Kulmhof – das erste Vernichtungslager

geschrieben von Jutta Harnisch

21. November 2016

Am 8. Dezember 1941 begann die industriemäßige Ermordung der europäischen Juden mit Giftgas

Kulmhof, wie die Nazis den polnischen Ort Chełmno eindeutschend nannten, ist in der öffentlichen Wahrnehmung kaum bekannt und in seiner Bedeutung weithin unterschätzt. Etwa 70 km nordwestlich von Łodz gelegen, war es das erste der sechs großen Vernichtungslager, die die Nazis – alle im besetzten Polen – errichteten. Vor 75 Jahren, am 8. Dezember 1941, begann in Kulmhof die Massentötung der europäischen Juden mit Giftgas.
Als Vernichtungsstätte wurde ab 1. Oktober 1941 ein unbewohntes Gutshaus (»Schloss«) im Dorf Chełmno gepachtet. Das Gelände am Fluss Ner, zu dem ein Park und ein großer Speicher gehörten, wurde mit einem Bretterzaun abgeschirmt und umgebaut. Abgelegen genug, um ungestört morden zu können, war es über Straßen- und Bahnverbindungen gut erreichbar – entscheidend für die Heranführung der Opfer. Im nur wenige Kilometer entfernten Waldstück von Rzuchow wurden die massenhaft anfallenden Leichen verscharrt.

Mitte 1944 wurde Kulmhof kurzzeitig als Vernichtungsort reaktiviert: Das letzte verbliebene jüdische Ghetto im faschistisch besetzten Polen in Łodz sollte »liquidiert« werden. Das Bothmann-Kommando wurde aus Jugoslawien zurückberufen. Um das Waldlager wurde ein Zaun gezogen und zwei Baracken zum Entkleiden aufgestellt, je eine für Männer und Frauen. Zwei Feldkrematorien wurden in Betrieb genommen, zwei Gaswagen trafen ein. Vom 24. Juni bis 15. Juli 1944 wurden noch einmal 7.126 Juden in Kulmhof vergast. Die »restlichen« 68.000 Juden in Łodz wurden im August nach Auschwitz-Birkenau transportiert.

Mitte 1944 wurde Kulmhof kurzzeitig als Vernichtungsort reaktiviert: Das letzte verbliebene jüdische Ghetto im faschistisch besetzten Polen in Łodz sollte »liquidiert« werden. Das Bothmann-Kommando wurde aus Jugoslawien zurückberufen. Um das Waldlager wurde ein Zaun gezogen und zwei Baracken zum Entkleiden aufgestellt, je eine für Männer und Frauen. Zwei Feldkrematorien wurden in Betrieb genommen, zwei Gaswagen trafen ein. Vom 24. Juni bis 15. Juli 1944 wurden noch einmal 7.126 Juden in Kulmhof vergast. Die »restlichen« 68.000 Juden in Łodz wurden im August nach Auschwitz-Birkenau transportiert.

Im Oktober und November 1941 traf das »Sonderkommando Lange« – 15 Angehörige von Sicherheitspolizei und Sicherheitsdienst (SD) Posen sowie rund 90 Ordnungspolizisten – ein. Erster Kommandant wurde der einschlägig erfahrene SS-Sturmbannführer Herbert Lange, der bereits ab Dezember 1939 bis Mitte 1940 ein Sonderkommando befehligte, das Insassen pommerscher, ostpreußischer und polnischer psychiatrischer Anstalten in mobilen Gaskammern tötete.
Seit dem 8. Dezember 1941 wurden zunächst Juden aus der Umgebung und dem Ghetto Litzmannstadt (Łodz) zur Vergasung nach Kulmhof gebracht. Auch nach Łodz deportierte deutsche Juden sowie 4.300 aus dem österreichischen Burgenland stammende Roma gehörten dazu.
Im Schloss sagte man ihnen, es gehe zuerst zum Duschen. Sie mussten sich entkleiden und wurden von den Wachen brutal mit Peitschen über einen schmalen Korridor zur Rampe getrieben. An deren Ende standen drei Gaswagen, in die jeweils bis zu 90 Menschen gepfercht wurden. Waren sie voll, schlossen die SS-Leute die Türen, der Motor wurde angelassen und die Abgase ins Innere geleitet. Nach etwa zehn Minuten waren die Menschen tot. Die Motoren liefen gewöhnlich eine Viertelstunde.
Die Gaswagen fuhren ca. vier Kilometer zum »Waldlager«. Ein jüdisches Arbeitskommando musste die Wagen entladen, Goldzähne ausbrechen und nach Wertgegenständen suchen. Die Leichen musste es in riesige, langgestreckte, mehrere Meter tiefe Gruben schichten und die Lkws reinigen, die anschließend zurückfuhren. Ab Sommer 1942 gab es zwei Feldkrematorien, in denen das Arbeitskommando die Leichen gleich verbrennen, die Reste in Knochenmühlen zermahlen und die Asche in den Fluss schütten musste.
Die Nazis waren bemüht, den Massenmord in Kulmhof geheim zu halten. Doch die Bewohner von Chełmno konnten die Lkws sehen, die zwischen Schloss und Wald pendelten, manchmal hörten sie Schreie. Später waren die Feuer zu sehen, und der Geruch breitete sich bis zu 15 km weit aus.
Schon ab Anfang 1942 kursierten im Warschauer Ghetto Augenzeugenberichte. In der kommunistischen Untergrundzeitung »Morgenfrajhajt« wurde am 9. Februar 1942 die Nachricht einer Frau namens Fala veröffentlicht. Sie hatte am 27. Januar 1942 auf einer Postkaste an Verwandte im Warschauer Ghetto geschrieben: »Sie bringen uns nach Kulmhof und vergasen uns. Dort liegen schon 25.000 Juden. Das Gemetzel geht weiter. …«
Nach zwei Wochen Zwangsarbeit als Totengräber im »Waldlager« konnte am 19. Januar 1942 Szlama Ber Winer fliehen. Er erreichte das Warschauer Ghetto und schrieb auf Bitten der Untergrundbewegung sein Wissen über das Todeslager Kulmhof auf. Es ging unter dem Namen Grojanowski-Bericht an Untergrundvertreter der polnischen Exilregierung.
Am 2. Juli 1942 berichtete die New York Times von Tötungen mit mobilen Gaswagen. Am 2. September 1942 berichtete der polnische Exilpolitiker Szmul Zygielbojm in London von der Judenvernichtung.
Seit Anfang 1943 kamen immer weniger Transporte in Chełmno an: Die jüdische Bevölkerung war, mit Ausnahme der »Arbeitsfähigen« im Ghetto in Łodz, weitgehend vernichtet. Das Arbeitskommando musste nun die Leichen ausgraben, verbrennen und die Knochen zermahlen. Am 7. April 1943 sprengte das SS-«Sonderkommando Kulmhof«, seit April 1942 unter dem Kommando von SS-Hauptsturmführer Hans Bothmann, das Schloss und rückte »zur Partisanenbekämpfung« nach Jugoslawien ab. Innerhalb von 16 Monaten hatte es mindestens 145.000 Menschen ermordet.
Es gab nur drei Überlebende des Vernichtungslagers. Ihnen war die Flucht gelungen: Michał (Mordechai) Podchlebnik, Szyman (Shimon) Srebrnik und Mordechai Żurawski. Sie sagten 1945 vor polnischen Richtern aus, im Eichmann-Prozess bzw. bei Claude Lanzmann für seinen Film »Shoah«. Ihre Lebensinterviews werden in Yad Vashem aufbewahrt.

