Die Unbekannten im Fokus

geschrieben von Cora Mohr

1. März 2016

Eine Ausstellung über den Widerstand von Frauen – mit neuen Gesichtspunkten

 

Widerstand und Widerständigkeit von Frauen gegen das Naziregime am Beispiel von achtzehn Biographien zeigt die neue Ausstellung des in Frankfurt am Main ansässigen Studienkreises Deutscher Widerstand unter dem Titel »Nichts war vergeblich – Frauen im Widerstand gegen den Nationalsozialismus«.

Nicht bekannte Frauen wie Sophie Scholl oder Erika Mann stehen hier im Fokus, sondern die Lebensläufe und Leistungen von Frauen, die in der öffentlichen Wahrnehmung bislang weniger präsent waren. Ihre Biographien machen deutlich, auf welch vielfältige Weise die Frauen dem Regime die Gefolgschaft verweigerten. Auch sich nicht anzupassen, nicht mitzumachen, war Widerstand. Oft ging er noch viel weiter und war in aller Regel mit Lebensgefahr verbunden.

»Nichts war vergeblich, was sich gegen das Regime gerichtet hat«, diese Worte der Résistance-Kämpferin Gerti Schindel sind das Motto der Ausstellung. Eröffnet wurde sie im Januar in der Zentralbibliothek Frankfurts. Die nächste Station ist Wuppertal. Dort ist sie vom 8. bis 18.März im Lichthof Rathaus am Johannes-Rau-Platz zu sehen.

Auf Zweck und Ziel der Ausstellung ging Cora Mohr vom Studienkreis Deutscher Widerstand bei der Eröffnung ein. Sie stellte uns folgenden Textauszug zur Verfügung:

 

Der Blick auf diese Frauen hat unseren Begriff von Widerstand erweitert. Als Widerstand wird nicht mehr nur der politische Widerstand gesehen, sondern alle Aktivitäten, die sich gegen das Naziregime richteten. Wir nennen das »Widerständigkeit«.

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Der Anteil der Frauen am »Widerstand« wurde lange Zeit als sehr gering eingeschätzt. Lange haben Frauen auch ihre eigene Widerständigkeit als »nicht so wichtig« gesehen. Mit offenen Augen auf den Widerstand von Frauen zu schauen, ist unser Ansatz. Wir stellen Frauen vor, deren Motive für Widerstand und deren Widerstandshandlungen vielfältigster Art sind. Allen gemeinsam ist, dass sie sich nicht unter die »herr«schenden Normen zwingen ließen.

Erst in den später 1990er Jahren begann die Auseinandersetzung um einen zu verändernden Widerstandsbegriff, der neben einer politischen und bewaffneten Dimension auch eine humanitäre Dimension hat. Es ist aktiver Widerstand, der die eigene Moral und den Überlebenswillen aufrecht erhält, der Menschenleben rettet. Alle Tätigkeiten hängen voneinander ab und bauen aufeinander auf. Die hierarchische Bewertung widerständigen Handelns hat viel zu lange den Blick verstellt.

Die Bereiche, in denen Frauen aktiv waren, sind immer noch die am wenigsten beachteten: sei es die Fluchthilfe für politisch Verfolgte, für jüdische Menschen oder der Rettungswiderstand durch Verstecken. Sie leisteten Unterstützung beim Untertauchen verfolgter Menschen oder Hilfe für Zwangsarbeiter/innen. Frauen sammelten Spenden, transportierten und verteilten Nachrichten und Flugblätter; organisierten die Kommunikation.

Die Einengung des Widerstandsbegriffs auf »politischen« Widerstand und die Geringschätzung der Widerstandsarbeit von Frauen führte auch dazu, dass nach 1945 vielen Frauen keine Entschädigung für Verfolgung und Haft zugesprochen wurde. Begründungen dafür waren u.a., ihre Arbeit habe keinen politischen Hintergrund gehabt; ihre Aktivitäten wären aus Mitleid, Menschlichkeit erfolgt oder sie hätten gegen geltende Gesetze (z.B. gegen die sogenannten »Rassengesetze«) verstoßen.

Wie sahen die konkreten Formen des Widerstehens der Frauen aus? Die eine wird inhaftiert, weil sie, aus einer Sintifamilie stammend, trotz offiziellen Verbots einen kranken Onkel besucht. Die andere lässt ihren jüdischen Ehemann nicht im Stich und protestiert mit mehreren Tausend anderen in der Berliner Rosenstraße gegen deren Inhaftierung. Die eine liebt den »falschen« Mann, die andere läuft weg, weil sie nicht die Ausbildung, die Arbeit machen darf, die sie möchte.

