Ein Schuldspruch hätte genügt

11. Januar 2017

antifa-Gespräch mit Jürgen Weber über das Vermächtnis der Opfer

antifa: Wie bist du darauf gekommen, einen Film über das Massaker deutscher SS-Truppen in dem italienischen Ort Sant´Anna di Stazzema zu drehen, ein Ereignis, das mehr als 70 Jahre zurückliegt?
Jürgen Weber: Es war notwendig diesen Film zu machen. So traurig und armselig das ist, die Massaker und Kriegsverbrechen der Wehrmacht und SS in Italien an überwiegend Frauen und Kindern sind auch über 70 Jahre danach in Deutschland kaum bekannt. Geschweige denn wurden sie hier juristisch aufgearbeitet. Zu Beginn meines Dokumentarfilms steht ja die Aussage von Herrn Gauck, der Rechtsstaat habe keine Mittel mehr zur Strafverfolgung. Diese Aussage ist natürlich Unsinn. Der Politik und der Justiz fehlt einzig der Wille, nicht die Mittel.

antifa: Du hast alte Männer und Frauen vor die Kamera geholt, die das Massaker als Kinder überlebt haben. Ihr ganzes Leben war von diesem Ereignis überschattet. Dein Film aber heißt »Das zweite Trauma«. Was ist damit gemeint?
Jürgen Weber: Die Überlebeden sind als Kinder teilweise buchstäblich den Leichenbergen der Erschießungen von Zivilisten entstiegen. Zum Teil sind sie im Alter von unter zehn Jahren die einzigen Überlebenden ihrer Großfamilie. Jeder und jede geht anders mit diesem schweren Trauma um. Ab 2002 fanden in Italien Ermittlungen und ein Prozess statt bei denen diese Kinderopfer ihr persönlichen Schweigen durchbrachen und Zeugenaussagen machten. In Italien wurden die Mörder ihrer Angehörigen nur in Abwesenheit verurteilt.
Das zweite Trauma ist die Nichtanerkennung der Schuld der noch lebenden Täter in Deutschland. Das war ein echter Schock für die Überlebenden. Das zweite Trauma ist also mehr als ein griffiger Filmtitel. Es ist real. So real, dass der Überlebende Enio Mancini im Film sagt es bereite ihm manchmal physische Schmerzen. Diese Anerkennung der Schuld hätte genügt. Erstaunlich genug, dass alle Überlebenden im Film die alten Männer nicht mehr hinter Gittern sehen wollen. Der Schuldspruch hätte genügt.

Jürgen Weber - Eine zweite Motivation zu diesem Film war die Tatsache, dass es über 70 Jahre danach mit die letzten Zeitzeuginnen und Zeitzeugen dieser Massaker sind, die noch berichten können. Mir war klar, ich mache diesen Film jetzt oder nie.

Jürgen Weber – Eine zweite Motivation zu diesem Film war die Tatsache, dass es über 70 Jahre danach mit die letzten Zeitzeuginnen und Zeitzeugen dieser Massaker sind, die noch berichten können. Mir war klar, ich mache diesen Film jetzt oder nie.

antifa: In deinem Film kommen neben den Betroffenen auch Historiker, Journalisten, ein italienischer Militärstaatsanwalt und nicht zuletzt die Rechtsanwältin Gabriele Heinicke zu Wort, die alle darum gerungen haben, den Opfern von S. Anna, wenn auch spät, Gerechtigkeit zu verschaffen. Mit der Eistellung des letzten Verfahrens vor einem deutschen Gericht ist dieses Ansinnen gescheitert. Ist das nicht eine herbe Enttäuschung?
Jürgen Weber: Die Kumpanei in der deutschen Justiz mit den in Italien durch alle Instanzen verurteilten Mördern ist unerträglich. Wir sind es den Opfern schuldig es so deutlich zu sagen. Im Fall S. Anna kam es in Deutschland nicht einmal zur Anklage vor einem ordentlichen Gericht. Das haben Staatsanwälte verhindert. Das schadet dem Ansehen eines Rechtsstaats. Das ist die Realität.Eigentlich dürfte das eine Gesellschaft nicht hinnehmen. Ich komme ja aus dem grün-schwarzen Baden-Württemberg, da scheinen sich politische Schizophrenien gerade zu etablieren. Auf der einen Seite glaubt man fest daran, eine humane Flüchtlingspolitik zu vertreten, auf der anderen ist man Vorreiter einer erbarmungslosen Abschiebepolitik. Ein ähnliches Phänomen haben wir in den letzten zwei Jahren im Kino erlebt. Zwei große Doku-Dramen, zuletzt »Der Staat gegen Fritz Bauer«, machen den Staatsanwalt zum Leinwand-Helden deutscher Nachkriegsgeschichte. Ein Gegenmodell zum braunen Mief in den Behörden und Ministerien. Viele gehen aus den Kinos und sind auf der Seite Fritz Bauers. Kaum jemand nimmt zur Kenntnis, dass genau dieser Mief bis heute wirkt. Fritz Bauer war ein Einzelfall. Bis heute. Er und alle mit ihm haben verloren oder besser ausgedrückt, die Gerechtigkeit hat nicht gewonnen. Das dokumentiert mein Film am Beispiel S. Anna.

