Leserbrief: Eindrücke aus Israel

geschrieben von Margalith Pozniak, Hamburg (in Israel geboren und aufgewachsen)

15. September 2014

Wie ich das Land vor dem Gazakrieg erlebte

 

Im Mai diesen Jahres habe ich wieder meine Familie besucht, mein Vater und meine Schwester wohnen in einem Kibbuz auf den Karmel-Bergen. Die ersten Tage dort waren erst der Erinnerungstag für die Jüdischen Opfer des 2. Weltkriegs, der Tag danach war der Unabhängigkeitstag von 1948.

Meine Schwester und ihr Mann haben das ganze Haus und die Terrasse mit israelischen Fahnen geschmückt. Im Fernsehen hat man 3 Tage lang die Armee, Heldentaten von Soldaten und die Eroberung Palästinas sowie das ganze Arsenal von modernen Waffen und deren Wirkung gegen den Feind gezeigt. Für mich war das eine Qual; ich hatte das Gefühl, dass Israel nur aus Waffen und Militär besteht. Natürlich gibt es auch das andere Leben dort, es lag für mich aber zuviel Nationalismus in der Luft.

Nach paar Tagen bin ich nach Jerusalem gefahren. Dort habe ich einen Bekannten aus meiner Jugendzeit in Israel besucht. Er ist Rechtsanwalt und Richter geworden. Er holte mich am Bus- Bahnhof ab und wir fuhren zu seinem Haus. Ich habe gemerkt, dass es ziemlich weit war und habe ihn gefragt, wo er wohnt. Er sagte: »Pisgat seev«; ich wusste, dass dieser Ort eine Siedlung in Ost- Jerusalem ist. Die Siedlung ist sehr groß, hat eine Einkaufsstraße und eine Straßenbahn, die vom Zentrum Jerusalems bis in diese Siedlung führt. Pisgat seev war vorher ein palästinensischer Ort mit Namen Ras a-Tawill. Mein Bekannter sagte zu mir: »nein, das gehört zu Israel«, obwohl ich rund herum arabischen Häuser gesehen habe. Das kann man erkennen, weil die arabischen Häuser auf den Dach schwarze Wasserbehälter und die israelischen Häuser weiße haben. Wieder erklärte er mir, dass die Araber kein Wasser von Israel haben wollen. Sie müssen für teures Geld das Wasser kaufen, und das wollen sie nicht, sie wollen das Wasser von der palästinensischen Behörde haben. Es stimmt, dass alle wenig Wasser haben. Er hat in seinem Garten Kunstrasen und nur zwei Obstbäume, die nicht viel Wasser brauchen; auch in Haushalt sparen sie Wasser.

Nachmittags hatte er mich durch die Mauer auf die arabische Seite gefahren. Wir konnten eine Straße nur für Israelis passieren ohne zu stoppen. Die Palästinenser haben andere Straße, wo sie nicht einfach durchfahren können. Sie werden von der Armee stark kontrolliert. Wir sind in einen Falafel-Laden gegangen, einen Meter vor der Mauer und dort haben wir Falafel gegessen. Ich wollte Fragen stellen, aber es ging nicht. Ich sagte nur, dass ich das schlimm finde, diese acht Meter hohe Mauer und noch Stacheldraht oben drauf. Er sagte: »Das ist gut so, da haben wir weniger Selbstmord-Attentäter«.

Wir sind kurz weiter gefahren und in eine Einkaufsstraße gekommen, wo richtig schöne Läden waren und ein riesiger Supermarkt mit allem, was das Herz begehrt. Wir waren die einzigen Israelis. Er ist in einen Laden reingegangen um leckere Lebensmittel zu kaufen für das Abendessen, er sprach perfekt Arabisch. Ich habe gemerkt, dass der Verkäufer nicht so begeistert war von uns. In Kürze: Mein Bekannter wollte mir zeigen wie gut es die Palästinenser haben. Es stimmt, dass es auch Reiche gibt, und dass sie in Israel bleiben wollen. Ein paar Meter weiter war aber ein palästinensisches Lager, das sehr verkommen aussah. Ich wollte da rein gehen, er sagte: »Wir können da nicht rein, denn sie werden uns dort schlachten«. Es ist alles so nah beieinander, kaum zu glauben.

Ich habe meine Meinung nicht geäußert. Es hat keinen Zweck, denn er glaubt wirklich, dass Israel im Recht ist. Für die meisten Israelis sind die Araber und Muslime ganz allgemein alle Terroristen, die die Welt erobern möchten. Israelis merken gar nicht mehr, dass sie rassistische Sprüche von sich geben wie: Ein guter Araber ist nur ein toter Araber, oder Tod den Arabern und noch mehr.

Was ich noch schlimm fand, ist, dass die Orthodoxen zugenommen haben. Man sieht sie überall, sogar in Orten wo vor ein paar Jahren keine waren.

Es gibt aber auch Menschen, die für Frieden sind und gegen die Regierung Netanjahu und gegen den zugenommenen Rassismus und den Krieg kämpfen. Es gibt sogar Rabbiner für Frieden. Es gibt Soldaten, die von schrecklichen Erlebnissen erzählen oder eine Gruppe von palästinensischen und israelischen Familien, die Angehörige verloren haben und gemeinsam gegen Krieg sind. Leider sind die meisten Israelis gegen sie. Die sind blind und wollen auch nichts wissen. Sie haben kein Mitgefühl außer mit sich selbst.

Ich muss sagen, dass ich dieses Mal keinen guten Eindruck gewonnen habe. Rassismus wächst auch gegen Flüchtlinge aus dem Sudan und gegen andere Minderheiten, die nach Israel gekommen sind. Die Religion ist groß geworden, das Leben ist schwer. Es gibt viele junge Familien, die nicht mehr mit ihrem Geld auskommen und viele Schulden haben, die die Eltern für Sie bezahlen müssen, sogar für Essen. Es gibt auch sehr reiche Menschen, das Land hat einen hohen technologischen Lebensstandard. Das Land ist voller Gegensätze.

Die Erinnerung verteidigen

geschrieben von Kamil Majchrzak

15. September 2014

Ada Zuravska kämpfte in der 1. Polnischen Armee gegen die Faschisten

Ada Żurawska wurde 1923 im ostpolnischen Kąkulówka bei Rzeszów als sechstes von sieben Geschwistern geboren. Ihre Eltern lebten von der Landwirtschaft, starben jedoch früh, noch vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges. Am 17. September 1939 besetzten die Sowjets Ostpolen, es begann die »Ent-Kulakisierung«. Die ganze Familie wurde enteignet. Wie viele andere der in drei Deportationswellen nach Sibirien verschleppten 320.000 bis 800.000 Polen musste die damals 16-Jährige Ada Zwangsarbeit leisten. Sie arbeitete zunächst in einer Kupfermine. Als am 22. Juni 1941 der deutsch-sowjetische Krieg ausbrach, hofften die Polen in den Lagern, dass ­dies ihr Schicksal ändern würde. Am 30. Juli 1941 wurde zwischen dem sowjetischen Botschafter Iwan Majski und dem polnischen Premierminister in London, Władysław Sikorski, ein Abkommen geschlossen, in dessen Folge die verschleppten Polen amnestiert wurden. Bereits am 14. August erging ein Dekret zur Formierung der Polnischen Streitkräfte in der Sowjetunion. »Mein Schwager meldete sich im November 1941 als Freiwilliger zur Armee von General Władysław Anders und kämpfte später bei der Schlacht am Monte Cassino.« Nach der Amnestie ging Żurawska ohne ihre Schwestern Richtung Süden in die Tscheljabinsker Oblast und arbeitet dort in einer Kolchose.

