Neue Forschungsparadigmen

geschrieben von Nils Becker

10. Juli 2015

Alte Fragen zur Zivilklausel, die immer wieder neu beantwortet werden müssen.

 

»Lernen und Forschen für den Frieden« – diese Leitidee passt so gar nicht in die heutigen Diskussionen der Bildungs- und Wissenschaftspolitik, die sich vor allem um Wettbewerbsfähigkeit und Fachkräftenachwuchs drehen. Doch während die Bundesregierung die »Digitale Agenda« ausgerufen hat und die hiesige Wissenschaft für den globalen »Innovationswettbewerb« (1) zurechtstutzt, geraten in der Öffentlichkeit schnell die tatsächlichen Forschungsinhalte aus dem Blick. Denn Rüstungsforschung, die Entwicklung »intelligenter« Waffen und kriegsrelevante Sozialwissenschaften gehören genauso zum Portfolio des Forschungsstandorts Deutschlands wie Klima- und Nachhaltigkeitsforschung. Seit 2010 hat das Verteidigungsministerium mehr als 700 Forschungsaufträge vergeben. Mindestens 41 Hochschulen waren an diesen Aufträgen beteiligt. Zur finanziellen Dauermisere der Universitäten, gesellen sich also auch grundsätzliche Fragestellungen: Was wollen wir wissen? Für welche Gesellschaft forschen wir? Welche Position nehmen wir im Zweifel ein?

Die Quartalszeitschrift W&F wird von einem Trägerkreis aus friedenspolitischen Initiativen und Instituten schon seit 1983 herausgegeben. Die Herausgeber sehen die W&F als Scharnier zwischen Friedensforschung, Friedensbewegung und Öffentlichkeit, um gemeinsam Entwicklungen in den Themenbereichen Frieden, Abrüstung, Sicherheit und Konflikt interdisziplinär zu diskutieren. Das aktuelle Dossier 78 ist auch auf der Webseite www.wissenschaft-und-frieden.de nachzulesen.

Die Quartalszeitschrift W&F wird von einem Trägerkreis aus friedenspolitischen Initiativen und Instituten schon seit 1983 herausgegeben. Die Herausgeber sehen die W&F als Scharnier zwischen Friedensforschung, Friedensbewegung und Öffentlichkeit, um gemeinsam Entwicklungen in den Themenbereichen Frieden, Abrüstung, Sicherheit und Konflikt interdisziplinär zu diskutieren. Das aktuelle Dossier 78 ist auch auf der Webseite www.wissenschaft-und-frieden.de nachzulesen.

Das Instrument »Zivilklausel«

Einen Diskussionsimpuls für solche Fragen kann die Forderung nach einer »Zivilklausel« liefern – eine Selbstverpflichtung von Hochschulen, nur zivilen Zwecken zu dienen, und dies verbindlich in ihren Statuten aufzunehmen. Das neue Dossier Nummer 78 der Zeitschrift »Wissenschaft und Frieden« (W&F), stellt den aktuellen Stand zur Durchsetzung von Zivilklauseln an deutschen Hochschulen dar und propagiert eine alternative Forschungs-Agenda.

In den letzten sechs Jahren wurden an 26 deutschen Hochschulen Zivilklauseln durch die Gremien universitärer Selbstverwaltung beschlossen. Ver.di, GEW, der DGB-Bundeskongress, aber auch einige Parteitage von SPD, Grüne und der Linken stellten sich hinter die zivile Ausrichtung von Forschung und Lehre. Auch in den Landeshochschulgesetzen von Thüringen, NRW und Bremen sind Passagen dazu zu finden. Umso ernüchternder ist, dass an mindestens elf der Hochschulen mit verbindlicher Zivilklausel schon wieder Verstöße registriert wurden. Oft genug fehlt es an einer sauberen Definition was noch alles »zivil« ist. Das »dual-use«-Potential, die prinzipielle Verwendbarkeit bestimmter Technologien, Maschinen und Verfahren für zivile, wie militärische Zwecke, sorgt dafür, dass die Zivilklausel Auslegungssache bleibt. Gleichzeitig fehlt es auch an Kontrollinstanzen, an Gremien, die die Einhaltung der Selbstverpflichtung kontrollieren und Verstöße sanktionieren. Schon an der dafür nötigen Transparenz über die extern finanzierten Forschungsprojekte mangelt es. Hier wird sich zumeist auf die Forschungsfreiheit berufen. Was als Garant gegen die kriegspolitische Dienstbarmachung von Universitäten gemeint war, hat sich unter den aktuellen Bedingungen zur Freiheit der Drittmittel, zum Zwang Auftragsforschung (z.B. für das Verteidigungsressort) anzunehmen, verkehrt.

Eine andere Hochschule

Cornelia Mannewitz von der Deutschen Forschungsgemeinschaft argumentiert in dem Dossier, dass die Zivilklausel ein zahnloser Tiger ist, aber zumindest Vorbild sein kann für das, was Hochschule eigentlich leisten soll. Für sie ist die Zivilklausel nur ein kleiner Baustein im Kampf um eine Hochschule die weniger dem Wettbewerb und mehr den Menschen dient. Die Angriffe und Diskussionsimpulse gegen die Ökonomisierung der Hochschulen sollten eben auch aus der Friedensbewegung kommen.

Torsten Bultmann vom Bund demokratischer WissenschaftlerInnen regt daran anschließend an, ein alternatives Leitbild der Forschungsentwicklung zu etablieren. Die Friedenswissenschaft sollte die Betriebswirtschaftslehre ablösen. Denn sozial-ökologische Forschung wird nicht durch Märkte hervorgebracht – sie muss politisch implementiert werden. Eine explizit anti-militärische Forschung beinhaltet im Sinne der zivilen Konfliktbearbeitung die Zuwendung der wissenschaftlichen Produktivkräfte auf die dafür nötigen Fragen, wie die gerechte globale Verteilung von Lebenschancen und Ressourcen. Frieden kann nicht nur eine moralische Verpflichtung sein, sondern muss auch aktiv einzelwissenschaftlich konkretisiert werden. Die Zivilklausel und die damit verbundenen (zumeist horizontalen) Willensbildungsprozesse an den Hochschulen können ein Beitrag dafür sein, dass überhaupt wieder der gesellschaftliche Bildungs- und Wissenschaftsbedarf verhandelt wird. Die Zuspitzung auf die Frage ›Krieg oder Frieden‹, verleiht der Zivilklausel im Angesicht der aktuellen Weltlage zudem eine Schärfe die, anders als die Probleme der Ökonomisierung, schwer wegzudiskutieren ist.

