Als der Staat »Rot« sah

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geschrieben von Hans Canjé

Dominik Rikoll hat eine umfassende Studie zum »Staatsschutz« vorgelegt

 

Das ist ein großer Bogen, den der wissenschaftliche Mitarbeiter am Lehrstuhl für Neuere und Neuste Geschichte an der Friedrich Schiller Universität Jena da mit seiner Arbeit schlägt. Sie lasse, so der Verlag in seiner Werbung für das Buch mit dem Untertitel »Von der Entnazifizierung zur Extremistenabwehr«, als »quellennahe Untersuchung zu diesem Themenkomplex«, die »Geschichte der ‚freiheitlich-demokratischen Grundordnung’ in bisweilen ungewohntem Licht erscheinen.«

Die Anmerkung trifft zumindest für die nach 1989 betriebene Geschichtsschreibung zu, laut der die Alt-BRD von unbefleckter Geburt war und alles, was bis dahin im Geltungsbereich der FDGO geschehen war, den Lehren der reinsten Demokratie entsprochen hat.

Dominik Rikoll: »Staatschutz in Westdeutschland. Von der Entnazifizierung zur »Extremistenabwehr«. Wallstein Verlag, 525 Seiten, 39,90 Euro

Dominik Rikoll: »Staatschutz in Westdeutschland. Von der Entnazifizierung zur »Extremistenabwehr«. Wallstein Verlag, 525 Seiten, 39,90 Euro

»Als der Staat Rot sah« wäre, liest man alles, was der Autor tatsächlich »quellennah« zusammengefügt hat, ein möglicher alternativer Titel. Standen doch die Kommunisten in all den Jahren, da der »Staatsschutz« mit all dem, was da über Verfassungsschutz, Polizei, Justiz und den diversen »Abwehrdiensten«, kurz mit Legislative, Exekutive und Judikative existierte, im Mittelpunkt staatsschützenden Handelns. Das begann unter dem Deckwort »Antitotalitärer Konsens« mit dem »Adenauererlass« von 1950. Damit kamen schon die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD) und die »Vorfeldorganisationen« wie die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) auf den Index; ihre Mitglieder im Staatsdienst wurden entlassen. Mit dem 1. Strafrechtsänderungsgesetz von 1951 (Blitzgesetz) wurde erklärtermaßen die »Waffe geschmiedet, um im Kalten Krieg zu bestehen«. Im selben Jahr konnten durch das 131er-Gesetz all die Vollstrecker des faschistischen Regimes wieder auf ihre Plätze zurückkehren, deren sie 1945 in Erfüllung des Potsdamer Abkommens der vier Alliierten enthoben worden waren. Von dieser » Reintegration« profitierten etwa 200.000 Offiziere, Beamte und Richter, die kein Problem mit der neuen Ordnung hatten; sie standen Mann für Mann für die »streitbare Demokratie«, die Adenauer ausgerufen hatte und schwangen kräftig das Schwert. Ihre Teilnahme an der neuen Verfolgung der Kommunisten war, wie der Autor konstatiert, nicht zuletzt darauf zurückzuführen, dass die in Justiz und Sicherheitsbehörden dominierenden braunen Eingegliederten ein »materielles Interesse« daran gehabt hätten, »die einzige politische Gruppierung von Relevanz mundtot zu machen, die weiterhin in aller Öffentlichkeit aus der NS-Belastung eines Beamten […] dessen mangelnde Eignung ableitete«. Rikoll verweist auf die Auflistung dieser »Interessierten« im »Braunbuch« der DDR. Er zitiert den damaligen hessischen Generalstaatsanwalt Fritz Bauer, der den Bundesgerichtshof als »Traditionskompanie des Reichskriegsgerichts« bezeichnet hatte.

Das hier etwas unterbelichtete KPD-Verbot von 1956 (»das vor dem Hintergrund der Wiederbewaffnung und auf einem der Höhepunkte des Kalten Krieges gefällt worden war«) als eines der folgenreichsten Instrumente nicht nur gegen KPD-Mitglieder, der gescheiterte Verbotsprozess gegen die VVN, die Neuauflage des »Adenauerlasses« von 1950 in Gestalt der Berufsverbote oder auch »Extremistenbeschluss« von 1972 weist der Autor mit zahlreichen Beispielen und vor allem von kritischen Organisationen mit statistischem Material belegt, als weitere Stationen auf dem Weg zur Einschüchterung, der Erziehung zum Duckmäusertum und der Gesinnungsschnüffelei nach.

