Eine lange Vorgeschichte

geschrieben von Reinhardt Silbermann, Hamburg

6. Januar 2015

Zum antifa Artikel »Ein britisches No pasarán« Ausgabe Nov./Dez. 2014

Hier in Hamburg freuen wir uns natürlich sehr, dass der Musicalfilm »Goodbye Barcelona« in Berlin so gut gefallen hat. Doch von Seiten der Unterstützer (organisatorisch, ideell und finanziell) der Erstaufführung in Hamburg am 23. März diesen Jahres habe ich Enttäuschung übermittelt bekommen, dass im Filmabspann und in der Presse (ND etc.) darüber keinerlei Erwähnung zu lesen war. Die Unterstützer waren vor allem »Der Stadtteiltreff A.G.D.A.Z. in Hamburg Steilshoop«, das Bezirksamt Hamburg-Wandsbek, der Deutsche Freidenker-Verband, das »Hamburger Bündnis gegen Rechts«, das Instituto Cervantes Hamburg, die VVN-BdA – Landesvereinigung Hamburg, der »Fan-Laden FC St. Pauli«, das »Hamburger Forum für Völkerverständigung und weltweite Abrüstung«, die »Willi-Bredel-Gesellschaft – Geschichtswerkstatt e.V.«, das antifaschistische Wohn- und Ferienheim Heideruh – um nur einige zu nennen.   Unerwähnt bleibt, wieviel Mühe und Überzeugungskraft es vor ungefähr anderthalb Jahren gekostet hatte, linke Organisationen von der Wichtigkeit und fachlichen Kompetenz dieses Musicalfilms zu überzeugen. Der Programmgruppe des Hamburger Stadtteilvereins A.G.D.A.Z. ist es zu verdanken, dass der in englischer Sprache aufgeführte Musicalfilm mit deutschen Untertiteln für das deutsche Publikum verständlich gemacht werden konnte. Sie suchte Übersetzter und fand sie, die diese Aufgabe kostenlos übernahmen. Aus Berlin war allerdings keiner dabei. Die Übersetzter kamen aus Hamburg, London, Chemnitz und Dumfries/Schottland.   Obwohl man den Musicalfilm nicht kannte, schlug uns eine steife Brise von Linken aus Hamburg entgegen. Einige Äußerungen: »Oberflächliche Pseudokultur«, »Verblödungskulturbetrieb«, »Pathos und Revolutionskitsch« usw. usw.. In Berlin traute man wohl der Sache auch nicht so recht.   Das war die Basis im Frühjahr 2013. Wir, von der Programmgruppe des A.G.D.A.Z., wussten um die Qualität des Musicals und ließen uns nicht beirren. Nach mühevoller Suche nach Unterstützern und einem würdigen Aufführungsort konnten wir dann die »Deutschland-Premiere« am 23. März 2014 in Hamburg mit dem Regisseur Karl Lewkowicz und seinen Helfern feiern.   Auch die angereisten Skeptiker aus meinem Verein KFSR und andere Gäste waren nach der Aufführung begeistert und überzeugt. Fazit: Wäre das A.G.DA.Z. mit seiner Programmgruppe nicht hartnäckig und zäh »am Ball geblieben«, dann würde man vermutlich heute noch auf eine Version mit deutschen Untertiteln warten, bzw. würde fast keiner diesen Musicalfilm in Deutschland kennen. Der Weg bis zu dieser Aufführung war in Wirklichkeit viel länger und enorm arbeitsintensiv gewesen.

Die Schönheit des Widerstands

geschrieben von Dieter Lachenmayer

5. Januar 2015

Eine Erinnerung an Gertrud Müller (29. November 1915 – 26. Mai 2007)

 

Im November hätten wir gerne mit ihr auch ihren 99. Geburtstag gefeiert, so wie wir das in früheren Jahren immer getan hatten. Diese Feiern waren keine steifen und förmlichen Veranstaltungen. Sicher, es gab lobende Reden. Aber die Atmosphäre war so, wie Gertrud sie prägte: herzlich. Es war eine traute Runde von Freunden, Kameradinnen Genossinnen und Genossen, in der sich alle wohlfühlten. Auf einer dieser Feiern fiel ein ungewöhnliches Wort, das in diesem Rahmen wohl nur eine Frau aussprechen konnte. Es kam von Dr. Sigrid Jacobeit, der damaligen Leiterin der Gedenkstätte Ravensbrück; sie nannte die damals 85 jährige »schön«. Sie meinte nicht allein ihr Aussehen. Gemeint war Gertruds gesamte Ausstrahlung. Eine treffendere Beschreibung habe ich nie gehört. Ein Leben lang hat diese mutige Frau sich als streitbare Kämpferin eingemischt in alle politischen Auseinandersetzungen gegen Faschisten, für Frieden, Solidarität und Sozialismus. Und sie hat dabei nicht ihre Menschlichkeit, Herzlichkeit und Bescheidenheit verloren.

War sie in Stuttgart, fehlte sie bei keiner antifaschistischen und bei keiner Friedensdemonstration und -kundgebung. In zahlreichen Vorträgen in Schulklassen, bei alternativen Stadtrundfahrten, Podiumsdiskussionen, warnte sie vor dem Wiedererstarken des Faschismus. »Schweigen und Vergessen wäre das Schlimmste«, betonte sie.

War sie in Stuttgart, fehlte sie bei keiner antifaschistischen und bei keiner Friedensdemonstration und -kundgebung. In zahlreichen Vorträgen in Schulklassen, bei alternativen Stadtrundfahrten, Podiumsdiskussionen, warnte sie vor dem Wiedererstarken des Faschismus. »Schweigen und Vergessen wäre das Schlimmste«, betonte sie.