Gemeinsam aller Opfer gedacht

geschrieben von Waltraud Bierwirth

10. Juli 2015

»Zeitenwechsel« in der Erinnerungspolitik in Regensburg

Was im Ritual erstarrt war, kam in Bewegung. 70 Jahre nach Kriegsende vollzog sich in Regensburg ein Zeitenwechsel in der Erinnerungspolitik. Zum ersten Mal fanden sich linke und konservativ-religiöse Gruppierungen zum gemeinsamen Gedenken an die Opfer des Faschismus zusammen. Die letzten Zeitzeugen waren dabei. Staunten und waren gerührt.

Zum ersten Mal gemeinsames Gedenken in Regensburg: Die Bischöfe Voderholzer und Weiss, Oberbürgermeister Wolbergs, Ilse Danziger von der Jüdischen Gemeinde, Luise Gutmann (VVN-BdA), Christian Dietl (DGB) und Hans Simon-Pelanda von der ARGE ehemaliges KZ Flossenbürg. Foto: Bierwirth

Zum ersten Mal gemeinsames Gedenken in Regensburg: Die Bischöfe Voderholzer und Weiss, Oberbürgermeister Wolbergs, Ilse Danziger von der Jüdischen Gemeinde, Luise Gutmann (VVN-BdA), Christian Dietl (DGB) und Hans Simon-Pelanda von der ARGE ehemaliges KZ Flossenbürg. Foto: Bierwirth

Den Wandel des Gedenkens machte schon das Transparent deutlich, das am 23. April vom Oberbürgermeister, flankiert von den Initiatoren der bisherigen zwei Gedenkveranstaltungen, durch die Stadt getragen wurde: »Im Gedenken an die Opfer: Bleibt wachsam!« Schulter an Schulter gingen da die Bischöfe Rudolf Voderholzer und Hans-Martin Weiss, OB Joachim Wolbergs, Ilse Danziger von der Jüdischen Gemeinde, Luise Guttmann (VVN), Christian Dietl (DGB) und Hans Simon-Pelanda (ARGE ehemaliges KZ Flossenbürg).

Mit vielen bunten Fahnen, Transparenten und Spruchbändern folgten ihnen ein buntes Volk engagierter Zivilgesellschaft, politische Gruppierungen und Stadträte. 600 waren es mindestens. Dabei lernten die Regensburger zweierlei: Auch für Bischöfe gibt es ein Demo-Habit und die CSU macht beim gemeinsamen Gedenkweg nicht mit. Was viele nicht verwunderte, denn der dumpfe Antikommunismus, der jahrzehntelang das Gedenken und die Opfer sortierte, ist in Bayern nicht überwunden. Bis heute wird die VVN in Bayern alljährlich vom CSU-Innenminister als »linksextremistisch beeinflusst« abgestempelt.

In Regensburg scherte das den neu gewählten SPD-Oberbürgermeister Joachim Wolbergs wenig. Er war schon als junges »Falken«-Mitglied beim VVN-Gedenkweg dabei und nach der Kommunalwahl bat er die Akteure beider Lager zum »Runden Tisch«, um den Weg für ein gemeinsames Gedenken auszuloten. Quasi als neutrale Instanz bot er die Stadt als Veranstalter und sich als Schirmherr an.

Eine Garantie dafür, dass aus dem »zweierlei« Gedenken ein gemeinsames Erinnern wird, war das noch lange nicht. Obwohl es nicht wenige Akteure gab, die auf Gemeinsamkeit drängten. Voran die Jüdische Gemeinde mit Rabbiner Josef Chaim Bloch und der Vorsitzenden Ilse Danziger, die beim Gedenkweg der bunten Truppe um die VVN ebenso dabei waren wie am nächsten Tag beim offiziellen kirchlich-städtischen Gedenken. Vor diesem Hintergrund fügte es sich, dass fortan im jüdischen Gemeindehaus Akteure beider Gruppen zusammen kamen, um inhaltlich neu zu gestalten, was jahrzehntelang getrennt verlief.

Für beide Seiten begann ein Lernprozess und erfahrbar wurde, dass die Erinnerungskultur an den 23. und 24. April 1945 in Regensburg jeweils von den Milieus geprägt ist, in denen das Erinnern an die Opfer organisiert und gepflegt wurde. Im Mittelpunkt des Gedenkens stand für die VVN und ihre Bündnispartner stets das Gedenken an den Todesmarsch der 400 KZ-Gefangenen im Außenlager Colosseum in der Nacht zum 23. April 1945. An diesem historischen Datum orientierte sich seit Jahren der Gedenkweg, der über die Steinerne Brücke in die Stadt führt. Mancher Redner vergaß im Eifer der Tagespolitik die Opfer und schlug einen kühnen Bogen zur Kapitalismuskritik und den Nebenwirkungen für bedrohte Minderheiten.

Das katholisch-konservative Lager, das am nächsten Tag das Gedenken an den Domprediger Johann Maier zelebrierte, distanzierte sich da. Der deutlich religiöse Akzent bei diesem Gedenken an den Geistlichen, den die Nazis ermordet hatten, weil er sich für die kampflose Übergabe der Stadt an die Alliierten eingesetzt hatte, verschreckte wiederum einen Teil der säkularen Stadtgesellschaft, die fernblieb.

Zur großen Zufriedenheit aller Beteiligten verlief nun die Premiere des ersten gemeinsamen Gedenkens an die Nazi-Opfer. Seinen Anfang nahm der traditionelle Weg durch die Stadt wieder über die Steinerne Brücke. Oberbürgermeister Wolbergs hatte eröffnet, Zeitzeugen berichteten über das, was ihnen damals widerfahren war und zum ersten Mal führte der Zug des Gedenkens zum Westportal des Doms. Sachlich, ohne Arabesken und Weihrauch, berichtete Bischof Voderholzer, wie das damals war, als am 23. April 1945 der Domprediger Johann Maier, der Polizeibeamte Michael Lottner und der Lagerarbeiter Josef Zirkel den Protest von einigen hundert Frauen gegen weitere Kampfhandlungen unterstützten und dafür von den Nazis ermordet wurden.

Unter den antifaschistischen Gruppen gab es auch Gegner der neuen Gemeinsamkeit mit Bischöfen und Stadtoffiziellen. Deren Protest blieb moderat, sichtbar aber leise. »Verkraftbar«, befand die Nachlese mit vielen zufriedenen Gesichtern und der Bereitschaft, im nächsten Jahr das Begonnene fortzusetzen.

Gedanken zu einer Reise

9. Juli 2015

Lena Sarah Carlebach fuhr mit dem »Zug der 1000« nach Auschwitz

Wie bereitet man sich angemessen vor auf eine Reise nach Auschwitz? Ich bin etwas ratlos. -Au-sch-witz, der Inbegriff des Holocaust, die Hölle, das, was man sich nie vorzustellen vermag.

