Am Schluss wird geschaufelt

geschrieben von Thomas Willms

11. September 2014

Leporello »Der Erste Weltkrieg« orientiert sich am Teppich von Bayeux

 

Joe Saccos neues Werk »Der Erste Weltkrieg. Die Schlacht an der Somme« stellt die Fans dieses -großen Comic-Künstlers zunächst vor ein Rätsel. Sacco hat zahlreiche Terror-, Kriegs- und Katastrophengebiete der Welt bereist und zu Comic-Reportagen verarbeitet. Er ist berühmt für seine Direktheit und ungeschminkte Härte, für Nahbilder, große Gesichter und Einzelgeschichten, die das große Ganze verdeutlichen. Nichts von alledem findet sich in »The Great War«, das sich mit dem aus britischer Sicher schlimmsten Ereignis des Ersten Weltkrieges, dem Angriff auf die deutschen Stellungen im Bereich der Somme am 1. Juli 1916 beschäftigt. Mit übermäßigem Optimismus im Morgengrauen begonnen, endete er als blutigster Tag der britischen Militärgeschichte mit 57.000 Verlusten, davon fast 20.000 Toten.

Die Horrorszenarien zu diesem Krieg sind aber längst gezeichnet. Jacques Tardis anarchistisch-defätistisches Werk zum Ersten Weltkrieg ist nicht zu übertreffen, mag Sacco sich gesagt haben. Umso erstaunlicher ist aber, dass er auch eine andere ausdrücklich von ihm benannte und hervorgehobene Vorlage nicht angenommen hat. Es ist der bereits 1971 erschienene Band »The First Day of the Somme« von Martin Middlebrook. Die bizarren Details, für die diese Schlacht berüchtigt ist, werden nach diesem u.a. auf zahlreichen Interviews beruhendem Klassiker, zitiert. Die Ausgabe von Fußbällen an die Angreifer, mit denen sie das Niemandsland im Wettstreit überqueren sollten; das Bataillon Neufundländer, das bis heute an der Stelle begraben ist, an der es nahezu vollständig umkam; der Offizier, der ein Geländemodell anfertigte, anhand dessen er exakt die Stelle berechnete an der er umkommen würde; all das und noch viel mehr, hätte zu einer Visualisierung geradezu eingeladen.

Die gestalterische Lösung ist aber eine radikal andere. Es ist ein sieben Meter langes Leporello, das die Vorbereitungen, den Angriff und sein Scheitern aus britischer Perspektive zeigt. Sein Vorbild ist der Teppich von Bayeux, ein grundlegendes Werk europäischer Kunst aus dem 11. Jahrhundert. Der 70 Meter lange Teppich, eigentlich eher ein bestickter Wandbehang für die großen Herrenhäuser, schildert den normannisch-angelsächsischen Konflikt um die Macht auf der Insel, der in der Schlacht von Hastings 1066 kulminierte. Es ist ein Produkt der Sieger, der Normannen. Und doch ist es keine reine Verherrlichung von König Wilhelm dem Eroberer, sondern ausgerichtet auf Fairness und Versöhnung. Harold, der unterlegene angelsächsische König wird als fehlgeleitet, aber trotzdem ehrenwert charakterisiert. 1066 steht für den Beginn der englischen Geschichte und Sprache im eigentlichen Sinn. Den 1. Juli 1916 kann man – zugespitzt – für den Anfang vom Ende des britischen Empire halten, da er die Endlichkeit der eigenen Kräfte zum ersten Mal wirklich deutlich machte.

Saccos gezeichnetes Leporello bringt es auf sieben Meter, die man entweder wie ein Buch durchblättern oder entfalten kann. Hier wie dort ist es eine Bildergeschichte voller Details an Personen, Kleidung, Waffen, Gebäuden, Werkzeugen, Tieren usw.. Doch Sacco fehlen im Gegensatz zu den Frauen, die den Teppich auch mit lateinischen Erläuterungen bestickt haben, die Worte. Was man sieht, wird nur im Begleitheft erklärt. Es ist außerdem eine graue Welt ohne die wunderschönen Farben des Mittelalters.

Der Militärhistoriker würde außerdem einwenden, dass Details fehlen, die das schreckliche Desaster erklärbar machen. Der Gegner wird nicht dargestellt und es gibt auch keine politisch-moralische Einordnung. Vor allem aber fehlt das, was bei vielen Denkmälern zu Kriegen und Terror heute vordringlich ist, das Element des Namengebens. Das Leporello ist hingegen ein Werk der Distanz, akzeptierend, dass wir keine persönliche Beziehung mehr herstellen können. Sacco vermittelt den Respekt gegenüber den Menschen auf eine andere Weise, die eine titanische Arbeit, eine Art von Opfer, erfordert hat. Er konzentriert sich darauf, jeder Figur eine Umrandung zu geben, sie nicht in Andeutungen und Schatten verschwinden, also in der Masse untergehen zu lassen. Und er macht im Gegensatz zum derzeitigen medialen Schlachtengetöse deutlich, dass das Kriegsgeschehen selbst nicht in erster Linie Kampf, sondern zu allererst Arbeit war. Seine Figuren – und es müssen tausende sein – tragen, schieben, ziehen, stopfen usw. usf.. Und am Ende muss vor allem geschaufelt werden, nämlich die Gräber und gehämmert und bemalt, und zwar die Grabkreuze.

