Das innere Gefüge

geschrieben von Hans Canjé

1. März 2015

Eine Neuerscheinung zum KZ Sachsenhausen

 

Es sind nicht mehr viele, die in diesen Apriltagen an den Veranstaltungen zum 70. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Sachsenhausen, an die Stätte ihrer Erniedrigung und Folter, an den Ort zurückkommen können, der am 21. April 1945 von der Roten Armee befreit worden ist. An die 200.000 Menschen aus 40 Nationen waren im »vollkommen neuen, jederzeit erweiterungsfähigem, modernen und neuzeitlichem« KZ (Heinrich Himmler) in den Jahren seines Bestehens eingesperrt. Zehntausende wurden ermordet. Bei einer Gedenkveranstaltung im Brandenburger Landtag wurde am 27. Januar daran erinnert, dass in der Endphase des KZs, den letzten Monaten seines Bestehens, allein 15. 000 Häftlinge, Kranke und Schwache, Juden, als zu einem Aufstand fähige politische Häftlinge, planmäßig ermordet wurden; 30 000 wurden auf den Todesmarsch getrieben.

Günter Morsch: Sachsenhausen- »Das Konzentrationslager bei der Reichshauptstadt«. Gründung und Ausbau. Metropol Verlag Berlin. 292 Seiten, 22 Euro

Günter Morsch: Sachsenhausen- »Das Konzentrationslager bei der Reichshauptstadt«. Gründung und Ausbau. Metropol Verlag Berlin. 292 Seiten, 22 Euro

In der Reihe der Forschungsbeiträge und Materialien der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten ist jetzt Band 10 erschienen. Der Autor, Stiftungsdirektor Günter Morsch, weist im Vorwort auf die immer noch schwierige Quellenlage hin: »Kurz vor Kriegsende ließ die SS im Heizungskeller der Häftlingswäscherei über Wochen die schriftliche Überlieferung der KZ-Kommandatur, wahrscheinlich zusammen mit den Akten der dem KZ benachbarten Verwaltungszentrale aller Konzentrationslager, der sogenannten Inspektion, verbrennen.« Ein kleiner Rest, »zahlreiche Listen und Meldungen der Kommandantur« verbrannten bei einem Bombenangriff auf die den Todesmarsch begleitenden Lastwagen. Durch den »politischen Umbruch der Jahre 1998/90« sei es wohl nicht mehr zur Veröffentlichung von Forschungsarbeiten der DDR gekommen, die in zwei, jeweils an die 400 Seiten umfassenden Ordnern in der Gedenkstätte vorliegen.

Morsch behandelt unter Beifügung eines umfangreichen Dokumentenanhangs die Anfänge und das innere Gefüge des Lagers. Er beginnt seine Abhandlung mit den Feiern zur Olympiade 1936, in deren Schatten in den heißen Augustwochen »nur acht Kilometer vom Stadtrand der Reichshauptstadt und kaum 45 Minuten Fahrtweg mit der S-Bahn von der Mitte Berlins entfernt« mit dem Bau des KZ Sachsenhausen begonnen wurde. Das waren zu Beginn 50 politische Gefangene. Nach weiteren Transporten vorwiegend aus den Emslandlagern war die Zahl dann auf 900 angewachsen. Nach Recherchen der Gedenkstätte kamen zwischen dem 9. November 1936 und dem 28. Juli 1937 mindestens 37 Häftlinge ums Leben; 36 sind namentlich bekannt.

Im Abschnitt »Die Konzentrationslager-SS« analysiert er das Führungskorps der SS in den Jahren der Existenz des Lagers, wobei Karl Otto Koch als der »schlimmste aller Kommandanten« selbst Himmler »als abschreckendes Beispiel » vor Augen gestanden habe.(Im umfangreichen Anhang – ca. 180 Seiten – sind u. a. auch zahlreiche Fotos aus dem Album Kochs enthalten.) In zwei weiteren Abschnitten »Die Häftlinge« und »Die sogenannte Häftlingsselbstverwaltung« schildert Morsch die sich im Verlaufe der Jahre anwachsende Zahl der Häftlinge und die dabei sich verändernde Zusammensetzung (Kommunisten, Sozialdemokraten, Juden, Sinti und Roma, Zeugen Jehovas, Homosexuelle und andere Gegner des Regimes). Für die Ausführung der SS-Befehle waren, so Morsch, »die Funktionshäftinge der sogenannten Häftlingsselbstverwaltung verantwortlich.« Das sich daraus ergebende Problem einer Balance zwischen Gehorsam gegenüber der machtausübenden SS-Wachmannschaft einerseits und der Solidarität mit den wehrlosen Häftlingen andererseits, die vor Jahren bereits am Beispiel des KZ Buchenwald zu heftigen Diskussionen über die »Roten Kapos« führte, hat auch in Sachsenhausen eine Rolle gespielt. Morsch wertet hier nicht. Im abschließenden Abschnitt konstatiert er: »Der tägliche Kampf um das Überleben bestimmte den Alltag, der nach sozial-rassistischen Kriterien hierachisierten Häftlingsgesellschaft (…)

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Dem Berliner Verlag gebührt für die Herausgabe der Brandenburger Publikationen große Anerkennung. Bücher dieser Gattung werden es ja wohl kaum auf die Bestseller-Liste des »Spiegels« schaffen. Zu überlegen wäre aber, ob diese Bände nicht »leserfreundlicher«, etwa durch eine größere Schriftart, gestaltet werden könnten.

Kaum jemand leistete Hilfe

geschrieben von Peter Giersich

1. März 2015

Die »Todesmärsche« der jüdischen Frauen aus dem KZ Groß-Rosen

 

Im Frühjahr 1945 bewegten sich zahlreiche Häftlingskolonnen zu Fuß und per Bahn durch den immer kleiner werdenden Herrschaftsbereich der deutschen Faschisten. Ihre Wege waren gesäumt von Leichen: erschossen, erfroren, verhungert. Nur ein geringer Teil der deutschen Bevölkerung zeigte Mitleid mit diesen leidgeprüften Menschen, und noch weniger leisteten ihnen Hilfe.

Dr. Hans Brenner aus Zschopau (Erzgebirge) forscht seit vielen Jahren zur Ausbeutung jüdischer Zwangsarbeiter durch die deutsche Rüstungswirtschaft und die Todesmärsche in den letzten Kriegsmonaten. Zum 70. Jahrestag der Befreiung Europas vom Hitlerfaschismus ist sein neues Buch ein beeindruckender, wertvoller Beitrag gegen das Vergessen.