Die eine verteilt Flugschriften und Wurfzettel für den Internationalen Sozialistischen Kampfbund; die andere ist Fotografin. Eine ist Schriftstellerin und Kabarettistin, die dritte Malerin, die andere aktiv in der Kommunistischen Partei. Eine ist Mitglied in der Bekennenden Kirche, gibt ihren Lehrerberuf auf, weil sie nicht »im nationalsozialistischen Sinne« unterrichten will; sie stellt ihr Wochenendhäuschen als Zuflucht zur Verfügung. Diese Aufzählung ließe sich unendlich fortsetzen. Über einige dieser Frauen berichten wir in der Ausstellung.

Alle diese Frauen verdienen unsere Achtung. Uns hat interessiert, warum die Frauen Widerstand geleistet haben; aus welchem familiären, sozialen oder religiösen Hintergrund sie kommen. Welche Erfahrungen haben ihnen den Mut gegeben, sich nicht anzupassen, sich nicht unterzuordnen. Es gibt unzählige Antworten; einige haben wir für die Ausstellung aufgezeichnet.

Feldjäger fällen Präsident

geschrieben von Ernst Antoni

1. März 2016

Prozess wegen Kunstaktion bei Bundeswehr-Beförderungsappell

 

Es handelte sich um einen »Beförderungsappell«. Knapp 450 Offiziersanwärter der Bundeswehr waren am 27. Juni vergangenen Jahres vor dem Schloss Nymphenburg in München angetreten, um ihren Aufstieg mit militärischem Zeremoniell und klingendem Spiel bestätigt zu bekommen. Öffentlichkeitswirksamkeit war durchaus beabsichtigt, davon zeugte schon die Wahl des historisch-pittoresken Rahmens für den Appell.

»Knapp eine Woche vor dem Ereignis waren die Münchner – also auch ich – zu einer öffentlichen Feier mit Marschmusik (‚Des Großen Kurfürsten Reitermarsch‘) eingeladen«, berichtet Günter Wangerin, 70, Arzt im Ruhestand, und seit langem auch kritischer Maskenbildner, Grafiker, Maler und Aktionskünstler über das Ereignis. Allerdings habe, so die Süddeutsche Zeitung in ihrem Bericht über den derzeit gegen den Künstler wegen »Hausfriedensbruchs« in München stattfindenden Prozess, »die Bundeswehr-Universität zunächst die Bevölkerung zum Appell groß eingeladen und dann wieder ausgeladen (…), als sich Demonstranten ansagten. Es kamen aber trotzdem etliche Neugierige und nicht nur Angehörige der Soldaten.«

Günter Wangerin dazu in seiner »in großen Teilen politischen Erklärung« (SZ) vor Gericht: »Ich hatte die kurzfristige Absage nicht mitbekommen und mich ungehindert mit einem kleinen Podest und einer Plastiktüte, in der sich eine Gauckmaske und ein großes eisernes Kreuz befanden, an dem Platz eingefunden, an dem die Eltern der Jungoffiziere standen. Ich plante eine Kunstaktion.«

Dazu bestieg er, in feines Tuch gekleidet, die Maske mit dem Bundespräsidenten-Antlitz vor dem Gesicht und die Brust dekoriert mit dem »Eisernen Kreuz«, die mitgebrachte Trittleiter, salutierte und rief laut »Habt acht!«. Zweimal. Daraufhin rissen Bundeswehr-Feldjäger das Präsidenten-Double mehr als unsanft vom Podest, fixierten den Liegenden, so ihre Aussage, mit einem »kontrollierten Nasenhebel« und legten dem Überwältigten Handschellen an.

Niemand habe ihn, so Günter Wangerin, vor diesem Feldjäger-Einsatz aufgefordert, das Gelände zu verlassen. »Ich wehrte mich nicht, weil ich wusste, welche juristischen Folgen das haben würde, protestierte aber laut und deutlich gegen dieses Vorgehen. Dazwischen forderte ich die beiden auf, mir die Handschellen abzunehmen, sie sähen doch, dass ich mich nicht wehrte. Ohne Erfolg. Sie schienen stumm. Sie zerrten mich dann hoch und rissen mich im Laufschritt mit sich fort zur Polizei. Irgendwo auf dem Rasen nahmen sie mir dann die Handschellen ab.«

Vor Gericht stand nun die Bundeswehr-Aussage dagegen, dass es sehr wohl vorher Aufforderungen an den Künstler gegeben hätte, vom Podest zu steigen. Erst dann habe man, so ein Feldjäger, »den Herrn Doktor zu Boden geführt«. An solche Vorwarnungen kann sich jedoch nicht nur der zu Boden Geführte nicht erinnern, sondern auch zwei zivile Zeugen nicht, die bei dem Ereignis anwesend waren. Die einander widersprechenden Aussagen haben vorerst zur Aussetzung des Verfahrens geführt. Es soll, so die SZ, »ein weiterer Soldat, der momentan in Afghanistan ist, gehört werden«.