Der Alltag hält mich noch gefangen, Seminare und Vorlesungen an der Uni, die Arbeit, bis kurz vor der Abfahrt nach Darmstadt – dort wird mich, sofern alles nach Plan verläuft, um 01:24 Uhr am Mittwochmorgen, dem 6. Mai, ein Zug einsammeln. Mich und andere Interessierte, vor allem Schülerinnen und Schüler, aus Deutschland.

Foto fu¦êrs Spezial

Mit beinahe 1000 anderen Jugendlichen nehme ich Teil am internationalen Projekt »Zug der 1000«, organisiert vom Institut des Vétérans aus Belgien, der Auschwitz Stiftung und der FIR. Fünf Tage lang werden wir in Polen sein, um uns die Gedenkstätte Auschwitz anzusehen.

Im Zug angekommen sind wir ziemlich platt und versuchen sogleich, halbwegs gemütliche Positionen zum Schlafen zu finden. Das ist gar nicht so einfach, zu viert oder fünft in einem Abteil. Ich grübele noch ein wenig in die Nacht hinein.

Natürlich, Auschwitz kennt man, man hat darüber gelesen, davon gehört. Ich erinnere mich, nicht recht gewusst zu haben wohin ich schauen sollte, wenn ich Menschen getroffen habe, die das Lager überlebt hatten – aus Scham, dass sie so etwas erleben mussten, aus Ohnmacht. Und nun sitze ich im Zug auf dem Weg dorthin.

Ich wache auf und sehe Bäume an mir vorbei-sausen. Manchmal ruckelt es ein wenig, und etwas Zeit brauche ich, um zu realisieren, wo ich bin. Den anderen scheint es ähnlich zu gehen.

Der eine oder andere vermisst die Dusche am Morgen, die meisten arrangieren sich aber schnell und bilden Reihenfolgen, in denen »ins Bad« gegangen werden kann – sprich, sich auf der Zugtoilette die Zähne putzen.

Erst jetzt wird einem bewusst, wie groß der Zug ist, mit seinen 16 Waggons und wie viele Menschen wir darin sind. Schülerinnen und Schüler aus ganz Europa sind mit an Bord, an den Abteilen vorbeischlendernd sehen ich die portugiesische Flagge, einige Italiener hört man Partisanenlieder singen. Sogar eine junge Frau aus Südamerika soll mit auf der Reise sein.

Früher oder später läuft jeder mal nach vorne in den Speisewagen. Hier bekommen wir Schokoladencroissants, Kaffee und Orangensaft zum Frühstück. Eine logistische Meisterleistung, so viele Menschen mit Nahrung und Getränken zu versorgen.

Den ganzen Tag über spielt der Radiosender »Crap« aus Belgien: ein Dozent aus Antwerpen mit Studierenden, eigens an Bord, um uns mit der Übertragung von Livesendungen zu versorgen. Es gibt Musik zu hören, alte und moderne, Interviews laufen und Informationen über Auschwitz werden vorgetragen. Man lernt sich kennen, wird sich der vielen Sprachen bewusst, die um einen herum surren und die Zeit vergeht wie im Flug.

Nur die Route, die der Zug nehmen muss, bereitet uns Kopfzerbrechen – der direkte Weg von Darmstadt nach Krakau hätte anders ausgesehen, wir werden durch die winzigsten Dörfer geleitet und fragen uns warum.

Am Abend gegen 20 Uhr kommen wir in Krakau an. Wir werden auf Busse verteilt und fahren zu dem Hotel, in dem wir untergebracht sind. Nach dem Essen fallen wir müde in unsere Betten – am nächsten Tag wird es schon sehr früh weitergehen im Programm.

Die Stadt der Toten – das ist das erste, was mir in den Kopf schießt, als ich die Steinhäuser vom Stammlager Auschwitz sehe. Nach dem Frühstück waren wir schon um halb acht losgefahren, um uns dem ersten Ziel der Reise zu widmen.

Unsere Gruppe steigt aus dem Bus, wir geben unsere Taschen ab und stellen uns an die lange Schlange an. Sehr irritierend ist diese Art hier so zu warten. Große Gruppen drängeln sich durch die Sicherheitsvorkehrungen, die Situation erinnert an ein Konzert oder den Besuch eines gewöhnlichen Museums.

Durch die Kontrollen hindurch geschleust, werden wir von einer Mitarbeiterin der Gedenkstätte gebeten, an die Seite zu treten und dort zu warten.

Mir schießen Bilder in den Kopf, Szenen, wie man sie sich vorgestellt hat, wenn sich die eigenen Verwandten aufteilen mussten, nach links und rechts – die einen zum Arbeiten, die anderen zum vergast werden. Mir ist schlecht.

Unsere Führung wird von einer polnischen Historikerin geleitet, zu der es zunächst schwierig erscheint, eine Verbindung aufzubauen. Wir sehen uns verschiedene Gebäude und Teile der Ausstellung über das Lager an, welche die Gedenkstätte seit 1955 präsentiert.

Es sind so viele Impressionen auf einmal, dass ich es kaum schaffe, etwas aufzunehmen. So viele Fragen, die sich einem aufdrängen, solch ein Schock, dass man auf eben diesem Boden steht.

Die Masse an Besuchern erleichtert es nicht unbedingt. Man hat keine Ruhe, kommt nicht richtig zu sich. Ich sehne mich nach einem Rundgang ganz für mich alleine. Hinter einer Glaswand sind Koffer aufgestapelt, sie liegen übereinander, kreuz und quer, und die meisten sind beschriftet mit Familiennamen der deportierten Juden. Rosenthal, denke ich, so heißt ein früherer Nachbar und Freund meiner Eltern. Goldstein, lese ich, und erinnere mich an Kurt und vor allem seine Enkelin Arleen, bei der ich vor wenigen Monaten auf der Couch saß.

Zweig, Gold, Adler, Cohn, – es sind so viele und man versucht, ansatzweise die Dimension zu greifen. So viele Menschen wie Du und ich, Freundinnen, der Mann am Obststand, der Dozent oder die Arbeitskollegin. Es hat so viele getroffen und bei all den Koffern sieht man wieder: es kann nicht sein, dass das niemandem aufgefallen ist.

Zu den Kinderschuhen, die ebenfalls ausgestellt sind, tausende Paare, fällt mir nichts mehr ein. Beim Anblick der Haarbüschel, die aufbewahrt wurden, und vor allem beim Realisieren der Tatsache, dass die daneben liegende Decke aus eben diesen Haaren »gefertigt« wurde, sehe ich eine Verbindung, die mir vorher nicht klar war: Die Verknüpfungen des Kapitalismus in seiner höchsten Form und der Entfremdung und Reduzierung des Menschen zu Material.