Sie war das Kind einer Stuttgarter Arbeiterfamilie, 1915 geboren, besuchte Volksschule und Handelschule und erlebte als Jugendliche den heranziehenden Faschismus. Schon als 17jährige wurde sie 1933 zum ersten Mal verhaftet, weil sie dem kommunistischen Jugendverband angehörte; ein zweites Mal, weil sie ihrem Freund und späteren Mann Hans ins Gefängnis schrieb, dass Hitler mit der Aufrüstung beginne. Als sie 1942 mit Hans und einem Freund versuchte, hungernden russischen Zwangsarbeiterinnen heimlich etwas Essen über den Zaun zuzustecken, wurde sie von einem Wachposten erkannt und verraten. Die Nazis beschuldigten sie »staatsfeindlicher Aktivitäten und des Hochverrats«. Es folgten endlose Gestapoverhöre, 13 Monate Einzelhaft im Gefängnis, »Arbeitserziehungslager« Rudersberg, schließlich das KZ Ravensbrück.

Dort erfuhr Gertrud Müller, dass in ihrer Akte »Rückkehr unerwünscht« stand. Ein Todesurteil. Doch der illegalen Lagerleitung gelang es, Gertrud Müller in einen Gefangenentransport in das KZ-Lager Geislingen, ein Außenlager des KZ Natzweiler zu schmuggeln. Ihre Befreiung erlebte sie, gesundheitlich schwer angeschlagen, im Lager Allach bei Dachau. Ihre Erlebnisse in den KZ-Lagern die Unmenschlichkeit und kaum vorstellbare Brutalität der Wächter, aber auch menschliche Größe der geschundenen KZ-Insassinnen und der solidarische Zusammenhalt der politischen Häftlinge haben Gertrud Müller nie mehr losgelassen.

Nach der Befreiung engagierte sie sich im antifaschistischen Arbeitsausschuss ihres Stadtteils, der sich um die unmittelbaren Probleme und die Versorgung der Menschen kümmerte. Als Antifaschistin wurde sie Schreibkraft der »Investigation Section« der US Militärregierung, die gegen belastete Nazis ermittelte. Sie verlor nicht den Mut, als diese den Spieß umdrehten und eine Intrige spannen. Ein Spruchkammer-Kläger, der sich später als belasteter Nazi herausstellte, erhob Anklage gegen Gertrud, sie habe als Blockälteste Mitgefangene schikaniert. Ihre schlimmste Zeit, so berichtete sie, war nicht die Zeit in den KZs, sondern jene im Internierungslager, in das sie zusammen mit SS-Aufseherinnen von Ravensbrück eingesperrt wurde. Trotz guten Zuratens weigerte sie sich, ein Gnadengesuch zu stellen, sondern kämpfte beharrlich für ihre Rehabilitierung, die sie schließlich 1950 erreichte. Sie war erschüttert. Einige Monate »ging ich nicht mehr unter die Leute«, berichtete sie, aber nichts konnte sie von ihrer antifaschistischen Überzeugung abbringen.

Als Gründungsmitglied war sie aktiv in der VVN. Sie trat der KPD bei, arbeitete bei der KPD-Zeitung »Volksstimme«, bis zum Verbot der KPD 1956, verlor wegen Betätigung für die verbotene KPD drei Jahre später erneut ihren Arbeitsplatz.

Von 1979 bis 1997 war sie Vorsitzende und seitdem Ehrenvorsitzende der Lagergemeinschaft Ravensbrück. Sie war Vizepräsidentin des Internationalen Ravensbrückkomitees und Redakteurin der Zeitschrift »Ravensbrückblätter«. Für diese Arbeit war sie sehr häufig unterwegs.

Unvergessen bleibt z.B. die Rede, die sie 2001 auf einer Kundgebung gegen den Bundesparteitag der Republikaner hielt. Vielen galt damals diese rassistische Partei zwar als rechts, sie wurde aber vor allem in bürgerlichen Kreisen noch dem »demokratischen Spektrum« zugerechnet, also auch als potentieller Koalitionspartner der CDU gehandelt.

Die kleine zierliche Gertrud Müller, die kaum den Rednerpult überragte, schrieb unter dem brausenden Beifall der mehreren Tausend Zuhörer den Journalisten klare Worte ins Stammbuch:

»Zwischen uns hier und den Reps in der Winnender Stadthalle liegen nicht nur 150 Meter: Dazwischen liegt der Unterschied zwischen Moral und Unmoral, Menschlichkeit und Unmenschlichkeit, Anstand und Verkommenheit. Es ist der Unterschied zwischen Humanismus und Faschismus!«

Klare Worte von einer überzeugenden Frau, die diesen Unterschied ein Leben lang sichtbar gemacht hat. Was wohl würde Gertrud Müller zu AfD und Pegida sagen? Wohl allen, die bis zu ihrem Tode 2007 mit ihr gekämpft hatten, bleibt sie unvergessen. Ein Vorbild, wie man es überzeugender kaum finden kann.