Womit der Prozess sehr deutlich an die beabsichtigten aktuell-politischen Bezüge der jäh unterbrochenen Kunstaktion anknüpft. Am Rande sei vermerkt: Auch der Künstler hatte nach dem Vorfall Anzeige erstattet. Wegen »Körperverletzung«. Diese Anzeige wurde von der Staatsanwaltschaft abgewiesen. Der »Hausfriedensbruch«-Strafbefehl gegen ihn dagegen aufrecht erhalten. Zu diesem gehören auch die Vorwürfe von Klägerseite, Wangerin habe von seinem Sockel aus gerufen: »Für die Abschaffung der Bundeswehr!« Schwer vorstellbar: Da steht – wie ja auch die Fotos von der Aktion zeigen – einer, der den Bundespräsidenten darstellt, schwer ordensbehängt, salutierend – und der fordert dann die Abschaffung der Bundeswehr…Ein bisschen viel Verfremdung.

Weshalb dem Künstler vor Gericht hier an einer Richtigstellung gelegen war: »Bedenken Sie: meine Aktion war eine satirische. Als Gauck stand ich doch für die Bundeswehr da und nicht gegen sie! Ich rief ‚Habt Acht!‘, eine Aufforderung also, wachsam zu sein. Warum Gauckmaske? Weil Pastor Gauck der entschiedenste Befürworter von Bundeswehreinsätzen in aller Welt ist und keine Gelegenheit verstreichen lässt, für solche Einsätze zu werben. Die Auffassung, dass diese Einsätze verfassungswidrig sind, entstammt nicht meiner krankhaften Phantasie, sondern wird auch von bedeutenden Verfassungsrechtlern geteilt.«

Die Fortsetzung des Prozesses wird zeigen, ob es hier lediglich darum geht, ein Exempel zu statuieren gegen Menschen, die sich mit künstlerischen und anderen demokratischen Mitteln zunehmender Kriegs- und Militärverherrlichung entgegenstellen. Jedenfalls war die kritische Resonanz am und nach dem ersten Prozesstag, auch in nahezu allen Münchner Tageszeitungen, beeindruckend.

Aus den Landesvereinigungen und Verbänden

28. Februar 2016

Hier finden Sie Beiträge aus dem Verband sowie aus den Landesvereinigungen Baden-Württemberg, Bayern, Berlin, Hamburg, Hessen, Rheinland-Pfalz, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Sachsen: AntifaLS_2016_0304_web

Titel

12. Januar 2016

Veranstaltung gegen Rechts im Jugendzentrum von Langen in Hessen. Der eritreischer Musiker Semereab Teklia vor dem Wimmelbild der VVN-Neofaschismus-Ausstellung. Foto: Philipp Schappert

Veranstaltung gegen Rechts im Jugendzentrum von Langen in Hessen. Der eritreischer Musiker Semereab Teklia vor dem Wimmelbild der VVN-Neofaschismus-Ausstellung.
Foto: Philipp Schappert

Editorial

geschrieben von Regina Girod

12. Januar 2016

Wird der Rechtsruck, den das Jahr 2015 in etlichen Ländern Europas gebracht hat, in absehbarer Zeit aufzuhalten oder sogar umzukehren sein? Sicher nur, wenn es Linken und anderen Demokraten gelingt, dafür ihre Kräfte zu vereinen. Antifaschistinnen und Antifaschisten können dazu Wesentliches beitragen, denn Widerstand gegen den Vormarsch rechtspopulistischer Parteien und das Erstarken neofaschistischer Bewegungen ist der originäre Auftrag antifaschistischer Bewegungen. Dafür müssen wir europaweit enger zusammenrücken, stärker kooperieren und voneinander lernen.

Ganz in diesem Sinne ist die Situation in Frankreich und die Zusammenarbeit mit FNDIRP ein Thema, dem wir mehrere Beiträge dieser antifa gewidmet haben. (Seite 3, 9 und 21) Zu guter Letzt haben wir auf den Rücktitel dieser Ausgabe eine französische Karikatur gegen den FN gesetzt, die von einer Gewerkschaftsinitiative stammt. Sie würde auch auf die AfD passen.Neben wachsenden Rassismus und Beispielen staatlicher Repression gegen zivilgesellschaftliches Engagement thematisieren wir in dieser Nummer den großen Einsatz vieler Freiwilliger für die Flüchtlinge in unserem Land. Jürgen Horn von der evangelischen Kirchengemeinde Heilig-Kreuz-Passion in Berlin fasst im Interview seine Erfahrungen so zusammen: »Anstatt sich von Ehrenamtlichen unterstützen zu lassen, sollten sich die staatlichen Stellen besser darauf konzentrieren, die Ehrenamtlichen zu unterstützen.« (S.5)