Wir stehen in der Gaskammer. Die Besucher fangen an, die ungewöhnlichsten Fragen zu stellen; wahrscheinlich, um das Grauen irgendwie verarbeiten zu können. Wie schnell man wohl gestorben ist, in dieser Kammer? Ob die Menschen lange leiden mussten? Was haben denn die Kinder gedacht? Und sind das Kratzspuren, an den Wänden? Am Ende des Rundgangs sehen wir uns die neue Shoah Ausstellung in Block 27 an. Sie wurde erst 2013 eröffnet und beeindruckt mich auf ein unfassbare Art und Weise. Sobald man den Block betritt, hört man Gesang und Melodie eines Gebetes, das gesungen wird. Das Wort SHOAH steht in großen Lettern vor den Besuchern, man kann sich dem Gefühl nicht entziehen, gleich mit Haut und Haar eintauchen zu können und zu müssen, wenn man durch diese Ausstellung gehen wird.

Der folgende Raum stellt das Leben der Juden in der Vorkriegszeit in Europa und Nordafrika dar, und zwar durch eine 360-Grad-Filmmontage, die uns Besucher umgibt. Ich schaue mir die Bilder an: so viel Freude, Feste, Tanz – man steht mitten im Leben der jüdischen Familien. Für mich fühlt es sich vor allem schön an, zu sehen, welches Glück auf den Videos und Bildern zu sehen ist.

Ein weiterer Teil der Ausstellung zeigt, in einem schneeweißen Raum, die Fragmente authentischer Zeichnungen jüdischer Kinder, die während des Holocausts gemalt wurden – sie wurden von den Künstlern der Ausstellung auf die Wand des Raumes übertragen.

Der letzte Raum der Ausstellung beherbergt ein riesengroßes Buch, in dem die Namen aller Opfer, die in Auschwitz registriert wurden, aufgelistet sind. Ich bin entsetzt zu sehen, dass auch mein Familienname beinahe eine halbe Seite des Buches ausfüllt. Zum ersten mal weiß ich es zu schätzen, nicht alleine durch das Lager zu laufen. Eine junge Lehrerin aus Kassel steht neben mir und hält meine Hand. Ich bin froh über ihre Unterstützung und dankbar, die Namen nicht allein lesen zu müssen. Die Gefühle der restlichen Gruppe sind nur schwer einzuschätzen. Die meisten sind ruhig und interessiert, eine Betroffenheit ist zu spüren.

Nach dem Besuch des Lagers gehen wir Mittag-essen. Zwischen den normalen Gesprächen über das Essen oder den Ablauf kommen immer wieder Fragen auf, die den Ort betreffen, den wir gerade gesehen haben. Viele finden es befremdlich bis unheimlich, dass Oswiecim eine »ganz normale« Stadt zu sein scheint, mit Häuschen und Gärten, Spielplätzen und Familien neben dem KZ-Zaun. Wir versuchen uns vorzustellen, wie es sein muss, hier zu leben und aufzuwachsen.

Am Nachmittag besichtigen wir Krakau. Olga, die Betreuerin meiner Gruppe auf der Reise, führt uns erst durch die Stadt bevor wir uns frei bewegen. Das Wetter meint es gut mit uns und der Spaziergang durch die schöne Umgebung ist ebenfalls ein sehr angenehmes Kontrastprogramm zum Vormittag. Uns fällt auf, dass man hier richtige Touren buchen kann, um Auschwitz zu besichtigen. In Paris der Eiffelturm, in Barcelona Sagrada Familia, in Krakau eben Auschwitz. Absurd kommt es uns vor.

Am Abend sehen wir uns die Kinderoper Brundibár an – wunderbar aufgeführt und musikalisch begleitet von einer Schauspielgruppe aus Belgien sowie einem dazugehörigen kleinen Orchester.

Aufgrund der Größe wurden wir aufgeteilt in jeweils ca. 500 Personen – das jeweilige Abendprogramm konnten wir dann je um einen Tag zeitversetzt genießen.

Unsere Gruppe ist hellauf begeistert von der Oper – trotz Sprachschwierigkeiten, denn aufgeführt wird das Stück auf Französisch. Am zweiten Tag, dem 8. Mai, besuchen wir den Komplex Birkenau.

Ich glaube, hier bekommt man eine Vorstellung der Bedeutung des Wortes »Unendlichkeit« – so jedenfalls fühlt es sich für mich an, als ich auf dem Gelände stehe. Eine entsetzliche, unvorstellbare Weite, in der Baracken aufgereiht sind, soweit das Auge reicht.

Den ganzen Vormittag und Mittag verbringen wir auf dem Gelände, lauschen unserer Gruppenbetreuerin und sehen uns die Überreste, zum Teil nachgebaut, zum Teil noch Erhaltenes, vom Lager an.

An der Rampe verbringen wir viel Zeit. Die Fotos von den Menschen, die hier »sortiert« worden waren, hatten wir am Tag zuvor gesehen. Auch zu den Überresten der Gaskammern werden wir geführt und sind hin- und hergerissen, als wir eine Fuchsmutter mit ihren Jungen in den Ruinen sehen – ist es gut, dass die Natur hier wieder die Überhand gewinnt?

Oder wächst so vielleicht auch »Gras über die Sache«, über die niemals Gras wachsen soll? Am Teich des Lagers halten wir für einige Minuten inne und gedenken der Opfer, deren Asche am Grund liegt.

Wir laufen zur Effektenkammer, in der die Häftlinge desinfiziert wurden. Im Gebäude gehen wir den Weg nach, den so viele Häftlinge haben gehen müssen.

Am Mittag gibt es eine Gedenkveranstaltung, zu der das Institut des Vétérans geladen hat – es sprechen Martin Schulz als Präsident des Europäischen Parlaments, Michel Jaupart, der General-Administrator des »Institut des Vétérans«, Henri Goldberg als Vertreter der Auschwitz Stiftung, Dr. Ulrich Schneider, Generalsekretär der FIR und zum Abschluss der Auschwitz – Überlebende Paul Sobol aus Belgien.

Die Kundgebung verläuft ruhig und andächtig und im Anschluss legen wir Blumen auf Gedenkplatten des Mahnmals, vor dem die Zeremonie stattfindet.

Was man spürt ist eine Freude, eine Freude darüber, dass 70 Jahre danach erinnert wird und auch junge Menschen dazu bereit sind, sich zu erinnern.

Paul Sobol fordert uns auf, uns nicht in erster Linie als Deutsche, Niederländer oder Ungarn zu fühlen, sondern als Europäer – Martin Schulz geht auf die Flüchtlingsdramatik im Mittelmeer ein und weist darauf hin, dass wer den Opfern von Au-schwitz gedenke, die Misere der Flüchtlinge in der Gegenwart nicht ignorieren dürfe.

Dieser Blick in die Zukunft macht Mut und erleichtert es uns, Vergangenheit und Gegenwart zu verbinden. Insbesondere Überlebende stärken zu können, in dem man ein Stück der Verantwortung auf sich nimmt, ist ein tolles Gefühl.

