»In rechte Bahnen lenken«

geschrieben von Renate Hennecke

1. März 2016

Vor 55 Jahren: Die Ausstellung »Ungesühnte Nazijustiz« in München

 

4 KLs – So 13/42 (I 3 b/42). Unter diesem Aktenzeichen wurde am 4. August 1942 Jan Ziarnecki, 19 Jahre alt, bis zu seiner Verhaftung am 3. Januar 1942 Landarbeiter auf dem Hof des Bauern Michael K. im Landkreis Erding bei München, zum Tode verurteilt. Das Urteil wurde auf Weisung des Reichsministers der Justiz gefällt. In einem ersten Prozess hatte ein Gericht drei Jahre verschärfte Haft gegen den Polen verhängt.

Er habe versucht, mit der 25-jährigen Tochter des Bauern anzubandeln, Gewaltanwendung habe nicht vorgelegen, hatte dieses Gericht befunden. Dem Justizminister gefiel das nicht: Er fand ein Todesurteil angemessen. Begründung: »… durch den Angriff eines Polen gegen die Geschlechtsehre der deutschen Frau wird das gesamte deutsche Volk besudelt und sein Ansehen herabgesetzt: auch darüber war sich der Angeklagte, der intelligent und schlau und über den tiefgründigen Unterschied zwischen deutscher und polnischer Wesensart, deutscher Volksehre und polnischer Unmoral im Bilde ist, durchaus klar.« Wegen fortgesetzter »Herabwürdigung des Deutschtums«, »Gewaltunzucht« und Beleidigung müsse er nach der »Volksschädlingsverordnung« und der »Polenstrafrechtsverordnung« zum Tode verurteilt werden.

Plakat zur Ausstellung 1966 in West-Berlin. In anderen Städten war es identisch.

Plakat zur Ausstellung 1966 in West-Berlin. In anderen Städten war es identisch.

Das Urteil war dokumentiert im Münchner Studenten-Magazin »profil« Nr. 4/5-1961, ebenso die Namen der damaligen Richter sowie deren frühere Titel – und ihre Wirkungsorte Anfang der 1960er-Jahre: »Schwingenschlögl, OLG-Rat (heute LGR Kempten), Zoller und Sand, LG-Räte (beide heute OLGR München)«. Die Akte war Teil der Ausstellung »Ungesühnte Nazijustiz«, die nach Karlsruhe, Berlin und anderen Städten im Frühjahr 1961 in München gezeigt wurde. Eine Ausstellung, die aus nichts als rund 400 schmalen Ordnern bestand: Kopien von Prozessakten aus der NS-Zeit mit Nennung der beteiligten Juristen und der Orte, wo diese ihre Laufbahn nach 1945 fortsetzten.

Im Treppenaufgang des Schwabinger Atelierhauses Eickemeier, einem früheren Treffpunkt der Widerstandsorganisation »Weiße Rose«, wo die Ausstellung gezeigt wurde, hing eine handgeschriebene Wandzeitung: »Wenn hier ca. 400 Akten ausliegen, so haben wir weit über 4000 gesehen. Ebenso könnten hier andere Akten gezeigt, andere Richter benannt werden. Die hier genannten sind nicht schwerer als andere belastet. Sie stehen stellvertretend. Es geht nicht um die Belastung einzelner, wir fordern eine generelle Überprüfung. Können auf Grund der bestehenden Verordnungen belastete Richter nicht ihres Amtes enthoben werden, so hat der Gesetzgeber einzugreifen: Das Potsdamer Abkommen verpflichtet ihn, das Grundgesetz gibt ihm in § 131 die Möglichkeit dazu.«

Der Westberliner Student Reinhard Strecker hatte diese Akten unter großen Mühen und Kosten beschafft. Bundesdeutsche Archive lieferten ihm nichts. Archive in Prag, Warschau und Berlin (DDR) waren kooperativer. Ein immenses Unterfangen in einer Zeit, in der es keine Computer und Scanner gab und Fotokopien teuer waren. Statt Bewunderung erntete der Dokumentar Verdächtigungen und Beleidigungen: »Judensau«, »Volksverräter«, »Kommunist«, »Agent Moskaus«. Seine Familie wurde bedroht. Strecker und seine Mitstreiter wollten die Staatsanwaltschaften durch die öffentliche Präsentation der Akten veranlassen, Ermittlungen einzuleiten, Anklage zu erheben. Eine vergebliche Hoffnung.

Auf welche Widerstände die Ausstellung in München traf, schilderte uns jetzt Dr. Hans Bleibinhaus, damals Münchner Vorstandsmitglied des Liberalen Studentenbundes Deutschlands (LSD, FDP-nah) und Vorsitzender des Verbandes Deutscher Studentenschaften (VDS) Bayern:

»Wir vom LSD arbeiteten damals mit dem SDS (Sozialistischer Deutscher Studentenbund, SPD-nah) zusammen mit dem Ziel, dass SPD und FDP in Bonn eine sozialliberale Koalition bilden und die Adenauer-Regierung ablösen sollten. Gemeinsam planten wir auch, die Ausstellung ‚Ungesühnte Nazijustiz‘ in München zu zeigen. Ende November 1960 wurde ich ins Bayerische Kultusministerium bestellt: Es gehe um eine ‚heikle Sache‘. Im Ministerium war ein Oberregierungsrat Friedberger für uns zuständig. Der eröffnete mir, der bayerische Verfassungsschutz habe Informationen, dass LSD und SDS noch im laufenden Semester die ‚Ungesühnte Nazijustiz‘ zeigen wollten. Man könne diese Ausstellung zwar nicht verbieten, aber man solle doch versuchen, sie in die rechten Bahnen zu lenken. Friedberger verlangte von mir, die Akten (deren Echtheit schon durch den Generalbundesanwalt Güde bestätigt worden war) erst dem bayerischen Justizminister Haas (FDP) vorzulegen, damit dieser prüfen könne, wer zu Unrecht angegriffen werde und wer nicht. Zu meinem großen Erstaunen erfuhr ich auch, dass das Verfassungsschutzdossier Einzelheiten über unsere Vorbereitungsgespräche enthielt. Der Verfassungsschutz hatte also nichts Besseres zu tun gehabt, als unsere Gespräche zu bespitzeln. Natürlich lehnte ich das Ansinnen ab, die Akten vor der Ausstellung zensieren zu lassen. Im übrigen handelte es sich keineswegs nur um sehr krasse Urteile. Wir präsentierten ganz bewusst auch Akten von Prozessen, die mit einem milden Urteil endeten. Sie zeigten, dass milde Urteile möglich waren, ohne dass den Richtern etwas geschah.«

