Resonanzen zum VVN-Bundeskongress

geschrieben von Renate Hennecke, Mathias Wörsching, Jochen Vogler

7. September 2016

Spannende Projekte, neue Signale

Einen sehr guten Einstieg in den Bundeskongress gab Ulrich Schneider mit seinem Referat über »Anforderungen an antifaschistische Geschichtspolitik aus heutiger Perspektive«. Im Gedächtnis geblieben sind mir besonders seine Überlegungen, dass die Geschichte der Flüchtlinge aus Deutschland während der NS-Zeit und ihre Erfahrungen im Exil sowie das Problem der Ethnisierung des Sozialen als Form des Rassismus Themen sind, die in die heutigen politischen Auseinandersetzungen nutzvoll eingebracht werden können. Beim World-Café am Samstag Vormittag nahm ich an zwei Diskussionsgruppen teil. Beim Thema »Jugendgerechte Formen der Erinnerungsarbeit« kam nicht viel Neues, vielleicht war die halbe Stunde dafür zu kurz. Immerhin: Die Idee, mal einen Infostand ganz wo anders – z.B. am Weg zu einem Open-Air-Rock-Konzert – zu machen, müsste ausprobiert werden.
Die zweite und dritte halbe Stunde blieb ich beim Thema »Gedenkarbeit in der Migrationsgesellschaft«. Unisono stellten wir fest, dass die Mitgliedschaft der VVN-BdA in keiner Weise die Zusammensetzung der Bevölkerung widerspiegelt und dass wir es schaffen müssen, Zugänge auch für Migranten zu ebnen. Das könnten z.B. gemeinsame/unterschiedliche Erfahrungen des Exils sein. Hervorgehoben wurde, dass Migranten nicht als Adressaten unserer überlegenen Weisheit, sondern als Menschen mit eigenen Erfahrungen und als gleichberechtigte Mitkämpfer/innen angesprochen werden müssen. Als Signal, dass nicht nur »deutschstämmige Deutsche« gemeint sind, könnten englischsprachige Zusammenfassungen von Flyer-Texten etc. dienen.
Sehr spannend war die Vorstellung von Projekten anderer Landes- und Kreisverbände am Samstag Nachmittag. Davon inspiriert, sprudelten bei der Diskussion in unserer »Regionalgruppe Bayern« am Sonntag Ideen, was wir zum 70. Jahrestag der Gründung der VVN im nächsten Jahr machen können. Wobei wir schon jetzt in der Vorbereitung die Empfehlung von Uli Schneider in die Tat umsetzen wollen, in der Geschichtsarbeit nicht nur auf die »alten Hasen« zu setzen, sondern neue Mitstreiter einzubeziehen.
Renate Hennecke, München

Eine richtige Idee, ein Teilerfolg, ein wichtiger Anfang

Es war richtig, unser Kernthema »Geschichtspolitik und Erinnerungsarbeit« im Rahmen eines Kongresses und nicht bei einer unverbindlichen Konferenz zu behandeln. Die anwesenden etwa 90 Kamerad/-innen arbeiteten intensiv. So mancher geistige Funke sprang über, konkrete Projektideen entstanden.
Doch bei vielen Kamerad/-innen wurde der Ruf zum Kongress anscheinend nicht gehört, oder ihm konnte nicht gefolgt werden. Etwa ein Drittel der gewählten, verantwortlichen Delegierten fehlte, darunter ganze Landesverbände und wichtige, große Kreisvereinigungen: Ein Zeichen der zunehmenden Strukturschwäche unserer Reihen, ja, aber vielleicht auch Auswirkung eines traditionellen Verständnisses, wonach ein Arbeitstreffen ohne Wahlen, Resolutionen und Entschließungen nicht als vollwertiger Kongress gilt.
Die Abwesenden wurden schmerzlich vermisst, und sie sind auch ein wenig zu bedauern um das, was sie verpasst haben. Aus der Fülle wichtiger Diskussionen sei eine beispielhaft herausgegriffen, und zwar die um Erinnerungsarbeit in der Migrationsgesellschaft. Wie verhalten wir uns dazu, dass es auch in migrantischen Milieus vielfältige Formen von rassistischer Ideologie und Diskriminierung, von Verachtung gegenüber Frauen und Hass auf sexuelle Minderheiten gibt? Was tun wir gegen einen unter muslimischen Jugendlichen weit verbreiteten Antisemitismus, bei dem aber auch eigene oder familiär tradierte Gewalterfahrungen aus Kriegen und Konflikten mit israelischer oder US-amerikanischer Beteiligung eine Rolle spielen können? Wie stellen wir uns zu antidemokratischen Haltungen, wie sie etwa in AKP-nahen türkischstämmigen Milieus verbreitet sind?
Die Diskussion zeigte, wie verschieden die Positionen innerhalb der VVN-BdA sind und wie sehr wir erst am Anfang einer dringend notwendigen Diskussion und Selbstqualifizierung zu diesen Themen stehen. Aber es wurden auch mögliche große Linien der eigenen Arbeit sichtbar:
I. Wir gehen von einer grundsätzlichen emanzipatorischen Orientierung an den Menschenrechten und der Demokratie aus. Unser Ansatz ist global und universell, so wie es der Kampf der internationalen antifaschistischen Widerstandsbewegung war.
II. Menschen mit Migrationshintergrund sind keine Adressat/-innen, keine »Zielgruppe« unserer Arbeit, sondern Partner/-innen und Mitstreiter/-innen.
III. Wir sollten zugehen auf die, die uns ohnehin nahe sind: Die vielen antifaschistischen, demokratischen, an den Menschenrechten orientierten Gruppen und Einzelpersonen mit Zuwanderungsgeschichte. Das müssen nicht immer unbedingt nur die erklärtermaßen linken und säkularen Milieus sein, aber es wird sich auch kaum um religiös-fundamentalistische oder ultranationalistische Kreise handeln.
Hoffen wir, dass diese und andere notwendige Diskussionen auf Bundes- und Länderebene jetzt weitergeführt werden!
Mathias Wörsching, Berlin