Grundlegende Resolution

geschrieben von Ulrich Schneider

4. Januar 2015

UNO-Generalversammlung gegen Geschichtsrevisionismus und Neofaschismus

Mitte Dezember 2014 hat die Generalversammlung der Vereinten Nationen in New York eine grundlegende Resolution zur Bekämpfung der Glorifizierung des Nazismus und anderer Praktiken angenommen, die Rassismus, rassistische Diskrimination, Xenophobie und damit verbundene Intoleranz schüren. Gleichzeitig werden alle Formen der Rehabilitierung der faschistischen Verbrechen und verbrecherischen Organisationen verurteilt. Die Resolution nimmt Bezug darauf, dass die internationale Gemeinschaft im Jahre 2015 den 70. Jahrestag des Sieges über den Faschismus begehen wird. Und sie erinnerte daran, dass mit den Grundsätzen des Nürnberger Kriegsverbrecher-Prozesses und dessen Urteilen unter anderem die SS mit allen ihren Teilen, insbesondere der Waffen-SS, zur kriminellen Organisation erklärt worden sei und weitere Festlegungen zur Frage der Verbrechen gegen die Menschlichkeit getroffen wurden, die bis heute Gültigkeit besitzen. Die Erklärung erinnert an die Durban-Resolution vom September 2001, in der es heißt: »Wir verurteilen den Fortbestand und das Wiederaufleben von Neonazismus, Neofaschismus und gewalttätigen nationalistischen Ideologien, die auf rassischen oder nationalen Vorurteilen gründen.« Jegliche positive Bezugnahme auf das Nazi-Regime, seine Alliierten und verbundener Organisationen sollten verboten werden. Besorgt ist man über die Zunahme extrem rechter und rechtspopulistischer Parteien in Parlamenten und darüber, dass traditionelle Parteien mit diesen Koalitionen eingehen. Die beschlossene Erklärung verurteilt alle Praktiken, »die das Andenken der unzähligen Opfer der im Zweiten Weltkrieg begangenen Verbrechen gegen die Menschlichkeit beschmutzen, insbesondere der Opfer der Verbrechen, die von der SS und denjenigen, die gegen die Anti-Hitler-Koalition kämpften und mit der nationalsozialistischen Bewegung kollaborierten, begangen wurden, und Kinder und Jugendliche negativ beeinflussen«. Die Erklärung schließt damit, »dass Staaten, die nicht wirksam gegen diese Praktiken vorgehen, gegen die Verpflichtungen der Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen nach deren Charta und gegen die Ziele und Grundsätze der Organisation verstoßen.« Es gab nur vier Gegenstimmen: die USA, Kanada, Palau und die Ukraine, die sich – obwohl mit keinem Wort erwähnt – zu Recht auf der Anklagebank dieser Resolution sah. Die baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen sowie Ungarn, die mit den in der Erklärung angesprochenen Themen ebenfalls kritisiert wurden, zogen es vor, sich im Schutze der meisten Staaten der Europäischen Union der Gruppe von 51 Enthaltungen zuzuordnen. Auch der Vertreter der Bundesrepublik Deutschland enthielt sich. Eine offizielle Stellungnahme für diese faktische Ablehnung eines Entwurfes, der verschiedene Grundsatzaussagen der Vereinten Nationen für heute und in Zukunft bestätigte, wurde nicht gegeben. Der italienische UN-Botschafter meinte zwar, man zweifele an der »Ehrlichkeit des Resolutionstextes«. Konnte jedoch keinen Punkt nennen, der gegen die Grundpositionen der Vereinten Nationen gestanden hätte. Informell war zu hören, dass die BRD und andere EU-Regierungen der Entschließung deshalb nicht hätten zustimmen wollten, da sie erstens von der Russischen Föderation und mit ihr verbundenen Staaten eingebracht worden sei und man zweitens nicht der ukrainischen Regierung in den Rücken fallen wolle. An dieses Verhalten sollte man die politisch Verantwortlichen auch der BRD erinnern, wenn sie wieder einmal – wie häufig Bundespräsident Gauck – Krokodilstränen an Orten faschistischer Massenverbrechen vergießen, politische Konsequenzen und Verantwortung für das Geschehene jedoch ablehnen. Die Antifaschisten nicht nur in unserem Land haben mit dieser UNO-Resolution jedenfalls eine gute Grundlage, in Vorbereitung auf den 70. Jahrestag der Befreiung von Faschismus und Krieg, allen Versuchen der Rehabilitierung oder der Geschichtsvergessenheit entgegenzutreten.

Die »Mühlviertler Hasenjagd«

geschrieben von Gerald Netzl

4. Januar 2015

Mordaktion gegen sowjetische Flüchtlinge aus dem KZ Mauthausen

Im März 1944 erging reichsweit ein Geheimbefehl (»Kugel-Erlass«) mit der Weisung, aus deutschen Kriegsgefangenenlagern entwichene Offiziere sowie ranghöhere Unteroffiziere nach ihrer Ergreifung vom Sicherheitsdienst (SD) in das Konzentrationslager Mauthausen zu überführen und sie dort »im Rahmen der ‚Aktion Kugel‘ zu erschießen«. Über Wochen und Monate wurden diese Häftlinge von den anderen Häftlingen isoliert, unter unmenschlichsten Bedingungen und fast ohne Nahrung im Block 20 eingesperrt und nach und nach erschossen. Sie wussten, sie alle waren totgeweiht. In der tiefwinterlichen Nacht zum 2. Februar 1945 unternahmen ungefähr 500 »K«-Häftlinge, fast ausnahmslos sowjetische Offiziere, einen Ausbruchsversuch. Mit zwei Feuerlöschern aus ihrer Baracke und verschiedenen Wurfgeschossen griffen sie die Wachtürme an und es gelang ihnen auch, einen davon zu erobern. Der stromführende Stacheldraht wurde mit feuchten Decken kurzgeschlossen und so konnten die Häftlinge die Mauer überklettern. 419 Menschen gelang die Flucht.

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Viele der Geflüchteten blieben wegen ihres schlechten körperlichen Zustands vor Erschöpfung schon kurz nach der Mauer liegen. All diejenigen, denen es nicht geglückt war, in die Wälder zu entkommen, wurden noch in derselben Nacht von SS-Angehörigen erschossen. Unmittelbar nach der Flucht wurde von der SS eine Großfahndung eingeleitet, an der SS, Gendarmerie, Einheiten der Wehrmacht, SA-Abteilungen und Hitlerjugend-Gruppen teilnahmen. Die SS-Lagerleitung wies die Beamten der Gendarmerie an, »niemand lebend ins Lager zurückzubringen«.

Die Treibjagd auf die Entflohenen, an der sich schließlich auch noch Angehörige des Volkssturms und der Feuerwehr sowie Teile der Bevölkerung beteiligten, dauerte drei Wochen lang. Von der SS wurde diese Menschenjagd zynisch »Mühlviertler Hasenjagd« genannt. Interessanter Weise ist dieser Begriff in das antifaschistische Narrativ übernommen worden.

Bis auf elf Offiziere, die entweder bei Bauern Unterschlupf finden oder sich bis Kriegsende in den Wäldern verstecken konnten, wurden alle Geflüchteten wiederergriffen und zumeist sofort an Ort und Stelle ermordet.

