Autor, Arzt und Aktivist

geschrieben von Raina Zimmering

7. September 2016

Der Antifaschist Alfredo Bauer ist in Buenos Aires verstorben

1989 weilte ich während eines Studienaufenthaltes das erste Mal in Buenos Aires. Damals lernte ich durch Vermittlung von Freunden Alfredo Bauer kennen. Nun erreichte uns die Nachricht von seinem Tod. Am 21. Mai ist er im Alter von 91 Jahren in einer Herzklinik in Buenos Aires gestorben. Ein arbeitsreiches und ausgesprochen kreatives Leben ist zu Ende gegangen. Alfredo Bauer hat uns ein großes Erbe hinterlassen und diejenigen, die ihn kannten, werden sein Bild immer mit sich und seine Bücher im Herzen tragen. Alfredo war Arzt, Schriftsteller und politischer Aktivist. Als ich ihn kennen lernte, praktizierte er noch, obwohl er schon in einem Alter war, in dem sich andere zur Ruhe setzen. Doch Ruhe passte nicht zu ihm. Er praktizierte noch bis ins hohe Alter und schrieb bis zu seinem 91. Lebensjahr.
Alfredo Bauer wurde am 14. November 1924 in Wien in einer jüdischen Familie, als Sohn eines Kaufmanns und einer Pharmazeutin geboren und besuchte dort die Volks- und Mittelschule. Schon in der Schule erlebte er Diskriminierungen. Als 14jähriger floh er 1938, kurz nach dem Anschluss Österreichs an Nazideutschland, zusammen mit seiner Familie nach Argentinien. Eine Tante ermöglichte der Familie die Einreise. Immer wieder betonte Alfredo Bauer, dass er nicht von Österreich vertrieben wurde, sondern von den Feinden Österreichs. In Buenos Aires besuchte er die deutschsprachige antifaschistische Pestalozzi-Schule, die 1935 von Dr. Ernesto Aleman, dem Besitzer des liberalen »Argentinischen Tageblatts«, als unabhängige Schule gegründet wurde. Es war eine Art Gegenmodell zu den anderen 20 deutschen Schulen in Buenos Aires, die von der nazideutschen Botschaft gleichgeschaltet waren. Die Pestalozzi-Schule entwickelte sich mit dem Zulauf antifaschistischer Lehrer, die nach Argentinien migrierten, zu einem Zentrum antifaschistischer humanistischer Kultur. Ein Lehrer beeindruckte Alfredo Bauer durch seine Literatur- und Philosophiekenntnisse besonders. Es war August Siemsen, der ebenfalls wegen seiner Einstellung als linker Sozialdemokrat nach Argentinien vor den Nazis geflohen war. Siemsen vermittelte Alfred Bauer ein materialistisch-historisches Gesellschaftsverständnis.
Nach Beendigung der Pestalozzi-Schule studierte Alfredo Bauer in Buenos Aires Medizin, promovierte zum Thema der »Schmerzarmen Geburt« und praktizierte zuerst als Kinderarzt und später als Frauenarzt. Geburtsmedizin war sein Spezialgebiet, und ich vermute, dass gerade das seinen großen Optimismus begründete. Alfredo Bauer wurde 1941 Mitglied in der Jugendgruppe der antifaschistischen österreichischen Exilorganisation »Austria Libre«, die 2000 Mitglieder hatte, und schrieb für deren Zeitschrift »Nueva Austria«. Auch trat er der jüdischen Organisation »Blau-Weiß« bei. 1946 wurde er Mitglied der Kommunistischen Partei Argentiniens. Alfredo Bauer arbeitete, seinen sozialistischen Intentionen folgend, mit dem antifaschistischen Verein »Vorwärts« zusammen, der 1882 von deutschen Sozialisten gegründet wurde, die wegen der Sozialistengesetze unter Bismarck nach Argentinien geflohen waren. Auch schrieb er für die Zeitung »Das andere Deutschland«, die von August Siemsen geleitet wurde. Die politischen Aktivisten im Umfeld des »Vorwärts« setzten sich kritisch mit dem Hitler-Stalin-Pakt auseinander und überwarfen sich mit anderen linken Emigrantengruppen und der III. Internationale. Obwohl Alfredo Bauer sich frühzeitig nach seiner Ankunft gesellschaftlich und politisch im argentinischen Exil schnell integrierte, brauchte er nach seinen eigenen Aussagen, 30 Jahre, um sich kulturell zu integrieren.
Die ersten literarischen Arbeiten von Alfredo Bauer waren 1944 Kleintheaterstücke für das von Walter Jacob gegründete deutschsprachige Theater »Freie Deutsche Bühne«, das überwiegend von Emigranten bespielt und besucht wurde. In dieser Zeit schreib er auch für das »Argentinische Tageblatt«. Als ihm das Tagebuch seines Großvaters, der 1848 in der bürgerlich-demokratischen Revolution in Deutschland gekämpft hatte, in die Hände fiel, beschloss er, größere Dinge zu schreiben. Die Ereignisse um das Tagebuch waren so einzigartig, dass er das Schreiben als eine neue Berufung empfand. Eine Tante, die dieses Tagebuch besaß, wurde ins KZ Theresienstadt verschleppt, konnte es aber vorher noch verstecken. Sie überlebte das KZ und übergab das Tagebuch nach dem Krieg Alfredo Bauer. Daraus entstand der Stoff für sein erstes Buch, das er in Spanisch für die Argentinier schrieb. Er nahm an, dass die Europäer die europäische Geschichte sowieso kennen. Als er nach seinen ersten Besuchen in Europa mitbekam, dass nichts davon bekannt war, begann er sein zweites Buch zu schreiben: »Die kritische Geschichte der Juden« und dieses Mal in Deutsch für die Deutschen und Österreicher. An seinem Familienroman, der durch das Tagebuch des Großvaters ausgelöst wurde, schrieb er jedoch immer weiter, so dass daraus fünf Teile entstanden, die die Geschichte seiner jüdischen Familie mit den historischen Ereignissen der Zeit von 1838 bis 1938 verbanden. Er nannte diesen Roman »Los Compañeros Antepasados«. Er erschien nach und nach in den 1970er und 1980er Jahren in Argentinien auf Spanisch. Die ersten beiden Bände wurden dann 1986 in der DDR ins Deutsche übersetzt publiziert und erst 2012 wurden alle fünf Teile unter dem Titel »Die Vorgänger. Romanzyklus«, von der Theodor Kramer Gesellschaft in Österreich in Deutsch herausgegeben. 