Hans Brenner: Todesmärsche und Todestransporte / Konzentrationslager Groß-Rosen und die Nebenlager; Verlag Klaus Gumnior Chemnitz 2014

Hans Brenner: Todesmärsche und Todestransporte / Konzentrationslager Groß-Rosen und die Nebenlager; Verlag Klaus Gumnior Chemnitz 2014

Das vorliegende Buch »Todesmärsche und Todestransporte …« basiert auf jahrelanger mühsamer und akribischer Forschungsarbeit und bezieht sich auf die vom KZ Groß-Rosen (heute Rogoźnica in Polen, südlich von Legnica – Jawor) ausgehenden Transporte jüdischer Häftlingsfrauen, welche als billige Arbeitssklaven unter unmenschlichen Bedingungen in der Rüstungsindustrie schuften mussten und nun, da sich die Rote Armee kämpfend den deutschen Reichsgrenzen näherte und diese überschritt, ins Innere des Landes getrieben wurden.

Brenner hat unzählige Stunden in deutschen, tschechischen, polnischen Archiven studiert, mit vielen Überlebenden dieser grausamen Vorgänge gesprochen, Korrespondenzen mit Einrichtungen in Israel – vor allem mit der Gedenkstätte Yad Vashem – und Wissenschaftlern in vielen Ländern geführt. Entstanden ist ein Werk, das allen wissenschaftlichen Kriterien entspricht und doch ein eindrucksvolles, ergreifendes Bild jener Ereignisse zeichnet, das dem Leser zu Herzen geht.

Das Buch ist klar gegliedert und schildert detailliert die Evakuierung der Insassen von 16 Außenlagern des Stammlagers Groß-Rosen. Dabei werden sowohl Archivalien zitiert, als auch schon erschienene Publikationen zu Rate gezogen. Dass auch zahlreiche Opfer der Todesmärsche zu Wort kommen, verleiht dem Buch ein besonderes Gewicht und macht es zu einem emotional anregenden Leseerlebnis. Namen von Opfern werden ebenso genannt wie die Namen der Henker, die Namen der Nutznießer der Sklaverei erscheinen im Klartext wie auch die Bezeichnung der Orte des Grauens und der »Einsatzbetriebe«.

Eingeleitet wird das Buch durch eine Darstellung des Systems der Außenlager für Frauen des KZ Groß-Rosen. »Ein Großteil der Häftlinge des Lagerkomplexes Groß-Rosen, rund 26.000, waren fast ausschließlich jüdische Frauen und Mädchen aus vielen europäischen Ländern, die zur Zwangsarbeit … in 45 Außenlagern hinter Stacheldraht eingesperrt isoliert gehalten wurden.« Die Todesmärsche der Außenlager des KZ Groß-Rosen ist eines der Kapitel der Shoah, weil sie vor allem eine große Zahl jüdischer Menschen betrafen, welche noch vom Mai 1944 an aus Ungarn, Italien, Frankreich und Polen der »Endlösung« zugeführt wurden. Ein bedeutender Teil der Todesmärsche von Groß-Rosen endete in Bergen-Belsen, wo noch zahlreiche Häftlinge vor und nach der Befreiung durch englische Soldaten durch Hunger, Krankheit oder Erschöpfung ums Leben kamen. Die Marschkolonnen gingen an helllichten Tagen durch Dörfer und Städte. Man konnte sie sehen und hören. Die abgemagerten, verhärmten, in Lumpen gekleideten Gestalten lagerten in Scheunen, in Fabrikhallen oder auf kahlem Felde, die Zurückgebliebenen – Erschossenen, Verhungerten, Erfrorenen – lagen an den Straßenrändern. Fragen an das Verhalten der Deutschen drängen sich auf.

Durch die zahlreich zitierten Berichte Betroffener erlangt das Buch eine erdrückende Authentizität. Ellen Bohr aus Hamburg – damals 15 Jahre alt – schilderte ihre Beobachtung eines Todesmarsches durch Reichenberg (Liberec): »Wir konnten die Straße nicht überqueren, weil sich dort viele Menschen angesammelt hatten. Und dann sahen wir etwas, das es gar nicht geben konnte, und was wie ein schwerer Albtraum mich buchstäblich erstarren ließ: Auf einem riesigen Leiterwagen … waren unzählige Bündel gehäuft. Um den Wagen herum schoben und zogen, wie Pferde in die Deichsel gespannt, ausgemergelte, fast unmenschlich aussehende Frauen und Mädchen jeden Alters, in Lumpen gekleidet, dieses überdimensionale Fuhrwerk die hüglige Straße aufwärts. … Was mich mehr noch als alles andere schockierte, war die Tatsache, dass ich vor mir Mädchen sah, die so alt wie ich sein mussten, die aber einfach nicht in mein bis dahin so behütetes Leben passten. Unwirklicheres hatte ich in meinen schlimmsten Träumen nicht gesehen. Auch Frauen in SS-Uniform hatte ich nie vorher gesehen. Dass sie … rechts und links auf Pferden neben dem Wagen ritten und schamlos vor allen Passanten … auf die Frauen einpeitschten, war nur noch ein anderes entsetzliches Detail.«

Ein umfangreiches Quellenverzeichnis und zahlreiche Landkarten zu den zurückgelegten Wegen der Gequälten sowie ein Ortsregister mit den damaligen und heutigen Ortsnamen vervollständigt den Anspruch als wissenschaftlich fundiertes Werk, das nicht nur Historikern, sondern darüber hinaus geschichtlich Interessierten zu empfehlen ist.

Frauen in Haft

geschrieben von Axel Holz

1. März 2015

Neues aus der Geschichte des Berliner Frauengefängnisses Barnimstraße

 

Als Claudia von Gélieu 1994 ein erstes Buch über das Gefängnis in der Barnimstraße veröffentlichte, betrat sie Neuland. Seinerzeit musste sie noch in der Einleitung fragen: »Wen interessiert schon ein Gefängnis?« Mittlerweile ist die Geschichte des Strafvollzugs ein anerkannter Forschungsgegenstand – nicht zuletzt dank ihrer Vorarbeit. Nach zwei Jahrzehnten ist nun eine erweiterte Neuausgabe erschienen.

Das Buch ist zum einen die Geschichte eines Gebäudes, das 1863 als Schuldgefängnis gebaut und ab 1878 für fast ein Jahrhundert verschiedenen politischen Systemen als Frauengefängnis diente. In den 1960er Jahren stand das Haus der »Neugestaltung des Stadtzentrums« im Wege. Daher wurde in Berlin-Köpenick eine neue Haftanstalt errichtet, die Gefangenen 1973 verlegt und das alte Gebäude 1974 gesprengt.