antifa: Du hast mehr als vier Jahre an dem Film gearbeitet. Was nimmst du persönlich an Erfahrungen daraus mit?
Jürgen Weber: Nicht nur die Empörung und Wut über den Schutz der Mörder und das erneute Unrecht an den Überlebenden. Ich habe tolle Menschen kennen gelernt. Freundschaften sind gewachsen. Das hört sich vielleicht seltsam an, aber wir hatten viel Freude bei der Arbeit und bei den Begegnungen. Ich habe schon in den 1990er Jahren von ehemaligen Partisanen im Piemont erfahren, dass es nicht von Bedeutung ist, ob du Deutscher oder Italiener bist. Es geht nur darum, ob du Antifaschist bist. Dann bist du auch Teil der Resistenza und einer von ihnen. Ich trage aus der gemeinsamen Zeit auch eine Botschaft vom Überlebenden und Nebenkläger Enrico Pieri in mir. Er kann selbst dem grausamen Massaker, das seine Kindheit und fast sein Leben zerstört hat etwas Positives abgewinnen. Die Gräuel des Faschismus haben uns über 70 Jahre Frieden in Europa gebracht. Gerade in diesen Tagen müssen wir diese Erinnerung wach halten und diesen Frieden verteidigen. Das ist das Vermächtnis der Toten und der Überlebenden des Massakers von Sant´Anna di Stazzema.

 

Charisma der Kollaboration

geschrieben von Nils Becker

11. Januar 2017

Ein niederländischer Film beschäftigt sich mit der Zeit der Nazi-Okkupation

Andries Riphagen, einem Amsterdamer Kriminellen, der sich während der deutschen Besatzung (1940 – 1945) an dem Eigentum deportierter Jüdinnen und Juden bereicherte, ist nach einem Buch (2010), einer Fernseh-Serie (2013) nun auch ein Film gewidmet worden. Dabei bewegt man sich nahe am historischen Vorbild: Riphagen, 1909 in Amsterdam geboren, wurde Ende der 20er Jahre zur Führungsfigur der Amsterdamer Unterwelt. Er trat früh in die Nationaal-Socialistische Nederlandsche Arbeiderspartij (NSNAP) ein.

Riphagen (2016), 133min, Regie: Pieter Kuijpers, in Deutschland nur auf Netflix zu sehen

Riphagen (2016), 133min, Regie: Pieter Kuijpers, in Deutschland nur auf Netflix zu sehen

Während der deutschen Besatzung war er Vertrauensmann des SD und bei der »Zentralstelle für jüdische Auswanderung« beschäftigt. Über seine Kontakte ins Rotlichtmilieu spürte er untergetauchte Juden auf und war damit ein wichtiges Mitglied der »Kolonne Henneicke«, die als »Hausratserfassungsstelle« Besitztümer von Jüdinnen und Juden beschlagnahmte und der deutschen Besatzungsmacht übergab (jedenfalls sollten sie das). Nach dem Krieg verhalf ihm der neu gegründete niederländische Geheimdienst im Austausch für Informationen zur Flucht nach Argentinien. Riphagen wurde erfolglos angeklagt und starb 1973 ohne bestraft worden zu sein. Der Film beleuchtet seine Zeit bei der Kolonne Henneicke bis zu seiner Flucht. Eindrücklich wird geschildert, wie er sich als Judenretter ausgibt um die sich anvertrauenden Menschen und all ihre Bekannten zu bestehlen und deportieren zu lassen. Hängen bleibt, dass ein naiv-chaotisch organisierter Widerstand letztlich Schuld an seiner Straffreiheit ist.