Die »zweite Generation«

geschrieben von Reinhold Weismann-Kieser

1. März 2016

Von Kindern des Widerstands und der Verfolgung

 

Was können wir? So lautet die wichtigste der drei Leitfragen für unseren bevorstehenden Geschichtskongress. Mit den Berichten der Zeitzeugen unserer Gründergeneration konnten wir bisher unsere Geschichtsarbeit lebendig gestalten. Diese Quelle ist nun leider weitgehend versiegt und durch Archivalien nur unvollkommen zu ersetzen. Umso wertvoller sind Berichte und Lebensläufe von Kameradinnen und Kameraden der »zweiten Generation«, zumal, wenn ihre Geschichte unmittelbar an die der ersten Generation anschließt.

Die Landesvereinigung Niedersachsen kann sich glücklich schätzen, in Peter Baumeister einen aktiven Kameraden zu haben, der auf eine solche Familiengeschichte zurückblickt. In ihr spiegeln sich faschistische Verfolgung und Widerstand in Nazi-Deutschland, Flucht und Exil und die Nachkriegsentwicklung in beiden deutschen Staaten:

Sein Vater Alfred (Jahrgang 1907) war Kommunist und in Plauen als Bäcker gewerkschaftlich aktiv. Schon im März 1933 kam er in das KZ Osterstein bei Zwickau, von dort aus 1934 in das Gefängnis in Plauen. Insgesamt war er zwei Jahre inhaftiert. Es gelang ihm, in die Czechoslawakei zu fliehen. Vor dem drohenden Einmarsch der Deutschen ging er nach Großbritannien ins Exil. In beiden Ländern wurde er allerdings als »feindlicher Ausländer« zeitweilig auch interniert.

Seine Mutter Charlotte, geborene Davidson, stammte aus »gutbürgerlichem« Elternhaus. Der Vater führte in Bremenhaven ein gut gehendes Spielzeuggeschäft. Sie legte 1931 in Bremen ihr Abitur ab. Als »Halbjüdin« war sie nach der Machtübergabe an die Faschisten zunehmenden Repressalien ausgesetzt. Auch sie ging deshalb nach England. Charlotte und Alfred lernten sich 1939 in Prestbury, in der Nähe von Manchester, im Deutschen Club kennen und heirateten 1941. 1945 kam unser Kamerad Peter dort zur Welt.

Die zurückgebliebenen Großeltern blieben den Verfolgungen der Nazis ausgesetzt: 1938, in der Reichspogromnacht, wurde das Geschäft Kurt Davidsons zerstört und er selbst nach Sachsenhausen verschleppt. Als Ehemann in einer »geschützten Mischehe« entging er später weiterer Lagerhaft. Er fand Arbeit in verschiedenen Firmen und landete in Stade. Lina, die Großmutter Baumeister, erlitt einige Monate Haft Ravensbrück.

Das junge Paar siedelte 1947 von England nach Stade über. Alfred Baumeister fand Arbeit als Bote in der Stadtverwaltung. In der VVN wurde er aktiv und war Mitglied im Landesvorstand. Sein Auftreten gegen die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik auf einer Personalversammlung führte zu seiner Entlassung. Als Arbeiter auf einem Bauhof wurde ihm bei einer Auseinandersetzung mit einem Angehörigen der Waffen-SS das Nasenbein gebrochen. Zuletzt suchte er sein Auskommen durch den Betrieb einer fahrbaren Leihbücherei. Er verstarb 1963 mit gerade einmal 55 Jahren. Zusammen mit seiner Mutter Lina erhielt er in Plauen als Opfer des Faschismus ein Ehrengrab.

Peters Mutter Charlotte war lange als Kreisvorsitzende in Stade in der VVN aktiv und gehörte auch dem Landesvorstand an. Besonders die Arbeit mit Kindern machte ihr Spaß, so war sie u.a. mit Gertrud Schröter, unserer langjährigen Landesvorsitzenden, bei »Frohe Ferien für alle Kinder« tätig, einer Aktion, durch die bedürftigen Kindern Ferien in der DDR ermöglicht wurden. Viele der Organisatorinnen und Organisatoren, darunter auch unsere verstorbene Kameradin Elfriede Kautz, wurden deshalb wegen »staatsgefährdendem Nachrichtendienst« angeklagt und zu Gefängnisstrafen verurteilt. An der Herausgabe und Gestaltung einer VVN-Zeitung für junge Menschen wirkte sie aktiv mit.

Unser Kamerad Peter blieb seiner Familiengeschichte treu: Zunächst war da die Ostermarschbewegung, die die organisatorischen Talente des Jugendlichen in Stade herausforderten. An einen Auftritt mit Beate Klarsfeld auf dem Stader Pferdemarkt erinnert er sich noch lebhaft! Er gründete die »junge Linke« und einen Republikanischen Club und wurde Mitglied der KPD und später der der DKP.

Nach dem Abitur in Stade studierte er in Lüneburg und war danach insgesamt 38 Jahre als Lehrer an Hauptschulen tätig, zuletzt in Peine. Seit über 20 Jahren ist er dort Kreisvorsitzender der VVN/BdA und kassiert zurzeit fast 60 Mitglieder. Er ist kommunalpolitisch aktiv, lange Jahre als Ratsherr im Peiner Stadtrat. Derzeit nimmt er ein Mandat für Bündnis90/Die Grünen im Peiner Kreistag und im Ortsrat Dungelbeck wahr. Seit 40 Jahren ist er in der GEW aktiv und stellvertretender Vorsitzender des DGB in Peine. Auch im örtlichen Sportverein ist er präsent.