Der Bayeux-Teppich hat fast ein Jahrtausend an Kriegen, Plünderungen, Bränden, Umstürzen und Verbrechen und zum Schluss sogar die Deutschen überstanden. Auch Joe Saccos »The Great War« wird noch sehr lange betrachtet werden.

Im Dienst des Antifaschismus

geschrieben von Michael Landmann

11. September 2014

Zum 110ten Geburtstag von Jürgen Kuczynski

Viele kennen ihn als außerordentlich produktiven Wirtschaftswissenschaftler und Historiker, mehrfach nominiert für den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften (zuletzt 1988), als »letzten Universalgelehrten der deutschen Sozialwissenschaften«, als Weltenbürger, bekennenden Marxisten, »hoffnungslosen Optimisten und linientreuen Dissidenten« (Selbstbeschreibung), als streitbaren Denker, Briefeschreiber an seine Urenkel und Autoren witziger Anekdoten, auch als Politiker und »Deutschen jüdischer Herkunft« – Jürgen Kuczynski (17.09.1904 – 06.08.1997). Vergleichsweise selten wird über ihn als einen Antifaschisten gesprochen. 20100621-content.800 Seine wissenschaftliche und publizistische Arbeit während der Weimarer Republik war eng mit dem auf die Verhinderung des Faschismus und eines neuen Krieges gerichteten politischen Kampf der KPD verbunden, deren Mitglied er 1930 geworden war. Er arbeitete in deren Informationsabteilung und als Redakteur der »Roten Fahne«, half antifaschistische Demonstrationen zu organisieren, erarbeitete wirtschaftspolitische Analysen, auch für die sowjetische Botschaft. J. K. und seine Frau entschlossen sich im Februar/ März 1933, den Eltern nicht in die Emigration zu folgen, sondern sich am antifaschistischen Widerstand in Deutschland zu beteiligen. Es folgten fast drei Jahre zunächst noch legaler, dann illegaler Arbeit, angefüllt mit analytischer Arbeit zur wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung im Lande für die Reichsleitung der KPD, sowjetische Institutionen und eigene Veröffentlichungen, mit der Herstellung von Propagandamaterial, dem Verfassen von Zeitungsartikeln, immer wieder bedroht von Hausdurchsuchungen und Inhaftierung. In diese Zeit fiel aber auch eine Reise in die Sowjetunion (1935), die bestehende wissenschaftliche und politische Kontakte zu sowjetischen Institutionen vertiefen half. Schließlich wurde im Januar 1936 eine Emigration unumgänglich. Das Ziel: England. Hier setzte J.K. seine antifaschistische Arbeit unmittelbar fort. Als Politischer Leiter organisierte er den Zusammenhalt und die Arbeit der Genossen vor Ort, unterhielt regelmäßige Kontakte zur Parteiführung in Paris, traf sich dort auch mit anderen deutschen Emigranten zum Gedankenaustausch. Als international bereits bekannter Wissenschaftler war es ihm möglich, im Rahmen der Volksfrontpolitik Verbindungen zu sozialdemokratischen Gruppen in England, Gewerkschaftsorganisationen, der aus Vertretern unterschiedlicher bürgerlicher Schichten gebildeten »Notgemeinschaft deutscher Wissenschaftler« und dem von der Kommunistischen Partei initiierten, aber überparteilich wirkenden »Freien Deutschen Kulturbund«, einer Vereinigung emigrierter Kunstschaffender, herzustellen und auch deren Arbeit publizistisch und durch Vorträge zu unterstützen. Kuczynski arbeitete für den Freiheitssender 29,8, für den er dank seiner internationalen Kontakte auch finanzielle Mittel beschaffte. Er unterstützte politisch die Gruppe um Winston Churchill, die im Unterschied zu anderen Interessengruppen innerhalb der englischen herrschenden Klasse konträr zum Hitler-Regime stand. Nach Ausbruch des Krieges interniert, führte er auch unter diesen Bedingungen seine politische Arbeit unter den internierten deutschen Nazi-Anhängern fort. Er kam durch Intervention amerikanischer Prominenter frei. 1942 meldete sich der als »Atom-Spion« bekanntgewordene Klaus Fuchs aus der Schweiz kommend bei Kuczynski und berichtete von der Arbeit an der neuen verheerenden Waffe. J.K. stellte daraufhin den Kontakt zu seiner Schwester (Ruth Werner) her, die für den militärischen Nachrichtendienst der Sowjetunion arbeitete. Ende 1944 zog die US-Regierung pragmatisch Experten zusammen, unabhängig von deren politischen Bekenntnissen. Das KPD-Mitglied -Kuczynski landete so im Range eines Oberst beim United States Strategic Bombing Survey, beauftragt mit der Analyse der wirtschaftlichen Auswirkungen der alliierten Bombenangriffe und der Aufklärung der Rüstungsproduktion Deutschlands, unter anderem durch Sicherstellung entsprechender Dokumente in Deutschland, wo er noch vor Kriegsende zum Einsatz kam. In Heidelberg nahm er persönlich den I.G.-Farben-Chef Hermann Schmitz fest. Nach der Befreiung beteiligte sich J.K. sofort am antifaschistischen Wiederaufbau – im Juli 1945 hatte ihn der Chef der SMAD zum Präsidenten der Zentralverwaltung für Finanzen ernannt (wovon er auf der Rückfahrt nach London über den Berliner Rundfunk erfuhr). Für den Nebenkläger im Frankfurter Auschwitz-Prozess von 1964, F. K. Kaul, erarbeitete J.K. ein Gutachten über das Zusammenwirken von SS und I.G. Farben beim Aufbau und Betrieb dieses Massenvernichtungslagers und die treibende Rolle des Chemiekonzerns. Das Gutachten wurde seinerzeit mit der Begründung nicht zugelassen, als »von der Sowjetischen Besatzungszone bezahlter Professor« bewege er sich innerhalb der »Grundsätze der kommunistischen SED«, seine wissenschaftliche Methode sei für die Bundesrepublik suspekt.