Eine kleine Gruppe von Jugendlichen aller anwesenden Nationalitäten hat im Anschluss die Möglichkeit, mit Martin Schulz Mittag zu essen.

Anders als vielleicht erwartet, ist er offensichtlich sehr am Gespräch mit uns und unserer Meinung interessiert. Wir diskutierten über Fragen wie was man tun könne, damit »so etwas« nicht mehr passiere oder wie man die Erinnerung an den Holocaust zukünftig gestalten könnte. Es entsteht ein interessanter Gedankenaustausch; aufgrund der Größe der Gruppe ist es zwar schwierig, alle Redebeiträge zu hören, dennoch sind die Beiträge vieler Teilnehmer sehr bereichernd.

Der Bus holt uns nach dem Essen ab und bringt uns in die Messehalle von Krakau – hier erwartet uns ein absolutes Highlight der Reise, nämlich ein Konzert der Klezmergruppe »Kroke«. Schlagartig wird mir die Dimension des Aufwandes bewusst, den die Organisatoren betrieben haben mussten – Kroke ist eine international bekannte Gruppe von Musikern, die Klezmer, Jazz, Musik der Roma und moderne, elektronische Elemente verbindet.

Wir werden Teil eines packenden und hoch emotionalen Konzertes, das ich nie vergessen werde.

Nach diesem Erlebnis ging es nun wieder ins Hotel zum Abendessen. Bereits im Bus wurde angekündigt, dass es noch eine Abschiedsdisko geben würde. Im ersten Moment finde ich die Vorstellung ziemlich befremdlich, nach solchen Tagen, solchen Orten, einfach am Abend zu feiern, zu tanzen und Spaß zu haben. Natürlich kann jeder Teilnehmer und jede Teilnehmerin selbst entscheiden, ob er oder sie mit fahren möchte, und tatsächlich – die meisten, so mein Eindruck, kommen mit zum Fest.

Spätestens mit dem Eintreffen in die Halle sind meine Zweifel verflogen – Es ist toll zu sehen, wie gelöst die Jugendlichen tanzen können, viele Lehrkräfte zum Teil mit ihnen. Wir unterhalten uns natürlich auch über den Tag und über die Reise, doch die Meinung ist am Ende sehr ähnlich: Wir wollen feiern, dass es uns so gut geht, und trotzdem nie vergessen, was geschehen ist. So geht die Reise schön zu Ende und wir feiern den 8. Mai, 70 Jahre nach der Befreiung, tanzend und erleichtert gemeinsam.

Am nächsten Tag steigen wir schon früh wieder in die Busse, um den Zug der 1000 zu erreichen, der uns wieder nach Hause bringen soll. Wir reden viel, kennen einander nun besser und tauschen uns aus, ob der unterschiedlichen Eindrücke die wir gewonnen haben. Manche wollen den Kontakt halten und schreiben E-Mail-Adressen und Handynummern auf, andere planen den nächsten Urlaub in Herkunftsländern der Mitreisenden. Einen Tag und eine Nacht verbringen wir noch im Zug. Nach und nach steigen Mitfahrende aus. Um 06:00 Uhr früh kommen wir in Darmstadt an. Von hier aus fährt der Zug noch weiter nach Belgien, wo er auch gestartet war. Die Leute verstreuen sich, warten auf unterschiedliche S-Bahnen und Regionalzüge, die sie Nachhause bringen sollen.

In meinen Augen war es eine wunderbare Fahrt – toll organisiert, so gestaltet, dass sicherlich jeder irgendwann und irgendwie erreicht wurde und sehr lehrreich. Bald ziehe ich um, ins Frankfurter Nordend. Gegenüber von meiner Wohnung wird dann das Haus stehen, in dem ein Bruder meines Urgroßvaters mit seiner Frau lebte – Josef und Rebekka Carlebach, 1942 deportiert und in Auschwitz ermordet. Ein schönes Gefühl, zu wissen, als Teil dieser Familie jetzt wieder dort leben zu können.

Eine Reise der Hoffnung

9. Juli 2015

Auszug aus der Rede von Martin Schulz vor den Teilnehmern des »Zug der 1000«

Liebe Freunde, es bewegt mich tief, zu sehen, dass sich eintausend junge Menschen aus ganz Europa heute hier in Auschwitz versammelt haben.

Als Deutscher, als Politiker und als Vater bin ich Ihnen sehr dankbar, dass Sie aus Belgien, aus der Tschechischen Republik, aus Deutschland, Frankreich, Polen, Italien, Ungarn, Estland – aus ganz Europa – nach Auschwitz gekommen sind.

Zwischen Lagerbaracken und Stacheldraht, zwischen Wachtürmen, Bahngleisen und Selektionsrampe, zwischen Krematorien und Gaskammern, an diesen Ort, der für so viele Menschen, denen ein Grab versagt blieb, zum Friedhof wurde – an diesen Ort der Barbarei haben Sie Hoffnung gebracht.

Die Hoffnung, dass die Erinnerungen der Überlebenden nie vergessen werden, dass sie von jeder Generation an die nächste weitergeben und sie so zu unserer gemeinsamen Erinnerung wird.

Die Hoffnung, dass diejenigen, die zu unserer Schande aus der Geschichte nichts gelernt haben, nicht siegen werden. Bis heute gibt es Menschen, die den Holocaust leugnen, uns davon zu überzeugen versuchen, dass der Schmerz und die Verluste, die unschuldige Opfer erleiden mussten, falsch und unwahr seien. Die Verletzten beleidigen sie auch noch. Das werden wir niemals hinnehmen.

Sie haben an diesen Ort der Dunkelheit die Hoffnung gebracht, dass diejenigen, die heute in Europa Juden, weil sie Juden sind, beleidigen, bedrohen und angreifen, niemals die Oberhand gewinnen werden. Denn wir verneigen uns vor den Opfern des Hasses und geloben, die Lebenden zu schützen.

Sie haben die Hoffnung an diesen Ort der Dunkelheit gebracht, dass wir zusammen gegen die Rückkehr der Dämonen der Vergangenheit kämpfen können und kämpfen werden. Antisemitismus und Rassismus, Intoleranz und Nationalismus zeigen erneut ihre hässliche Fratze. Es macht mich wütend und es schmerzt mich, dass in Europa wieder Unterkünfte für Asylbewerber in Brand gesteckt werden und Populisten Hass verbreiten. Aber wir werden die Dämonen der Vergangenheit nicht triumphieren lassen.

Sie haben die Hoffnung an diesen Ort der Dunkelheit gebracht, dass wir für Freiheit und Gerechtigkeit, für Demokratie und Menschenwürde kämpfen werden. Heute und an jedem Tag.

Von diesem Ort der Dunkelheit aus rufe ich allen Europäern zu: Auschwitz, dieser Tiefpunkt der Zivilisationsgeschichte, ist eine Mahnung an uns alle, die Achtung der Menschenwürde zum Leitprinzip unserer Taten und unserer Politik zu machen.