Schlechtes Beispiel

Laut dem Produzenten und Regisseur, Pieter Kuijpers, wolle man an dem Beispiel Riphagens zeigen, dass die Niederlande auch ein Land von Opportunisten und Antisemiten waren. Abgesehen davon, dass diese Erkenntnis nicht gerade neu ist, gelingt es mit dem Gangster-Porträt »Riphagen« nicht, solch ein Geschichtsbild zu vermitteln. Warum beispielsweise 60.000 Niederländer, trotz der Demütigungen durch die Besatzungsmacht, freiwillig in der Waffen-SS kämpften, erfahren wir nicht. Einblicke in den antisemitischen Polizeiapparat werden gegeben, aber ohne Kontextualisierung. Das meiste bleibt im Dunkeln oder verlangt dem Publikum viel historisches Wissen ab. Dass »Riphagen« kein Aufklärungsfilm ist, mag ihm verziehen werden, aber dass die Nazi-Kollaborateure filmästhetisch besser weg kommen als der Widerstand ist schwer zu akzeptieren. Denn mit dem charismatischen Riphagen wird nahe-zu ein Anti-Held zu Anne Frank aufgebaut. Gezeigt wird nämlich ein Mann, der zwar brutal und rücksichtslos gegen seine Gegner vorgeht, sich aber schützend vor die Seinen stellt und durch psychologische Tricks aus jeder Situation als Sieger hervorgeht. Ein Unterwelt-Boss, der sich ohne moralische Bedenken und nur im Sinne seiner Geschäfte in den Dienst der neuen Macht stellt, ist zumindest kulturgeschichtlich schon lange rehabilitiert. Solche Ganoven sind positive Identifikationsfiguren – ihr Leben ist spannend und sie sind erfolgreich. Allein die körperliche Erscheinung des Riphagen-Darstellers, der alle anderen in seiner Präsenz überragt, sorgt für einen fatalen positiven Gesamteindruck. Vor allem weil er nie an seinem Tun zweifelt, nie Schwäche zeigt, nie so menschelnd daherkommt wie beispielsweise die ständig mit sich hadernden Widerstandskämpfer- und kämpferinnen. Halten wir fest: Während Anne Frank durch ihr Schicksal des jahrelangen Untertauchens, des Verrats, der Deportation und Ermordung Berühmtheit erlangte, bezieht Andries Riphagen seine Popularität aus seiner Eloquenz, Gewalttätigkeit und endlosem Glück. Über Anne wissen wir durch ihr Tagebuch fast alles. Über den Amsterdamer Judenjäger Andries Riphagen und seine Motivation werden uns nur Klischees angeboten. Beim uninformierten Publikum bleibt folgendes hängen: »Die Atmosphäre ist von der Musik bis zur Optik stimmig und gab mir damit leichten Zugang zur Geschichte.« (aus einem Internetforum). Die Ganoven-Story mag einen Einstieg bieten, führt aber auf die falsche Fährte. Nils Becker

Von »unwertem« Leben

geschrieben von Axel Holz

11. Januar 2017

Ein berührender Film über die Nazi-«Euthanasie«

Ernst Lossa gehört zur einer Bevölkerungsgruppe von Fahrenden, die von den Nazis als »Zigeuner« verfolgt wurden. Weil die Mutter tot ist und der Vater keinen festen Wohnsitz hat, wird er als vermeintlich schwer Erziehbarer in verschiedene Heime eingewiesen und schließlich in die Heilanstalt Irsee bei Kaufbeuren verlegt, wo er am 8. August 1944 mit einer Giftspritze ermordet wird. Der Film zeigt nur die sich schließende Tür, hinter der die Krankenhelfer mit der Todesspritze verschwinden und verzichtet auf die Dokumentation des viele Stunden dauernden Sterbens. Der aufgeweckte und schlaue Junge mit einem Hang zum Subversiven gilt den Nazis und auch dem Anstaltsleiter und seinen Helfern als »sozialer Schädling«. Er ist einer von 200.000 Menschen, die im Rahmen der T4-Aktion seit Kriegsbeginn als Psychatriebewohner systematisch ermordet wurden. Die Nazis hatten bis Kriegsbeginn gewartet, um nach der Diskriminierung, systematischen Ausgrenzung und Sterilisierung von Behinderten und Unangepassten deren Ermordung zu organisieren. Nachdem der Mord in sechs eigens dafür eingerichteten Tötungseinrichtungen ruchbar wurde und vor allem aus Kirchenkreisen Protest laut wurde, wurde der auffällige Transport der Behinderten in die Vergasungsanstalten gestoppt und heimlich als »wilde Euthanasie« weitergeführt. Die Patienten wurden nun mit Gift, Medikamentenüberdosierungen oder Nahrungsentzug vor Ort ermordet.

Die Mordpraxis in einer Psychiatrieeinrichtung während der Nazizeit ist Gegenstand des Filmes, in dessen Mittelpunkt ein 13-Jähriger Junge steht.

Die Mordpraxis in einer Psychiatrieeinrichtung während der Nazizeit ist Gegenstand des Filmes, in dessen Mittelpunkt ein 13-Jähriger Junge steht.