Die umfangreiche Arbeit (525 Seiten) ist tatsächlich quellenah und es verblüfft, was da alles schon in den Ruch der »Verfassungsfeindlichkeit« bringen konnte: eine Unterschrift gegen Fahrpreiserhöhungen oder für den Bau eines Kindergartens. An einigen Stellen ist Rikoll ein wenig dicht an »Quellen« aus den Häusern ehemals Gauck oder Knabe dran. Da »scheint« manches oder »dürfte sein« oder »anscheinend«. Doch das schmälert nicht den Wert dieses Buches, das all denen zur Lektüre empfohlen sein kann, die mehr über die jene FDGO wissen möchten, der ja nun auch die Bürger diesseits der Elbe in Treue fest zu dienen verpflichtet sind.

Das Eigene und das Fremde

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geschrieben von Regina Girod

Alojzy Twardeckis Bericht über seine »Germanisierung« und Repolonisierung

 

Auch Jahrzehnte nach dem Sieg über den deutschen Faschismus sind längst nicht alle von ihm verübten Verbrechen aufgeklärt und im Gedächtnis der Völker verankert. Zu den schlecht erforschten und heute kaum noch erinnerten Aspekten des nationalsozialistischen Zivilisationsbruchs gehört die unter der kruden Wortschöpfung »Rückvolkung« vollzogene Verschleppung von Kindern fremder Völker ins deutsche Reich mit dem Ziel ihrer »Umerziehung« und »Eindeutschung«. Obwohl Kinder aus allen von den Deutschen besetzten Ländern davon betroffen waren, fand ihr Schicksal lange Zeit wenig Beachtung. Dabei handelt es sich um eines der schwersten, ausgedehntesten und folgenreichsten Verbrechen des Nazi-Regimes. Allerdings wurde es auch systematisch verschleiert. Die Kinder erhielten eine neue Identität, man bemühte sich, alle Spuren ihrer Herkunft zu tilgen.

Alojzy Twardecki, »Die Schule der Janitscharen« (übersetzt von Christoph Koch, Peter Lang Verlag Frankfurt 245 Seiten, 24,90 Euro

Alojzy Twardecki, »Die Schule der Janitscharen« (übersetzt von Christoph Koch, Peter Lang Verlag Frankfurt 245 Seiten, 24,90 Euro

Angesichts des deutschen Rassenwahns erscheint die »Eindeutschung Fremdvölkischer« heute eher als absurde Idee. Doch sie kann als Beispiel dafür gelten, dass die Ideologie des Faschismus seinen ökonomischen und Machtinteressen folgte. Das 1942 im »Generalplan Ost« vorgesehene »Germanisierungsgebiet« umfasste Weißrussland, die Ukraine, das Baltikum (ohne Litauen), Russland bis zum Ural, die Krim sowie Böhmen und Mähren. Von den dort lebenden Völkern sollten bis zu 51 Millionen »rassisch Unerwünschter« erst nach Westsibirien verbracht und dann durch Hunger und Arbeit vernichtet werden. Dem stand eine viel zu geringe Zahl »germanischer Siedler« gegenüber, die den neu eroberten Raum besetzen konnte. Also musste »deutsches Blut« auch unter fremden Völkern ausgemacht werden. Als Kriterium für sein Vorhandensein wurde das »rassische Escheinungsbild« (blond, blauäugig, nordisch) herangezogen, ergänzt durch ein psychologisches Ausleseverfahren.

Die rassische Scheidung von Deutschen und »Rückdeutschungsfähigen« auf der einen und »Fremdstämmigen« (z.B. Polen) und »Fremdblütigen« (z. B. Juden) auf der anderen Seite wurde mit weitreichender Konsequenz vor allem in Polen praktiziert, das deshalb auch die größte Zahl von Opfern zu beklagen hatte .Die Schätzungen schwanken zwischen 150 000 und 220 000 geraubten polnischen Kindern. Die Verantwortung für dieses Verbrechen trug das Rasse- und Siedlungsamt der SS.