Claudia von Gélieu: Barnimstraße 10. Das Berliner Frauengefängnis 1868-1974. Berlin: Metropol Verlag 2014.  318 S., Abb.; 22 Euro.

Claudia von Gélieu: Barnimstraße 10. Das Berliner Frauengefängnis 1868-1974.
Berlin: Metropol Verlag 2014.
318 S., Abb.; 22 Euro.

Das Buch ist auch eine Geschichte des Strafvollzugs. Freiheitsstrafen setzten sich erst im Rahmen der Industrialisierung durch, erlaubten sie doch den »Zugriff auf billige Arbeitskräfte und deren Gewöhnung an mechanische Arbeitsprozesse«. Gefangene Frauen wurden von Anfang an hauptsächlich in der Textilproduktion eingesetzt, in der Weimarer Republik war sogar eine Ausbildung in hauswirtschaftlichen Arbeiten vorgesehen. 1939 wurde die Gefangenarbeit von »frauengemäß« auf »kriegswichtig« umgestellt. Betriebe wie Elektrolux, Siemens-SSW, AEG richteten ihre Produktionsstätten im Gefängnis ein oder holten Häftlinge, die dann zum Teil in Außenkommandos untergebracht waren. Nach dem Krieg standen wieder die »typischen Frauenarbeiten« auf der Tagesordnung, vor allem das Wäschewaschen. So war es nur konsequent, dass bei der Standortplanung des neuen Gefängnisses von vornherein die Köpenicker Großwäscherei REWATEX ausschlaggebend war, wo bereits ein Außenkommando untergebracht war und wo dann 1974 alle 510 weiblichen Gefangenen arbeiteten.

Claudia von Gélieu wagt in ihrer Gefängnismonographie einen epochenübergreifenden Ansatz. So kann sie Fragen nachspüren wie »Warum gab es ein separates Gefängnis für Frauen?« Sie interessiert sich für den unterschiedlichen Strafvollzug bei Frauen und bei Männern, für die Aufseherinnen, aber auch für die in der Haft geborenen Kinder.

Bei der Umwandlung der Barnimstraße vom Schuld- in ein Frauengefängnis etwa spielten Kostengründe eine Rolle: Für das »schwache Geschlecht« brauchte man geringere Sicherheitsvorkehrungen – normale nur teilweise vergitterte Fenster, einfache Blechbeschläge für die Zellentüren. Ausrüstung wie Fesseln, Pistolen und Gummiknüppel hielt man bei einem Frauengefängnis für entbehrlich – erst in der NS-Zeit erfolgte eine Aufrüstung. Dem stellt die Autorin gegenüber, dass in den 1980er Jahren für das neue Berliner Frauengefängnis Plötzensee das Sicherste für die Frauen »gerade gut genug« erschien.

In den mangelhaften Quellen zur Frühzeit der Barnimstraße finden sich gelegentlich Spuren von politischen Gefangenen: Pauline Staegemann etwa, die trotz des Verbotes für Frauen, politische Vereine zu gründen, den »Berliner Arbeiterfrauen- und Mädchenbund« mit ins Leben gerufen hatte, musste 1879 wegen Äußerungen auf Versammlungen eine Strafe in der Barnimstraße absitzen. Auch Agnes Wabnitz verbüßte dort 1892 ihre Strafe, weil sie gegen das Politikverbot für Frauen verstoßen hatte. Ein ganzes Kapitel gilt Rosa Luxemburg, der »berühmtesten Insassin«.

In der Schilderung der frühen NS-Zeit konnte sich die Autorin auf autobiographische Publikationen stützen: Eva Lippolds »Haus der schweren Tore« (1971) sowie Eva Raedt-De Canters »Vrouwengevangenis«, 1935 in Utrecht erschienen. Dieses basiert auf den Erfahrungen von Helen Ernst, die 1933 in der Barnimstraße inhaftiert war und durch anschauliche – hier reproduzierte – Zeichnungen die Situation innerhalb des Gefängnisses dokumentierte.

Zahlreiche Frauen saßen in der Barnimstraße, bevor sie in Plötzensee hingerichtet wurden. Die Autorin fand 298 Namen, weiß aber auch, dass diese Angabe nicht vollständig ist: Frauen aus der »Roten Kapelle«, der »Baum-Gruppe« und anderen Widerstandszusammenhängen. Doch sie interessiert sich für auch die unbekannten Opfer: So wurde beispielsweise eine Frau hingerichtet, die ihrem Sohn Tipps gegeben hatte, wie er am besten vom Wehrdienst freikommen kann, eine andere, die einem flüchtigen französischen Kriegsgefangenen zu Essen gegeben hatte (Feindbegünstigung), eine andere wegen »Brandstiftung aus Eifersucht«.

Die Gefangenenbücher von März 1944 bis Januar 1945 nennen für jene Zeit typische Delikte, von Abhören feindlicher Sender und Abtreibung über Feldpostdiebstahl bis zum Umgang mit Kriegsgefangenen oder Vergehen gegen die Kriegswirtschaftsordnung. Dabei stellt die Autorin fest, dass die zahlreichen NS-Sondergesetze und ihre willkürliche Anwendung »Unterscheidungen zwischen politischen und kriminellen Häftlingen schwierig« machen und verdeutlicht dies am häufig genannten Delikt »Arbeitsvertragsbruch«: War die Verweigerung aktives Handeln oder konnten die Frauen aufgrund der allgemeinen Umstände während des Krieges nicht immer ihre Arbeitsleistungen erbringen? Konnte Sie zugeben, bewusst die Kriegsproduktion unterlaufen und ihre Pflicht verletzt zu haben, wo dies doch eine härtere Bestrafung oder gar das Todesurteil mit sich bringen konnte?

Die Autorin ging weit über die Akten, die gedruckten Quellen und die bekannten Namen hinaus: Sie suchte und fand – nicht zuletzt auch über einen Aufruf in der antifa – Kontakte zu Zeitzeuginnen. Deren Schilderungen – ausführliche Interviewauszüge, aber auch Briefe – bilden einen besonderen Reichtum des Buches.

Prostituierte machten in der Barnimstraße »fast immer die größte Gruppe der Insassinnen« aus. Lediglich in der NS-Zeit wurden diese eher in Arbeitshäuser oder KZs eingewiesen . Doch bereits 1948 stellten sie wieder die Mehrheit der Gefangenen, andere Frauen saßen wegen Nachkriegsdelikten wie Diebstahl von Kohlen, Lebensmitteln bzw. -karten oder Schwarzhandel. In der Barnimstraße mussten nun auch Naziverbrecherinnen wegen »Verbrechen gegen die Menschlichkeit« mehrjährige Zuchthausstrafen verbüßen.