BMI / Fotoarchiv der KZ-Gedenkstätte Mauthausen

BMI / Fotoarchiv der KZ-Gedenkstätte Mauthausen

Der nach Kriegsende angefertigte Bericht des Gendarmerie-Majors Johann Kohout, Postenkommandant in Schwertberg, zeigt die außergewöhnliche Brutalität der Ereignisse: »Die Straße von Mauthausen war bereits vom Volkssturm besetzt. Die Leute waren wie bei einer Treibjagd aufgestellt. Es ging sehr wüst zu. Geschossen wurde auf alles, was sich rührte. … Der Schneematsch auf der Straße färbte sich mit dem Blut der Erschossenen. Überall, wie und wo man sie antraf, in den Wohnungen, Wagenhütten, im Kuhstall, am Heuboden, im Keller, wenn man sie nicht herausholte und beim nächsten Hauseck erledigte, erschoss man sie auf der Stelle, egal wer anwesend war … einigen spaltete man das Haupt mit einem Beil. … In der sogenannten Lem-Villa wohnte ein gewisser …, dessen Frau hörte am Abend beim Füttern der Ziegen in der Futtervorratskammer ein Geräusch. Sie holte ihren Mann, der einen Flüchtling aus dem Versteck hervorholte … Der Bauer stach diesem armen Menschen mit seinem Taschenmesser in den Hals, dass das Blut spritzte. Die Frau sprang hinzu und versetzte dem Sterbenden noch eine Ohrfeige.«

Der Ausbruch selbst und die Tatsache, dass einigen die Flucht gelungen ist, stellen einen einzigartigen Vorfall in der Geschichte des Konzentrationslagers Mauthausen dar. Dieser wurde mehrfach literarisch verarbeitet. Und es gibt eine gelungene Verfilmung der Ereignisse: »Hasenjagd: vor lauter Feigheit gab es kein Erbarmen« von Andreas Gruber. Dieser Film ist, auch wenn man den Ausgang bereits kennt, unfassbar spannend inszeniert und atmosphärisch dicht erzählt. Nur handelt es sich hier nicht um einen Hollywood-Thriller, sondern um eine authentische Geschichte…

 

Von Beihilfe kaum die Rede

geschrieben von Hans Canjé

4. Januar 2015

1060 Ermittlungsverfahren gegen Auschwitz-Schergen – fast alle eingestellt

 

Die Frankfurter Staatsanwaltschaft hat, wie »Spiegel Online« am 24. August 2014 berichtete, 1060 Ermittlungsverfahren gegen ehemalige Angehörige des Wachpersonals des faschistischen Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau geführt. »… und stellte fast alle ein.« Eine der zynischen Begründungen« habe gelautet: »Die ankommenden Opfer hätten nicht gewusst, was ihnen bevorstehe, und folglich nicht fliehen wollen. Der beschuldigte SS-Wachmann habe sie daher an einer Flucht gar nicht hindern können – und sei deshalb nicht wegen Beihilfe zu belangen.«

In den drei großen Auschwitzprozessen ( 1963 – 1965, 1965 –1966, 1967 – 1968) gegen die Mitglieder der SS-Wachmannschaft waren die, einem Verteidigungsplädoyer nahe kommenden, »Argumente« der Anklagevertretung noch anderer Art. In einem Interview zum Film »Im Labyrinth des Schweigens« erinnerte Gerhard Wiese, der damals als junger Staatsanwalt an den durch die energischen Bemühungen des hessischen Generalstaatsanwalts Bauer möglich gewordenen Verfahren beteiligt war, an die Kernanliegen der Anklage. Wir meinten, »dass Auschwitz eine Vernichtungsmaschinerie war, in der jeder ein Rad im Getriebe war und deshalb mindestens wegen Beihilfe hätte verurteilt werden müssen.«

Wer also in den Mordapparat eingebunden war, der mordete mit. Am Ende aber sah das Ergebnis so aus, dass von den rund 6500 Angehörigen der SS-Mannschaft, die den Krieg überlebt hatten, ganze 29 verurteilt wurden. Die anderen konnten im Chor einstimmen in die Schlagzeile der »Nürnberger Nachrichten nach dem ersten Auschwitzprozess: »Wir sind in diesem Fall noch einmal davongekommen«.

Das Hamburger Wochenblatt »Die Zeit« erinnerte am 13. November 2014 an das Klima jener Jahre. Bauer sei, einer der »wenigen unbelasteten Justizjuristen mit einer Führungsposition« in der jungen Bundesrepublik gewesen, umgeben »von Richtern, Staatsanwälten und sonstigen Beamten, die dem NS-Staat gedient hatten und bis auf wenige Ausnahmen im Amt belassen wurden.« Die hätten sich, »wie die Mehrheit der Bevölkerung, nach einem Schlussstrich unter die Vergangenheit« gesehnt.

Den hatte der erste Kanzler der Bundesrepublik, Konrad Adenauer (CDU), schon 1949 gefordert, als er für ein »Ende der Nazischnüffelei« plädierte und durch, von seiner Regierung verkündete diverse Amnestiegesetze, der Rückkehr der Protagonisten des faschistischen Regimes in alle gesellschaftliche Bereiche der jungen Bundesrepublík den Weg bereitete Fritz Bauer hat sich da mit seinem Drang zur Aufklärung der Verbrechen in Auschwitz, nicht viele Freunde gemacht. »Wenn ich mein Büro verlasse, betrete ich Feindesland«, brachte er einmal den Zeitgeist auf den Punkt.

40 Jahre fast konnten die Schergen ihr Leben in Ruhe fristen – sieht man von einigen wenigen und immer wieder an der gängigen Rechtsprechung gescheiterten Versuchen ab, den einen oder anderen doch noch zur Verantwortung zu ziehen. Der eine war »nur Koch« gewesen, der andere hatte sich »nur an der Rampe rumgetrieben«. Individuelle Schuld hatte keiner. Die aber wollte der Bundesgerichtshof nachgewiesen haben. Der Kerngedanke Fritz Bauers bei der Eröffnung des Auschwitzprozesses: »Beihilfe begeht, wer die Haupttat willentlich fördert«, wurde 2011 im Verfahren gegen John Demjanuk, SS-Wachmann in den Konzentrationslagern Treblinka und Sobibor, Urteilsgrundlage. Ein letzter Versuch, mit diesem Urteil doch noch Angehörige der Wachmannschaft vor Gericht stellen zu können, ist offensichtlich gescheitert. Allenfalls zwei Verfahren könne es nach Ansicht von Experten noch geben. Damit ist die »Aufarbeitung« der Akte Auschwitz dann wohl endgültig abgeschlossen – biologisch.