2004 erschien Bauers heftig umstrittene »Kritische Geschichte der Juden« in Deutsch. 2014 wurde das Buch »Der sanfte Rebell. Bibelszenen« in Deutsch herausgegeben. Sein literarisches Werk umfasst mindestens 30 Werke, Romane, Essays, Erzählungen, Biographien, Gedichte, Reiseberichte, wissenschaftliche und politische Artikel. Alfredo Bauer schrieb auch Theaterstücke und ein Opernlibretto. Er veröffentlichte Fachliteratur zur Frauenheilkunde, Geburtsmedizin und sexualwissenschaftlichen Themen. Er betätigte sich auch als Übersetzer, übersetzte Werke von Goethe, Heinrich Heine, Bertold Brecht, Peter Hacks, Jura Soyfer und Felix Mitterer ins Spanische und das argentinische Nationalepos »Martin Fierro« von José Hernández ins Deutsche. Die meisten Bücher von ihm wurden in Argentinien und in der DDR veröffentlicht. Er erhielt zahlreiche Auszeichnungen. Er trat auch regelmäßig in einem Radioprogramm auf, das er mit Gleichgesinnten jede Woche durchführte.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges dachte Alfredo Bauer mehrmals darüber nach, nach Europa zurück zu gehen. Er nahm mit Selbstverständlichkeit an, dass in Österreich und Deutschland die sozialistische Idee nach der Katastrophe der faschistischen Barbarei Fuß fassen würde. Doch mit der Zeit sah er, dass sich eine andere Entwicklung auftat und zögerte. Auch hatte er sich inzwischen familiär gebunden. 1952 heiratete er die aus Österreich stammende Kitty Eggerer, mit der er drei Kinder hatte. Seine Frau Kitty starb 1984. 1988 heiratete Alfredo zum zweiten Mal. Seine Frau wurde die ebenfalls aus Österreich stammende Tänzerin Gerti Neumann. Als Jude nach Israel zu gehen, kam ihm nie in den Sinn. Er sagte 2014 in einem Interview: »Ich war selbstverständlich für die Gründung Israels als Exil für die Entwurzelten, aber der Zionismus als Idee war mir nicht nur fremd, sondern – im ideologischen Sinne und ohne Hass gegen diejenigen, die dieser Idee anhängen – immer eine feindliche Strömung für mich.«
Zwischen 1976 und 1983 erlebte Alfredo Bauer das zweite Mal in seinem Leben eine Diktatur, dieses Mal die argentinische Militärdiktatur. Obwohl er durch seine guten Beziehungen zur DDR-Botschaft einigermaßen geschützt war, musste er um das Schicksal seiner Kinder bangen, denn in dieser Zeit war jung gewesen zu sein allein schon ein »Verbrechen«. Im Zusammenhang mit der Militärdiktatur kamen erneut Gedanken über eine Rückkehr nach Europa, obwohl es nun schon kaum eine Rückkehr sondern eher eine Emigration in umgekehrter Richtung gewesen wäre. Die Sorge um seine Kinder und die familiären und Freundes- Bindungen bewogen ihn schließlich zum Bleiben.
Gegenüber seinem Heimatland Österreich hatte Alfredo Bauer ein sehr gespaltenes Verhältnis. 1957 besuchte er das erste Mal nach dem Krieg wieder seine Heimatstadt Wien. Er wurde dort kaum wahrgenommen. Später wurde Alfredo Bauer wegen seiner Kritik gegenüber Mitgliedern der politisch konservativen Familie Starhemberg und der Verurteilung des Putsches 1934 in Österreich in Abwesenheit wegen Verleumdung von dem Landesgericht St. Pölten verklagt. Er schrieb dem Gericht, dass er zum Prozess kommen würde, wenn ihm der österreichische Staat die Reise bezahlt. Wenn er dann tatsächlich verurteilt und eingesperrt werden würde, würde er ein Buch über seine Erfahrungen als politischer Gefangener in einem österreichischen Gefängnis schreiben, was sicher ein Bestseller werden könnte. Der Prozess fand schließlich ohne ihn statt. Im Jahre 2000 organisierte Alfredo Bauer über die Künstlergewerkschaft in Buenos Aires vor der österreichischen Botschaft riesige Protestdemonstrationen gegen Jörg Haider. Nach dem Tod von Haider befürchtete er noch mehr von dem Politiker Strache. Was würde er wohl zu dem gegenwärtigen Wahlergebnis der FPÖ und von Hofer sagen?
Alfredo Bauer schöpfte mit den sozialen Protesten 2001 und 2002 in Argentinien und der Regierungsübernahme durch die demokratische Regierung Kirchner neue Hoffnung. Besonders Cristina Kirchner verehrte er sehr. Er hatte die große Hoffnung, dass sich die neuen südamerikanischen Demokratien zusammenschließen und auf diese Weise eine gerechtere Gesellschaft errichten könnten. Kurz vor seinem Tod wurde er wiederum durch die Angriffe auf Cristina Kirchner und die Regierungsübernahme des rechtsliberalen Präsidenten Macri sehr enttäuscht.