Mit der Übernahme des Strafvollzugs durch die Volkspolizei 1951 sollten die zwei Jahre zuvor begonnenen Reformen ihre Ende finden: »Sicherheit statt ›Humanitätsduselei‹« – so heißt das entsprechende Kapitel. »Kommandosprache« war nun gegenüber den Häftlingen vorgeschrieben, die Bibliothek wurde von Schundliteratur und Sittenromanen gesäubert. Anfang 1951 kam es zu mehreren »Meutereien« in der Barnimstraße, eine Westzeitung berichtete von »der bisher größten Revolte innerhalb der ostzonalen Strafanstalten«.

Auch nach 1950 muss diskutiert werden, wieweit es sich um politische Gefangene handelt: Zeuginnen Jehovas, denen in ihren Schriften »Boykott-hetze« vorgeworfen wurde, Frauen, die die DDR unerlaubt verlassen wollten und – da sie Geld oder persönlichen Besitz mitnahmen – als Wirtschaftskriminelle bestraft wurden; ab 1957 war durch das Passgesetz sogar Vorbereitung und Versuch der Republikflucht strafbar.

Die Autorin hat eine spannende Wanderung durch die Geschichte des Gebäudes, die Geschichte des Strafvollzugs, der Justiz in den verschiedenen Systemen und die Geschichte Berliner Frauen vorgelegt. Sie vermag es, einzelne Aspekte zu beleuchten und zu diskutieren, die bei anderen Gefängnismonographien unter den Tisch fallen. Doch gerade -dies macht das Buch besonders kostbar.

Sie lässt auch an ihrem Forschungsprozess teilhaben und schildert etwa, wie sie per Schneeballsystem immer wieder zu neuen Personen und weiteren Informationen kam. Sie beschreibt auch, dass die Einsichtnahme in Gefängnisunterlagen aus der Barnimstraße, die nach 1990 im Frauengefängnis Plötzensee lagerten, aus Datenschutzgründen untersagt wurde.

Mit besonderer Freude aber habe ich das Vorwort zur Neuausgabe gelesen. Darin beschreibt sie nämlich, welche Wirkung ihre erste Forschung hatte, aus der das Buch von 1994, eine Ausstellung und ein Film hervorgingen. Sie traf immer mehr Personen, die etwas über die Barnimstraße wussten, sei es aus dem persönlichen Bereich oder aus ihrer wissenschaftlichen Arbeit. Es gab neue Erkenntnisse zu Jüdinnen aus der Barnimstraße, die in den Tod deportiert worden waren, oder über ausländische Zwangsarbeiterinnen, die im Frauengefängnis ihre Kinder zur Welt gebracht hatten. Neue Zeitzeuginnen konnten ihr viel über die Barnimstraße in der DDR-Zeit berichten. Schulprojekte interessierten sich für die Haftanstalt, und nun endlich wird ein Gedenkort am ehemaligen Standort des Gefängnisses entstehen. Bücher leben, Bücher wirken – und dies ist ein besonders gelungenes Beispiel dafür.

Der andere Blick

geschrieben von Axel Holz

1. März 2015

Regina Scheers Roman über ein Dorf in Deutschland

 

Mehrere Jahre schrieb Regina Scheer an »Machandel«. Nun liegt ihr erster Roman vor. Machandel ist der plattdeutsche Name für Wacholder. Regina Scheer legt die uralte Geschichte vom Machandelbaum unter ihre Erzählung. Es ist das grausige Grimmsche Märchen, in dem Marlene die Knochen ihres Bruders unterm Machandelbaum vergräbt. Der verwilderte Garten im Phantasiedorf Machandel in der mecklenburgischen Schweiz bringt im Roman die verschiedenen Schicksale eines Jahrhunderts in dieses Dorf zusammen, in dem gleich fünf Ich-Erzählerstimmen ihre Geschichte erzählen. Unter dem Machandelbaum schwingt die Wehmut über die Opfer der Vergangenheit und zugleich die Hoffnung, dass aus dem Zusammentragen der Schicksale wie im Märchen vom Machandelbaum Neues entsteht. Bei jedem Besuch in Machandel wird deutlich, dass die Protagonistin des Romans Clara auf ihre Wurzeln stößt und der Heimatort zum Ort der Begegnung wird – mit der deutschen Vergangenheit, der eigenen Familiengeschichte und sich selbst. Die Heilkraft der Machandel steht stellvertretend für Erinnerung. Genau das versucht Regina Scheers Roman mit Geschichten, die so detailreich und verwoben sind, dass sich darin erkennbar ein Stück jüngere Geschichte widerspiegelt.

Regina Scheer, Machandel, Roman, Verlag Knaus, München, 487 Seiten, 23 Euro

Regina Scheer, Machandel, Roman, Verlag Knaus, München, 487 Seiten, 23 Euro

Dieses Buch ist ein Jahrhundertroman über den Osten, wie ihn schon Uwe Tellkamp mit dem »Turm« oder Eugen Ruge mit »In Zeiten des abnehmenden Lichts« geschrieben haben, aber diesmal von einer Frau verfasst. Ein Roman, der es schwer hatte, einen Verlag zu finden, zu Unrecht bisher kaum im Literaturgeschehen gewürdigt wird, vielleicht weil er einen anderen Blick auf unsere Geschichte wagt. Dieser Blick ist nicht denunziatorisch. Er belässt die Erzähler in ihrer Wahrnehmung, ihren Idealen und Vorstellungen und entfacht in den Familiengeschichten ein ganzes Bündel von Widersprüchen, die wir zu kennen glauben.

