Das Potsdamer Abkommen

4. Juli 2015

Vor 70 Jahren wurden die Grundzüge der Nachkriegsordnung beschlossen

Die wichtigste Konferenz zur Neuordnung Deutschlands und Europas nach der Befreiung vom Faschismus war ohne Zweifel die Potsdamer Konferenz vom 17. Juli bis 2. August 1945. Auf ihr trafen sich die Staatschefs der drei Siegermächte Großbritannien (Churchill, später Attlee), Sowjetunion (Stalin) und USA (Truman), um endgültige Festlegungen für das Nachkriegseuropa zu treffen. Zentrale Punkte waren bereits auf der Konferenz von Jalta im Februar 1945 angesprochen worden, wo bereits die Behandlung Deutschlands und Österreichs nach dem Sieg, die Notwendigkeit der Reparationszahlungen sowie Instrumente und Grundlagen einer friedlichen Nachkriegsordnung in Grundzügen fixiert worden waren. Nach dem militärischen Sieg in Europa und dem erkennbaren Ende des Krieges im pazifischen Raum sollten nun Regeln für den politischen Neubeginn insgesamt definiert werden.

Gemäß der Vereinbarungen von Jalta hatten sich die jeweiligen Alliierten auf die vereinbarten Grenzen ihrer Besatzungszonen zurückgezogen. Auch Frankreich war bereits als Besatzungsmacht tätig. Und die Umsiedlungen der deutschen Bevölkerungsteile aus dem Sudetengebiet und Polen waren bereits im vollen Gange.

In Potsdam klärten die die Vertreter der Siegermächte folgende Fragen:

• Man formulierte gemeinsame Grundsätze über die Behandlung Deutschlands, da in allen Besatzungszonen vergleichbare politische und soziale Bedingungen hergestellt werden sollten. Zur gemeinsamen Verwaltung wurde ein Alliierter Kontrollrat geschaffen.

• Der antifaschistisch-demokratische Neubeginn sollte sich an den »großen D’s« orientieren: Demokratisierung, Demilitarisierung, Demonopolisierung, Denazifizierung, Dezentralisierung.

• Auf der Konferenz wurde auch die Schaffung eines Internationalen Militärgerichtshofs zur Verfolgung der Hauptkriegsverbrecher beschlossen, der im Oktober 1945 in Nürnberg seine Arbeit aufnahm.

• Die Staatschefs legten die Reparationen, ihren jeweiligen Umfang sowie die Verteilung der Lasten zwischen den Besatzungszonen fest.

• Beim Thema »Polen« wurden die polnische Westgrenze (Oder-Neiße-Linie) und der polnische Anteil Ostpreußens endgültig fixiert, wobei zu diesem Thema auch eine polnische Delegation gehörte wurde.

• Eine wichtige Frage war die Überführung der deutschen Bevölkerungsteile aus Polen, Ungarn und der Tschechoslowakei. Die Frage war nicht, ob sie ausgesiedelt werden sollten, sondern nur in welcher Geschwindigkeit und wohin die Umsiedlung erfolgen solle.

Die dreiwöchige Beratung lief nicht ohne Widersprüche. In dieser Zeit realisierten die USA ihren ersten erfolgreichen Atomwaffenabwurf, was kurzfristig eine militärische Überlegenheit der USA signalisierte. In Großbritannien wurde Winston Churchill bei der Parlamentswahl durch eine Labour-Regierung abgelöst, was den amerikanischen Einfluss wiederum schwächte. So spiegelten die Ergebnisse dieser Konferenz das damals recht fragile Kräfteverhältnis angemessen wider.

Wie in der Diplomatie nicht ungewöhnlich, wurde kein formeller Vertrag geschlossen. Die Konferenz endete mit einem Protokoll, das die drei Staatschefs als gemeinsame Willenserklärung unterzeichneten und das die Grundlage der kommenden politischen Entscheidungen sein sollte.

Auch die französische Regierung, die zwar nicht an der Konferenz beteiligt war, trat am 7. August 1945 dem Abkommen bei und verpflichtete sich, diese politischen Ziele in ihrer Besatzungszone umzusetzen. Trotz des seit 1947/48 dominanten Kalten Krieges waren die Festlegungen des Potsdamer Abkommens geschichtswirksam.

Das Abkommen zielte auf eine stabile friedliche Nachkriegsordnung, in der die Rolle der Vereinten Nationen als Konfliktvermittler gestärkt würde. Dies ist eine Perspektive, die bis heute Bedeutung hat. Bei den Festlegungen der Grundsätze zur Behandlung Deutschlands wurden Kriterien für eine antifaschistische und friedliche Perspektive dieses Landes formuliert, wie z.B. Forderungen nach Auflösung hegemonialer Wirtschaftsstrukturen, Forderungen nach wirklicher demokratischer Partizipation, Entmilitarisierung u.a., die bis heute visionären Charakter besitzen.

»Niedergeführte Existenzen«

geschrieben von Hans Canjé

4. Juli 2015

Das Mordprogramm »Euthanasie« im Blick

Rechnen hatten wir in der Volksschule bei Fräulein Fuchs. Mathematik gab es da noch nicht und unsere Lehrerinnen hießen alle »Fräulein«. Bei ihr haben wir gelernt, dass es allemal besser sei, die Gelder, die für geistig oder körperlich unheilbare Volksgenossen ausgegeben werden müssen, als Ehestandsdarlehen für gesunde Eltern und damit also auch für erbgesunden Nachwuchs aufzuwenden. Damit wurden wir hingeführt zu der »logischen Akzeptanz der uns damals noch unbekannten Praxis, den Nachwuchs von »Ballastexistenzen« zu verhindern und uns des vorhandenen »lebensunwerten Leben« zu entledigen.

Forschungen zur Medizin im Nationalsozialismus. Vorgeschichte – Verbrechen – Nachwirkungen. Herausgegeben von Alfred Fleßner, Uta George, Ingo Harms und Rolf Keller. Reihe: Schriftenreihe der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten; Bd. 03, € 29,90

Forschungen zur Medizin im Nationalsozialismus. Vorgeschichte – Verbrechen – Nachwirkungen. Herausgegeben von Alfred Fleßner, Uta George, Ingo Harms und Rolf Keller. Reihe: Schriftenreihe der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten; Bd. 03, € 29,90

Auf dem Territorium des heutigen Landes Niedersachsen gab es in den Jahren der faschistischen Herrschaft keine solche Vernichtungsanstalt zur Ermordung »lebensunwerten Lebens«, wie etwa in Pirna-Sonnenstein, Hadamar oder Brandenburg-Görden. In diesen Einrichtungen wurden jeweils um die 10.000 Menschen systematisch umgebracht. Im Mörderjargon wurde von der »Niederführung« dieser geistig oder körperlich Behinderten, vorwiegend Kindern, gesprochen. »Euthanasie« hieß der staatlich organisierte Massenmord, also »Gnadentod« Dem Thema ist in den letzten Jahren sowohl durch wissenschaftliche Tagungen und Publikationen als auch durch Gedenkstätten verstärkt Aufmerksamkeit geschenkt worden.