Zeugen der Zeitzeugen

71 Jahre nach der Befreiung von Krieg und Faschismus und 17 Jahre nach Beginn der neuen deutschen Kriegseinsätze ist und bleibt es notwendig, den Blick und die Deutung der Geschichte aus der Perspektive des Widerstands gegen Krieg und Faschismus zu bewahren und weiter zu entwickeln. Die Verantwortung dafür liegt jetzt bei den Zeugen der Zeitzeugen. Dabei sind auch methodische Fragen der Vermittlung zu klären. Diese Konferenz widmete sich diesen Fragen auch mit methodisch neuen Ansätzen. Und sie gab praktische Anregungen zu einem vielfältigen und modernen antifaschistischen Gedenken vor Ort.
Jochen Vogler, NRW

»Markt der Möglichkeiten«

7. September 2016

Einige Beispiele der 16 hier vorgestellten Projekte

Szenischer Stadtrundgang
Aus Hamburg kam die Präsentation eines szenischen Stadtrundganges auf den Spuren des antifaschistischen Widerstands, der am 8. Mai 2015 zum Tag der Befreiung von einem Bündnis organisiert wurde.
An ausgewählten Stationen, die vor allem für diejenigen wichtig waren, die Widerstand geleistet haben und verfolgt wurden und anhand von Ereignissen, die in der offiziellen Geschichtsschreibung (fast) nicht vorkommen, wurde so Geschichte erlebbar gemacht. Dabei wurden Lesungen, Spielszenen und Ortsbegehungen verknüpft mit Demonstrationselementen zu historischen und aktuellen Themen. Der Film, der den Stadtrundgang dokumentierte und die Vorstellung des eigens zu diesem Ereignis entstandenen Liedes über Katharina Jakob, eine Hamburger Widerstandskämpferin, hinterließ eine große emotionale Wirkung.

Der Audiorundgang »Jüdische Geschichte(n) im Prenzlauer Berg«
Von jungen Berliner Mitgliedern der VVN-BdA wurde eine Audioapp vorgestellt, die es ermög-licht, mit dem Handy an festgelegten Stationen eines Rundganges Texte abzuhören, die Geschichten jüdischer Bewohner und Bewohnerinnen des Berliner Stadtbezirkes Prenzlauer Berg in den 1920er und 1930er Jahren erzählen. Die Schilderungen der damals jugendlichen Protagonisten handeln vom Alltag auf den Straßen, ihrem Familienleben, Erlebnissen in der Schule und der zunehmend judenfeindlichen Atmosphäre. Die Hörtexte basieren auf Interviews, die in den 1990er Jahren geführt wurden. Mit modernen Kommunikationsmitteln wird so ein persönlicher Zugang zur Geschichte des Kiezes in der NS-Zeit eröffnet.

Ein Film zur Regionalgeschichte von Hauptschülern aus Ennepe-Ruhr
Präsentiert wurde ein Film, der im Rahmen der Gevelsberger Woche für Zivilcourage und gegen rechte Gewalt realisiert wurde, bei dem sich Schülerinnen und Schüler einer Abschlussklasse der Hauptschule mit Orten der nationalsozialistischen Vergangenheit ihrer Stadt beschäftigten. Sie informieren in diesem Film über die jeweilige Geschichte der einzelnen Orte und setzen sich damit auseinander, warum so etwas nicht wieder geschehen darf.
Begleitet durch einen professionellen Filmemacher beschäftigten sich die Schüler zum einen mit dem Medium Film, um auf diese Weise einen Zugang zur regionalen Geschichte zu bekommen, der jenseits schulischer Vermittlungsformen liegt. Darüber hinaus konnten sie aber auch Bezüge zu ihrem eigenen Leben herstellen und ihre Sicht auf aktuelle Fragen thematisieren.

Sie wusste zu überzeugen

geschrieben von Ernst Antoni

7. September 2016

rinnerung an die Widerstandskämpferin Anna Pröll

»Als sie von der Augsburger IG Metall und von der Deutsch-Jüdischen Gesellschaft für die Verleihung des Bundesverdienstkreuzes vorgeschlagen wurde, haben wir lange diskutiert. Als der bayerische Ministerpräsident Stoiber im Auftrag des Bundespräsidenten ihr die Auszeichnung übergab, ergriff meine Mutter das Wort. Das war im Protokoll nicht vorgesehen. Mutter interessierte das nicht. Sie betonte, dass sie die Auszeichnung nur annehmen könne, im Namen all derer, die man nicht ausgezeichnet habe oder die die Befreiung vom Faschismus nicht mehr miterleben konnten.«