Regisseur Kai Wessel verlässt sich in seinem Film auf die Wirkung bewusst gewählter unspektakulärer Bilder des Kameramannes Hagen Bogdanski und die Selbstentlarvungskraft der instrumentalisierten Sprache. Sebastian Koch entfaltet in seiner Idealrolle die Janusköpfigkeit des Anstaltsleiters Dr. Veithausen. Während er sich scheinbar liebevoll um seine ihm anvertrauten Patienten kümmert, erweist er sich hinter verschlossener Tür als gnadenloser Karrierist. Für jeden durchgestrichenen Namen auf der Liste der Heiminsassen geht ein Tötungsauftrag an die Pflegehelfer – die skrupellose Krankenschwester Edith Kiefer (Henriette Confurius) und den humpelnden Pfleger Hechtle (Thomas Schubert). Letzterer bewegt sich zwischen Unterwerfung und verbleibenden Humanitätsimpulsen, die letztlich aber durch in Aussicht gestellte Tötungsprämien mörderisch übergangen werden. Krankenschwester Edith ist von ihrer Tötungsabsicht überzeugt, als sie dem 13-jährigen Lossa ihr Kindheitserlebnis von dem Reh mit den beiden gebrochenen Hinterläufen erzählt, das sie gern geheilt hätte, das aber von ihrem Vater »erlöst« worden sei. Hier blitzt die pervertierte Rhetorik eines unmenschlichen Systems auf, das sich den Anstrich strenger Wissenschaftlichkeit gegeben hatte, während Schwester Edith den auf der Todesliste stehenden Kindern die Giftdosis mit Himbeersaft verabreicht und ihnen damit das Sterben »versüßt«.
Dass in einer Atmosphäre der Ausgrenzung und Diskriminierung auch menschliche Entscheidungen möglich sind, zeigt das Verhalten der Ordensschwester Sophia (Fritzi Haberland). Sie wechselt die Seiten, als sie die Mordpraxis der Anstaltsleitung erkennt, versteckt ein bedrohtes Kind und versucht einen weiteren Mord durch das Verschütten des Giftbechers zu verhindern. Ihre Entscheidung ist umso bemerkenswerter, als ihr die kirchliche Unterstützung versagt bleibt, die sie während einer Audienz beim zuständigen Bischof erwartet. Hinter einer Mauer aus Feigheit und höflicher Diplomatie bleibt sie mit ihrer Gewissensentscheidung allein und zeigt menschliche Haltung. Auf Letzteres läuft es wohl immer hinaus, ob mit oder ohne Nazi-Regime.
Dr. Valentin Faltlhauser, wie der Anstaltsleiter tatsächlich hieß, wurde nach dem Krieg zu einer dreijährigen Haftstrafe verurteilt, aber 1954 wegen vermeintlicher Haftunfähigkeit begnadigt. Krankenschwester Pauline Kneissler, reale Vorlage der Kiefer-Figur im Film, wurde wegen mehr als 200 nachgewiesenen Tötungen zu vier Jahren Haft verurteilt. Nach ihrer vorfristigen Entlassung arbeitete sie wieder als Kinderkrankenschwester.
»Nebel im August« ist ein berührender Film über »Euthanasie«, der ohne brutale Szenen auskommt, die konkrete Verstrickung der Täter sichtbar macht und uns zu menschlichen Entscheidungen mahnt.
Axel Holz

»Nebel im August«, 2016, 126min, Regie: Kai Wessel.

Demo mit »Geleitkultur«

geschrieben von Ernst Antoni

21. Dezember 2016

Ums bayrische Integrationsgesetz herum ist was los

Anton Hirtreiter, Landesleiter für Postdienste, Speditionen, Logistik von ver.di Bayern und altgedienter Gewerkschaftsfunktionär, befand danach, »dass die Polizei mit dem massiven Auftreten und insbesondere mit der provokativen Ausrüstung von vornherein klar gemacht« habe, dass »nach ihrer Meinung äußerst ›radikale‹ GewerkschafterInnen als Demonstranten unterwegs« seien: »Das letzte Mal als ich ein ähnlich beklemmendes Gefühl hatte, war vor einigen Jahren in Istanbul, als wir gegen die Kündigung von Gewerkschaftern bei UPS demonstrierten.«
Nun waren es ja nicht allein Gewerkschaften, die sich im Oktober in München zur Demonstration und Kundgebung gegen den CSU-»Integrationsgesetz«-Entwurf mit seinem völkischen »Leitkultur«-Leitmotiv zusammengefunden hatten, sondern ein großes Organisationenbündnis von Sozialverbänden (etwa der Caritas), unterschiedlichsten Initiativen, nicht zuletzt auch Selbsthilfegruppen der von diesem Gesetz besonders Betroffenen: Flüchtlinge, Migrantinnen und Migranten. Dabei waren aber auch die Fraktionsvorsitzenden von SPD und Grünen im Landtag, MdBs und MdLs dieser Parteien und von den Linken.Wem galt das martialische Polizei-Geleit, das (nicht nur) den Kollegen Hirtreiter seit dem Demo-Auftakt am DGB-Haus irritiert hatte. In einem »schwarzen Block« hätten, hieß es danach offiziell, »Autonome« etwas »Bengalisches« gezündet. Außerdem seien dort Transparente unzulässigerweise »verknotet« gewesen. Weshalb ein »Zugriff«, verbunden mit hartem körperlichen und sonstigem Hilfsmittel-Einsatz unbedingt nötig gewesen sei. Wie auch immer: Praktiziert wurde eine »Geleitkultur« nicht neuer, sonst aber meist nur bei großen Events wie der »Sicherheitskonferenz« und anderen »Gipfeln« eingesetzten Art. Anton Hirtreiters Fazit: »Wer dabei war, hat gesehen, wie sehr die Staatsregierung vor den Menschen Angst hat.«