Zum 70. Jahrestag der Befreiung

4. Januar 2015

Brief von Esther Bejarano an die Leserinnen und Leser der antifa

 

Liebe Freundinnen und Freunde,

wir begehen in diesem Jahr den 70. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz durch die Rote Armee am 27. Januar 1945.

Das war der Anfang der Befreiung vom Hitler-Faschismus, aber nicht die Befreiung der Menschen, der Gefangenen im Ganzen. Nur die Schwachen und Kranken wurden in Auschwitz befreit; alle diejenigen, die noch laufen konnten, mussten auf die Todesmärsche und mussten unter schrecklichen Qualen marschieren.

Das Ziel waren andere Konzentrationslager zur Zwangsarbeit für die dort aufgebauten deutschen Firmen wie Siemens, Krupp und viele andere – ausgenutzt, wie es die Devise der Nazis war: Vernichtung durch Arbeit. So musste ich in Ravensbrück, dem größten Frauenstraflager auf deutschem Boden, Zwangsarbeit für die Firma Siemens leisten, die innerhalb des Lagers viele Hallen errichtete.

Die wirkliche Befreiung aller Gefangenen, aber auch aller Menschen in Deutschland, fand am 8. Mai 1945 statt, an dem die Rote Armee und die Alliierten die Nazis zur Kapitulation zwangen. Was für eine Freude war für mich dieser Tag, als ich mit russischen und amerikanischen Soldaten und mit meinen Freundinnen aus dem KZ gemeinsam unsere Befreiung feierte.

Dieser Tag, der 8. Mai 1945, wird in allen damals von Deutschland besetzten Ländern jedes Jahr groß gefeiert. Nur hier nicht. Ich frage mich, warum? Wir ehemaligen Verfolgten des Naziregimes fordern von unserer Regierung, endlich diesen 8. Mai zum gesetzlichen Feiertag zu deklarieren. Wann wird das endlich wahr? Kämpfen wir weiter dafür!!

Herzlichst, Eure Esther Bejarano

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Alte Assoziationen

geschrieben von Thomas Willms

4. Januar 2015

Warum Teile der deutschen Rechten gerade pro-russisch sind

 

Der russische Präsident Vladimir Putin findet derzeit nicht viel Rückhalt in der deutschen Medienlandschaft. Eine Ausnahme bilden die Zeitungen und Magazine der extremen Rechten, die sich seit Ausbruch der Ukraine-Krise nahezu geschlossen hinter ihn stellen.

Überraschend ist dies dann nicht, wenn man sich vor Augen führt, dass das extrem rechte Lager in Deutschland im Vorfeld des Zweiten Weltkrieges in der »Russland-Frage« weniger homogen gewesen ist, als es die späteren historischen Ereignisse in Russland erscheinen lassen. Tatsächlich zog sich ein ideologischer Konflikt über die »richtige« Ostpolitik bis in die Mitte der 1930er Jahre hin, an deren Ende das NS-Regime divergierende Meinungen mundtot machte. Bis dahin argumentierte eine Gruppe von Autoren, u.a. Hans Schwarz, Giselher Wirsing und Ernst Niekisch sowie Zeitschriften wie »Der Nahe Osten« und »Widerstand« für eine Bündnisoption mit Russland, die heute angesichts der Verbrechen der Wehrmacht in der Sowjetunion außerordentlich befremdlich wirkt.

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Der Übergang von der althergebrachten preußisch-zaristischen Liaison zu einer nationalistisch-völkischen begann mit der ersten deutschen Werkausgabe (1905 – 1915) der Romane Fjodor Dostojevskijs und zwar ausgerechnet durch einen der wichtigsten Vertreter der späteren sogenannten Konservativen Revolution, Arthur Möller van den Bruck. Diesem verdankt die Welt immerhin das Schlagwort »Das Dritte Reich« als dem Titel seines Hauptwerkes.

Wer die politischen Schriften Dostojevskijs auf Deutsch lesen will, muss bis heute auf Möllers Ausgabe zurückgreifen. Der russische Romancier begeisterte seinen deutschen Herausgeber und in der Folge weitere nationalistische Autoren durch seinen betonten Antiliberalismus und seine grundsätzliche Ablehnung des »Westens«. In praktische Politik begann Möller seine Haltung im Propagandastab der Obersten Heeresleitung (OHL) im Ersten Weltkrieg umzusetzen. Doch recht auffällig suchte er russische Leser davon zu überzeugen, dass das Heil Russlands im Süden zu suchen sei, der Kampf gegen Deutschland in der Zwischenzone vom Baltikum bis zum Schwarzen Meer hingegen gar nicht im russischen Interesse liege. Tief enttäuscht zeigte sich Möller dann 1917 angesichts der Oktoberrevolution. Doch der Schreck legte sich ab etwa 1920. Möller und mit ihm einige andere, begannen das entstehende Sowjet-System umzuinterpretieren. »Der Bolschewismus ist russisch. Und er ist nur russisch.« war seine Losung. Gemeint war, dass der westliche Bazillus des Marxismus im russischen Volk ohnehin nicht viel Schaden anrichten könnte. Bis 1932/1933 spitzte sich diese Interpretation z.B. bei Niekisch bis zu offener Begeisterung für den eisigen »militarisierten Arbeitsstaat« Sowjetunion zu. Die Sowjet-union sei das »neue Potsdam« hieß es, voller Treue, Disziplin, Gehorsam und Gemeinschaft. Man hangelte sich an Assoziationsketten entlang, in der der »Westen« mit »Liberalismus« und »Kapitalismus«, der »Osten« hingegen mit »Sozialismus« und »Staat« verbunden wurde.

Die minoritäre rechtsextreme russlandorientierte Fraktion meldete sich nach 1945 in Form kleiner »nationalneutralistischer« Gruppen zurück, um dann Anfang der 1990er Jahre, vom doch lästigen Kommunismus endlich befreit, mit Ideologen wie Reinhard Oberlercher wieder von der »eurasischen Achse« träumen zu können.

