Hemingway und die »Lincolns«

geschrieben von Victor Grossman

13. September 2016

Ernest Hemingway liebte Spanien, zeitlebens war er mit dem Land beschäftigt, sein erster großer Roman »Fiesta« spielt dort, einer seiner letzten ebenfalls, wie auch der so bekannte, so populäre »Wem die Stunde schlägt«.
Hemingway war ein Gefahrenmensch; schon als Journalist zogen ihn Abenteuer und Todesgefahr an. Es war eine Art Macho-Mut, ob bei der Jagd auf Großtiere, im Kriege oder – und deshalb zog ihn gerade Spanien an – bei Stierkämpfen, wo es eben um Todesmut ging.  Deshalb sagte er 1937 gern zu, als Journalist vom Bürgerkrieg in Spanien zu berichten. Anfangs war ihm das, worum es ging, kaum von Bedeutung. Doch änderte sich das schnell als er die Angriffe auf Madrid beobachtete: »…im vorigen Monat haben wir Journalisten neunzehn Tage lang zugesehen wie gemordet wird. Es geschah durch deutsche Artillerie, und das war höchst wirksames Morden… Und jedes Mal, wenn sie auf dem Schlachtfeld geschlagen wurden, retteten sie die merkwürdige Sache, die sie Ehre nennen, indem sie Zivilisten morden. Wenn ich das so geschildert hätte, so würde ich damit Brechreiz verursachen. Es könnte Hass werden. Doch wollen wir keinen Hass. Wir wollen das Verbrecherische am Faschismus erkennen und wie ihm zu begegnen ist. Wir müssen begreifen, dass diese Morde die Untaten eines Tyrannen sind, des großen Tyrannen Faschismus. Es gibt nur eine Art, einen Tyrannen zu bezwingen und die ist, ihn zu vernichten.«
Aus diesem für ihn recht neuartigen Engagement entstand ein Arbeitsverhältnis mit dem holländischen Dokumentaristen Joris Ivens. Als Mitglied dessen Teams zog er gleich an die gefährlichsten Stellen der Front mit. Dazwischen, in den USA, organisierte er das Senden von zwei Krankenwagen an die Kämpfenden; andere Hilfe verbot ein Neutralitätsgesetz. Und er schrieb und sprach den Kommentar zu dem großartigen Ivens-Film, der leider vergebens in den USA eingesetzt wurde, um das unfaire, einseitige Gesetz zu ändern und der Republik zu helfen.
Wieder zurück als Berichterstatter, bekam er die Chance, eine Guerilla-Einheit im Franco-Gebiet zu besuchen, und bekam damit die Anregung für den äußerst erfolgreichen Roman »Wem die Stunde schlägt« und den gleichnamigen Film, die so viele bewunderten und bewundern.
Allerdings nicht die amerikanischen Freiwilligen, die nun zurückgekehrt waren. Hemingway hätte darin einen Einzelgänger geschildert, meinten sie, der zwar Spanien liebte, doch nicht begriff, um was der Kampf wirklich ging.  Milton Wolff, der letzte Kommandant der Lincoln-Bataillon, schrieb: »Er war ein Tourist in Spanien…ein Voyeur, der in die Aktion hinein und hinaus sprang, wie es ihm gefiel…Das bedeutet nicht, dass Ernest Hemingway nicht auf unserer Seite war. Das war er. Und sein Beitrag war beträchtlich…Doch war sein Engagement nicht wie das unsere.« Denn er »hatte es frei auszuwählen wo hinzugehen, wann hinzugehen, wann nicht hinzugehen.«
Man nahm ihm übel, dass er den führenden Brigadisten, Andrè Marty, schlecht darstellte. Es hat sich längst herausgestellt, dass seine harte Kritik womöglich berechtigt war. Doch er kritisierte auch Dolores Ibarruri, La Pasionaria, die wahre Heldin. Über den Film wurde auch viel gelästert. Irving Goff, der tatsächlich hinter den Linien Brücken und Züge sprengte, witzelte gar über die romantische Liebesgeschichte, die vielen so gefiel: »In der ganzen Zeit dort im Krieg habe ich niemals Ingrid Bergman gesehen. Ansonsten wäre ich vielleicht noch da!« Dass die Szenen der Gewalt durch die Republikaner ebenso brutal geschildert wurden wie die der Faschisten, nahm man Hemingway besonders übel.
Der recht bittere Streit kam gerade zu einer bitteren Zeit, der des Stalin-Hitler-Paktes. Die Veteranen, viele davon Kommunisten, die gerade ihr Leben im Kampf gegen den Faschismus riskiert hatten, oft verwundet und in den USA ständig diskriminiert wurden, waren besonders sensibel in Bezug auf das wichtigste Ereignis in ihrem Leben. Hemingway dachte dagegen gewiss auch an Beliebtheit und Verkauf, und die Zeiten waren eben rau
Mit dem Weltkrieg, in dem die USA und die UdSSR beide gegen die Faschisten kämpften, Hemingway dabei in Frankreich und viele Lincoln–Kämpfer von Süditalien bis in den Südpazifik, ebbte die Bitternis zwischen ihm und den »Lincolns« ab.  Als sie eine Anthologie über Spanien herausgaben war auch sein wunderschöner Nachruf über die Gefallenen darin, der endet – nachdenkend, traurig und dennoch hoffnungsvoll:
»…Die Toten brauchen nicht aufzustehen. Sie sind jetzt ein Teil der Erde, und die Erde kann niemals besiegt werden. Denn die Erde dauert ewig. Sie wird alle Systeme der Tyrannei überleben. Wer in Ehren in sie eingegangen ist, und niemals ist jemand in größeren Ehren in die Erde eingegangen als die in Spanien Gefallenen, hat die Unsterblichkeit bereits errungen.«

Auch Heminway war in manchem empfindlich. Warum, fragte er erbost, wurde im Film das Wort Faschisten herausgeschnitten? »Die USA kämpfen jetzt in einem Krieg gegen die Faschisten… der Feind soll als die Faschisten genannt werden und die Republik als die Republik.« Sonst würden amerikanische Zuschauer »keine Ahnung haben, wofür das Volk wirklich kämpfte.« Als später der Regisseur gefragt wurde, wer verhindert hätte, dass die Faschisten als solche benannt wurden, antwortete er knapp »In zwei Worten: die Faschisten«.
Hemingways so schöner Nachruf und Zitate von vielen über den Spanienkrieg – traurige, informative, auch humorvolle – sind als eine Art Chronologie des Ganzen in Victor Grossmans Buch »Madrid, du Wunderbare« enthalten.