Gedenkstein mit der Aufschrift Pamiętamy (poln. für »wir erinnern uns« bzw. »wir gedenken«)

Weißwaschung widerlegt

geschrieben von Anne Allex

21. November 2016

Die Firma Salamander war Profiteurin des Naziregimes

Vera Friedländer liefert eine spannende und faktenreiche Auseinandersetzung mit der Firmengeschichte von Salamander in Kornwestheim (Baden-Württemberg). Aus den Schriften des Stadt- und Firmenhistorikers Hanspeter Sturm befördert sie unter Falschdarstellungen, Fehlinterpretationen und Auslassungen die tatsächliche Entwicklung des Unternehmens Salamander zwischen 1933 und 1945 ans Tageslicht. Hierbei nutzt sie Bücher von Anne Sudrow (Der Schuh im Nationalsozialismus), Petra Bräutigam (Mittelständische Unternehmen im Nationalsozialismus) und eigene recherchierte Quellen.

Vera Friedländer: Ich war Zwangsarbeiterin bei Salamander, Verlag Das neue Berlin, Eulenspiegel Verlagsgruppe, Berlin, 2016, 14,99 EUR Als aufsteigender Schuhproduzent war Salamander maßgeblich an der Testung von Ersatzstoffschuhen im KZ Sachsenhausen bei Oranienburg beteiligt. 1940 wurde dazu die berüchtigte »Schuhläuferstrecke«, eine halbrunde Laufbahn von 700 Metern mit 8-10 m Breite und abwechselnden Belägen eingerichtet. Unterernährte Häftlinge mussten dort täglich elf Stunden lang mit 15-30 kg Gepäck auf dem Rücken bis zu 40 Kilometer schnell laufen. Das überlebten nur wenige. Wenn die Direktoren der Lederbetriebe die Gebrauchsspuren und die Haltbarkeit der Schuhe besichtigen wollten, musste das Schuhkommando geschlossen vor den Vertretern der Schuhprüfstelle Aufstellung nehmen und die Schuhe ausziehen.

Vera Friedländer: Ich war Zwangsarbeiterin bei Salamander, Verlag Das neue Berlin, Eulenspiegel Verlagsgruppe, Berlin, 2016, 14,99 EUR
Als aufsteigender Schuhproduzent war Salamander maßgeblich an der Testung von Ersatzstoffschuhen im KZ Sachsenhausen bei Oranienburg beteiligt. 1940 wurde dazu die berüchtigte »Schuhläuferstrecke«, eine halbrunde Laufbahn von 700 Metern mit 8-10 m Breite und abwechselnden Belägen eingerichtet. Unterernährte Häftlinge mussten dort täglich elf Stunden lang mit 15-30 kg Gepäck auf dem Rücken bis zu 40 Kilometer schnell laufen. Das überlebten nur wenige. Wenn die Direktoren der Lederbetriebe die Gebrauchsspuren und die Haltbarkeit der Schuhe besichtigen wollten, musste das Schuhkommando geschlossen vor den Vertretern der Schuhprüfstelle Aufstellung nehmen und die Schuhe ausziehen.