In unserem Landesvorstand kümmert er sich um die Mitgliederbetreuung und ist uns mit seinem großen Erfahrungsschatz unentbehrlich.

Lotte Rayss war auch Lilo

geschrieben von Janka Kluge

1. März 2016

Friedrich Wolfs Poem setzte zwei mutigen Frauen ein Denkmal

 

Friedrich Wolfs Poem über Lilo Hermann gehört zu seinen bekanntesten Werken. Außerhalb Stuttgarts weiß aber kaum jemand, dass er in seinem Gedicht zwei verschiedene Frauen beschreibt. Bereits 2009 schrieb Lothar Letsche in der UZ: »Was der damals in Stuttgart wirkende Arzt und Schriftsteller Friedrich Wolf (1888-1953) ab 1946 über seine Begegnung mit Lilo Herrmann als angeblicher Pionierleiterin berichtete, ist eine dichterische Vermischung mit Lotte Rayss, die 1934 in Zürich eine Tochter von ihm bekam und in der Sowjetunion von 1938-1946 inhaftiert, danach bis 1954 ›verbannt‹ war.«

Jetzt ist ein kleines Buch von Hans-Joachim Seidel über diese Frau erschienen.

Lotte Rayss kam 1912 in Kaiserslautern zur Welt. Es ist nicht bekannt, wann die Familie nach Stuttgart gezogen ist. Mit 18 Jahren wird sie Mitglied des Kommunistischen Jugendverbandes (KJVD). Sie wird Gruppenleiterin der Jungen Pioniere in Stuttgart und betreut dort auch Markus und Konrad, die Söhne von Friedrich Wolf. Als sie wegen einer schlecht heilenden Verletzung am Finger gekündigt wird, beschäftigt sie Friedrich Wolf beim Spieltrupp Süd-West. 1932 intensivierte sich die Zusammenarbeit mit Friedrich Wolf. Sie begleitete ihn bei seinen Recherchen für das Stück »Bauer Baetz«. Lotte Rayss wurde für Friedrich Wolf nicht nur eine enge Mitarbeiterin, sondern auch seine Geliebte. Hans-Joachim Seidel zitiert in seinem Buch aus einem Brief von Else Wolf an ihn:

» (…) Ich will doch nicht, dass Du L. aufgibst. Das missverstehst Du immer noch. Ich weiß, dass Du das brauchst und verstehe das.« Lotte Rayss war für Friedrich Wolf aber weit mehr als eine Liebelei.

Wie eng die Zusammenarbeit zwischen ihm und Lotte Rayss war, wird daran deutlich, dass sie die Inszenierung von »Bauer Baetz« für die Gruppe »Rot-Sport« des Turnerbundes Rohrackers übernahm. Friedrich Wolf war zu dieser Zeit auf einem Schriftstellerkongreß in Leningrad und danach in Berlin.

Als Friedrich Wolf im März 1933 floh wurde er von Lotte Rayss begleitet. Jahrzehnte später schrieb sie in einem Brief, dass das »die schönste Zeit meines Lebens war, so eine Art Flitterwochen«. Da in Stuttgart seine Flucht noch nicht bekannt war, wurde sein Haus rund um die Uhr überwacht. Doch auch Else Wolf gelang die Flucht in die Schweiz, wo Friedrich Wolf inzwischen angekommen war. Lotte kam im Gegenzug zurück nach Stuttgart, um sich um die Kinder zu kümmern und Geld zu organisieren.

Friedrich Wolf blieb zuerst in Riehen bei Basel und reist dann über Lothringen weiter nach Frankreich. Auf der Insel Brehat in der Bretagne fand er Zuflucht im Ferienhaus des Chefredakteurs der Hummanité. Spätestens hier stieß auch Lotte wieder zu ihm. Beide arbeiteten intensiv an dem Theaterstück »Professor Mamlock«, das eines der wichtigsten antifaschistische Stücke wurde.

Im September 1933 reiste Lotte zurück nach Paris, um für Friedrich Wolf Verhandlungen mit einer amerikanischen Filmgesellschaft zu führen. Danach fuhr sie, bereits schwanger, zurück nach Stuttgart, um Manuskripte von ihm zu retten.

Im Februar 1934 kam in Zürich ihre Tochter Lena zur Welt. Else Wolf übergab ihr im Krankenhaus noch kurz vor ihrer Ausreise nach Moskau den Schlüssel zu ihrer Wohnung in Basel, damit sie mit dem Kind erst mal eine Bleibe hatte. Doch die Situation in der Schweiz war für sie unerträglich, so dass sie sich entschloss, ebenfalls nach Moskau zu gehen. Nach einem kurzen Aufenthalt in Prag erreicht sie Moskau im Mai 1934. Zusammen mit ihrer Tochter kam sie zunächst in der kleinen Wohnung der Wolfs unter. Für Lotte Rayss war diese Situation jedoch nicht akzeptabel. Durch Vermittlung von Nadeshda Krupskaja, der Ehefrau Lenins, zog sie mit ihrer Tochter in die Hauptstadt der Wolgadeutschen Republik, Engels.

Am 5. Februar 1938 wurde Lotte Rayss verhaftet und wegen Spionage zu einer fünf jährigen Haftstrafe verurteilt. Danach musste sie noch fast neun Jahre in der Verbannung in Kasachstan verbringen. Nach ihrer Entlassung zog sie nach Ostberlin.

1959 heiratete sie Richard Strub, den Sohn der Familie, bei der Friedrich und Else Wolf nach der Flucht aus Deutschland in Basel untergekommen waren. Nach der Geburt ihrer Tochter lebte sie ebenfalls kurz bei der Familie. Lotte Strub starb am 6. Januar 2008. Erst nach ihrem Tod konnte ihr Sohn Konrad Rayss über das Leben und Schicksal seiner Mutter sprechen.