Editorial

geschrieben von Regina Girod

21. Dezember 2016

Am 9. November 1938 organisierten die Nazis deutschlandweit Pogrome gegen jüdische Mitbürger und ihre Einrichtungen und leiteten damit die entscheidende Phase einer Vernichtungspolitik ein, an deren Ende die industrielle Ermordung von 6 Millionen europäischen Juden stand. Das erste von sechs großen Vernichtungslagern wurde 1941 in Chełmno (deutsch Kulmhof) errichtetet. Über dieses heute kaum bekannte Lager berichtet Jutta Harnisch auf Seite 25 dieser Ausgabe. Außerdem erinnern wir an die so genannte »Polenaktion« Ende Oktober 1938, die in unmittelbarem Zusammenhang mit den Novemberpogromen stand. Im Rahmen dieser Aktion wurden Tausende jüdische Menschen polnischer Herkunft aus deutschen Großstädten ins polnische Grenzgebiet deportiert. (S.20-21)
Breiten Raum nimmt in dieser Ausgabe aber auch die Auseinandersetzung mit der aktuellen politischen Situation ein. Nach den Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin geht die AfD gestärkt in den Bundestagswahlkampf. Was können demokratische Kräfte dem entgegensetzen? Auf Seite 3 analysiert Thomas Willms die Lage und kommt zu dem Schluss: »Die Hauptstärken der AfD sind die halbe Panik in den Reihen der großen Parteien, die Beflissenheit der Medien ja keinen ›besorgten Bürger‹ zu übersehen und die erkennbare Schwäche ihrer Gegner.« Der Vorstandsvorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland, Aiman A. Mazyek, forderte in seiner Rede am 3. September in Berlin insbesondere die konservativen Parteien auf: »Setzt euch mit dem Populismus handfest und scharf auseinander und streicht vollständig die Strategie gegenüber der AfD: Kopieren oder Ignorieren!« (S. 12)
Die bedrohliche Rechtsentwicklung in Europa zeigt sich auch in unseren Nachbarländern Österreich und Frankreich. In Österreich wird die Stichwahl für das Amt des Bundespräsidenten am 4. Dezember wiederholt, in Frankreich der nächste Präsident (oder die erste Präsidentin) im kommenden Jahr am 7. Mai gewählt. Aus diesem Anlass beschäftigen wir uns in der Rubrik »Internationales« mit den Programmen der FPÖ (S.22) und des Front National (S.23).

Unser Titelbild

21. Dezember 2016

Stolpersteine für Opfer der »Polenaktion« (s. auch Seiten 20/21) 1938 in Berlin-Pankow. Foto: W.Girod

Stolpersteine für Opfer der »Polenaktion« (s. auch Seiten 20/21) 1938 in Berlin-Pankow. Foto: W.Girod

Wo bleibt der Aufschrei?

geschrieben von Thomas Willms

21. Dezember 2016

NPD und AfD nach den Wahlen

Nehmerqualitäten kann man der NPD, mit ihrer an Debakeln reichen Geschichte, nicht absprechen. So wusste ihr Vorsitzender Frank Franz, der sich für eine Filmrolle als Hauptsturmführer nicht sonderlich umschminken müsste, kürzlich im hauseigenen »DS-TV« aus der Niederlage in MV noch das Beste zu machen. Trotz größter eigener Leistung im Wahlkampf sei man gegen den Trend nicht angekommen. Paradoxerweise ist dieser Trend genau der, auf den man selber immer hingearbeitet hat: Eine breite Welle der Ablehnung von Einwanderern und Flüchtlingen, gepaart mit einem diffusen Gefühl nationalen Aufbegehrens, was will man eigentlich mehr als neofaschistischer Kader? Leider habe die Konkurrenz davon profitiert, obwohl es dieser an der notwendigen inhaltlichen Eindeutigkeit mangele. Man werde nun eben einfach weiterarbeiten, das Abebben der Zustimmung für die AfD abwarten und am Ende eines »Drei-Jahres-Planes« in Sachsen wieder in den Landtag einziehen und selber die Ernte einfahren. Natürlich setzt dies voraus, dass man das Verbotsverfahren überlebt. Franz graut offensichtlich vor der Urteilverkündung, die noch in diesem Jahr zu erwarten ist. Vom Scheitern des Verbotsantrages muss er vor der Kamera aber natürlich ausgehen.
Diese Haltung ist nicht völlig unrealistisch. Einerseits wird allerorten bereits wieder kräftig gegen ein NPD-Verbot angeschrieben, andererseits weiß im Grunde auch niemand, wie es mit der AfD weitergehen wird. Das Ausmaß an Macht und Einfluss, das diese Partei in drei Jahren haben wird, ergibt sich im Kräftefeld der eigenen Organisation, ihres Unterstützerumfelds, ihrer bürgerlichen Konkurrenten und ihrer Gegner. Für sich allein genommen wirkt die AfD auch noch nach ihren neuerlichen Wahlerfolgen als Ganzes eher blass. So wird ihr Berliner Spitzenkandidat Georg Pazderski es wohl nicht zum Star im politischen Show-Business bringen, wohingegen sein Kollege Leif-Erik Holm in MV fleißig quasselt ohne je auf den Punkt zu kommen. Der Online-Auftritt der Partei, aber auch ihr interner Infodienst »AfD kompakt« sind kaum der Rede wert. Die wichtigen Fragen zur Partei, allen voran die nach dem Grad ihrer Faschisierung, werden immer noch eher in der »Jungen Freiheit« und sogar in »Zuerst!« behandelt.