Seit Anfang 2014 nun ist Möllers Traum der Wirklichkeit deutlich näher gerückt. Zum ersten Mal dominiert die »Ostorientierung« das Denken des deutschen Rechtsextremismus. Gleichzeitig kooperieren nicht mehr nur windige russische Neonazis mit ihren deutschen Geistesgenossen, sondern Akteure des aktuellen russischen Herrschaftsapparates, in Form verschiedener »Präsidentenberater«. Prof. Alexander Dugin, der als wichtigster geopolitischer Berater Putins vorgestellt wird, wird bspw. im neofaschistischen Nachrichtenmagazin »Zuerst!« breiter Raum eingeräumt. Dessen Buch »Konflikte der Zukunft« erscheint denn auch in einem der Verlage Dietmar Muniers. Wie schon Möller100 Jahre zuvor möchte Dugin dem »westlichen Ziel eines globalen Liberalismus und Kapitalismus unter der Führung der USA« einen »eurasischen Block zusammen mit Russland« entgegenstellen, in dem die »europäischen Völker« ihre »Identität« bewahren könnten. Kein Wunder, dass das Begeisterung im deutschen Neofaschismus auslöst.

Aus Begegnungen Kraft geschöpft

geschrieben von Dieter Chitralla

4. Januar 2015

Zum 100. Geburtstag von Hans Lauter am 22. Dezember 2014

 

Zumindest hatte er ihn in persönlichen Gesprächen gegenüber Freunden bei seinen letzten Geburtstagen »angepeilt« – seinen 100. Geburtstag am 22. Dezember 2014, den er gern mit seiner Familie, mit seinen Genossen, Kameraden und Freunden gefeiert hätte.

Sein Gesundheitszustand – nach zehn Jahren Haft in den Gefängnissen und in den Moorlagern während der Zeit des Faschismus sowie nach aktiver, kräftezehrender Aufbauarbeit für ein neues Deutschland nach 1945 in zahlreichen Funktionen in der SED sowie als Hochschullehrer in Leipzig und in Chemnitz – erlaubten es ihm nicht, dieses Jubiläum zu erleben. Er verstarb am 31. Oktober 2012 nach langer schwerer Krankheit, genau ein Jahr nach seiner Teilnahme an der Einweihung der neugestalteten Gedenkstätte in Esterwegen im Emsland.

Foto: Gustav Peinel

Foto: Gustav Peinel

1914 im erzgebirgischen Adelberg geboren, musste er frühzeitig erkennen, dass er als Kind einer Arbeiterfamilie nicht studieren kann. So hat er den Beruf des Glasschleifers erlernt um zum Lebensunterhalt beizutragen. Geprägt von jugendlichen Vorbildern aus dem Arbeiter-Turn-und-Sportbund wurde er 1930 Mitglied des KJVD. 1935 wird er verhaftet, ist im Polizeigefängnis in der Leipziger Wächterstraße schlimmsten Misshandlungen ausgesetzt und wird zu 10 Jahren Zuchthaus und anschließender Sicherheitsverwahrung wegen » Vorbereitung zum Hochverrat unter erschwerenden Umständen« verurteilt. Drei Jahre sitzt er in Waldheim, danach kommt er ins »Moor«, ins Emsland. Hier hat er all das ertragen müssen, was die meisten aus dem Lied »Die Moorsoldaten« kennen. Auch die weiteren Jahre in Haft erneut in Waldheim und im Gefängnis Radebeul konnten seinen Willen nicht brechen und er gab seine kommunistische Überzeugung nie auf.

So auch nicht nach Rückschlägen durch ungerechtfertigte Anschuldigungen in seiner politischen Tätigkeit in der SED, denen Jahre später die vollständige Rehabilitierung folgte.

Mit viel Engagement widmete sich Hans Lauter der Zeitzeugenarbeit mit der Jugend, bei der er jede noch so profan erscheinende Frage ernst nahm und in seinen Antworten eine große Glaubwürdigkeit ausstrahlte. Ich konnte das bei zahlreichen Veranstaltungen mit Schülern immer wieder aufs Neue erleben. Zum ersten Mal bei einer Begegnung mit Schülern eines Gymnasiums aus Hannover, die in Leipzig weilten. Gespannt lauschten sie den Ausführungen von Hans Lauter über seine Kindheit und Jugend, seine Freude am Sport, seine Tätigkeit im KJVD, seine Verhaftung und seine Jahre im Gefängnis und im Emsland sowie seine abenteuerliche Flucht mit falscher Identität in den letzten Kriegstagen.

Wahrscheinlich schöpfte er selbst – wie viele andere Antifaschisten auch – gerade aus den Begegnungen mit der Jugend immer wieder neue Kräfte, um über die Ursachen und über das Wesen des Faschismus mit seinen unterschiedlichen Facetten aufzuklären und vor dem aufkommenden Neofaschismus im wiedervereinigten Deutschland zu warnen. Legendär waren die zahlreichen Auftritte von Hans Lauter im Rahmen der seit 1995/96 in Hoyerswerda um den 27. Januar stattfindenden Projekttage »Wider das Vergessen« vor Schülern aus fünf Einrichtungen, bei denen er die Zuhörer aufgrund seiner analytischen Fähigkeiten und klaren Sprache sowie seines bescheidenen Auftretens faszinierte.

Diese Eigenschaften verschafften Hans Lauter auch in seiner Arbeit auf Bundes- und Landesebene der VVN-BdA, als langjähriger Vorsitzender des Landesverbandes Sachsen und Mitglied des Bundesausschusses große Anerkennung bei seinen Kameraden, die ihn auf dem 3. Bundeskongress im Mai 2008 – gemeinsam mit der Auschwitz-Überlebenden Esther Bejerano – zum Ehrenvorsitzenden ernannten. Bei den Repräsentanten von zahlreichen Kommunen in ganz Deutschland, in denen er als Zeitzeuge auftrat, genoss er eine hohe Wertschätzung nicht nur aufgrund seines hohen Alters.

So ist es m. E. maßgeblich seinem Auftreten auf einer 8. Mai-Veranstaltung von BdA und VVN-BdA in den neunziger Jahren auf dem Leipziger Südfriedhof zu verdanken, dass Oberbürgermeister und Stadtverwaltung das Gedenken an die Befreiung vom Faschismus einige Jahre später zu einem festen Bestandteil der Erinnerungskultur der Stadt Leipzig machten.