Nach einer knappen Darstellung vom Entstehen der Schuhfirma nimmt Vera Friedländer den weiteren Werdegang des Unternehmens im deutschen Faschismus genauer unter die Lupe. 1933 wird bereits eine schrittweise »Arisierung« im Vorstand des Unternehmens in Angriff genommen. Schlussendlich werden die jüdischen Kapitalgeber kalt gestellt. Anschließend wird die Firma aus der Boykottliste der Nazis gestrichen. Die Anlehnung der Firma an die Nazis beginnt mit einer Spende von 10.000 Reichsmark durch den neuen Firmenchef Alex Haffner zu Hitlers erstem Geburtstag als »Reichskanzler«. Gleich nach den Nürnberger Rassegesetzen von 1935 und weit vor der Reichspogromnacht 1936 »erwirbt« die Salamander AG bereits gut gehende Schuhfirmen aus Offenbach und Speyer. Die Offenbacher J. Mayer & Söhne Leder AG ist 6 Millionen Reichsmark wert, die Besitzer werden mit einer halben Million abgefunden. Das mag damals gerade gereicht haben, um ihr Vermögen aufzulösen und die Ausreise zu bewerkstelligen. Zudem »erwirbt« Salamander noch die württembergische Schuhfabrik Faurndau GmbH und 1937 Anteile der Gerberei Sihler & Co AG. Durch diese Einkäufe wird sie zu einem der größeren Schuhkonzerne neben der Freundenberg AG.
Die Autorin arbeitet an Hand von Fakten heraus, dass neben der Ledergewinnung (durch Raub), vor allem das Lederrecycling und die Gewinnung von Ersatzstoffen für Leder wichtige Schwerpunkte der Firmenstrategie waren. Sie weist darauf hin, wie Ledernachschub in großem Stil aus der Sowjetunion geraubt wurde. Dies war neben der Beschäftigung von mehr als 2000 Zwangsarbeiterinnen und Kriegsgefangenen überwiegend aus Frankreich, Griechenland und weiteren 19 Nationen ein wichtiger Faktor für den Erfolg des Unternehmens. Denn für geraubtes Leder fielen nur Transportkosten an und Zwangsarbeiter waren billig. Wozu angeblich nichts zu finden war, war die Wiederaufbereitung von Leder aus Schuhen, die ermordete jüdische Häftlinge verschiedener KZ zurückließen, und die von Berliner Juden, Polen und Franzosen in der Berliner Köpenicker Straße Nr. 6a-7 in Kreuzberg aufgearbeitet wurden. Obwohl die Firma Salamander zunächst bestritt, damit etwas zu tun zu haben, konnte der Beweis mit Berliner Adressbüchern von 1937 erbracht werden, die die Salamander AG als Betreiber eines Reparaturbetriebes in der Köpenicker Straße 6a ausweisen. Auch in Vera Friedländers Arbeitsbuch ist die obige Adresse auf dem Salamander-Stempel deutlich zu erkennen.
Vera Friedländer ist deshalb so sehr an dieser Unternehmensgeschichte interessiert, weil sie selbst als 16-Jährige Zwangsarbeiterin bei Salamander in Kreuzberg war. Sie ist Tochter einer jüdischen Mutter. Ihr Vater ließ sich nicht scheiden, sondern ging zum Schutz seiner Familie zur Organisation Todt, um »dort seine Wehrwürdigkeit« unter Beweis zu stellen. Vera wurde 1944 zur Zwangsarbeit im Reparaturbetrieb bei Salamander verpflichtet.
Nach einem friedlichen Leben in der DDR, das ihr ein Studium der Germanistik und eine Professur ermöglichte, ist sie als Bundesbürgerin seit 1990 wieder mit rechtsextremistischen Entwicklungen konfrontiert. In diesem Kontext erinnerte sie sich an ihre Jugend, und an die Fragen, die sie als junges Mädchen nicht auflösen konnte: Woher kommen die vielen Schuhe? Wer sind ihre Besitzer? Warum sind die Schuhe nicht mit einer Nummer markiert, damit sie wieder abgeholt werden können? In ihren Recherchen stieß sie auf Salamander (jetzt: Leiser): Sie entdeckte, dass sich das Unternehmen mit seiner Nicht-Verwicklung in die Naziherrschaft schmückte. Und das, obwohl die Schuhproduktion kriegswichtig und die Firma einer der einflussreichsten Schuhproduzenten im damaligen »Dritten Reich« war.
In der zweiten Hälfte ihres Buches skelettiert Vera Friedländer Hanspeter Sturms Legende von den »schützenden Händen über unsere Juden«: Sie berichtet von der weitaus umfangreicheren jüdischen Bevölkerung in Kornwestheim und widerlegt halb- und unwahre Einzelaussagen des »Historikers«. Vera Friedländers Buch ist großartig, weil es zur Aufdeckung der Methodik des Lügens zum Zwecke der Weißwaschung von deutschen Wirtschaftsunternehmen nach dem Zweiten Weltkrieg einen hervorragenden Beitrag leistet.

Vom Überleben im Krieg

geschrieben von Raimund Gaebelein

18. November 2016

Ein viel diskutiertes französisches Buch liegt nun auf Deutsch vor

Ein 20-jähriger französischer Mathematik-Student aus Versailles kommt im August 1943 als Zwangsarbeiter nach Bremen. Für ihn ist die Begegnung mit einer Kultur, die ihn interessiert, trotz aller bedrückenden Umstände, eher ein Ausbruch aus familiärer Enge. Es wirkt wie ein Abenteuer, ein Erlebnis. Die Härte des Krieges spürt Pierre, wie sich der Autor in seinen romanhaften Aufzeichnungen nennt, durchaus – Bombenangriffe, Verdunklung, Ausgangssperre. Von der Zwangsarbeit hätte er sich durch Vermittlung seiner Familie freistellen lassen können. Pierre wählt den schwereren Weg, vielleicht auch, um der zerbrochenen Ehe seiner Eltern zu entfliehen. Er geht auch nicht auf das Angebot seines Vorgesetzten bei den Francke-Werken ein, sich leichtere Arbeitsbedingungen als Dolmetscher zu verschaffen. Pierre versucht, seine Sprachkenntnisse zu verheimlichen. Stattdessen unterstellt er sich Willy Suhr, einem Meister mit Naziparteibuch, der aber eher sein Mentor ist.

Yves Bertho, »Ich war Pierre, Peter, Pjotr«, 520 S. Kellner Verlag, Bremen 2016, 18,90 Euro

Yves Bertho, »Ich war Pierre, Peter, Pjotr«, 520 S. Kellner Verlag, Bremen 2016, 18,90 Euro

Pierre kultiviert eine ambivalente Freundschaft zu Robert, der ihn zu seiner Lagerunterkunft und der Arbeitsstelle begleiten soll. Durch Robert lernt er Ingrid kennen, eine deutsche Offiziersgattin, die sich seiner annimmt. Die Ehe mit ihrem Mann an der Balkanfront ist gescheitert. Mit Robert ist er ihretwegen in einer Art Hassliebe verbunden. Die Schattenseiten der Stadt eröffnen sich Pierre durch seine Bekanntschaft mit Madame Blanche, einer Französin, die ihn von der Notwendigkeit von Schwarzmarktgeschäften überzeugen will. Yves Bertho vermittelt uns einen Eindruck in das zivile Leben einer Stadt im Krieg, in den Willen zur Selbstbehauptung trotz aller widrigen Umstände. Robert und Pierre haben vor allem Kontakte zu anderen Zwangsarbeitern, zu den jungen ukrainischen Frauen, die die Unterkunft sauber halten, zu russischen Kollegen in den Francke-Werken, die Flugzeugmotoren reparieren müssen. Schwerstarbeit, vor allem als er als Strafe einen beschädigten Heizkessel auseinandernehmen muss. Aber daneben machen sie Bekanntschaft mit jungen BdM-Mädchen, die gerne mehr vom Leben draußen wüssten.
Auf den ersten Blick erscheint Yves Berthos Roman wie ein abenteuerlicher Ausflug in eine fremde Welt. Er sprüht vor Lebensfreude inmitten von Bombenhagel und erzwungener Schwerstarbeit. Pierre entwickelt eine enge Beziehung zu einer deutschen Offiziersgattin, er verfügt über mehr Geld und Zigaretten als er ausgeben kann. Er geht lächelnd über Strafen und körperlichen Zusammenbruch hinweg. Pierre scheint den Ausbruch aus seinem Elternhaus zu genießen. Er ist kein Kollaborateur, die Zwangslage ist real, in der er sich befindet. Helga Bories-Sawalla weißt in ihrem Nachwort darauf hin, dass der Roman bei seinem Erscheinen 1976 in Frankreich heftige Debatten auslöste. Auf der Höhe der Entschädigungsdebatte Ende der 90er Jahre hatte sie mehrfach heftige Diskussionen bei der Vorstellung des Originalromans im Institut Français. Über das zivile Leben in Bremen 1943/45 hatte ich Gelegenheit immer wieder mit dem niederländischen Zwangsarbeiter Cees Ruijter zu sprechen, der auf der A.G. Weser in Gröpelingen Elektrokarren fuhr. Manche seiner Erfahrungen korrespondieren mit denen Yves Berthos. So beschreibt er die Lebensmittelbeschaffung durch Aufnahme persönlicher Bindungen mit jungen deutschen Frauen. Für Westeuropäer war das durchaus möglich.