Anna Pröll, Foto: Josef Pröll

Anna Pröll, Foto: Josef Pröll

Josef, Sohn von Anna Pröll, erzählt das am 2. Oktober 2006 in Ravensbrück, anlässlich der Tagung der Lagergemeinschaft Ravensbrück/Freundeskreis mit Überlebenden, Kindern und Enkeln von KZ-Gefangenen. »Anna, ich hab Angst um dich« hieß der Film über das Leben und die Erlebnisse seiner Mutter, den er – nach einem vorausgehenden Film zum Themenbereich antifaschistischer Widerstand in Augsburg (»Vorwärts und nicht vergessen«, 1972, und weiteren Filmen, die sich mit alten und neuem Faschismus befassten) – 1999 gedreht hatte.
Bei der Vorführung des Filmes bei der Tagung in Ravensbrück war Anna Pröll nicht mehr dabei. Am 28. Mai 2006 ist sie, kurz vor ihrem 90. Geburtstag, gestorben. Am 12. Juni 1916 geboren, wäre Anna Pröll nun 100 Jahre alt geworden. Ein Anlass, wieder einmal an eine jener Widerstandskämpferinnen aus der Arbeiterbewegung zu erinnern, die Zeit ihres Lebens so wenig von sich hermachten und dennoch mit Konsequenz und Überzeugungskraft ihren Kampf bis ins hohe Alter fortsetzten.
»Mitten im Ersten Weltkrieg bin ich geboren.«, sagte sie, die für ihre Kampfgefährtinnen und -gefährten aus Widerstand und Verfolgung, später aus Lagergemeinschaften, VVN und parteipolitischen Umfeldern, immer nur »die Anni« war, einmal im Gespräch mit Nachgeborenen. »Als ich das Laufen lernte, war immer noch kein Frieden. Und als ich Nachdenken lernte, sprach man wieder vom Krieg. 1939 habe ich selbst erfahren, was Krieg für die Menschen bedeutet. Und im hohen Alter bin ich wieder eine von denen, die gegen den Krieg auftreten.«
Anni Pröll konnte solche Sätze sagen, ohne dass der Eindruck entstand, hier ginge es um Aufgesetztes, um Pathos, um Parolen. Sie war bei solchen Anlässen einfach präsent, mit unverkennbar schwäbischer Tonfärbung, irgendwie zugleich bedächtig und unverdrossen, und, so schien es einem zumindest, unbekümmert darüber, ob da nun ein knappes Dutzend Menschen da waren oder einige Hundert. Sie stand da für die Authentizität des Erlebten und Erlittenen, ohne Nachgeborene mit ihren Beiträgen zu überfordern und auch, ohne diesen für sie auf Anhieb Unerreichbares abverlangen zu wollen.
Sie wollte, als das möglich wurde – und dass das ihr und vielen anderen aus dem Widerstand der Arbeiterbewegung, dem kommunistischen gar, in der alten Bundesrepublik, alles andere als leicht gemacht wurde, darüber legen heute die »Kinder des Widerstands« zunehmend Zeugnis ab – Anni wollte aus dem »Nie wieder« nach Verfolgung und Widerstand etwas Bleibendes machen. Zumindest in ihrer Region ist ihr das erstaunlich gelungen. Letztlich wurde die kommunistische Widerstandskämpferin Anna Pröll noch zur Ehrenbürgerin ihrer Geburtsstadt Augsburg ernannt. Gerade diese hatte ihr zuvor, auch in den Jahren nach der Befreiung vom Faschismus, oft die kalte Schulter gezeigt gehabt, auch da, wo es eigentlich ganz einfach gewesen wäre: die adäquate Unterbringung Überlebender der Naziverfolgung in städtischen Quartieren etwa.
Anna Pröll, geborene Nolan war in einer Augs-burger Weberfamilie aufgewachsen. Schon vor 1933 war ihr Vater als Kommunist Verfolgungen ausgesetzt gewesen, auch die Mutter hatte am Arbeitsplatz Probleme bekommen. Als Konsequenz daraus hatte sich Anna, damals 16 Jahre alt, dem Kommunistischen Jugendverband Deutschlands (KJVD) angeschlossen.
Nach der faschistischen Machtübernahme in Deutschland gehörte Anna Nolan – ihr Vater war inzwischen im KZ Dachau eingesperrt, in dem er später umkommen sollte – zu denen, die von Anfang an aktiven Widerstand gegen das NS-Regime leisteten. Wegen »Vorbereitung zum Hochverrat« wurde sie verurteilt. Es folgten 26 Monate Gefängnis und anschließend, 1936, die Einlieferung in das Frauenkonzentrationslager Moringen. Sie überlebte das dank der Unterstützung von Mitgefangenen und wurde 1937 entlassen.
1938 heiratete sie Josef Pröll, der unter den Nazis ebenfalls bereits mehrere Jahre Haft erlitten hatte und 1939 erneut eingesperrt wurde. Josefs Bruder Fritz kam im KZ Buchenwald-Dora ums Leben. Anna und Josef Pröll engagierten sich nach der Befreiung erneut. In der VVN, parteipolitisch in KPD und später DKP.
Es ist in dieser Familienbiographie sehr viel zusammengekommen: Der Widerstand, die Verfolgung und das Weitermachen derer, die all das überleben konnten. Annas Sohn Josef, 1953 geboren, war bei vielem dann ein Beteiligter und wurde oft auch ein Chronist. Nicht zuletzt als engagierter Dokumentarfilmer.

Der Film »Anna ich hab Angst um dich« kann auf der Webseite http://www.anna-film.de/ bestellt werden.

Europäisches Netzwerk

7. September 2016

VVN-BdA sucht neue Vertretung bei »United for intercultural Action«

Sicher flossen schon viele Informationen und Ideen nach dem außerordentlichen Bundeskongress aus der gesamten VVN-BdA zurück in die einzelnen Kreis- und Landesvereinigungen. Jedoch musste ich am Rande des Kongresses feststellen, dass viele nichts von einem internationalen Netzwerk wissen, in dem unsere Organisation seit über 20 Jahren Mitglied ist. Es handelt sich um das europaweit agierende Netzwerk »UNITED – for Intercultural Action: European Network against nationalism, racism, fascism and in support of migrants and refugees”. Mit über 550 Mitgliedsorganisationen ist dieses 1992 gegründete Netzwerk das größte antirassistische und antifaschistische Netzwerk in Europa. Neben verschiedenen antirassistischen Kampagnen betreibt es seit 1998 eine sogenannte »List of Death«, welche im Internet einsehbar ist (http://www.unitedagainstracism.org/campaigns/refugee-campaign/fortress-europe/). Diese Liste beinhaltet, Stand Juni 2015, ca. 23.000 verifizierte Todesmeldungen von Menschen, die beim Versuch nach Europa zu fliehen, in den Lagersystemen, während oder nach Abschiebungen gestorben sind. Ebenso finden sich Namen von Opfern rassistischer Gewalt. Trotz der Tatsache, dass die Toten des letzten Jahres noch fehlen, ist diese Liste die umfangreichste Sammlung von Namen und Zahlen, die es gibt, was allein daran deutlich wird, dass sie in der wissenschaftlichen Debatte oft als verlässliche Quelle genutzt wird.
Auch wir als VVN-BdA können diese Liste und ihre grafische Aufbereitung in unserer politischen Arbeit nutzen. Ihre fehlende Aktualität mag auch daran liegen, dass das Netzwerk in den letzten Jahren in eine finanzielle Schieflage geraten ist, weil die Mitgliedsbeiträge der einzelnen Organisationen bei weitem nicht ausreichen, um das kleine Sekretariat in Amsterdam am Leben zu erhalten. Auch die Geldströme der EU und des Europäischen Rates fließen nicht mehr so, wie noch vor 10 Jahren. Dennoch versucht UNITED weiterhin, antifaschistische Politik auf europäischer Ebene zu betreiben. Unter anderem bringen sie dafür in halbjährlichen internationalen Konferenzen verschiedene (Mitglieds-) Organisationen zusammen. Diese Konferenzen haben eine Teilnehmerzahl von 70 bis 100 Personen und legen einen klaren Schwerpunkt auf Jugendarbeit und jugendliche Teilnehmer. In ihrer Ausgestaltung unterscheiden sie sich deshalb auch deutlich von althergebrachten Konferenzen. Es wird wesentlich mehr in kleinen Gruppen und oft sehr themenspezifisch gearbeitet. Anliegen der Konferenzen ist es dabei immer, Perspektiven für die gemeinsame internationale antifaschistische Arbeit zu finden. Und hier kommen besonders unsere Mitglieder unter 28 Jahren ins Spiel. Wie bereits erwähnt, findet halbjährlich eine Konferenz statt, zu der jede Mitgliedsorganisation einen Teilnehmer in das Bewerbungsverfahren entsenden kann. Ich selbst habe an mehreren dieser Konferenzen für unsere Vereinigung teilgenommen und habe dort viel gelernt und Kontakte knüpfen können. Jedoch bin ich der Meinung, dass es nun an der Zeit ist, den Staffelstab weiterzugeben. Die nächste Konferenz, zu der wir diese Prozedur anwenden können, wird im Frühjahr 2017 stattfinden. Der Ort und thematische Schwerpunkt sind mir bisher noch nicht bekannt, aber alle interessierten Mitglieder der VVN-BdA, die sich bei mir melden, werden diese Information erhalten sobald sie veröffentlicht wurde. Die Reisekosten werden zum großen Teil durch das Netzwerk getragen. Ich möchte an alle jungen Mitglieder (unter 28) appellieren, sich bei mir per Mail zu melden, wenn sie Interesse an der Teilnahme an einer solchen Konferenz haben und kann nur sagen: Es lohnt sich! Anhand der Bewerbungen werde ich mit den Gremien der VVN-BdA eine Auswahl treffen und sie an UNITED weiterleiten. Florian Gutsche