Im Band drei der Schriftenreihe der Stiftung Niedersächsische Gedenkstätten »Forschungen zur Medizin im Nationalsozialismus. Vorgeschichte –Verbrechen –Nachwirkungen« stehen die Heil- und Pflegeanstalten in Wehen und Lüneburg im Mittelpunkt, in denen, auch in eigens dafür eingerichteten Kinderabteilungen, durch Hungermorde« und »abspritzen« das grausige Programm zur »Gesund-erhaltung des deutschen Volkskörpers exekutiert wurde. In Lüneburg fielen mehr als 350 Kinder diesen Morden zum Opfer. Gehirnpräparate von 12 Kindern wurden zwischen 2011 und 2012 in einem Hamburger Forschungsinstitut entdeckt.

Nach einer Predigt des Bischofs von Galen am 3. August 1941 in Münster erfolgte zwar aus taktischen Gründen eine offizielle Einstellung der Aktion »T 4«. (In der Berliner Tiergartenstraße 4 war der Sitz des mit dem Mordprogramm beauftragten Reichsausschusses zur wissenschaftlichen Erfassung erb- und anlagebedingter schwerer Leiden«.) Tatsächlich aber folgte in den Jahren 1942-1945 »eine zweite Vernichtungswelle«, »die sich verdeckter Tötungsmethoden bediente und immer neue Opfergruppen erfasste«. Unter dem Aktenzeichen »14f13« habe die SS bereits seit dem Frühjahr 1941 »systematische Selektionen von KZ-Insassen« praktiziert. Mancherorts seien die »Patiententötungen« bis nach Kriegsende weitergegangen, schreibt Gerrit Hohendorf

Der vorliegende Band fußt auf einer 2012 durchgeführten Konferenz der Stiftung und fasst Forschungsergebnisse nicht nur diese Bundeslandes zusammen. Dargelegt werden die schmähliche gerichtliche »Aufarbeitung« diese Kapitels, die unbeanstandete Weiterbeschäftigung der involvierten Mediziner, denen »Verbotsirrtum«, »befreiender Irrtum« oder »nicht schuldhaftes« Verhalten attestiert wurde. In einem der seltenen, schließlich mit Einstellung endenden Prozesse hieß es gar: »Den Angeklagten konnte nicht mit hinreichender Sicherheit widerlegt werden, dass sie die Geisteskranken, an deren Tötung sie mitgewirkt haben, für Menschen ‚ohne natürlichen Lebenswillen’, für ‚niedergeführte Existenzen’, für ‚leergebrannte Menschenhülsen’ gehalten haben.« Nachgezeichnet werden der mühevolle Weg zur Anerkennung und Entschädigung der Opfer der Zwangssterilisation und der »Euthanasie«. Der Band schließt ab mit Überlegungen zur aktuellen Debatte um gesetzliche Regelungen zur »Sterbehilfe« über die der Bundestag im September in erster Lesung beraten soll. Ein Thema, das vor dem Hintergrund des in dieser beachtenswerten Publikation dargestellten faschistischen Mordfeldzugs gegen »lebensunwerten Lebens« äußerste Sensibilität erfordert.

Der Iwan war erst 12

geschrieben von Regina Girod

3. Juli 2015

Ulrich Sander erinnert an die Zwangsarbeiterentschädigung vor 15 Jahren

Auch 70 Jahre nach der Zerschlagung des Hitlerfaschismus ist das Thema »Entschädigung der Opfer« noch immer aktuell. Im Mai hat der Bundestag den etwa 4000 ehemaligen sowjetischen Kriegsgefangenen, die heute noch leben, eine Entschädigung von jeweils 2500 EUR zuerkannt. Weniger als eine Geste, wenn man bedenkt, dass von den mehr als 5 Millionen sowjetischen Soldaten, die in deutsche Kriegsgefangenschaft gerieten, bis zum Ende des Krieges bereits 3 Millionen umgebracht worden waren.

So kommt das Buch »Der Iwan kann bis Lüdenscheid« von Ulrich Sander gerade recht, um uns ein anderes Kapitel des Entschädigungsthemas noch einmal ins Gedächtnis zu rufen: Die (ebenfalls sehr eingeschränkte) Entschädigung von ausländischen Zwangsarbeitern durch die Bundesrepublik Deutschland, die in den Jahren 2000 – 2006 erfolgte. Ulrich Sander hat daran mitgewirkt, Entschädigungsberechtigte im Raum Lüdenscheid zu ermitteln. Im Rahmen einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme durchforstete er Archive und erstellte einen Datensatz mit rund 7500 Namen. Was ihm dabei begegnete, wer seine Arbeit unterstützte und wer sie behindert hat, hat er nun – mit der Publikation seines Tagebuches aus den Jahren 2000-2002 – öffentlich gemacht. Der etwas kryptische, an das »Lenin…Lüdenscheidt«-Buch des Bestsellerautors Richard David Precht erinnernde Titel geht auf einen zwölfjährigen russischen Zwangsarbeiter zurück, den Ulrich Sander stellvertretend für die vielen Menschen, auf seinen Titel hob.

Ein Tagebuch zu veröffentlichen, hat Vor- und Nachteile. Einerseits ist es authentisch. Es lässt konkrete Zeitumstände auferstehen. So, wie der Schreiber sie erlebt hat. Mit dem Wissen von damals, nicht mit dem von heute. Das regt natürlich zu Vergleichen an, auch zu der Frage: Hat die späte Entschädigung der Zwangsarbeiter etwas verändert im Bewusstsein der Bundesrepublik? Und wenn ja, was? In dieser Hinsicht spiegelt Ulrich Sanders Protokoll Historie sogar zweifach wider. Zum einen als Geschichte der Zwangsarbeit, wie sie sich aus den gefundenen Dokumenten erschließt. Zum anderen in Gestalt der Situation des Jahres 2000, als durch die Entschädigung der Zwangsarbeiter viele Menschen erstmals überhaupt gezwungen waren, sich mit der Problematik zu befassen. In dieser Beziehung ist das Buch ein interessantes Zeitdokument.

Doch es kann auch mühsam sein, ein Tagebuch zu lesen. Wenn man nicht weiß, ob das, was einen wirklich interessiert, überhaupt vorkommen wird. Weil an Stelle einer Systematik die Chronologie den Ablauf bestimmt. Und wenn einem, wie in diesem Fall, keine der handelnden Personen wirklich nahe kommt. Denn dieses Tagebuch ist ein Arbeitsjournal. Es beschreibt Vorgänge und Abläufe und die Menschen, von denen in ihm die Rede ist, bleiben auf ihre Funktionen beschränkt. Das ist unverzichtbar, sonst hätte sich der Autor wohl nicht vor Klagen retten können. Doch es macht aus seinem Text einen ziemlich trockenen Stoff.