Heute ist das Mittelmeer die tödlichste Grenze der Welt. Jeder Mensch, der dort sein Leben verliert, ist ein Schandfleck für Europa. Doch die europäischen Regierungen werden der Herausforderung nicht gerecht, sie übernehmen nicht die ihnen zukommende Verantwortung. Dies ist eine Schande!

Der menschliche Anstand fordert, dass wir Menschen, die vor unseren Küsten ertrinken, eine rettende Hand entgegenstrecken. Dass Europa denen, die vor Krieg und Verfolgung fliehen, Schutz bietet.

Wir sind an diesem 8. Mai in Auschwitz zusammengekommen, genau 70 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Menschen vieler Nationen hatten große Opfer gebracht, um dem von Nazideutschland ausgeübten Terror zu beenden, diesem Regime ein Ende zu setzen, das unserem Kontinent Tod und Zerstörung brachte. Am 8. Mai vor 70 Jahren wurden die Opfer befreit und die Menschen konnten die Unterdrückung abschütteln.

Aus den Trümmern und den Ruinen des Nachkriegseuropas errichteten mutige Männer und Frauen ein neues Europa und schworen dabei: »Niemals wieder!«. Sie bauten ein Europa der Demokratie und der Freiheit, der Gerechtigkeit und der Menschenrechte. Ein Europa, in dem jeder sein kann, wer er ist, lieben kann, wen er will und glauben kann, was er will.

Sie, die Sie aus ganz Europa in Auschwitz zusammengekommen sind, um die Toten zu ehren, die Erinnerung lebendig zu erhalten und die Dämonen der Vergangenheit niemals wiederkehren zu lassen – Sie werden dieses Europa erben. Es wird an Ihnen sein, den Schwur des »Niemals wieder!«, den Schwur der Überlebenden und deren Hoffnung auf eine bessere Welt zu erfüllen. Und wenn ich Sie ansehe, die Sie eine Reise in den Tod in eine Reise der Hoffnung umgekehrt haben, dann ist mir nicht bange um die Zukunft.

Zum Artikel »Der unbestimmte Modus« in der antifa Mai/Juni

geschrieben von Else Heiermann und Hannah Schönig

8. Juli 2015

Nach dem Lesen dieses Artikels schaute ich erschrocken auf die Titelseite der Zeitung: Nein, doch nicht die Bildzeitung! Thomas Willms steigt gleich in die Vollen. Wichtig ist zuerst seine Befindlichkeit: er findet es nicht schön, er ist hilflos und es wird ihm übel.

Weil der Rapper Wojna einen »microfonverstärkten Redebeitrag« hält. Bei Großveranstaltungen ist das zwar üblich, aber bei Wojnar kommt hinzu, dass er die Situation genießt! Woran er das fest macht, lässt er uns Leser nicht wissen.

T.W. kennt die Rapper – meint er – und ordnet Wojna einer Richtung zu, der er übelste Ansichten und Eigenschaften unterstellt. Wojnar gebraucht dabei linkes Vokabular, das er dann ideologisch auflädt, was immer das auch heißen mag. Wie lächerlich diese Aussage, die dann auch nicht durch eine Kostprobe belegt ist. Nur noch absurd ist dann der Vergleich mit angeblichen Menschenfressern und man fragt sich, wieso sich jemand dazu hinreißen lässt, so einen Unsinn zu Papier zu bringen.

Wieso T.W. uns mitteilt, dass er Wojnar nur leidlich hübsch findet, bleibt sein Geheimnis – oder hat das was mit seinen Texten zu tun?

T.W. zitiert Gemeinplätze aus der NLP und aus den Journalistengrundsätzen – und das auf niedrigstem Niveau. Kein einziges Lied wird von ihm analysiert!

Und wenn man denkt, platter geht es nicht, dann setzt T.W. noch eins drauf: »Warum gerade Duisburger Rapper wissen sollten, was die angeblich stärksten Mächte in der Welt verbergen wollen, widerspricht zwar jeder Wahrscheinlichkeit…« Er hält also die Duisburger für besonders unwissend! Wie blöd ist das denn? Schlußendlich fordert T.W., dass von einfachen Antworten auf schwierige Fragen Abschied genommen werden sollte. Genau – und deshalb wünsche ich mir von meiner Zeitschrift »antifa«, dass sie uns mit solchen Pamphleten in Zukunft verschont.

Zum Artikel »Der unbestimmte Modus«, antifa Mai Juni 2015

geschrieben von Jan Große Nobis

8. Juli 2015

Vielen Dank für Thomas´ Willms Artikel. Er analysiert sehr gut die sprachliche Ebene des »Links-Blinken-rechts-Abbiegens«. Ich möchte dazu noch ein paar »hard facts« beisteuern:

Bei der sogenannten EnDgAmE-Veranstaltung in Halle durfte »der ›Reichsbürger‹, Rechtsextremist und verurteilte Holocaustleugner Christian Bärthel sprechen und die Haftentlassung des Rechtsextremisten Horst Mahler fordern. Die Band ›Die Bandbreite‹ lieferte die musikalische Umrahmung«. Die Bandbreite hat also kein Problem mit ausgewiesenen Neofaschisten als Redner auf der gleichen Veranstaltung, auf der sie reden und spielen.

Ebenso waren dort im Übrigen Alexander Kurth (Die Rechte), Rolf Dietrich (NPD), Gerhard Pitsch (NPD), Anne Adler (NPD), Sven Liebich (Ex Blood&Honour) anwesend. Der Sänger »Wojna« der »Bandbreite« war dort auch im trauten Gespräch mit Thomas »Steiner« Wulff von der NPD Hamburg – einem ausgewiesenen »Nationalsozialisten« – zu sehen. Ob er ihn persönlich kennt?

Wie einige andere (ehemalige) Linke (Arbeiterfotografie, Neue Rheinische Zeitung und einige andere aus der Friedensbewegung), die »EnDgAmE« verteidigen – ist die Band »Die Bandbreite« längst eine Querfront mit dem völkischen Antiimperialismus à la NPD eingegangen. Kein Wunder, wenn man vor Hass auf den US-israelischen Imperialismus die Kritik am EU-Imperialismus und vor allem am deutschen Imperialismus ausblendet.

Inzwischen vertont die Band nach eigenen Angaben die rechten Theorien der »Wissensmanufaktur« von Andreas Popp und Rico Albrecht, die auch Teil der extrem rechten Ausläufer der Montagsmahnwachen sind. Nicht zu vergessen sind die sexistischen Songs »Eingelocht« und »Miesmuschel« der »Bandbreite«, von denen sie sich zwar mal distanziert haben, die sie danach aber immer noch fleißig verkauft haben.