Lob des Vergessens

geschrieben von Thomas Willms

18. November 2016

Eine Polemik gegendie »Mythologisierung von Geschichte«

Das Vergessen hat generell keinen guten Ruf. Das fängt schon im Kleinen an (»Hast du das etwa schon wieder vergessen?«), gewinnt seine volle Wucht aber erst im Kollektiven (»Niemals dürfen wir vergessen«!). Die Streitschrift »In Praise of Forgetting« des US-Intellektuellen David Rieff richtet sich gegen diese moralische Gewissheit. Ihr Hintergrund sind Rieffs Erfahrungen aus den Balkankriegen der 90er Jahre. Damals munitionierten sich alle Kriegsparteien des zerfallenden Jugoslawiens mit Geschichten aus der Geschichte. Das ging bei den Serben bis zur Schlacht auf dem Amselfeld 1389 zurück, die man immer noch nicht verwunden haben wollte. Aus dem Zweiten Weltkrieg war für alle etwas dabei: die kroatische Kollaboration durch das Ustascha-Regime, die Wirren des Partisanenkrieges gegen die Deutschen und untereinander, die Repressalien durch die siegreichen Tito-Partisanen.
Die Identifikation konnte sich dabei sowohl auf die Opfer, als auch auf die Täterseite beziehen. Was dabei jedenfalls nicht herauskam, war die Schlussfolgerung, die man gegenwärtig in Deutschland für selbstverständlich hält, nämlich dass das Erinnern an Krieg und Mord ein Weg zu Frieden und Aussöhnung sein soll.
Rieff differenziert zwischen individueller Erinnerung und »kollektiver Erinnerung«. Letztere ist für ihn nur eine Metapher, wenn auch eine sehr wirkungsvolle. In Wirklichkeit sei diese nichts anderes als der Versuch, einem jeweiligen Ist-Zustand im Rahmen kultureller und politischer Kämpfe höhere Weihen zu verleihen.

David Rieff: In Praise of Forgetting. Historical Memory and its Ironies, Yale University Press 2016, 145 Seiten, 15,95 €

David Rieff: In Praise of Forgetting. Historical Memory and its Ironies, Yale University Press 2016, 145 Seiten, 15,95 €

Die wichtigsten weiteren Beispiele außer dem Balkan sind für ihn der Irland-Konflikt und der Südstaaten-Kult in den USA. Dass immer noch, oder schon wieder, die Flagge der »Konföderierten Staaten von Amerika« vor öffentlichen Gebäuden im Süden der USA hängt, hält er für einen Skandal, den er mitverantwortlich für den weiterbestehenden Rassismus mit seinen tödlichen Folgen macht.
Mit Bezug auf Nordirland und den Balkan folgert er, dass sich über Generationen, wenn nicht Jahrhunderte gezeigt habe, dass Erinnerung der »toxische Klebstoff ist, der alten Hass und gegensätzliche Martyriologien zementiert hat.« Rieff fragt: »Trotz des überwältigenden Konsenses für das Gegenteilige, zeigen nicht die historischen Fakten, dass in der Welt wie sie ist und nicht wie Philosophen sie haben möchten und vielleicht eines Tages auch sein wird, dass das … was die Gesundheit von Gesellschaften und Individuen gesichert hat, nicht die Fähigkeit zur Erinnerung, sondern die zum Vergessen ist?« Gesellschaften sollten zwar »Erinnerungen« kultivieren, aber nur dann – und das sei ein großes aber – sofern dies keinen zukünftigen Horror befördere.

Rieff lehnt die Mythologisierung von Geschichte, selbst im bestgemeinten Sinne, ab und will die Geschichtswissenschaft im Gegensatz zur Erinnerungspolitik stark machen. Vor allem wehrt er sich gegen einen »moralischen Freifahrtsschein«, den »Erinnerung« regelmäßig bekomme. Ebenso unausweichlich wie tröstlich ist ihm, dass buchstäblich alles eines Tages vergessen werde.
Rieff zeigt sich in seinem Essay als westlicher Gelehrter alten Schlages. Er schöpft aus einem schier unerschöpflichen Fundus an Lyrik, Literatur, Philosophie, der Geschichte der Geschichtswissenschaft, nicht zu vergessen religiöser Literatur. Allein das macht die Lektüre zum Genuss, verschleiert aber auch ein wenig die Probleme mit seiner Polemik. So kann er eigentlich nicht beantworten, wodurch eine gänzlich mythenlose Gesellschaft eigentlich zusammengehalten werden soll. Auch stört ein gewisser, bei älteren Intellektuellen nicht seltener Kulturkonservatismus, der außer der eigenen Geisteswelt nichts gelten lassen will. Die moderne Medienwelt versteht er nur ungenügend, hält sie per se für minderwertig und übersieht so, dass ihre Produkte so gut oder schlecht zur Entmystifizierung beitragen wie andere Medien auch.

Helft den Gefangenen

geschrieben von Michael Dandl

18. November 2016

Erster Band der Schriftenreihe zur Geschichte der Roten Hilfe erschienen

Mit der seit September 2016 vorliegenden Arbeit Silke Makowskis wird zum ersten Mal ein ausführlicher erinnerungspolitischer Text veröffentlicht, der sich vertiefend und klar konturierend mit der unerträglichen Situation auseinandersetzt, in die eine in der Weimarer Republik aufgebaute Massenorganisation nach der Machtübertragung an die Faschisten geraten war. Der 120 Seiten umfassende, durchweg bebilderte DIN A4-Band mit dem Titel »Helft den Gefangenen in Hitlers Kerkern« beschäftigt sich mit der Roten Hilfe Deutschlands (RHD) in der Illegalität ab 1933.