Mit dem Porträt von Dolores Ibarruri, die im Dezember 120 Jahre alt geworden wäre (Seite 19) und der spannenden Lebensgeschichte des ungarisch-deutschen Interbrigadisten Ludwig Detsinyi, der unter dem Namen David Martin ein bekannter australischer Schriftsteller wurde (Seite 31-32), nehmen wir ein Datum in den Blick, dessen 80. Wiederkehr in diesem Jahr ansteht: Der Kampf für die Spanischen Republik und die Gründung der Internationalen Brigaden im Oktober 1936. Dieses Jubiläum werden Antifaschistinnen und Antifaschisten in vielen Ländern und im Oktober gemeinsam in Spanien begehen.

Antifaschismus international

geschrieben von Cornelia Kerth

11. Januar 2016

Wir dürfen Europa nicht in die Hände von Nazis und Rassisten fallen lassen

 

Auch im Jahr 2015 ist Europa wieder ein Stück weiter nach rechts gerückt. Neben Ungarn, wo der extrem nationalistischen und rassistischen Fidesz und der neofaschistischen Partei Jobbik zusammen nur eine Stimme an der absolute Mehrheit fehlt, ist jetzt auch Polen fest in rechter Hand. Mit 37,6 Prozent der Stimmen konnte die PiS (»Partei für Recht und Gerechtigkeit«) die absolute Mehrheit der Sitze im Parlament gewinnen und das Ergebnis ist fast allabendlich in deutschen Medien zu sehen: in Windeseile sollen Staat und Gesellschaft dem Parteiprogramm der klerikal-reaktionären PiS angepasst werden. Anders als wir es in Ungarn kennengelernt haben, ruft das in Polen massenhaften Protest hervor und ebenfalls anders, als wir es bei der Regierungsübernahme durch Orban erlebt haben, kommt aus der EU Kritik.

In Frankreich konnte ein Wahlsieg des Front National in der zweiten Runde der Regionalwahlen im Dezember nur durch den Kandidatur-Verzicht meist sozialistischer Kandidat_innen zugunsten der Konservativen (und gelegentlich umgekehrt) verhindert werden. 6,6 Millionen oder 27,4 % der französischen Wähler haben extrem rechts gewählt.

Anlass zu großer Sorge für unsere französische Partnerorganisation FNDIRP (Nationale Vereinigung der Deportierten und Internierten, Widerstandskämpfer und Patrioten), die am 30. und 31. Oktober 2015 ihren 39. Kongress im großen Festsaal des Pariser Rathauses abhielt und zugleich ihren 70. Geburtstag feierte. Als Motto hatten die Kameraden und Kameradinnen »Erinnern und wachsam bleiben« gewählt. In nahezu allen Redebeiträgen der beiden Tage und in den vielen Gesprächen mit den Delegierten wurde die Notwendigkeit, dem Anwachsen rassistischer und ausgrenzender Diskurse im Alltag und die Ausbreitung von Nationalismus und Fremdenfeindlichkeit entgegenzutreten, thematisiert.

Nach vielen Jahren, in denen sich die FNDIRP aus der internationalen Arbeit der FIR zurückgezogen hatte, war die VVN-BdA als befreundete Organisation eingeladen und wurde mit großer Herzlichkeit empfangen. In unserem Grußwort nahmen wir – nach einem Rückblick auf gemeinsame erfolgreiche Aktivitäten in der Vergangenheit – ebenfalls Stellung zur Rechtsentwicklung in Europa. Dabei stand selbstverständlich die Entwicklung in Deutschland im Mittelpunkt. AfD, Pegida und der fast alltäglich gewordene rassistische Terrorismus beunruhigen auch unsere französischen Freunde stark.

Bei den erstaunlich vielen Überlebenden und ihren Angehörigen ist die historische Erfahrung noch sehr lebendig. Die abschließende Perspektive des Grußworts, dass wir es schaffen müssen und können, die gemeinsame Erfahrung des Widerstands über politische Parteien, persönliche Überzeugungen und Herkunft hinweg in den heutigen Auseinandersetzung fruchtbar zu machen und zu verhindern, dass Europa in die Hände von Rassisten und Neofaschisten fällt, stieß auf große Zustimmung. Zum Abschluss des Besuchs wurde der beiderseitige Wunsch nach Verstetigung unserer Beziehungen und Zusammenarbeit am gemeinsamen Ziel vereinbart.