Gefahr selektiver Erinnerung

geschrieben von Kamil Majchrzak

6. Juli 2015

Zygmunt Bauman und Aleksandra Jasińska-Kania zu Gast in Berlin

Anlässlich des 70. Jahrestages der Befreiung vom Faschismus besuchte am 6. Mai der polnische Soziologe und Widerstandskämpfer Zygmunt Bauman gemeinsam mit der Soziologin Aleksandra Jasińska-Kania die Berliner VVN-BdA. Hans Coppi und eine Gruppe junger Antifaschistinnen und Antifaschisten tauschten sich mit beiden über die Notwendigkeit des Kampfes um Erinnerung und die Bewahrung der Werte des antifaschistischen Widerstandes aus. Zygmunt Bauman ist einer der anerkanntesten Soziologen und Globalisierungs-Kritiker Europas.

Zygmunt Baumann. Foto: Andreas Domma

Zygmunt Baumann. Foto: Andreas Domma

Zygmunt Bauman floh als 14-Jähriger bei Kriegsausbruch 1939 aus Poznań in die UdSSR. Dort trat er der in der Sowjetunion formierten 1. Polnischen Armee unter General Zygmunt Berling bei, die aus Sibirien-Deportierten und Flüchtlingen bestand. Er kämpfte u.a. am Pommernwall, wo er mit der Tapferkeitsmedaille ausgezeichnet wurde. Trotz Verwundung bei Kolberg meldete er sich freiwillig zum Sturm auf Berlin. Nach dem Krieg wurde seine 4. Jan-Kiliński-Division in den Korps der Inneren Sicherheit (KBW) überführt. Dort kämpfte er gegen nationalistische Banden, die Überfälle auf jüdische Überlebende und die neuen kommunistischen Machthaber organsierten. Aleksandra Jasińska-Kania wurde 1932 in Moskau geboren. Sie stammt aus einer nicht-ehelichen Beziehung der Widerstandskämpferin Małgorzata Fornalska und Bolesław Bierut, der 1947 Staatspräsident der Volksrepublik Polen wurde, und sein Land nach dem Vorbild der damaligen Sowjetunion gestalten wollte. Ihre Mutter war Funkerin der Volksarmee (Armia Ludowa – AL) und wurde wenige Tage vor Ausbruch des Warschauer Aufstandes im Gefängnis ermordet. Aleksandra wuchs als Waisenkind mit Kindern von Widerstandskämpferinnen im Interdom in Iwanowo bei Moskau auf.

Baumans soziologische Auseinandersetzung mit dem Holocaust begann relativ spät. Große Bedeutung hatten die Erlebnisse seiner damaligen Ehefrau Janina Bauman, die das Ghetto überlebte. Ihre Bemühungen, während des Warschauer Aufstandes in die AK aufgenommen zu werden, wurden mit dem Hinweis, dass sie Jüdin sei, abgewiesen. Als Janina 1986 in London ihre Aufzeichnungen »Winter in the Morning« [Als Mädchen im Warschauer Ghetto] veröffentlichte, strich sie aus dem Buch mehrere Passagen, die den Antisemitismus in Polen betrafen, u.a. die Schilderung ihrer Rückkehr nach Warschau, nach mehreren Jahren im Versteck. Auf der Überfahrt wurde sie mit den Worten begrüßt: »Unglaublich! Sie sind noch immer da. Diesen deutschen Pfuschern gelang es, doch nicht, alle zu vergasen!«. Diese Erinnerungen und das Bewusstsein, dass in Polen nach der Befreiung mehr als 2000 überlebende Juden ermordet wurden, führten Bauman zu seiner Studie »Dialektik der Ordnung«.: »[W]as zum Vorschein kam, geht nicht nur die Urheber, die Opfer und die Zeugen des Verbrechens etwas an, sondern ist von größter Bedeutung für alle, die heute leben und auch in Zukunft leben wollen.« Bauman unterstrich, dass der Völkermord keine Unterbrechung im Lebenslauf der Rechtsstaatlichkeit darstellte, sondern dieser Völkermord im Namen des Rechts geschah.

Aleksandra Kania-Jasińska schilderte ihre Kindheitserlebnisse und die unterschiedlichen Perspektiven der Erinnerung z.B. familiär und politisch auch angesichts der Fehler und Verbrechen die während der stalinistischen Periode begangen wurden. Sie mahnte deshalb: »Immer wenn wir handeln sollten wir unsere Tätigkeit auf unsere Werte überprüfen. Wir dürfen nicht glauben, dass es nur die eine Antwort auf die Lösung aller sozialen Probleme gibt und nur eine Interpretation der Geschehnisse. Wir müssen im Gegenüber immer auch einen Menschen entdecken.«

Bauman hob hervor, dass er erst spät entdeckte, »dass die Ursprünge des Faschismus in unserer, universellen Art zu Denken liegen: dem Projekt der Moderne. Eines der gefährlichsten Elemente der Nazi-Ideologie ist die Idee vom ‚unwerten Leben‘. Dieses wurde nicht nur auf Nationen bezogen, nicht nur Juden oder Homosexuelle. Es wurde auch gegenüber ‚reinen‘ Deutschen angewendet, die auf die eine oder andere Weise als defekt erklärt wurden.«

Bauman warnte »Vergesst nicht, dass ihr mit einem Feind kämpft, der weitaus starker ist als Faschisten-Gruppen. Es sind nicht nur die Neonazis! Ihre wesentliche Stütze ist weit breiter als sie selbst. Sie nähren sich von unserer Kultur, und unsere Kultur ist in vielerlei Hinsicht sehr unangenehm falsch. Wenn ihr wirklich dieses immer wieder kehrende Phänomen mit seinen Wurzeln vernichten wollt, und die Auferstehung der extremen Rechten mit dessen Konzept des ›unwerten Leben‹ verhindern wollt, dann müsst ihr auch etwas gegen die Art wie wir leben unternehmen. Ihr dürft es nicht als isoliertes Phänomen betrachten, es hat weitreichendere Verästelungen.«

Keine Einbahnstraße

geschrieben von P.C. Walther

5. Juli 2015

Solidarität mit Griechenland ist im Interesse aller Europäer

Im April kam es im Frankfurter Gewerkschaftshaus zur Gründung des Griechenland-Solidaritätskomitees Frankfurt/Rhein-Main. Die Liste der Unterzeichnerinnen der Gründungserklärung zeigt ein breites politisches Spektrum, das über die Gesamtheit der Linken (verstanden von DKP und Linkspartei bis zu SPD und Grünen) weit hinausreicht. Es waren vor allem führende Gewerkschafter, vom früheren DGB-Landesvorsitzenden Dieter Hooge über Michael Erhardt von der IG Metall, Jochen Nagel von der GEW bis zum Frankfurter DGB-Vorsitzenden Harald Fiedler, die zusammen mit weiteren Aktiven wie Elisabeth Abendroth, Andrea Ypsilanti und Knut Dörfel, die Initiative zur Bildung des Solidaritätskomitees ergriffen.