Die Verfemten neu entdeckt

geschrieben von Ernst Antoni

13. September 2016

Eindrucksvolle Ausstellung zum Thema »entartete« Kunst

» ›Entartete‹ Kunst« ist der Haupttitel, der Untertitel heißt »Verfolgung der Moderne im NS-Staat«. Über einige Monate war diese hoch interessante Ausstellung in Bayern zu sehen (sie ist es noch, allerdings, sollte sie nicht verlängert werden, nur bis zum 11. September). Im Kallmann-Museum in Ismaning, einer Gemeinde im Umland von München. 1937 wurde in der damaligen NS-«Hauptstadt der Bewegung« mit der Ausstellung »Entartete Kunst« im Hofgarten als Pendant zur einen Tag vorher im neuen »Haus der Deutschen Kunst« eröffneten ersten »Großen Deutschen Kunstausstellung« das wohl markanteste Signal gesetzt für Künstlerverfolgung und Bildervernichtungs- und -raubaktionen, bald weit über die Grenzen des damaligen »Dritten Reiches« hinaus.
Wobei die faschistischen »Femeschauen« ja nicht mit der Ausstellung in München ihren Anfang genommen hatten. Schon 1933 gab es sie in einigen Städten. »Kunsttempel«, in Mannheim etwa, in Karlsruhe, in Dresden, waren »gesäubert« worden von »Verfallskunst«. Deren Urheber und ihre Werke wurden in »Schandausstellungen« an den Pranger gestellt.

Katalog »‚Entartete‘ Kunst«, hsg. von Gerhard Schneider und Rasmus Kleine, zahlreiche Abbildungen, mit Beiträgen von Rasmus Kleine, Gerhard Schneider, Claudia Schinkmann, Laura Koch/Antonia Latkovic, Hilke Bode/Stephanie Stadler, Michael Rauch und Natascha Mazur. 334 Künstlerbiographien mit Bildbeispielen. 448 Seiten, 24,00 Euro. Bestellungen per Email: info@kallmann-museum.de oder telefonisch unter 089/9612948. – Adresse des Kallmann Museums: 85737 Ismaning, Schloßstr. 3b, Öffnungszeiten Dienstag bis Sonntag 14:30 bis 17:00 Uhr

Katalog »‚Entartete‘ Kunst«, hsg. von Gerhard Schneider und Rasmus Kleine, zahlreiche Abbildungen, mit Beiträgen von Rasmus Kleine, Gerhard Schneider, Claudia Schinkmann, Laura Koch/Antonia Latkovic, Hilke Bode/Stephanie Stadler, Michael Rauch und Natascha Mazur. 334 Künstlerbiographien mit Bildbeispielen. 448 Seiten, 24,00 Euro. Bestellungen per Email: info@kallmann-museum.de oder telefonisch unter 089/9612948. – Adresse des Kallmann Museums: 85737 Ismaning, Schloßstr. 3b, Öffnungszeiten Dienstag bis Sonntag 14:30 bis 17:00 Uhr