Dass deutschsprachige Leser nach mehr als 70 Jahren mehr über dieses Kapitel erfahren können, verdanken Sie der Tatsache, dass der Pole Alojzy Twardecki Mitte der 60er Jahre im Alter von 30 Jahren einen Bericht über seine Kindheit und Jugend verfasste. Sie begann nach seiner Erinnerung in einem deutschen Waisenhaus, in dem er in der Überzeugung aufwuchs, er sei der Sohn eines deutschen SS-Offiziers, der von polnischen Partisanen ermordet wurde und seine Mutter wäre bei seiner Geburt gestorben. Eindrücklich beschreibt er die faschistische Erziehung, die schon aus kleinen Kindern glühende deutsche Patrioten und Militaristen machte. Eine Familie aus Koblenz, der Vater hoher NSDAP-Funktionär, nahm den kleinen Alfred an Kindes Stelle an. Bis 1949 lebte er dort ein normales deutsches Leben – als guter Schüler, von seiner Familie geliebt und mit vielen Bekannten und Freunden verbunden. Auch nach der Niederlage des Faschismus war sein Denken (wie das der meisten Deutschen in seiner Umgebung) immer noch stark von faschistischer Ideologie geprägt.

Dass diese Welt für ihn zusammenstürzte, verdankt er seiner Mutter, Malgorzata Twardecka, die die Suche nach ihrem von den Deutschen geraubten einzigen Kind nie aufgegeben hatte und durch einen Zufall den deutschen Namen ihres Sohnes herausbekam. Es folgte eine heute kaum vorstellbare Schlacht zwischen deutschen und polnischen Behörden sowie der internationalen Flüchtlingsorganisation, die mit der Rückführung geraubter Kinder beauftragt war. Am Ende entschied sich der 16-Jährige Alfred aus sehr persönlichen Gründen, eine Einladung der Frau anzunehmen, die behauptete, seine Mutter zu sein. In seinem Bericht beschreibt er den darauf folgenden schwierigen Erkenntnis- und Veränderungsprozess, der ihn am Ende dazu brachte, seine polnische Identität zu akzeptieren und sein weiters Leben in Polen zu verbringen.

Ein unglaubliches Zeitdokument! Dass wir es, wenn auch mit großer Verspätung, jetzt kennenlernen konnten, verdanken wir der Hartnäckigkeit und Weitsicht des Sprachwissenschaftlers Christoph Koch, der den Bericht Twardeckis bereits vor 40 Jahren (!) ins Deutsche übersetzte, doch nie einen Verlag dafür fand. Jetzt ist er bei Peter Lang erschienen, eingeleitet durch ein umfangreiches Vorwort Kochs, in dem er die historischen Umstände des faschistischen Kinderraubs ebenso beleuchtet wie die Leerstellen der Forschung in diesem Bereich. Viele Dokumente ergänzen das Ganze. Christoph Koch, seit vielen Jahren Vorsitzender der Deutsch-Polnischen Gesellschaft, vermittelt den Lesern mit diesem Buch einen tiefen Einblick in die Komplexität und Widersprüchlichkeit von Geschichte. Für deren Verständnis ist vielleicht erst jetzt die Zeit gekommen.

Nicht nur für Jugendliche

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geschrieben von Janka Kluge

Erinnerungen und Dokumente zum Thema Jugend im Faschismus

 

Der Jugendbuchverlag Arena hat in seiner ambitionierten Reihe »Bibliothek des Wissens« ein Buch über den Alltag von Jugendlichen im Dritten Reich vorgelegt. Die Autorin Anja Tuckermann hatte sich zuvor bereits in verschiedenen Romanen und Biographien mit dem Schicksal jugendlicher Sinti beschäftigt.

Um verständlich zu machen, was in den Jahren zwischen 1933 und 1945 geschehen ist, beginnt sie das Buch 1914 mit einem Auszug aus dem Tagebuch der zwölfjährigen Piete. Das Mädchen wächst mit ihrem Bruder bei ihren Großeltern in Schneidemühl, einer Grenzstadt zu Polen, auf. Auf Wunsch ihrer Mutter, die in Berlin lebt und arbeitet, führt sie ein Tagebuch. Als sie nach einem Jahr mit dem Schreiben aufhören will, sagt ein Freund zu ihr: »Sie müssen weiterschreiben. Zeugen müssen sein. Wenn ein neuer Krieg kommt, wird man diesen ganz vergessen.«

Dieser Satz, geschrieben von der inzwischen Dreizehnjährigen, steht wie ein Motto über dem Buch. Anja Tuckermann hat Briefe, Tagebücher, aber auch Dokumente aus der Hitlerjugend gesammelt und zu einem sehr lesenswerten Buch verarbeitet. Die zwölf Jahre Herrschaft des deutschen Faschismus werden am Beispiel verschiedener Jugendlicher und junger Menschen dargestellt. Die Autorin beschränkt sich aber nicht nur auf die Schilderung in Deutschland, sie bezieht auch Verfolgung und Widerstand in den besetzten Ländern ein.