Vor 20 Jahren habe ich, ebenfalls in einem ABM-Projekt, an einem Buch über jüdisches Leben in Berlin Friedrichshain mitgearbeitet. Vieles von dem, was Ulrich Sander beschreibt, ist uns da auch begegnet: Nachbarn und Kollegen, die von nichts gewusst haben wollten, oder versicherten, selbst stets menschlich geblieben zu sein. Der Osram-Konzern, der jüdische Zwangsarbeiterinnen beschäftigt hatte, doch beteuerte, darüber keinerlei Unterlagen zu besitzen (»Alles im Krieg verbrannt«) oder eine Grundstücksgesellschaft, die sich weigerte, an ihrem Haus eine Erinnerungstafel für eine kleine Synagoge anbringen zu lassen (»Kein Interesse«). Am Ende hatten wir, wie Ulrich Sander, eine Datenbank mit den Namen von mehr als 4000 jüdischen Menschen aus dem Stadtbezirk, die wir dem Heimatmuseum übergaben. Doch viel wichtiger war das Buch. In ihm waren exemplarisch Schicksale, Erinnerungen und Dokumente versammelt .Wenigstens einigen jüdischen Nachbarn aus Friedrichshain konnten wir damit ein Gesicht geben und die Verbrechen des Faschismus dort sichtbar machen, wo sie stattgefunden hatten – im normalen Alltag.

»Der Iwan kam bis Lüdenscheid« enthält Material für viele solcher Bücher. Material, das nun wohl nicht mehr genutzt werden wird. Wie der Autor damals fragt sich der Leser heute: Was ist aus dem 10jährigen Nikolai Keemann aus Kiew geworden, der laut Unterlagen »geflohen« war. Oder aus der 14jährigen Polin Leokadia Magnik, die als Landarbeiterin schuften musste? Haben sie überlebt? Konnten sie mit den Folgen der Versklavung fertig werden?

Für eine Antwort ist es heute zu spät. Eigentlich war es auch im Jahr 2000 schon zu spät dafür.

So bleibt es das Verdienst des Buches, am Beispiel der kleinen Stadt Lüdenscheid dokumentiert zu haben, wie schwierig es selbst 55 Jahre später war, wenigstens einem Teil der Zwangsarbeiter eine Entschädigung zukommen zu lassen. Dieses Unrecht, das Millionen Menschen durch den Faschismus erlitten haben, blieb im Prinzip ungesühnt. Eine bittere Wahrheit.

Mit der Resistenza in die Moderne

geschrieben von Thomas Willms

3. Juli 2015

Bis heute sind die Anstrengungen der Partisanen in der Reggio Emilia sichtbar

Jemanden wie Giacomo Notari möchte man gerne kennen. Natur- und menschenverbunden, temperamentvoll aber ausgeglichen, voller Geschichten, bescheiden und klug. Bei Auftritten in Berlin fand er problemlos großen Anklang bei 500 Zuschauern als er seine Autobiografie vorstellte, die jetzt auf Deutsch erschienen ist.

Giacomo Notari: Ihr Partisanen, nehmt mich mit euch! Ein Bericht aus der Resistenza, PapyRossa Verlag, 159 Seiten, 12,00 €

Giacomo Notari: Ihr Partisanen, nehmt mich mit euch! Ein Bericht aus der Resistenza, PapyRossa Verlag, 159 Seiten, 12,00 €

Am besten beginnt man mit dem Nachwort, der »Verabschiedung von den Lesern«. Notari vergleicht sein winziges Abruzzendorf der Gegenwart mit dem der 1930er Jahre. Was ihm missfällt, ist das allgemeine Desinteresse an dem was seine Kindheit und Jugend ausgemacht hat: die Wälder voller Esskastanien, die kleinen Felder, die Gärten. Was fehlt, ist auch der Großteil der Menschen, die in die Städte abgewandert sind, insbesondere die Scharen von Kindern. Man kann diese Welt von früher auch mit weniger Freundlichkeit beschreiben als Notari es tut. In Cesare Paveses Erzählungen herrscht zum Beispiel immer Trübsal zwischen den Geschlechtern und am Schluss ist jemand vergewaltigt oder tot, mindestens aber todunglücklich.

Die Welt der 1930er Jahre war von tiefer Armut geprägt. Jagen und Sammeln waren noch von enormer Bedeutung, jede Maispflanze wurde hingebungsvoll gepflegt. Abgesehen von vier Jahren Grundschule war der Staat nahezu völlig abwesend. »Italien« war nicht mehr als eine vage Vorstellung, für die einige ältere Männer 1915-1918 an die Isonzo-Front verschleppt worden waren. Es war ein Leben ohne fließend Wasser, Strom, Radio, Zeitungen und Uhren. Der Staat, der nichts lieferte, konnte aber auch nichts erwarten. Die bürokratische Herrschaft war nicht nur physisch noch nicht angekommen, sondern hatte sich auch noch nicht in der Psyche festgesetzt. Selbst der Faschismus änderte daran erst einmal wenig. Der Mangel am blinden Gehorchen-Wollen zeigte sich an den Fronten, an denen italienische Soldaten eingesetzt wurden. Auf allen Seiten galten die gewöhnlichen italienischen Truppen als unzuverlässig, zur Freude der Alliierten und zum Verdruss der Deutschen. Dass die italienische Regierung 1943 versuchte, die Seiten zu wechseln, als die Dinge nicht mehr gut liefen, beantworteten die Deutschen umgehend mit der Übernahme der Kontrolle über das Land und mit dem Versuch, nunmehr ein Regime ganz nach deutschem Gusto zu installieren. Die Bevölkerung lernte Begriffe wie »Durchkämmungsaktion« zu fürchten.

Der Krieg überdehnte die ohnehin schwache ökonomische Kraft der mit Subsistenzwirtschaft funktionierenden Welt der Berge. Für die Dörfler, insbesondere 17jährige Jungen wie Notari, war nichts natürlicher, als sich den plötzlichen Zwängen entziehen zu wollen. Weglaufen, sich verstecken, schwindeln – Überlebensinstinkte und nicht das große politische Konzept brachten die große Mehrzahl der Menschen in Opposition zu den Deutschen. Nur in einer solchen Lage konnte Notari seinen ersten und wichtigsten Auftrag überleben, nämlich sich freiwillig zur faschistischen Miliz zu melden und dort für Desertion zu agitieren.

Diese, aus heutiger Sicht für geradezu idiotischen Leichtsinn sprechende Aufgabe für einen völlig unvorbereiteten Jugendlichen, überstand er mit traumwandlerischem Glück – andere nicht. Die Resistenza führte ihn Ende 1944 zur PCI (Partito Comunista Italiano) und verband ihn und viele andere zum ersten Mal mit einer nationenweiten und »städtischen« Bewegung. Danach gab es kein Zurück mehr in die Isolation der Vorkriegszeit. Die Jahrzehnte nach 1945 sahen ihn als Partei-Kader, Genossenschaftsgeschäftsführer, Kommunalpolitiker und Bürgermeister. Die Umwälzungen, die er aktiv mit erzeugte, waren zwar nicht so schmerzhaft wie der Krieg, bedeuteten aber eine im Grunde größere seelische Anstrengung. Wasserleitungen, Buslinien, Wasserkraftwerke und dann gar ein Tennisplatz entstanden durch sein Engagement. Auf breiter Front organisierte die kommunistische Partei in klassisch sozialdemokratischer Manier eine neue Welt und fand Masseneinfluss, der in der Reggio Emilia noch heute von Bedeutung ist. Autonomie und Ungehorsam aber, die die Resistenza erst ermöglicht hatten, wichen den Annehmlichkeiten und gleichzeitigen Zwängen von Arbeitslosenversicherung, Steuerwesen und Zeitdruck.