Öffentliche Eingriffe

geschrieben von Ernst Antoni

4. September 2014

Die Aktionen des Münchner Künstlers Wolfram Kastner

 

Schwer war, obwohl innen hohl, der Bronzekopf. Zu dritt mussten sie anpacken, der Künstler Wolfram Kastner und zwei Freunde, um ihn herunter zu hieven vom Sims an der Klostermauer. Dann betteten sie das Haupt des einstigen Generalfeldmarschalls und Reichspräsidenten erst einmal ins Grüne und der Künstler markierte das rechte Auge der Plastik mit einem Hakenkreuz-Button. Zur Veranschaulichung der Hintergründe und Zusammenhänge der Demontage, die da eben stattgefunden hatte.

Künstler Wolfram Kastner bei der Hindenburg-Erläuterung. Foto: ikufo

Künstler Wolfram Kastner bei der Hindenburg-Erläuterung. Foto: ikufo

Die Hindenburg-Büste stammt aus der Werkstatt des Nazi-Bildhauers Josef Thorak. Vielerorts fand sie während der NS-Zeit Verwendung, nicht zuletzt dort, wo der Mann, der Hitler zur Macht verholfen hatte, mit Ehrenbürgerwürden ausgezeichnet worden war. Im oberbayerischen Dorf Dietramszell, dem Ort unserer Handlung, hatte dies bereits 1926 stattgefunden. Und zwei Monate, nachdem Hindenburg Hitler 1933 zum Reichskanzler ernannt hatte, wurde auch dieser Ehrenbürger des Dorfes.

Als im vergangenen Jahr bekannt wurde, dass diese Ehrenbürgerschaften nach wie vor bestehen, ohne dass sich jemand davon distanziert hätte, rückte die Gemeinde kurzzeitig im In- und Ausland ins Rampenlicht. Hatte sich doch in einer dazu einberufenen Gemeinderatssitzung die Hälfte der Räte gegen den Entzug der Ehrenbürger-Würden ausgesprochen. Zwar wurde dies, als das Ausmaß des Image-Schadens unübersehbar war, in einer späteren Sitzung durch einen einstimmigen Aberkennungsbeschluss revidiert, der Thorak-Hindenburg jedoch blickte weiterhin von der Klostermauer markig ins Dorf. Bis ihn die Kastner’sche Kunstaktion nun, zumindest vorerst, vom Sockel holte.

Der Münchner Aktionskünstler – so nennen ihn die Medien, er selbst meint, er halte es lieber mit Paul Klee, der gesagt habe, Kunst müsse etwas sichtbar machen, das man sonst nicht sieht – hat viel Erfahrung mit veranschaulichenden Eingriffen in den öffentlichen Raum. Sei es durch Herausnahmen oder Umwidmungen dort vorhandener Scheußlichkeiten, meist mit militaristischen und nazistischen Hintergründen, wie hier am Beispiel Hindenburg geschehen, Sei es aber auch durch das Hinzufügen von Objekten und künstlerischen Hinweisen an historischen Orten.

Da gibt es von ihm etwa diese weißen Koffer mit den Namensetiketten, aufgestellt dort, wo jüdische Menschen in die Vernichtungslager verschleppt wurden. Da gibt es den »Brandfleck« auf dem Münchner Königsplatz, das vom Künstler Jahr für Jahr in den Rasen gebrannte Loch zur Erinnerung an die Bücherverbrennung der Nazis, inzwischen verbunden mit Lesungen aus »verbrannten Büchern«, an denen sich Münchnerinnen und Münchner aus unterschiedlichsten »Zusammenhängen« beteiligen. Und noch viele weitere Aktionen quer durch die Lande.

All das hat dem Künstler Kastner im Lauf der Jahre viel Publizität und auch die eine oder andere Ehrung eingebracht, so unter anderem 2011 den »Hans-Frankenthal-Preis« des Internationalen Auschwitzkomitees. Öfter aber kam es zu Interventionen durch Polizei und andere »Ordnungskräfte«, gefolgt von Strafverfolgungen und gerichtlichen Auseinandersetzungen.