Foto: Andreas Domma

Foto: Andreas Domma

Im April 1943 rief ihr ein älterer Arbeiter, der für Post zuständig war: »Ich habe Dir eine polnische Zeitung gebracht!«. Sie war überglücklich, als sie einen Artikel der polnischen Kommunistin Wanda Wasilewska, der Vorsitzenden des Bundes der Polnischen Patrioten (ZPP) in der UdSSR über die Formierung der 1. Tadeusz Kościuszko-Division in Sielce am Fluss Oka lass. Diese war später als einzige polnische Division neben der Roten Armee am Sturm auf Berlin beteiligt. Sie ließ sich mobilisieren und gelangte mit anderen jungen Frauen im Mai 1943 nach Sielce, wo sie dem Selbständigen Frauen-Bataillon »Emilia Plater« der 1. Polnischen Armee zugewiesen wurde.

Ende September 1943 schloss Żurawska eine Unteroffiziersausbildung ab und wurde anschließend auf die Offiziersschule in Rjasan geschickt. Sie wurde Kompaniechefin der Schützen des legendären Frauen-Bataillons. Ihre Kameradinnen wurden Zug- und Kompanieführer rein männlicher Einheiten. Danach begannen die Kämpfe im Smolensker Land sowie in der Ukraine.

Nach dem Krieg studierte Ada Zurawska in Krakau Jura und arbeitete als Staatsanwältin. Obwohl sie sich sofort nach dem Krieg auch frauenpolitisch engagierte, nahm sie erst Anfang der 1970er Jahre den Kontakt zu ehemaligen Kameradinnen auf. Beim ZBoWiD, der heutigen Kombattanten-Vereinigung ZKRP i BWP gründete sie die Gruppe der Kombattantinnen der 1. und 2. Polnischen Armee, welche die Interessen der Soldatinnen vertreten sollte und die Erinnerung an ihren antifaschistischen Kampf bewahrt. Wie wichtig diese erinnerungspolitische Arbeit werden sollte, erlebten die Soldatinnen in den 1990er Jahren. Die Beschimpfungen und Attacken auf die Frauen, die an der Ostfront ihr Leben aufs Spiel gesetzt hatten, waren unsäglich. 1993 gelang es Żurawska, eine Erinnerungstafel in der Warschauer Feld-Kathedrale der Polnischen Streitkräfte zu Ehren der Emilia-Plater-Frauen anzubringen. Zehn Jahre dauerte der Kampf gegen die rechtskonservative Stadtverwaltung in Warschau, damit endlich auch eine Straße in Warschau den Namen der Plater-Kämpferinnen tragen durfte. Die Stadtoberen des Stadtteils Praga Süd weigerten sich und behaupteten, dass die Plater-Frauen nicht als Befreierinnen, sondern als Besatzerinnen aus Russ­land nach Warschau kamen.

Nach einem sechs Jahre dauernden Prozess wegen Verleumdung der Plater-Frauen gelang es der mutigen und rüstigen Żurawska, den antisemitischen und rechtsextremen Schreiberling Henryk Piecuch gerichtlich zum Schweigen zu bringen. Dank des Engagements von Ada Żurawska wurde auch die Kontaktaufnahme und der Beginn eines Versöhnungsprozesses mit ehemaligen Partisaninnen der Heimatarmee (AK) möglich. Gemeinsam mit der Fallschirmspringerin der AK, Elżbieta Zawadzka von der Stiftung »Archiv und Museum der Pommerschen AK« in Toruń, bemühte sich Żurawska um die Vereinigung aller kämpfenden Frauen. In diesem Rahmen wurden mehrere Geschichts-Symposien organisiert, Publikationen vorbereitet und umfangreiche Zeitzeugen-Erinnerungen von mittlerweile 2000 Kämpferinnen gesammelt. Ein Prozess der aufgrund der russophoben Geschichtspolitik gesellschaftlich noch lange nicht abgeschlossen ist. Gemeinsam mit Hania Szelewicz setzt sie sich seit Jahren auch für die sozialen Belange der Soldatinnen ein.

Die ehemalige Kompaniechefin des Frauen-Bataillons »Emilia Plater« lebt heute in Krakau. Erst im April 2014 nahm sie im Jewish Comunity Centre in Krakau gemeinsam mit Hania Szelewicz von der 2. Division der 1. Polnischen Armee, die auch an der Befreiung des KZ Sachsenhausen beteiligt war, an einem Zeitzeugengespräch für deutsche Antifaschisten teil, die zuvor die Gedenkstätte Auschwitz besucht hatten.

In der Hölle von Gusen

geschrieben von Waltraud Bierwirth

15. September 2014

Erinnerung an die Opfer der Zwangsarbeit für Messerschmitt

 

»Gusen ist der richtige Ort, um den Wert des Lebens zu verstehen.« So sagt es einer der Zeitzeugen, der »der Hölle von Gusen« entkam. Von 71 000 KZ-Gefangenen starb mehr als die Hälfte. »Es war das KZ mit den höchsten Todesraten«, meinen Historiker. Alljährlich wird in einer Gedenkfeier im Mai in dem idyllischen Dorf in Oberösterreich der Ermordeten und Geschundenen gedacht. Unter dem Decknamen »Bergkristall« wurden hier ab August 1944 in kilometerlangen Stollenanlagen für das Regensburger Messerschmittwerk Teile des Düsenjägers ME 109 und ME 262 gefertigt.

Nur einen Steinwurf weit von der Schnellstraße nach Linz, die KZ-Gefangene bauten, steht das »Memorial Gusen«. Direkt neben den Fundamentresten des ehemaligen Krematoriums, wo etwa 30 000 der im Konzentrationslager Gusen verstorbenen Häftlinge verbrannt wurden. Blass und sichtbar aufgeregt tritt dort Stanislaw Leszcinski ans Mikrophon und berichtet, wie es war, als er mit dem Trupp von etwa 400 polnischen Gefangenen im KZ Gusen eintraf: »Der Lagerkommandant Franz Ziereins sagte zur Begrüßung: ‚Das Essen reicht für euch für drei bis vier Wochen. Wenn einer länger lebt, heißt das, er stiehlt. Er wird in die Strafkompanie versetzt und dort lebt man kürzer.« Wie sich das »Sterben vor Hunger« in den grausamen Einzelheiten vollzog, schildert der fast 90-Jährige in dürren Fakten.

Seit zehn Jahren erst gibt es das »Memorial Gusen« und die Dauerausstellung, die in vielen Zeugnissen von den Verbrechen berichtet. Das sprichwörtliche Gras des Vergessens sollte nach der Befreiung im Mai 1945 über den Schauplatz des Schreckens wachsen. Die Holzbaracken, die Leichenhalle, das Krematorium, der Folterkeller wurden beseitigt. Es entstand eine Siedlung von Ein- und Zweifamilienhäusern mit Gärten. Auf der blutgetränkten Erde wuchsen Gemüse und Salat. In die festen Ziegelbauten der SS, in das Jourhaus der Lagerkommandantur, in das Bordell mit den Zwangsprostituierten aus dem KZ Ravensbrück zogen Siedler mit Kindern ein. Sie beseitigten alles, was irgendwie an das KZ erinnerte. Doch die Geschichte des Ortes, die Erinnerung an das Foltern und Morden, war nicht zu löschen.

Die Rückholung aus dem »Vergessen« geschieht gerade noch rechtzeitig. Zu Lebzeiten von Zeitzeugen und KZ-Überlebenden, die die Mauern des Schweigens durchbrechen. Einer der wenigen, die aus Deutschland zur Gedenkfeier nach Gusen kommen, ist seit 15 Jahren der Regensburger Antiquar Reinhard Hanausch. Seine Forschungen über die Zwangsarbeit beim Messerschmitt-Konzern führten ihn zu Gusen und »Bergkristall«. Am Düsenjäger-Bau wirkten einige hundert Messerschmitt-Fachkräfte mit, für die das NS-Verdikt »Geheime Kommandosache« auch nach dem Krieg Bestand hatte. In den Stollen von Gusen ließen tausende von KZ-Gefangenen ihr Leben. Nicht selten entschied die Bewertung der Zwangsarbeit durch Vorgesetzte über Leben und Tod.