Vom Ort eines Massakers

geschrieben von Ernst Antoni

3. Juli 2015

Zeitzeugen-Beiträge, die das »Erinnern für die Zukunft« befördern

»Ich frage mich heute oft, ob wir den Toten von damals gerecht geworden sind. Ich fürchte nein. Wenn wir uns vergegenwärtigen, wie die Zahl der Rechtsradikalen von Jahr zu Jahr zunimmt und sie sogar in Parlamenten sitzen; wie es seit Jahren beinahe zur Tagesordnung gehört, dass Menschen überfallen werden, dass jüdische Friedhöfe geschändet werden, dass Asylbewerber gejagt werden oder ihnen das Haus über dem Kopf angezündet wird, dass Schwarze diskriminiert werden. Und wenn ich mir vor Augen führe, wie unser Staat immer mehr zu einem Überwachungsstaat wird, der uns Bürger unter Generalverdacht stellt, sie aushorcht und bespitzelt, der auf dem ‚rechten Auge blind‘ ist und stattdessen diejenigen verfolgt, die sich den Nazis entgegenstellen. Nein, das habe ich mir anders vorgestellt, als wir damals in Berlin waren, zwar befreit , aber konfrontiert mit dem Unvorstellbaren, das in den Konzentrationslagern geschehen ist. Wir haben uns ein anderes Deutschland erhofft.«

Friedbert Mühldorfer (Hg.), Gedenkfeiern gegen das Vergessen – Der KZ-Friedhof Surberg. Mit Gruß- und Geleitworten von Bürgermeister Josef Wimmer, Surberg, und Landrat Siegfried Walch, Traunstein, Liliom Verlag Waging am See, 160 S., 15 Euro

Friedbert Mühldorfer (Hg.), Gedenkfeiern gegen das Vergessen – Der KZ-Friedhof Surberg. Mit Gruß- und Geleitworten von Bürgermeister Josef Wimmer, Surberg, und Landrat Siegfried Walch, Traunstein, Liliom Verlag Waging am See, 160 S., 15 Euro

Diese Sätze hat die Münchner Journalistin Karin Friedrich, die dieses Jahr 90 Jahre alt geworden ist, im Mai 2007 in ihrer Gedenkansprache auf dem KZ-Friedhof im oberbayerischen Surberg gesagt. Als Jugendliche in Berlin war sie an den Aktivitäten einer Widerstandsgruppe aus dem Freundeskreis ihrer Mutter Ruth beteiligt, die NS-Verfolgte vor den Nazis versteckte und unterstützte.

Karin Friedrichs Sätze, aktuell wir vor acht Jahren, sind nachzulesen in dem Buch »Gedenkfeiern gegen das Vergessen – Der KZ-Friedhof in Surberg«, das Friedbert Mühldorfer zum 70. Jahrestag des an diesem Ort stattgefundenen SS-Massakers, das über 60 Häftlinge das Leben kostete, veröffentlicht hat. »Die Todesmärsche«, schreibt der Herausgeber einleitend, » – ein Begriff, den Häftlinge selbst geprägt haben – zeigten gerade auch in der Endphase nochmals den Kern nationalsozialistischer Ideologie und Politik: die rücksichtslose Ausbeutung angeblich minderwertiger und politisch missliebiger Menschen zur Sicherung der Vorrechte selbst definierter ‚Herrenmenschen‘. Dazu wurden zunächst durch Terror nach innen die politischen Gegner ausgeschaltet und durch Rassismus und Ausgrenzung eine deutsche ‚Volksgemeinschaft‘ beschworen. Mit Unterdrückung, Krieg, Ausplünderung der eroberten Länder und durch millionenfache Vernichtung von Juden, Sinti und Roma und Slawen sollte dieses Ziel der Vorherrschaft erreicht werden.«

Das Massaker an den KZ-Gefangenen im Surtal fand wenige Stunden vor dem Eintreffen der amerikanischen Befreier im Landkreis Traunstein, zu dem das Tal gehört, statt. Im Einleitungskapitel »Die Geschichte des KZ-Friedhofs Surberg« wird darauf und auf die Folgen eingegangen. Beginnend mit der feierlichen Beisetzung der Ermordeten im November 1945 wird das Entstehen einer Gedenkstätte in den folgenden Jahren geschildert. Noch 1947 geplant mit einer »aus Kupferblech getriebenen Friedenstaube als Symbol« bekommt sie schließlich 1952/53 unter Regie der »Bayerischen Verwaltung der Staatlichen Schlösser, Gärten und Seen« die Form einer »Kriegsgräberstätte« mit einem fünf Meter hohen Holzkreuz und zahlreichen kleinen Grabkreuzen. Die jüdische Herkunft eines großen Teils der Ermordeten wird ignoriert.

Danach setzen dann auch hier, so das Buch, »Jahrzehnte des Schweigens und der Verdrängung« ein . Unter der Überschrift »Würdige Gedenkfeiern seit 1985« wird dokumentiert, wie auf Betreiben der Anfang der 80er-Jahre im Landkreis wiedergegründeten VVN-BdA der Gedenkort dem Vergessen entrissen, die verwilderte Anlage renoviert wird. Und wie dann das seither jährlich stattfindende Gedenken zunehmend breiteres Interesse findet, wie sich etwa zum 50. Jahrestag des Massakers eine Bürgerinitiative gründet, die erreicht, dass ein Chanukka-Leuchter aus Bronze als Hinweis auf die jüdischen Opfer aufgestellt wird.

Die gewachsene Aufmerksamkeit, die der Veranstaltung zuteil wird, liegt aber vor allem daran, dass es der VVN-BdA Traunstein als Initiatorin und Hauptveranstalterin bis jetzt gelungen ist, jedes Jahr als Rednerinnen und Redner Überlebende der NS-Verfolgung und aus dem Widerstand zu gewinnen. Zeitzeuginnen und Zeitzeugen aus aller Welt, die schildern, was sie erlebt haben – und welche Folgerungen sie daraus für die Gegenwart ziehen.

