Unermüdlicher Rechercheur

geschrieben von Ulrich Sander

7. September 2016

Zum 75. Geburtstag des Zwangsarbeits-Forschers Dieter Saal

55 Jahre mussten vergehen, bevor die Zwangsarbeit – nach Schätzungen geleistet von etwa 15 Millionen Menschen – als nationalsozialistisches Unrecht offiziell in einem Gesetz anerkannt wurde. Und einer hat einen rekordverdächtigen Anteil daran, das Gesetz in seinem Umfeld umzusetzen.  Das war der unermüdliche Stadtarchivar und Heimatforscher Dieter Saal in Lüdenscheid, der weit über 90 Prozent der Zwangsarbeiter im Landkreis mit den Namen ihrer Ausbeuter ermitteln konnte und 16 Prozent der Sklavenhalterfirmen seines Landkreises Märkischer Kreis dazu brachte, in die Stiftung einzuzahlen. Der Bundesdurchschnitt lag bei drei Prozent.
Auch im Märkischen Kreis um Lüdenscheid wollten sich Politik und Wirtschaft ihrer Verantwortung entziehen. Auf diesem Sektor Veränderungswillen zu schaffen, das war in Lüdenscheid vor allem Dieter Saals Werk. Um einen Forschungsauftrag des Heimatvereins zugunsten der Zwangsarbeiter durchzusetzen, scheute Dieter Saal keine Unannehmlichkeiten.
Nachdem in Lüdenscheid unsere Forschungsstelle beim Heimatverein geschaffen wurde und eine Bewegung von Antifaschisten wirkte, um die Namen von zur Zahlung verpflichteten Firmen zu veröffentlichen, musste die Stadt nachgeben und die Bundesstiftung unterstützen. Wir begannen sehr erfolgreich, die nötigen Nachweise für die Zwangsarbeiter vorzulegen, die zu beschaffen einen erheblichen Aufwand erforderte. Am Ende lagen 7462 Kurzbiografien von Zwangsarbeitern in Lüdenscheid und Umgebung vor, die in Datenbanken zusammengefasst, zudem diverse statistische Analysen erlauben. Diese Datenbanken sind nun im Stadtarchiv einsehbar. Vermutlich konnten auf der Grundlage der Lüdenscheider Recherchen etwa 1500 Überlebende eine Entschädigung erhalten.
Dankbar konnte man auch den örtlichen Medien sein. Beschrieben wurden mit Saals Hilfe Zustände und Verbrechen in einigen  Arbeits- und anderen Lagern. Ermöglicht wurden bemerkenswerte Ausführungen zu den Schicksalswegen einzelner Zwangsarbeiter und zu den Lüdenscheider Bürgerinnen und Bürgern, die sich an jene Zeit erinnerten und uns bei unserer Arbeit halfen – als kleines Stück Wiedergutmachung, als nachgeholte Willkommenskultur.
Besonders dank seines Engagements widmeten wir längere Untersuchungen dem spurlosen Verschwinden von 118 montenegrinischen Zwangsarbeitern, das offensichtlich zu jenen mörderischen, von NSDAP-Gauleiter und Reichsverteidigungskommissar Albert Hoffmann in den letzten Kriegswochen angeordneten Verbrechen gehört. Wir brachten die Mittäter, die möglicherweise noch leben, jetzt zur Anzeige; die Staatsanwaltschaft und das Landeskriminalamt übernahmen den Fall.
Fünfzehn Jahre nach der Zeit der Erforschung der Zwangsarbeit mussten wir leider feststellen: »Keine Anklage gegen die Quandts und Co.« Die Anbringung einer Mahntafel an den Gebäuden der Quandts in NRW wurde noch immer nicht durchgesetzt.. In Lüdenscheid wären das die der Firma Busch-Jäger, die früher der Familie Quandt gehörte. Mit solchen Tafeln soll auf die verhängnisvolle Rolle von Wirtschaftskreisen im sog. »Dritten Reich« bzw. im Zweiten Weltkrieg – auch in Lüdenscheid – hingewiesen werden. Die Rolle der Quandts aufzudecken – sowohl in Lüdenscheid als auch im ganzen Land -, das bleibt unsere Aufgabe. Während sich die VVN-BdA solcher Anklagen gegen Vertreter der ökonomischen Eliten widmet, sieht Dieter Saal seine Aufgabe mehr darin, humanitäre Motive geltend zu machen.
Im Jahr 2015 war ganz in diesem Sinne zu erleben, dass die juristische Klausel »Kriegsgefangenschaft begründet keine Leistungsberechtigung« teilweise unwirksam gemacht wurde, um die wenigen noch lebenden sowjetischen Kriegsgefangenen wenigstens minimal entschädigen zu können – nicht jedoch die italienischen. Auch daran hat Dieter Saal mitgewirkt.
Die Schlussfolgerung, die ich aus dem beschämenden Verhalten deutscher Großunternehmer in den Auseinandersetzungen um die Entschädigung der Zwangsarbeiter ziehe, lautet: Ohne Wirtschaftsdemokratie wird es auf die Dauer keine Demokratie mehr geben, wie es auch »ohne die Einschränkung von  Rüstungskonzernen und Rüstungsexporten« keinen Frieden geben kann.
In diesem Sinne ist in Lüdenscheid unter Mitwirkung von Dieter Saal eine politische Szene entstanden, die sich einer antifaschistischen und friedenspolitische Erinnerungsarbeit ebenso wie dem Wirken für die Zukunft verpflichtet fühlt. Dazu gehört auch die Erinnerung an den Lüdenscheider Kommunisten Werner Kowalski (1901-1943). Mit Dankbarkeit nahm ich das ihm gewidmete Buch »Deckname Dobler« entgegen und erfuhr, dass Dieter Saal daran beteiligt war, Leben und Kampf auch dieses Mitglieds des ZK der KPD, der von der Gestapo ermordet wurde, dem Vergessen zu entreißen.