Unsere dänische Partnerorganisation FIR Dänemark hatte für November zu einem europäischen antifaschistischen Kongress nach Kopenhagen eingeladen. Neben unserem Dachverband FIR waren mehrere dänische Bündnispartner und eine Delegation der VVN dieser Einladung gefolgt. Hier ging es im Wesentlichen um Grundlegendes wie die Frage des Verhältnisses von Geschichtsinterpretation und Gegenwart und die Rechtsentwicklung in der dänischen Gesellschaft, die von einigen Referenten anhand ausgewählter Beispiele thematisiert wurden. Schade, dass die europäische Situation nur in einem Vortrag über Neofaschismus und Rechtspopulismus in Europa beleuchtet wurde und eine Debatte dazu nicht vorgesehen war.

Zu einer engagierten Diskussion kam es im Kongressverlauf nur ein Mal, als ein Vertreter der griechischen KKE den Klassenkampf zum einzigen wirksamen Mittel im Kampf gegen die »Goldene Morgenröte« und andere Neofaschisten erklärte und unsere Delegation an dieser Stelle widersprach.

Wir wollen 2016 wieder einen solidarischen internationalen Beitrag leisten, indem wir – wie schon 2014 – die Freunde von »World without Nazism« in Riga bei ihren Protesten gegen den Aufmarsch der Veteranen der lettischen Legion der Waffen-SS und ihres Anhangs unterstützen. Da der eigentliche Jahrestag am 16. März ein Wochentag ist, dürfte der Marsch am Sonntag, den 20. März stattfinden; er beginnt regelmäßig nach dem Gottesdienst (!) im Dom.

Wer sich vorstellen kann, dabei zu sein, melde sich bitte möglichst bald im Bundesbüro. Dort soll es ab Mitte Januar auch verlässliche Informationen zu Datum und Reisebedingungen geben.

Lasst uns unseren Beitrag dazu leisten, dass 2016 für Antifaschist_innen in Europa ein erfolgreiches Jahr wird!

»Straßenterror« in Leipzig

geschrieben von Markus Roth

11. Januar 2016

Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) und die »Kriminellen«

 

Nicht der Aufmarsch des Neonazikaders Christian Worch mit 150 Anhängern sondern der antifaschistische Protest dagegen war für den OB vergleichbar mit dem Straßenterror der SA in den 30iger Jahren.

Schon seit Monaten läuft eine Kampagne von Staats- und Verfassungsschutz gegen die angebliche Militanz von Links. Während Pegida, Legida, NPD und andere Rassisten in Sachsen den Flüchtlings-Diskurs bestimmen, beschäftigen sich die Sicherheitsbehörden vorrangig mit nächtlichen Sachbeschädigungen an Gerichten und Polizeiwachen, die in den letzten Monaten durch die aktionsorientierte linke Szene in Leipzig verübt wurden.

Diese »Kriminellen« hätten auch wieder am 12. Dezember »bürgerkriegsähnliche Zustände« im Stadtteil Connewitz herbeigeführt. Nicht die offene Propagierung von Rassismus und das Gutheißen von Brandanschlägen auf Flüchtlingsunterkünfte machen dem OB Jung Sorgen, sondern der unversöhnliche Widerstand, der sich nicht mit einem Lächeln in die Polizeiabsperrungen und damit in den Kompromissvorschlag sächsischer Zustände begibt. Denn dieser Kompromiss untersagte den Protest in Sicht- und Rufweite der Neonazis und wurde mit Wasserwerfen und Tränengas durchgesetzt. Wer daran Anstoß nahm, wurde, wie der Jenaer Jugendpfarrer Lothar König nebst Lautsprecherwagen, bis in die Nacht festgesetzt.

Richtig ist, dass es regelrecht geknallt hat in Leipzig-Connewitz. Doch mit »Straßenterror« hat das nichts zu tun. Wut und Frustration über die Gesamtsituation in Sachsen und die Aussichtslosigkeit von Blockadeversuchen haben dazu geführt, dass einige die »antifaschistische Notwehr«, wie schon im September in Hamburg, überspannt haben. Klar, das muss diskutiert werden – aber bitte unter AntifaschistInnen und nicht mit denjenigen die Antifaschismus per se diskreditieren.

Miteinander leben

11. Januar 2016

Ein antifa-Gespräch über Flüchtlingshilfe und staatliches Versagen

 

antifa: Woher kommen die Flüchtlinge, die bei euch leben?

Jürgen Horn: Das sind junge Männer, zivile Kriegsflüchtlinge, vor allem aus dem Niger.

antifa: Ihr Status ist ungeklärt. Bekommt Ihr in irgendeiner Form staatliche Unterstützung für die bei euch Untergekommenen?