Nach öffentlichkeitswirksamen Eingriffen mit einer Schere etwa, mit der Wolfram Kastner bei einschlägigen »Heldengedenk«-Veranstaltungen Kranzschleifen mit »Waffen-SS«-Ehrungen entfernte. Besonderes Kuriosum hier in einem Fall: Die »Tat« hatte auf österreichischem Boden stattgefunden, dort aber wollten die Behörden nicht aktiv werden. Worauf sich prompt eine bayerische Ermittlungsbehörde fand, die sich ans strafverfolgende Handwerk machte.

Im »Fall Hindenburg« sieht es, darf man der regionalen Presse glauben, derzeit anders aus: »Wolfram Kastner hat nach Einschätzung der Staatsanwaltschaft München II keine strafbare Handlung begangen. Sachbeschädigung liegt nicht vor, weil der Bronzeschädel nicht so in Mitleidenschaft gezogen wurde, dass man ihn nicht wieder anbringen könnte. Diebstahl liegt nicht vor, weil er die Büste ja nicht mitgenommen hat. Und auch das Verwenden verfassungsfeindlicher Symbole – Kastner klebte ein Hakenkreuz auf das Auge des eisernen Marschalls – kommt nicht in Betracht. ‚Es geht hier ja um eine Negativdarstellung‘, erklärt Frank Konrad vom Polizeipräsidium Oberbayern. ‚Damit soll die nationalsozialistische Gesinnung nicht verherrlicht, sondern im Gegenteil angeprangert werden.‘»

Solches liest man in vergleichbaren Fällen eher selten. Vielleicht lag es in diesem Falle auch daran, dass der Kommentator der überregionalen Süddeutschen Zeitung seiner Meinung zu Hindenburg-Büste und Kunstaktion eine überzeugende Überschrift gegeben hatte: »Weg mit dem Hohlkopf«.

Titelbild: Aktionstag »Deutsche Stimme abschalten«

25. Juli 2014

Aktionstag »Deutsche Stimme abschalten« am 21. Juni in Riesa (Sachsen) Foto: W. Girod

Aktionstag »Deutsche Stimme abschalten« am 21. Juni in Riesa (Sachsen) Foto: W. Girod

Editorial

geschrieben von Regina Girod

25. Juli 2014

»Ihr Vermächtnis weitertragen« – so lautete das Motto des 5. Bundeskongresses der VVN-BdA, der Ende Mai in Frankfurt tagte. Delegierte und Gäste gestalteten und erlebten gemeinsam einen äußerst erfolgreichen, lebendigen und inspirierende Kongress. In mehreren Beiträgen dieser antifa versuchen wir, Eindrücke und Ergebnisse der Beratungen widerzuspiegeln. Die ausführliche Dokumentation des Kongressverlaufs und seiner Beschlüsse (einschließlich der am 6. Juli vom Bundesausschuss behandelten Anträge, die der Kongress nicht mehr geschafft hatte), findet sich auf unserer website www.vvn-bda.de.

Dass das Weitertragen des Vermächtnisses der Gegner und Verfolgten des Naziregimes künftig neue Herausforderungen bereithalten wird, zeigte sich z.B. bei der Eröffnung der neuen Dauerausstellung der Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin, von der wir auf Seite 30 berichten. Die Tatsache, dass heute nur noch einzelne Verfolgte und Widerstandskämpfer am Leben sind, beflügelt Politiker und Historiker der Bundesrepublik in ihrem Ansinnen, den antifaschistischen Widerstand »ideologisch gereinigt« und historisiert nun auch in das offizielle Geschichtsbild zu integrieren

Die Rede von Bundeskanzlerin Angela Merkel auf der o.g. Eröffnungsveranstaltung ließ bereits aufscheinen, was in dieser Hinsicht zum 70. Jahrestag des Sieges über den Faschismus im nächsten Jahr erwartet werden kann. Mit dem Spezial dieser Ausgabe, in dem Kurt Pätzold den offiziellen bundesdeutschen Umgang mit Geschichte politisch und methodologisch analysiert, möchten wir die Diskussion zu diesem wichtigen Aspekt unserer Arbeit weiter fortsetzen.

Zum Vermächtnis der Gründerinnen und Gründer der VVN gehörte ihr meist lebenslanger Kampf gegen Neofaschismus und Rassismus. Diesen Teil des Vermächtnisses haben wir mit dem Aktionstag »Deutsche Stimme abschalten« am 21. Juni in Riesa erfolgreich aufgenommen. Diese Skandalisierung der unbehelligten Existenz des Hetzverlages der NPD in der sächsischen Provinz war überfällig.

Engagiert und lebendig

geschrieben von Axel Holz und Cornelia Kerth

25. Juli 2014

Der 5. Bundeskongress der VVN-BdA tagte in Frankfurt/Main

 

»Das Vermächtnis weitertragen«, so lautete das Motto unseres Bundeskongresses in Frankfurt/Main. 158 Delegierte und etliche Gäste, die die Landesvereinigungen und Mitgliedsorganisationen mitgebracht hatten, diskutierten am 31. Mai und 1. Juni über die Zukunft der VVN-BdA, über Arbeitsschwerpunkte und die Entwicklung unserer Organisation. Wie wichtig letzteres ist, wurde nicht zuletzt daran deutlich, dass nur noch drei Delegierte der ersten »Zeitzeugen«-Generation angehörten: Steffi Wittenberg aus Hamburg, Uli Rabe aus Rostock und Ernst Grube aus München. Die Delegierten begrüßten sie mit herzlichem Applaus.