Ulrich Sander: Der Iwan kam bis Lüdenscheid. Protokoll einer Recherche zur Zwangsarbeit, Papy Rossa, 237 Seiten, 15,90 EUR

Ein Haus der Bücher

geschrieben von Janka Kluge

7. September 2016

Politik- und Geistesgeschichte im Spiegel einer Biografie

Der amerikanische Autor Sasha Abramsky hat eine Biographie über seinen Großvater, Chimen Abramsky, geschrieben. Um sein Leben nachzuzeichnen, hat er mit Familienmitgliedern, Historikern und Politikwissenschaftlern in vielen Ländern gesprochen. Zum hundertsten Geburtstag Chimen Abramskys wurden die Erinnerungen veröffentlicht.
Chimen Abramsky kam 1916 in Minsk zur Welt. Sein Vater war der Rabbiner Yehezkel Abramsky. Im Laufe der Jahre stellte der mehrfach Ausreiseanträge, um mit seiner Familie in Jerusalem leben zu können. Er wurde wegen antisowjetischer Einstellungen verurteilt und in ein Zwangsarbeiterlager nach Sibirien gebracht. Durch die Bemühung von Schriftstellern und Politikern aus westlichen Ländern, unter anderem des deutschen Kanzlers Heinrich Brüning, wurde er gegen fünf in Deutschland inhaftierte Kommunisten ausgetauscht. Als er 1931 freikam und mit seiner Familie ausreisen durfte, wurde London ihre neue Heimat. Zwei Söhne mussten allerdings in der Sowjetunion bleiben. Yehezkel Abramsky wurde Rabbiner in London.
Chimen Abramsky zog 1936 nach Jerusalem, um an der Hebräischen Universität Geschichte zu studieren. Als er 1939 seine Eltern in London besuchte, konnte er durch den Überfall Hitlers auf Polen nicht mehr zurück nach Jerusalem. So nahm er eine Stelle bei der jüdischen Buchhandlung »Shapiro, Valentine & Co.« an. 1940 heiratete er die Tochter des Besitzers, Miriam Nierenstein. Sie blieben bis zu ihrem Tod zusammen. Nach dem Überfall der Wehrmacht auf die Sowjetunion traten Chimen und Miriam der Kommunistischen Partei Englands bei. Überzeugte Hitlergegner und Antifaschisten waren sie schon vorher gewesen. Ihr Haus entwickelte sich zu einem wichtigen Treffpunkt englischer Kommunisten.
»Tag für Tag stiegen Scharen von Besuchern die mattroten Ziegelstufen zur Tür hinauf, ihre Hände auf dem wackeligen Holzgeländer. Wenn sie das Haus im Hillway betraten, fiel ihr Blick als Erstes auf die Bücher in der Diele. Die dünnen Taschenbuch-Biographien bedeutender Männer. Die gewichtigen sozialistischen Fachenzyklopädien. (…) Wären die Besucher lange genug in der Diele stehen geblieben, um den einen oder anderen Band aus den Regalen zu nehmen, hätten sie eine vollständige zweite Bücherreihe hinter der vorderen entdeckt. Dort standen viele Studien über die gescheiterten europäischen Revolutionen von 1848 (…)«
Chimen Abramsky entwickelte den Ehrgeiz, möglichst viele Bücher über die kommunistischen und sozialistischen Bewegungen zu sammeln. So hat er im Laufe der Jahre in seinem Haus eine der größten Privatsammlungen dazu zusammengetragen.
Sasha Abramsky stellt in seinem Buch Zimmer für Zimmer vor. Zum einen in ihrer Funktion innerhalb des Hauses, aber auch mit den dort verstauten Büchern. Im Wohnzimmer versammelte sich fast jeden Abend eine bunte Mischung an Gästen. Es gab bestimmt Zeiten, in denen Mimis Kochkünste ähnlich wichtig waren, wie die anschließenden Diskussionen. In den Augen von Sasha Abramsky lebte in ihnen die Tradition der jüdischen Aufklärung, der Haskala fort.
»In Chimens und Mimis Wohnzimmer wurden die von der Haskala unter den Juden entfachten Diskussionen leidenschaftlich weitergeführt – zwischen Hausbewohnern und Gästen wie auch in den abertausend Büchern, die zwischen dem unebenen Fußboden, und der Decke mit ihrer abblätternden Farbe verstaut waren: Zionismus gegen internationalen Sozialismus, Assimilierung im Unterschied zum Nationalismus, Religion gegen Säkularismus, Tradition gegen Moderne, die Autorität der Rabbiner im Gegensatz zur Macht der neuen Revolutionäre.«
Nachdem er sich nach dem Aufstand in Ungarn 1956 gemeinsam mit seiner Frau enttäuscht von der Partei abgewandt hatte, verkaufte Chimen Abramsky die Sammlung und wandte sich Büchern über das Judentum zu. Auch in diesem Bereich entwickelte er eine ausgesprochene Sammlerleidenschaft.
Das Haus wechselte nun nach und nach seine Besucher. Chimen wandte sich jetzt dem Zionismus zu, den er davor abgelehnt hatte. Seine politische Heimat fand er jetzt bei den englischen Sozialdemokraten. Er entwickelte sich zum Fachmann für jüdische Literatur, wobei es ihm besonders die Texte der von der spanischen Inquisition vertriebenen Juden angetan hatten. In dieser Phase seines Lebens arbeitete er auch für das Auktionshaus Sotheby´s als Gutachter.
Obwohl er sich von der Kommunistischen Partei abgewandt hatte, hat er Mitte der sechziger Jahre zusammen mit Henry Collins ein Buch über die britische Arbeiterbewegung im 19. Jahrhundert geschrieben. Es wurde schnell zu einem Standardbuch zu diesem Thema. Am Ende seines Lebens wurde er noch in London zum Professor für Hebräische und Jüdische Studien berufen. Endlich konnte er das tun, was er schon immer wollte: Junge Menschen an seinem enormen Wissen teilhaben lassen. Das Buch erfüllt zwei wichtige Voraussetzungen um viele Leser zu finden. Es ist eine gutgeschriebene Biographie und die Geschichte einer Suche nach dem richtigen Leben im falschen. Nach der Lektüre wusste ich, dass es möglich ist. Mit anderen Worten, es wird eines meiner Lieblingsbücher.