Seitdem ist das Komitee rührig. Neben einem fast täglichen Informationsaustausch via Internetplattform, mit Hinweisen auf entsprechende Veröffentlichungen und Informationsquellen, sowie auch einem Meinungsaustausch untereinander, finden regelmäßige Treffen statt. Veranstaltungen werden entweder selbst organisiert oder solche von anderen Veranstaltern beworben.

Neben der Verbreitung von Materialien, wie z.B. der Zeitschrift »Faktencheck«, hat das Komitee auch eine Petition mit der Forderung auf Rückzahlung des seinerzeit von Nazideutschland erzwungenen Darlehens auf den Weg gebracht (www.zurueckzahlen.de). Ebenso werden die Forderungen nach Entschädigungen für die Kriegsverbrechen, Zerstörungen und Morde an der Zivilbevölkerung während der deutschen Besatzung in Griechenland thematisiert oder Schreiben an Bundestagsabgeordnete gerichtet.

Auf Ereignisse wird reagiert. So richteten z.B. Mitglieder des Komitees einen Offenen Brief an Vizekanzler Siegmar Gabriel, als dieser sich zu Stammtisch-Parolen gegen Griechenland herabließ.

Alle diese Aktivitäten sollen vor allem Gegenöffentlichkeit schaffen. Fakten und Argumente an die Öffentlichkeit bringen, die dem Griechenland-Bashing entgegenwirken, die politisch Verantwortlichen unter Druck setzen, von der erpresserischen Austeritätspolitik abzulassen und stattdessen Griechenland zu helfen, aus der elenden Situation, in die das Land und seine Menschen durch die Austeritätspoiitik gebracht wurde, herauszukommen.

Natürlich wollen die Beteiligten in erster Linie ihre Solidarität mit Griechenland zum Ausdruck bringen. Das wird jedoch nicht als Einbahnstraße gesehen. Die Wende, die in Griechenland mit der Wahl im Januar eingeleitet wurde, wird von den Trägern des Solidaritätskomitees auch als Signal und Chance für das Ansteuern und Erreichen eines Umbruchs zu einer gerechteren, demokratischeren, sozialen und ökologischen Politik in Europa gesehen. Das kann Griechenland, gerade in seiner äußerst schwierigen Situation, nicht allein erreichen. Dazu bedarf es wirksamer Unterstützung in ganz Europa, erst recht in Deutschland. Dazu will das Frankfurter Solidaritätskomitee nach besten Kräften beitragen. Es hofft auf Verbündete und Nachahmer an möglichst vielen Orten Deutschlands.

Zu Gast in Mailand

geschrieben von Helmut Hirsch

5. Juli 2015

Ausstellung über den Widerstand der Saefkow-Jacob-Bästlein-Organisation

Pünktlich zum 70. Jahrestag der Befreiung Italiens vom Faschismus am 25. April 2015 wurde die Ausstellung über die Saefkow-Jacob-Bästlein-Organisation in Mailand eröffnet.

Bewegend und zutiefst beeindruckend war die gewaltige Demonstration zum Tag der Befreiung mit über dreihunderttausend Teilnehmern. Auch die nicht so stark besuchte Demonstration und Kundgebung zum 1. Mai war bunt, temperamentvoll und mitreißend.

Nachdem die Ausstellung bereits 2013 mit großem Erfolg in Genua gezeigt wurde, hat das »Centro Philippo Buonarroti« die Ausstellung in Mailand organisiert. Gezeigt wurde sie im Mailänder Haus der Nationalen Vereinigung der Partisanen Italiens A.N.P.I.

An den sechs Ausstellungstagen besichtigten viele Besucher die Ausstellung, darunter zahlreiche Schulklassen und Studentengruppen. Deutlich über 100 Ausstellungskataloge in vorbildlichem italienischem Layout wurden verkauft. Zwei Konferenzen wurden ebenfalls in dieser Zeit durchgeführt: »Paul Hirsch und die Saefkow-Jacob-Bästlein-Organisation in den Askania-Werken Berlin«, eine PowerPoint-Präsentation in Italienisch und eine Podiumsdiskussion zum Thema »Deutscher Widerstand und Italienischer Widerstand«.

Die Ausstellung verringerte eine Lücke im öffentlichen Geschichtsbewusstsein Italiens. Geprägt wird das Bild Deutschlands und der Deutschen durch den Einmarsch von SS-Panzer- und -Motorisierten Divisionen im Herbst 1943 in Nord- und Mittelitalien bis Monte Cassino südlich von Rom. Damals versuchte die militärische Führung Italiens, das Achsen-Bündnis mit Nazi-Deutschland zu verlassen und auf die Seite der Alliierten überzugehen. SS-Truppen nahmen daraufhin die italienischen Soldaten gefangen und deportierten sie zur Zwangsarbeit nach Deutschland. Durch schrankenlosen Terror wurde versucht, den Widerstand der starken italienischen Partisanenbewegung mit zahllosen Massakern, Geiselerschießungen und Deportationen in Konzentrationslager zu brechen. Das ist nicht gelungen, kostete aber ungeheure Opfer unter den Partisanen und der Zivilbevölkerung.

Die Ausstellung vermittelte nun das für viele Italiener überraschende Bild, dass selbst in Nazi-Deutschland ein Netz sehr aktiver Widerstandsgruppen existierte.

Noch während der Ausstellungstage kamen Vertreter der starken Gruppen der A.N.P.I. in Turin und Rom und regten an, die Ausstellung auch in diesen Städten zu zeigen.

Widerstand in Europa

5. Juli 2015

Im Juli erscheint im PapyRossa Verlag der Katalogband der FIR-Ausstellung zum antifaschistischen Widerstand in Europa. Mit zahlreichen Bildern porträtiert der viersprachige (deutsch/englisch/flämisch/französisch) Band den Kampf gegen den Faschismus in 21 europäischen Ländern – von Guernica über das Warschauer Ghetto bis nach Stalingrad – und stellt dessen unterschiedlichen Charakter dar: Von der Resistenza in Italien, der Résistance in Frankreich und dem Netzwerk »Comet« in Belgien über den griechischen, jugoslawischen und tschechoslowakischen Widerstand bis zu den Internationalen Brigaden gegen Franco. Der Band ist eine Hommage an den Mut von Menschen wie Sophie Scholl, Manolis Glezos, der die Hakenkreuzfahne von der Akropolis riss, oder der Partisanin Zoia Kosmodemianskaja. Die deutsche Fassung der Ausstellung wurde bisher in Bremen, Hamburg und Berlin gezeigt. Sie kann für weitere Präsentationen beim VVN-BdA Bundesbüro ausgeliehen werden.

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