Eine Ausnahme bildete die Begegnung zwischen dem Regensburger Vorarbeiter Karl Seider und dem polnischen KZ-Häftling und Maler Frantisek Znamirowski. Ein anrührendes Zeugnis davon ist ein Album mit zehn farbigen Aquarellen, das der Maler unter dem Titel »Gut gesinnt…« 1944 fertigte und seinem Vorarbeiter zum Geburtstag schenkte. Dieses Album entdeckte Reinhard Hanausch zwischen Büchern eines Nachlasses, forschte weiter und kam der Identität und dem Schicksal des Künstlers auf die Spur. Der Maler von Gusen, Frantisek Znamirowski, hatte überlebt. Seine zehn Aquarelle stehen im Mittelpunkt einer Ausstellung »Überleben durch Kunst«, die in Regensburg konzipiert und dort in der Staatlichen Bibliothek präsentiert wurde. Nach drei Ausstellungsorten in Polen und kürzlich in Berlin soll sie im nächsten Jahr in der Gedenkstätte des KZ Mauthausen gezeigt werden.

»Bis heute wesen die Messerschmitt-Legenden vor allem im Internet fort. Eine historisch-kritische Biographie über den skrupellosen ‚genialen Flugzeugbauer‘ sucht man indes vergebens«, schreibt Hanausch im Buch zur Ausstellung. Nach wie vor dominiert das Bild des »Luftfahrt-Pioniers«, der bis zu seinem Tod 1978 mit öffentlichen Ehrungen überhäuft wurde und nie auf einer Anklagebank als Nazi-Kriegsverbrecher saß, obwohl er mit verantwortlich für den Tod zehntausender KZ-Häftlinge und Zwangsarbeiter war. Den Namen des Hitler-Verehrers und überzeugten Nazis Messerschmitt tragen bis heute Straßen in Regensburg und Augsburg, ein Flugzeugmuseum und eine millionenschwere Stiftung in München.

Der Sommer der Partisanen

geschrieben von Ulrich Schneider

15. September 2014

Eine Erinnerung an den bewaffneten Kampf gegen die deutschen Okkupanten

Die sich deutlich abzeichnende militärische Niederlage des deutschen Faschismus und seiner Verbündeten, die nicht nur im Vormarsch der anglo-amerikanischen Truppen in Italien und durch die Eröffnung der Zweiten Front mit der Invasion in der Normandie im Juni 1944 sichtbar wurde, sondern insbesondere auch im Vormarsch der sowjetischen Truppen an der Ostfront, führte im Sommer 1944 zu einem enormen Aufschwung der Partisanentätigkeit in den verschiedenen vom Faschismus okkupierten Ländern. Die Besatzungsmächte, die Wehrmacht, die SS oder Einsatzgruppen reagierten auf diese Zunahme mit verschärftem Terror, der sich in den berüchtigten Massakern von Oradour in Frankreich, von Distomo in Griechenland oder St‘Anna in Italien zeigte. Und diese drei Orte stehen nur exemplarisch für zahllose Verbrechen an der Zivilbevölkerung in den besetzten Ländern. Doch trotz oder gerade wegen des brutalen Vorgehens wurde der Partisanenkampf zu einer Massenbewegung, die in koordinierter militärischer Aktion begann, die Okkupanten anzugreifen. Im August 1944 spielten sich in diesem Rahmen drei herausragende Ereignisse ab. Am 1. August 1944 begann in Polen unter der Leitung der Armia Krajova (AK = Heimatarmee) die Erhebung in Warschau. Militärisch gesehen war der Zeitpunkt recht ungünstig, da sich die Truppen der sowjetischen Armee noch deutlich auf der östlichen Weichsel-Seite befanden. Als die Kämpfer der AK losschlugen, befanden sich die vorgerückten Spitzen der Roten Armee in ihrer Arrondierungsphase, d.h. sie warteten darauf, dass das Hauptkontingent der Einheit sich wieder mit ihnen vereinigen konnte. Diese Zeit des Stillstandes nutzten die faschistischen Einheiten, einen militärischen Gürtel aus starken SS-Einheiten zwischen die aufständischen Kräfte in der Stadt und die Truppen der Roten Armee zu legen. Der Widerstand der AK gegen die militärische Übermacht der deutschen Einheiten war heroisch, letztlich jedoch nicht erfolgreich. Am 3. Oktober 1944 mussten die Einheiten der AK kapitulieren. Die Bilanz war erschreckend: Mindestens 15.000 Kämpfer der AK kamen ums Leben. Durch Granatenbeschuss, Bombardierung und Strafaktionen der deutschen Truppen nach der Kapitulation wurden über 100.000 Zivilisten ermordet, die Stadt selbst fast vollständig zerstört. Bekanntlich begann die AK den Aufstand, ohne sich mit der sowjetischen Seite abzusprechen. Ziel der Kämpfer der AK war es, die Stadt Warschau vor den heranrückenden Einheiten der Roten Armee zu übernehmen und daraus einen Machtanspruch für die zukünftige Gestaltung Polens abzuleiten. Da sie scheiterten, erlebte das Land bis Ende der 40er Jahre massive innenpolitische Kämpfe, die bis in die heutige Zeit zu ideologischen Auseinandersetzungen führen. Während in Warschau gekämpft wurde, folgte Mitte August 1944 der Aufstand in Paris. Auch hier waren die Rahmenbedingungen vom Vormarsch der militärischen Einheiten der Alliierten bestimmt. Vor den Kämpfen organisierte die französische Résistance einen Generalstreik, der die Versorgung – auch der Okkupationskräfte – massiv beeinflusste. Am 19. August begannen die Kämpfer mit dem offenen Aufstand. Da die Hauptkräfte der faschistischen Truppen die Stadt bereits verlassen hatten, konnten kleinere Einheiten der Résistance durch Barrikaden, durch Angriffe auf Einrichtungen der Besatzer und durch Sabotage an Militärfahrzeugen und Transportinfrastruktur erfolgreich die Handlungsfähigkeit der deutschen Truppen behindern. Sie hatten den nach Paris vorstoßenden alliierten Verbänden nichts mehr entgegenzusetzen. Der Widerstand – an dem sich auch deutsche Antifaschisten in den Reihen der Résistance beteiligten– überzeugte den Stadtkommandanten Dietrich von Cholditz, Paris am 25. August 1944 den Truppen des »Freien Frankreichs« unter Jaques Philippe Leclerc, einem kommunistischen Résistance-Kämpfer, kampflos zu übergeben. Der Einzug der weiteren alliierten Verbände in Paris gestaltete sich in den folgenden Tagen unter dem Jubel der Bevölkerung zu einem wahren Triumphzug. Die Erinnerung an dieses Datum wird alljährlich unter großer Anteilnahme zelebriert. Vier Tage nach der Befreiung von Paris begann wiederum im südöstlichen Frontabschnitt ein weiterer Versuch, die eigene Heimat von der faschistischen Besatzungsmacht zu befreien, der Slowakische Nationalaufstand (SNP), über den bereits in der letzten Ausgabe der antifa berichtet wurde. Die Taten der Partisanen sind tief im kollektiven Gedächtnis der Völker verankert- als nationaler Beitrag zur Befreiung der eigenen Heimat vom Faschismus. Dass dies – wie das Beispiel des Warschauer Aufstandes zeigt – auch in Abgrenzung zur Hauptmacht der Anti-Hitler-Koalition geschehen konnte, schmälert nicht deren Bedeutung aus der Perspektive des europäischen Widerstandskampfes.

Deutschland und der 1. Weltkrieg

geschrieben von Jörg Wollenberg

15. September 2014

Was in der neue Kriegsschulddebatte unbeachtet blieb

 

Einhundert Jahre nach dem »Ausbruch« einer »Urkatastrophe« taucht in den Medien die alte Frage wieder auf: Wie steht es um die deutsche Schuld am Ausbruch des Ersten Weltkrieges? Ein Buch steht dabei im Zentrum der Diskussion: »Die Schlafwandler« – Ein deutschnationaler Bestseller (Arno Klönne) aus der Feder des australischen Historikers Clark, der belegt, dass die Sichtweise auf 1914 offensichtlich nach wie vor strittig ist. Eine neue Kriegsbücherflut ist die Folge jener alten Frage nach den »Lehren aus der Geschichte«. Ein erinnerungspolitisches Thema mit aktueller Bedeutung, ohne dass dabei die Gutachter zur Dolchstoßlegende zu Wort kommen, die früh und lange vor Fritz Fischers »Griff nach der Weltmacht« von 1961 die Schuld der deutschen Militärs und politischen Eliten als Verursacher des Weltenbrandes von 1914 nachgewiesen haben.