Alfredo Bauer bei einer Veranstaltung anlässlich seines 90. Geburtstages am 14. November 2014 im Zentrum für marxistische Studien und Bildung (Cefma) in Buenos Aires
Quelle: es-la.facebook.com

Alfredo Bauer wurde 1982 und 1991 mit der Ehrenschleife »Faja de Honor« des Argentinischen Schriftstellerverbandes ausgezeichnet. Er erhielt 1987 den Jakob-und-Wilhelm-Grimm-Preis der DDR und 2002 den Theodor-Kramer-Preis als Exilliterat. 2010 erhielt er das Goldene Ehrenzeichen der Stadt Wien.
Alfredo Bauer wurde am 25.Mai 2016 auf einem Friedhof in Buenos Aires beigesetzt.

Vergessen und verdrängt

geschrieben von Günter Wehner

7. September 2016

Eine Dokumentation der Todesurteile des Berliner Kammergerichts in der NS-Zeit

Im Geleitwort weist die Präsidentin des Kammergerichts a. D., Monika Nöhre, darauf hin, dass die Richter des Kammergerichts stolz auf das älteste in Deutschland arbeitende Gericht sind. Sie spart aber auch nicht die Schattenseiten des Kammergerichts aus, nämlich dessen barbarisches Wirken als Werkzeug des nationalsozialistischen Terrors gegen Andersdenkende.
In seiner Vorbemerkung zu der vorliegenden Dokumentation geht der Autor Prof. Dr. Johannes Tuchel informativ auf das Wirken des Gerichts in den Jahren von 1933 bis 1945 ein. Er hebt hervor, dass relativ wenig Material über die Funktion des Kammergerichts als Terrorinstrument der NS-Diktatur vorliegt. Der Autor betont, dass im Mittelpunkt der vorliegenden Publikation Widerstandskämpfer stehen, die in den Jahren 1943 bis 1945 zum Tode verurteilt wurden.
Knapp aber außerordentlich präzise unterlegt mit den entsprechenden Gesetzesfaksimile schildert Tuchel die Zuständigkeit der Oberlandesgerichte für politische Strafdelikte ab 1934 und verweist darauf, dass in den Jahren 1934 bis 1937 über Tausend vorwiegend Berliner Bürger wegen kommunistischer Betätigung vom Kammergericht verurteilt wurden. Er hebt auch hervor, dass vom Kammergericht viele Bibelforscher (Zeugen Jehovas) und andere religiöse Widerständler hart verurteilt wurden.
Im folgenden Abschnitt »Zuständigkeitsveränderungen und Repressionsverschärfungen« analysiert Tuchel die Verschärfung der NS-Rechtssprechung ab Frühjahr 1943 an Hand umfangreichen Faktenmaterials, das als Faksimile nachgelesen werden kann. Er benennt hier auch die beteiligten Staatsanwälte und Richter des Kammergerichts und betont, dass in Bezug auf diese Personen unbedingt weiter nachgeforscht werden muss.
Der Autor schildert dann, dass in den Jahren vor dem Sommer 1943 keine Belege von Todesurteilen des Kammergerichts vorliegen.
Die bisher bekannten 69 Todesurteile des Kammergerichts unterteilt Tuchel wie folgt: »Vorbereitung zum Hochverrat, Todesurteile wegen Feindbegünstigung, Todesurteile wegen Wehrkraftzersetzung und Todesurteile wegen Landesverrat.«
Die vom Autor analysierten Todesurteile sind akribisch erforscht und mit umfangreichen Fakten- und Bildmaterial der biografierten Widerständler belegt. Die vorliegenden Urteilsbegründungen bezeugen, dass gnadenlos bis zum Kriegsende im Mai 1945 die Widerstehenden ermordet wurden.
Zusammenfassend stellt Johannes Tuchel fest, dass die Todesurteile des Kammergerichts nach 1945 vergessen und verdrängt wurden, dass aber mit der vorliegenden Dokumentation die Funktion des Kammergerichts als Instrument der NS-Diktatur unverkennbar ist und unbedingt weiter zu erforschen ist.
Ein Anhang zu den Todesurteilen und den Vollstreckungsorten nebst der beteiligten Richter und Staatsanwälte sowie ein Quellen- und Literaturhinweis runden die informative Publikation ab, die eine empfindliche Lücke über das repressive Wirken des Kammergerichts in den Jahren von 1943 bis 1945 schließt.

Johannes Tuchel, Die Todesurteile des Kammergerichts 1943 bis 1945. Eine Dokumentation. Berlin, Lukas Verlag. 455 S.