»Kulturbolschewistische Bilder« nannte sich eine, eine andere präsentierte angebliche »Regierungskunst 1918-1933«, mit dem NSdAP-Reichsparteitag 1935 in Nürnberg begannen Ausstellungs-Tourneen durchs ganze Land. Und damit verbunden der Ausschluss der gebrandmarkten Künstlerinnen und Künstler aus jeglicher öffentlicher künstlerischer Betätigung – es sei denn, sie versuchten später, sich mit stilistischen oder politischen Wendungen anzupassen. Ab und zu funktionierte das.
Dem umfangreichen Katalogband zur Ausstellung in Ismaning ist zu entnehmen, dass zwischen 1933 und 1941 rund 20 000 Werke von ungefähr 1600 Künstlerinnen und Künstlern aus Museen beschlagnahmt wurden. »Bewusst negativ in Szene gesetzt« wurden ausgewählte Bilder und Objekte, »der Öffentlichkeit vorgeführt und lächerlich gemacht.« Von »NS-Kunst-Propagandisten«, als »entartet« bestimmt, so Rasmus Kleine vom Kallmann-Museum im Katalog, wurde diese Kunst als »krank« und »dem gesunden Volkempfinden« zuwiderlaufend aussortiert. Auch, »weil ihr als Ausdruck einer ‚jüdisch-bolschewistischen Verschwörung‘ ein zunehmender Einfluss auf die Kultur und auf die Menschen zugeschrieben wurde.«
Zu den Diffamierten gehörte auch der spätere Initiator und Namensgeber des 1992 in Ismaning gegründeten rührigen Museums, das öfter mit ungewöhnlichen Ausstellungen überrascht. Der Maler Hans Jürgen Kallmann (1908-1991) ist mit dem Bild einer Hyäne vertreten. Präsentiert werden in Ausstellung und Katalog Gemälde und vor allem Druckgrafiken aus der Sammlung von Gerhard Schneider. In mehr als 30 Jahren hat der Sauerländer Gymnasiallehrer und spätere Kunstantiquar Bilder von in der NS-Zeit verfemten Künstlerinnen und Künstlern zusammengetragen. Nicht zuletzt unter dem Aspekt, auch den bis heute vielfach in »offiziellen« Kunstszenen »namenlos« Gebliebenen Raum zu geben.
»Noch immer scheinen wesentlich Aspekte der Geschichte der ‚entarteten‘ Kunst vielfach unbekannt zu sein,« heißt es im Begleitmaterial, »insbesondere auch hinsichtlich des Umfangs, den die Repression, Diffamierung und Zerstörung von Kunst und Künstlern im ‚Dritten Reich‘ hatten. Das hat sicherlich auch damit zu tun, dass in Zusammenhang mit diesem Thema immer wieder die gleichen großen Künstlernamen aufgerufen werden, etwa Max Beckmann, Otto Dix oder die Künstler des Blauen Reiters und der Brücke. Dabei waren viel mehr Künstler betroffen…«.
Werke von über 400 Künstlerinnen und Künstler sind in Schneiders Sammlung zusammengekommen, darunter auch »große« Namen, vor allem aber solche, die bisher – zumindest in der alten BRD – einem breiten Publikum weniger bekannt waren. Anders zum Teil in der DDR, wo antifaschistisch engagierter Kunst (der »Kunst im Widerstand«, wie etwa ein 1968 erschienener Bildband hieß, in der BRD gab es eine Lizenzausgabe beim VVN-Röderberg-Verlag) und damit partiell auch dem Schaffen von NS-Verfolgten breiterer Raum gewidmet wurde. Dafür stehen unter anderem Künstlernamen wie Hans Grundig, Otto Nagel, Fritz Schulze, Heinz Kiwitz…
Ganz wichtig bei Ausstellung und Katalog deshalb diese Ausweitung: »Weiterhin fand eine Reihe durch die NS-Diktatur Beeinträchtigter Aufnahme, von denen zwar kein Kunstwerk beschlagnahmt wurde, die jedoch bis hin zum Tode unter den Auffassungen bzw. den Machenschaften des Systems gelitten haben. So sind z. B. alle Künstler/innen aufgenommen, die in KZs oder Gefängnissen oder an den Folgen der Haftbedingungen umgekommen sind. Es sei angemerkt, dass nachweislich nicht ihr Künstlertum für die Ermordeten zum Verhängnis wurde – zumindest ist bis heute ein solcher Beleg noch nicht erbracht – sondern ihre ethnische Herkunft (z. B. jüdische Abstammung) ihre politische Orientierung (etwa in Widerstandsgruppen, oft KPD-Mitglieder), ihre abweichende Weltanschauung (eine Religionszugehörigkeit) oder Eugenik (Erbgesundheitslehre, meist in Verbindung mit der Rassenlehre). Stets gaben solche Gründe in der Argumentation für die Verhaftung oder Tötung den Ausschlag.«

 

Unser Titelbild:

7. September 2016

Gruppenbild einiger Teilnehmer des VVN-BdA-Bundeskongresses in Bochum Ende Mai 2016. Foto: Rosita Mergen

Gruppenbild einiger Teilnehmer des VVN-BdA-Bundeskongresses in Bochum Ende Mai 2016. Foto: Rosita Mergen

Editorial

geschrieben von Regina Girod

7. September 2016

Am Ende waren sich alle einig: Dieser Bundeskongress, den die VVN-BdA Ende Mai in Bochum durchgeführt hat, war tatsächlich außerordentlich! Nicht nur, weil erstmals eine Beratung zur Geschichtsarbeit des Verbandes in Form eines Bundeskongresses, also mit den gewählten Delegierten aller Kreisvereinigungen, stattfand. Sondern vor allem, weil die offenen Formen der Arbeit des Kongresses eine derart schöpferische und lebendige Atmosphäre erzeugten, dass die meisten Delegierten inspiriert und voller Tatendrang nach Hause fuhren. Mehrere Landesvorstände haben bereits Beschlüsse gefasst, in denen Anregungen für die eigene Arbeit aufgenommen werden. Wir berichten über den Bundeskongress auf den Seiten 3 und 13-16. Auch die Redaktion, die sich am Rande des Kongresses zu einer Beratung traf, ist sich einig: Die Zeit der Bundeskongresse mit einer dreistündigen Diskussion, auf der mehr oder weniger vorbereitete Beiträge gehalten werden, die sich kaum aufeinander beziehen, ist vorbei. Der nächste »ordentliche« Bundeskongress, der ja schon im März 2017 ansteht, muss selbstverständlich wieder partizipative Arbeitsformen praktizieren.
»Wer in der globalisierten Welt für sich keine Aufstiegschancen oder andere Verbesserungen erkennen kann, wird eher ansprechbar für populistische Ansprachen.« Das ist einer der Gründe, die Horst Kahrs in unserem Interview für den Aufstieg der AfD ausmacht. (Seite 6-7) Doch was können wir dagegen tun? Gerade mit Blick auf die Wahlen, die im September in Berlin und Mecklen-burg-Vorpommern anstehen, müssen alle demokratischen Kräfte ihre Auseinandersetzung mit den rassistischen und demokratie-feindlichen Forderungen der AfD verstärken. Die VVN-BdA engagiert sich dafür weiter in dem Bündnis »Aufstehen gegen Rassismus«. Dessen Ausbildung von »Stammtischkämpferinnen gegen die AfD« läuft jetzt an, wir berichten darüber auf Seite 9. Außerdem mobilisiert das Bündnis zu einer großen Aktion am 3. September in Berlin. Mit der nächsten antifa-Ausgabe sind wir dabei. Sehen wir uns in Berlin?