Jürgen Horn: Eigentlich nicht. Man hat mehr den Eindruck, der Staat, also hier die Stadt Berlin, die war‘s zufrieden, dass die »Unruhestifter« vom Oranienplatz endlich untergebracht und abgetaucht sind. Jetzt kann man die Arme über der Brust verschränken, ab und zu humanistische Sprüche absondern und ansonsten bequem darauf warten, ob der Kirche das Geld für die Flüchtlinge ausgeht oder nicht. Das ärgert mich etwas.

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antifa: Wie fühlen sich die Flüchtlinge bei euch? Könnt ihr sie in das Leben eures Hauses einbeziehen, oder läuft beides nebeneinander her?

Jürgen Horn: Ich denke, sie fühlen sich gut; soweit man das bei den schlechten Bedingungen überhaupt und bei ihrem unsicheren Aufenthaltstatus sagen kann. In der Luft zu hängen, nicht arbeiten zu können, nicht wissen, wie es weiter geht…, das zerrt natürlich an den Nerven.

antifa: Wie reagieren eure Gäste auf die Einschränkungen, die das Leben mit den Flüchtlingen mit sich bringen?

Jürgen Horn: Na ja, unsere Gäste, die sind natürlich auch so etwas wie ein Querschnitt dieser Gesellschaft überhaupt, mit allen ihren Vorbehalten und Ressentiments. Aber überwiegend herrscht Akzeptanz. Das hängt unter Umständen auch damit zusammen, dass die Situation der Leute vergleichbar ist. Wir haben hier hauptsächlich Besucherinnen und Besucher, denen sagt die herrschende Gesellschaft: »Euch wollen wir nicht.« Na ja, und bei den Flüchtlingen ist das nicht so anders. Natürlich gibt es Einschränkungen im laufenden Betrieb. Wir haben in der zweiten Etage ein großes Atelier, wo gemalt wird. Die Hälfte des Raumes ist jetzt von den Feldbetten der Flüchtlinge belegt. Wir haben einen Seminarraum, wo man Filme sehen kann, Bücher lesen oder einfach so mal in Ruhe miteinander schwatzen. Das ist zurzeit der Tagesraum für die Flüchtlinge. Es gibt also Einschränkungen. Und es gibt da natürlich immer wieder auch Reibereien. Aber übergreifend glaube ich, herrscht eine Atmosphäre von Solidarität und Akzeptanz. Ich denke, das hat mit der Philosophie des Hauses zu tun, die wir tagtäglich leben. Irgendwie ist das aus meiner Sicht auch so etwas wie diakonische Arbeit im besten Sinne. Es ist die Grundstimmung, die dieses Haus trägt, eben akzeptierendes Miteinander. Das mussten wir nicht erst entwickeln, als die Flüchtlinge kamen. Das ist so bei uns.

antifa: Ehrenamtliche Helfer bieten inzwischen Deutschunterricht in euren Räumen an. Läuft das alles über die evangelische Kirche oder existieren Netzwerke mit anderen Unterstützerinnen?

Jürgen Horn: Vieles läuft über die Kirche. Der Bischof verhandelt mit dem Berliner Senat. Über den Kirchenkreis Stadtmitte wird nach Möglichkeiten von Berufspraktika für die Flüchtlinge gesucht, nach Möglichkeiten von Unterbringung in kirchlichen Einrichtungen. In St. Simeon wurde eine Flüchtlingskirche installiert. Als die Flüchtlinge kamen, da hat sich sehr schnell ein Unterstützerkreis aus Mitarbeitern der Einrichtung und Ehrenamtlichen gebildet, die hier in der Gitschiner tätig sind. Schirmherrin ist die Sängerin Joceline B. Smith, die in der Gitschiner einen Chor leitet. Inzwischen haben die einen Verein gegründet: help4people e.V., mit einer eigenen Webseite www.help4people.de. Die brauchen Unterstützung, damit sie helfen können. Ist das nun kirchlich oder nicht? Auf jeden Fall gibt es eine große Bereitschaft zur Hilfe. Man sollte die Prioritäten vielleicht umdrehen. Anstatt sich von Ehrenamtlichen unterstützen zu lassen sollten sich die Offiziellen besser darauf konzentrieren, die Ehrenamtlichen zu unterstützen.

antifa: Was wäre nach eurer Erfahrung nötig, um den unwürdigen Zustand des Hin-und Herschiebens der Menschen endlich zu beenden und habt ihr Hoffnung, dass sich in dieser Richtung etwas bewegt?