Sasha Abramsky »Das Haus der zwanzigtausend Bücher« DTV Verlag

Bündnis mit dem »Feind«

geschrieben von Heinrich Fink

7. September 2016

Ausstellung über die weltweite Bewegung »Freies Deutschland«

Unter dem Titel »Deutschland muss leben, deshalb muss Hitler fallen« findet in der Gedenkstätte Deutscher Widerstand noch bis zum 31. Juli eine Ausstellung zur weltweiten Bewegung »Freies Deutschland« statt. Sie wurde gemeinsam von der VVN-BdA und der Gedenkstätte erarbeitet.
Es ist dem Gedenkstättenleiter, Prof. Dr. Johannes Tuchel, zu danken, dass er die bereits 1995 von der DRAFD erarbeitete Ausstellung noch einmal präsentiert, nun überarbeitet und in einem neuen Design.Die Ausstellung stellt ausgewählte Biographien und Aktivitäten des »Nationalkomitees Freies Deutschland« (NKFD) vor, das am 12./13. Juli 1943 in Sagorsk bei Moskau in der Sowjetunion gegründet wurde. Es folgten Bewegungen »Freies Deutschland« in europäischen Ländern wie Schweden, Griechenland, Schweiz und Frankreich. Bereits 1942, also noch vor der Gründung des NKFD in der Sowjetunion, entstand in Mexiko eine solche Bewegung.
Auf einzelnen Tafeln sind die Aktivitäten in diesen Ländern und die Biographien der Aktivisten sowie die Zusammenarbeit mit den Widerstandskämpfern in den jeweiligen Ländern beschrieben. In seiner Begrüßung deutete Tuchel die Probleme an, die es um die Präsentation der Ausstellung in »Westberlin« gab. Dabei spielten die Gründung in Moskau, die Unterstützung durch die KPD und die Zusammenarbeit mit der Roten Armee eine Rolle. Da die Ausstellung jedoch eine gute und auf exakter historischer Forschung über das Nationalkomitee erarbeitete ist, sind die Einwände heute ausgeräumt.
Interessant sind die Aktivitäten des Komitees und der Bewegung auf den Punkt gebracht. Die Herausgabe einer Wochenzeitung »Freies Deutschland«, einer Illustrierten und der wohl bekannteste Radiosender »Freies Deutschland« mit gegen den Krieg gerichteten Beiträgen wirkten aufklärend, denn deutsche Emigranten informierten rund um die Uhr in deutscher Sprache über die deutsche Armee und den Verlauf des Krieges. Es wurde auch zum Überlaufen ermutigt. Ein großer Erfolg war, dass sich Generalleutnant Vincent Müller am 18. Juli 1944 freiwillig in Gefangenschaft begab und ihm am 22. Juli 1944 siebzehn Generäle folgten. Am 18. August 1944 gab der Oberbefehlshaber der Stalingrader Armee, Feldmarschall Paulus, seinen Kampf mit dem Überlaufen zur Roten Armee auf und trat dem NKFD bei.
Die deutschen Antifaschisten sahen dies als Erfolg ihrer Arbeit an. Sie saßen unter anderem Tag und Nacht in kleinen Fliegern und klärten die deutschen Soldaten über die Kriegslage auf. Viele Mitglieder der späteren DRAFD kämpften in der Roten Armee, z.B. Konrad Wolf, Stefan Doernberg, Hanna Podymachina-Bernstein und Moritz Mebel. Sie alle habe ihr ganzes Leben als Berichterstatter und Zeitzeugen über ihre Erfahrungen und Beweggründe berichtet, die VVN-BdA verdankt ihnen viel.
Einige der Tafeln geben auch einen kleinen Einblick in die Kulturarbeit des NKFD. Nach den einführenden Worten von Johannes Tuchel sprach André Lohmar, als Emigrantenkind in Frankreich geboren, über die Einflüsse und Wirkungen der Bewegung »Freies Deutschland, z.B. in Mexiko. Unter dem Einfluss von Anna Seghers, Walter Janka, Egon Erwin Kisch und Ludwig Renn entstand dort unter der Leitung von Janka ein Verlag, der 20 Bücher herausgab.
Für mich besonders wichtig ist die Tafel über die Arbeit der Bewegung Freies Deutschland in der Schweiz, z.B. die Hilfe des bekannten Theologen Karl Barth und seiner Mitarbeiterin Charlotte von Kirschbaum für die kommunistischen Emigranten in der Schweiz, über ihre ständigen Besuche in den Gefängnissen, ihren Einfluss und ihre Verbindung zur Bekennenden Kirche in Deutschland und ihre Vorbereitung auf ein neues Deutschland nach der Kapitulation. Ihre Überzeugung war, ein neues Deutschland muss eine große Koalition von Antifaschisten sein. Daran wird man erkennen, ob die Deutschen aus dem Krieg gelernt haben.
André Lohmar betonte in seinem Vortrag: »Nach wie vor, und das in wachsender Zahl, gibt es auch heute wieder in unserem Land Exilanten. Ursachen hierfür sind Kriege, Verfolgung Andersdenkender, Außerkraftsetzung demokratischer Grundsätze und große wirtschaftliche Notlagen in zahlreichen Regionen der Welt. Die kritische Befragung der Vergangenheit kann hilfreich sein, damit nicht Irrwege mit ihren tragischen Folgen erneut beschritten werden.
Deshalb ist es für unsere Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes und für den Bund der Antifaschisten und Antifaschistinnen ein Gebot der Stunde, sich gegen Rassismus und Ausländerfeindlichkeit, gegen Verherrlichung von Gewalt und Brutalität, gegen Tolerierung nationalistischer Umtriebe und auch gegen großmachtchauvinistische Manifestationen zu wenden.«
Die Ausstellung ist eine gute Information aus der Vergangenheit für die Gegenwart. Ein Katalog ist in Arbeit.