Teilnahmebedingungen:

  • Alter unter 28
  • Englischkenntnisse (mindestens gutes Schulenglisch)
  • Ausfüllen des UNITED Fragebogens, der bei Veröffentlichung zugesandt wird

Kontakt: florian.gutsche@vvn-bda.de

Ravensbrück muss Mahnort bleiben

geschrieben von Rosel Vadehra-Jonas

7. September 2016

Das Internationalen Ravensbrück-Komitee tagte in Wien

An der Zusammenkunft nahmen 26 Frauen aus zwölf europäischen Ländern teil. Sie vertraten Häftlingsverbände ihrer Länder, in denen ehemalige Häftlinge des Frauenkonzentrationslagers Ravensbrück oder deren Angehörige zusammengeschlossen sind. Unter den Anwesenden befanden sich sieben Überlebende des Lagers. 17 Teilnehmerinnen waren Frauen, deren Mütter oder Großmütter in Ravensbrück inhaftiert waren.
Wie in jedem Jahr war die Situation der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück auch bei der Tagung in Wien das zentrale Thema. In einer Entschließung fordert das IRK die dringende Sanierung der vom Verfall bedrohten ‚Beutegutbaracken‘. Es handelt sich dabei um die letzten noch existierenden Baracken des KZ Ravensbrück. Eine weitere Forderung ist die Herrichtung des südlichen Teils des Frauenlagers, der mehr als 20 Jahre nach der Freigabe des Geländes durch die GUS-Truppen noch immer nicht für die Öffentlichkeit zugänglich ist. Erneut wurde betont, dass der Begriff des ‚Mahnens‘ nicht aus dem Namen der Mahn- und Gedenkstätte verschwinden darf und gefordert, am Besucherinformationszentrum die Inschrift ‚Gedenkstätte – Memorial Ravensbrück‘ durch die Bezeichnung ‚Mahn- und Gedenkstätte – Memorial Ravensbrück‘ zu ersetzen.
In Verbindung mit einer Stadtrundfahrt durch Wien gestaltete die österreichische Lagergemeinschaft am Nachmittag des 20. Mai eine kleine Gedenkzeremonie mit Kranzniederlegung am Denkmal für die Opfer des Nationalsozialismus.
Am letzten Abend trug die spanische Sängerin Marina Rossell in zwangloser Runde und im Beisein von Frauen der österreichischen Lagergemeinschaft Lieder aus dem Widerstand vor. Die Tagung fand in der angenehmen Atmosphäre des Springer- Schlössl statt, einer Bildungseinrichtung der ÖVP.

Auf Einladung der österreichischen Lagergemeinschaft Ravensbrück und Freundeskreis traf sich das Internationale Ravensbrück-Komitee (IRK) zu seiner diesjährigen Tagung vom 17. – 21. Mai 2016 in Wien.

Für ein tolerantes und weltoffenes Europa

7. September 2016

Delegierte aus zwölf Ländern Europas verabschiedeten folgende Entschließung

Das Internationale Ravensbrück-Komitee (IRK) ist sehr besorgt über die jüngste politische Entwicklung in Europa. Diese ist geprägt durch Fremdenfeindlichkeit, Gewalt und Rassismus. Rechtsextreme Gruppen und Parteien mobilisieren und radikalisieren große Teile der Bevölkerung mit populistischen Parolen. Sie schüren Zukunftsängste und stacheln damit den Hass auf alle Fremden an. Ihr Ziel ist ein anderes Europa, in dem wesentliche Elemente des bisherigen Wertekanons außer Kraft gesetzt werden.
Wir appellieren an das Europäische Parlament und an alle Regierungen Europas: Bieten Sie diesem Treiben Einhalt. Wir, die Verfolgten des Naziregimes und deren Angehörige, haben leidvoll erfahren, wohin eine solche Entwicklung führt.
Der europäische Gedanke, der verbunden ist mit Vorstellungen von Freiheit, Menschenrechten und Toleranz, hat seine Wurzel nicht zuletzt in der internationalen Solidarität, die die Häftlinge in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern im gemeinsamen Kampf ums Überleben praktizierten.
Wir verurteilen den islamistischen Terror. Aber dieser kann und darf nicht dadurch bekämpft werden, dass Grundrechte außer Kraft gesetzt werden.
Das Recht auf Asyl muss gewahrt bleiben. Europa darf sich nicht abschotten gegenüber Menschen, die in ihrer Heimat aus politischen Gründen verfolgt werden oder die vor Krieg und Gewalt flüchten. Wir erinnern daran, dass zahllose Verfolgte die Zeit des Naziregimes nur deshalb überleben konnten, weil sie als Flüchtlinge in anderen Ländern Zuflucht fanden.
Wir sind entsetzt über die Behandlung, die Flüchtlinge in Europa erfahren. Die verzweifelten Menschen, unter ihnen Frauen und Kinder, erinnern uns an die Todesmärsche der KZ-Häftlinge im Jahre 1945. Die Art, wie mit Frauen und Kindern umgegangen wird, empört uns. Sie suchen bei uns Schutz und werden stattdessen in den Lagern misshandelt und missbraucht.
Im Rückführungsabkommen zwischen der Europäischen Union und der Türkei vom März 2016 sehen wir einen krassen Verstoß gegen das Asylrecht. Flüchtlinge werden zwangsdeportiert in ein Land, das sich über elementare Menschenrechte hinwegsetzt und das mit seiner Politik gegenüber dem »Islamischen Staat« zum Erstarken des islamistischen Terrors beigetragen hat.
Jetzt werden Menschen erneut gezwungen, riskante Fluchtwege über das Mittelmeer einzuschlagen.
Die Hoffnung der Menschen, ihr Anspruch auf ein Leben ohne Krieg, in Gerechtigkeit und in Freiheit, darf nicht durch Stacheldraht beschränkt werden. Es gilt zu verhindern, dass unsere Zeit eine Epoche des Massensterbens von Flüchtenden wird.
Wien, den 20.05.2016