Silke Makowski: »Helft den Gefangenen in Hitlers Kerkern«. Die Rote Hilfe Deutschlands in der Illegalität ab 1933, Schriftenreihe des Hans-Litten-Archivs zur Geschichte der Roten Hilfe [Band 1], Herausgegeben vom Hans-Litten-Archiv, München im September 2016: Verlag Gegen den Strom, Brosch. DIN A4, 120 Seiten, ISBN 3-9809970-4-9, Preis: 7,00 €.

Silke Makowski: »Helft den Gefangenen in Hitlers Kerkern«. Die Rote Hilfe Deutschlands in der Illegalität ab 1933, Schriftenreihe des Hans-Litten-Archivs zur Geschichte der Roten Hilfe [Band 1], Herausgegeben vom Hans-Litten-Archiv, München im September 2016: Verlag Gegen den Strom, Brosch. DIN A4, 120 Seiten, ISBN 3-9809970-4-9, Preis: 7,00 €.

Mit ihm ist es nun möglich, sich einen nahezu kompletten Zugang zu verschaffen zu den antirepressiven Konfliktlinien in einem an die Schaltstellen der Staatsmacht gehievten Herrschaftssystem des offenen Terrors und der nahezu lückenlosen Ausmerzung aller als »volksgemeinschaftsgefährdend« Deklarierten. Politische Repression ist zwar immer der auf das jeweilige Regime »zugeschnittene« Versuch, grundlegenden Wandel der Verhältnisse dauerhaft zu verhindern; aber die hierfür zur Verfügung stehenden Mittel können sich derart divergierend materialisieren, dass das für die von ihrem Einsatz Betroffenen den Verlust ihres Arbeitsplatzes, ihrer Gesundheit, ihrer Freiheit, ihres sozialen Umfelds oder eben ihres eigenen Lebens bedeuten kann.
Der Band ist in sieben große Themenblöcke ge-gliedert, die je nach Fülle des zur Verfügung stehenden Materials in aller Ausführlichkeit präsentiert werden: Nach einem kurzen historischen Abriss über die RHD in der Weimarer Republik -beginnt die Arbeit mit dem ersten großen Kapitel, das sich dem Übergang dieser Massenorganisation in den Untergrund widmet und die jeweils zum Tragen kommenden Formen der klandestinen Solidaritätsarbeit sowie den illegalen Apparat der RHD beschreibt. Das zweite Kapitel handelt von Rote-Hilfe-Zellen in der Provinz, gefolgt von einem Abschnitt über die unter ständiger Lebensgefahr entstehenden Druckschriften der RHD in der Illegalität. Im folgenden Text zur Situation von Frauen in der verbotenen RHD spürt Makowski den Gründen nach, die dazu führten, dass sich auch die Arbeit in der Klandestinität nicht zu einer reinen Männerdomäne entwickeln konnte, sondern viele Genossinnen eine aktive Rolle in der »Solidaritäts- und Kampffront« spielten. Auf ein Kapitel zu den RHD-Grenzstellen und zur internationalen Emigrantinnenarbeit folgt ein ausführlicher Text, der sich intensiv mit dem faschistischen Staatsterror gegen RHD-Aktivisten beschäftigt, der direkt nach dem Reichstagsbrand mit der Stürmung der Räumlichkeiten der sozialistischen Massenverbände und einer damit einhergehenden gewaltigen Verhaftungswelle eingeläutet worden war. Gesondert geschildert werden die letzten Jahre der Roten Hilfe, die anhand zweier Widerstandsgruppen veranschaulicht werden. Den Abschluss bildet ein fünfseitiger Exkurs zum politischen Exil in der Sowjetunion, in dessen Verlauf viele dorthin geflüchtete Rote Helfer und Helferinnen in den Strudel der Stalinschen »Säuberungen« gerieten.
Mit diesem Band wird die mühevolle Aufgabe in Angriff genommen, Antirepressionsarbeit im Rahmen einer strömungsübergreifenden, linken Solidaritätsorganisation punktgenau in die jeweils um sie herum installierte staatliche Herrschaftsarithmetik einzubauen und auf der Basis der bisher gemachten Erfahrungen nach gangbaren Wegen Ausschau zu halten, die Zugriffsmöglichkeiten des nach innen und außen aufgerüsteten politischen Systems permanent ins Leere laufen zu lassen. Dass antirepressives Engagement an keiner Stelle der Geschichte jemals einen Punkt der »absoluten Sicherheit« vor staatlichen Angriffen erreichen konnte, beweist nur, dass der politische Feind Mittel anwendet, die bisweilen auch ins Eliminatorische gehen können.

 