Autor, Arzt und Aktivist

geschrieben von Raina Zimmering

7. September 2016

Der Antifaschist Alfredo Bauer ist in Buenos Aires verstorben

1989 weilte ich während eines Studienaufenthaltes das erste Mal in Buenos Aires. Damals lernte ich durch Vermittlung von Freunden Alfredo Bauer kennen. Nun erreichte uns die Nachricht von seinem Tod. Am 21. Mai ist er im Alter von 91 Jahren in einer Herzklinik in Buenos Aires gestorben. Ein arbeitsreiches und ausgesprochen kreatives Leben ist zu Ende gegangen. Alfredo Bauer hat uns ein großes Erbe hinterlassen und diejenigen, die ihn kannten, werden sein Bild immer mit sich und seine Bücher im Herzen tragen. Alfredo war Arzt, Schriftsteller und politischer Aktivist. Als ich ihn kennen lernte, praktizierte er noch, obwohl er schon in einem Alter war, in dem sich andere zur Ruhe setzen. Doch Ruhe passte nicht zu ihm. Er praktizierte noch bis ins hohe Alter und schrieb bis zu seinem 91. Lebensjahr.
Alfredo Bauer wurde am 14. November 1924 in Wien in einer jüdischen Familie, als Sohn eines Kaufmanns und einer Pharmazeutin geboren und besuchte dort die Volks- und Mittelschule. Schon in der Schule erlebte er Diskriminierungen. Als 14jähriger floh er 1938, kurz nach dem Anschluss Österreichs an Nazideutschland, zusammen mit seiner Familie nach Argentinien. Eine Tante ermöglichte der Familie die Einreise. Immer wieder betonte Alfredo Bauer, dass er nicht von Österreich vertrieben wurde, sondern von den Feinden Österreichs. In Buenos Aires besuchte er die deutschsprachige antifaschistische Pestalozzi-Schule, die 1935 von Dr. Ernesto Aleman, dem Besitzer des liberalen »Argentinischen Tageblatts«, als unabhängige Schule gegründet wurde. Es war eine Art Gegenmodell zu den anderen 20 deutschen Schulen in Buenos Aires, die von der nazideutschen Botschaft gleichgeschaltet waren. Die Pestalozzi-Schule entwickelte sich mit dem Zulauf antifaschistischer Lehrer, die nach Argentinien migrierten, zu einem Zentrum antifaschistischer humanistischer Kultur. Ein Lehrer beeindruckte Alfredo Bauer durch seine Literatur- und Philosophiekenntnisse besonders. Es war August Siemsen, der ebenfalls wegen seiner Einstellung als linker Sozialdemokrat nach Argentinien vor den Nazis geflohen war. Siemsen vermittelte Alfred Bauer ein materialistisch-historisches Gesellschaftsverständnis.
Nach Beendigung der Pestalozzi-Schule studierte Alfredo Bauer in Buenos Aires Medizin, promovierte zum Thema der »Schmerzarmen Geburt« und praktizierte zuerst als Kinderarzt und später als Frauenarzt. Geburtsmedizin war sein Spezialgebiet, und ich vermute, dass gerade das seinen großen Optimismus begründete. Alfredo Bauer wurde 1941 Mitglied in der Jugendgruppe der antifaschistischen österreichischen Exilorganisation »Austria Libre«, die 2000 Mitglieder hatte, und schrieb für deren Zeitschrift »Nueva Austria«. Auch trat er der jüdischen Organisation »Blau-Weiß« bei. 1946 wurde er Mitglied der Kommunistischen Partei Argentiniens. Alfredo Bauer arbeitete, seinen sozialistischen Intentionen folgend, mit dem antifaschistischen Verein »Vorwärts« zusammen, der 1882 von deutschen Sozialisten gegründet wurde, die wegen der Sozialistengesetze unter Bismarck nach Argentinien geflohen waren. Auch schrieb er für die Zeitung »Das andere Deutschland«, die von August Siemsen geleitet wurde. Die politischen Aktivisten im Umfeld des »Vorwärts« setzten sich kritisch mit dem Hitler-Stalin-Pakt auseinander und überwarfen sich mit anderen linken Emigrantengruppen und der III. Internationale. Obwohl Alfredo Bauer sich frühzeitig nach seiner Ankunft gesellschaftlich und politisch im argentinischen Exil schnell integrierte, brauchte er nach seinen eigenen Aussagen, 30 Jahre, um sich kulturell zu integrieren.
Die ersten literarischen Arbeiten von Alfredo Bauer waren 1944 Kleintheaterstücke für das von Walter Jacob gegründete deutschsprachige Theater »Freie Deutsche Bühne«, das überwiegend von Emigranten bespielt und besucht wurde. In dieser Zeit schreib er auch für das »Argentinische Tageblatt«. Als ihm das Tagebuch seines Großvaters, der 1848 in der bürgerlich-demokratischen Revolution in Deutschland gekämpft hatte, in die Hände fiel, beschloss er, größere Dinge zu schreiben. Die Ereignisse um das Tagebuch waren so einzigartig, dass er das Schreiben als eine neue Berufung empfand. Eine Tante, die dieses Tagebuch besaß, wurde ins KZ Theresienstadt verschleppt, konnte es aber vorher noch verstecken. Sie überlebte das KZ und übergab das Tagebuch nach dem Krieg Alfredo Bauer. Daraus entstand der Stoff für sein erstes Buch, das er in Spanisch für die Argentinier schrieb. Er nahm an, dass die Europäer die europäische Geschichte sowieso kennen. Als er nach seinen ersten Besuchen in Europa mitbekam, dass nichts davon bekannt war, begann er sein zweites Buch zu schreiben: »Die kritische Geschichte der Juden« und dieses Mal in Deutsch für die Deutschen und Österreicher. An seinem Familienroman, der durch das Tagebuch des Großvaters ausgelöst wurde, schrieb er jedoch immer weiter, so dass daraus fünf Teile entstanden, die die Geschichte seiner jüdischen Familie mit den historischen Ereignissen der Zeit von 1838 bis 1938 verbanden. Er nannte diesen Roman »Los Compañeros Antepasados«. Er erschien nach und nach in den 1970er und 1980er Jahren in Argentinien auf Spanisch. Die ersten beiden Bände wurden dann 1986 in der DDR ins Deutsche übersetzt publiziert und erst 2012 wurden alle fünf Teile unter dem Titel »Die Vorgänger. Romanzyklus«, von der Theodor Kramer Gesellschaft in Österreich in Deutsch herausgegeben. 2004 erschien Bauers heftig umstrittene »Kritische Geschichte der Juden« in Deutsch. 2014 wurde das Buch »Der sanfte Rebell. Bibelszenen« in Deutsch herausgegeben. Sein literarisches Werk umfasst mindestens 30 Werke, Romane, Essays, Erzählungen, Biographien, Gedichte, Reiseberichte, wissenschaftliche und politische Artikel. Alfredo Bauer schrieb auch Theaterstücke und ein Opernlibretto. Er veröffentlichte Fachliteratur zur Frauenheilkunde, Geburtsmedizin und sexualwissenschaftlichen Themen. Er betätigte sich auch als Übersetzer, übersetzte Werke von Goethe, Heinrich Heine, Bertold Brecht, Peter Hacks, Jura Soyfer und Felix Mitterer ins Spanische und das argentinische Nationalepos »Martin Fierro« von José Hernández ins Deutsche. Die meisten Bücher von ihm wurden in Argentinien und in der DDR veröffentlicht. Er erhielt zahlreiche Auszeichnungen. Er trat auch regelmäßig in einem Radioprogramm auf, das er mit Gleichgesinnten jede Woche durchführte.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges dachte Alfredo Bauer mehrmals darüber nach, nach Europa zurück zu gehen. Er nahm mit Selbstverständlichkeit an, dass in Österreich und Deutschland die sozialistische Idee nach der Katastrophe der faschistischen Barbarei Fuß fassen würde. Doch mit der Zeit sah er, dass sich eine andere Entwicklung auftat und zögerte. Auch hatte er sich inzwischen familiär gebunden. 1952 heiratete er die aus Österreich stammende Kitty Eggerer, mit der er drei Kinder hatte. Seine Frau Kitty starb 1984. 1988 heiratete Alfredo zum zweiten Mal. Seine Frau wurde die ebenfalls aus Österreich stammende Tänzerin Gerti Neumann. Als Jude nach Israel zu gehen, kam ihm nie in den Sinn. Er sagte 2014 in einem Interview: »Ich war selbstverständlich für die Gründung Israels als Exil für die Entwurzelten, aber der Zionismus als Idee war mir nicht nur fremd, sondern – im ideologischen Sinne und ohne Hass gegen diejenigen, die dieser Idee anhängen – immer eine feindliche Strömung für mich.«
Zwischen 1976 und 1983 erlebte Alfredo Bauer das zweite Mal in seinem Leben eine Diktatur, dieses Mal die argentinische Militärdiktatur. Obwohl er durch seine guten Beziehungen zur DDR-Botschaft einigermaßen geschützt war, musste er um das Schicksal seiner Kinder bangen, denn in dieser Zeit war jung gewesen zu sein allein schon ein »Verbrechen«. Im Zusammenhang mit der Militärdiktatur kamen erneut Gedanken über eine Rückkehr nach Europa, obwohl es nun schon kaum eine Rückkehr sondern eher eine Emigration in umgekehrter Richtung gewesen wäre. Die Sorge um seine Kinder und die familiären und Freundes- Bindungen bewogen ihn schließlich zum Bleiben.
Gegenüber seinem Heimatland Österreich hatte Alfredo Bauer ein sehr gespaltenes Verhältnis. 1957 besuchte er das erste Mal nach dem Krieg wieder seine Heimatstadt Wien. Er wurde dort kaum wahrgenommen. Später wurde Alfredo Bauer wegen seiner Kritik gegenüber Mitgliedern der politisch konservativen Familie Starhemberg und der Verurteilung des Putsches 1934 in Österreich in Abwesenheit wegen Verleumdung von dem Landesgericht St. Pölten verklagt. Er schrieb dem Gericht, dass er zum Prozess kommen würde, wenn ihm der österreichische Staat die Reise bezahlt. Wenn er dann tatsächlich verurteilt und eingesperrt werden würde, würde er ein Buch über seine Erfahrungen als politischer Gefangener in einem österreichischen Gefängnis schreiben, was sicher ein Bestseller werden könnte. Der Prozess fand schließlich ohne ihn statt. Im Jahre 2000 organisierte Alfredo Bauer über die Künstlergewerkschaft in Buenos Aires vor der österreichischen Botschaft riesige Protestdemonstrationen gegen Jörg Haider. Nach dem Tod von Haider befürchtete er noch mehr von dem Politiker Strache. Was würde er wohl zu dem gegenwärtigen Wahlergebnis der FPÖ und von Hofer sagen?
Alfredo Bauer schöpfte mit den sozialen Protesten 2001 und 2002 in Argentinien und der Regierungsübernahme durch die demokratische Regierung Kirchner neue Hoffnung. Besonders Cristina Kirchner verehrte er sehr. Er hatte die große Hoffnung, dass sich die neuen südamerikanischen Demokratien zusammenschließen und auf diese Weise eine gerechtere Gesellschaft errichten könnten. Kurz vor seinem Tod wurde er wiederum durch die Angriffe auf Cristina Kirchner und die Regierungsübernahme des rechtsliberalen Präsidenten Macri sehr enttäuscht.