Ebenfalls sehr herzlich dankten die Delegierten Heinrich Fink, der nicht wieder für den Vorsitz kandidierte, für seinen jahrelangen kämpferischen Einsatz. Allerdings bleibt uns sein Rat erhalten, denn Heiner Fink wurde mit lang anhaltendem Applaus zum Ehrenvorsitzenden ernannt. Auch Heinz Siefritz, Jürgen Gechter und Richard Häsler kandidierten nicht wieder. Ulrich Sander und unsere alte und neue Schatzmeisterin, Regina Elsner, sind nun die einzig verbliebenen Mitglieder des Sprecherinnenkreises, die selbst noch vor 1945 geboren sind. Die wieder gewählte Vorsitzende Cornelia Kerth, antifa-Redakteurin Regina Girod und der Generalsekretär der FIR, Ulrich Schneider, die beide wieder als Sprecher gewählt wurden, sind ebenso wie der neue Vorsitzende, Axel Holz aus Schwerin, in den 1950er Jahren geboren,

Beinahe zehn Prozent unserer Mitglieder sind erst in den letzten drei Jahren, das heißt seit dem letzten Bundeskongress, zu uns gestoßen und so nahm auch jeder dritte Delegierte zum ersten Mal an einem Bundeskongress teil. Entsprechend engagiert diskutierten alle Teilnehmerinnen in den Tischrunden der Zukunftswerkstatt: Was sind unsere wichtigsten Themen in den nächsten drei Jahren und wie können wir uns zu diesen Themen öffentliches Gehör verschaffen, in die gesellschaftliche Debatte eingreifen? In den Debatten wurde natürlich auch mit den vorliegenden Anträgen gearbeitet, zu denen etliche Konkretisierungen und Ergänzungen in die Antragsdiskussion eingebracht und auch weitgehend beschlossen wurden. Der Moderator der Zukunftswerkstatt, Georg Chodinski, erstellte ein Fotoprotokoll, das nun der Bundesausschuss in seinen nächsten Sitzungen in Hinblick auf die Arbeitsplanung auswerten muss.

Überhaupt wartet auf den Bundesausschuss viel Arbeit: zu den Themen Neofaschismus, zu Geschichtspolitik und Erinnerungsarbeit, Rassismus und Antiziganismus und natürlich zu Friedensarbeit und Kriegsgefahr wurden nicht nur Positionen, sondern auch Aufgaben beschlossen, die es nun umzusetzen gilt. Dazu kommt, dass am Ende einige Anträge nicht mehr in den knappen eineinhalb Tagen diskutiert werden konnten. Das muss der BA in seiner ersten Sitzung erledigen.

Von der Präsentation der neuen Neofaschismus-Ausstellung – besonders vom »Wimmelbild« – waren nicht nur die Delegierten, sondern auch die internationalen Gäste begeistert, die am Vorabend über Neofaschismus und Rechtspopulismus in ihren Ländern gesprochen haben. Anita Baudouin aus Frankreich, Kees van der Pijl aus Holland, David Tucker aus Ungarn und Gregorius Touglides aus Griechenland standen noch ganz unter dem Eindruck der Europa-Wahlergebnisse eine Woche zuvor. Es wurde deutlich, wie dringend es ist, den Austausch zu verstärken und Strategien zu entwickeln, die die Rechtsentwicklung in Europa stoppen können.

Zuletzt noch ein herzlicher Dank nach Frankfurt: P. C. Walther und die Kameraden und Kameradinnen des Kreisverbandes Frankfurt haben mit Engagement und Umsicht dafür gesorgt, dass wir uns auch dieses Mal in Frankfurt, in der »Geburtsstadt« der VVN-BdA, wohlgefühlt haben. Dazu trugen auch die Grußworte des Stadtrats Claus Möbius als Vertreter der Stadt Frankfurt und des Vize-Vorsitzenden des DGB Hessen/Thüringen, Sandro Witt, wesentlich bei.

Wer mehr vom Kongress erfahren möchte, kann einfach unter www.vvn-bda.de »Bundeskongress« nachschauen. Dort gibt es in Kürze auch die beschlossenen Anträge. Wir jedenfalls freuen uns auf die nächsten Jahre gemeinsamer Arbeit.

Dank an Jacob Appelbaum

geschrieben von Thomas Willms

25. Juli 2014

Preisgeld an antifaschistische Organisationen weiter gegeben

 