Die Dokumentation dieser Beiträge macht den Hauptteil des Buches aus. Ansprachen ganz unterschiedlicher Art – aber jede für sich eine wertvolle Anregung zum Weiterdenken. In Surberg ergriffen im Lauf der vergangenen 30 Jahre das Wort: Salec Beldengruen, Marko Feingold, Karin Friedrich, Ernst Grube, Hugo Höllenreiner, Hermann Höllenreiner, Pavel Hajduk, Pavel Kohn, Zbigniew Kolakowski, Martin Löwenberg, Max Mannheimer, Kurt Messerschmidt, Carl Ostermayer, Anni Pröll, Karl Rom, Marie-Luise Schultze-Jahn. Von einigen mussten wir uns inzwischen leider für immer verabschieden, vor kurzem gerade erst von Hugo Höllenreiner.

So ist diese Dokumentation zu einer Gedenkveranstaltung auch selbst schon wieder eine Art Gedenkbuch. Und dank der dort zusammen getragenen Aussagen nicht allein dem Erinnern, sondern auch unserem weiteren Handeln zuträglich.

Dialog mit der Tochter

geschrieben von Janka Kluge

3. Juli 2015

Argumente und Gedanken von Tahar Ben Jelloun

Der in Paris lebende Autor und Journalist Tahar Ben Jelloun hat unlängst eine Reihe Artikel, die zuvor in verschiedenen Zeitungen erschienen waren, in Deutschland veröffentlicht. Jelloun gilt als der bekannteste und wichtigste Autor aus dem Maghreb. Seit vielen Jahren setzt er sich mit dem militanten Islam auseinander, schreibt gegen die Islamisten an und wirbt dafür, im Islam nicht die Religion des Verbrechens zu sehen. Zuletzt sind von ihm Jugendbücher über den Islam und die Entstehung von Rassismus erschienen, deren Themen er im Gespräch mit seiner Tochter erörterte. Die Bücher »Papa, was ist ein Fremder« und »Papa, was ist der Islam« sollten heute in jeder Schule Pflichtlektüre sein.

Tahar Ben Jelloun »Der Islam der uns Angst macht« Berlin Verlag 2015, 10.- Euro

Tahar Ben Jelloun »Der Islam der uns Angst macht« Berlin Verlag 2015, 10.- Euro

Die beiden haben ihren Dialog wieder aufgenommen. Jetzt gilt ihr Augenmerk Fragen wie der, ob der Islamismus im Islam zwangsläufig angelegt ist und es dafür keine Alternativen gibt, oder warum mehr als 1000 junge Menschen aus Frankreich in den Irak und nach Syrien gereist sind, um sich dort dem IS anzuschließen. Tahar Ben Jelloun sieht die Ursache in der Vernachlässigung der Jugendlichen in den Vorstädten. Er schreibt »Warum begeistert und fasziniert der Dschihadismus so viele junge Europäer, seien es Konvertierte oder Nachkommen muslimischer Einwanderer? Er füllt eine Lücke. Nach dem Fall der Sowjetunion, dem Niedergang der sozialistischen Systeme in der arabisch-muslimischen Welt, auch dem Scheitern der nationalen Bewegungen im Sinne Nassers, nach der iranischen Revolution, die behauptet, eine islamische Revolution sei möglich, ist der Dschihadismus als `Ideal´ und neue `Bestimmung´ der Muslime aufgetaucht. Deren Rolle darin besteht den Islam zu ehren, indem sie ihn überall verbreiten Aus dem Kontext gerissene Verse werden benutzt, um Kämpfer zu rekrutieren.« Die Lösungen, die Tahar Ben Jelloun in dem Gespräch mit seiner Tochter vorschlägt, umfassen vier Punkte. »Erstens, die Schulbücher zu überarbeiten und die Geschichte der drei monotheistischen Religionen objektiv zu erklären. Zugleich sollte die Lehre begleitet sein von einer konkreten Idee: den Kindern Toleranz und Ablehnung des Fanatismus beizubringen, die Mechanismen des Rassismus zu erklären.« Zweitens fordert er zu schauen, was in den französischen Gefängnissen passiert. Es hat sich heraus gestellt, dass viele spätere Dschihadisten und Salafisten in den Gefängnissen angeworben wurden. Drittens fordert er, genauer zu schauen, was in den Moscheen gepredigt wird. Imame und Prediger, die aus dem Ausland finanziert werden, sollen seiner Meinung nach in Frankreich keine Moscheen mehr leiten, oder dort predigen dürfen. Das hat natürlich zur Folge, dass der französische Staat mehr Imame ausbilden muss. Außerdem fordert er, dass endlich die Politik gegenüber den Ghettos und Vorstädten geändert werden muss, damit auch die Jugendlichen von dort die Möglichkeit haben, Teil der Gesellschaft zu sein. Für Tahar Ben Jelloun haben die islamischen Terroristen nicht nur dem gemäßigten, weltlichen Islam den Krieg erklärt, sondern den ganzen Westen. Nach den Anschlägen auf die Redaktion der Satirezeitung Charlie Hebdo schrieb er: »Der Angriff auf Charlie Hebdo war eine Kriegshandlung. Doch die ermordeten Journalisten waren keine Krieger. Sie waren Dichter, Spötter, Narren der Freiheit, Genies, die mit Farbstiften, kluger Vorstellungskraft und aufklärerischem Licht kämpfen. Es ist ein Krieg gegen das freie Schreiben, Zeichnen und Schaffen. Ein gesichtsloser Krieg gegen die Laizität, die Tradition der Satire, des Humors, der Verspottung, der harten fruchtbaren Kritik. Am liebsten hätten die Terroristen Voltaire, Montaigne und Rabelais ausgegraben und auf dem Scheiterhaufen verbrannt.« Obwohl Jelloun die Bombardierung der Stellung des IS im Irak und Syrien verteidigt, vergisst er nicht, dass es die Regierung der USA unter -Bush war, die die Region so destabliert hat, dass die Kämpfer des IS in das entstandene Vakuum vordringen konnten. Er fordert von den arabischen Staaten, dass sie sich verstärkt in dem Kampf eingliedern. Auch wenn einige dieser Thesen von Tahar Ben Jelloun auf Ablehnung stoßen sollten, ist es sinnvoll und wichtig, sich mit seinen Gedanken auseinanderzusetzen.

Todesmutige Aktionen

geschrieben von Axel Holz

3. Juli 2015

Mehr als 750 Menschen konnten aus Zügen nach Auschwitz fliehen

Warum ließen sich die Juden widerstandslos zur Schlachtbank führen? Hinter dieser Frage steckt selbst ein Stück Antisemitismus, in dem Juden nicht nur von Nazis gern als falsch, verschlagen und feige gekennzeichnet werden. Dass das tatsächliche Verhalten der verfolgten Juden in der NS-Zeit lange nicht an die Öffentlichkeit kam, hat auch etwas damit zu tun. Tatsächlich emigrierte die Hälfte der deutschen Juden, als die Nazis ihre Rassegesetze und rassistischen Verordnungen umsetzten. In anderen europäischen Ländern schafften das deutlich weniger Menschen, da ihnen weniger Zeit zur Flucht blieb. Tausende Juden kämpften in den Reihen der Alliierten gegen die Nazis, in Partisanenverbänden und im Widerstand, wie die jüdische Widerstandsgruppe in Berlin um Herbert Baum. Selbst in den Vernichtungslagern Auschwitz und Sobibór fanden Aufstände gegen die unendlich überlegenen Wacheinheiten statt.