Erbe und Auftrag

geschrieben von Cornelia Kerth und Axel Holz

7. September 2016

Bundeskongress der VVN-BdA tagte zu Geschichtspolitik und Gedenkarbeit

Qualitativ war unser außerordentlicher Bundeskongress am letzten Mai-Wochenende ein Quantensprung. Statt eines Reden-Marathons gab es Gesprächsrunden zu verschiedenen Themen unter der Fragestellung »Was müssen, können, wollen wir?« in Form eines »World-Cafés«. Das ist eine Moderations-Methode, die allen Teilnehmenden ermöglicht, ihre Erfahrungen und Ideen einzubringen und so »kollektive Weisheit« bündelt. Dazu wurden eine Reihe von innovativen Erinnerungsprojekten vorgestellt und schließlich konnten Regionalgruppen diskutieren, was vom Kongress in die eigene Arbeit mitgenommen werden soll. Bei der Rückmeldung, die es dazu im Plenum gab, war durchweg eine lebendige und kreative Organisation zu erleben.
Ein Wermutstropfen ist allerdings die Beteiligung: nur zwei Drittel der ordentlichen Delegierten waren der Einladung gefolgt. Offensichtlich fällt es einigen Aktiven noch schwer, sich einen auf ein Thema beschränkten Kongress vorzustellen. Dafür war die Stimmung bei den Anwesenden im Bochumer Jahrhunderthaus ausgesprochen gut, auch weil der Kongress durch zahlreiche Projektpräsentationen im Foyer und zwei Rundgänge zu Stolpersteinen und zum »Bochumer Verein« zur regionalen Wirtschaftsgeschichte ergänzt wurde.
Im Einstiegsreferat am Freitagabend hatte Ulrich Schneider sechs wichtige Orientierungspunkte zur zukünftigen antifaschistischen Geschichts- und Erinnerungsarbeit herausgearbeitet. Im Unterschied zu vielen anderen leistet die VVN mit dem Projekt »Zeugen der Zeitzeugen« eine unverwechselbare authentische Geschichtsbegleitung, die zunehmend durch Videos, Lesungen, Collagen aus Fotos und überlieferten Texten und Interviews als »Ersatz« für die reale Begegnung mit Zeitzeugen ergänzt wird. Die Verortung von Geschichte in Form von geführten Rundgängen, Videowalks mit Auszügen aus Interviews von Zeitzeugen, Gedenkhinweisen oder den bereits etablierten Stolpersteinen schafft Bezüge zur eigenen Lebensumwelt. Neue Zugänge zu historischen Themen ergeben sich durch das Aufgreifen aktueller Bezüge. Aufgabe der VVN ist es, die politische Bandbreite des Gedenkens mit antifaschistischer Tradition zu verknüpfen. Die Nutzung neuer Medien wie Facebook für die Gedenkarbeit ist heute unerlässlich, jedoch dürfen auch die klassischen Medien, wie Flyer, Broschüren und Geschichtsblätter nicht vernachlässigt werden. Regional gibt es eine Vielzahl von Spezialisten in der antifaschistischen Geschichtsaufarbeitung, nun muss langsam auch der Nachwuchs aktiv an die Geschichtsarbeit herangeführt werden.
Ein gutes Beispiel dafür gaben Thomas Willms und Liza Mikosch, die am Beispiel des Begriffs »Waffen-SS« die Fallstricke bei Internetrecherchen aufzeigten, die die Nutzer auf schnellem Weg zu geschichtsrevisionistischen Darstellungen, Verharmlosung der faschistischen Verbrechen und positiven Bezugnahmen auf militaristische Deutungen führen können. Mit dieser Internet-Provokation wollten beide auf die Gefahren der neuen Medien und die Notwendigkeit der Vermittlung und Aneignung einer kritischen Medienkompetenz, besonders in Hinblick auf die meist im Netz aktiven Jugendlichen, aufmerksam machen.
Die Themen des World-Cafés hatte der Bundesausschuss mit Unterstützung durch die neu gegründete Bundeskommission »Erinnerungsarbeit und Geschichtspolitik« in mehreren Sitzungen erarbeitet. So brachten die Delegierten ihre Erfahrungen, Fragen und Ideen zu den Themenkomplexen Zeugen der Zeugen, alternative versus offizielle Geschichtspolitik, Gedenkarbeit in der Migrationsgesellschaft, jugendgerechte Formen der Erinnerungsarbeit und eigene Bildungsarbeit ein. Die dazu gesammelten Erkenntnisse in Stichworten sind – wie auch das Referat von Ulrich Schneider, die Präsentation zur Internet-Recherche und Fotos – auf unserer Homepage unter »Bundeskongresse« zu besichtigen.
Die 16 vorgestellten Projekte zur Erinnerungsarbeit reichten von einem Film und einer Kunst-Ausstellung zur Diskriminierungs- und Verfolgungsgeschichte der Sinti und Roma über eine Spurensuche zu den Verbrechen der Wirtschaft, mehrere modellhafte Stadtrundgänge – darunter ein Filmprojekt mit einer Schulklasse – , den Alfred-Hauser- Preis, eine reproduzierbare Gedenktafel für die ermordeten Säuglinge von Zwangsarbeiterinnen, Antifa-Radio und das Edelweißpiratenfestival bis zu unseren Homepages zu den Jahren 1933 und 1945 und zur FIR-Ausstellung »Antifaschistischer Widerstand in Europa 1922-1945«. Ein Handout mit Beschreibung und Kontaktadressen wurde am Ende des Kongresses allen Delegierten ausgehändigt und wird auch auf der Homepage abrufbar sein.