Anja Tuckermann, »Ein Volk, ein Reich ein Trümmerhaufen«, Arena Verlag, Würzburg, 2013, 10,99 Euro

Anja Tuckermann, »Ein Volk, ein Reich ein Trümmerhaufen«, Arena Verlag, Würzburg, 2013, 10,99 Euro

Gleich zu Beginn wird aus den Tagebuchaufzeichnungen von Lili Hahn zitiert. Im Februar 1933 schrieb die achtzehnjährige Journalistin für eine Zeitung in Frankfurt eine Kritik über ein Klavierkonzert. Einer der beiden Pianisten war Jude. Der Chefredakteur rief sie zu sich und sagte ihr, »sie hätte schreiben müssen, dass der und der Arier es besser gekonnt hätte.« Sie weigerte sich ihren Text zu ändern und durfte danach nicht mehr für diese Zeitung schreiben. Eine andere Jugendliche, die gleich am Anfang des Buches eingeführt wird, ist Sophie Scholl. Sie macht zuerst begeistert in der Hitlerjugend mit und gründet dann zusammen mit ihrem Bruder und anderen Studenten aus München »Die weiße Rose«. Durch ihre Flugblätter wollten sie aufrütteln und zeigen, dass es auch ein anderes Deutschland gibt.

Einen ähnlichen Weg geht eine Gruppe Jugendlicher in Köln. Um das erst fünfzehnjährige Mädchen Gertrud Koch sammeln sich verschiedene andere Jugendliche. In dem Buch werden Auszüge aus ihrer Erinnerung zitiert. »Wir wollten frei sein. Frei wandern und singen können, unsere Kleidung und unser Aussehen selbst bestimmen – alles Wünsche, die unter dem nationalsozialistischen Regime undenkbar waren.« Die Gruppe nennt sich nach dem Edelweiß, jener Blume, die auch unter Schnee und Eis noch wächst und blüht. Schnell schließen sich andere Gruppen von Jugendlichen mit den Kölnern zusammen. Als sie einen Drucker kennenlernen, beschließen die Edelweißpiraten, Flugblätter zu schreiben und verteilen. Sie schaffen es, fast jede Woche ein neues Flugblatt herauszubringen. »Wir hatten die Hoffnung, dass einige Menschen unsere Flugblätter aufheben und heimlich weitergeben würden. Wahrscheinlich war das eine naive Hoffnung. Aber eigentlich stellten wir unsere Aktionen nie in Frage. Es gab kein Zurück, kein stilles Dulden des Naziregimes. Wir mussten einfach handeln.« Trotz einiger Verhaftungen machen die Jugendgruppen weiter. Einige nehmen Kontakt zu Widerstandsgruppen von Erwachsenen auf und schließen sich ihnen an. Andere verstecken geflohene Zwangsarbeiter und Deserteure oder verstecken Waffen, damit sie kämpfen können, wenn es zu einem Aufstand gegen die Nazis kommt.

In den letzten beiden Kriegsjahren gehen die Nazis dazu über, auch ältere Männer und Jugendliche ab 16 Jahren zu rekrutieren. Damit die Rüstungsproduktion weiter aufrecht gehalten werden kann, werden immer mehr Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter nach Deutschland verschleppt. Anja Tuckermann zitiert aus den Erinnerungen des jungen Kommunisten Fritz Bringmann, der mit anderen Häftlingen in Osnabrück eingesetzt war. Sie mussten Trümmer von den Bombardierungen wegräumen. »Ein Häftling wurde vor den Augen der Bevölkerung von einem SS-Kommandoführer derart misshandelt, dass er bewusstlos zusammenbrach. Doch der SS-Mann misshandelte ihn erneut. Da bahnte sich eine Frau den Weg durch die Menschenansammlung, ging auf den SS-Mann zu, stellte sich zwischen ihn und den Häftling und protestierte lautstark gegen diese Unmenschlichkeit.«

Der Text wird ergänzt durch ein Glossar, in dem die wichtigsten Begriffe und Namen erklärt werden und eine Zeitliste, auf der man sich über die Entwicklung des Faschismus kurz und schnell informieren kann.