Friedrich Wolf hat Lotte Rayss nicht nur in dem Gedicht über Lilo Hermann gewürdigt. Sie selbst hat einmal gesagt, dass sie sich in dem Roman »Zwei an der Grenze« in der Beschreibung der Loni erkannt hat. Außerdem hat er in dem Theaterstück »Die letzte Probe« auf ihre Beziehung Bezug genommen. In dem Stück über eine Theatergruppe, die fliehen muss, sagt der Schriftsteller: »Es ist gewiß wahr, daß die Vergangenheit mit ihren großen Gestalten uns immer wieder erschüttert; aber es ist ebenso wahr, daß gerade heute die Menschen gern hinter die Größe der Historie fliehen (…) aus Mangel an Mut.«

Kein »Ein-Buch-Autor«

geschrieben von Bernd Kant

1. März 2016

Eine politische Biographie über Bruno Apitz

 

»Jeder Schriftsteller hat sein Thema. Das meine ist der Antifaschismus, und ich betrachte seine literarische Gestaltung als eine wichtige und aktuelle Aufgabe unserer sozialistischen Literatur.« Dieses Bekenntnis formulierte Bruno Apitz (1900 – 1979) im Jahr 1966 in der Zeitschrift »Neue Deutsche Literatur«. Sein Ziel war »eine neue moralische Qualität unserer Jugend« zu fördern. Und er leistete dazu mit dem Buchenwald-Romans »Nackt unter Wölfen!« und der eindrucksvollen Skulptur »Das letzte Gesicht« wichtige Beiträge.

Lars Förster, Bruno Apitz, eine politische Biographie, 250 S., be.bra wissenschaft Verlag, Berlin 2015, 36,00 €

Lars Förster, Bruno Apitz, eine politische Biographie, 250 S., be.bra wissenschaft Verlag, Berlin 2015, 36,00 €

Doch über den Autor und Künstler selbst, über das politische, schriftstellerische und künstlerische Schaffen dieses Antifaschisten und Buchenwald-Häftlings, ist heute wenig bekannt. In der öffentlichen Wahrnehmung gilt er vielfach als »Ein-Werk-Autor«, obwohl er mehrere Romane, Erzählungen und zahlreiche Essays verfasst hat, selbst wenn manche davon erst spät, teilweise nach seinem Tod, veröffentlicht wurden. Und in der Wahrnehmung des Literaturbetriebes der alten BRD war Apitz darüber hinaus noch als »linientreuer« Autor negativ vorbelastet, da er trotz aller eigenen negativen Erfahrungen unbeirrt zur DDR und der Idee des Sozialismus stand – also kein »Regimekritiker« oder »Freigeist« war, mit dem man sich in der BRD gerne schmücken konnte.

Lars Förster hat mit seiner 2014 beendeten Doktorarbeit nun eine Informationslücke geschlossen. Auf der Basis umfänglicher Quellenarbeit und ausführlicher Gespräche mit Marlis Apitz, der Witwe von Bruno Apitz, und zahlreichen Freunden und Weggefährten gelang es ihm, eine fundierte, aber gleichzeitig empathische Biographie zu verfassen, die den Schriftsteller als politischen und privaten Menschen in seiner ganzen Vielschichtigkeit erfasst.

Förster schildert den politischen Werdegang von Apitz in der Kaiserzeit und der Weimarer Republik, wie er als Jugendlicher aus dem proletarischen Milieu kommend zum revolutionären Sozialisten wird, der wegen seiner Kriegsgegnerschaft ins Gefängnis geworfen wird. Für Apitz war die Novemberrevolution ein Versprechen auf eine bessere Zukunft, so dass er sich in der Weimarer Republik in der KPD engagierte und in Leipzig eine Agitprop- Gruppe aufbaute. Als die Faschisten an die Macht gelangten, organisierte er gemeinsam mit anderen eine illegale Widerstandszelle. Er wurde verhaftet, angeklagt und zu Zuchthaushaft in Waldheim verurteilt. Förster beschreibt diese Periode der Entwicklung zwar mit dem Wissen der heutigen Zeit, aber er hält sich mit bewertenden Urteilen über die Überzeugungstreue der damaligen Antifaschisten erfreulich zurück. Für ihn steht die Bereitschaft, sich für die Ideen einzusetzen, im Vordergrund.

Am 4. November 1937 wurde Apitz mit der Häftlingsnummer 2417 in das KZ Buchenwald verschleppt. Förster nimmt als wichtige Quelle den Tatsachenbericht: »Das war Buchenwald«, den Rudi Jahn 1946 im Auftrag der KPD Leipzig zusammengestellt hatte. Apitz hatte dazu mehrere Beiträge beigesteuert. Apitz hatte im Kommando Bildhauerei eine relativ ruhigere Arbeitsstelle. In das Kommando Pathologie verlegt, nutzte er die Möglichkeiten des Büros, um auch schriftstellerisch tätig zu werden. Manche seiner Texte konnte er bereits im Lager vortragen. Auf der »Liste der 46« stehend, von der SS gesucht, wurde Apitz im April 1945 vom ILK versteckt und konnte bis zur Selbstbefreiung überleben.

Nach der Zerschlagung des Faschismus vertrat er eine ganz eigene »Kollektivschuld-These«: »Wir müssen der Welt beweisen, daß wir in jeder Beziehung mit dem Faschismus und Militarismus und seiner Ideologie gebrochen haben.« In diesem Sinne setzte er sich für den Aufbau des Sozialismus in der DDR ein. Förster zeichnet das Verhältnis von Apitz zu seiner Partei und der DDR-Staatsführung kritisch und offen nach. Selbst bei der Herausgabe des Romans »Nackt unter Wölfen« gab es zahlreiche Einsprüche und Vorbehalte, auf die sich Apitz zähneknirschend eingelassen habe. Interessant ist auch die Perspektive auf den politischen Umgang der BRD mit Apitz. Als er im Oktober 1962 auf Lesereise unterwegs war, wurde er in Dortmund von der Polizei verhaftet und wegen »fehlendem Visum« in die DDR abgeschoben – und das, obwohl die BRD zu dieser Zeit die Existenz der DDR überhaupt nicht anerkannt hatte.