Jacob Appelbaum 2013 bei einer Demo in Berlin. Foto: Marcus Sümnick

Jacob Appelbaum 2013 bei einer Demo in Berlin. Foto: Marcus Sümnick

Die Journalistenkarriere Henri Nannens, einst einflussreicher Herausgeber des vage fortschrittlichen Magazins »Stern«, wird auch nach seinem Tod noch gefeiert – mit der Verleihung des »Henri-Nannen-Preises« für Journalismus. Begonnen hatte Nannens steiler Weg nach oben als einer von Hitlers Kriegsberichterstattern. Das zu benennen und zu problematisieren, blieb einem der diesjährigen Preisträger, dem Amerikaner Jacob Appelbaum, vorbehalten. Appelbaum hatte den Titel, nebst Nannen-Bronzebüste und Preisgeld, zunächst klaglos angenommen. Später sagte er: »Ich schäme mich dafür, aber ich brachte auf der Bühne kein Wort hervor. Ich spürte, dass ich eine begehrte Auszeichnung erhalten hatte, und gleichzeitig ein Stück von mir dabei verlor. Ich nahm die schwere Metallbüste – Henri Nannens Kopf – mit, und unser Siegerteam feierte, wie man einen solchen Sieg eben feiert.« Nun hat Nannen, könnte man sagen, in seinem Leben als Herausgeber und als Kunst-Mäzen tätige Reue geleistet. Vor allem durch die Henri-Nannen-Kunsthalle in Emden hat er dazu beigetragen einst als »entartet« geltende deutsche Kunst der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Die Preisvergabe ordnet sich aber ein in die aktuelle Version deutscher Großmannssucht: Es ist die peinliche Belobigung von Ex-Tätern bis hin zur Selbst-Auf-die-Schulter-Klopferei, die Bundespräsident Gauck bis zum Erbrechen beherrscht.

Appelbaum entschied sich, die Büste einzuschmelzen und das Preisgeld weiterzugeben und zwar an das »apabiz« in Berlin und die VVN-BdA, zwei Institutionen, die nicht zum Selbstbelobigungs-Netzwerk gehören. Dafür geriet er prompt wiederum unter Druck. Die VVN-BdA bedankte sich bei Appelbaum und wertete seine Geste als wichtiges historisch-politisches Statement und als Anerkennung unserer Vereinigung.

Eine neue Friedensbewegung?

25. Juli 2014

Antifa-Gespräch mit Peter Strutynski vom Bundesausschuss Friedensratschlag in Kassel

antifa: Die Frage Krieg und Frieden hat sich in den vergangenen Monaten deutlich zugespitzt. Die Konflikte finden nicht mehr nur in Asien oder Afrika statt, sondern nähern sich bedrohlich Europa, insbesondere in der Ukraine. Viele Menschen in unserem Land sind beunruhigt. Im Verhältnis zu dieser zunehmenden Kriegsgefahr scheint die Friedensbewegung recht leise zu sein. Liegt das möglicherweise an Problemen der Einschätzung zum Konflikt in der Ukraine?

Dr. Peter Strutynski

Dr. Peter Strutynski

Peter Strutynski: Wir müssen hier unterscheiden: Es gibt nicht DIE Friedensbewegung, sondern viele einzelne Organisationen, die ihre jeweiligen Schwerpunkte und – gewiss auch – in Nuancen unterschiedliche politische Einschätzungen haben. Ich kann daher nur für den Bundesausschuss Friedensratschlag und mit ihm für zahlreiche Basisfriedensinitiativen sprechen. Wir haben in verschiedenen Stellungnahmen deutlich gemacht, dass die Verantwortung für die Krise in der und um die Ukraine beim Westen zu suchen ist, insbesondere im jahrelangen Bemühen von EU und NATO, die Ukraine in das westliche Lager zu bringen und Russland zu schwächen. Dafür lässt der Westen in der Ukraine auch mal fünfe gerade sein und toleriert die faschistischen Kräfte in der ukrainischen Übergangsregierung, die sich ganz offen auf ihre antisowjetischen und antisemitischen Wurzeln beziehen. Wir haben sowohl bei den Ostermärschen als auch anlässlich des Tags der Befreiung am 8. und 9. Mai und bundesweit am 31. Mai Aktionen gemacht, mit denen wir auf diesen Skandal aufmerksam machten. Für uns gilt: Keine Toleranz gegenüber Faschos! Und Sicherheit in Europa nur mit und nicht gegen Russland!

antifa: Eine große Mehrheit der deutschen Bevölkerung spricht sich in Befragungen gegen Auslandseinsätze aus. Bundespräsident Gauck hat jedoch nichts Eiligeres zu tun, als für mehr Kriegseinsätze der Bundeswehr im Ausland zu plädieren. Wie reagiert die Friedensbewegung darauf?

Peter Strutynski: Es ist ja nicht nur Gauck. Ähnliche Brandreden haben auf der Münchner Sicherheitskonferenz auch Außenminister Steinmeier (SPD) und Verteidigungsministerin von der Leyen (CDU) gehalten. Das Problem ist, dass die dahinter stehende Strategie, Auslandseinsätze zur Verteidigung wirtschaftlicher Interessen (»unsere« Rohstoffe und freie Handelswege) durchzuführen, schon seit dem Ende der Blockkonfrontation in den Verteidigungspolitischen Richtlinien und den Weißbüchern der Bundesregierung formuliert wird. Aus diesem Grund ist die Bundeswehr zu einer »Armee im Einsatz« umgebaut worden. Die Friedensbewegung macht seit Jahr und Tag dagegen Front – und kann sich dabei auf den Mehrheitswillen der Bevölkerung stützen.

antifa: In einigen Städten finden in diesem Zusammenhang so genannte »Montagsdemonstrationen« statt, die sich von den traditionellen Gruppen der Friedensbewegung abwenden und sehr widersprüchliche »Bündnisse« darstellen, von Anhängern rechtspopulistischer Parteien bis hin zu nationalistischen Gruppen, aber auch pazifistischen Verbänden. Sind diese »Montagsdemonstrationen« ein Zeichen der Umorientierung oder eher ein Versuch einer »Ein-Punkt« Querfront-Strategie?