Alfredo Bauer bei einer Veranstaltung anlässlich seines 90. Geburtstages am 14. November 2014 im Zentrum für marxistische Studien und Bildung (Cefma) in Buenos Aires
Quelle: es-la.facebook.com

Alfredo Bauer wurde 1982 und 1991 mit der Ehrenschleife »Faja de Honor« des Argentinischen Schriftstellerverbandes ausgezeichnet. Er erhielt 1987 den Jakob-und-Wilhelm-Grimm-Preis der DDR und 2002 den Theodor-Kramer-Preis als Exilliterat. 2010 erhielt er das Goldene Ehrenzeichen der Stadt Wien.
Alfredo Bauer wurde am 25.Mai 2016 auf einem Friedhof in Buenos Aires beigesetzt.

Vergessen und verdrängt

geschrieben von Günter Wehner

7. September 2016

Eine Dokumentation der Todesurteile des Berliner Kammergerichts in der NS-Zeit

Im Geleitwort weist die Präsidentin des Kammergerichts a. D., Monika Nöhre, darauf hin, dass die Richter des Kammergerichts stolz auf das älteste in Deutschland arbeitende Gericht sind. Sie spart aber auch nicht die Schattenseiten des Kammergerichts aus, nämlich dessen barbarisches Wirken als Werkzeug des nationalsozialistischen Terrors gegen Andersdenkende.
In seiner Vorbemerkung zu der vorliegenden Dokumentation geht der Autor Prof. Dr. Johannes Tuchel informativ auf das Wirken des Gerichts in den Jahren von 1933 bis 1945 ein. Er hebt hervor, dass relativ wenig Material über die Funktion des Kammergerichts als Terrorinstrument der NS-Diktatur vorliegt. Der Autor betont, dass im Mittelpunkt der vorliegenden Publikation Widerstandskämpfer stehen, die in den Jahren 1943 bis 1945 zum Tode verurteilt wurden.
Knapp aber außerordentlich präzise unterlegt mit den entsprechenden Gesetzesfaksimile schildert Tuchel die Zuständigkeit der Oberlandesgerichte für politische Strafdelikte ab 1934 und verweist darauf, dass in den Jahren 1934 bis 1937 über Tausend vorwiegend Berliner Bürger wegen kommunistischer Betätigung vom Kammergericht verurteilt wurden. Er hebt auch hervor, dass vom Kammergericht viele Bibelforscher (Zeugen Jehovas) und andere religiöse Widerständler hart verurteilt wurden.
Im folgenden Abschnitt »Zuständigkeitsveränderungen und Repressionsverschärfungen« analysiert Tuchel die Verschärfung der NS-Rechtssprechung ab Frühjahr 1943 an Hand umfangreichen Faktenmaterials, das als Faksimile nachgelesen werden kann. Er benennt hier auch die beteiligten Staatsanwälte und Richter des Kammergerichts und betont, dass in Bezug auf diese Personen unbedingt weiter nachgeforscht werden muss.
Der Autor schildert dann, dass in den Jahren vor dem Sommer 1943 keine Belege von Todesurteilen des Kammergerichts vorliegen.
Die bisher bekannten 69 Todesurteile des Kammergerichts unterteilt Tuchel wie folgt: »Vorbereitung zum Hochverrat, Todesurteile wegen Feindbegünstigung, Todesurteile wegen Wehrkraftzersetzung und Todesurteile wegen Landesverrat.«
Die vom Autor analysierten Todesurteile sind akribisch erforscht und mit umfangreichen Fakten- und Bildmaterial der biografierten Widerständler belegt. Die vorliegenden Urteilsbegründungen bezeugen, dass gnadenlos bis zum Kriegsende im Mai 1945 die Widerstehenden ermordet wurden.
Zusammenfassend stellt Johannes Tuchel fest, dass die Todesurteile des Kammergerichts nach 1945 vergessen und verdrängt wurden, dass aber mit der vorliegenden Dokumentation die Funktion des Kammergerichts als Instrument der NS-Diktatur unverkennbar ist und unbedingt weiter zu erforschen ist.
Ein Anhang zu den Todesurteilen und den Vollstreckungsorten nebst der beteiligten Richter und Staatsanwälte sowie ein Quellen- und Literaturhinweis runden die informative Publikation ab, die eine empfindliche Lücke über das repressive Wirken des Kammergerichts in den Jahren von 1943 bis 1945 schließt.