Tanja von Fransecky, Flucht von Juden aus Deportationszügen in Frankreich, Belgien und den Niederlanden, Metropol-Verlag, Berlin 2014, 398 Seiten

Tanja von Fransecky, Flucht von Juden aus Deportationszügen in Frankreich, Belgien und den Niederlanden, Metropol-Verlag, Berlin 2014, 398 Seiten

Ein wenig bekanntes Kapitel des Widerstandes der Juden in Frankreich, Belgien und den Niederlande beschreibt die Sozialwissenschaftlerin Tanja von Fransecky vom Zentrum für Antisemitismusforschung der Technischen Universität Berlin in ihrer nun veröffentlichen Promotion über »Flucht von Juden aus Deportationszügen in Frankreich, Belgien und den Niederlanden«. Die Autorin arbeitet an der Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin und erhielt für ihre Arbeit 2013 den Herbert-Steiner-Förderpreis.

Die Autorin lernte schon vor Jahren den jüdischen Überlebenden Simon Gronowski kennen. Zusammen mit seiner Mutter war der Elfjährige 1943 aus dem 20. Deportationszug geflohen, der ihn vom Sammellager Mechelen in Belgien nach Auschwitz bringen sollte. Den Absprung vom Zug hatte er mit anderen Kindern in Mechelen geübt, indem sie im Lager von den dreistöckigen Hochbetten sprangen. Als ihr Deportationszug die deutsche Grenze erreichte, waren insgesamt 232 Gefangene aus dem Wagen geflohen.

Am 19. April 1943 hielten drei junge Männer den 20. Deportationszug kurzeitig auf und befreiten 17 Menschen. Ausgerüstet mit einer Pistole und einer roten Sturmleuchte stoppten die Widerstandskämpfer Youra Livschitz, Jean Franklemon und Robert Maistriau den Todeszug so lange, bis die überraschten Wachmannschaften das Feuer eröffneten. Andere Häftlinge hatten von dem Vorhaben gehört und Werkzeuge in den Waggons versteckt. So konnten weitere 200 Häftlinge auf der Fahrt fliehen. Die Flüchtigen wurden verfolgt, 26 Häftlinge erschossen und 87 erneut verhaftet. 119 Deportierten gelang es zu entkommen, nicht zuletzt durch die Hilfe der belgischen Bevölkerung. Immerhin 40 Prozent der 65.000 Juden, die sich beim Überfall der Nazis auf Belgien im Lande befanden, wurden in belgischen Familien, auf Bauernhöfen und in Klöstern versteckt. Zahlreiche der verfolgten Juden waren selbst vorher in jüdischen Organisationen aktiv oder fanden den Weg in den Widerstand. Schon nach dem zweiten Deportationszug nach Auschwitz meldeten sich die in Belgien lebenden Juden nicht mehr bei den Sammelstellen und versuchten unterzutauchen. Insgesamt konnte Tanja von Fransecky 577 Fluchten aus Deportationszügen in Belgien belegen, 155 in Frankreich und 29 in den Niederlanden.

Über solche Fluchten, die aus fast allen Todeszügen erfolgten, war bisher wenig bekannt. Dafür gibt es gute Gründe. Für die Häftlinge waren die Transporte mit 50 bis 80 Personen in einem Wagon, mit wenig Wasser und Nahrungsmitteln und ohne sanitäre Anlagen, mit Gestank, Krankheit und Tod so traumatisch, dass die Überlebenden die schreckliche Fahrt in ihren Erinnerungen oft verdrängten. Außerdem standen die Fluchtwilligen vor einem moralischen Dilemma. Die Nazis hatten den Häftlingen angedroht, alle Personen des Waggons zu erschießen, wenn einzelne Häftlinge fliehen sollten. Die Häftlinge wussten nicht, dass dies nur eine Drohung war. Sie standen unter dem Druck, andere Häftlinge oder gar Verwandte in den Todeszügen zurücklassen zu müssen. In den Waggons spielten sich tragische Szenen ab, als einzelne Häftlinge oder Gruppen mit den Fluchtvorbereitungen mit Hilfe von eingeschleusten Werkzeugen begannen. In den Waggons brach nicht selten Panik aus. Die Fluchtgegner und Waggonältesten mussten gelegentlich überwältigt werden. Zahlreiche Häftlinge wagten die Flucht nicht oder waren zu alt oder zu schwach dafür. Außerdem waren mit der Flucht zahlreiche Gefahren verbunden, da die Flüchtenden nicht selten beim Absprung verletzt oder getötet wurden und die Wachmannschaften oder bewaffnete Bahnposten die Flüchtenden verfolgten, erschossen oder zurückführten.

Tanja von Fransecky hat die situationsübergreifenden strukturellen Faktoren untersucht, die Fluchten ermöglichten oder behinderten. Sie hat damit ein bisher wenig bekanntes Kapitel der Judenverfolgung durch die Nazis in Europa offen gelegt, das die Aktionen zahlreicher verfolgter Juden beschreibt, die die Naziverfolgung nicht hinnahmen und mit ihrer Flucht selbst Widerstand leisteten.

Ein Workshop in Minsk

geschrieben von Philipp Dinckelaker

3. Juli 2015

Wissenschaftlicher Austausch über »Besatzung-Zwangsarbeit-Vernichtung«

Seit 1994 finden sich fortgeschrittene Studierende, Promovierende und andere Wissenschaftstreibende regelmäßig zum Workshop zur Geschichte und Gedächtnisgeschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager zusammen, um an der Schnittstelle zwischen Wissenschafts- und Gedenkstättenpraxis neue wissenschaftliche Ansätze und aktuelle Forschungen aus verschiedenen Fachrichtungen zu diskutieren. Der Workshop wird von den Teilnehmenden selbst organisiert und hat den Charakter einer Forschungswerkstatt, in der sich Wissenschaftstreibende und Gedenkstättenmitarbeiterinnen in kollegialer und kooperativer Atmosphäre fächerübergreifend austauschen. Dazu stellen etwa ein Dutzend Teilnehmende ihre Forschungsarbeiten zur Debatte. Des Weiteren werden eine oder mehrere Gedenkstätten besucht, um mit den dortigen Mitarbeitern deren pädagogisch-wissenschaftliche Ansätze zu diskutieren.

Der diesjährige 20. Workshop trug den Titel Besatzung – Zwangsarbeit – Vernichtung. Ausgehend von der Geschichte der nationalsozialistischen Besatzungsherrschaft sollten die Hintergründe und Folgen dieser Politik für die deutsch besetzten Länder diskutiert sowie ein transnationaler Wissenstransfer angeregt werden. Anlässlich des 70. Jahrestages des Endes der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft fand der Workshop in Minsk, Belarus, und damit in einem Land statt, welches von den Folgen der nationalsozialistischen Expansions- und Vernichtungspolitik besonders betroffen war.