Nachbarschaft à la Maizière

geschrieben von Ernst Antoni

7. September 2016

Zu Zahlen- und Gedankenspielen eines Innenministers

Bundesinnenminister Thomas de Maizière schätzt die Öffentlichkeit. Im Juni konnte er dieser einiges verkünden. Anschläge in den USA und in Frankreich, Fußball-EM mit mancherlei Bedrohungen, die »innere Sicherheit«… Anlässe genug, »erhöhte Achtsamkeit« zu fordern. Unter anderem dann, »wenn sich Familienangehörige, Nachbarn oder Freunde radikalisieren«. Es müsse »Teil unserer Sicherheitsarchitektur« werden, dass Behörden über Extremismus-Verdächte aus heimischen Umfeldern in Kenntnis gesetzt werden, »unverzichtbar für die Vereitelung von Terroranschlägen«. Zuvor hatte der Minister andernorts beklagt, dass Nachbarn, Freunde etc. bisher oft eher lästig seien. Vor allem, wenn es um Abschiebungen gehe: Für ein Bleiberecht reiche es halt nicht aus, so de Maizière, wenn »der betroffene Junge gerade im Fußballverein so viele Tore schießt« oder »die Familie so gute Nachbarn sind«.
Vielleicht lassen sich ja manche künftig mit einem Jobangebot umstimmen, das der Minister ins Spiel gebracht hat: »Sehr nützlich ist eine so genannte Wachpolizei, die besetzt ist mit Kräften, die über eine Kurzausbildung verfügen und begrenzte Befugnisse haben, aber Uniform und Waffe tragen. Sie können als Wache in besonders belasteten Vierteln eingesetzt werden.« In Sachsen gäbe da schon »ein zukunftsweisendes Modell«. Da drängen sich irgendwie auch »rückwärtsweisende« Modelle auf: Blockwart als Hilfssheriff?
Andere Assoziationen hatten Zahlenspiele des Ministers provoziert, die er mangels Belegen schnell wieder zurücknahm: 30 Prozent »falsche Syrer« auf Asylsuche, 70 Prozent Flüchtlinge unter 40, die vor einer Abschiebung für krank und nicht transportfähig erklärt werden. Traue keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast.

Schwarze Listen gegen Antifas

geschrieben von Frank Brendle

7. September 2016

Bundesregierung sieht in lettischem Einreiseverbot keine Willkür

Wenn in Lettland die Waffen-SS gefeiert wird, möchte man dabei keine ausländischen Antifaschisten als Zuschauer haben. Das bekamen am 15. März dieses Jahres sechs VVN-Mitglieder zu spüren, als sie nach Riga flogen, um an den Protesten gegen den »Tag der Legionäre«, einen Marsch zu Ehren der lettischen SS-Legion, teilzunehmen. Noch am Flughafen wurden sie in Gewahrsam genommen und am gleichen Tag abgeschoben (siehe antifa Ausgabe Mai 2016). Die Linken-Abgeordnete Ulla Jelpke erkundigte sich jetzt in einer Kleinen Anfrage nach Erkenntnissen der Bundesregierung zu dem Vorfall.
Die lettische Sicherheitspolizei hatte im Vorfeld des SS-Marsches die VVN-BdA-Homepage studiert und gleich zweimal beim Verfassungsschutz und beim Bundeskriminalamt (BKA) nachgefragt, welche Erkenntnisse über etwaige »Anreiseabsichten von gewaltbereiten deutschen Linksextremisten« vorlägen. Das BKA gab Bescheid, die VVN-BdA sei »bislang ausschließlich gewaltfrei in Erscheinung getreten«. Dessen ungeachtet landeten 25 Antifaschisten auf einer schwarzen Liste, weil sie eine »Gefahr für die öffentliche Ordnung« darstellten. Der Bundesregierung zufolge hat das lettische Innenministerium bestätigt, »dass bei der Beurteilung des Sachverhalts für das Einreiseverbot ein vorangegangener Aufenthalt einer Gruppe von Mitgliedern« der VVN-BdA eine Rolle gespielt habe.
Nur: Beim »vorangegangenen Aufenthalt«, das war 2014, wurde gemeinsam mit lettischen Antifaschisten gegen den SS-Marsch protestiert. Und zwar angemeldet, genehmigt und gewaltfrei.
Der Bundesregierung ist die Verletzung von Reise- und Versammlungsfreiheit egal: Sie habe »keine Erkenntnisse, dass die lettischen Behörden grob ermessensfehlerhaft oder willkürlich entschieden hätten«, die Betroffenen könnten sich ja bei der Europäischen Kommission beschweren oder in Lettland den Rechtsweg beschreiten. Sie will sich auch nicht in Riga dafür einsetzen, dass unbescholtene deutsche Staatsbürger künftig an legalen Demos teilnehmen dürfen. Dafür lobt sie die lettische Regierung, die mit der Abschaffung des Tages der Legionäre als offiziellem Feiertag im Jahr 2000 »ein Zeichen gesetzt« habe, dass sie den Nationalsozialismus verurteile. Die Abschiebung von Antifaschisten ist freilich ein ganz anderes Zeichen…
Was durch die Einmischung ausländischer Antifas auf Seiten ihrer lettischen FreundInnen bedroht wird, ist nicht die »öffentliche Ordnung«, sondern ein gesellschaftlicher Konsens, der die Waffen-SS heroisiert und ihre Verbrechen beschweigt. An dem Punkt sind sie empfindlich – deswegen: Auf nach Riga im März 2017!