Es gäbe noch vieles über Hans Lauter zu berichten – als Familien-Mensch trotz seiner umfangreichen Tätigkeit, als Kenner der klassischen deutschen Literatur und letztlich als einen warmherzigen Menschen, wie ich ihn persönlich erleben durfte. Die Begegnung mit Hans Lauter hat mein Leben sehr bereichert – nicht nur im politischen Bereich.

Seine Chemnitzer Kameraden, Genossen und Freunde haben bereits am 31.10.2014 in einer Veranstaltung an Hans Lauter erinnert In Leipzig erfolgt das erinnernde Gedenken durch die Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen, den BdA Leipzig und den Stadtverband der Leipziger Linken am 17. Januar 2015.

Mia und das Nazi-Netz

geschrieben von Janka Kluge

4. Januar 2015

Friedrich Anis neuer Krimi mit Bezug zu NSU und anderen

 

Es gibt in der Kriminalliteratur Autoren, die immer wieder aktuelle Geschichten in ihren Büchern verarbeiten. Zu ihnen gehört der 1959 geborene Friedrich Ani. Eine seiner Figuren ist Kommissar Tabor Süden. Der arbeitet bei seinen ersten Fällen als Polizist auf der Suche nach Vermissten. In einem Interview aus dem Jahr 2003 mit der Süddeutschen Zeitung sagte Ani dazu: »Ich fand es erstaunlich, dass vorher eigentlich kaum jemand über Vermisste geschrieben hat, merkwürdigerweise. Das war eigentlich immer mein Thema. Ich habe eine große Zuneigung zu Leuten, die verschwinden oder weggehen wollten.«

Friedrich Ani »M«, Droemer Verlag, 19,99 Euro

Friedrich Ani »M«, Droemer Verlag, 19,99 Euro

Doch das Schreiben von Krimis war Friedrich Ani, obwohl die Reihe um Tabor Süden erfolgreich war, zu wenig. Neben Hörspielen schrieb er immer wieder auch für das Fernsehen. Die Krimis haben ihn jetzt aber wieder eingeholt. In seinen neuen Reihen spielen ein ehemaliger Mönch, der jetzt bei der Kripo arbeitet und ein blinder Kommissar unter dem Namen »Seher« die Hauptrollen. Für seinen neuen Krimi »M« hat Friedrich Ani aber auch Tabor Süden wieder aktiviert. Der arbeitet inzwischen in einer Münchner Detektei und sucht nach wie vor nach verschwundenen Personen.

Eines Tages kommt eine gewisse Mia Bischof in die Detektei und bittet Tabor Süden, einen verschwundenen Freund zu suchen. Während dieser Suche und vor allem bei der Recherche nach den Lebensumständen des Vermissten stellt Süden fest, dass der gesuchte Siegfried Denning Kontakte zu Neonazikreisen in München hat. Denning arbeitet als Taxifahrer und ist immer wieder gebucht worden, wenn Nazis ein Taxi brauchten. Die jüngeren, militanten aus dem Umfeld des Freien Netzes Süd und der Kameradschaften brauchen zwar kein Taxi, dafür umso mehr die alten Herren der Burschenschaften und der NPD. Immer wieder wurde er zu einem Hotel in Starnberg gerufen, das Mias Vater, Lothar Geiger, gehört. In diesem Hotel treffen sich regelmäßig führende Personen der NPD um Feste zu feiern, oder geheime Treffen abzuhalten. Mit der Zeit wird klar, dass Mia fester Bestandteil dieses neonazistischen Netzes ist. Sie arbeitet als Journalistin im Lokalteil einer Tageszeitung und gilt als engagierte junge Frau, in der niemand eine überzeugte Nazianhängerin vermutet. Sie engagiert sich in einem Kinderhort, betreut manchmal die Kinder und singt mit ihnen alte Volkslieder. Sie ist es auch, die immer wieder neue Frauen mit Kindern für den Hort gewinnt. Niemandem fällt auf, dass alle Mütter und Kinder Deutsche sind. Mia hat einen Mädelring, eine Organisation für Neonazistinnen gegründet und den Kinderhort unterwandert. In einem Gespräch zwischen Mia und ihrem Vater, sagt der ihr, dass er sie irgendwann als Chefredakteurin der Deutschen Stimme und als Leiterin des dazugehörigen Verlags sieht. Den Einwand Mias, dass die nationalen Internetseiten, auch die der NPD, doch gut besucht werden, lässt er nicht gelten. Nach seiner Meinung kann die nationale Bewegung nur siegen, wenn sie eine auflagenstarke Zeitung an den Kiosken hat.

Früher war Mia mit Karl zusammen. Karl, Mitglied einer Münchner Kameradschaft und des Freien Netzes Süd, war nach dem gescheiterten Anschlag auf den Neubau einer Synagoge in München abgetaucht. Er hatte sich bei Kameraden im Osten versteckt. Der Verfassungsschutz vermutet ihn sogar im direkten Umfeld der Zwickauer, wie es im Buch heißt. Karl ist aber schon lange nicht mehr im Osten, sondern in einer konspirativen Wohnung in München, die ihm Mias Vater zur Verfügung gestellt hat. Nach wie vor ist er eine feste Größe in der Münchner Neonaziszene, obwohl er sich bei Versammlungen und Kundgebungen nicht sehen lässt.

»Seit fast zehn Jahren lebte Karl im Untergrund, Niemand, auch ihr Vater nicht, zweifelte daran, dass Karl, wäre der Anschlag auf die Synagoge damals geglückt, heute ein Held wäre und nicht, mehr oder weniger auf sich allein gestellt, wie ein Aussätziger durch Deutschland vagabundieren müsste. Zum Glück, wie Lothar Geiger vor den Kameraden immer wieder betonte, legten sich die Ermittlungsbehörden der herrschenden Polit-Kaste gegenseitig lahm, so dass Karl von dieser Seite wenig zu befürchten habe.«

Als Siegfried Denning sich verdächtig macht, die jungen und alten Kameraden auszuspionieren, lässt Karl ihn entführen. Am Ende sind viele Knoten entwirrt, es gibt eine Reihe Verhaftungen, doch an das Hotel am Starnberger See und seine Besucher geht die Polizei nicht heran. Es hätten sich keine Verbindungen zu den militanten Nazis ergeben.