Die Haupterzählerin Clara, Jahrgang 1960, forscht zum Machandel-Motiv, findet darin den Traum und Sinn ihres Lebens und findet ihre Herkunft nach und nach mit dem Dorf in der mecklenburgischen Schweiz verbunden. Der kommunistische Vater kam auf dem Todesmarsch vom KZ Sachsenhausen hierher durch seinen tschechischen Mithäftling, dessen Ermordung er nach einem späteren stalinistischen Prozess hinnimmt. Im Ort wohnt auch die Smolensker Zwangsarbeiterin Natalja, die ihre Eltern mit 14 Jahren im Stalinismusdickicht verliert, nach dem Krieg bleibt und nun in Machandel mit ihrem Kind Lena eine neue Heimat findet. Grigori, Vater des Kindes, kommt nach dem Krieg ins Lager, weil er sich als Offizier der Roten Armee nicht den Nazis ergeben durfte. Herbert, der Freund von Claras Bruder, in den Frühzeiten der DDR Kadett in Naumburg, wird Lebensgefährte von Lena, der Tochter Nataljas. Sie, die Schweigsame, fährt mit dem Bücherbus durchs Land und findet nach dem Tod ihrer Mutter den Vater wieder, der nach der Wende mit seiner Familie als Jude nach Deutschland kommt. Der Aufseher Wilhelm aus Machandel scheint in allen Systemen zu Recht zu kommen. Der Nazi-Anhänger missbraucht nicht nur Jugendliche im Dorf. Um sich seines Opfers Marlene zu entledigen, denunziert er es als unwertes Leben, das dann auch auf dem Schweriner Sachsenberg sein mörderisches Ende findet. Nach dem Krieg findet er rasch neue Verwendung bei den Mächtigen. Neben den Geschichten der Elterngeneration erscheinen die der Kinder, von denen sich mancher der Opposition zuwendet, das Land verlässt. Der Sohn des Sachsenhausenhäftlings und späteren Ministers entdeckt für sich die Fotografie, um zu erfahren, dass er einen guten Blick für die Fotografie aber nicht für den Inhalt habe. Die Gründe, die Motive, die Argumente, die Entscheidungen der Beteiligten werden unbewertet offengelegt, zugleich authentisch, erfrischend offen und hin und wieder beklemmend. Das Buch ist keine Aufarbeitungsgeschichte, sondern ein weltoffenes Buch, das in einem vergessenen kleinen Dorf Geschichten und zugleich Weltgeschichte erzählt, die Geschichte eines vergangenen Jahrhunderts, die bereits heute vielen schon so fremd erscheint. Regina Scheer hat mit ihrem Debütroman ein berührendes Zeitdokument vorgelegt und mit ihm Geschichte aus dem letzten Jahrhundert nahehebracht.

Völkische Bienen?

geschrieben von Thomas Willms

1. März 2015

Historisches und Ideologisches aus der Imkerei

 

Macht man es sich vor einem Bienenstock bequem, kann man über kurz oder lang beobachten wie eine alte und schwache Biene von ihren Geschwistern aus dem Stock gezerrt und ins Gras geworfen wird, wo sie oft noch eine Weile mit ihren Beinchen zappelt. Andere Bienen entsorgen sich gleich selbst, indem sie mit letzter Kraft über das Flugbrett kriechen und sich sterbend in den Abgrund stürzen.

Soviel Selbstlosigkeit im Dienste der Gemeinschaft verleitete die deutschen Imker den sozialen Organismus der Honigbiene mit der Bezeichnung »Staat« oder »Volk« zu adeln. Abgelöst wurde damit die noch Ende des 19. Jahrhunderts gängige Bezeichnung »der Bien«, die heute nur von ganz besonders Exzentrischen in der an stark akzentuierten Persönlichkeiten nicht armen Imkerschaft verwendet wird.

Foto: Imker-Einheitsglas mit Reichsadler. Das ist noch nicht lange her.

Foto: Imker-Einheitsglas mit Reichsadler. Das ist noch nicht lange her.

Die Abwehrhaltung gegen ausländische Konkurrenz brachte in den 1920er Jahren die Losung vom »echten deutschen Honig« und das »deutsche Honig-Einheitsglas« mit einschlägig deutschtümelnder Gestaltung hervor.

Die Entwicklung der Imkerei in der Zeit des Nazismus ist laut Auskunft des Deutschen Imkerbundes nicht erforscht. Klar ist, dass die Imkerei wie andere Bereiche gleichgeschaltet, und ein »Bundesführer Reichsgruppe Imker« eingesetzt wurde. Naheliegend ist die Frage nach der »Arisierung« des Besitzes jüdischer Imker. Das Vermögen eines Imkers steckt in seinen Bienen und ist nur im Verkehr mit anderen Imkern in Geld umsetzbar. Außerdem können Bienenvölker nicht einfach mitgenommen werden. Transportabel sind sie nur im Sommer und eigentlich auch nur von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang. Daraus resultiert eine hohe Erpressbarkeit, sollte ein Imker zur Auswanderung genötigt sein.

Zur gängigen ideologische Metapher für den totalen Staat brachte es das Bienenvolk nicht. Stattdessen kam es zur Verschärfung des Leistungsdenkens in der Imkerei. In Fr. Th. Ottos »Die Grundschule des Imkers« von 1938 heißt es z.B. im Vorwort, die Bienenwirtschaft solle »zum Nutzen unseres Volkes …das herausholen, was möglich ist.« Dazu gehörte, die heimische Bienenrasse (»dunkle Biene«) derart zu dezimieren, dass sie heute nur noch als gefährdete Nutztierrasse vorkommt.

Ein gewisser Härtekult (echter Imker ist man erst, wenn man so oft gestochen wurde, dass es nicht mehr weh tut) und eine Aufopferungsrhetorik (»Er lebte nur für die Bienen.« Zitat aus einem Imker-Nachruf) sind in der stark männlich geprägten Imkerei bis heute geläufig.

Während des Krieges wurde die Imkerei für genügend kriegswichtig gehalten, dass ihr der Rohstoff zur Wintereinfütterung– reiner Zucker – bis ganz zuletzt bereitgestellt wurde. Mit der Niederlage des Deutschen Reiches begann hingegen die dunkle Zeit, wenn es nach den Chroniken der Imkervereine geht. Ohne den vorher vermutlich aus Europa zusammengeraubten Zucker kam es zu einer Bienen-Apokalypse. Die Urangst jedes Imkers, dass das Bienenvolk den Winter nicht überlebt, wurde massenhaft wahr.

Doch damit nicht genug. Ein missglücktes Kreuzungsexperiment führte ungewollt zum Tiefpunkt des Bienen-Ansehens. Der Vormarsch der in Süd-amerika entstandenen und doch recht unangenehmen »Killer-Bienen« schreckte die Öffentlichkeit auf. Kinofilme wie »Terror aus den Wolken« und »Operation Todesstachel« von 1978 taten ihr übriges. Einen nachhaltigen Umschwung, auch bei den Imkervereinen, brachte erst das letzte Jahrzehnt. Heute werden schon vertrauensselige Grundschüler an die Bienenstöcke herangeführt und in die Geheimnisse des Insektenlebens eingeweiht. Insbesondere der erfolgreiche Dokumentarfilm »More than honey« inszenierte die Honigbiene als Globalisierungsopfer. Statt dem Waldsterben gilt die allgemeine Sorge nun dem »Bienensterben« und motiviert Scharen akademischer Hobby-Imkerinnen und Imker (inklusive des Autors) nun die Welt ein bisschen mit dem Stockmeißel retten zu wollen.