Mittäterschaft durch Unterlassung

geschrieben von P.C. Walther

7. September 2016

Seit Jahren bemühen sich parlamentarische Untersuchungsausschüsse und Nebenkläger im NSU-Prozess darum, aufzuklären und herauszubekommen, wer alles von den Mord- und Gewalttaten des »Nationalsozialistischen Untergrundes« wusste, wer sie unterstützt und geschützt hat, und wieso sie jahrelang unentdeckt und unbehelligt blieben, obwohl sich vom Staat bezahlte Neonazis, sogenannte V-Leute, dutzendfach in der Nähe und im Umfeld befanden.
Bereits die nach dem Auffliegen der NSU-Tätergruppe erfolgte Vernichtung von Unterlagen ließ vermuten, dass hier Einiges vertuscht und aus dem Weg geräumt werden sollte. Ähnlichen Eindruck verursachten die Gedächtnislücken und die Unwissenheit von Polizei- und Verfassungsschutzbeamten bei Befragungen. Immer wieder hieß es, dass darüber nichts bekannt sei, dass darüber keine Unterlagen oder keine Nachweise existieren würden – oder dass darüber nichts gesagt werden könne.
Nun tauchten nach all diesen Behauptungen des Nichtvorhandenseins und der Unwissenheit plötzlich erst ein und dann weitere Handys und SIM-Karten des langjährigen vom Verfassungsschutz als »Top-Quelle« geführten Neonazis Thomas Richter alias »Corelli« auf. Und es stellt sich heraus, dass diese mit Tausenden SMS-Nachrichten und Hunderten Twitter-Einträgen versehenen Geräte und Karten nur unvollständig oder gar nicht ausgewertet wurden.
Verfassungsschutz und BKA waren also offenkundig an einer Aufklärung wenig interessiert. Wie sonst soll man es bezeichnen, wenn solche Dinge im Panzerschrank verschwinden und dort jahrelang liegen gelassen werden. Das läuft geradezu auf eine Aufklärungsbehinderung hinaus.
Ebenso kann man die Tatsache, dass Verfassungsschutz, Polizei und Justiz gegenüber den Tätern und ihrem Umfeld blind und untätig blieben, so dass diese ihre Mord- und Gewalttaten unbehelligt ausüben konnten – obwohl sich im Umfeld zahlreich V-Leute tummelten, nicht mehr als bloße Fahrlässigkeit bezeichnen. Solches Verhalten führt letztlich zu einer Art von Mittäterschaft durch Unterlassung.

Wer warum die AfD wählt

7. September 2016

Wolfgang Storz im Gespräch mit Horst Kahrs.

