und Partizipation.«, sagt Madlen Preuss von der Universität Bielefeld. Doch wo sind die Politiker, die dafür stehen?

 

Auf Arabisch, Farsi, Französisch

geschrieben von Janka Kluge

27. November 2016

Refugee Radio: Geflüchtete in Stuttgart auf Sendung

Seit einigen Monaten senden Geflüchtete beim Freien Radio für Stuttgart. Sie gestalten die Sendungen in eigener Verantwortung, ohne dass jemand die Sendungen überprüft und abnimmt. Diese Form der Eigenverantwortung ist ein ganz wichtiges Prinzip bei selbstverwaltenden Projekten, wie es die meisten Freien Radios sind. Die Geflüchteten senden in ihren eigenen Sprachen, so dass es vorkommen kann, dass während einer Sendung Arabisch, Farsi, Englisch oder Französisch gesprochen wird. Die Entscheidung, dass die Geflüchteten selbst über die Sprache entscheiden können, mit der sie kommunizieren, hat zu vielen Diskussionen außerhalb des Radios geführt. Immer wieder hören wir, dass unsere Hörer verstehen wollen, was die Geflüchteten zu sagen haben. Außerdem können viele nicht nachvollziehen, dass wir sie ganz ohne Kontrolle senden lassen. Die Befürchtung dahinter ist, dass sich Islamisten einschleichen und das Radio für ihre Propaganda nutzen könnten. Unser Gegenargument, dass wir auch bei anderen muttersprachlichen Sendungen erst einmal den Menschen vertrauen, die zu uns kommen, wird oft mit Kopfschütteln beantwortet.
Bis wir in der Lage waren, das Radio für Geflüchtete zu öffnen, war es ein langer Weg. Am Anfang stand die interne Diskussion, die aber innerhalb kurzer Zeit abgeschlossen war. Danach haben wir angefangen, für das Projekt zu werben. Die Unterstützer von Geflüchteten waren sehr angetan von der Idee. Trotz dieser Begeisterung haben wir niemanden gefunden, der wirklich senden wollte. Ein Problem war, dass die Unterstützer der Geflüchteten sich oft bis zur Selbstaufgabe engagierten und nicht mehr die Kapazitäten hatten, für unser Projekt zu werben.

Refugee Radio im Freien Radio für Stuttgart: Jeden Dienstag von 17 bis 18 Uhr, im Internet http://www.freies-radio.de/

Refugee Radio im Freien Radio für Stuttgart: Jeden Dienstag von 17 bis 18 Uhr, im Internet http://www.freies-radio.de/