Steine, die diskriminieren

geschrieben von Anne Allex

7. September 2016

Kritik an einer Stolperstein-Praxis, die Stigmatisierungen fortschreibt

Stolpersteine sind überall bekannt. Sie sind aber auch umstritten – nicht nur in der Bundesrepublik. Nicht allein das privatisierte Gedenken erzeugt Unbehagen. Sondern vor allem die Abweichung vom ursprünglichen Konzept: Bislang beschränkte sich die Abbildung auf die Stammdaten der zu gedenkenden Person. Seit 2013 finden sich auf den Steinen, Begriffe wie »Rassenschande«, »Gewohnheitsverbrecher«, »Volksschädling«. Gründe für diese Neuschöpfungen wurden vom Künstler nicht genannt.

Stolperstein für Erna Lieske - alte Inschrift

Stolperstein für Erna Lieske – alte Inschrift

Die Steine sollen Instrumente des Gedenkens und Erinnerns sein, und nicht der posthumen Stigmatisierung, Schmähung und Verunglimpfung. Immerhin geht es um den verantwortungsbewussten Umgang mit dem Ruf der Toten.
Als Arbeitskreis »Marginalisierte-gestern und heute!« befassen wir uns mit diesen Personenkreisen. Wir betrachten jeden Einzelfall konkret. Wir stellen immer wieder fest, dass diese Menschen keine Möglichkeit hatten, in der Zeit der Weimarer Republik und dem deutschen Faschismus anders zu leben als sie dann tatsächlich lebten. Denn sie lebten unter dem Reichsstrafgesetzbuch (1871), der Reichsfürsorge-VO (1924), dem Erbgesundheitsgesetz (1933), den Maßregeln über Sicherung und Besserung (1933) sowie dem Gesetz zur vorbeugenden Verbrechensbekämpfung (1937). Im Kontext dieser Gesetze wurden die Stigmatisierungen aus der Weimarer Republik aggregiert, verfestigt und konzentriert zu Strafverfolgungsgründen gemacht.
In den Karteien der Erwerbslosenfürsorge in den 1920er Jahren wurden wiederholt abwertende, diffamierende Einschätzungen der Mitarbeiter der Erwerbslosenfürsorge über Erwerbslose aufgenommen. Nach 1933 führte diese Betrachtungen zur begrifflichen Clusterung. Begriffe wie »asozial«, » unterhaltssäumig«, »arbeitsscheu« erschienen auf den Karteikartenreitern. Erwerbslosen die als »arbeitsscheu« galten, wurde damit gleichzeitig ein »innewohnender Hang zum Verbrechen« unterstellt. »Asoziale« wurden zum »Volksfeind« im Inneren der »Volksgemeinschaft« gemacht und sollten »ausgemerzt« werden.
Bis heute stehen auch die Kinder der damals so genannten Asozialen namentlich in den Akten des Hitlerregimes. Vernichtet sind diese Akten bis heute nicht. Der Forderung nach Löschung der Namen der Kinder wird nicht nachgekommen. Elvira Manthey hatte die Namenslöschung ihrer Tochter verlangt. Elvira war vier Jahre alt, als sie als »asoziales« Kind in ein behördliches Kinderheim geriet und miterleben musste, dass ihre zweijährige kleine Schwester vergast wurde.

Stolperstein für Erna Lieske - neue Inschrift

Stolperstein für Erna Lieske – neue Inschrift

Nach 1945 wurden die aus sozialen und gesundheitlichen Gründen verfolgten Menschen nicht als »Opfer des Faschismus« anerkannt. Sie wurden weder rehabilitiert, noch in größerem Umfang für Deportation, Folter, Qualen, Gesundheitsschäden, Zwangssterilisationen, Zwangsarbeit oder Haft in KZ, Psychiatrien, Kinder- und Pflegeheimen, Arbeiterkolonien usw. entschädigt.
Die Kinder dieser Verfolgten – die second generation – wird mit derartigen Inschriften auf Stolpersteinen ein weiteres Mal verletzt und geschädigt. Meist über die rechtsradikalen Entwicklungen entsetzt, sind sie genauso fassungslos, wenn ihre Angehörigen mit faschistischen (Schuld-)Zuschreibungen in der Öffentlichkeit stehen. Das ist jenseits jeglicher Pietät. Angehörige selbst werden in die Abwertungsprozesse ihrer Vorfahren einbezogen. Sie werden für das Tun der Toten haftbar gemacht. Es greift in ihr Leben ein, wenn auf dem Stolperstein steht, dass die Oma »Gewohnheitsverbrecherin« war. Es beschädigt ihren Ruf und ihre soziale Einbindung: Denn noch heute glaubt die Mehrzahl der Menschen, dass da »schon was dran gewesen sein muss«, dass solches Verhalten »in den Genen liegt« und die »Schande« bleibt.
Als Antifaschistinnen stellen wir eine derartige Diskreditierung von Toten in Abrede.
Außerdem taucht die Frage auf, wieso denn, wie bei übrigen Opfergruppen, nicht nach Angehörigen geforscht wird. Denn eigentlich entscheiden die, ob sie überhaupt diese Art des Gedenkens wollen.
Warum passiert so etwas überhaupt? Weil die Geschehnisse um diese Personenkreise bis heute nicht hinreichend aufgearbeitet sind. Weder die DDR noch der bundesdeutsche Staat hatten daran ein gesteigertes Interesse. Denn die sozialrassistische Stigmatisierung wird noch heute als Abschreckung benutzt und wirkt weiter. Sie rechtfertigt Einsparungen und Sanktionen für bedürftige Menschen, wie sie gerade wieder im Rechtsvereinfachungsgesetz für Arbeitslosengeld-II-Berechtige geplant sind.
Zukünftig dürfen keine Stolpersteine mit stigmatisierenden Inhalten mehr verlegt werden. Bereits gelegte Steine müssen rückgebaut und verändert werden. Die Suche nach und die Verständigung mit Angehörigen sollte im Vordergrund stehen.