Der Berliner Verein Kontakte-Kontakty e.V. und das Zentrum für Antisemitismusforschung an der TU Berlin unterstützten das aus den Teilnehmenden des letztjährigen Workshops gewählte Organisationsteam wissenschaftlich und logistisch. In Minsk kooperierte der Workshop mit der halbstaatlichen Internationalen Bildungs- und Begegnungsstätte »Johannes Rau« (IBB) sowie der regierungsunabhängigen Geschichtswerkstatt Minsk, einem Ausstellungs- und Begegnungszentrum zur Geschichte der Shoah in Belarus auf dem Gelände des ehemaligen Ghettos.

Das Ziel, neue Forschungsansätze zu diskutieren und einen internationalen wissenschaftlichen Transfer anzuregen, erreichte der Workshop erfolgreich. Unter den Teilnehmenden aus Belarus, Holland, Deutschland, Russland, Frankreich und Österreich entstand eine intime Atmosphäre. Diskussionen und fachlicher Austausch wurden während der Pausen und Mahlzeiten und oft bis in die frühen Morgenstunden bei erstklassigem belarussischem Wodka fortgesetzt. Man beleuchtete Dimensionen und neue Aspekte von genozidaler deutscher Kriegführung gegen die sowjetische Zivilbevölkerung und von Zwangsarbeit in den besetzten Territorien sowie im »Altreich«. Die in »West« und »Ost« unterschiedlichen Ansätze prallten in fruchtbarer Diskussion aufeinander und wurden gemeinsam neu gedacht. Man stellte fest, dass der Lagerbegriff der klassischen (deutschen), sich häufig kritisch verstehenden KZ-Forschung mit der osteuropäischen Terminologie und Opferperspektive inkongruent ist. So werden in westeuropäischen und deutschen Forschungen »camps« wie Osaritschi – von der Wehrmacht eingerichtete »Sterbelager« zum Zweck, den Vormarsch der Roten Armee zu verzögern – etwas stiefmütterlich unter »Rückzugsverbrechen« subsumiert. Die deutsche Öffentlichkeit nahm und nimmt von diesen Lagern keine Notiz, während sie in Osteuropa gedenkpolitisch und wissenschaftlich unter der Bezeichnung KZ firmieren und große erinnerungskulturelle Bedeutung haben. Die Brisanz liegt hier nicht in terminologischen Spitzfindigkeiten, sondern in den (erkenntnis)theoretischen sowie gedenk- und entschädigungspolitischen Konsequenzen.

Die Exkursionen zu den Gedenkstätten Khatyn, Ghetto Minsk, Maly Trostenez und Blagowtschina (Mordstätte in Waldstück nahe Maly Trostenez) waren in historischer und gedenkpolitischer Hinsicht interessant. Es war dem Organisationsteam gelungen, zur in Entstehung begriffenen Gedenkstätte Maly Trostenez die staatlich beauftragte Chef-Architektin und auch Gallina Lewin, die Tochter des belarussisch-jüdischen Gedenkstätten-Architekten Leonid Lewin für ein Gespräch zu gewinnen. So entsteht am Ort des ehemaligen KZ Maly Trostenez eine zentrale nationale Gedenkstätte mit staatlichen Geldern. Die Blagowtschina allerdings – ein Tatort der Shoah an dem die Deutschen mehrere zehntausend Jüdinnen und Juden töteten – ist aber nur auf Druck »von unten« in dieses Konzept einzubinden. Die laufenden gedenkpolitischen Auseinandersetzungen, der problematische Umgang mit der Shoah und die politischen Gepflogenheiten einer postsowjetisch-prowestlichen-staatskapitalistischen Diktatur waren an diesen und anderen Stellen eindrücklich wahrnehmbar.

Ob sich eine Begegnung mit NS-Verfolgten auch auf dem kommenden Workshop wird organisieren lassen? Es bleibt zu hoffen, denn nächstes Jahr findet der 21. Workshop unter der Ägide eines neuen Organisationsteams in Frankreich zum Themenschwerpunkt Kollaboration statt.

Die längste Diktatur Europas

geschrieben von Gerald Netzl

3. Juli 2015

In Lissabon wurde das Aljube-Museum eröffnet

»Grândola, Vila Morena« – den stampfenden Rhythmus dieses Liedes, das das Zeichen für den Aufstand gegen die Diktatur in Portugal gab, haben viele von uns noch im Ohr. Nun wurde am 25. April 2015 im Zentrum Lissabons das städtische Museum über »Widerstand und Freiheit« eröffnet (Museu do Aljube – Resistência e Liberdade; Aljube bedeutet im Arabischen »Gefängnis«). 37 Jahre lang, von 1929 bis 1965, wurden dort tausende Gegner des autoritären Salazar-Regimes, Linke, Demokraten, Antifaschisten, von der berüchtigten Geheimpolizei PIDE verhört, gefoltert und inhaftiert. Im Jahr 2009 wurde das Gebäude des ehemaligen Geheimdienstgefängnisses vom damaligen sozialistischen Justizminister Antonio Costa an die Stadt Lissabon übergeben, um dort einen Erinnerungsort für den antifaschistischen Widerstand zu schaffen.

Aus der Ausstellung

Aus der Ausstellung

48 Jahre lang war Portugal eine Diktatur, Antonio Salazar nahm Anleihen beim italienischen Faschismus. Die Ausstellung beginnt mit der Geschichte des Landes von 1890 bis 1976. Der Schwerpunkt liegt auf dem Kampf progressiver und reaktionärer Kräfte um die Macht im Staat, den Letztere 1926 für sich entschieden. Sie endet aber nicht mit dem 25. April 1974, der Nelkenrevolution, sondern beleuchtet auch die Kämpfe in der Gegenwart für Gleichberechtigung und Gerechtigkeit, gegen Ausbeutung und Diskriminierung. Der Besucher wird über die Ideologie des Salazar-Regimes informiert: Im Bunde mit den konservativen Reichen und der gehätschelten Armee schuf der Bauernsohn Salazar mitten im 20. Jahrhundert ein Stück machiavellistischer Vergangenheit, mit einem einfachen, holzschnittartigen Weltbild von Gott und Vaterland, Familie, Arbeit und Autorität.

Im zweiten Stock werden Methoden individuellen und kollektiven Widerstands, öffentlicher wie Untergrundaktivitäten sowie die Funktionsweise des Unterdrückungsapparates gezeigt. Gängigste Methode zur Erzwingung von Geständnissen war die »Schlaf-Folter«, bei der die Häftlinge gewaltsam am Schlafen gehindert wurden. Rekord: 16 Tage und Nächte ununterbrochenen Gewecktwerdens. Drei ehemalige Häftlingszellen wurden in die Ausstellung integriert.