Die Schlafwandler - Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog. Christopher Clark, 2013, 896 Seiten, 41,20 Euro

Die Schlafwandler – Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog. Christopher Clark, 2013, 896 Seiten, 41,20 Euro

Dagegen unterstützt die offizielle deutsche Politik mit Bundespräsident Gauck heute die neu-alte deutschnationale Sichtweise, die die Kriegsschuldfrage von 1914 »europäisiert«, Wir erleben eine Neuauflage der vor 90 Jahren vom englischen Außenminister Lloyd George aufgestellten These, das Deutsche Reich sei in den Ersten Weltkrieg »hineingeschlittert«, nicht anders als seine Verbündeten wie auch seine Gegner. Hinter dieser Schlitterpartie der Schlafwandler verbirgt sich eine geschichtspolitische Weichenstellung: Der Versuch der Konservativen, die in den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts noch missglückte Deutungshoheit über die deutsche Geschichte nach dem von Fritz Fischer ausgelösten Historikerstreit zurück zu gewinnen. Außerdem bieten sich Bezüge zu gegenwärtigen internationalen Konflikten an.

So kritisierte der Bundestagsabgeordnete der CSU Peter Gauweiler die westliche Ukrainepolitik als »gefährliche Kraftmeierei« und fragte warnend: »Wollen wir ein neues 1914?« Postwendend denunzierte der stets westlich orientierte Historiker Heinrich August Winkler diese und ähnliche Positionen in einem Spiegel-Essay als »Russlandversteher«, dem prominente »Putin-Versteher« wie Erhard Eppler oder Klaus von Dohnanyi entgegentraten. Unübersehbar ist, dass die Erinnerungsfeiern von zahlreichen Repräsentanten der politischen Eliten, den »Kritikern aus Beruf«, dazu benutzt werden, um mit dem Blick auf aktuelle Konflikte im Nahen Osten und in der Ukraine den folgenreichen Schandfleck der deutschen Politik von 1914 zu entsorgen und unter dem Vorzeichen eines integralen Nationalismus den Prozess der Entliberalisierung der politischen Kultur in Deutschland zu fördern.

 

Ideen und Ziele von 1914

Erinnern wir deshalb noch einmal an das »Vorbild« von 1914, das in der Kontrastierung der »Ideen von 1914« mit denen von 1789 kulminierte. Dieses Intellektuellenprodukt förderte 1914 den anschwellenden Chauvinismus und Antisemitismus in Deutschland. 3016 »deutsche Bekenner«, die der »Erklärung der Hochschullehrer des Deutschen Reiches« vom 16. Oktober 1914 gefolgt waren, verkündeten: »Unser Glaube ist, dass für die ganze Kultur Europas das Heil an dem Sieg hängt, den der deutsche Militarismus erkämpfen wird, die Manneszucht, die Treue, der Opfermut des einträchtigen deutschen Volkes.« Überheblich proklamierten Dichter und Denker zu Kriegsbeginn: »Serbien muss sterbien« und »Jeder Stoß ein Franzos; jeder Tritt ein Brit; jeder Schuss ein Russ«. Eine imponierende Reihe von Schriftwerken entstand als Folge der Kriegsbegeisterung. Mit dabei als Kriegsbefürworter waren neben prominenten Vordenkern wie Ernst Jünger, Thomas Mann, Adolf von Harnack oder Friedrich Meinecke auch Politiker aus den Reihen der noch geeinten SPD und Vorstandsmitglieder der Generalkommission der Gewerkschaften. Zeitgleich dazu veröffentlichten völkische und antisemitische Gruppen der »Alldeutschen« gigantische Annexionspläne, u.a. mit der Ukraine als »Kornkammer Deutschlands«. Und Walther Rathenau legte als führender Repräsentant der deutschen Elektroindustrie (AEG) schon am 7. September 1914 eine Denkschrift an den Reichskanzler vor, in der wünschenswerte Kriegsziele Deutschlands in einer globalisierten Welt festgehalten wurden: »Die Zukunft zeigt uns den Aufstieg des angelsächsischen und den des östlichen Wirtschaftskörpers; es ist die Aufgabe, den alt-europäischen zu verwalten und zu stärken« und gleichzeitig zur politischen und wirtschaftlichen Deklassierung Frankreichs und Englands beizutragen: »Mitteleuropa geeinigt unter deutscher Führung« blieb sein Projekt auch im Dienst der Weimarer Republik, bis der assimilierte Jude und Mitgründer der liberalen DDP 1922 Opfer der Demokratiefeinde von rechts wurde. »Der Feind steht rechts« verkündete Reichskanzler Joseph Wirth vom katholischen Zentrum nach dem Mord an Rathenau; eine Einschätzung, die sich verhängnisvoll nicht erst 1933 bestätigte.

 

Entschiedene Kriegsgegner

Grund genug, um noch einmal an jene Kriegsgegner zu erinnern, die schon 1914 verfolgt und nach 1919 ermordet wurden oder, wenn sie nicht rechtzeitig ins Exil gingen, 1933 im Konzentrationslager landeten. Zum Beispiel Erich Mühsam, der als »Anarchist, Antimilitarist, Feind der nationalen Phrase, als Antipatriot und hassender Kritiker der Rüstungsfurie« (so seine Selbstcharakterisierung im Tagebuch vom 4. August 1914) zeitlebens ausgegrenzter Schriftsteller. Er plädierte mit Heinrich Mann Ende August 1914 für die »Gründung eines ›Internationalen Kulturbundes gegen den Krieg‹.« Ohne Rücksicht auf die Verschiedenheit der Weltanschauungen und Parteien sollten sich alle zusammenfinden, die »den Krieg unter allen Umständen als kultur- und menschenunwürdig ansehen. Anarchistische und sozialdemokratische Antimilitaristen müssten sich also – natürlich bei voller Wahrung ihrer verschieden Ansichten – überwinden, sich mit bürgerlichen Pazifisten und selbst Klerikalen zu verbünden. Ganz besonders müsste bei Frauen-Organisationen geworben werden, da bei den Frauen aller Schichten naturgemäß der gefühlsmäßig tiefste Abscheu gegen die Scheußlichkeit des Kriegs vorausgesetzt werden kann«. So Erich Mühsam in einem Brief an Karl Liebknecht am 5. Dezember 1914, verbunden mit den Glückwunsch »zu Ihrer mannhaften Demonstration im Reichstag, die mich und außer mir viele, die sich nicht aussprechen mögen, mit lebhafter Freude und Sympathie erfüllt«. Der engagierte Kriegsgegner und Verteidiger der Münchener Räterepublik von 1919 beteiligte sich an allen »Kampfkomitees« gegen den aufkommenden Nationalsozialismus, die ihn früh als »meistgehassten Roten« verfolgten, ihn noch in der Nacht des Reichstagsbrandes verhafteten und schließlich am 10. Juli 1934 im KZ Oranienburg von der SS ermorden ließen.