Auschwitz als Steinbruch

geschrieben von Thomas Willms

7. September 2016

Auschwitz als SteinbruchWie die Verbrechen des NS-Regimes vergegenwärtigt werden, ist zunehmend einem ökonomischen und ideologischen Markt überlassen. Aus dem Zusammenhang gerissene Bilder haben bereits einen maßgeblichen Einfluss auf das Geschichtsbild. Dieser Prozess ist international und überlagert nationenspezifische geschichtspolitische Probleme.
Thomas Willms stellt dar, was von den NS-Verbrechen bleibt, welche Aspekte der Erinnerungen von Zeitzeugen von Anfang an ignoriert wurden und welche Missverständnisse die Vorstellungen über Konzentrationslager bestimmen. In Essays, Analysen und Recherchen befragt er literarische und philosophische Werke, Museen, Filme, Fernsehserien, Graphic Novels, ein Puppenspiel und die Reenactment–Bewegung danach, wie apologetisch oder aufklärerisch sie sich mit dem Zweiten Weltkrieg und den deutschen Massenverbrechen auseinandersetzen. Die Streifzüge beginnen in Italien und führen über Deutschland, Frankreich, Polen und Großbritannien in die USA.

Thomas Willms: Auschwitz als Steinbruch. Was von den NS-Verbrechen bleibt, 130 Seiten, Erscheinungstermin: August 2016, 12, 90 EUR

Das Buch kann bereits beim Papy Rossa-Verlag bestellt werden und kann auch über den Shop der VVN-BdA bestellt werden.

Als Vernichtungskrieg geplant

geschrieben von Ulrich Schneider

7. September 2016

Kurt Pätzold über den faschistischen Überfall auf die Sowjetunion

In beängstigender Stille hat das offizielle Berlin den 75. Jahrestag des faschistischen Überfalls auf die Sowjetunion begangen. Einzig eine belanglose Erklärung und wenig politische Repräsentanz waren wahrnehmbar, selbst bei den Spielen der Fußball-EM sah man mehr Politiker. Umso wichtiger ist es, dass verschiedene Buchautoren (Hannes Hofbauer: »Feindbild Russland« oder Stefan Bollinger: »Meinst Du, die Russen wollen Krieg?«) aus Anlass dieses Jahrestages die Frage des deutsch-russischen Verhältnisses thematisierten. Einen wichtigen Beitrag leistete auch Kurt Pätzold mit einer ausführlich eingeleiteten Dokumentensammlung zum 22. Juni 1941.
In seiner Zusammenfassung schreibt er: »Am 22. Juni 1941 begann, wie die Nazi-Propaganda erklärte, der ›Kreuzzug Europas gegen den Bolschewismus‹. Tatsächlich war es ein imperialistischer Eroberungs- und Vernichtungskrieg. Es ging um Land, um Öl und andere Bodenschätze, um Arbeitssklaven und um die Ausrottung des ›jüdischen Bolschewismus‹. Über die Ziele, den Verlauf des Krieges und seinen Ausgang sind ganze Bibliotheken veröffentlicht worden. Allerdings ist keine Publikation darunter, die speziell die Stimmung im Land der Täter untersucht hat. Was dachten die Deutschen über diesen Feldzug? … Wie sollte die ›Heimatfront‹ stabilisiert werden?«
Das Buch ist zweigeteilt. Auf gut 100 Seiten schildert der Autor die Zeit von Juni 1941 bis Januar 1942 aus unterschiedlichen Perspektiven. Ergänzt wird diese Darstellung durch 63 Dokumente, die die politische und militärische Kriegsplanung, die öffentliche Reaktion auf den Kriegsbeginn und die Wahrnehmung dieses Feldzuges in der vom SD überwachten Öffentlichkeit nachzeichnen.
In der ihm eigenen anschaulichen und gleichermaßen faktengestützten Art schildert Pätzold in den einzelnen Kapiteln die politische »Gerüchteküche« vor dem Überfall, die erschrockenen Reaktionen in der Öffentlichkeit unmittelbar nach dem Überfall, aber auch die Wirkung der Propaganda in den ersten Tagen, die in der Bevölkerung die Illusion eines weiteren »Blitzkrieges« nährte.
In einem Perspektivwechsel beschreibt er auch die öffentliche Wahrnehmung in der Sowjetunion und Großbritannien, wo man den Kriegsbeginn »mit Erleichterung« aufnahm, da damit der militärische Druck auf das Insel-Reich etwas minimiert wurde. Im Verlauf der ersten Monate des Krieges wurde deutlich, dass die ursprüngliche Hochstimmung immer mehr einer abwartenden Haltung und gewissen Enttäuschung gewichen sei, da sich »die Hoffnungen auf den Zusammenbruch des Bolschewismus nicht erfüllt haben.« Im Dezember 1941, bei der Schlacht um Moskau, wurde endgültig deutlich, dass die militärische Strategie gescheitert war. Die Ablösung von hohen Wehrmachtsoffizieren, die sich nicht verheimlichen ließ, führte nicht zur Verbesserung der politischen Stimmung, sodass noch einmal der Propagandaapparat mit dem »Neujahrsaufruf Hitlers an Partei und Volk« hochlaufen musste, in dem für das Jahr 1942 die militärische Entscheidung angekündigt wurde. Wenn man bedenkt, dass im Winter 1942 die Schlacht um Stalingrad begann, hatte Hitler recht – nur war es der Beginn der endgültigen Niederlage.
Von besonderer Bedeutung ist die ergänzende Dokumentenauswahl. Es beginnt mit der ersten Weisung Hitlers zur Kriegsvorbereitung gegen die Sowjetunion vom Juli 1940 (!), zahlreiche bekannte und weniger bekannte Quellen zur Kriegsplanung und propagandistischen Vorbereitung folgen. Sehr interessant sind Auszüge aus verschiedenen Tagebüchern, Briefen und Memoiren, die die Stimmung in der deutschen Bevölkerung Ende Juni 1941 nachzeichnen lassen. Der katholische Feldbischof sah die faschistische Armee – in der Nachfolge der deutschen Ordensritter – als »Retter und Vorkämpfer Europas«.
Wie diese »Rettung« aussehen sollte, formulierte der Oberbefehlshaber des Heeres von Brauchitsch im Oktober 1941: Der Soldat an der Ostfront sei »Träger einer unerbittlichen völkischen Idee und Rächer für alle Bestialitäten, die deutschem und artverwandtem Volkstum zugefügt wurden.«
Pätzold liefert auch eine Erklärung dafür, warum der Widerspruch zwischen der militärischen Wirklichkeit und ihrer propagandistischen Darstellung nicht handlungsmächtig wurde. Hier trafen Hitlers »Versprechungen und Prophezeiungen mit den Wünschen der Mehrheit der Deutschen zusammen. Und das machte sie wehrlos und unfähig, zu dem Gehörten oder Gelesenen eine kritische Distanz herzustellen. Sie wollten den Krieg nicht verlieren und glaubten Anfang 1942 noch, wenn ihnen der Gedanke an solches Ende überhaupt schon kam, dass sich das vermeiden lasse.« Und diese Grundhaltung prägte – wie wir wissen – die deutsche Mehrheitsgesellschaft bis zum Ende 1945. Pätzolds Dokumentation hilft Nachgeborenen, dieses scheinbar absurde Festhalten an der faschistischen Kriegspolitik bis »fünf Minuten nach zwölf« besser zu verstehen.