Johannes Tuchel, Die Todesurteile des Kammergerichts 1943 bis 1945. Eine Dokumentation. Berlin, Lukas Verlag. 455 S.

Auschwitz als Steinbruch

geschrieben von Thomas Willms

7. September 2016

Auschwitz als SteinbruchWie die Verbrechen des NS-Regimes vergegenwärtigt werden, ist zunehmend einem ökonomischen und ideologischen Markt überlassen. Aus dem Zusammenhang gerissene Bilder haben bereits einen maßgeblichen Einfluss auf das Geschichtsbild. Dieser Prozess ist international und überlagert nationenspezifische geschichtspolitische Probleme.
Thomas Willms stellt dar, was von den NS-Verbrechen bleibt, welche Aspekte der Erinnerungen von Zeitzeugen von Anfang an ignoriert wurden und welche Missverständnisse die Vorstellungen über Konzentrationslager bestimmen. In Essays, Analysen und Recherchen befragt er literarische und philosophische Werke, Museen, Filme, Fernsehserien, Graphic Novels, ein Puppenspiel und die Reenactment–Bewegung danach, wie apologetisch oder aufklärerisch sie sich mit dem Zweiten Weltkrieg und den deutschen Massenverbrechen auseinandersetzen. Die Streifzüge beginnen in Italien und führen über Deutschland, Frankreich, Polen und Großbritannien in die USA.

Thomas Willms: Auschwitz als Steinbruch. Was von den NS-Verbrechen bleibt, 130 Seiten, Erscheinungstermin: August 2016, 12, 90 EUR

Das Buch kann bereits beim Papy Rossa-Verlag bestellt werden und kann auch über den Shop der VVN-BdA bestellt werden.

Als Vernichtungskrieg geplant

geschrieben von Ulrich Schneider

7. September 2016

Kurt Pätzold über den faschistischen Überfall auf die Sowjetunion

In beängstigender Stille hat das offizielle Berlin den 75. Jahrestag des faschistischen Überfalls auf die Sowjetunion begangen. Einzig eine belanglose Erklärung und wenig politische Repräsentanz waren wahrnehmbar, selbst bei den Spielen der Fußball-EM sah man mehr Politiker. Umso wichtiger ist es, dass verschiedene Buchautoren (Hannes Hofbauer: »Feindbild Russland« oder Stefan Bollinger: »Meinst Du, die Russen wollen Krieg?«) aus Anlass dieses Jahrestages die Frage des deutsch-russischen Verhältnisses thematisierten. Einen wichtigen Beitrag leistete auch Kurt Pätzold mit einer ausführlich eingeleiteten Dokumentensammlung zum 22. Juni 1941.
In seiner Zusammenfassung schreibt er: »Am 22. Juni 1941 begann, wie die Nazi-Propaganda erklärte, der ›Kreuzzug Europas gegen den Bolschewismus‹. Tatsächlich war es ein imperialistischer Eroberungs- und Vernichtungskrieg. Es ging um Land, um Öl und andere Bodenschätze, um Arbeitssklaven und um die Ausrottung des ›jüdischen Bolschewismus‹. Über die Ziele, den Verlauf des Krieges und seinen Ausgang sind ganze Bibliotheken veröffentlicht worden. Allerdings ist keine Publikation darunter, die speziell die Stimmung im Land der Täter untersucht hat. Was dachten die Deutschen über diesen Feldzug? … Wie sollte die ›Heimatfront‹ stabilisiert werden?«
Das Buch ist zweigeteilt. Auf gut 100 Seiten schildert der Autor die Zeit von Juni 1941 bis Januar 1942 aus unterschiedlichen Perspektiven. Ergänzt wird diese Darstellung durch 63 Dokumente, die die politische und militärische Kriegsplanung, die öffentliche Reaktion auf den Kriegsbeginn und die Wahrnehmung dieses Feldzuges in der vom SD überwachten Öffentlichkeit nachzeichnen.
In der ihm eigenen anschaulichen und gleichermaßen faktengestützten Art schildert Pätzold in den einzelnen Kapiteln die politische »Gerüchteküche« vor dem Überfall, die erschrockenen Reaktionen in der Öffentlichkeit unmittelbar nach dem Überfall, aber auch die Wirkung der Propaganda in den ersten Tagen, die in der Bevölkerung die Illusion eines weiteren »Blitzkrieges« nährte.
In einem Perspektivwechsel beschreibt er auch die öffentliche Wahrnehmung in der Sowjetunion und Großbritannien, wo man den Kriegsbeginn »mit Erleichterung« aufnahm, da damit der militärische Druck auf das Insel-Reich etwas minimiert wurde. Im Verlauf der ersten Monate des Krieges wurde deutlich, dass die ursprüngliche Hochstimmung immer mehr einer abwartenden Haltung und gewissen Enttäuschung gewichen sei, da sich »die Hoffnungen auf den Zusammenbruch des Bolschewismus nicht erfüllt haben.« Im Dezember 1941, bei der Schlacht um Moskau, wurde endgültig deutlich, dass die militärische Strategie gescheitert war. Die Ablösung von hohen Wehrmachtsoffizieren, die sich nicht verheimlichen ließ, führte nicht zur Verbesserung der politischen Stimmung, sodass noch einmal der Propagandaapparat mit dem »Neujahrsaufruf Hitlers an Partei und Volk« hochlaufen musste, in dem für das Jahr 1942 die militärische Entscheidung angekündigt wurde. Wenn man bedenkt, dass im Winter 1942 die Schlacht um Stalingrad begann, hatte Hitler recht – nur war es der Beginn der endgültigen Niederlage.
Von besonderer Bedeutung ist die ergänzende Dokumentenauswahl. Es beginnt mit der ersten Weisung Hitlers zur Kriegsvorbereitung gegen die Sowjetunion vom Juli 1940 (!), zahlreiche bekannte und weniger bekannte Quellen zur Kriegsplanung und propagandistischen Vorbereitung folgen. Sehr interessant sind Auszüge aus verschiedenen Tagebüchern, Briefen und Memoiren, die die Stimmung in der deutschen Bevölkerung Ende Juni 1941 nachzeichnen lassen. Der katholische Feldbischof sah die faschistische Armee – in der Nachfolge der deutschen Ordensritter – als »Retter und Vorkämpfer Europas«.
Wie diese »Rettung« aussehen sollte, formulierte der Oberbefehlshaber des Heeres von Brauchitsch im Oktober 1941: Der Soldat an der Ostfront sei »Träger einer unerbittlichen völkischen Idee und Rächer für alle Bestialitäten, die deutschem und artverwandtem Volkstum zugefügt wurden.«
Pätzold liefert auch eine Erklärung dafür, warum der Widerspruch zwischen der militärischen Wirklichkeit und ihrer propagandistischen Darstellung nicht handlungsmächtig wurde. Hier trafen Hitlers »Versprechungen und Prophezeiungen mit den Wünschen der Mehrheit der Deutschen zusammen. Und das machte sie wehrlos und unfähig, zu dem Gehörten oder Gelesenen eine kritische Distanz herzustellen. Sie wollten den Krieg nicht verlieren und glaubten Anfang 1942 noch, wenn ihnen der Gedanke an solches Ende überhaupt schon kam, dass sich das vermeiden lasse.« Und diese Grundhaltung prägte – wie wir wissen – die deutsche Mehrheitsgesellschaft bis zum Ende 1945. Pätzolds Dokumentation hilft Nachgeborenen, dieses scheinbar absurde Festhalten an der faschistischen Kriegspolitik bis »fünf Minuten nach zwölf« besser zu verstehen.