Lars Förster ist mit dem vorliegenden Band eine einfühlsame und sehr solidarische Biographie eines großen Antifaschisten gelungen.

Der letzte Zeuge

geschrieben von Thomas Willms

1. März 2016

Zum Tod von Samuel Willenberg

Mit Samuel Willenberg starb am 19. Februar im Alter von 93 Jahren der letzte Überlebende des Vernichtungslagers Treblinka. Damit endet die konkrete Erinnerung an eine der furchtbarsten Einrichtungen, die von Deutschen erdacht und bis zum bitteren Ende in Funktion gehalten wurden. Gleichwohl ist sie im Land der Erinnerungsweltmeister genauso weitgehend unbekannt wie Sobibor und Belzec, die anderen Vernichtungsstätten der unter dem Namen »Aktion Reinhard« betriebenen Einrichtungen zur Ausrottung aller Jüdinnen und Juden Polens. Dies fällt besonders im Kontrast zu »Auschwitz« auf, einem Ort, den jeder kennt (wirklich?), über den es eine riesige Menge Literatur gibt und der jährlich von Hunderttausenden aufgesucht wird. Eine der Gründe dafür ist, dass es Tausende von Menschen gegeben hat, die Ausschwitz überlebt haben, aber nur eine winzige Anzahl, die Treblinka von innen gesehen haben und danach noch darüber berichten konnten. Eine »Lagergemeinschaft Treblinka« hat es nie gegeben und konnte es auch nicht geben, denn Treblinka war überhaupt kein Lager, sondern in noch größerer Reinheit als Auschwitz die Inkarnation des unbedingten Vernichtungswillens, eine reine Mordstätte. Willenberg gehörte als Jugendlicher zu denjenigen, die die Begleitbeute der sofortigen Ermordung zu sammeln, sortieren, aufzubereiten und verpacken zu hatten. Dass er davon berichten konnte, verdankt sich einem Aufstand 1943, in dessen Verlauf er fliehen konnte. An der planmäßigen »Abwicklung« Treblinkas konnte der Aufstand nichts ändern. Nach dem Abschluss der »Aktion« wurde die Stätte abgebaut und Tarnmaßnahmen durchgeführt.

Samuel Willenberg: Bericht einer Revolte, 240 Seiten, 22,00 €, Unrast-Verlag

Samuel Willenberg: Bericht einer Revolte, 240 Seiten, 22,00 €, Unrast-Verlag

Außer den wenigen Dutzend Überlebenden konnte nur eine ebenso kleine Gruppe von Tätern Auskunft erteilen. An deren Spitze stand der ehemalige Kommandant Franz Stangl, den die englische Journalistin Gitta Sereny 1971 ausführlich in der Haft interviewte und dessen Werdegang vom kleinen österreichischen Polizeibeamten zum akribischen Administrator des Massenmordes sie in »Into that darkness« recherchiert hat. Liest man Sereny, Willenbergs »Revolte in Treblinka« und Richard Glazars »Die grüne Falle«, meint man nahezu jeden mit Namen zu kennen, der an den Massenmorden entweder beteiligt war oder zwangsweise ihr Zeuge wurde.

Über lange Jahre gab es auf dem Buchmarkt kein einziges deutschsprachiges Werk zu diesem Thema. Willenberg habe ich über eine in Warschau erschienene englischsprachige Ausgabe seines 1986 erschienen Buches kennengelernt, erworben an einem Kiosk in der menschenleeren Gedenkstätte Treblinka. Es ist, wie Semprun es ausgedrückt hat, ein »Schreiben das zum Tode zurückführt«. Man möchte es eigentlich gar nicht haben, nicht lesen, sich nicht an die Lektüre erinnern und man möchte, dass sein Inhalt nur ausgedacht oder reiner Wahn ist. Das Erschütterndste an diesem erschütternden Werk ist die Tatsache, dass Willenberg ihm seine persönliche Adresse und Telefonnummer voranstellte. Man kennt das höchstens aus akademischen Zirkeln– der Autor gibt seine E-Mail-Adresse an, um die Bereitschaft mitzuteilen, dass er zu irgendwelchen abgelegenen Themen weitere Auskünfte erteilen oder Diskussionen zu führen bereit ist.

Für Willenberg war die israelische Adresse zum einen der Ausdruck von Zugehörigkeit und nach vorn gerichteter Ortsfestigkeit, als auch das Signal, dass man ihn ansprechen könne. Aber wen mag er damit gemeint haben? Die englischsprachige Fassung, im Latein von heute, war ein Angebot an die ganze Welt. Natürlich habe ich ihn nie angerufen. Was hätte man und in welcher Sprache hätte man es sagen sollen? Willenberg hat mit vielen Menschen gesprochen, er war oft mit Gruppen in Treblinka. Für die anderen schrieb er sein Buch. Für optisch ausgerichtete Menschen zeichnete er einen Lageplan von Treblinka. Und dann wurde er im Alter auch noch Bildhauer. Seine Skulpturen wurden unter dem Titel »Die Kunst der Erinnerung« auch in deutschen Städten ausgestellt.

Seit 2009 gibt es dank des Münsteraner Unrast-Verlages Willenbergs »Revolte in Treblinka« endlich auch auf Deutsch. Auch Glazars Buch wurde von ihnen neu herausgebracht. 2014 erschien zudem »Nach dem Untergang. Die ersten Zeugnisse der Shoah in Polen 1944-1947. Berichte der Zentralen Jüdischen Historischen Kommission« mit dem allerersten Bericht, den ein Geflohener überhaupt über Treblinka verfasst hat.