Ende der 1960er Jahre hatte Portugal das niedrigste Pro-Kopf-Einkommen, aufgrund der Kriege in seinen Kolonien die relativ höchsten Militärausgaben, das relativ niedrigste Bildungsbudget und die höchste Analphabeten-Rate aller Länder Europas: Von zehn Portugiesen konnten vier weder lesen noch schreiben. Die männliche Jugend wurde in einen vierjährigen Militärdienst gepresst, um Kriege zu führen, die sie nicht führen wollte. Die Ausstellung zeigt im dritten Stock die verheerenden, dreizehn Jahre dauernden Kolonialkriege aber auch, dass es auch Portugiesinnen und Portugiesen gab, die den antikolonialistischen Befreiungskampf in Afrika unterstützten.

Aktuell ist die gesamte Ausstellung und der Katalog leider nur auf Portugiesisch zu bekommen, nicht einmal auf Englisch gibt es Kurzinformationen oder einen Überblick. Einzig ein kurzer chronologischer Film verfügt über englische Untertitel. Interessierte antifaschistische Portugal-Touristinnen sind aber über die Zeitgeschichte informiert und können daher auch einen Nutzen aus dem Besuch des Museums ziehen.

Beredtes deutsches Schweigen

geschrieben von Peter Gstettner

3. Juli 2015

Neue Gedenkstätte in Österreich erinnert an ermordete Kärtner Slowenen

Dass ich gebeten worden bin, hier bei der Denkmaleinweihung zu sprechen, verdankt sich neben anderem auch dem Umstand, dass ich von Beginn an die Projekte der Initiative »Hlipovčnik-Bunker« begleiten durfte. Dass diese Ansprache in Deutsch gehalten wird, verweist u.a. auf folgenden Sachverhalt: Die NS-Opfer von Zell/Sele wurden in einer Zeit hingerichtet bzw. kamen in einem KZ um, als die deutschen und österreichischen Nazis mit ihren »Blutrichtern« und SS-Schergen über Leben und Tod entschieden. In deutscher Sprache wurden die Urteile ausgestellt, in deutscher Sprache wurde den Hingerichteten das Lebensrecht und die Ehre aberkannt: »Sie sind für immer ehrlos«, hieß es im Todesurteil.

Peter Gstettner bei seiner Ansprache.

Peter Gstettner bei seiner Ansprache.

Auf Deutsch mussten die KZ-Häftlinge ihre Nummer sagen, wenn sie beim Appell aufgerufen wurden. Wenn sie das nicht sofort erlernten, konnte das ihren Tod bedeuten. Und wenn sie ihre Nummer auf Deutsch sagen konnten, ihr Überleben für diesen Tag. Die Nazis hatten ihnen ihren Namen geraubt, längst bevor sie ihnen das Leben raubten.

Auch wenn manche Kollaborateure slowenisch oder kroatisch gesprochen haben, die Tätersprache war Deutsch. Das ist eine Tatsache. Sie ist nicht relativierbar, auch wenn wir heute von einem Nazi-Unrechtstaat sprechen und wenn die Verurteilten als »rehabilitiert« gelten. Die Aufhebung der Unrechtsurteile der damaligen Nazi-Juristen geschah in Österreich erst vor fünfeinhalb Jahren. Dies änderte nichts an dem Umstand, dass die Wiederherstellung der Ehre der Hingerichteten Jahrzehnte lang kein Anliegen des deutschsprachigen Kärntens war. Lieber Totschweigen als Erinnern war das Motto.

Auch das Schweigen über die Nazi-Verbrechen in Kärnten geschah in deutscher Sprache. Es war ein deutsches Schweigen, ein beredtes Schweigen, das bald zum deutschen Vergessen wurde. Slowenisch waren Trauer und Verzweiflung; geflüstert und gestammelt waren die slowenischen Gebete und Fürbitten, am heimatlichen Herd und in der Kirche. In Deutsch wurde dafür über etwas Anderes sehr wohl gesprochen, nämlich darüber, ob die Täter vielleicht nicht auch »Opfer« gewesen wären, zumindest »Opfer von Verfolgung« nach 1945. Wir kennen das alle, weil es öffentlich geschah: Am Ulrichsberg wurde ja schon seit Jahren vom »Opfergang der Weltkriegsteilnehmer« und von den Kriegshandlungen jener SS-Soldaten gesprochen, die angeblich damals schon für ein »vereintes Europa« gekämpft haben.

So kam es, dass die Tätergesellschaft ihre »Helden« auf einer Unzahl von Kriegerdenkmälern verewigte. Im Gegenzug wurden die NS-Opfer aus dem Gedächtnis verdrängt, um sie schließlich ganz vergessen zu machen. Folglich war es nicht opportun, ihnen offizielle Denkmäler zu setzen. Die Schicksale und die Namen der NS-Opfer sollten auf diese Weise aus der deutsch-kärntner Heimatgeschichte verschwinden; dies geschah absichtsvoll oder nicht, vielleicht war es auch dem kollektiven Unbewussten geschuldet. Jedenfalls wurden damit genau die Menschen aus dem Geschichtsbewusstsein eliminiert, die die wahren Helden und Heldinnen waren. Sie hatten sich nicht mit den Nationalsozialisten arrangiert, sie waren keine Mitläufer und keine Mittäter, sie waren auch keine Karrieristen, die eine Position im Naziapparat haben wollten. Sie waren eben im Widerstand. In dieser Zeit der brutalsten Kriegsverbrechen der Nazi-Deutschen repräsentierten sie die Hoffnung auf die kommende Befreiung. Dafür setzten sie das Kostbarste ein, was Menschen haben: ihr Leben. Sie gaben es hin für eine Zukunft in Freiheit.

Dass die Befreiung im Frühjahr 1945 auch am Kärntner Horizont herauf dämmerte, verdankt auch das »Deutsche Kärnten« diesen mutigen Männern und Frauen. Deshalb ist der heutige Tag nicht nur ein Gedenktag unter vielen, die derzeit überall in Österreich begangen werden. Für uns, für die Kärntner Mehrheitsbevölkerung vor allem, soll die heutige Denkmaleinweihung auch ein Denk-Anlass sein, eingedenk der Zeit, in der die Mehrheit auf der Seite der absoluten Macht und Unmenschlichkeit stand und bei der Auslöschung aller menschlichen Werte mitwirkte.

Mit den Langzeitfolgen dieser verkehrten Welt, in der die radikale Umwertung aller menschlichen Werte geschah, sind wir permanent konfrontiert: Der Mensch hat sich vom Menschsein immer weiter entfernt. Und ist das menschliche Zusammenleben einmal so grundlegend zerstört, lässt sich das nur mehr schwer wieder gut machen. Die Zeit jedenfalls heilt keine Wunden. So fanden Hass und Gewalt in vielerlei Gestalt Fortsetzung bis in die heutigen Tage. Ein Denkmal wird daran so viel oder so wenig ändern wie ein Grabmal. Vielleicht kann aber – das ist unsere Hoffnung – die lebendige Erinnerung an die Menschen, die durch ihr Handeln dem Krieg und Terror die Stirn boten, unserem eigenen Handeln Orientierung geben und uns zukunftsfähig machen im eigenen Widerstand gegen Unrecht und Gewalt. – Ich danke für ihre Aufmerksamkeit. Hvala lepa.

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