Kurt Pätzold, Der Überfall,

Kurt Pätzold, Der Überfall, Der 22. Juni 1941: Ursachen, Pläne und Folgen, 256 S., edition ost, Berlin 2016, 14,99 €

Im Namen der Würde

geschrieben von Axel Holz

7. September 2016

Ein Spielfilm erhellt die Geschichte der »Colonia Dignidad«

Colonia Dignidad – das ist der Name eines 300 Quadratkilometer befestigten und abgelegenen Siedlungsareals in Chile, auf dem Paul Schäfer 1961 zusammen mit anderen Deutschen eine christlich-fundamentalistische, autoritäre Sekte gründete. Gegen Schäfer wurde zuvor in Deutschland wegen Kindesmissbrauchs ermittelt. In der Siedlung wurden die Einwohner streng nach Geschlecht getrennt. Kinder wurden den Eltern entzogen und viele Jungen von Schäfer missbraucht. Die »Kolonie der Würde« basierte auf Unterwerfung der Einwohner in einem nahezu militärisch gesicherten Terrain und existierte wirtschaftlich autark auf der Basis eines zwangsweisen, täglich bis zu 17 Stunden währenden Arbeitsregimes und sektenmäßiger Indoktrination der Bewohner. Aber auch auf der Basis der Zwangsarbeit politischer Gefangener des Pinochet-Regimes, von denen allein 1977 112 auf dem Gelände festgehalten und von chilenischen Geheimdienstmitarbeitern der DINA gefoltert wurden, wie der Colonia-Scherge Gerhard Mücke bestätigte. 2005 räumte er vor Gericht ein, dass er 18 bis 21 Leichen Oppositioneller aus Massengräbern verbrannt habe, um Spuren zu beseitigen.
Hier wurden auch illegal Waffen aus Deutschland beschafft und gehortet, das Giftgas Sarin produziert und verbrecherische medizinische Versuche an Häftlingen durchgeführt. Der Staat im Staate war ein Stützpunkt Chiles für einen möglichen Krieg gegen Peru und Argentinien. Hier befanden sich Sendeanlagen, Flugpisten und Waffen, von denen Fahnder 3,5 Tonnen ausgruben. Nachforschungen des Journalisten Gero Gemballa machten deutlich, dass es mit Paul Schäfer in der Colonia nicht nur einen Täter gab, sondern ein institutionalisiertes Geflecht aus deutschen, chilenischen und internationalen Wirtschafts- und Geheimdienstinteressen. In der Colonia war nicht nur Pinochet mehrfach zu Gast, sondern auch die CSU-Politiker Franz Josef Strauß und Wolfgang Vogelsang. An diesem Interessengeflecht scheiterten über Jahrzehnte alle Versuche, die kriminelle Vereinigung auszuschalten. Erste Berichte von Geflüchteten aus dem Jahre 1966 oder später- 1986 – gegenüber Mitarbeitern der deutschen Botschaft, fanden lange kein Gehör.
Um zwei dieser Geflüchteten geht es nun im gleichnamigen Film von Florian Gallenberger mit Daniel Brühl und Emma Watson in den Hauptrollen. Daniel Brühl spielt den kritischen Fotografen Daniel, der die sozialistische Bewegung in Chile dokumentiert und Plakate für Präsident Allende entwirft. Daniel verliebt sich in die Lufthansa-Stewardess Lena, wird während des Pinochet-Putsches 1973 verhaftet, aus dem berüchtigten Stadion in Santiago in die Colonia Dignidad entführt und dort gefoltert. Seine deutsche Freundin erfährt von seinem Aufenthaltsort und versucht, ihn zu finden, indem sie sich als christliche Interessentin zur Mitarbeit in der Colonia anbietet. Bisher hat, so der Film, kein Mensch die Colonia lebend verlassen. Tatsächlich findet sie ihren Freund, der sich inzwischen, um den Folterungen zu entgehen, debil gestellt hat und in einer Werkstatt unter Aufsicht gestellt wird. In der Sekte ist Lena dem Misstrauen und Drohungen des Sektenführers Paul Schäfer ausgeliefert, der durch den norwegischen Darsteller der Millenium Trilogie, Michael Nyqvist, überzeugend dargestellt wird.
Oscarpreisträger Florian Gallenberg hat die Lebensumstände im hermetisch abgeriegelten Lager sogfältig recherchiert. Die Schilderungen ehemaliger Sekten-Opfer über Folter, Teufelsaustreibungen und den Missbrauch von Kindern hatten ihn tief beeindruckt. Paul Schäfers Kontakte in die deutsche Politik werden zum Schluss des Films angedeutet, als Daniel und Lena die Flucht durch Elektrozaun und Selbstschussanlage gelingt und sie nur knapp einer Auslieferung an Paul Schäfer durch Botschaftsangehörige entgehen, als sie bei der deutschen Botschaft Schutz suchen und Folter-Beweise vorlegen. Der Spielfilm hat die Militärdiktatur in Chile und ihre Verflechtung mit Paul Schäfers Sekte öffentlichkeitswirksam in Erinnerung gebracht. Aber auch die Verstrickung der BRD in das Geschäft der mörderischen Sekte. Dies war ein Auslöser dafür, dass Bundesaußenminister Steinmeier die Geheimhaltung der Unterlagen des Auswertigen Amtes hierzu um zehn Jahre zurückstufte.
Sektenführer Schäfer wurde nach zehnjähriger Flucht 1997 in Argentinien verhaftet und starb 2010 in einem Gefängnis in Santiago. Zahlreiche weitere Täter flohen unbehelligt nach Deutschland in einen sicheren Hafen. Darunter findet sich auch der frühere Sektenarzt Hartmut Hopp, der in Chile zu fünf Jahren Haft verurteilt wurde und sich nach Krefeld absetzte. Er wusste, dass Deutschland seine Staatsbürger nicht ausliefert. Inzwischen wurde auch Hopp wegen Mordes angezeigt. Die Krefelder Staatsanwaltschaft versucht seit Monaten, den chilenischen Antrag auf deutsche Vollstreckung beim Landgericht einzureichen. In Kürze soll es soweit sein. Die deutschen Ermittlungen gegen Hopp verliefen Jahrzehnten ergebnislos, viele Taten sind inzwischen verjährt.