Kurt Pätzold, Der Überfall,

Kurt Pätzold, Der Überfall, Der 22. Juni 1941: Ursachen, Pläne und Folgen, 256 S., edition ost, Berlin 2016, 14,99 €

Im Namen der Würde

geschrieben von Axel Holz

7. September 2016

Ein Spielfilm erhellt die Geschichte der »Colonia Dignidad«

Colonia Dignidad – das ist der Name eines 300 Quadratkilometer befestigten und abgelegenen Siedlungsareals in Chile, auf dem Paul Schäfer 1961 zusammen mit anderen Deutschen eine christlich-fundamentalistische, autoritäre Sekte gründete. Gegen Schäfer wurde zuvor in Deutschland wegen Kindesmissbrauchs ermittelt. In der Siedlung wurden die Einwohner streng nach Geschlecht getrennt. Kinder wurden den Eltern entzogen und viele Jungen von Schäfer missbraucht. Die »Kolonie der Würde« basierte auf Unterwerfung der Einwohner in einem nahezu militärisch gesicherten Terrain und existierte wirtschaftlich autark auf der Basis eines zwangsweisen, täglich bis zu 17 Stunden währenden Arbeitsregimes und sektenmäßiger Indoktrination der Bewohner. Aber auch auf der Basis der Zwangsarbeit politischer Gefangener des Pinochet-Regimes, von denen allein 1977 112 auf dem Gelände festgehalten und von chilenischen Geheimdienstmitarbeitern der DINA gefoltert wurden, wie der Colonia-Scherge Gerhard Mücke bestätigte. 2005 räumte er vor Gericht ein, dass er 18 bis 21 Leichen Oppositioneller aus Massengräbern verbrannt habe, um Spuren zu beseitigen.
Hier wurden auch illegal Waffen aus Deutschland beschafft und gehortet, das Giftgas Sarin produziert und verbrecherische medizinische Versuche an Häftlingen durchgeführt. Der Staat im Staate war ein Stützpunkt Chiles für einen möglichen Krieg gegen Peru und Argentinien. Hier befanden sich Sendeanlagen, Flugpisten und Waffen, von denen Fahnder 3,5 Tonnen ausgruben. Nachforschungen des Journalisten Gero Gemballa machten deutlich, dass es mit Paul Schäfer in der Colonia nicht nur einen Täter gab, sondern ein institutionalisiertes Geflecht aus deutschen, chilenischen und internationalen Wirtschafts- und Geheimdienstinteressen. In der Colonia war nicht nur Pinochet mehrfach zu Gast, sondern auch die CSU-Politiker Franz Josef Strauß und Wolfgang Vogelsang. An diesem Interessengeflecht scheiterten über Jahrzehnte alle Versuche, die kriminelle Vereinigung auszuschalten. Erste Berichte von Geflüchteten aus dem Jahre 1966 oder später- 1986 – gegenüber Mitarbeitern der deutschen Botschaft, fanden lange kein Gehör.
Um zwei dieser Geflüchteten geht es nun im gleichnamigen Film von Florian Gallenberger mit Daniel Brühl und Emma Watson in den Hauptrollen. Daniel Brühl spielt den kritischen Fotografen Daniel, der die sozialistische Bewegung in Chile dokumentiert und Plakate für Präsident Allende entwirft. Daniel verliebt sich in die Lufthansa-Stewardess Lena, wird während des Pinochet-Putsches 1973 verhaftet, aus dem berüchtigten Stadion in Santiago in die Colonia Dignidad entführt und dort gefoltert. Seine deutsche Freundin erfährt von seinem Aufenthaltsort und versucht, ihn zu finden, indem sie sich als christliche Interessentin zur Mitarbeit in der Colonia anbietet. Bisher hat, so der Film, kein Mensch die Colonia lebend verlassen. Tatsächlich findet sie ihren Freund, der sich inzwischen, um den Folterungen zu entgehen, debil gestellt hat und in einer Werkstatt unter Aufsicht gestellt wird. In der Sekte ist Lena dem Misstrauen und Drohungen des Sektenführers Paul Schäfer ausgeliefert, der durch den norwegischen Darsteller der Millenium Trilogie, Michael Nyqvist, überzeugend dargestellt wird.
Oscarpreisträger Florian Gallenberg hat die Lebensumstände im hermetisch abgeriegelten Lager sogfältig recherchiert. Die Schilderungen ehemaliger Sekten-Opfer über Folter, Teufelsaustreibungen und den Missbrauch von Kindern hatten ihn tief beeindruckt. Paul Schäfers Kontakte in die deutsche Politik werden zum Schluss des Films angedeutet, als Daniel und Lena die Flucht durch Elektrozaun und Selbstschussanlage gelingt und sie nur knapp einer Auslieferung an Paul Schäfer durch Botschaftsangehörige entgehen, als sie bei der deutschen Botschaft Schutz suchen und Folter-Beweise vorlegen. Der Spielfilm hat die Militärdiktatur in Chile und ihre Verflechtung mit Paul Schäfers Sekte öffentlichkeitswirksam in Erinnerung gebracht. Aber auch die Verstrickung der BRD in das Geschäft der mörderischen Sekte. Dies war ein Auslöser dafür, dass Bundesaußenminister Steinmeier die Geheimhaltung der Unterlagen des Auswertigen Amtes hierzu um zehn Jahre zurückstufte.
Sektenführer Schäfer wurde nach zehnjähriger Flucht 1997 in Argentinien verhaftet und starb 2010 in einem Gefängnis in Santiago. Zahlreiche weitere Täter flohen unbehelligt nach Deutschland in einen sicheren Hafen. Darunter findet sich auch der frühere Sektenarzt Hartmut Hopp, der in Chile zu fünf Jahren Haft verurteilt wurde und sich nach Krefeld absetzte. Er wusste, dass Deutschland seine Staatsbürger nicht ausliefert. Inzwischen wurde auch Hopp wegen Mordes angezeigt. Die Krefelder Staatsanwaltschaft versucht seit Monaten, den chilenischen Antrag auf deutsche Vollstreckung beim Landgericht einzureichen. In Kürze soll es soweit sein. Die deutschen Ermittlungen gegen Hopp verliefen Jahrzehnten ergebnislos, viele Taten sind inzwischen verjährt.