Kunst – Geschichte – Politik

geschrieben von Ulrich Schneider

15. November 2016

Auf dem Weg zu einer politischen »documenta 14« 2017 in Kassel

Die weltgrößte Ausstellung zeitgenössischer Kunst, die alle fünf Jahre stattfindende »documenta« in Kassel, wirft ihre Schatten voraus und wird auch für Antifaschisten wieder einmal interessante Objekte bieten. Wie in allen früheren Ausstellungen werden Kritiker sicherlich auch dieses Mal Belanglosigkeiten und Überflüssiges finden. Aber aus der Konzeption und allen bisher bekannten Hinweisen wird deutlich, wie politisch sich die »documenta 14« versteht.
Dazu gehört zuerst ein künstlerischer Brückenschlag von Kassel nach Athen, der anfangs Lokalpolitiker in helle Aufregung versetzte, da man befürchtete, die documenta solle aus Kassel verlegt werden.
Dagegen begründet der künstlerische Leiter Adam Szymczyk diese Verbindung mit der aktuellen politischen und sozialen Situation in Griechenland – einem Land unter der Kontrolle der Troika –, das auch schon im Zweiten Weltkrieg durch italienische und deutsche Okkupation unter fremder Kontrolle stand. Folgerichtig fanden erste Präsentationen des documenta-Konzepts in Athen an historischen Orten statt, die mit der Zeit der faschistischen Besetzung und der Militärjunta in den 60er Jahren verbunden sind.
Ein zweites Signal zur historischen Perspektive sendete Szymczyk, als er schon 2015 vorschlug, die Sammlung der NS-Raubkunst von Cornelius Gurlitt im Kontext der »documenta 14« zu präsentieren. Er verstand dies als Anknüpfung an die erste »documenta«, auf der Arnold Bode als »politische Wiedergutmachung« Werke der Nazi-Präsentation »Entartete Kunst« nun als anerkannte Kunstwerke 1955 in Kassel gezeigt und damit die Tradition der documenta begründet hatte.
Ein weiteres – nicht so öffentliches – Signal ist die Tatsache, dass Adam Szymczyk zusammen mit seinem Kuratoren-Team die Kasseler VVN schon 2015 gebeten hat, mit ihnen einen Stadtrundgang auf den Spuren von Widerstand und Verfolgung durchzuführen. Die intensiven Gespräche und Nachfragen auf diesem Rundgang zeigten, dass sich das Kunst-Team bereits intensiv mit dem historischen Ort und seiner Geschichte auseinandergesetzt hatte. Dieser Rundgang wurde später mit Künstlern der documenta und zukünftigen pädagogischen Betreuern wiederholt, da auch diese ein Interesse an diesem Teil der Kasseler Geschichte hatten.
Schon jetzt ist bekannt, dass sich verschiedene Kunstwerke bewusst mit der Geschichte auseinandersetzen werden. Exemplarisch sei nur auf das Projekt der argentinischen Künstlerin Marta Minujin »Der Parthenon der Bücher« verwiesen. Auf einer Grundfläche von 30 x 70 Metern – der Grundfläche des historischen Parthenon-Tempels auf der Akropolis – soll vor dem Eingang der documenta ein Metallgerüst errichtet werden, das mit bis zu 100.000 Büchern verkleidet werden soll, die in aller Welt gesammelt werden. Das Gemeinsame dieser Bücher ist, dass sie in ihren Ländern nach Jahren des Verbotes oder der Zensur wieder verlegt wurden oder trotz Verbot in anderen Ländern hier zugänglich sind. Die Idee eines solchen Kunstwerkes hatte Minujin schon einmal realisiert, nämlich 1983 in Buenos Aires, als sie 25.000 durch die Militärjunta verbotene und eingelagerte Bücher auf diese Weise präsentierte und anschließend verschenkte.
In Kassel wird diese Installation auf dem Friedrichsplatz gezeigt, wo am 19. Mai 1933 der »Kampfbund für deutsche Kultur« die Bücherverbrennung, die »Aktion wider den undeutschen Geist« inszenierte. Auf diesem Platz fanden auch die so genannten »Reichskriegertage« zur ideologischen Vorbereitung des Zweiten Weltkrieges statt. Und an diesem Platz befindet sich auch das Fridericianum, die ehemalige Landesbibliothek, die während eines alliierten Bombardements zerstört wurde. Als Folge der faschistischen Kriegspolitik verbrannte damals ein Buchbestand von 350.000 Bänden.
Die Bücher für die Installation von Marta Minujin sollen – beginnend mit der Frankfurter Buchmesse – weltweit gesammelt werden. Eine Projektgruppe an der Universität Kassel wird die eingegangenen Spenden sichten, katalogisieren und auf der documenta-Webseite dokumentieren.
Vor dem Hintergrund einer solch politischen documenta ist es nur folgerichtig, dass während der 100 Tage der »documenta 14« auch die Ausstellung »Antifaschistischer Widerstand in Europa« zu sehen sein wird. Verbunden mit dem Projekt »Bewahrung der Erinnerung – preserving memories« versteht sie sich als antifaschistische Ergänzung im Sinne des künstlerischen Ansatzes der documenta. Parallel zur Ausstellung finden Zeitzeugengespräche, Lesungen, Filmvorführungen und weitere Veranstaltungen statt. Träger der Ausstellung sind die FIR, das »Institut des Vétérans«, die Stadt und der Landkreis Kassel sowie die Volkshochschule.

Nazi-Bauschrott aufgehübscht

geschrieben von Detlef Peikert

15. November 2016

Einstige Mörderschule ist nun ein Touristenzentrum

In der Eifel oberhalb der Urfttalsperre sind die Umbauarbeiten der ehemaligen NS-Ordensburg Vogelsang abgeschlossen. Am 11.September hat die Betreibergesellschaft »Vogelsang IP«(Internationaler Platz) damit die lange angekündigte Ausstellung über die ehemalige »NS-Ordensburg Vogelsang« in der Eifel eröffnet. Unter der Überschrift »Bestimmung: Herrenmensch. NS-Ordensburgen zwischen Faszination und Verbrechen« wollen sich die Betreiber auf 750 Quadratmetern an den unterschiedlichsten Aspekten der NS-Ordensburgen abgearbeitet haben. Untersucht wurden Anspruch und Wirklichkeit des elitären NS-Schulsystems und was aus den Schülern geworden ist, von denen viele später in den Verwaltungen der von den Nazis besetzten Länder eingesetzt wurden und z.B. als Gebietskommissare für die  Ermordung zigtausender Menschen verantwortlich waren.
Der Umbau kostete ca. 45 Millionen Euro, ein Großteil dieses Geldes entstammt Fördertöpfen der EU. Mit dem Argument, Arbeitsplätze zu schaffen, wurde die unterentwickelte Eifelregion gekauft, dem Projekt Vogelsang zuzustimmen. Entstanden ist das »Forum Vogelsang IP«, von dem die Betreiber erhoffen, einen »touristischen und bildungspolitischen Leuchtturm der Region« erschaffen zu haben.
Neben »Bestimmung: Herrenmensch« wurde eine weitere Dauerausstellung  eröffnet: »Wildnis(t)räume« für die Natur des Nationalpark Eifel. Daneben wurde in den letzten Jahren bereits eine »Akademie Vogelsang IP« gegründet, die Geländeführungen und ein breites Bildungsprogramm für Jugendliche und Erwachsene bereithalt.
Auf der offiziellen Eröffnungsfeier am 11. September 2016 sprach die NRW-Familienministerin Christina Kampmann vom größten Konversionsprojekt seit 25 Jahren, weil die Anlage zuvor sechs Jahrzehnte militärisch genutzt worden war. An die Konversion durch die Nazis wurde nicht erinnert, denn das Gelände gehörte bis 1933 den freien Gewerkschaften.  Das Ministerium wolle ausreichend Mittel im Rahmen der Grundförderung für NS-Erinnerungsorte bereitstellen, um Vogelsang als Lernort für Demokratie und Verantwortung zu etablieren und Menschenfeindlichkeit zu begegnen. Für den Bundesbeauftragten für Kultur und Medien ergriff Dr. Günter Winands das Wort. Im Rahmen der neuen Gedenkstättenkonzeption der Bundesregierung wurde und wird Vogelsang als Erinnerungsort von Tätern gefördert, um anhand von Täterbiographien aufzeigen zu können, wie Menschen Teil der Tötungsmaschinerie der Nazis wurden. Er sprach von einem Spannungsverhältnis »Faszination und Verbrechen«, das in Vogelsang thematisch und aufklärerisch aufgegriffen werde.