Demonstration von "Aufstehen gegen Rassismus". Kleiner Aufschrei vor den Wahlen in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin a, 3. September (Foto: U. Stephan, r-mediabase)

Demonstration von „Aufstehen gegen Rassismus“. Kleiner Aufschrei vor den Wahlen in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin a, 3. September (Foto: U. Stephan, r-mediabase)

Derweil geben reihenweise Politiker anderer Parteien, aber auch Medienschaffende dem gefühlten Druck der AfD nach, den diese selbst noch gar nicht voll entfalten kann. Dies gilt zuallererst für die CSU, deren Vorsitzender nur noch »Obergrenze!« zwischen den Zähnen hervorbringt. In der CDU beginnen sich bei den Kandidatenaufstellungen für die nächste Bundestagswahl Personen durchzusetzen, die ebenso gut für die AfD kandidieren könnten. Für den Wahlkreis Potsdam bestimmte die CDU z.B. Saskia Ludwig, die vor wenigen Jahren mitsamt ihren guten Beziehungen nach Rechtsaußen ausrangiert worden war.
Etwas mehr realistische Untergangsstimmung wäre währenddessen in der SPD vonnöten, die sich auch nach den größten Wählerklatschen immer noch für einen Sieger hält. Ihr Bundesvorsitzender Gabriel, dem man persönlich die Ablehnung faschistischer Widerlinge ohne weiteres abnimmt, kann sich nicht entscheiden, ob er die CDU von links oder von rechts kritisieren soll. MVs Ministerpräsident Sellering ist da eindeutiger. »Merkel ist schuld an den Flüchtlingen, deshalb SPD wählen!« kann man seine Haltung zusammenfassen.
Und bei der Linken stellt Frau Wagenknecht mit steigender Intensität die Eindeutigkeit des antifaschistische Renommees der Partei in Frage – etwa  durch gemeinsame Medienauftritte mit Frauke Petry, was an sich schon ein »no go« ist. Noch beunruhigender ist allerdings ihre Rhetorik, an der Diskursanalytiker ihre Freude haben werden, so durchsetzt ist sie mit widersprüchlichen und eben auch nationalistischen Halbsätzen. Wird jetzt wohl »Merkel muss weg!« zum übereinstimmenden Schlachtruf Rechter und Linker?
Den erhofften gesellschaftlichen Aufschrei nach den neuerlichen Wahlerfolgen der AfD hat es nicht gegeben. Wo bleiben die beinharten Kriegserklärungen der Gewerkschaften an ihren natürlichen Feind? Ginge es nach »Ver.di publik«, einer der größten Zeitungen Deutschlands, wüsste man gerade so eben, dass es da irgendwie ein Problem gibt. Man fürchtet wohl Austritte, würde man offen gegen die AfD schreiben.
Da war selbst die Katholische Kirche konsequenter, die die AfD von ihrem Kirchentag ausschloss, übrigens im Gegensatz zu den Evangelischen. Die Hauptstärken der AfD sind die halbe Panik in den Reihen der großen Parteien, die Beflissenheit der Medien ja keinen »besorgten Bürger« zu übersehen und die erkennbare Schwäche ihrer Gegner.

Zweitstärkste Kraft

geschrieben von Axel Holz

18. Dezember 2016

Die AfD ist in Mecklenburg-Vorpommern bei den Landtagswahlen bei gestiegener Wahlbeteiligung mit 20,8 Prozent zweistärkte Kraft geworden. Der neuen und alten großen Koalition aus SPD und einer mit 19 Prozent geschwächten CDU stehen nun Linke und AfD als Opposition gegenüber. Wenige Tage nach seiner Nominierung verlor der als CDU-Justizminister aufgestellte Sascha Ott seine Kandidatur auf dem CDU-Parteitag, weil er AfD-Seiten mehrmals geliked hatte. Die AfD war im nördlichsten Bundesland bereits in alle Kreistagen vertreten. Unter den gewählten Landtagsabgeordneten findet sich nur eine Frau, dominieren aber zahlreiche Männer aus etablierten Gesellschaftskreisen, wie der Amtsrichter aus Greifswald und stellvertretende Fraktionschef, Matthias Manthei, der Moderator eines privaten Radio-Senders und Fraktionschef Leif-Erik Holm und AfD-Landeschef Holger Arppe, der bereits wegen Volksverhetzung verurteilt wurde.
In der AfD-Fraktion finden sich zahlreiche Mitglieder mit rechter Gesinnung, z.B. ein Autor der »Jungen Freiheit«, ehemaliges Mitglied der Schillpartei und Anhänger der rechtslastigen Burschenschaft Rugia Greifswald. Die AfD wird zukünftig dem Finanz- und Innenausschuss im Landtag vorsitzen. In der ersten Sitzung nach seiner Konstituierung wird sich der Landtag mit einer Änderung des Landesverfassungsschutzgesetzes befassen. Aus der AfD kommt dann ein Vertreter in die Parlamentarische Kontrollkommission, die den Geheimdienst kontrolliert, zukünftig an hochsensible Informationen. Das erscheint absurd angesichts der Nähe einiger AfD-Abgeordneten zur vom Geheimdienst überwachten »Identitären Bewegung«.