Jürgen Horn: Ein ernsthaftes Asylgesetz das alle Flüchtlinge und all Fluchtgründe akzeptiert und nicht nur die, die der Bundesregierung aus geostrategischen Gründen gerade ins Konzept passen. Sofortige Möglichkeit zu arbeiten, sofortige Angebote von Deutschkursen, sofortige Integration und nicht erst nach monatelangen quälenden Überprüfungsverfahren. Mit Hoffnung kann ich wenig anfangen. Aber es gibt Erfahrungen. Und die sagen, dass Veränderungen immer nur dann möglich sind, wenn eine alltägliche Menschlichkeit konfliktbereit gegen herrschende Politik und Wirtschaft auf die Straße geht – und das nicht nur in der Flüchtlingsfrage. Da ist es im Augenblich zu ruhig. Die vielen ehrenamtlichen Helfer reiben sich in ihrer Unterstützung für die Flüchtlinge auf. Aber von einer schrillen politischen Initiative, in der diese Ehrenamtlichen Forderungen stellen, davon habe ich noch nichts gehört. Dann stimmt die Frage vielleicht doch wieder. Ja, wir haben Hoffnung. Wir haben die Hoffnung, dass die Zivilgesellschaft sich den Zynismus der Politik nicht endlos wird gefallen lassen.

Gemeinschaftsprojekt Erinnern

geschrieben von Axel Holz

11. Januar 2016

Mit großem Engagement wurde die Gedenkstätte Sülstorf in M/V erneuert

Am 15. November 2015 hatten Landrat Rolf Christiansen und Horst Busse, Bürgermeister der Gemeinde Sülstorf, zur Einweihung der neu gestalteten Gedenkstätte für die Opfer des Transport-Zuges aus dem KZ Helmstedt-Beendorf eingeladen. Hier waren 53 jüdische Häftlinge 1947 auf einem Ehrenfriedhof begraben worden, die im April 1945 mit dem Zug aus dem Außenlager des KZ Neuengamme unterwegs waren, wo sie in Zwangsarbeit in der V-Waffenproduktion beschäftigt waren.

Schüler des Gymnasialen Schulzentrums Stralendorf führen Pflegearbeiten durch, Frühjahr 2015 [MGW]

Schüler des Gymnasialen Schulzentrums Stralendorf führen Pflegearbeiten durch, Frühjahr 2015 [MGW]

4.350 Häftlinge wurden in 60 Waggons mit bis zu 120 Personen je Waggon zum KZ Wöbbelin transportiert. Der Transport stand vom 13. bis zum 15. April 1945 in Sülstorf. Die meisten Häftlinge waren erschöpft und konnten die Waggons kaum aus eigener Kraft verlassen. Sie erhielten in Sülstorf zum ersten Mal Verpflegung, die auf Befehl der SS durch die Sülstorfer Bevölkerung gekocht und zum Bahnhof gebracht werden, recherchierte eine Schülergruppe innerhalb eines Projektes der Gedenkstätte Wöbbelin. Hunderte Häftlinge starben an Hunger oder wurden von SS-Leuten erschlagen oder erschossen. Sie waren in mehreren Massengräbern verscharrt worden, die zur Tarnung mit Flugzeugtrümmern bedeckt wurden, heißt es in Zeugenaussagen. Der Tod der Häftlinge bot den Stoff für Willi Bredels Erzählung »Das schweigende Dorf«. Pastor Helwig aus Sülstorf berichtete dem evangelischen Oberkirchenrat, dass sich in seiner Gemeinde ein Massengrab befinden soll. Dieser informierte die VVN, belegen Archivmaterialien. Der Leiter des VVN-Büros in Schwerin, Kurt Schliwski, war an den Ermittlungen beteiligt, die die Kriminalpolizei durchführte. Darüber berichtet er in seinen Erinnerungen, die die Historikerin Regina Scheer 1986 aufschrieb und die 2014 von der VVN-BdA kommentiert veröffentlicht wurden und im VVN-Shop erhältlich sind. Einige der exhumierten Leichen wiesen Schussverletzungen auf oder wurden erschlagen, belegen die kriminaltechnischen Untersuchungen, die sich im Landesarchiv fanden.

In der Mitgliederversammlung des Vereins Mahn- und Gedenkstätten im Landkreis Ludwigslust-Parchim e. V. wurde 2015 einstimmig beschlossen, die Gedenkorte des Landkreises, anlässlich des 70. Jahrestages der Befreiung vom Faschismus würdevoll neu zu gestalten, auch die Gedenkstätte Sülstorf. Zunächst wurde die Gedenkstätte nach den Plänen des Schweriner Landschaftsarchitekten Mathias Proske als Spendenleistung gärtnerisch neu gestaltet. Ein Großteil des Bewuchses wurde im Frühjahr 2015 durch die Agrarproduktgesellschaft Lübesse entfernt. Notwendige Pflegearbeiten wurden durch den Gemeindearbeiter und durch Schüler des Gymnasialen Schulzentrums »Felix Stillfried« Stralendorf durchgeführt.