»Kunst« gibt es nicht um ihrer selbst willen. »Kunst« ist niemals neutral. Sie ergreift immer Partei. Das ist bei Kunsthandwerk genauso.

Unermüdlicher Rechercheur

geschrieben von Ulrich Sander

7. September 2016

Zum 75. Geburtstag des Zwangsarbeits-Forschers Dieter Saal

55 Jahre mussten vergehen, bevor die Zwangsarbeit – nach Schätzungen geleistet von etwa 15 Millionen Menschen – als nationalsozialistisches Unrecht offiziell in einem Gesetz anerkannt wurde. Und einer hat einen rekordverdächtigen Anteil daran, das Gesetz in seinem Umfeld umzusetzen.  Das war der unermüdliche Stadtarchivar und Heimatforscher Dieter Saal in Lüdenscheid, der weit über 90 Prozent der Zwangsarbeiter im Landkreis mit den Namen ihrer Ausbeuter ermitteln konnte und 16 Prozent der Sklavenhalterfirmen seines Landkreises Märkischer Kreis dazu brachte, in die Stiftung einzuzahlen. Der Bundesdurchschnitt lag bei drei Prozent.
Auch im Märkischen Kreis um Lüdenscheid wollten sich Politik und Wirtschaft ihrer Verantwortung entziehen. Auf diesem Sektor Veränderungswillen zu schaffen, das war in Lüdenscheid vor allem Dieter Saals Werk. Um einen Forschungsauftrag des Heimatvereins zugunsten der Zwangsarbeiter durchzusetzen, scheute Dieter Saal keine Unannehmlichkeiten.
Nachdem in Lüdenscheid unsere Forschungsstelle beim Heimatverein geschaffen wurde und eine Bewegung von Antifaschisten wirkte, um die Namen von zur Zahlung verpflichteten Firmen zu veröffentlichen, musste die Stadt nachgeben und die Bundesstiftung unterstützen. Wir begannen sehr erfolgreich, die nötigen Nachweise für die Zwangsarbeiter vorzulegen, die zu beschaffen einen erheblichen Aufwand erforderte. Am Ende lagen 7462 Kurzbiografien von Zwangsarbeitern in Lüdenscheid und Umgebung vor, die in Datenbanken zusammengefasst, zudem diverse statistische Analysen erlauben. Diese Datenbanken sind nun im Stadtarchiv einsehbar. Vermutlich konnten auf der Grundlage der Lüdenscheider Recherchen etwa 1500 Überlebende eine Entschädigung erhalten.
Dankbar konnte man auch den örtlichen Medien sein. Beschrieben wurden mit Saals Hilfe Zustände und Verbrechen in einigen  Arbeits- und anderen Lagern. Ermöglicht wurden bemerkenswerte Ausführungen zu den Schicksalswegen einzelner Zwangsarbeiter und zu den Lüdenscheider Bürgerinnen und Bürgern, die sich an jene Zeit erinnerten und uns bei unserer Arbeit halfen – als kleines Stück Wiedergutmachung, als nachgeholte Willkommenskultur.
Besonders dank seines Engagements widmeten wir längere Untersuchungen dem spurlosen Verschwinden von 118 montenegrinischen Zwangsarbeitern, das offensichtlich zu jenen mörderischen, von NSDAP-Gauleiter und Reichsverteidigungskommissar Albert Hoffmann in den letzten Kriegswochen angeordneten Verbrechen gehört. Wir brachten die Mittäter, die möglicherweise noch leben, jetzt zur Anzeige; die Staatsanwaltschaft und das Landeskriminalamt übernahmen den Fall.
Fünfzehn Jahre nach der Zeit der Erforschung der Zwangsarbeit mussten wir leider feststellen: »Keine Anklage gegen die Quandts und Co.« Die Anbringung einer Mahntafel an den Gebäuden der Quandts in NRW wurde noch immer nicht durchgesetzt.. In Lüdenscheid wären das die der Firma Busch-Jäger, die früher der Familie Quandt gehörte. Mit solchen Tafeln soll auf die verhängnisvolle Rolle von Wirtschaftskreisen im sog. »Dritten Reich« bzw. im Zweiten Weltkrieg – auch in Lüdenscheid – hingewiesen werden. Die Rolle der Quandts aufzudecken – sowohl in Lüdenscheid als auch im ganzen Land -, das bleibt unsere Aufgabe. Während sich die VVN-BdA solcher Anklagen gegen Vertreter der ökonomischen Eliten widmet, sieht Dieter Saal seine Aufgabe mehr darin, humanitäre Motive geltend zu machen.
Im Jahr 2015 war ganz in diesem Sinne zu erleben, dass die juristische Klausel »Kriegsgefangenschaft begründet keine Leistungsberechtigung« teilweise unwirksam gemacht wurde, um die wenigen noch lebenden sowjetischen Kriegsgefangenen wenigstens minimal entschädigen zu können – nicht jedoch die italienischen. Auch daran hat Dieter Saal mitgewirkt.
Die Schlussfolgerung, die ich aus dem beschämenden Verhalten deutscher Großunternehmer in den Auseinandersetzungen um die Entschädigung der Zwangsarbeiter ziehe, lautet: Ohne Wirtschaftsdemokratie wird es auf die Dauer keine Demokratie mehr geben, wie es auch »ohne die Einschränkung von  Rüstungskonzernen und Rüstungsexporten« keinen Frieden geben kann.
In diesem Sinne ist in Lüdenscheid unter Mitwirkung von Dieter Saal eine politische Szene entstanden, die sich einer antifaschistischen und friedenspolitische Erinnerungsarbeit ebenso wie dem Wirken für die Zukunft verpflichtet fühlt. Dazu gehört auch die Erinnerung an den Lüdenscheider Kommunisten Werner Kowalski (1901-1943). Mit Dankbarkeit nahm ich das ihm gewidmete Buch »Deckname Dobler« entgegen und erfuhr, dass Dieter Saal daran beteiligt war, Leben und Kampf auch dieses Mitglieds des ZK der KPD, der von der Gestapo ermordet wurde, dem Vergessen zu entreißen.