Rainer Thiemann, Dombrowski. Eine Aufklärung über heute noch wirkende Mythen des Nationalsozialismus. Liliom Verlag Waging am See, 184 S., 25 Euro

Die Schublade aufgemacht

geschrieben von Ernst Antoni

7. September 2016

Materialreiches Buch über Nazikünstler mit Nachruhm

Ein »Gebrauchsgrafiker« war er Zeit seines künstlerischen Lebens. Stets bedacht darauf, dass seine Bilder, die gezeichneten, aber noch viel öfter die in Holz geschnittenen und reproduzierten, vielerlei praktische Verwendung finden.
Der in Niederösterreich 1886 geborene und 1985 im oberbayerischen Siegsdorf verstorbene Ernst Dombrowski war durchaus auf die Wirkung seines Werkes bedacht. Ernst von Dombrowski, wie er bis zur »Ent-Adelung« des einstigen k.u.k.-Reiches 1919 hieß – das »von« legte er sich sofort wieder zu, als der auch von ihm persönlich als NSDAP-Mitglied seit 1932 kräftig und militant mit angeschobene »Anschluss« Österreichs ans deutsche NS-Reich bewerkstelligt war. Und arbeitete zielstrebig weiter.
Mochten die politischen Verhältnisse nach dem verlorenen Zweiten Weltkrieg auf den ersten Blick auch noch so gewandelt erscheinen, verstand er es, beständig mitzuschwimmen als Holzschneider und Buchillustrator im künstlerischen Gewerbe. Zwar war der Bedarf an seinen kantig-kernigen Landsknechts- und Soldatenbildern zumindest anfangs eher bescheiden. Die nicht weniger kantigen Dombrowski-Bebilderungen von Hitler-Zitaten in »Ewiges Deutschland – ein deutsches Hausbuch«, zu dem Goebbels einst das Vorwort geschrieben hatte, waren in deutschen und österreichischen Bücherschränken in die zweite Reihen gewandert. Und offiziell »entbräunt« wurde der Künstler dann auch relativ bald von einer Spruchkammer, die ihn als »Mitläufer« einstufte.
Auf seine einstige Kunst-Professur in München hatte er allerdings verzichten müssen. Für diese wurde ihm später jedoch noch eine ordentliche Pension zuteil. Und weil Dombrowski in seinem Fundus überdies zahllose herzige Kinderbildnisse und urige Bauerndarstellungen hatte, geeignet nicht zuletzt für Karten für festliche Anlässe und als Illustrationsmaterial für »Heimatbücher« aller Art und in Deutschland und Österreich treue Abnehmer seiner Bilder musste er bis zuletzt nicht darben.
Möglich wurde ihm dies auch durch ein nicht unbedeutendes Netzwerk von Freunden und Bekannten, einstigen NS-Kampfgefährten, die im Nachkriegs-Österreich oder der Bundesrepublik allmählich wieder als Künstler, Autoren, Verleger kulturpolitisch Tritt gefasst hatten und einander unter die Arme griffen. Unterstützt von manchen anderen nicht unvermögenden Kreisen.
So gibt es heute, dank mäzenatischer Hilfe aber auch den nicht unbeachtlichen Einkünften Dombrowskis geschuldet, eine »Lebens- und Werkschau« in seinem letzten Heimatort Siegsdorf in gemeindeeigenen Räumen. Erinnert wird da bisher, ohne Historisches tiefer auszuloten, an den Orts-Ehrenbürger Dombrowski (seit 1985) und dessen Schaffen. Und eine nach ihm und seiner Gattin benannte Stiftung gibt es auch.
Nun aber hat sich unlängst jemand publizistisch zu Wort gemeldet, der auch in der Gegend daheim ist. Er hat ein Buch verfasst, das im Haupttitel schlicht »Dombrowski« heißt, im Untertitel aber präzisierend: »Eine Aufklärung über heute noch wirkender Mythen des Nationalsozialismus«. Auf insgesamt 184 ausgiebig bebilderten großformatigen Seiten legt Autor Rainer Thiemann, eine historisch-politische Bestandsaufnahme vor.
»Jugendliche, Schüler und Studenten«, schreibt er im Vorwort, »müssen über den Nationalsozialismus informiert werden, gerade weil das Beispiel Dombrowski offenbar die Unbelehrbarkeit, Verschleierung und Verdrängung aufzeigt, mit der nationalsozialistische Eliten in der Bundesrepublik und Österreich ihr zweites, oft erfolgreiches Leben weitergeführt hatten.«
Die Ergebnisse dieser Recherchen machen das Buch über die lokalen Bezüge hinaus so interessant. Bei der Lektüre der durch viele Archivfunde, Literaturverweise und Bildbeispiele belegten Seiten – es ist nicht so, dass es da in den letzten Jahrzehnten nichts Kritisches zum Thema gegeben hätte – springt ins Auge, wie kontinuierlich hier doch über Ländergrenzen und Jahrzehnte hinweg alte Naziverbindungen aufrecht gehalten und gepflegt wurden, welche braunen Netze im deutsch-österreichischen Raum über Generationen hielten. Und mit welchen Mitteln völkische und rassistische Propaganda auch in Ecken und Winkeln betrieben wurde, wo man sie nicht auf Anhieb vermuten würde. Bis heute – mit wechselnden Protagonisten.
In der Heimat des Autors hat sein Buch inzwischen kontroverse öffentliche Diskussionen ausgelöst, vor allem über die Frage, wie weiter mit dem »Museum« und dem Dombrowski-Nachlass umgegangen werden soll. Das »Traunsteiner Tagblatt« zitierte nach einer Veranstaltung mit dem Autor den Ortsbürgermeister: »Wir können die Schublade nicht mehr zumachen«. Das ist doch schon mal was…