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Am 1. Mai 2015 fand anlässlich der Internationalen Begegnung der Generationen eine Gedenkveranstaltung in Sülstorf statt, bei der auch Landesrabbiner William Wolf anwesend war. Mehrere Unternehmen aus der Region erbrachten Arbeitsleistungen im Wert von ca. 8.000 Euro für die Erneuerung der Gedenkstätte, denn von der Stiftung der Sparkasse gibt es in Mecklenburg-Vorpommern nur 50.000 Euro zur Erhaltung von insgesamt sechs Gedenkstätten. Die Hilfe vor Ort funktioniert gut, weil die Gedenkstätte in der Region mit zahlreichen Aktivitäten präsent ist und dauerhaft als Verein durch den Landkreis finanziert wird. Im Beisein von über 50 Gästen wurde die neugestaltete Gedenkstätte mit einer Informationstafel und Info-Stele mit historischem Foto bei strömenden Regen übergeben. Beim Empfang im Gemeindehaus Sülstorf konnten sich die Gäste aufwärmen, wurden Fotos vom Prozess der Neugestaltung der Gedenkstätte gezeigt und allen ehrenamtlichen Helfern sowie der VVN für ihre Recherchearbeit noch einmal herzlich gedankt. Gedenkarbeit ist in Sülstorf und der Region, wie es scheint, durch die aktive Arbeit der mit dem Johannes-Stelling-Preis ausgezeichneten Gedenkstätte fest verwurzelt.

Beethoven-Ode zu laut

geschrieben von P.C. Walther

11. Januar 2016

Polizei sorgte sich um »Störung« einer AfD-Kundgebung

 

In der rheinland-pfälzischen Hauptstadt Mainz löste ein Chorgesang des Staatstheaters polizeiliches Handeln aus. Der Staatstheater-Chor hatte nämlich bei geöffneten Fenstern laut und deutlich Beethovens »Ode an die Freude« gesungen, als auf benachbartem Platz die immer stärker nach rechts driftende AfD eine ihrer Hetz- und Hasskundgebungen gegen das »Asylchaos« abhielt.

Unmittelbare Folge des Chor-Gesangs war eine Strafanzeige der Polizei wegen »grober Störung« der AfD-Versammlung. Der aufgrund einer kurzfristig anberaumten Probe stattgefundene Chorgesang hatte die Reden auf der AfD-Kundgebung übertönt.

Die AfD selbst folgte einen Tag später ebenfalls mit einer Strafanzeige wegen »Störung« ihrer Versammlung. Diese Störung sei »in ungeheuerlicher Weise« vor sich gegangen. AfD-Sprecher Jan Bollinger fügte hinzu, dass eine staatlich subventionierte Einrichtung wie das Theater erst recht solches zu unterlassen habe.

Ähnlich argumentierte im baden-württembergischen Landtag die CDU, nachdem sich in Stuttgart die Staatsoper mit einem großen Transparent in Regenbogenfarben und der Aufschrift »Vielfalt« am Opernhaus eindeutig präsentiert hatte, als vor dem Theater ein Aufmarsch von Homophoben gegen mehr Rechte für Homosexuelle stattfand, bei dem sich viele Teilnehmer zugleich auch gegen Flüchtlinge und deren Unterstützer wandten. Ein staatlich unterstütztes Theater habe sich politischer Erklärungen zu enthalten, hieß es auf Seiten der CDU.

Der Eifer, mit dem teilweise von Polizei und Justiz und ebenso von Teilen der Politik gegen Antifaschisten, Nazigegner und zivilgesellschaftliches Engagement gegen Rechts vorgegangen wird, nimmt, wie diese Vorfälle zeigen, zuweilen skurrile Ausmaße an, wobei Skurrilität nicht das alleinige Merkmal ist. Die Missachtung zivilgesellschaftlichen Engagements und die Versuche, es zu kriminalisieren, sind im Endeffekt eine sehr reale und ernstzunehmende Bedrohung demokratischer Rechte und Freiheiten – und wirken schließlich wie ein Freibrief für rechte und rechtsextreme Stimmungsmache.

Das Mainzer Staatstheater erhielt übrigens eine ganze Reihe von Zustimmungs- und Solidaritätserklärungen. Auch das rheinland-pfälzische Landespolizei-Orchester erklärte, es wolle in nächster Zeit gemeinsam mit dem Mainzer Staatstheater ein Benefizkonzert für Flüchtlinge geben. Das klingt fast wie eine Entschuldigung von Seiten der Polizei.

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