Knurrige Alt-Imker wissen manchmal nicht, ob sie sich über das unerwartete frische Blut freuen oder ärgern sollen.

Wen das alles überhaupt nicht interessiert, sind die Honigbienen selbst. Für sie ist der Mensch nichts weiter als ein Hindernis, das es zu umfliegen gilt. Es sei denn, sie halten ihn für ihren Todfeind, den Bären. Und dann wird wie schon immer gestochen, ohne Rücksicht darauf, ob nun böse Kommerzimker oder gute Guckimker am Werk sind.

Was bleibt?

1. März 2015

Gedanken zu einer Ausstellung. Von Regina Girod

 

Eine riesige Menge neugieriger Besucher drängte sich am 23. Januar zur Eröffnung der Fotoausstellung » Lore Krüger Ein Koffer voller Bilder, Fotografien von 1934 bis 1944« in der renommierten Fotogalerie c/o in Berlin. RBB und Deutschlandfunk hatten am Tage mehrfach auf das Ereignis hingewiesen und den ganzen Abend umringten Fotografen und Reporter die Kuratoren –angesichts einer Präsentation von rund einhundert 70 bis 80 Jahre alten Schwarz-Weiß-Fotografien ein ungewöhnlich großes Medieninteresse. Am Wochenende informierte dann sogar die Tagesschau über die Fotoausstellung der »Deutsch-Jüdin« Lore Krüger. Im Vorfeld des 70. Jahrestages der Befreiung von Au-schwitz existierte ein öffentliches Interesse an dieser Ausstellung, um die zwei engagierte Frauen zuvor sechs Jahre kämpfen mussten.

Der Katalog Lore Krüger: Ein Koffer voller Bilder: Fotografien 1934-1944 Herausgegeben vom C/O Berlin Übersetzt von Gillian Morris (deutsch/englisch), Edition Braus, Berlin 2015 168 Seiten, 29,95 Euro

Der Katalog
Lore Krüger: Ein Koffer voller Bilder: Fotografien 1934-1944
Herausgegeben vom C/O Berlin
Übersetzt von Gillian Morris (deutsch/englisch), Edition Braus, Berlin 2015
168 Seiten, 29,95 Euro

Lore Krüger, 1914 als Lore Heinemann in Magdeburg geboren, entstammte einem bürgerlichen Elternhaus mit jüdischen Wurzeln. Gleich nachdem die Nazis an die Macht gekommen waren, verließ sie Deutschland. London, Palma de Mallorca und Barcelona waren die ersten Stationen ihres Exils.1935 ging sie nach Paris und setzte ihre in Barcelona begonnene Ausbildung zur Fotografin bei der Bauhauskünstlerin Florence Henri fort. Lore Krügers Fotos sind seltene Zeitzeugnisse. Sie dokumentieren die Entwicklung einer jungen Frau, der noch alle Wege offen standen, von der politisch engagierten Fotografin bis hin zur Avantgardekünstlerin. Doch die Faschisten zerstörten nicht nur diese Hoffnung. Mit ihrer Flucht in Richtung USA konnte Lore Krüger gerade noch ihr Leben retten.

Eigentlich waren Irja Krätke und Cornelia Bästlein mit Lore Krüger im Gespräch gewesen, die Fotografien aus der Zeit ihrer Emigration zu ihrem 95. Geburtstag zu präsentieren. Doch dann starb Lore und beide fanden lange keine Unterstützer für das Projekt. Umso erfreulicher, dass Lore Krügers Werk nun eine Würdigung erfährt, die sie wohl selbst so nicht erwartet hätte. Denn sie hat ihre Fotos aus Frankreich, Spanien und den USA auf den gefährlichen und ungewissen Wegen ihrer Flucht zwar immer mitgenommen und dann jahrzehntelang in einem Koffer aufbewahrt, doch für historisch oder künstlerisch bedeutsam hielt sie sie nicht. Das mag auch daran liegen, dass Lore Krüger nach ihrer Rückkehr aus den USA in die Sowjetische Besatzungszone aus Krankheitsgründen eine neue Arbeit finden musste, die ihren Kräften und Möglichkeiten entsprach. Sie entdeckte ihre Berufung als Übersetzerin und übertrug fortan Werke von Autoren wie Doris Lessing, Daniel Defoe und Mark Twain für den Aufbauverlag. Und so kannten wir sie dann: als deutsche Stimme von Tom Sawyer und Huckleberry Finn. Als literarische Übersetzerin war Lore Krüger anerkannt. Dass sie in jungen Jahren auch »entartete Kunst mit den Mitteln der Fotografie« geschaffen hatte, hat sie durchaus mit Stolz erzählt. Doch wichtig war es nicht mehr für sie.

Nun sind ihre Fotos öffentlich geworden. Ganz unterschiedliche Aufnahmen, entstanden in den Jahren 1934 bis 1946, werden in der Ausstellung gezeigt. Alles Originale, deren Negative nicht erhalten sind, offensichtlich nur ein schmaler Ausschnitt aus einem Werk, das einmal größer war. Es scheint, als habe Lore von allem etwas retten wollen, was sie als Fotografin versucht und festgehalten hat. So finden sich Stillleben im Stil des Bauhauses und experimentelle Fotogramme aus der Pariser Zeit neben Porträts und Alltagsszenen aus verschiedenen Ländern und Zeiten. Wer Lore Krügers Erinnerungen kennt, weiß, dass sie stolz auf ihre Reportage »Gitanes« war, die 1936 als Auftragsarbeit für eine Agentur aus den USA entstand. Auch für mich sind diese 16 Fotos etwas ganz Besonderes, die eindrucksvollsten Bilder ihrer Schau. Sie zeigen Szenen und Porträts aus dem Wallfahrtsort Saintes-Maries-de la Mer, wo sich im Sommer Sinti und Roma aus ganz Europa trafen und treffen. Lore ist diesen Menschen nahe gekommen. So schöne, lebensvolle Bilder entstehen nur, wenn sich Fotografin und Porträtierte vertrauen. Und natürlich spiegeln sie nicht nur das Leben vor der Kamera, sondern auch die Haltung der Künstlerin dahinter wider. Offenheit und eine große Menschenliebe hat Lore in diese Arbeit eingebracht. Da war sie 22 Jahre alt.