Das Buch ist nicht nur für Fans von Krimis lesenswert, sondern auch für alle, die nicht unbedingt ein Sachbuch über neonazistische Strukturen lesen wollen. Friedrich Ani hat zwar einiges vereinfacht und wichtige Verbindungen weggelassen, wie die Unterstützertätigkeit von Blood & Honour, trotzdem ist ihm ein guter aktueller Krimi gelungen. Er wird im März als Taschenbuch erscheinen.

Furien oder »Helferinnen«?

geschrieben von Hans Canjé

4. Januar 2015

Wendy Lower über »Deutsche Frauen im Holocaust«

 

Der Originaltitel dieser aus dem englischen übersetzten Untersuchung der britischen Autorin lautet: »Hitler’s Furien«. Eine Furie ist in der Deutung ein »böses, wütendes Weib«. Dem Verlag war das vielleicht etwas zu drastisch und brachte dieses beklemmende Werk mit dem etwas milder klingenden Titel »Hitlers Helferinnen. Deutsche Frauen im Holocaust« auf den Markt. Wer das auf zahlreiche, zum Teil immer noch nicht vollständig ausgewertete, vom Zerfall bedrohten Dokumenten, auf Zeitzeugenaussagen und Gesprächen mit den 13 Frauen, deren Lebensläufe sie hier betrachtet, gestützte Werk beendet hat, wird dem Originaltitel den Vorzug geben.

Wendy Lower: Hitlers Helferinnen. Frauen im Holocaust. Carl Hanser Verlag, 335 Seiten, gebunden mit zahlreichen Fotos. 24,90 Euro

Wendy Lower: Hitlers Helferinnen. Frauen im Holocaust. Carl Hanser Verlag, 335 Seiten, gebunden mit zahlreichen Fotos. 24,90 Euro

Dabei geht es hier nicht um die »großen Namen«, die im Mordgefüge des Regimes eine Rolle gespielt haben. Insoweit ist dem vom Verlag zitierten US-amerikanischen Historiker Timothy Snyder zuzustimmen, dass diese Veröffentlichung »einen Wendepunkt für die Frauengeschichte wie für die Geschichte des Holocaust« bedeutet. Da ist etwa Josefine Bock, die im Juni 1943 in Drohobytsch ihren Mann bei der Auflösung des dortigen Ghettos begleitet. Ein sieben Jahre altes jüdisches Mädchen kam auf sie zu und flehte weinend um ihr Leben. Sie packte die Kleine an den Haaren, schlug mit den Fäusten auf sie, warf sie zu Boden, trat gegen den Kopf, Die Mutter nahm die fast tote Tochter und versuchte vergeblich sie wieder zu beleben. Liesel Willhaus, Ehefrau des SS-Untersturmführers Gustav Willhaus, Kommandant des Lagers Janowska in Lemberg, nutzte ihren Balkon um auf Häftlinge zu schießen, »einfach nur zum Spaß«, wie ein jüdischer Augenzeuge sagte. Oder Johanna Altvater, die jüdische Kinder mit Süßigkeiten zu sich lockte. Wenn sie kamen und den Mund öffneten, schoss sie ihnen mit einer silbernen Pistole in den Mund. .

Einige Beispiele nur aus einer Fülle von Verbrechen, die wir bislang nur aus Berichten über das Wüten der SS-Einsatzgruppen oder der Wehrmacht in Polen und der Sowjetunion kennen, nicht aber von der in der Staatspropaganda gefeierten »kleinen tapferen Soldatenfrau« oder der wackeren Straßenbahnschaffnerin, die an der Stelle der den Osten als »Lebensraum« erobernden Männer die Bahn durch die Trümmer der zerbombten Städte fährt.

Die Autorin spricht von rund 5000.000 Frauen, die in die okkupierten Gebiete des Ostens gingen, in die vom faschistischen Regime so heiß begehrte Ukraine, die »Kornkammer Europas« Sie waren »erschreckend jung«, Sekretärinnen, Ehefrauen, Krankenschwestern, KZ-Aufseherinnen. 30.000 waren es in den Reihen der SS. Hitlers Helferinnen, so die Autorin, »waren der Überzeugung, ihre Gewalttaten seien als Racheakt an Feinden des Reiches gerechtfertigt; in ihren Augen waren solche Gewalttaten ein Ausdruck von Loyalität.« Sie wurden zu Täterinnen, »die aus Überzeugung eigenhändig mordeten«.

Lower konstatiert:« Keine der in diesem Buch vorkommenden Frauen musste töten. Hätten sie sich geweigert, Juden umzubringen, so hätte das keine Bestrafung zur Folge gehabt. Wenn man sich jedoch entschloss, den Opfern zu helfen, kannte das Regime keine Gnade.«

Die aber fanden die Frauen, die wegen ihrer Untaten, wenn überhaupt, in der alten BRD vor Gericht gerieten. »Die meisten Mörderinnen kamen ungestraft davon.« Die Autorin findet dafür u. a. die (stimmende) Erklärung: »(…) die Justiz in Westdeutschland und Österreich war nicht gründlich entnazifiziert.«

Im »Ostdeutschen Polizeistaat« wurde (nach »entlocktem Geständnis«) als einzige der dreizehn Erna Petri schuldig gesprochen. Die Ermittlungsbehörden fanden in ihrem Haus Beweise, dafür, dass das Ehepaar Petri auf ihrem landwirtschaftlichen Gut im ukrainischen Grzenda Zwangsarbeiter und entflohene Jüdinnen und Juden folterte, missbrauchte und ermordete – darunter sechs von Erna eigenhändig erschossene jüdische Kinder.

Eine beklemmende Lektüre, die an einigen Stellen vielleicht »nachgebessert« werden könnte: Wieviel sind »rund fünf«? (S. 175), unbestraft statt »ungestraft« (S. 254). In die Gestapo-Zentrale wurden Deutsche nicht »einbestellt« (S. 81). Sie wurden eingeliefert. Die Zentrale des Mordprogramms »Euthanasie« (T4) befand sich nicht im Berliner Columbia-Haus. (S. 73). T4 steht vielmehr für Tiergartenstraße 4.

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