Ulrich Sander: Der Iwan kam bis Lüdenscheid. Protokoll einer Recherche zur Zwangsarbeit, Papy Rossa, 237 Seiten, 15,90 EUR

Ein Haus der Bücher

geschrieben von Janka Kluge

7. September 2016

Politik- und Geistesgeschichte im Spiegel einer Biografie

Der amerikanische Autor Sasha Abramsky hat eine Biographie über seinen Großvater, Chimen Abramsky, geschrieben. Um sein Leben nachzuzeichnen, hat er mit Familienmitgliedern, Historikern und Politikwissenschaftlern in vielen Ländern gesprochen. Zum hundertsten Geburtstag Chimen Abramskys wurden die Erinnerungen veröffentlicht.
Chimen Abramsky kam 1916 in Minsk zur Welt. Sein Vater war der Rabbiner Yehezkel Abramsky. Im Laufe der Jahre stellte der mehrfach Ausreiseanträge, um mit seiner Familie in Jerusalem leben zu können. Er wurde wegen antisowjetischer Einstellungen verurteilt und in ein Zwangsarbeiterlager nach Sibirien gebracht. Durch die Bemühung von Schriftstellern und Politikern aus westlichen Ländern, unter anderem des deutschen Kanzlers Heinrich Brüning, wurde er gegen fünf in Deutschland inhaftierte Kommunisten ausgetauscht. Als er 1931 freikam und mit seiner Familie ausreisen durfte, wurde London ihre neue Heimat. Zwei Söhne mussten allerdings in der Sowjetunion bleiben. Yehezkel Abramsky wurde Rabbiner in London.
Chimen Abramsky zog 1936 nach Jerusalem, um an der Hebräischen Universität Geschichte zu studieren. Als er 1939 seine Eltern in London besuchte, konnte er durch den Überfall Hitlers auf Polen nicht mehr zurück nach Jerusalem. So nahm er eine Stelle bei der jüdischen Buchhandlung »Shapiro, Valentine & Co.« an. 1940 heiratete er die Tochter des Besitzers, Miriam Nierenstein. Sie blieben bis zu ihrem Tod zusammen. Nach dem Überfall der Wehrmacht auf die Sowjetunion traten Chimen und Miriam der Kommunistischen Partei Englands bei. Überzeugte Hitlergegner und Antifaschisten waren sie schon vorher gewesen. Ihr Haus entwickelte sich zu einem wichtigen Treffpunkt englischer Kommunisten.
»Tag für Tag stiegen Scharen von Besuchern die mattroten Ziegelstufen zur Tür hinauf, ihre Hände auf dem wackeligen Holzgeländer. Wenn sie das Haus im Hillway betraten, fiel ihr Blick als Erstes auf die Bücher in der Diele. Die dünnen Taschenbuch-Biographien bedeutender Männer. Die gewichtigen sozialistischen Fachenzyklopädien. (…) Wären die Besucher lange genug in der Diele stehen geblieben, um den einen oder anderen Band aus den Regalen zu nehmen, hätten sie eine vollständige zweite Bücherreihe hinter der vorderen entdeckt. Dort standen viele Studien über die gescheiterten europäischen Revolutionen von 1848 (…)«
Chimen Abramsky entwickelte den Ehrgeiz, möglichst viele Bücher über die kommunistischen und sozialistischen Bewegungen zu sammeln. So hat er im Laufe der Jahre in seinem Haus eine der größten Privatsammlungen dazu zusammengetragen.
Sasha Abramsky stellt in seinem Buch Zimmer für Zimmer vor. Zum einen in ihrer Funktion innerhalb des Hauses, aber auch mit den dort verstauten Büchern. Im Wohnzimmer versammelte sich fast jeden Abend eine bunte Mischung an Gästen. Es gab bestimmt Zeiten, in denen Mimis Kochkünste ähnlich wichtig waren, wie die anschließenden Diskussionen. In den Augen von Sasha Abramsky lebte in ihnen die Tradition der jüdischen Aufklärung, der Haskala fort.
»In Chimens und Mimis Wohnzimmer wurden die von der Haskala unter den Juden entfachten Diskussionen leidenschaftlich weitergeführt – zwischen Hausbewohnern und Gästen wie auch in den abertausend Büchern, die zwischen dem unebenen Fußboden, und der Decke mit ihrer abblätternden Farbe verstaut waren: Zionismus gegen internationalen Sozialismus, Assimilierung im Unterschied zum Nationalismus, Religion gegen Säkularismus, Tradition gegen Moderne, die Autorität der Rabbiner im Gegensatz zur Macht der neuen Revolutionäre.«
Nachdem er sich nach dem Aufstand in Ungarn 1956 gemeinsam mit seiner Frau enttäuscht von der Partei abgewandt hatte, verkaufte Chimen Abramsky die Sammlung und wandte sich Büchern über das Judentum zu. Auch in diesem Bereich entwickelte er eine ausgesprochene Sammlerleidenschaft.
Das Haus wechselte nun nach und nach seine Besucher. Chimen wandte sich jetzt dem Zionismus zu, den er davor abgelehnt hatte. Seine politische Heimat fand er jetzt bei den englischen Sozialdemokraten. Er entwickelte sich zum Fachmann für jüdische Literatur, wobei es ihm besonders die Texte der von der spanischen Inquisition vertriebenen Juden angetan hatten. In dieser Phase seines Lebens arbeitete er auch für das Auktionshaus Sotheby´s als Gutachter.
Obwohl er sich von der Kommunistischen Partei abgewandt hatte, hat er Mitte der sechziger Jahre zusammen mit Henry Collins ein Buch über die britische Arbeiterbewegung im 19. Jahrhundert geschrieben. Es wurde schnell zu einem Standardbuch zu diesem Thema. Am Ende seines Lebens wurde er noch in London zum Professor für Hebräische und Jüdische Studien berufen. Endlich konnte er das tun, was er schon immer wollte: Junge Menschen an seinem enormen Wissen teilhaben lassen. Das Buch erfüllt zwei wichtige Voraussetzungen um viele Leser zu finden. Es ist eine gutgeschriebene Biographie und die Geschichte einer Suche nach dem richtigen Leben im falschen. Nach der Lektüre wusste ich, dass es möglich ist. Mit anderen Worten, es wird eines meiner Lieblingsbücher.