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Ein ähnliches Schicksal erlebte der Arzt, Philosoph und Schriftsteller Theodor Lessing (1872-1933), den die Nationalsozialisten als ersten Deutschen im Ausland am 30. August 1933 in Marienbad ermorden ließen. Wie Erich Mühsam war er zu Kriegsbeginn 1914 wegen seines »undeutschen« Aussehens von den Massen bedroht worden, die im August 1914 in wahre Hysterie geraten waren und überall Spione witterten und Russen ins Land kommen sahen. Er musste um sein Leben fürchten. Durch den drohenden Kriegsausbruch und das Versagen der SPD »an den Nerven krank und dem Zusammenbruch nahe« wollte er, wie Rosa Luxemburg, Hand an sich legen. In den Tagebuchnotizen vom 2. August 1914 schildert Lessing, wie er sich in ein Sanatorium bei Goslar begibt und bei der Ankunft auf dem Bahnhof vom Stationsvorsteher verhaftet wurde, »weil man mich für einen Russen hielt…Schon an den vorigen Tagen hatte man in Hannover 14 Russen als vermeintliche Spione erschossen… Russisch oder überhaupt nur fremdländisch aussehende Männer und Frauen wurden bei der Mobilisierung auf den Straßen angefallen und misshandelt.« Lessing flüchtete unmittelbar nach Kriegsausbruch als Arzt in ein ambulantes Lazarett, um seiner militärischen Dienstpflicht zu entgehen und dennoch mutig ab Herbst 1914 Vorträge zu »Krieg und Not« und »Krieg und Armut« im kleinen Saal der TH Hannover zu halten – geboren »aus jener Stimmung von Schmerz, Scham und tiefen Menschenekel, die eine kleine Schar Einsamer und Unzeitgemäßer aus allen Ländern zusammenschmiedete, in dem selben Augenblick, wo Europas Menschen – allen voran die führenden Geister– im großen Flammenrausch des Vaterlandes zu Verzückungen politischen Machtwillens entbrannten«.

 

Gegen die Kriegsschuldlügen

Am Tag nach der Wahl Hindenburgs zum Reichspräsidenten (1925) verletzte ein junger Pazifist aus den Reihen der Jungsozialisten ein weiteres nationales Tabu: Der 23-jährige assimilierte Jude Walter Fabian veröffentlichte im Auftrag der Deutschen Liga für Menschenrechte und der Deutschen Friedensgesellschaft ein Buch zur Kriegsschuldfrage und zu dem vom »Kriegsschuldreferat« des Auswärtigen Amtes stilisierten »Schandparagraphen«, dem Artikel 231 des Versailler Vertrags. Er verstieß damit gegen die zentrale Lebenslüge der Weimarer Republik. Ebenfalls 1925 legte der jüdische Staatsrechtler Herrmann Kantorowicz sein »Gutachten zur Kriegsschuldfrage 1914« vor – im Auftrag des parlamentarischen Untersuchungsausschusses für die Schuldfragen des Ersten Weltkrieges verfasst. Es durfte unter Druck des Auswärtigen Amtes nicht veröffentlich werden. Kantorowicz, 1929 Nachfolger des Reichsjustizministers Gustav Radbruch auf dem Lehrstuhl für Strafrecht in Kiel, war den schlimmsten Anfeindungen ausgesetzt. Im Juni 1967 hielt dazu der zum Bundespräsidenten gewählte Sozialdemokrat und Kriegsgegner Gustav Heinemann im Geleitwort zur Erstveröffentlichung des Gutachtens fest: »Kantorowicz hatte es gewagt, das damals im Deutschen Reich fast Undenkbare zu denken, schriftlich zu fixieren und gegen eine demokratisch verfasste Obrigkeit zu verfechten. Er ist daran zerbrochen und anschließend in die Fremde getrieben worden.«

Als der Staat »Rot« sah

geschrieben von Hans Canjé

11. September 2014

Dominik Rikoll hat eine umfassende Studie zum »Staatsschutz« vorgelegt

 

Das ist ein großer Bogen, den der wissenschaftliche Mitarbeiter am Lehrstuhl für Neuere und Neuste Geschichte an der Friedrich Schiller Universität Jena da mit seiner Arbeit schlägt. Sie lasse, so der Verlag in seiner Werbung für das Buch mit dem Untertitel »Von der Entnazifizierung zur Extremistenabwehr«, als »quellennahe Untersuchung zu diesem Themenkomplex«, die »Geschichte der ‚freiheitlich-demokratischen Grundordnung’ in bisweilen ungewohntem Licht erscheinen.«

Die Anmerkung trifft zumindest für die nach 1989 betriebene Geschichtsschreibung zu, laut der die Alt-BRD von unbefleckter Geburt war und alles, was bis dahin im Geltungsbereich der FDGO geschehen war, den Lehren der reinsten Demokratie entsprochen hat.

Dominik Rikoll: »Staatschutz in Westdeutschland. Von der Entnazifizierung zur »Extremistenabwehr«. Wallstein Verlag, 525 Seiten, 39,90 Euro

Dominik Rikoll: »Staatschutz in Westdeutschland. Von der Entnazifizierung zur »Extremistenabwehr«. Wallstein Verlag, 525 Seiten, 39,90 Euro

»Als der Staat Rot sah« wäre, liest man alles, was der Autor tatsächlich »quellennah« zusammengefügt hat, ein möglicher alternativer Titel. Standen doch die Kommunisten in all den Jahren, da der »Staatsschutz« mit all dem, was da über Verfassungsschutz, Polizei, Justiz und den diversen »Abwehrdiensten«, kurz mit Legislative, Exekutive und Judikative existierte, im Mittelpunkt staatsschützenden Handelns. Das begann unter dem Deckwort »Antitotalitärer Konsens« mit dem »Adenauererlass« von 1950. Damit kamen schon die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD) und die »Vorfeldorganisationen« wie die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) auf den Index; ihre Mitglieder im Staatsdienst wurden entlassen. Mit dem 1. Strafrechtsänderungsgesetz von 1951 (Blitzgesetz) wurde erklärtermaßen die »Waffe geschmiedet, um im Kalten Krieg zu bestehen«. Im selben Jahr konnten durch das 131er-Gesetz all die Vollstrecker des faschistischen Regimes wieder auf ihre Plätze zurückkehren, deren sie 1945 in Erfüllung des Potsdamer Abkommens der vier Alliierten enthoben worden waren. Von dieser » Reintegration« profitierten etwa 200.000 Offiziere, Beamte und Richter, die kein Problem mit der neuen Ordnung hatten; sie standen Mann für Mann für die »streitbare Demokratie«, die Adenauer ausgerufen hatte und schwangen kräftig das Schwert. Ihre Teilnahme an der neuen Verfolgung der Kommunisten war, wie der Autor konstatiert, nicht zuletzt darauf zurückzuführen, dass die in Justiz und Sicherheitsbehörden dominierenden braunen Eingegliederten ein »materielles Interesse« daran gehabt hätten, »die einzige politische Gruppierung von Relevanz mundtot zu machen, die weiterhin in aller Öffentlichkeit aus der NS-Belastung eines Beamten […] dessen mangelnde Eignung ableitete«. Rikoll verweist auf die Auflistung dieser »Interessierten« im »Braunbuch« der DDR. Er zitiert den damaligen hessischen Generalstaatsanwalt Fritz Bauer, der den Bundesgerichtshof als »Traditionskompanie des Reichskriegsgerichts« bezeichnet hatte.

Das hier etwas unterbelichtete KPD-Verbot von 1956 (»das vor dem Hintergrund der Wiederbewaffnung und auf einem der Höhepunkte des Kalten Krieges gefällt worden war«) als eines der folgenreichsten Instrumente nicht nur gegen KPD-Mitglieder, der gescheiterte Verbotsprozess gegen die VVN, die Neuauflage des »Adenauerlasses« von 1950 in Gestalt der Berufsverbote oder auch »Extremistenbeschluss« von 1972 weist der Autor mit zahlreichen Beispielen und vor allem von kritischen Organisationen mit statistischem Material belegt, als weitere Stationen auf dem Weg zur Einschüchterung, der Erziehung zum Duckmäusertum und der Gesinnungsschnüffelei nach.

Die umfangreiche Arbeit (525 Seiten) ist tatsächlich quellenah und es verblüfft, was da alles schon in den Ruch der »Verfassungsfeindlichkeit« bringen konnte: eine Unterschrift gegen Fahrpreiserhöhungen oder für den Bau eines Kindergartens. An einigen Stellen ist Rikoll ein wenig dicht an »Quellen« aus den Häusern ehemals Gauck oder Knabe dran. Da »scheint« manches oder »dürfte sein« oder »anscheinend«. Doch das schmälert nicht den Wert dieses Buches, das all denen zur Lektüre empfohlen sein kann, die mehr über die jene FDGO wissen möchten, der ja nun auch die Bürger diesseits der Elbe in Treue fest zu dienen verpflichtet sind.