Willenberg hat sein unwahrscheinliches und langes Leben genutzt, damit Israelis, Polen und besonders auch Deutsche eine Ahnung davon haben können, was Treblinka gewesen ist. Die Telefonnummer ist jetzt obsolet, aber sein Werk ist es nicht.

Man nannte sie »U-Boote«

geschrieben von Axel Holz

1. März 2016

Eine Ausstellung über Fluchtorte für Verfolgte

 

Etwa 7.000 jüdische Verfolgte sind allein in Berlin untergetaucht, um der Deportation durch die Nazis zu entgehen, 1.500 davon haben überlebt.

Die Ausstellung »Dem Leben hinterher – Fluchtorte jüdischer Verfolgter« dokumentiert, dass zahlreiche jüdische Menschen ihre Verfolgung nicht hingenommen haben, sondern sich den Repressalien der Nazis und der Deportation durch Flucht oder Abtauchen in den Untergrund entzogen haben. Sie macht aber auch deutlich, wie wichtig die Zivilcourage der Helfer war, die ihre Menschlichkeit bewahrten.

Die Ausstellung des Berliner Museums Blindenwerkstatt Otto Weidt, selbst ein Fluchtort jüdischer Verfolgter in der Nazi-Zeit, wurde gemeinsam von der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes und der Rosa-Luxemburgstiftung Mecklenburg-Vorpommern an zwei Orten in Schwerin gezeigt – in der Volkshochschule »Ehm Welk« und in den Räumen der Linken Landtagsfraktion Mecklenburg-Vorpommerns. Zahlreiche Schüler haben die Ausstellung gesehen, darunter zwei Klassen des Schweriner Gymnasiums Friderizianum. Es gab anerkennende Rückmeldungen von den Schülern, die sich durch die Darstellung dutzender Einzelschicksale untergetauchter Berliner Juden angesprochen fühlten.

Die Ausstellung liegt mit ihrer Gestaltung in einem aktuellen Trend museumspädagogischen Umgangs mit den Themen Faschismus, Holocaust und 2. Weltkrieg – weg von der Abbildung von Leichenbergen und der Aufzählung kaum vorstellbarer Opferzahlen und hin zur Darstellung einzelner Schicksale, in diesem Falle zur Vermittlung konkreter Fluchtorte und Fluchtsituationen und zur Darstellung der konkreten Hilfe oder dem Versagen von Hilfe. Weniger als ein Viertel der untergetauchten Juden hat die Nazi-Zeit in Berlin überstanden. Dafür sind die schwierigen Bedingungen des Überlebens im Untergrund verantwortlich, der eingeschränkte Zugang zu Lebensmitteln, ständige Razzien und Denunziationen, aber auch Bombenangriffe der Alliierten, vor denn untergetauchte Juden nicht in Schutzbunker flüchten konnten. Etwa jeder Zehnte der nach Kriegsbeginn in Berlin verbliebenen Juden ist nach dem Auswanderungsstopp der Nazis und mit Beginn der Deportationen untergetaucht. Damit ist das Phänomen der sogenannten U-Boote keine Einzelerscheinung, sondern viel stärker ausgeprägt, als lange Zeit angenommen. Der Mord an den Juden im Osten hatte sich bereits herumgesprochen, so dass sich tausende Menschen der bevorstehenden Deportation zu entziehen versuchten, durch 5.000 Selbstmorde allein in Berlin, aber auch durch Flucht in den Untergrund.

Einzelne hatten diesen Schritt geplant, andere haben sich spontan entschlossen, einige wurden durch Bekannte und Freunde zur Flucht aufgefordert, anderen wurden Zufluchtsorte bei Freunden angeboten, die sich damit selbst in Gefahr brachten. Wenn man bedenkt, dass zahlreiche Abgetauchte häufig ihr Versteck wechsel mussten, müssen ihnen wiederum tausende Menschen bei der Flucht geholfen haben. Warum ist davon lange nichts bekannt geworden? Überlebende und Helfer waren nach der Befreiung vom Faschismus mit der Gestaltung ihrer ungewissen Zukunft beschäftigt, mit Wiederaufbau oder Emigration. Beiden Gruppen schlug der Antisemitismus, der auch nach Kriegsende noch in ganz Europa existierte, entgegen, so dass Schweigen nicht selten die Opfer vor neuen Angriffen oder Rechtfertigungen schützte.

Auch steckt im Mythos von den Juden, die sich angeblich wehrlos zur Schlachtbank führen ließen, selbst ein Stück nicht überwundener Antisemitismus. Erst spät wurde erforscht, dass Juden sich neben der Emigration auch durch Flucht in den Untergrund oder aus Deportationszügen der Vernichtung entzogen. Erst spät wurde bekannt, dass sie in Widerstandsgruppen und Partisaneneinheiten kämpften und sich selbst in den Vernichtungslagern mit Aufständen gegen den sicheren Tod wehrten, wie in Auschwitz und Sobibor. Die Blindenwerkstatt Otto Weidt in den Berliner Hackeschen Höfen, in der während der Nazizeit blinde und sehbehinderte Juden zunächst mit Arbeitsangeboten integriert und später versteckt wurden, ist heute ein Museum Dort gibt es zahlreiche weitere Materialien, in denen die Fluchterfahrungen untergetauchter Juden beschrieben werden. Geschichten, wie Inge Deutschkrons Bericht »Wir entkamen. Berliner Juden im Untergrund« sind es, die auch die Schweriner Schülerinnen und Schüler bei der Ausstellungseröffnung besonders berührten.

Die Unbekannten im Fokus

geschrieben von Cora Mohr

1. März 2016

Eine Ausstellung über den Widerstand von Frauen – mit neuen Gesichtspunkten

 

Widerstand und Widerständigkeit von Frauen gegen das Naziregime am Beispiel von achtzehn Biographien zeigt die neue Ausstellung des in Frankfurt am Main ansässigen Studienkreises Deutscher Widerstand unter dem Titel »Nichts war vergeblich – Frauen im Widerstand gegen den Nationalsozialismus«.