Peter Strutynski: »Pazifistische Verbände« als Bündnispartner der Montagsdemos habe ich bisher eigentlich nicht entdecken können. Zahlreiche Berichte über Teilnehmer und Reden bei diesen Montagsdemos haben mich in meiner kritischen Haltung bestätigt. Für die Friedensbewegung muss gelten, dass es keine Gemeinsamkeit mit Rechtsradikalen und Querfront-Ideologen geben kann – wie »offen« oder »unpolitisch« diese sich auch geben. Ich habe nie richtig verstanden, dass manche Friedensfreunde und Politiker der Linkspartei in diesen Demos die Chance für eine »neue« Friedensbewegung glauben sehen zu müssen. Allerdings: Die Montagsdemos sind in einer Situation eingefädelt worden, in der die Friedensbewegung tatsächlich mobilisierungsschwach ist. Die richtige Antwort von uns sollte sein: Selbst mehr Aktivitäten zu entfalten und sich wieder verstärkt in der Öffentlichkeit zu zeigen.

antifa: Neben den realen Kriegen beteiligt sich die deutsche Regierung an der Vorbereitung vieler weiterer Kriege – die Rüstungsexporte insbesondere in diktatorische Regime oder »unsichere Staaten« sind im vergangenen Jahr in ungeahnte Höhen gestiegen. Wie kann die Friedensbewegung auf diese Form von Kriegspolitik antworten?

Peter Strutynski: Generell: Die Friedensbewegung wirkt in erster Linie aufklärerisch. Zum Rüstungsexport gibt es die ganz klare Position: Stopp aller Waffenexporte! Wir müssen sehen, dass der ver-stärkte Export von Waffen, und militärischem Know-how zu den tragenden Säulen der neuen Strategie der Bundesregierung gehört. Sie will damit Regimes, die aus geopolitischen Gründen für Deutschland interessant sind, in die Lage versetzen, sich besser am Kampf gegen den »Terrorismus« zu beteiligen. In der neuen Afrika-Strategie der Bundesregierung und in anderen Dokumenten wird das mit »Ertüchtigung« umschrieben. Unsere Antwort darauf muss in der Intensivierung der Kampagne gegen Waffenexporte einschließlich der Rüstungsproduktion sowie der Aufklärung über die wahren imperialen Absichten der Regierung oder der EU oder der NATO bestehen.

Rechtsruck in Europa

geschrieben von Martin Schirdewan

25. Juli 2014

Konzepte gegen einen neuen Nationalismus sind gefragt

 

Die Befürchtungen haben sich leider bestätigt. Am 25. Mai 2014 haben sich die Wählerinnen und Wähler in der Europäischen Union für einen starken Rechtsruck entschieden. Schockierende Spitzenwerte erzielten dabei die Parteien der äußersten Rechten in Frankreich (Front National mit 24,9 %), Dänemark (Dansk Folkeparti mit 26,6 %) und Großbritannien (UKIP 26,7 %). Deutlich verbessert oder auf hohem Niveau stabilisiert haben sich die Rechtsparteien in Österreich (FPÖ 19,7 %), Schweden (Schwedendemokraten 9,7%), Griechenland (Goldene Morgenröte 9,4 %), Finnland (Wahre Finnen 12,9 %) und Ungarn (Jobbik 14,7 %). Dass sich kein einheitliches Bild eines allgemeinen Rechtsrucks ergibt, liegt an den zeitgleichen Verlusten der Parteien der äußersten Rechten in den Niederlanden, Bulgarien, Belgien und Italien.

Dennoch werden im Gesamtergebnis die Faschisten, Neonazis, Rechtspopulisten und wohlstandchauvinistischen Europaskeptiker in großer Zahl zukünftig die Ressourcen, die ihnen das Europäische Parlament zur Verfügung stellt, nutzen, um von innen heraus anzugreifen, was als Antwort auf die katastrophale Politik ihrer ideologischen Vorväter und Vormütter entstanden ist.

Ein Treppenwitz der Geschichte? Ja und nein. Ja, eben weil sich in der EU mit der Ablehnung der EU und Rückbezug auf den Nationalstaat nehmend ein neuer Nationalismus ausbreitet, der die Demokratie in Europa vor die größte Herausforderung seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges stellen dürfte. Scheitert die EU, droht auch das Projekt einer Friedensunion zu scheitern. Natürlich – und das sollte jede und jeder anerkennen – war die Gründungsgeschichte der Vorgängerorganisationen der EU durchaus neben dem Friedensmotiv immer auf das Engste mit ökonomischen Interessen verbunden. Gerade im Zuge der verheerenden internationalen Wirtschafts- und Finanzkrise, die sich vor allem in den Ländern des europäischen Südens bemerkbar macht, sind nationale ökonomische Egoismen wieder verstärkt zum Bezugspunkt der politischen Debatte geworden. Die Parteien der äußersten Rechten laden diesen Diskurs mit meist unverhohlenem Rassismus auf. Ein Europa der (an den Nationalstaat gebundenen) Völker ist ihr Ziel. Dass es den Parteien der äußersten Rechten vorerst nicht gelungen ist, eine gemeinsame Fraktion zu bilden, verdeutlicht, dass es innerhalb dieses Lagers dennoch erhebliche inhaltliche und strategische Unterschiede zu geben scheint. Dazu in den kommenden Ausgaben der antifa mehr.