Wir waren schon kurz davor das Projekt einschlafen zu lassen, als in einem Artikel die Organisation »Reporter ohne Grenzen« erwähnt wurde. In dem Artikel ging es um die Schwierigkeiten, die geflüchtete Journalisten haben. Wir meldeten uns bei ihnen und bekamen Kontakt zu Journalisten, die geflüchtet waren. Ein Journalist aus Syrien war zuerst ganz begeistert von den Möglichkeiten, die das Radio bietet. Nachdem er aber in einem Einführungsworkshop, der für alle, die neu im Radio anfangen Pflicht ist, mitbekommen hat, dass das Freie Radio für Stuttgart sich selbst als fortschrittlich und antifaschistisch, also im weitesten Sinn als links versteht, hat er jeden Kontakt abgebrochen. Ein anderer, zu dem wir auf diesem Weg Kontakt bekommen haben, ist ein Journalist aus Pakistan. Obwohl er in einer kleinen Stadt untergebracht ist, fährt er mindestens einmal in der Woche nach Stuttgart um die Sendung im Radio zu machen. Da er wie fast alle Geflüchteten kaum Geld hat, übernimmt das Radio die Fahrtkosten für ihn.
Ein weiterer Redakteur des Refugee Radios kommt aus Kamerun. Er hat immer wieder über die Situation von Homosexuellen in Kamerun geschrieben und war in seiner Heimat Aktivist schwuler Gruppen, die für ein gleichberechtigtes Leben kämpfen. Nachdem er wegen der Veröffentlichung eines Artikels verhaftet worden war, nahm er Kontakt zur deutschen Botschaft auf und bekam eine Einreisegenehmigung. In Deutschland angekommen, beantragte er sofort Asyl. Er konnte durch das Engagement der Botschaft direkt nach Deutschland fliegen und musste nicht wie tausende andere Flüchtlinge aus Afrika die mörderische Route durch die Sahara und über das Mittelmeer nehmen.
Zu der Redaktion ist nach Beginn der Sendungen ein weiterer Journalist aus Syrien dazugekommen. Er lebte in Homs, der drittgrößten Stadt in Syrien, und betrieb dort ein Redaktionsbüro. 2011 demonstrierten zehntausende Menschen in Homs gegen das Assad-Regime. Vorbild für die Demonstrationen war der Arabische Frühling, der seinen Ausgang in Tunesien hatte. Das Militär und die Geheimdienste gingen massiv gegen die meist jungen Demonstranten vor. Besonders die jungen Medienmacher und Blogger waren von den Verfolgungen betroffen. Die Geheimdienste hatten gesehen, welche wichtige Rolle Facebook und Twitter bei der arabischen Revolution gespielt hatten. Um die Demonstrationen einzudämmen, gingen sie gezielt gegen alle vor, die sich öffentlich mit den Protesten solidarisierten, oder ein Teil von ihnen waren.
In Gesprächen haben unsere neuen Kollegen betont, wie wichtig es für sie ist, wieder journalistisch aktiv sein zu können. Sie halten Kontakt in ihre Heimatländer, wo ihre Sendungen auch über das Internet empfangen werden können.
So, wie wir unser Projekt ursprünglich angedacht hatten, konnten wir es nicht umsetzen. Dafür haben wir jetzt eine Redaktion im Radio, die tolle vielseitige Sendungen produziert. Eine Idee von uns war auch, dass wir mit geflüchteten Jugendlichen Radio machen könnten. Wir haben langjährige Erfahrungen in der medienpädagogischen Arbeit mit Jugendlichen. Doch obwohl in Stuttgart viele minderjährige Geflüchtete leben, konnten wir bis jetzt noch keine dafür begeistern.

 

Trotz allem das Gute

geschrieben von Ernst Antoni

27. November 2016

Max Mannheimer, Holocaust-Überlebender und großer Aufklärer, ist verstorben

»The times they are a-changin‘…«, hat der diesjährige Literatur-Nobelpreisträger Bob Dylan vor einigen Jahrzehnten gesungen. Manchmal kann so etwas dauern. Vor ziemlich genau zehn Jahren war in einem Kommentar in unserer Zeitschrift »antifa« zu lesen: »Schön wäre es, wenn der Elan, der von manchen Politikern in Sachen angeblich integrationsunwilliger Ausländer an den Tag gelegt wird, andere Wirkungsfelder fände. Dringend notwendig ist es, dass dieser sich endlich einmal gegen jene Inländer richtet, die den braunen Ungeist immer gewalttätiger verbreiten. Sie sind es doch vor allem, die sich nicht in eine demokratische Gesellschaft integrieren wollen – und sie bekunden das inzwischen auch ganz unverfroren.«
Der Autor dieses Gastkommentars war Max Mannheimer, Holocaust-Überlebender, Vorsitzender der Lagergemeinschaft Dachau und Vizepräsident des Comité International de Dachau. Seine damaligen Sätze lesen sich brandaktuell. Im Freistaat Bayern, der Heimat Mannheimers, und im Rest der Republik ist bis heute von jener damals geforderten Besinnung auf andere »Wirkungsfelder« – von einigen verbalen Unverbindlichkeiten abgesehen – kaum etwas zu spüren. Der »Zeitenwechsel« steht nach wie vor aus…