Nicht bekannte Frauen wie Sophie Scholl oder Erika Mann stehen hier im Fokus, sondern die Lebensläufe und Leistungen von Frauen, die in der öffentlichen Wahrnehmung bislang weniger präsent waren. Ihre Biographien machen deutlich, auf welch vielfältige Weise die Frauen dem Regime die Gefolgschaft verweigerten. Auch sich nicht anzupassen, nicht mitzumachen, war Widerstand. Oft ging er noch viel weiter und war in aller Regel mit Lebensgefahr verbunden.

»Nichts war vergeblich, was sich gegen das Regime gerichtet hat«, diese Worte der Résistance-Kämpferin Gerti Schindel sind das Motto der Ausstellung. Eröffnet wurde sie im Januar in der Zentralbibliothek Frankfurts. Die nächste Station ist Wuppertal. Dort ist sie vom 8. bis 18.März im Lichthof Rathaus am Johannes-Rau-Platz zu sehen.

Auf Zweck und Ziel der Ausstellung ging Cora Mohr vom Studienkreis Deutscher Widerstand bei der Eröffnung ein. Sie stellte uns folgenden Textauszug zur Verfügung:

 

Der Blick auf diese Frauen hat unseren Begriff von Widerstand erweitert. Als Widerstand wird nicht mehr nur der politische Widerstand gesehen, sondern alle Aktivitäten, die sich gegen das Naziregime richteten. Wir nennen das »Widerständigkeit«.

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Der Anteil der Frauen am »Widerstand« wurde lange Zeit als sehr gering eingeschätzt. Lange haben Frauen auch ihre eigene Widerständigkeit als »nicht so wichtig« gesehen. Mit offenen Augen auf den Widerstand von Frauen zu schauen, ist unser Ansatz. Wir stellen Frauen vor, deren Motive für Widerstand und deren Widerstandshandlungen vielfältigster Art sind. Allen gemeinsam ist, dass sie sich nicht unter die »herr«schenden Normen zwingen ließen.

Erst in den später 1990er Jahren begann die Auseinandersetzung um einen zu verändernden Widerstandsbegriff, der neben einer politischen und bewaffneten Dimension auch eine humanitäre Dimension hat. Es ist aktiver Widerstand, der die eigene Moral und den Überlebenswillen aufrecht erhält, der Menschenleben rettet. Alle Tätigkeiten hängen voneinander ab und bauen aufeinander auf. Die hierarchische Bewertung widerständigen Handelns hat viel zu lange den Blick verstellt.

Die Bereiche, in denen Frauen aktiv waren, sind immer noch die am wenigsten beachteten: sei es die Fluchthilfe für politisch Verfolgte, für jüdische Menschen oder der Rettungswiderstand durch Verstecken. Sie leisteten Unterstützung beim Untertauchen verfolgter Menschen oder Hilfe für Zwangsarbeiter/innen. Frauen sammelten Spenden, transportierten und verteilten Nachrichten und Flugblätter; organisierten die Kommunikation.

Die Einengung des Widerstandsbegriffs auf »politischen« Widerstand und die Geringschätzung der Widerstandsarbeit von Frauen führte auch dazu, dass nach 1945 vielen Frauen keine Entschädigung für Verfolgung und Haft zugesprochen wurde. Begründungen dafür waren u.a., ihre Arbeit habe keinen politischen Hintergrund gehabt; ihre Aktivitäten wären aus Mitleid, Menschlichkeit erfolgt oder sie hätten gegen geltende Gesetze (z.B. gegen die sogenannten »Rassengesetze«) verstoßen.

Wie sahen die konkreten Formen des Widerstehens der Frauen aus? Die eine wird inhaftiert, weil sie, aus einer Sintifamilie stammend, trotz offiziellen Verbots einen kranken Onkel besucht. Die andere lässt ihren jüdischen Ehemann nicht im Stich und protestiert mit mehreren Tausend anderen in der Berliner Rosenstraße gegen deren Inhaftierung. Die eine liebt den »falschen« Mann, die andere läuft weg, weil sie nicht die Ausbildung, die Arbeit machen darf, die sie möchte.

Die eine verteilt Flugschriften und Wurfzettel für den Internationalen Sozialistischen Kampfbund; die andere ist Fotografin. Eine ist Schriftstellerin und Kabarettistin, die dritte Malerin, die andere aktiv in der Kommunistischen Partei. Eine ist Mitglied in der Bekennenden Kirche, gibt ihren Lehrerberuf auf, weil sie nicht »im nationalsozialistischen Sinne« unterrichten will; sie stellt ihr Wochenendhäuschen als Zuflucht zur Verfügung. Diese Aufzählung ließe sich unendlich fortsetzen. Über einige dieser Frauen berichten wir in der Ausstellung.

Alle diese Frauen verdienen unsere Achtung. Uns hat interessiert, warum die Frauen Widerstand geleistet haben; aus welchem familiären, sozialen oder religiösen Hintergrund sie kommen. Welche Erfahrungen haben ihnen den Mut gegeben, sich nicht anzupassen, sich nicht unterzuordnen. Es gibt unzählige Antworten; einige haben wir für die Ausstellung aufgezeichnet.

Feldjäger fällen Präsident

geschrieben von Ernst Antoni

1. März 2016

Prozess wegen Kunstaktion bei Bundeswehr-Beförderungsappell

 

Es handelte sich um einen »Beförderungsappell«. Knapp 450 Offiziersanwärter der Bundeswehr waren am 27. Juni vergangenen Jahres vor dem Schloss Nymphenburg in München angetreten, um ihren Aufstieg mit militärischem Zeremoniell und klingendem Spiel bestätigt zu bekommen. Öffentlichkeitswirksamkeit war durchaus beabsichtigt, davon zeugte schon die Wahl des historisch-pittoresken Rahmens für den Appell.