Das Eigene und das Fremde

geschrieben von Regina Girod

11. September 2014

Alojzy Twardeckis Bericht über seine »Germanisierung« und Repolonisierung

 

Auch Jahrzehnte nach dem Sieg über den deutschen Faschismus sind längst nicht alle von ihm verübten Verbrechen aufgeklärt und im Gedächtnis der Völker verankert. Zu den schlecht erforschten und heute kaum noch erinnerten Aspekten des nationalsozialistischen Zivilisationsbruchs gehört die unter der kruden Wortschöpfung »Rückvolkung« vollzogene Verschleppung von Kindern fremder Völker ins deutsche Reich mit dem Ziel ihrer »Umerziehung« und »Eindeutschung«. Obwohl Kinder aus allen von den Deutschen besetzten Ländern davon betroffen waren, fand ihr Schicksal lange Zeit wenig Beachtung. Dabei handelt es sich um eines der schwersten, ausgedehntesten und folgenreichsten Verbrechen des Nazi-Regimes. Allerdings wurde es auch systematisch verschleiert. Die Kinder erhielten eine neue Identität, man bemühte sich, alle Spuren ihrer Herkunft zu tilgen.

Alojzy Twardecki, »Die Schule der Janitscharen« (übersetzt von Christoph Koch, Peter Lang Verlag Frankfurt 245 Seiten, 24,90 Euro

Alojzy Twardecki, »Die Schule der Janitscharen« (übersetzt von Christoph Koch, Peter Lang Verlag Frankfurt 245 Seiten, 24,90 Euro

Angesichts des deutschen Rassenwahns erscheint die »Eindeutschung Fremdvölkischer« heute eher als absurde Idee. Doch sie kann als Beispiel dafür gelten, dass die Ideologie des Faschismus seinen ökonomischen und Machtinteressen folgte. Das 1942 im »Generalplan Ost« vorgesehene »Germanisierungsgebiet« umfasste Weißrussland, die Ukraine, das Baltikum (ohne Litauen), Russland bis zum Ural, die Krim sowie Böhmen und Mähren. Von den dort lebenden Völkern sollten bis zu 51 Millionen »rassisch Unerwünschter« erst nach Westsibirien verbracht und dann durch Hunger und Arbeit vernichtet werden. Dem stand eine viel zu geringe Zahl »germanischer Siedler« gegenüber, die den neu eroberten Raum besetzen konnte. Also musste »deutsches Blut« auch unter fremden Völkern ausgemacht werden. Als Kriterium für sein Vorhandensein wurde das »rassische Escheinungsbild« (blond, blauäugig, nordisch) herangezogen, ergänzt durch ein psychologisches Ausleseverfahren.

Die rassische Scheidung von Deutschen und »Rückdeutschungsfähigen« auf der einen und »Fremdstämmigen« (z.B. Polen) und »Fremdblütigen« (z. B. Juden) auf der anderen Seite wurde mit weitreichender Konsequenz vor allem in Polen praktiziert, das deshalb auch die größte Zahl von Opfern zu beklagen hatte .Die Schätzungen schwanken zwischen 150 000 und 220 000 geraubten polnischen Kindern. Die Verantwortung für dieses Verbrechen trug das Rasse- und Siedlungsamt der SS.

Dass deutschsprachige Leser nach mehr als 70 Jahren mehr über dieses Kapitel erfahren können, verdanken Sie der Tatsache, dass der Pole Alojzy Twardecki Mitte der 60er Jahre im Alter von 30 Jahren einen Bericht über seine Kindheit und Jugend verfasste. Sie begann nach seiner Erinnerung in einem deutschen Waisenhaus, in dem er in der Überzeugung aufwuchs, er sei der Sohn eines deutschen SS-Offiziers, der von polnischen Partisanen ermordet wurde und seine Mutter wäre bei seiner Geburt gestorben. Eindrücklich beschreibt er die faschistische Erziehung, die schon aus kleinen Kindern glühende deutsche Patrioten und Militaristen machte. Eine Familie aus Koblenz, der Vater hoher NSDAP-Funktionär, nahm den kleinen Alfred an Kindes Stelle an. Bis 1949 lebte er dort ein normales deutsches Leben – als guter Schüler, von seiner Familie geliebt und mit vielen Bekannten und Freunden verbunden. Auch nach der Niederlage des Faschismus war sein Denken (wie das der meisten Deutschen in seiner Umgebung) immer noch stark von faschistischer Ideologie geprägt.

Dass diese Welt für ihn zusammenstürzte, verdankt er seiner Mutter, Malgorzata Twardecka, die die Suche nach ihrem von den Deutschen geraubten einzigen Kind nie aufgegeben hatte und durch einen Zufall den deutschen Namen ihres Sohnes herausbekam. Es folgte eine heute kaum vorstellbare Schlacht zwischen deutschen und polnischen Behörden sowie der internationalen Flüchtlingsorganisation, die mit der Rückführung geraubter Kinder beauftragt war. Am Ende entschied sich der 16-Jährige Alfred aus sehr persönlichen Gründen, eine Einladung der Frau anzunehmen, die behauptete, seine Mutter zu sein. In seinem Bericht beschreibt er den darauf folgenden schwierigen Erkenntnis- und Veränderungsprozess, der ihn am Ende dazu brachte, seine polnische Identität zu akzeptieren und sein weiters Leben in Polen zu verbringen.

Ein unglaubliches Zeitdokument! Dass wir es, wenn auch mit großer Verspätung, jetzt kennenlernen konnten, verdanken wir der Hartnäckigkeit und Weitsicht des Sprachwissenschaftlers Christoph Koch, der den Bericht Twardeckis bereits vor 40 Jahren (!) ins Deutsche übersetzte, doch nie einen Verlag dafür fand. Jetzt ist er bei Peter Lang erschienen, eingeleitet durch ein umfangreiches Vorwort Kochs, in dem er die historischen Umstände des faschistischen Kinderraubs ebenso beleuchtet wie die Leerstellen der Forschung in diesem Bereich. Viele Dokumente ergänzen das Ganze. Christoph Koch, seit vielen Jahren Vorsitzender der Deutsch-Polnischen Gesellschaft, vermittelt den Lesern mit diesem Buch einen tiefen Einblick in die Komplexität und Widersprüchlichkeit von Geschichte. Für deren Verständnis ist vielleicht erst jetzt die Zeit gekommen.

Nicht nur für Jugendliche

geschrieben von Janka Kluge

11. September 2014

Erinnerungen und Dokumente zum Thema Jugend im Faschismus

 

Der Jugendbuchverlag Arena hat in seiner ambitionierten Reihe »Bibliothek des Wissens« ein Buch über den Alltag von Jugendlichen im Dritten Reich vorgelegt. Die Autorin Anja Tuckermann hatte sich zuvor bereits in verschiedenen Romanen und Biographien mit dem Schicksal jugendlicher Sinti beschäftigt.

Um verständlich zu machen, was in den Jahren zwischen 1933 und 1945 geschehen ist, beginnt sie das Buch 1914 mit einem Auszug aus dem Tagebuch der zwölfjährigen Piete. Das Mädchen wächst mit ihrem Bruder bei ihren Großeltern in Schneidemühl, einer Grenzstadt zu Polen, auf. Auf Wunsch ihrer Mutter, die in Berlin lebt und arbeitet, führt sie ein Tagebuch. Als sie nach einem Jahr mit dem Schreiben aufhören will, sagt ein Freund zu ihr: »Sie müssen weiterschreiben. Zeugen müssen sein. Wenn ein neuer Krieg kommt, wird man diesen ganz vergessen.«

Dieser Satz, geschrieben von der inzwischen Dreizehnjährigen, steht wie ein Motto über dem Buch. Anja Tuckermann hat Briefe, Tagebücher, aber auch Dokumente aus der Hitlerjugend gesammelt und zu einem sehr lesenswerten Buch verarbeitet. Die zwölf Jahre Herrschaft des deutschen Faschismus werden am Beispiel verschiedener Jugendlicher und junger Menschen dargestellt. Die Autorin beschränkt sich aber nicht nur auf die Schilderung in Deutschland, sie bezieht auch Verfolgung und Widerstand in den besetzten Ländern ein.