In Paris hat Lore noch eine andere Lebensprägung erfahren. Hier wurde sie Kommunistin. Viele deutsche Emigranten, Intellektuelle, Künstler und Politiker, die vor den Nazis flüchten mussten, lebten in den 30er Jahren in Paris. Im Kontakt mit ihnen fand Lore zum Marxismus und gemeinsam mit französischen und deutschen Kommunisten endlich auch die Möglichkeit, etwas gegen den Faschismus tun. Danach hatte sie gesucht. Unter den neuen Kampfgefährten traf sie auch ihren Mann, den kommunistischen Spanienkämpfer Ernst Krüger. Und dieses Wissen über Lores Leben macht die Ausstellung ihrer frühen Fotos für mich zu Teilen problematisch. Wer den Katalog nicht kennt, verlässt sie in der Überzeugung, das Werk einer bisher unbekannten jüdischen Bauhausfotografin kennengelernt zu haben. Eine »Neuentdeckung«, die nicht nur eine Würdigung enthält, sondern auch eine Abwertung. Eine Abwertung all dessen, was tatsächlich wichtig war in Lores Leben, nämlich Antifaschistin, Internationalistin und Kommunistin zu sein. Das gehörte für sie zusammen und das ist sie immer geblieben

Dafür hat sie ihr Möglichstes getan. Wenn nötig, war sie Hilfskraft, Redakteurin und Übersetzerin in einem, wie bei der Emigrantenzeitung »The German American« in New York. Später hat sie jahrzehntelang für die ehemaligen Häftlingsfrauen des KZ Ravensbrück gedolmetscht und übersetzt. Als nach der Wende in den neuen Bundesländern neue antifaschistische Strukturen entstanden, brachte Lore ihre internationalen Kontakte ein und arbeitete überall mit, ob bei der DRAFD, dem IVVdN oder dem BdA. Auch bei den Spanienkämpfern, die Ihrer Organisation den Namen »Kämpfer und Freunde der Spanischen Republik 1936-1939« gaben, nachdem ihnen Lore von der Gründung eines Vereins mit diesem Namen in Frankreich berichtet hatte.

Vor 20 Jahren sind wir mit Lore nach Frankreich gereist. Sie wollte Gurs noch einmal sehen, das Lager, aus dem sie einst mit Hilfe von französischen Genossen geflüchtet war. Und sie wollte nach Kampfgefährten des deutschen Spanienkämpfers Norbert Kugler suchen, der nach dem Spanienkrieg Offizier in der französischen Résistance gewesen war. Lore hatte alles vorbereitet, korrespondiert, telefoniert und einen Plan aufgestellt. Eine unvergessliche Reise, auch für unseren Sohn, der damals erst elf Jahre war. Gebannt lauschte er den Berichten französischer Männer und Frauen, die Lore nicht nur übersetzen, sondern auch erklären musste. Zurück in Berlin wusste Lore, dass diese Reise in die Vergangenheit auch jungen Menschen etwas geben kann. Und hat sie dann mit über 80 Jahren noch zwei Mal wiederholt – als Bildungstour für junge Antifas aus Friedrichshain. Das war ihr Anspruch: Nicht nur Erfahrungen weiterzugeben, sondern auch Beziehungen zu stiften, in denen dieses Wissen weiter lebt. Und wer hätte das besser gekonnt als sie, die mit so vielen Menschen verbunden war. Wir alle haben Lores exzellente Sprachkenntnisse bewundert. Doch für sie waren sie vor allem eins: Mittel zu dem Zweck, Barrieren abzubauen und Menschen in Beziehungen zu bringen, die sich sonst nicht begegnet wären. Darum ging es ihr ja auch in der Arbeit als literarische Übersetzerin.

Bis ins hohe Alter war Lore eine schöne Frau, schlank und zierlich, das Gesicht umrahmt von dichten weißen Locken. Wenn sie lachte, überschlug sich ihre Stimme. Das war wie ein Markenzeichen, denn Lore lachte oft. Sie war offen, herzlich und charmant, aber auch bestimmt. Als ihre Augen in den letzten Lebensjahren immer schwächer wurden, war das für sie kein Grund, Hilfe anzunehmen. Mit der Bemerkung: »Ich bin schon erwachsen«, beharrte sie auf ihrer Eigenständigkeit, denn so hatte sie gelebt – konsequent und selbstbestimmt. So ist sie ihren Weg gegangen und ihren Idealen von Gerechtigkeit und Menschlichkeit gefolgt. Und so hat sie ihrem kranken Herzen ein bewundernswert erfülltes Leben abgerungen, indem sie tat, was möglich war.

»Lore Krügers Herz schlug immer links«, heißt es lapidar in dem Arte-Film, der im Vorraum ihrer Schau in einer Dauerschleife läuft. Ein Versuch der Übertragung ihrer Lebenshaltung in heutige Begriffe. Er ist nicht falsch. Aber ist er richtig? Wird das ihrem Leben gerecht?

Aus den Landesvereinigungen und Verbänden

28. Februar 2015

Hier finden Sie die Beiträge aus dem Verband sowie aus den Landesvereinigungen Baden-Württemberg, Bayern, Berlin, Hamburg, Hessen, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Sachsen:

AntifaLS_2015_0304

Unser Titelbild

4. Februar 2015

Transparent an der Fassade des Münchner Residenztheaters bei der großen Anti-Pegida-Manifestation im Dezember(siehe auch Seite 6). Foto: Sebastian Gabriel

Transparent an der Fassade des Münchner Residenztheaters bei der großen Anti-Pegida-Manifestation im Dezember(siehe auch Seite 6).
Foto: Sebastian Gabriel