»Knapp eine Woche vor dem Ereignis waren die Münchner – also auch ich – zu einer öffentlichen Feier mit Marschmusik (‚Des Großen Kurfürsten Reitermarsch‘) eingeladen«, berichtet Günter Wangerin, 70, Arzt im Ruhestand, und seit langem auch kritischer Maskenbildner, Grafiker, Maler und Aktionskünstler über das Ereignis. Allerdings habe, so die Süddeutsche Zeitung in ihrem Bericht über den derzeit gegen den Künstler wegen »Hausfriedensbruchs« in München stattfindenden Prozess, »die Bundeswehr-Universität zunächst die Bevölkerung zum Appell groß eingeladen und dann wieder ausgeladen (…), als sich Demonstranten ansagten. Es kamen aber trotzdem etliche Neugierige und nicht nur Angehörige der Soldaten.«

Günter Wangerin dazu in seiner »in großen Teilen politischen Erklärung« (SZ) vor Gericht: »Ich hatte die kurzfristige Absage nicht mitbekommen und mich ungehindert mit einem kleinen Podest und einer Plastiktüte, in der sich eine Gauckmaske und ein großes eisernes Kreuz befanden, an dem Platz eingefunden, an dem die Eltern der Jungoffiziere standen. Ich plante eine Kunstaktion.«

Dazu bestieg er, in feines Tuch gekleidet, die Maske mit dem Bundespräsidenten-Antlitz vor dem Gesicht und die Brust dekoriert mit dem »Eisernen Kreuz«, die mitgebrachte Trittleiter, salutierte und rief laut »Habt acht!«. Zweimal. Daraufhin rissen Bundeswehr-Feldjäger das Präsidenten-Double mehr als unsanft vom Podest, fixierten den Liegenden, so ihre Aussage, mit einem »kontrollierten Nasenhebel« und legten dem Überwältigten Handschellen an.

Niemand habe ihn, so Günter Wangerin, vor diesem Feldjäger-Einsatz aufgefordert, das Gelände zu verlassen. »Ich wehrte mich nicht, weil ich wusste, welche juristischen Folgen das haben würde, protestierte aber laut und deutlich gegen dieses Vorgehen. Dazwischen forderte ich die beiden auf, mir die Handschellen abzunehmen, sie sähen doch, dass ich mich nicht wehrte. Ohne Erfolg. Sie schienen stumm. Sie zerrten mich dann hoch und rissen mich im Laufschritt mit sich fort zur Polizei. Irgendwo auf dem Rasen nahmen sie mir dann die Handschellen ab.«

Vor Gericht stand nun die Bundeswehr-Aussage dagegen, dass es sehr wohl vorher Aufforderungen an den Künstler gegeben hätte, vom Podest zu steigen. Erst dann habe man, so ein Feldjäger, »den Herrn Doktor zu Boden geführt«. An solche Vorwarnungen kann sich jedoch nicht nur der zu Boden Geführte nicht erinnern, sondern auch zwei zivile Zeugen nicht, die bei dem Ereignis anwesend waren. Die einander widersprechenden Aussagen haben vorerst zur Aussetzung des Verfahrens geführt. Es soll, so die SZ, »ein weiterer Soldat, der momentan in Afghanistan ist, gehört werden«.

Womit der Prozess sehr deutlich an die beabsichtigten aktuell-politischen Bezüge der jäh unterbrochenen Kunstaktion anknüpft. Am Rande sei vermerkt: Auch der Künstler hatte nach dem Vorfall Anzeige erstattet. Wegen »Körperverletzung«. Diese Anzeige wurde von der Staatsanwaltschaft abgewiesen. Der »Hausfriedensbruch«-Strafbefehl gegen ihn dagegen aufrecht erhalten. Zu diesem gehören auch die Vorwürfe von Klägerseite, Wangerin habe von seinem Sockel aus gerufen: »Für die Abschaffung der Bundeswehr!« Schwer vorstellbar: Da steht – wie ja auch die Fotos von der Aktion zeigen – einer, der den Bundespräsidenten darstellt, schwer ordensbehängt, salutierend – und der fordert dann die Abschaffung der Bundeswehr…Ein bisschen viel Verfremdung.

Weshalb dem Künstler vor Gericht hier an einer Richtigstellung gelegen war: »Bedenken Sie: meine Aktion war eine satirische. Als Gauck stand ich doch für die Bundeswehr da und nicht gegen sie! Ich rief ‚Habt Acht!‘, eine Aufforderung also, wachsam zu sein. Warum Gauckmaske? Weil Pastor Gauck der entschiedenste Befürworter von Bundeswehreinsätzen in aller Welt ist und keine Gelegenheit verstreichen lässt, für solche Einsätze zu werben. Die Auffassung, dass diese Einsätze verfassungswidrig sind, entstammt nicht meiner krankhaften Phantasie, sondern wird auch von bedeutenden Verfassungsrechtlern geteilt.«

Die Fortsetzung des Prozesses wird zeigen, ob es hier lediglich darum geht, ein Exempel zu statuieren gegen Menschen, die sich mit künstlerischen und anderen demokratischen Mitteln zunehmender Kriegs- und Militärverherrlichung entgegenstellen. Jedenfalls war die kritische Resonanz am und nach dem ersten Prozesstag, auch in nahezu allen Münchner Tageszeitungen, beeindruckend.

Aus den Landesvereinigungen und Verbänden

28. Februar 2016

Hier finden Sie Beiträge aus dem Verband sowie aus den Landesvereinigungen Baden-Württemberg, Bayern, Berlin, Hamburg, Hessen, Rheinland-Pfalz, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Sachsen: AntifaLS_2016_0304_web

Titel

12. Januar 2016

Veranstaltung gegen Rechts im Jugendzentrum von Langen in Hessen. Der eritreischer Musiker Semereab Teklia vor dem Wimmelbild der VVN-Neofaschismus-Ausstellung. Foto: Philipp Schappert

Veranstaltung gegen Rechts im Jugendzentrum von Langen in Hessen. Der eritreischer Musiker Semereab Teklia vor dem Wimmelbild der VVN-Neofaschismus-Ausstellung.
Foto: Philipp Schappert

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