Anja Tuckermann, »Ein Volk, ein Reich ein Trümmerhaufen«, Arena Verlag, Würzburg, 2013, 10,99 Euro

Anja Tuckermann, »Ein Volk, ein Reich ein Trümmerhaufen«, Arena Verlag, Würzburg, 2013, 10,99 Euro

Gleich zu Beginn wird aus den Tagebuchaufzeichnungen von Lili Hahn zitiert. Im Februar 1933 schrieb die achtzehnjährige Journalistin für eine Zeitung in Frankfurt eine Kritik über ein Klavierkonzert. Einer der beiden Pianisten war Jude. Der Chefredakteur rief sie zu sich und sagte ihr, »sie hätte schreiben müssen, dass der und der Arier es besser gekonnt hätte.« Sie weigerte sich ihren Text zu ändern und durfte danach nicht mehr für diese Zeitung schreiben. Eine andere Jugendliche, die gleich am Anfang des Buches eingeführt wird, ist Sophie Scholl. Sie macht zuerst begeistert in der Hitlerjugend mit und gründet dann zusammen mit ihrem Bruder und anderen Studenten aus München »Die weiße Rose«. Durch ihre Flugblätter wollten sie aufrütteln und zeigen, dass es auch ein anderes Deutschland gibt.

Einen ähnlichen Weg geht eine Gruppe Jugendlicher in Köln. Um das erst fünfzehnjährige Mädchen Gertrud Koch sammeln sich verschiedene andere Jugendliche. In dem Buch werden Auszüge aus ihrer Erinnerung zitiert. »Wir wollten frei sein. Frei wandern und singen können, unsere Kleidung und unser Aussehen selbst bestimmen – alles Wünsche, die unter dem nationalsozialistischen Regime undenkbar waren.« Die Gruppe nennt sich nach dem Edelweiß, jener Blume, die auch unter Schnee und Eis noch wächst und blüht. Schnell schließen sich andere Gruppen von Jugendlichen mit den Kölnern zusammen. Als sie einen Drucker kennenlernen, beschließen die Edelweißpiraten, Flugblätter zu schreiben und verteilen. Sie schaffen es, fast jede Woche ein neues Flugblatt herauszubringen. »Wir hatten die Hoffnung, dass einige Menschen unsere Flugblätter aufheben und heimlich weitergeben würden. Wahrscheinlich war das eine naive Hoffnung. Aber eigentlich stellten wir unsere Aktionen nie in Frage. Es gab kein Zurück, kein stilles Dulden des Naziregimes. Wir mussten einfach handeln.« Trotz einiger Verhaftungen machen die Jugendgruppen weiter. Einige nehmen Kontakt zu Widerstandsgruppen von Erwachsenen auf und schließen sich ihnen an. Andere verstecken geflohene Zwangsarbeiter und Deserteure oder verstecken Waffen, damit sie kämpfen können, wenn es zu einem Aufstand gegen die Nazis kommt.

In den letzten beiden Kriegsjahren gehen die Nazis dazu über, auch ältere Männer und Jugendliche ab 16 Jahren zu rekrutieren. Damit die Rüstungsproduktion weiter aufrecht gehalten werden kann, werden immer mehr Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter nach Deutschland verschleppt. Anja Tuckermann zitiert aus den Erinnerungen des jungen Kommunisten Fritz Bringmann, der mit anderen Häftlingen in Osnabrück eingesetzt war. Sie mussten Trümmer von den Bombardierungen wegräumen. »Ein Häftling wurde vor den Augen der Bevölkerung von einem SS-Kommandoführer derart misshandelt, dass er bewusstlos zusammenbrach. Doch der SS-Mann misshandelte ihn erneut. Da bahnte sich eine Frau den Weg durch die Menschenansammlung, ging auf den SS-Mann zu, stellte sich zwischen ihn und den Häftling und protestierte lautstark gegen diese Unmenschlichkeit.«

Der Text wird ergänzt durch ein Glossar, in dem die wichtigsten Begriffe und Namen erklärt werden und eine Zeitliste, auf der man sich über die Entwicklung des Faschismus kurz und schnell informieren kann.

Jedes Mal, wenn ich das Buch wieder in die Hand genommen habe, um für diese Rezension etwas nachzuschlagen, habe ich mich erneut festgelesen. Ein besseres Lob kann ich nicht vergeben. Ich wünsche dem Buch viele Leserinnen und Leser – und nicht nur jugendliche.

Naturfreunde im Widerstand

geschrieben von Ulrich Schneider

11. September 2014

Ein Lesebuch zur Arbeiterbewegungs-Geschichte 1933 bis 1945

 

Im Jahr 2015 können die Naturfreunde auf eine 120-jährige Organisationsgeschichte zurückblicken. Diese Vereinigung, im Umfeld der Arbeiterbewegung als Wander-, Kultur- und Touristikverein in Österreich gegründet, breitete sich schnell über die Schweiz und Deutschland in andere europäische Länder aus. Die Mitglieder strebten in die Natur, wo sie von den Mühen des Arbeitsalltags Kraft schöpfen konnten und Zeit zum Nachdenken hatten. Der Gruß »Berg frei« verkörperte dieses Gefühl der Ungebundenheit vom kapitalistischen Alltag. Der Touristikverein »Die Naturfreunde« verstand sich dabei immer auch politisch. Folgerichtig unterlagen die Organisation und seine Mitglieder schon 1923 im faschistischen Italien und 1933 im faschistischen Deutschland der politischen Verfolgung. Naturfreundehäuser und andere Einrichtungen, die mit dem Geld und viel Arbeit der Mitglieder geschaffen worden waren, wurden ab 1933 besetzt und von SA und HJ übernommen. All dies ist bekannt. Weniger bekannt ist die Tatsache, dass auch viele Mitglieder der Naturfreunde aktiv im antifaschistischen Widerstand waren. Anlässlich des 80. Jahrestages der Unterdrückung der Naturfreunde-Organisation 1933 legte Bruno Klaus Lampasiak unter dem Titel »Naturfreund sein heißt Mensch sein« ein Lesebuch zu »Naturfreunde im Widerstand 1933 bis 1945« vor.

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In seinem einführenden Beitrag weist der Autor auf die Problematik hin: »Die meisten Naturfreunde haben Widerstand nicht in ihrer Eigenschaft als Mitglieder der Naturfreunde, sondern als Mitglieder und Funktionäre von politischen Parteien oder Jugendorganisationen geleistet.« (S.21), da die Naturfreunde eine typische »Drittorganisation« (nach Parteien und Gewerkschaften) war. Aber der von ihren Mitgliedern geleistete Widerstand strahlt auch auf die Organisation selbst zurück.

Dabei ist die Quellenbasis der Erforschung kompliziert. Selbst ein rein statistischer Überblick über Verhaftungen und Verurteilungen von Mitgliedern der Naturfreunde-Bewegung bleibt unvollständig, da die faschistischen Verfolger vor allem den parteipolitischen Hintergrund der jeweiligen Widerstandsgruppe registrierten. Bekannt ist aber, dass allein aus dem Landesverband Hessen 110 Mitglieder verurteilt wurden, von denen 40 im KZ und 70 in Gefängnissen einsaßen. Aus Sachsen ist die Verfolgung von Mitgliedern der Naturfreunde-Opposition in der »Vereinigten Kletterabteilung« (VKA), die die Flucht von Antifaschisten in die CSR ermöglichten und illegale Schriften ins Deutsche Reich schmuggelten, bekannt.

Das vorliegende Lesebuch ist in drei Kapitel gegliedert: Begegnungen, biographische Portraits und Widerstand in Ortsgruppen und Gauen, wobei der Geschichte der Naturfreunde in Österreich ein eigenes Kapitel gewidmet ist.