Ausstellung »Bestimmung: Herrenmensch«

Die zentrale Ausstellung »Bestimmung: Herrenmensch. NS-Ordensburgen zwischen Faszination und Verbrechen« stellt die Geschichte Vogelsangs und das Leben der NSDAP-Ordensjunker in hunderten Dokumenten dar. Eindrucksvoll vermittelt wird der Versuch der NSDAP, Führer für den Führerstaat heranzubilden und diese vollends rassistischer Ideologie, dem Führerprinzip und dem Anspruch des arischen Herrenmenschen zu unterwerfen. Die Ausstellung wirft in gelungener Weise einen Blick auf die Täter von Vogelsang, die Ordensburgschüler inbegriffen. Insoweit kann die Ausstellung auch als Lernort einen Beitrag gegen Menschenfeindlichkeit leisten. Abzuwarten ist, ob auch Nazis sich dort angezogen fühlen.

Ausstellung »Wildnis(t)räume«

Die Nationalpark-Ausstellung »Wildnis(t)räume« ist ebenfalls in dem Besucherzentrum untergebracht, das über den alten »Adlerhof« betreten wird und in die unteren Geschosse der Burganlage führt. In einer  großartigen Ausstellung wird den Besuchern die Natur (nicht nur) des Nationalparks Eifel nahe gebracht. Es ist ein emotionales Erlebnis, in den Ausstellungsräumen die reiche Vielfalt der Natur sehen, hören und sogar riechen zu können. Besonders jene, die den Nationalpark Nordeifel als Erholungsgebiet mit wunderbaren Wanderwegen zu genießen wissen, werden diese Ausstellung schätzen. Aber einen Grund, diese Ausstellung in NS-Gemäuer unterzubringen, wussten die Ausstellungsmacher nicht zu nennen. Außer einem – Geld. Die Fördermittel, die diese Ausstellung ermöglicht hatten, waren gebunden an die NS-Ordensburg.

Ist der Nazicharakter gebrochen?

Es gab bei einigen Verantwortlichen das Ziel, der Anlage mit dem Umbau eine »neue Identität« zu geben. Die Ausstellung »Bestimmung: Herrenmensch« leistet tatsächlich einen Beitrag zur Mahnung zu Demokratie und Toleranz. Die Frage ist dennoch, ist das Ziel, den Nazi-Charakter der Burg und seiner Bestandteil zu brechen, erreicht? Die Zweifel sind stark, denn der Umbau der NS-Ordensburg hat die alte Anlage vollends erhalten, ihre architektonische Anlage wurde nicht gebrochen, im Gegenteil, der neue Eingang ins Besucherzentrum ist eine optische Aufwertung der im Kern unberührten, im Detail aber aufwendig sanierten NS-Anlage.

Relativ breiten Raum nehmen auch jüngste Forschungsergebnisse ein, die das verbrecherische Wirken des Führernachwuchses in den besetzten Gebieten zeigen. Die meisten der Vogelsang-Täter sind später in der Bundesrepublik nicht weiter strafrechtlich belangt worden.

Relativ breiten Raum nehmen auch jüngste Forschungsergebnisse ein, die das verbrecherische Wirken des Führernachwuchses in den besetzten Gebieten zeigen. Die meisten der Vogelsang-Täter sind später in der Bundesrepublik nicht weiter strafrechtlich belangt worden.

Überzeitliche Karikaturen

15. November 2016

Eine Ausstellung mit Arbeiten des Künstlers Josef Čapek

Wenn hierzulande von tschechischer Literatur und Kunst die Rede ist, wird oft der Name Karel Čapek (1890 – 1938) genannt. Verhältnismäßig selten fällt der Name seines drei Jahre älteren Bruders, des 1887 im nordostböhmischen Hronov geborenen Malers und Schriftstellers Josef Čapek. Ihm war bis Anfang November eine Ausstellung in der Dortmunder Gedenkstätte Steinwache gewidmet. Und die wird ab 11. November in Recklinghausen, Hohenzollernstr. 12 fortgesetzt.
Sofern Josef Čapeks Werk gewürdigt wird, erfolgen meist Hinweise auf den liebevollen Kinderbuchautor und -illustrator. In der Tat ist er in erster Linie durch Publikationen solcher Art international bekannt geworden, vor allem durch sein 1929 erschienenes Buch »Geschichten vom Hund und der Katze… Geschrieben und gezeichnet für die Tochter Alenka und alle Kinder dieser Welt«. Mit der Welt des Kindes hat er sich bis zuletzt befasst. Noch während seiner letzten Lebensjahre – in Konzentrationslagern, darunter Buchenwald – entstanden entsprechende Zeichnungen und Gedichte. Jedoch auch politische Kunstwerke. Ihr Schöpfer bezahlte für sie letztlich mit seinem Leben. Nach fest sechsjähriger Haft und Qual in verschiedenen Konzentrationslagern starb Josef Čapek kurz vor Kriegsende 1945 im Lager Bergen-Belsen.
Mit Heraufziehen des deutschen Faschismus und dem Wirken des Naziablegers in der Tschechoslowakei, der Henlein-Partei, widmete sich Josef Čapek vor allem der politischen Karikatur. Die Wanderausstellung »Geschichte aus der Nähe. Politische Karikaturen aus der Tschechoslowakei von Josef Čapek u.a. aus der Zeit von 1933-1938« ist dem letzten Abschnitt des Wirkens Čapeks gewidmet. Es ist die Zeit, da ein Dr. Walter Becher, sudentendeutscher Politiker und »Heim ins Reich«-Trommler sowie späterer CSU-Abgeordneter, Nazipropaganda macht und dabei auch die »Reichspogromnacht in Böhmen« feiert.

Kinderbuch "Geschichte vom Hund und Katze.."