Als Landtagsvizepräsidenten hatte die Fraktion den Greifswalder Professor für Zivilrecht, Ralph Weber, aufgestellt, der aber vom Parlament abgelehnt wurde. Weber zeigte sich in der Universität mehrfach in Kleidung eines bei Nazis beliebten Labels und hatte einen »Reichsbürger« zu einem Vortrag an die Universität eingeladen. Weber war neben Manthei und dem 69-jährigen Jürgen Strohschein in Vorpommern direkt gewählt worden

Militarisierung der EU

geschrieben von P.C . Walther

18. Dezember 2016

Verschärfung statt Lösung der Probleme

Die Militarisierung der EU, wie sie entsprechend dem von den Staats- und Regierungschefs der EU in Bratislava vereinbarten Fahrplan vorangetrieben werden soll, hat im Wesentlichen zwei Ziele: Sie soll zu einer starken »interventionsfähigen« Militärmacht führen und dabei die Rolle und die Position (»europäische Autonomie«) gegenüber den USA stärken, und sie soll den bereits betriebenen Ausbau der Festung Europa sichern und weiter verstärken. Das Ganze ist ein umfassendes Militarisierungsprogramm.
Die EU ist zweifelsohne brüchig. Das wird nicht nur am Brexit deutlich, auch an den Differenzen in der Behandlung respektive Nichtbehandlung von Flüchtlingen und an der durch die Austeritätspolitik verursachte zum Teil katastrophalen Lage in den betroffenen Ländern. Weil aber die Ursachen dieser Zustände von den Verursachern natürlich nicht angegangen werden, soll mit der Schwerpunktsetzung aufs Militärische zugleich versucht werden, die brüchig gewordene EU zu stabilisieren. Stabilisierung der EU durch Militarisierung.
Das aber kann letzten Endes nicht gelingen. Ebenso wenig wie militärische Mittel zur Lösung eines Konfliktes taugen, genau so wenig kann und wird die Militarisierung zur Lösung der gegenwärtigen Probleme und Schwierigkeiten der EU führen.
Im Gegenteil. Mit der Steigerung der Ausgaben für den Auf- und Ausbau der EU-Militärmacht, für alles, was zu diesem Zweck erfolgen soll, so z.B., wie ausdrücklich vermerkt, die Steigerung der Rüstungshaushalte, die Schaffung zusätzlicher militärischer Einrichtungen, Mittel für Rüstungsforschung und Rüstungswirtschaft usw., – alle diese Mittel werden dem zivilen Sektor, dem was sozial, kulturell, ökonomisch und ökologisch notwendig und sinnvoll ist, entzogen. Das löst die Probleme nicht, sondern verschärft sie.
Und es steigert die Kriegsgefahr. Wenn es z.B. in dem Militarisierungsprogramm der Verteidigungsminister von Deutschland und Frankreich, von der Leyen und Le Drian, heißt: »Unser mittelfristiges Ziel ist es, der EU angemessene Fähigkeiten… für die Planung und Durchführung von militärischen Missionen und Operationen zur Verfügung zu stellen«, dann ist damit nichts anderes gemeint als die Fähigkeit zur Kriegsführung. In Verbindung mit der von EU-Kommissions-Präsident Juncker erhobenen Forderung, die EU müsse »mehr Härte« zeigen, bekommen die militärischen Auf- und Ausbauprogramme eine wenig friedvolle Orientierung.
Mit der Absicherung der Festung Europa auch auf afrikanischem Boden durch entsprechende Mittel und Maßnahmen, wie sie die Abkommen und Vereinbarungen mit dort Herrschenden zum Inhalt haben, wird die Militarisierung auch auf Gebiete außerhalb Europas ausgedehnt. Mittel für »grenzsichernde« Maßnahmen und Einrichtungen und das entsprechende Personal sind in diesen Programmen ausdrücklich vorgesehen.
Sie sollen die flüchtenden Menschen von Europa fernhalten. Und sie stärken die dort herrschenden Diktatoren und Despoten – und damit wiederum die Fluchtursachen.

Entschädigung jetzt!