Rainer Thiemann, Dombrowski. Eine Aufklärung über heute noch wirkende Mythen des Nationalsozialismus. Liliom Verlag Waging am See, 184 S., 25 Euro

Die Schublade aufgemacht

geschrieben von Ernst Antoni

7. September 2016

Materialreiches Buch über Nazikünstler mit Nachruhm

Ein »Gebrauchsgrafiker« war er Zeit seines künstlerischen Lebens. Stets bedacht darauf, dass seine Bilder, die gezeichneten, aber noch viel öfter die in Holz geschnittenen und reproduzierten, vielerlei praktische Verwendung finden.
Der in Niederösterreich 1886 geborene und 1985 im oberbayerischen Siegsdorf verstorbene Ernst Dombrowski war durchaus auf die Wirkung seines Werkes bedacht. Ernst von Dombrowski, wie er bis zur »Ent-Adelung« des einstigen k.u.k.-Reiches 1919 hieß – das »von« legte er sich sofort wieder zu, als der auch von ihm persönlich als NSDAP-Mitglied seit 1932 kräftig und militant mit angeschobene »Anschluss« Österreichs ans deutsche NS-Reich bewerkstelligt war. Und arbeitete zielstrebig weiter.
Mochten die politischen Verhältnisse nach dem verlorenen Zweiten Weltkrieg auf den ersten Blick auch noch so gewandelt erscheinen, verstand er es, beständig mitzuschwimmen als Holzschneider und Buchillustrator im künstlerischen Gewerbe. Zwar war der Bedarf an seinen kantig-kernigen Landsknechts- und Soldatenbildern zumindest anfangs eher bescheiden. Die nicht weniger kantigen Dombrowski-Bebilderungen von Hitler-Zitaten in »Ewiges Deutschland – ein deutsches Hausbuch«, zu dem Goebbels einst das Vorwort geschrieben hatte, waren in deutschen und österreichischen Bücherschränken in die zweite Reihen gewandert. Und offiziell »entbräunt« wurde der Künstler dann auch relativ bald von einer Spruchkammer, die ihn als »Mitläufer« einstufte.
Auf seine einstige Kunst-Professur in München hatte er allerdings verzichten müssen. Für diese wurde ihm später jedoch noch eine ordentliche Pension zuteil. Und weil Dombrowski in seinem Fundus überdies zahllose herzige Kinderbildnisse und urige Bauerndarstellungen hatte, geeignet nicht zuletzt für Karten für festliche Anlässe und als Illustrationsmaterial für »Heimatbücher« aller Art und in Deutschland und Österreich treue Abnehmer seiner Bilder musste er bis zuletzt nicht darben.
Möglich wurde ihm dies auch durch ein nicht unbedeutendes Netzwerk von Freunden und Bekannten, einstigen NS-Kampfgefährten, die im Nachkriegs-Österreich oder der Bundesrepublik allmählich wieder als Künstler, Autoren, Verleger kulturpolitisch Tritt gefasst hatten und einander unter die Arme griffen. Unterstützt von manchen anderen nicht unvermögenden Kreisen.
So gibt es heute, dank mäzenatischer Hilfe aber auch den nicht unbeachtlichen Einkünften Dombrowskis geschuldet, eine »Lebens- und Werkschau« in seinem letzten Heimatort Siegsdorf in gemeindeeigenen Räumen. Erinnert wird da bisher, ohne Historisches tiefer auszuloten, an den Orts-Ehrenbürger Dombrowski (seit 1985) und dessen Schaffen. Und eine nach ihm und seiner Gattin benannte Stiftung gibt es auch.
Nun aber hat sich unlängst jemand publizistisch zu Wort gemeldet, der auch in der Gegend daheim ist. Er hat ein Buch verfasst, das im Haupttitel schlicht »Dombrowski« heißt, im Untertitel aber präzisierend: »Eine Aufklärung über heute noch wirkender Mythen des Nationalsozialismus«. Auf insgesamt 184 ausgiebig bebilderten großformatigen Seiten legt Autor Rainer Thiemann, eine historisch-politische Bestandsaufnahme vor.
»Jugendliche, Schüler und Studenten«, schreibt er im Vorwort, »müssen über den Nationalsozialismus informiert werden, gerade weil das Beispiel Dombrowski offenbar die Unbelehrbarkeit, Verschleierung und Verdrängung aufzeigt, mit der nationalsozialistische Eliten in der Bundesrepublik und Österreich ihr zweites, oft erfolgreiches Leben weitergeführt hatten.«
Die Ergebnisse dieser Recherchen machen das Buch über die lokalen Bezüge hinaus so interessant. Bei der Lektüre der durch viele Archivfunde, Literaturverweise und Bildbeispiele belegten Seiten – es ist nicht so, dass es da in den letzten Jahrzehnten nichts Kritisches zum Thema gegeben hätte – springt ins Auge, wie kontinuierlich hier doch über Ländergrenzen und Jahrzehnte hinweg alte Naziverbindungen aufrecht gehalten und gepflegt wurden, welche braunen Netze im deutsch-österreichischen Raum über Generationen hielten. Und mit welchen Mitteln völkische und rassistische Propaganda auch in Ecken und Winkeln betrieben wurde, wo man sie nicht auf Anhieb vermuten würde. Bis heute – mit wechselnden Protagonisten.
In der Heimat des Autors hat sein Buch inzwischen kontroverse öffentliche Diskussionen ausgelöst, vor allem über die Frage, wie weiter mit dem »Museum« und dem Dombrowski-Nachlass umgegangen werden soll. Das »Traunsteiner Tagblatt« zitierte nach einer Veranstaltung mit dem Autor den Ortsbürgermeister: »Wir können die Schublade nicht mehr zumachen«. Das ist doch schon mal was…

Rainer Thiemann, Dombrowski. Eine Aufklärung über heute noch wirkende Mythen des Nationalsozialismus, Liliom Verlag Waging am See, 184 S., 25 Euro

Unser Rücktitel

7. September 2016

Gedenktafel am Stadtwaldgürtel 35 (Köln): Hier residierte 1933 der Bankier Kurt Feiherr vom Schroeder, der Adolf Hitler am 4. Januar 1933 die Unterstützung der NSDAP durch die deutsche Wirtschaft zusicherte.

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