Rainer Thiemann, Dombrowski. Eine Aufklärung über heute noch wirkende Mythen des Nationalsozialismus, Liliom Verlag Waging am See, 184 S., 25 Euro

Unser Rücktitel

7. September 2016

Gedenktafel am Stadtwaldgürtel 35 (Köln): Hier residierte 1933 der Bankier Kurt Feiherr vom Schroeder, der Adolf Hitler am 4. Januar 1933 die Unterstützung der NSDAP durch die deutsche Wirtschaft zusicherte.

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Titelbild

9. Mai 2016

Gegendemonstrantinnen am 16. März in Riga. Siehe Artikel Seite 9. Foto: Sputnik

Gegendemonstrantinnen am 16. März in Riga. Siehe Artikel Seite 9. Foto: Sputnik

Editorial

geschrieben von Regina Girod

9. Mai 2016

Das Titelfoto dieser Ausgabe entstand am 16. März bei den Protesten gegen den SS-Gedenkmarsch in Riga. Während fünf Vertreter der VVN-BdA, die an den Protesten teilnehmen wollten, von den lettischen Behörden festgesetzt und umgehend abgeschoben wurden, gelang es einer kleinen Gruppe von Antifaschistinnen aus Deutschland, doch an der Gegenkundgebung teilzunehmen. Die Organisationen »Lettland ohne Nazismus« und das Lettische Antifaschistische Komitee brauchen auch in den nächsten Jahren dringend internationale Unterstützung. Der Bericht aus Riga findet sich auf unserer Seite 9. »Selbstorganisation ist eine Waffe«, mit diesen Worten beschreibt Ali Ahmed, Sprecher der Gruppe Lampedusa aus Hamburg, in einem ausführlichen antifa-Gespräch seine Erfahrungen aus drei Jahren politischer Arbeit in Deutschland (S. 6/7). Dass Flüchtlinge keine »Objekte« sind, die entweder ausgegrenzt und abgewehrt, oder unterstützt und betreut werden müssen, unterstreicht sein eindrucksvoller Bericht über die internationale Konferenz von Geflüchteten und Migranten, die Ende Februar in Hamburg stattfand. Rund 2500 Geflüchtete und ca. 1500 Unterstützerinnen trafen sich hier, um sich über Fluchtursachen und die katastrophale europäische Politik gegenüber Flüchtenden und Geflüchteten, den Stand der Selbstorganisation sowie Perspektiven und Strategien ihres gemeinsamen Kampfes auszutauschen. Das »Spezial« dieser antifa ist der Kampagne »Aufstehen gegen Rassismus« gewidmet, an der sich die VVN-BdA aktiv beteiligt (S. 13-16). Außer den Möglichkeiten, die unser Berliner Büro bietet und den nonpd-Kampagneerfahrungen, die Thomas Willms in die Arbeit ihrer Kampagnegruppe einbringen kann, geht es dabei auch um die künftige Mitarbeit möglichst vieler VVN-BdA-Mitglieder vor Ort. Los geht z. B. im Sommer die Schulung von Teamern, die künftige »Stammtischkämpfer« gegen die Parolen der AfD ausbilden werden. Aber auch die Gründung lokaler Aktionsgruppen von »Aufstehen gegen Rechts« könnte eine Aufgabe für unsere Verbandsmitglieder werden.