Und nein, es handelt sich um keinen Treppenwitz der Geschichte. Hier kehrt nicht als Farce zurück, was es einst schon gab. Vor den europäischen Antifaschist_innen steht nun die Aufgabe, sich mit einer hochmodernen extremen Rechten auseinanderzusetzen. Eine Rechte, die einerseits einen neoliberalen Kapitalismus predigt und befördert und andererseits einen grundsätzlich antiliberalen, antidemokratischen gesellschaftlichen Kurs fährt: gegen Migrantinnen und Migranten, gegen die Gleichstellung Homosexueller, gegen ein modernes Frauenbild, gegen alles und jede(n), die irgendwie anders sind. Und auf beiden Konfliktlinien sollten sich Antifaschisten den Rechten entgegenstellen. Im Kampf für eine solidarische europäische Gesellschaft, die die Kosten zur Bewältigung der Krise nicht auf die Schwächsten in Griechenland, Spanien, Portugal etc. abwälzt, sondern die Ursachen bekämpft. Und im Kampf für eine Gesellschaft, in der die würdevolle Existenz aller in Gleichberechtigung garantiert ist.

Abschließend ein Blick nach Deutschland: Mit dem NPD-Abgeordneten Udo Voigt ist erstmals ein wegen Volksverhetzung vorbestrafter deutscher Rechtsextremist in das Europäische Parlament eingezogen. Eine Schande! Mehr bleibt da nicht zu sagen. Und mit der AfD, die insgesamt sieben Abgeordnete in das EP entsendet und sich dort mit den britischen Tories zusammen geschlossen hat, hat die deutsche Euro- und Europafeindlichkeit eine neue Stimme gefunden.

Der Druck, den die AfD entfalten könnte, wirkt unmittelbar auf ihre politischen Konkurrenten. Einer der schrecklichsten Momente der Wahlkampagne der zurückliegenden Monate war die Aussage des Spitzenkandidaten der SPD, Martin Schulz, er sei ein – so wörtlich – »deutscher Patriot«. Na ja, wenn’s hilft…

Die Wahlen vom 25. Mai 2014 lehren: Solange die Ursachen der sozialen Zerklüftung Europas nicht behoben werden, solange wird die europäische Demokratie akut gefährdet sein durch erstarkende Rechtsaußenparteien. Es gilt der alte Brecht: Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.

Antifaschismus bleibt Feindbild

geschrieben von P.C. Walther

25. Juli 2014

Der Verfassungsschutz biegt sich die Realität zurecht

 

Das Bundesamt für Verfassungsschutz hat wieder einmal einen Bericht vorgelegt, diesmal den für 2013. Wie immer bemüht es sich darin, seinem politischen Auftrag nachzukommen und seine Existenzberechtigung (und damit die Sicherung seiner Existenz) nachzuweisen.

In den Vordergrund rückten Innenminister de Maiziere und VS-Chef Maaßen bei der Vorstellung des Berichts den erneuten »Anstieg fremdenfeindlicher Gewalttaten«, den »enormen Anstieg linksextremistischer Gewalttaten« und die Islamisten, von denen »die größte Gefahr« ausgehe. Der Neofaschismus wird dabei geradezu zweitrangig.

Über die fremdenfeindlichen Gewalttaten äußerte sich der Minister »sehr besorgt«. Was er natürlich nicht ansprach, ist der Umstand, dass gerade auch von Regierungs-Politikern immer wieder von »Asylmissbrauch«, »bedrohlicher« Zuwanderung usw. geredet und so der neonazistischen Hetze zugearbeitet wird.

Was den »Anstieg linksextremistischer Gewalttaten« betrifft, so rühren diese vor allem daher, dass engagierte Nazigegner von vornherein zu »Extremisten« gestempelt und Proteste gegen Neonazis und Naziaufmärsche als »Gewalttaten« bezeichnet werden, weil sie »Verstöße gegen das Versammlungsgesetz«, »Widerstand gegen die Staatsgewalt« und dergleichen »Straftaten« einschließen. So wird der Widerstand gegen Neonazis, zu dem in Sonntagsreden immer wieder aufgefordert wird, kriminalisiert und das Feindbild Antifaschismus weiter gepflegt. Dem dient auch der innenministerielle Auftrag zur Erstellung einer »Studie über den Linksextremismus«.

Ebenso zweckgebunden ist das Verhältnis zur »islamistischen Bedrohung«. Von den im VS-Bericht angeführten 43.000 Islamisten würden allein 31.000 zur islamischen Gemeinschaft Milli Görüs gehören, die in Deutschland noch nie durch Gewalt aufgefallen sei, erklären Islam-Experten. Ohne also den autoritären und nationalistischen Charakter von Milli Görüs bestreiten zu wollen, zeigt sich auch hier, wie sich der beamtete Verfassungsschutz die Dinge für seine Zwecke zurechtbiegt.          

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