geschrieben von AK-Distomo, Hamburg

18. Dezember 2016

Forderungen der griechischen Opfer der NS-Kriegsverbrechen sind nicht erledigt

Der griechische Ministerpräsident Alexis Tsipras erklärte zuletzt am 16.8.2016, während der Ge-denkfeier für die Opfer eines Wehrmachts-Massakers in dem nordgriechischen Dorf Kommeno, Athen werde »auf diplomatischer und falls nötig auf gerichtlicher Ebene« gegen Berlin vorgehen, sollte die Bundesregierung sich weiterhin weigern, in Reparationsverhandlungen einzutreten.
In dem kürzlich veröffentlichten Abschlussbericht des parlamentarischen Ausschusses für die Reparations- und Entschädigungsforderungen Griechenlands wird die deutsche Reparationsschuld auf 269 Milliarden Euro beziffert. Der Bericht listet die bis heute offenen Ansprüche auf Reparationen und Entschädigungen auf.
Behauptungen der Bundesregierung, die Reparationsfrage sei »erledigt«, treffen nicht zu, denn Deutschland hat seine Schulden gegenüber Griechenland bis heute nicht bezahlt. Tatsächlich ist die Zahlung der 1946 verbindlich anerkannten Reparationsleistungen mit dem Londoner Schuldenabkommen vom Februar 1953 zwar gestundet, aber nicht aufgehoben worden. Seit dem Abschluss des 2+4 Vertrages im Jahr 1990 sind alle Forderungen fällig. Dies gilt auch für die individuellen Forderungen der Opfer deutscher Kriegsverbrechen. Die deutsche Zahlungsverweigerung ist ein krasser Verstoß gegen das Internationale Recht und eine fortwährende Demütigung der Opfer.
Am 10. Juni 1944 wurden in der griechischen Ortschaft Distomo 218 Dorfbewohner von einer SS-Polizeieinheit regelrecht abgeschlachtet. Eine strafrechtliche Verfolgung der Mordaktion gab es nie. Die Entschädigungssumme von umgerechnet 28 Millionen Euro ist bis zum heutigen Tage von der Bundesrepublik Deutschland nicht beglichen worden. Die Zwangsvollstreckung in deutsches Staatseigentum in Griechenland scheiterte bislang am Veto des griechischen Justizministers. Die Klägerinnen und Kläger mussten nach Italien ausweichen, um dort ihre Ansprüche durchzusetzen. Sie ließen durch ihren Anwalt, Dr. Joachim Lau aus Florenz, Forderungen der Deutsche Bahn AG pfänden, die als hundertprozentiges Staatsunternehmen für die Schulden der Bundersrepublik haftet. Über die Rechtmäßigkeit dieser Pfändung entscheidet in Kürze der oberste Gerichtshof Italiens, der Kassationshof.
Deutschland schuldet den Opfern und Überlebenden viele Milliarden Euro als Entschädigung für die während der Besatzung begangenen NS-Massaker, denen mindestens 30.000 Menschen zum Opfer gefallen sind. Für diese Verbrechen wurde an die Überlebenden und die Angehörigen der Ermordeten bis zum heutigen Tag kein Cent Entschädigung gezahlt.
Deutschland weigert sich auch, Forderungen der Jüdischen Gemeinde Thessaloniki zu erfüllen. Diese erhebt gemeinsam mit der Initiative »Zug der Erinnerung« die Forderung gegen die Deutsche Bahn AG und ihre Eigentümerin (die Bundesrepublik Deutschland), die von den Opfern erpressten Fahrtkosten für die Massendeportationen aus Griechenland nach Auschwitz und Treblinka in vollem Umfang unverzüglich an die Jüdische Gemeinde von Thessaloniki zurückzuerstatten. Die Deutsche Bahn AG und die deutsche Regierung lehnen auch in diesem Fall jede Verantwortung und jede Haftung ab.
Statt die Opfer zu entschädigen, bewirbt die deutsche Regierung etwa den Deutsch-Griechischen Zukunftsfonds (DGZ), der offiziell »der Versöhnung und der historischen Aufarbeitung zwischen Deutschland und Griechenland dienen« soll. Er kostet nicht 269 Milliarden Euro, sondern ist lediglich für die Dauer von drei Jahren mit jährlich einer Million Euro dotiert – Geld, das nur zum geringsten Teil den Opfern und ihren Nachfahren zugute kommt, aber mit ausgewählten Geschichtsprojekten den Eindruck erwecken soll, es gebe eine umfassende Aufarbeitung der deutschen Verbrechensgeschichte. Es handelt sich aber um ein »trojanisches Pferd« mit dem Ziel, gerade in der jetzigen ökonomischen und politischen Situation in Europa Imagewerbung für Deutschland zu betreiben; vor allem soll es den anhaltenden Reparationsforderungen den Wind aus den Segeln nehmen – zu Lasten der NS-Opfer. Der AK Distomo lehnt daher die Zusammenarbeit mit Institutionen wie dem DGZ ab.
Der Arbeitskreis Distomo begrüßt alle politischen und rechtlichen Schritte, um Deutschland endlich zur Einhaltung seiner Entschädigungs- und Reparationsverpflichtungen zu zwingen. Für die grie-chischen Überlebenden und Angehörigen der von Wehrmacht und SS Getöteten gehört dazu auch die Vollstreckung in deutsche Liegenschaften und andere staatliche Vermögenswerte Deutschlands in Griechenland. Nach Überzeugung des AK Distomo dürfen die individuellen Entschädigungsansprüche der Opfer der NS-Verbrechen keinesfalls der politischen Opportunität geopfert werden.

Sofortige Entschädigung aller Opfer des Nationalsozialismus! Nazi-Verbrechen nicht vergeben, den antifaschistischen Widerstand nicht vergessen! Gemeinsamer Kampf gegen den wiedererstarkenden Faschismus in Europa!

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