Sasha Abramsky »Das Haus der zwanzigtausend Bücher« DTV Verlag

Bündnis mit dem »Feind«

geschrieben von Heinrich Fink

7. September 2016

Ausstellung über die weltweite Bewegung »Freies Deutschland«

Unter dem Titel »Deutschland muss leben, deshalb muss Hitler fallen« findet in der Gedenkstätte Deutscher Widerstand noch bis zum 31. Juli eine Ausstellung zur weltweiten Bewegung »Freies Deutschland« statt. Sie wurde gemeinsam von der VVN-BdA und der Gedenkstätte erarbeitet.
Es ist dem Gedenkstättenleiter, Prof. Dr. Johannes Tuchel, zu danken, dass er die bereits 1995 von der DRAFD erarbeitete Ausstellung noch einmal präsentiert, nun überarbeitet und in einem neuen Design.Die Ausstellung stellt ausgewählte Biographien und Aktivitäten des »Nationalkomitees Freies Deutschland« (NKFD) vor, das am 12./13. Juli 1943 in Sagorsk bei Moskau in der Sowjetunion gegründet wurde. Es folgten Bewegungen »Freies Deutschland« in europäischen Ländern wie Schweden, Griechenland, Schweiz und Frankreich. Bereits 1942, also noch vor der Gründung des NKFD in der Sowjetunion, entstand in Mexiko eine solche Bewegung.
Auf einzelnen Tafeln sind die Aktivitäten in diesen Ländern und die Biographien der Aktivisten sowie die Zusammenarbeit mit den Widerstandskämpfern in den jeweiligen Ländern beschrieben. In seiner Begrüßung deutete Tuchel die Probleme an, die es um die Präsentation der Ausstellung in »Westberlin« gab. Dabei spielten die Gründung in Moskau, die Unterstützung durch die KPD und die Zusammenarbeit mit der Roten Armee eine Rolle. Da die Ausstellung jedoch eine gute und auf exakter historischer Forschung über das Nationalkomitee erarbeitete ist, sind die Einwände heute ausgeräumt.
Interessant sind die Aktivitäten des Komitees und der Bewegung auf den Punkt gebracht. Die Herausgabe einer Wochenzeitung »Freies Deutschland«, einer Illustrierten und der wohl bekannteste Radiosender »Freies Deutschland« mit gegen den Krieg gerichteten Beiträgen wirkten aufklärend, denn deutsche Emigranten informierten rund um die Uhr in deutscher Sprache über die deutsche Armee und den Verlauf des Krieges. Es wurde auch zum Überlaufen ermutigt. Ein großer Erfolg war, dass sich Generalleutnant Vincent Müller am 18. Juli 1944 freiwillig in Gefangenschaft begab und ihm am 22. Juli 1944 siebzehn Generäle folgten. Am 18. August 1944 gab der Oberbefehlshaber der Stalingrader Armee, Feldmarschall Paulus, seinen Kampf mit dem Überlaufen zur Roten Armee auf und trat dem NKFD bei.
Die deutschen Antifaschisten sahen dies als Erfolg ihrer Arbeit an. Sie saßen unter anderem Tag und Nacht in kleinen Fliegern und klärten die deutschen Soldaten über die Kriegslage auf. Viele Mitglieder der späteren DRAFD kämpften in der Roten Armee, z.B. Konrad Wolf, Stefan Doernberg, Hanna Podymachina-Bernstein und Moritz Mebel. Sie alle habe ihr ganzes Leben als Berichterstatter und Zeitzeugen über ihre Erfahrungen und Beweggründe berichtet, die VVN-BdA verdankt ihnen viel.
Einige der Tafeln geben auch einen kleinen Einblick in die Kulturarbeit des NKFD. Nach den einführenden Worten von Johannes Tuchel sprach André Lohmar, als Emigrantenkind in Frankreich geboren, über die Einflüsse und Wirkungen der Bewegung »Freies Deutschland, z.B. in Mexiko. Unter dem Einfluss von Anna Seghers, Walter Janka, Egon Erwin Kisch und Ludwig Renn entstand dort unter der Leitung von Janka ein Verlag, der 20 Bücher herausgab.
Für mich besonders wichtig ist die Tafel über die Arbeit der Bewegung Freies Deutschland in der Schweiz, z.B. die Hilfe des bekannten Theologen Karl Barth und seiner Mitarbeiterin Charlotte von Kirschbaum für die kommunistischen Emigranten in der Schweiz, über ihre ständigen Besuche in den Gefängnissen, ihren Einfluss und ihre Verbindung zur Bekennenden Kirche in Deutschland und ihre Vorbereitung auf ein neues Deutschland nach der Kapitulation. Ihre Überzeugung war, ein neues Deutschland muss eine große Koalition von Antifaschisten sein. Daran wird man erkennen, ob die Deutschen aus dem Krieg gelernt haben.
André Lohmar betonte in seinem Vortrag: »Nach wie vor, und das in wachsender Zahl, gibt es auch heute wieder in unserem Land Exilanten. Ursachen hierfür sind Kriege, Verfolgung Andersdenkender, Außerkraftsetzung demokratischer Grundsätze und große wirtschaftliche Notlagen in zahlreichen Regionen der Welt. Die kritische Befragung der Vergangenheit kann hilfreich sein, damit nicht Irrwege mit ihren tragischen Folgen erneut beschritten werden.
Deshalb ist es für unsere Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes und für den Bund der Antifaschisten und Antifaschistinnen ein Gebot der Stunde, sich gegen Rassismus und Ausländerfeindlichkeit, gegen Verherrlichung von Gewalt und Brutalität, gegen Tolerierung nationalistischer Umtriebe und auch gegen großmachtchauvinistische Manifestationen zu wenden.«
Die Ausstellung ist eine gute Information aus der Vergangenheit für die Gegenwart. Ein Katalog ist in Arbeit.

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