Max Mannheimer Foto: Werner Rauch

Max Mannheimer
Foto: Werner Rauch

Am 23. September 2016 ist Max Mannheimer im Alter 96 Jahren gestorben. Derzeit vergeht kaum eine Woche ohne Gedenkveranstaltungen, ohne Medienbeiträge, die an die jahrzehntelange Aufklärungsarbeit des Verstorbenen in Schulen, Bildungsstätten, öffentlichen Institutionen erinnern. Das Wirken von Max Mannheimer, schon zu seinen Lebzeiten mit einer Fülle von höchsten deutschen und internationalen Auszeichnungen und Ehrungen gewürdigt, rückt mit seinem Tode und der damit verbundenen Erkenntnis, wie sehr er uns künftig fehlen wird, noch einmal deutlich ins öffentliche Bewusstsein. Wünschenswert wäre, dass damit auch der eine oder andere inhaltliche Standpunkt, den der ehemalige Häftling der Konzentrationslager Theresienstadt, Auschwitz, Warschau und schließlich Dachau, vertreten hat, ebenfalls wieder ins Blickfeld kommt. Bei der Gedenkfeier im Oktober in München in den Räumen der Israelitischen Kultusgemeinde sprach neben anderen auch Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer. »Das Echo seiner Worte wird nicht verhallen«, sagte er. Möge doch dieser Gedenkredner auch selbst einmal dem einen oder anderen Mannheimer-Echo ernsthaft lauschen.
Es stimmt schon: Max Mannheimer, am 6. Februar 1920 in einer jüdischen Familie im mährischen Neutitschein (Nový Jičín) geboren, hätte, so der Ministerpräsident, »allen Grund gehabt zur Verbitterung, zu Abscheu und Feindseligkeit«. Hatten die Nazis doch fast alle seiner Familienangehörigen ermordet. Aber Mannheimer habe, so Seehofer, gesagt: »Ich kann nicht hassen«.
Das ist so nicht falsch zitiert und doch sträflich verkürzt. In den von Marie-Luise von der Leyen dokumentierten Erinnerungen »Max Mannheimer. Drei Leben« (dtv, 2012) sagt der KZ-Überlebende: »Ich weiß, dass es eine Utopie ist, die Menschen verbessern zu wollen. Dennoch glaube ich an das Gute im Menschen. Trotz allem. Ich bin so erzogen worden und ich funktioniere immer noch so. Und ich halte an diesem Glauben fest, auch wenn er immer wieder einmal erschüttert wird. Sozusagen nach einem Motto von Bertolt Brecht: ‚Wer kämpft, kann verlieren – wer nicht kämpft, hat schon verloren‹.« So wird aus diesem »Nicht-Hassen-können« doch eine ganz andere Maxime als sie manchen manchmal bequem wäre.
Der VVN-BdA und ihren Mitgliedern blieb Max Mannheimer freundschaftlich verbunden, seit er begonnen hatte, mit Berichten aus seinem Leben an die Öffentlichkeit zu gehen, nachdem 1985 in der ersten Ausgabe des von Barbara Distel und Wolfgang Benz herausgegebenen Jahrbuchs »Dachauer Hefte« seine 1964 aufgeschriebenen »Erinnerungen« an seine Konzentrationslager-Erfahrungen erstmals gedruckt veröffentlicht worden waren. Bis dahin hatte er darüber geschwiegen, versucht, mit bildkünstlerischen Mitteln die Zeit der Verfolgung in Farben und ungegenständlichen Formen für sich aufzuarbeiten.
Von 1986 an begann die Zeit vieler gemeinsamer Aktivitäten, der Zusammenarbeit in der Lagergemeinschaft Dachau, in deren Vorsitz er 1990 Eugen Kessler ablöste, der aus dem Münchner Arbeiterwiderstand kam. Stets setzte Max sich gegen die Nachstellungen ein, denen die VVN-BdA vor allem in Bayern durch den Verfassungsschutz und andere Behörden ausgesetzt war und ist. So zuletzt 2015 als einer der Erstunterzeichner der vom SPD-Landtagsabgeordneten Florian Ritter initiierten Petition »Für eine offene, demokratische Gesellschaft! Gegen die Diffamierung der VVN-BdA.«
Weit über Bayern hinaus bleibt Max Mannheimer vielen in der VVN-BdA und in ihrem Umfeld in Erinnerung als ein Freund, der Jung und Alt überzeugen konnte: mit seiner Menschlichkeit, seinem profunden Wissen und nicht zuletzt seinem Humor, den er trotz allem, was ihm widerfahren war, nie verloren hat.

Bücher von und über Max Mannheimer:

Max Mannheimer, Spätes Tagebuch. Theresienstadt-Auschwitz-Warschau-Dachau. Mit einem Vorwort zur aktuellen Ausgabe von Wolfgang Benz. Piper Verlag München

Max Mannheimer, Marie-Luise von der Leyen, Drei Leben. Erinnerungen, Deutscher Taschenbuchverlag München, dtv-Taschenbuch, Bd. 34841

Ilse Macek, Horst Schmidt (Hrsg.), Max Mannheimer – Überlebender, Künstler, Lebenskünstler, Volk Verlag München

Über seine Bilder:

Max Mannheimer, The Marriage of Colours. Die Vermählung der Farben, Hirmer Verlag München

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