Wolfgang Storz: Rechte und rechtspopulistische Parteien in Großbritannien (Ukip), Österreich (FPÖ) und Frankreich (Front National) werden überdurchschnittlich stark von Arbeitern und Bürgern gewählt, denen es materiell nicht gut geht. Das gilt auch für die Alternative für Deutschland. Warum sind diese Parteien so attraktiv für diese Wählerschichten?
Horst Kahrs: Was heißt »materiell nicht gut«? Selten schätzte ein so großer Teil der Bevölkerung die persönliche wie auch die allgemeine wirtschaftliche Lage als gut ein, ebenso die Aussichten der näheren Zukunft. Das gilt, wenn auch in geringerem Maße, auch für AfD-Wähler und –Wählerinnen. Materielle Argumente allein helfen bei der Analyse nicht viel weiter.
Wolfgang Storz: Was ist dann das Motiv?
Horst Kahrs: Man kann nicht in jeden einzelnen hineinschauen. Die Ausgangsfrage lautet doch: Haben in den vergangenen Jahren die Menschen ihre Einstellungen so stark verändert, dass eine neue Partei erfolgreich sein konnte, oder hat sich die Parteienlandschaft so verändert, dass sich Menschen nicht mehr politisch beheimatet fühlen? Da wir aus Langzeitumfragen wissen, dass schon immer bis zu 20 Prozent der Bevölkerung rechte, autoritäre Einstellungen pflegen, gehe ich von letztgenannter Annahme aus. Die Wählerinnen und Wähler der AfD fühlen sich kulturell in ihrer »Heimat« bedroht, entfremdet. Das Land ist unter der Kanzlerschaft von Angela Merkel in ihren Augen so verändert, so »modernisiert« worden, dass sie sich fragen, ob sie mit ihren traditionellen Lebensweisen, mit ihren Gemeinschaften in den Dörfern und Stadtvierteln, mit ihren Berufen und Fähigkeiten noch einen anerkannten Platz haben werden. Sie stellen sich die Frage: Gehören wir noch zur Mehrheitsgesellschaft? Linke neigen dazu, solche Kultur- und Identitätsfragen zu unterschätzen. Was macht also den Populismus generell attraktiv, was macht die AfD attraktiv? Die Nation wird umgedeutet in ein homogenes Volk mit einem Volkswillen, der sich anti-elitär gibt, der sich anti-egalitär und anti-pluralistisch gegen das Fremde richtet und der auf autoritäre Lösungen setzt. Wer sich auf diese Seite schlägt, bei dessen Entscheidung spielt die materielle Lage, egal ob sie gut oder schlecht ist, nicht die ausschlaggebende Rolle.
Wolfgang Storz: Was ist dann ausschlaggebend: der pure Protest oder doch das inhaltliche Angebot der AfD, ihr nationales und autoritäres Denken?
Horst Kahrs: Beides. Die Kenntnis der AfD-Programmatik tendiert unter deren Wählerschaft gegen Null. Entscheidend ist der »symbolische Wert« der Partei, das, wofür sie zu stehen scheint. Zunächst stand sie dafür, dass Deutschland die hart verdienten Steuergelder nicht an verantwortungslose Banker verschleudern sollte und anschließend nicht an »faule Griechen«. Jetzt steht sie gegen die Öffnung der Grenzen. Das heißt umgekehrt: Die AfD steht für klare Regeln im Leistungswettbewerb – »Einheimische zuerst«. Wenig nützliche Menschen könne sich keine Gesellschaft leisten, also keine »Einwanderung in die Sozialsysteme«. Gleichzeitig hat sich die Mitte radikalisiert. Die Ächtung von Gewalt hat abgenommen, die Grenzen des öffentlich Sagbaren haben sich nach rechts verschoben. Wähler mit einem eher rechten und autoritären Weltbild, die bisher Union oder SPD oder die Linkspartei gewählt haben, finden mit der AfD nun eine politische Form, die nicht aus der rechten Schmuddelecke kommt und wählbar ist. Auf der politischen Bühne erscheint, was in der Gesellschaft schon lange oder immer vorhanden war. Natürlich gibt es auch die Wählerinnen und Wähler, die mit ihrer Stimme für die AfD auf sich aufmerksam machen und erstmal nur andere Parteien ärgern wollten. Wie groß diese Gruppe ist, lässt sich schwer abschätzen. Eine interessante Frage ist aber, wie verhindert werden kann, dass diese Leute zu festen Parteianhängern werden.
Wolfgang Storz: Ist in Schichten, die materiell schlechter gestellt und nur gering qualifiziert sind, autoritäres und ausländerfeindliches Denken grundsätzlich stärker ausgeprägt als in den mittleren und oberen Schichten?
Horst Kahrs: Nicht die Unterschicht wählt überdurchschnittlich AfD. Weit überdurchschnittlich gewählt wurde die AfD erstens von Männern und zweitens von Wählern und Wählerinnen mit einem mittleren Bildungsabschluss, also 10. Klasse und Abitur, leicht unterdurchschnittlich von denjenigen mit maximal Hauptschulabschluss und deutlich unterdurchschnittlich von Menschen mit (halb-)akademischen Berufsabschlüssen. Den Blick auf Bildung und Qualifikation halte ich bei der Analyse für ertragreicher als den auf die aktuelle Einkommenssituation. Was sagen uns die Zahlen dann? Angehörige der Unterschicht ohne eine Perspektive, der eigenen Klassenlage zu entkommen, vor allem: das neue Dienstleistungsproletariat, gehen wie schon seit zwanzig Jahren eher gar nicht wählen. Menschen mit einer betrieblichen Ausbildung, also die klassischen Fachlehrberufe in Handwerk, Industrie und Verwaltung, wählen überdurchschnittlich AfD – ein Bild, wie es sich im übrigen auch in anderen westlichen Ländern einschließlich der USA zeigt. Zu den Erfahrungen dieser Menschen zählt: Die ehemals goldene Regel »streng dich in der Schule an und lerne einen anständigen Beruf« hat immer weniger Bedeutung. Stattdessen erfordern immer mehr Jobs eine akademische Qualifikation. Der Aufstieg des Populismus, also auch der AfD, ist daher auch eine Kampfansage der mittleren Qualifikationen an die akademischen Eliten. Ausländer oder massenhafte Zuwanderung wirken da nur als Katalysatoren. Wer in der globalisierten Welt für sich keine Aufstiegschancen oder andere Verbesserungen erkennen kann, wird eher ansprechbar für populistische Ansprachen.
Wolfgang Storz: Zumindest bisher vertritt die AfD – im Gegensatz etwa zum FN – keine Wirtschafts- und Sozialpolitik, die die Interessen von klassischen Arbeitern, Facharbeitern und Angestellten nennenswert berücksichtigt. Es gab bisher – vor dem jüngsten Programmparteitag – eher Signale in die andere Richtung: geringere Steuern für Wohlhabende, Privatisierung der Arbeitslosenversicherung. Rationale Überlegungen, die vertreten nicht meine »objektiven« Interessen, also wähle ich die nicht, spielen also bei der Wahl kaum eine Rolle oder gar keine. Warum?
Horst Kahrs: Zu den größten Irrtümern der Parteien zählt die Auffassung, die Wählerinnen und Wähler würden eine rationale Abwägung treffen zwischen den Wortlauten verschiedener Parteiprogramme. Oder sie würden sich davon beeindrucken lassen, dass die eine Partei etwas mehr von einer Sache verspricht als eine andere. Und »objektive Interessen« verfolgt die Wählerin oder der Wähler schon gar nicht. Wähler und Wählerin sind aber nicht dumm. Wichtig für Wahlentscheidungen sind das Image einer Partei, die Vertrauenswürdigkeit ihres Personals, die Stellung im Parteiensystem und am Ende dann auch Sachthemen. Für die zurückliegenden Wahlen galt: Wer demonstrativ eine Stimme gegen die Flüchtlingspolitik der Kanzlerin abgeben wollte, konnte sich bei der AfD gut aufgehoben fühlen. Oder besser: Wer mit seiner Stimme eine möglichst große Wirkung erzielen wollte, der musste ja fast schon AfD wählen, weil alle anderen vor ihrem möglichen Erfolg zitterten. Für einen Teil der AfD-Wähler handelte es sich darüber hinaus um eine inhaltlich geprägte Protestwahl: Der Teil, der mit der Modernisierung der Union vor allem kulturell und politisch heimatlos geworden war, vollzog den demonstrativen Bruch mit der Union. Das hatte sich bereits bei den Europawahlen 2014 abgezeichnet.
Wolfgang Storz: Der Front National fordert höhere Renten und Mindestlöhne, ist gegen TTIP, will Banken teilverstaatlichen, ist also sehr kapitalismuskritisch und vertritt ein wirtschafts- und sozialpolitisches Programm wie eine klassische linke Partei. Was spricht dafür, dass sich auch die AfD in diese Richtung entwickelt?
Horst Kahrs: Höhere Renten und Mindestlöhne zu fordern, gegen Freihandelsabkommen und Bankenmacht einzutreten, ist ja nun nicht per se kapitalismuskritisch, sondern allenfalls kritisch gegenüber der aktuellen Verfasstheit des globalen Kapitalismus. Die soziale Marktwirtschaft gründet geradezu auf dem Versprechen, am Ende eines langen Arbeitslebens warte eine Rente, die den Lebensstandard sichert. Die bekannten Kapitalismuskritiker Konrad Adenauer und Ludwig Erhard hatten das auf den Weg gebracht. Und eine ganze Ökonomenschule des Kapitalismus, die Ordoliberalen, forderte, der Staat müsse gegen Konzern- und Bankenmacht einschreiten, um das Wirken der Marktgesetze zu sichern. Also: Aus der Nostalgiemischung der AfD kann kein linkes wirtschafts- und sozialpolitisches Programm entstehen. Ob sich die AfD ähnlich wie der Front National ein Wirtschafts- und Sozialprogramm zulegt, das gezielt auf die Menschen und Regionen jenseits der urbanen Wachstumszentren gerichtet ist, lässt sich heute nicht abschätzen. Das Gespür ist da, wie der Wahlkampf in Sachsen-Anhalt gezeigt hat. Aber in der Partei dominiert noch die Strategie der rechten Sammlungsbewegung mit populistischer Radikalisierungsdynamik. Konkret: Die Islamfeindschaft hält den Laden eher zusammen als es ein Wirtschafts- und Sozialprogramm könnte.
Wolfgang Storz: Die AfD ist ja heute schon gegen TTIP, führende AfD-Politiker wie Alexander Gauland vertreten offensiv den Mindestlohn. Wie müssen Gewerkschaften und Parteien links des Mainstreams argumentieren, um sich trotz der sachlichen Übereinstimmung eindeutig abzugrenzen?
Horst Kahrs: Egalitär, anti-autoritär und demokratisch. Der Mindestlohn gilt für alle Beschäftigten, ohne Ansehen von Herkunft und Staatsangehörigkeit. Und linke Globalisierungskritik kann nicht bedeuten, die eigenen Vorteile zu verteidigen, sondern soziale Gerechtigkeit global zu denken. Da muss dann auch über die Rolle und Verantwortung Deutschlands in der Welt gesprochen werden. Dann muss unter anderem darüber geredet werden, dass die Versorgung jedes erwachsenen Erdenbürgers mit einem Elektroauto (möglichst aus Deutschland) immer noch zu einem ökologischen Kollaps führen würde. Und die Ablehnung von TTIP muss mit dem Entwurf einer besseren Zukunft verbunden werden, sie darf nicht die Verteidigung der bestehenden Verhältnisse zum Ziel haben.