Die Ostermärsche machen Mut

geschrieben von Dieter Lachenmayer

8. Mai 2016

Protest und Aktionsbereitschaft sind gewachsen

 

Die Lage ist ernst: In Afghanistan findet der Krieg, mit dem die USA und ihre NATO- Verbündeten das Land seit spätestens 2001 überziehen, noch lange kein Ende, da sind schon zahlreiche weitere Länder der Politik zur Errichtung einer »Neuen Weltordnung« (George Bush, der ältere) zum Opfer gefallen. Der Irak und dann Libyen. Syrien erlebt seit drei Jahren in einem blutigen Krieg, was »regime change« mit Ansage bedeutet. Die Opfer der umkämpften und verwüsteten Landstriche wissen, warum sie die gefährliche Flucht übers Mittelmeer auf sich nehmen und zu Tausenden ertrinken. Damit nicht genug, um sie nicht aufnehmen zu müssen, unterstützten die EU unter deutscher Regie Erdogans Krieg gegen den kurdischen Teil der türkischen Bevölkerung und seinen neoosmanischen Ehrgeiz, die Türkei zur dominanten Regionalmacht zu machen, mit viel Geld, viel Waffen und militärischem Beistand. Deutschland und seine Bundeswehr sind in allen diesen Kriegen mittenmang dabei. Das reicht aber nicht: In Afrika lockt ein rohstoffreicher Kontinent zu weiteren Militär- und Bundeswehreinsätzen. Der Bundespräsident geriert zum Feldprediger und fordert bei jeder unpassenden Gelegenheit mehr militärische Verantwortung ein. Somalia, Sudan, Mali und auch Libyen sind die aktuellen Opfer.

Als ob das nicht genug wäre, suchen sowohl die USA als auch die EU unter deutscher Führung nicht in Partnerschaft, sondern in Konkurrenz in der Ukraine und anderswo am Schwarzen Meer die Konfrontation mit der Atommacht Russland. Auch dort herrscht Krieg.

Und die Friedensbewegung? Die tut sich schwer. Seit Jahren weisen die Umfragen aus, dass eine Mehrheit der Bevölkerung ihre Kernforderungen teilt: Keine Rüstungsexporte, keine Auslandseinsätze der Bundeswehr, Kein Krieg! Und dennoch beschließt eine überwältigende Mehrheit im Bundestag Jahr für Jahr immer wieder genau dies. Die Proteste auf den Straßen, die Aktionen, die die Friedensbewegung organisiert, flauen nicht ab. All die Jahre kamen immer wieder Tausende Menschen zusammen, um gegen Aufrüstung und Krieg zu demonstrieren, mal mehr, mal weniger. Aber sie schwellen auch nicht an, wie es dringend erforderlich wäre, um politisch mehr Wirksamkeit zu entfalten.

Doch die Ostermärsche in diesem Jahr machen Mut. Sie machen gleich dreierlei deutlich:

Die Friedensbewegung gibt es noch. Sie ist aktiv und beharrlich. Sie ist bunt und vielfältig. Sie stößt auf Zustimmung. Sie lässt sich nicht benebeln. Sie weiß, dass Kriege, Kriegseinsätze, Rüstung und Militär nicht dazu dienen »Verantwortung zu übernehmen« sondern Ausdruck einer abgrundtief verantwortungslosen Politik sind.

Protest und Aktionsbereitschaft wachsen. Wie so oft, zunächst nur allmählich. Aber es gibt viele Anzeichen, dass sich das beschleunigen könnte. Es gab nicht nur mehr Ostermarschiererinnen im Frühjahr 2016 als zuletzt, es gab auch mehr Ostermarschorte. D.h. an diesen Orten gab es zumindest neue Impulse, wahrscheinlich auch neue und mehr Menschen, die sich zusammen fanden um aktiv zu werden für den Frieden. Und tatsächlich wurden, z.B. in Stuttgart zwei neue Friedensinitiativen gegründet. Ein Einzelfall? Wenn ja, dann wäre es Zeit, es andernorts zumindest zu versuchen. Die Zeit ist reif.

Und ein Drittes: Die Friedensbewegung braucht neue Ideen, neue Mitstreiter und neue Impulse. Aber eines braucht sie nicht: Eine neue inhaltliche Ausrichtung. Die ‚Neue-Weltordnungs-Politik‘ der weltweit stärksten Militärmacht USA ist ein die Welt im wahrsten Sinne des Wortes verheerendes Übel. Aber nicht das einzige. Es gibt andere Akteure, die dabei sind oder bereit stehen, ihre imperialen Interessen mit Krieg durchzusetzen. Das Wort »Krieg« hat etwas zu tun mit »kriegen« und passt damit reibungslos in die herrschende Ideologie des Neoliberalismus: Jeder nehme sich, was er kriegen kann. Zu diesem Zweck ist der deutsche Militarismus virulent geblieben und wird seit Jahren aufgepäppelt – nicht zuletzt durch die aktuellen Pläne, den Einsatz der Bundeswehr im Innern zu ermöglichen. Und der deutsche Militarismus hat in der Geschichte bewiesen, wozu er fähig ist. Krieg und Faschismus bleiben Brüder des gleichen Geistes mit gleichen Zielen. Gerade deshalb muss der Grundkonsens der Friedensbewegung der alte bleiben: Nie wieder Krieg! Nie wieder Faschismus!

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