Editorial

geschrieben von Regina Girod

4. Februar 2015

Die Redaktion der antifa wünscht allen Leserinnen und Lesern ein friedliches Jahr 2015. Leider war der Frieden in Europa in den letzten Jahrzehnten nie so bedroht wie im Moment. Deshalb haben wir einen großen Teil dieser Ausgabe der Problematik von Krieg und Frieden gewidmet. Beginnend mit einer »Argumentation zur Haltung unserer Organisation zu den so genannten Friedensmahnwachen« (Seite 3) über ein Interview mit Wolfgang Gehrcke zur Lage in der Ukraine, das die Diskussion zu diesem Thema in den letzten beiden Ausgaben fortsetzt (Seite 8-9), bis hin zu unserem »Spezial«, welches diesmal der Auseinandersetzung mit einer spezifischen Erscheinungsform des deutschen Militarismus gewidmet ist. Doch natürlich spiegelt sich auch der Befreiungstag von Auschwitz, mit dem am 27. Januar die Reihe der Gedenktage im 70. Jahr der Befreiung eröffnet wird, in dieser Ausgabe wider (Seite 22-23). Die Idee für unser »Spezial«, das die heute im deutschen Handel befindlichen militaristischen Zeitschriften unter die Lupe nimmt, verdanken wir dem slowenischen Studenten Žiga Podgornik-Jakil, der sich bei einem Praktikum in unserer Bundesgeschäftsstelle dieser Aufgabe annahm. Mit den Methoden der Anthropologie und seinem unbefangenen Blick von außen hat er dabei Zusammenhänge entdeckt, die auch für uns ganz neu waren. Danke, Ziga für die gute Zusammenarbeit. Den aktuellen Querschnitt militaristischer Zeitschriften haben wir dann noch durch einen historischen Längsschnitt ergänzt, der sich auf die umfangreichen Sammlungen des »Hartmut-Meyer-Archivs« der VVN-BdA stützt (Seiten 13 bis 16). Am 1. März wird der Bundesausschuss im Senatssaal der Humboldt- Universität eine Veranstaltung unter dem Motto: »Unsere Mütter und unsere Väter« durchführen, die sich aus Anlass des 70. Jahrestages der Befreiung dem Thema »Antifaschismus als Generationsaufgabe« widmet. An zwei Mitglieder unserer Gründergeneration erinnern wir auch in dieser Ausgabe, und zwar an Gertrud Müller (Seite 19) und Hans Lauter (Seite 25).

Netzwerk der Antiaufklärer

geschrieben von Cornelia Kerth

22. Januar 2015

Warum die »Mahnwachen« nicht fortschrittlich sind

 

Viel Zustimmung hat uns zu unserer Distanzierung von den »Mahnwachen« erreicht, allerdings vereinzelt auch heftige Kritik. Deshalb scheint uns eine Erläuterung unserer Position geboten.

Die VVN-BdA war stets ein organisierender Teil der Friedensbewegung in der Bundesrepublik Deutschland, von der Re-Militarisierung der Bundesrepublik in den 1950er Jahren bis zu den aktuellen Kriegen und der Vorbereitung der künftigen, z. B. in Kalkar. Dabei war und ist aus unserer Sicht im Kampf um den Erhalt des Friedens die Entwicklung des deutschen Militarismus von zentraler Bedeutung.

Dafür arbeiten wir in breiten Bündnissen mit unterschiedlichen Partnern zusammen. Wir können nicht erwarten, dass alle diese Gruppen unsere Positionen im Detail teilen. Aber wir verlangen ganz klare Positionierung gegen Rechts.

Das ist im Fall der »Mahnwachen« nicht der Fall. Was sich gern als »neue Friedensbewegung« präsentiert, stellt sich bei näherem Hinsehen als Zusammenhang dar, der zwar seit März 2014 öffentlich sichtbar wurde, aber lange zuvor schon als weit verzweigte Community im Netz existierte. Dort haben auch die Hauptredner der sogenannten Bewegung eigene Seiten, auf denen sie ihrer Gefolgschaft die Welt erklären und sich gegenseitig bewerben. Während Lars Mährholz auf »mahnwache.info« Beschlusslagen, eine Proklamation »an alle bestehenden und zukünftigen Friedensmahnwachen dieser Welt« und »Forderungen an die Welt« (darunter natürlich die Auflösung der FED, der »US-Notenbank«) richtet, und Pedram Shahyar unter dem Label »Rebellunit« lange Predigten ans Publikum hält, illustriert die Seite »KenFM« die ganze Bandbreite.

Dort philosophiert Jebsen schon mal über den »Islamischen Staat«, dass sich da vielleicht nur die stets ausgebeuteten Völker zusammengetan haben, um mit einem »Inferno« den »Startschuss zu einer Art Selbstbefreiung« zu geben. Im Dezember ließ er den »Compact«-Autor Gerhard Wisnewski, dessen Bücher im einschlägigen Kopp-Verlag erscheinen, den Bogen einer antiislamischen Verschwörung spannen, die mit Samuel Huntingtons »Clash of Cultures« begann und zu der 9/11 genauso gehört wie »Pegida«. Andererseits tritt Gesprächspartner Udo Ulfkotte (»Gekaufte Journalisten«/Kopp-Verlag) bei »Bogida« als antiislamischer Redner auf.

Wisnewski, Ulfkotte, der Burschenschafter und »Wahrheitssucher« Michael Vogt, der »Gesellianer« Andreas Popp und ähnliche Experten begegnen einem ständig, wenn man sich durch die Seiten klickt, mit denen nicht nur das Führungspersonal, sondern auch die Homepages der einzelnen Mahnwachen verlinkt sind. Als »Alternative Medien« werden neben »Junge Welt« und »RT deutsch« geboten: von »Alles Schall und Rauch«, »Bürgerstimme« und »Contra-Magazin« bis »Wissensmanufaktur«, »Kulturstudio« und »NuoViso« und – selbstverständlich – »Compact«, dessen Autoren einen hohen Überschneidungsgrad mit KenFM-Gästen aufweisen.

Wer all diese Seiten nicht kennt, hat nichts verpasst. Ihr gemeinsamer Nenner ist Antiaufklärung mit Aufklärer-Gestus und Anschlussfähigkeit an Rechtspopulismus und in Teilen an den organisierten Neofaschismus. Immer wieder geht es um die Macht anglo-amerikanischer Banken, um amerikanische (und israelische) Herrschaftsansprüche und Kriegspolitik, um deutsche Politiker, die die deutschen Interessen beidem unterordnen – da ordnen sich sogar die »Chemtrails« ein. Der deutsche Militarismus kommt nicht vor.

Die Links und Hunderte von Kommentaren zeigen klar und deutlich: Es sind nicht einzelne Verwirrte, die sich den Mahnwachen anschließen. Wer im Netz nach Antworten auf Fragen sucht, die in der Vielfalt und Widersprüchlichkeit der Interessen und Wirkungsmechanismen der realen Welt eben nicht so einfach zu finden sind, wird hier »bedient«. Alle Akteure und Medien teilen die Überzeugung, dass Politik und »Mainstream«-Medien »das Volk« belügen, betrügen und »verarschen« (Jebsen).

Die Liste der Gäste bei KenFM ist lang und darunter finden sich neben den Genannten immer Vertreter der Friedensbewegung, Wissenschaftler und Autoren, die eher der Linken zuzurechnen sind. Nicht links – nicht rechts, gemeinsam gegen Banken, gekaufte und verlogene Politiker und Mainstream-Medien, so soll die Botschaft sein. »Für den Frieden« ist ein Etikett, mit dem man für die Friedensbewegung interessant geworden ist. Das kann sich morgen ändern. Die heftige Auseinandersetzung um »Pegida« in der Community lässt das deutlich erkennen.

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