In den fünfzehn Begegnungen schildert der Verfasser, wie antifaschistische Politiker vor allem aus der Sozialdemokratie, z.B. Willy Brandt, Paul Löbe, Ernst Reuter oder Bruno Kreisky ihre Erfahrungen in die Naturfreunde-Organisation hineingetragen haben.

In den 29 Portraits, die zumeist auf Informationen aus den Ortsgruppen und Landesverbänden basieren, finden sich auch Naturfreunde, die mit der kommunistischen Richtung der Arbeiterorganisationen verbunden waren, z.B. Konrad Belz, Georg Elser, Alfred Hausser, Änne Salzmann, Lore Wolf und Rudolf Wunderlich. Dabei ist nicht zu übersehen, wie viele Mitglieder der Naturfreunde-Organisation sich nach 1945 der VVN angeschlossen haben, da dies ihrer Überzeugung für einen antifaschistischen Neubeginn entsprach.

In zwanzig Lokalstudien, die der Herausgeber Veröffentlichungen zur regionalen Geschichte der Naturfreunde entnehmen konnte, wird deutlich, dass Widerstand in vielen der damals 200 Ortsgruppen geleistet wurde. Gleichzeitig beklagt Lampasiak jedoch die schlechte Materiallage, da in vielen Festschriften und Chroniken die Zeit 1933 bis 1945 nur mit wenigen Worten erwähnt werde. Er verband damit die Hoffnung, dass dies als Anregung für weitere Gruppen dienen könne, »das eventuell noch vorhandene Material über die Zeit von 1933 bis 1945 zusammenzustellen.«

Insgesamt entstand mit dieser Sammlung von Lebenserinnerungen, Veröffentlichungen und Dokumenten ein eindrucksvolles Kaleidoskop des antifaschistischen Wirkens von Mitgliedern der Naturfreunde-Organisationen. Auch wenn Lampasiak an mehreren Stellen zurecht darauf hinweist, dass es auch bei den Naturfreunde Anpassungen an das NS-Regime gegeben habe, dieses Lesebuch dokumentiert eine Traditionslinie, auf die auch heutige Mitglieder der Naturfreunde mit Stolz zurückblicken können.

Wissenschaft von Rechts

geschrieben von Nils Becker

11. September 2014

Studienheft zu rechter Ideologieproduktion und dem Kampf dagegen

 

Die Hochschulen, als Orte von Bildung, Vernunft und Humanität, sind nicht gefeit vor autoritären, nationalistischen, rassistischen und antisemitischen Einstellungen. Diese schlagen sich auch in der Wissenschaftsproduktion nieder und finden sich in akademischen (Elite-)Netzwerken, in Zitations- und Publikationskartellen. Im aktuellen Studienheft des Bund demokratischer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler (BdWi) wird diese »Wissenschaft von Rechts« in ihren unterschiedlichen Facetten beleuchtet. Neben den obligatorischen Begriffsbestimmungen und Problematisierungen der Extremismustheorie, widmen sich die Beiträge klassischen Themen des hochschulpolitischen Antifaschismus wie der »Rassenkunde«, der »Elitenzucht« und den Debatten in den Koporationen, die mit dem »Ariernachweis« im Dachverband Deutsche Burschenschaft oder dem Wiener Akademikerball exemplarisch in der Öffentlichkeit verhandelt wurden. Beiträge zum Erstarken des europäischen Rechtspopulismus und zu den Veränderungen im ungarischen Bildungssektor unter Viktor Orban, erweitern die Perspektive. Gisela Notz liefert den Leitartikel zur historischen Dimension des akademischen Rechtsextremismus. So weht bis heute ein patriarchaler Geist in Verbindung mit Elementen des Rechtsextremismus und des Klassismus durch Forschung und Lehre.

 

Historische Dimensionen

Fast die gesamte »vernunfbegabte« Dozentenschaft von über 3000 Professoren rief im Oktober 1914 zur Kriegsbeteiligung auf – unzählige Studierende folgten ihrem Ruf und unterbrachen für das Gemetzel ihr Studium. Bereits nach dem Ende des Krieges begannen die Heimkehrer sich auf den nächsten vorzubereiten. Der Antisemitismus und der wissenschaftlich objektivierte Rassismus hatten ohnehin seit Jahrzehnten einen festen Platz im Curiculum. Auf dem Höhepunkt antijüdischer Propaganda 1881 gründete sich der Verein Deutscher Studenten (VDS), der Monarchie und das Deutschtum in der Studierendenschaft kultivierte. Das Scharnier zwischen Nationalsozialisten und Bürgerelite bildete später der Antisemitismus. »Fremdblütige Studenten« sollten von den Universitäten ausgeschlossen werden. Mit dieser Forderung schaffte es der Nationalsozialistische Deutsche Studentenbund (NSDStB) in den Vorsitz des VDS. Schon 1932 wurden nahezu alle Studierendenausschüsse von NSDStB-Mitglieder gestellt, die in NSDAP-Uniformen auftraten. Bücherverbrennungen, die Verfolgung von jüdischen, marxistischen und pazifistischen Schriftstellern und Wissenschaftlern waren also lang ideologisch und praktisch vorbereitet – die Beteiligung an der späteren Front akademische Ehrensache. Bis in die 60er Jahre wurde dieser, wenn auch kriegsversehrten, rechten Ideologie an den Hochschulen wenig entgegengesetzt. Der Muff des 1000-jährigen Reiches unter den Talaren war als Zukunftsmodell dann aber für Studierende untragbar geworden. Erst der neoliberale Umbau der Universitäten, der bis heute anhält, ließ die Demokratisierung der Hochschulen und die Bildungsexpansion ins Stocken geraten. Der politische Rollback zeitigt sich in den letzten Jahren im abnehmenden politischen Interesse der Studierenden und einer immer offener agierenden Rechten.

 

Neokonservative Netzwerke

Der Artikel von Helmut Kellershohn widmet sich dem Netzwerk rund um die »Junge Freiheit«, das »Institut für Staatspolitik« (IfS) und den Verlag Antaios. In seiner Analyse der personellen und publizistischen Strukturen offenbart er ein professionalisiertes Milieu, dass sich »auf den Ernstfall eines politischen Elitewechsels« vorbereitet und dessen Kampffeld auch die Universitäten sind. Hervorgegangen ist dieses Netzwerk aus der Studentenverbindung Deutsche Gildenschaft. Dessen ehemalige Führungsriege geht arbeitsteilig vor. Dieter Stein versucht mit der Wochenzeitung Junge Freiheit den Aufstieg der Neuen Rechten (z.B. der Alternative für Deutschland), publizisitisch zu begleiten um »die Union von rechts unter Druck zu setzen«. Das IfS um Karlheinz Weißmann wiederum, richtet sich mit seiner Politikberatung nicht an die breite Masse, sondern an Verantwortungsträger. Der Verlag Antaios von Götz Kubitschek unterstützt die Arbeit des IfS durch Publikationen. Kellershohns Verdienst ist es das dieses Netzwerk mit den »jungkonservativen Netzwerken« der 20er Jahre zu vergleichen und es ebenso als Hegemonieprojekt zu begreifen, das sich geplant und umfassend um die praktische Indienstbarmachung anderer rechter Strömungen (z.B. rechte Euro-Kritik, christilicher Fundamentalismus, Neonazismus) zur Verallgemeinerung völkisch-nationalistischer Basisideologeme bemüht. Denn der programmatische Zusammenhang dieser Strömungen muss bei all den persönlichen Animositäten und Widersprüchen rechter Bewegungen erst einmal hergestellt werden, um als rechte Massenbewegung durchsetzungsfähig zu sein.

Die Erfolgsaussichten solcher Netzwerke hängen aber nicht nur von deren finanziellen und intellektuellen Ressourcen ab, sondern auch von der Gegenwehr, die ihnen von einem gesellschaftlich umfassend aufgestellten Antifaschismus gegenübertritt. Der BdWi leistet dazu in der Hochschullandschaft einen wichtigen Beitrag.

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