Wolfgang Storz, Journalist und Autor der Studie »Querfront – Karriere eines politisch-publizistischen Netzwerks«.

Horst Kahrs, Mitautor der Studie »Die Enthemmte Mitte«.

Studie »Die Enthemmte Mitte« Herausgeber: Elmar Brähler, Oliver Decker, Johannes Kiess.

OSS – eine rechte Terrorzelle

geschrieben von Janka Kluge

7. September 2016

NPD und »Kameradschaften« als Brutstätte rechter Attentäter

Seit einigen Wochen findet vor dem Landgericht München ein zweiter Prozess wegen rechten Terrors statt. Am 6. Mai 2015 waren bei Hausdurchsuchungen drei Männer und eine Frau festgenommen worden. Die Bundesstaatsanwaltschaft wirft den Mitgliedern der »Oldschool Society« (OSS) vor, Anschläge auf Unterkünfte von Geflüchteten und Wohnprojekte von Linken geplant zu haben. Bei den Hausdurchsuchungen in fünf Bundesländern wurden verschiedene Waffen sowie Sprengstoff und Nägel gefunden, mit denen Nagelbomben gebaut werden können. Nach Erkenntnissen der Polizei hatten Markus W. und Denise G. am 1. Mai 2015 in Tschechien Böller mit erheblicher Sprengkraft gekauft. Am selben Abend soll nach einer Meldung von Spiegel Online Markus W. am Telefon gesagt haben: »Deswegen habe ich schon gedacht, hier, so eine `Cobra 11`, hier weißt Du, hier Dachpappenstifte mit Sekundenkleber ringsum, draufkleben und dann so ein Ding im Asyl … so ein Ding im Asylcenter, im Asylheim so, weißt Du, Fenster eingeschmissen und dann das Ding hinterhergejagt«. Außerdem überlegte die Gruppe, spektakuläre Anschläge zu verüben, die sie dann Islamisten in die Schuhe schieben wollten.
Die drei Angeklagten sind seit langen im der rechten Szene verankert. Markus W. ist 2006 in die NPD eingetreten und war Mitglied der inzwischen verboteneren Kameradschaft »Aachener Land«, Die Kameradschaft gehört in das Umfeld der Autonomen Nationalisten und ist durch ihre Gewalttätigkeit berüchtigt gewesen. Trotzdem arbeitete er zeitweise als Wachmann in einer Unterkunft für Geflüchtete in Leipzig. Zuletzt hat er eine Firma für »Messebau und Security« gegründet. Es ist nicht bekannt, wann er seine Freundin Denise G. aus dem sächsischen Freital kennengelernt hat. Die Kleinstadt bei Dresden ist 2015 bundesweit in die Schlagzeilen geraten, weil Neonazis zusammen mit Bürgern anreisende Geflüchtete blockiert haben. Im Juni 2015 verhaftete die Polizei im Auftrag der Bundesanwaltschaft fünf Männer aus Freital, die eine weitere rechte Terrorzelle gebildet haben sollen. Die »Gruppe Freital« soll zwei Sprengstoffanschläge auf Unterkünfte von Geflüchteten und mehrere Sachbeschädigungen verübt haben.
Die Bundesanwaltschaft hat durch die Verhaftung der Neonazis gezeigt, dass sie in der Lage ist, auf rechte Bedrohung zu reagieren. Sie will damit verlorenes Vertrauen in die Arbeit zurückgewinnen. In der Öffentlichkeit soll der Eindruck entstehen, dass die Behörden alles im Griff haben. Zweifel daran bleiben berechtigt.

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