Kinderbuch „Geschichte vom Hund und Katze..“

»Diese Karikaturen Čapeks sind – leider – überzeitlich«, erklärten später die Dortmunder Schriftsteller Max von der Grün und Josef Reding. Die Ausstellung der Hagener Čapek-Gesellschaft zeigt neben den Karikaturen Grafiken aus der Prager Tageszeitung »Sozialdemokrat« sowie aus der ebenfalls in Prag erschienenen Satirezeitschrift »Der Simpl«. Erst 2008 erschien in Prag ein Band mit publizistischen Beiträgen Josef Čapeks aus der Zeit von Januar 1912 bis August 1939. Seit 1921 zählten die Brüder Čapek zur Redaktion der in Brno (Brünn) erscheinenden Tageszeitung »Lidové noviny« (»Volkszeitung«). Für diese Zeitung zeichnete Josef Čapek in den Jahren 1933–1938 seine – bis heute nur selten gewürdigten – politischen Arbeiten. Ein großer Teil hiervon ist in dem 1949 erst- und letztmals erschienenen Sammelband »Dejiny zblizka« (»Geschichte aus der Nähe«) enthalten.
Die Brüder sahen kritisch auf einen bedenkenlos akzeptierten Fortschritt. Die Begriffe »Roboter« und »Automat« haben sie geschaffen. Lange vor Hiroshima sagten sie die mögliche Vernichtung der Menschheit mit Massenvernichtungsmitteln voraus. Fortschritt könne zu einem Niedergang menschlicher Kultur und menschlicher Zivilisation führen. Hiermit ist ein Motiv angesprochen, das sich wie ein roter Faden durch das Werk der Brüder Čapek zieht, und 1937 im Josef Čapeks Zyklus »Die Diktatorenstiefel« wiederkehren wird: »Je größer der« – ständig wachsende – »Stiefel, umso geringer« die Bedeutung des Bürgers, der schließlich durch den Stiefel zertreten wird und damit einer eigenen Schöpfung zum Opfer fällt.
Immer wieder thematisieren Josef Čapeks Graphiken die alarmierenden Nachrichten aus Deutschland. Sie entstanden auch unter dem Eindruck japanischer und italienischer Aggressionen sowie des Spanischen Bürgerkriegs und schließlich des Münchner Abkommens, – sie muten wie ein verzweifelter Aufschrei an, gerichtet an ein mehr und mehr abstumpfendes Publikum. Manch eine Karikatur könnte während des Krieges oder gar später entstanden sein. Eindrucksvoll widerlegen lässt sich anhand dieser Bilder die immer noch oft verfochtene These, man habe von Vernichtungs-und Kriegsplänen des NS-Regimes und anderer Staaten beim besten Willen nichts erahnen können.
Die Čapek-Gesellschaft hat bereits mehrere Ausstellungen zum Leben und Wirken der Brüder Čapek auf die Beine gestellt. Die Arbeiten der Čapek-Brüder haben nie an Aktualität verloren, betonte Dr. Ulrich Grochtmann von der Čapek-Gesellschaft. Er wünscht sich, dass gerade vor der heutigen gesellschaftlichen Entwicklung, ihre Arbeit wieder mehr Aufmerksamkeit bekommt. Ulrich Sander

Čapek-Gesellschaft für Völkerverständigung und Humanismus e.V., Kontaktadresse: Dr. Ulrich Grochtmann, Gerhard Hauptmann Str. 4, 58093 Hagen, Tel. 02331 54028

Unser Titelbild:

13. September 2016

Die Einweihung der Gedenktafel an die XIV BI in Lopera (Andalusien), mit Almudena Cros (Vors. der AABI, vorn links mit Kind), der Bürgermeisterin und Freunden am 9. April 2016

Die Einweihung der Gedenktafel an die XIV BI in Lopera (Andalusien), mit Almudena Cros (Vors. der AABI, vorn links mit Kind), der Bürgermeisterin und Freunden am 9. April 2016

Editorial

geschrieben von Regina Girod

13. September 2016

Machen wir den Monat Oktober zum Monat des Gedenkens an die Internationalen Brigaden, die vor 80 Jahren gegründet wurden! Diesem Aufruf sind wir mit dieser Ausgabe der antifa gefolgt und behandeln, wie schon einmal vor 15 Jahren, das Thema »Internationale Brigaden und Spanischer Bürgerkrieg« in ihr als Schwerpunkt aus verschiedenen Perspektiven. Besonders stolz sind wir darauf, dass sich fünf internationale Spanienkämpferorganisationen in unserem »Spezial« (Seiten 13 – 17) selbst vorstellen. Ohne die Arbeit vieler Mitglieder des Vereins »Kämpfer und Freunde der Spanischen Republik 1936-1939« (KFSR) wäre das nicht möglich gewesen. Stellvertretend für allen möchte ich der Vorsitzenden Dr. Kerstin Hommel für die Kommunikation mit den Partnerverbänden, Angelika Becker, Marguerite Bremer und Victor Grossman für die Übersetzungen, den Autoren Dr. Werner Abel, Peter Rau und Victor Grossman für ihre Beiträge sowie Jordi Banque de Doz und Hans-Jürgen Schwebke für ihre Mitarbeit an den Projekten, über die wir berichten, herzlich danken. Wenn sich Freunde und Angehörige der Interbrigadisten aus vielen Ländern im Oktober in Spanien treffen, können wir diese antifa als Gastgeschenk mitbringen.
Für mich ist in dem Heft der Beitrag der beiden polnischen Autoren Jeremi Galdamez und Maciej Sanigórski (Seite 16) besonders wichtig. Er zeigt, wie aktuell die Werte der Internationalisten im Spanischen Bürgerkrieg und deren Verteidigung auch heute noch sind. Als Vertreterin des KFSR konnte ich im Juli an der Veranstaltung zum Gedenken an die polnischen Freiwilligen in Warschau teilnehmen und war sehr beeindruckt von dem Engagement und der politischen Haltung der jungen Organisatoren. In Rahmen des Kulturprogramms wurden da auch Ausschnitte aus einem Interview mit dem Spanienkämpfer Eugeniusz Csyr gezeigt, der oft unser Gast in Berlin gewesen ist. Nach seinem Tod hatten wir den Kontakt zu den polnischen Kameraden verloren. Nun sind sie in der Generation der Urenkel in den internationalen Kreis der Freunde der Spanienkämpfer zurückgekehrt.

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