Jedes Mal, wenn ich das Buch wieder in die Hand genommen habe, um für diese Rezension etwas nachzuschlagen, habe ich mich erneut festgelesen. Ein besseres Lob kann ich nicht vergeben. Ich wünsche dem Buch viele Leserinnen und Leser – und nicht nur jugendliche.

Naturfreunde im Widerstand

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geschrieben von Ulrich Schneider

Ein Lesebuch zur Arbeiterbewegungs-Geschichte 1933 bis 1945

 

Im Jahr 2015 können die Naturfreunde auf eine 120-jährige Organisationsgeschichte zurückblicken. Diese Vereinigung, im Umfeld der Arbeiterbewegung als Wander-, Kultur- und Touristikverein in Österreich gegründet, breitete sich schnell über die Schweiz und Deutschland in andere europäische Länder aus. Die Mitglieder strebten in die Natur, wo sie von den Mühen des Arbeitsalltags Kraft schöpfen konnten und Zeit zum Nachdenken hatten. Der Gruß »Berg frei« verkörperte dieses Gefühl der Ungebundenheit vom kapitalistischen Alltag. Der Touristikverein »Die Naturfreunde« verstand sich dabei immer auch politisch. Folgerichtig unterlagen die Organisation und seine Mitglieder schon 1923 im faschistischen Italien und 1933 im faschistischen Deutschland der politischen Verfolgung. Naturfreundehäuser und andere Einrichtungen, die mit dem Geld und viel Arbeit der Mitglieder geschaffen worden waren, wurden ab 1933 besetzt und von SA und HJ übernommen. All dies ist bekannt. Weniger bekannt ist die Tatsache, dass auch viele Mitglieder der Naturfreunde aktiv im antifaschistischen Widerstand waren. Anlässlich des 80. Jahrestages der Unterdrückung der Naturfreunde-Organisation 1933 legte Bruno Klaus Lampasiak unter dem Titel »Naturfreund sein heißt Mensch sein« ein Lesebuch zu »Naturfreunde im Widerstand 1933 bis 1945« vor.

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In seinem einführenden Beitrag weist der Autor auf die Problematik hin: »Die meisten Naturfreunde haben Widerstand nicht in ihrer Eigenschaft als Mitglieder der Naturfreunde, sondern als Mitglieder und Funktionäre von politischen Parteien oder Jugendorganisationen geleistet.« (S.21), da die Naturfreunde eine typische »Drittorganisation« (nach Parteien und Gewerkschaften) war. Aber der von ihren Mitgliedern geleistete Widerstand strahlt auch auf die Organisation selbst zurück.

Dabei ist die Quellenbasis der Erforschung kompliziert. Selbst ein rein statistischer Überblick über Verhaftungen und Verurteilungen von Mitgliedern der Naturfreunde-Bewegung bleibt unvollständig, da die faschistischen Verfolger vor allem den parteipolitischen Hintergrund der jeweiligen Widerstandsgruppe registrierten. Bekannt ist aber, dass allein aus dem Landesverband Hessen 110 Mitglieder verurteilt wurden, von denen 40 im KZ und 70 in Gefängnissen einsaßen. Aus Sachsen ist die Verfolgung von Mitgliedern der Naturfreunde-Opposition in der »Vereinigten Kletterabteilung« (VKA), die die Flucht von Antifaschisten in die CSR ermöglichten und illegale Schriften ins Deutsche Reich schmuggelten, bekannt.

Das vorliegende Lesebuch ist in drei Kapitel gegliedert: Begegnungen, biographische Portraits und Widerstand in Ortsgruppen und Gauen, wobei der Geschichte der Naturfreunde in Österreich ein eigenes Kapitel gewidmet ist.

In den fünfzehn Begegnungen schildert der Verfasser, wie antifaschistische Politiker vor allem aus der Sozialdemokratie, z.B. Willy Brandt, Paul Löbe, Ernst Reuter oder Bruno Kreisky ihre Erfahrungen in die Naturfreunde-Organisation hineingetragen haben.

In den 29 Portraits, die zumeist auf Informationen aus den Ortsgruppen und Landesverbänden basieren, finden sich auch Naturfreunde, die mit der kommunistischen Richtung der Arbeiterorganisationen verbunden waren, z.B. Konrad Belz, Georg Elser, Alfred Hausser, Änne Salzmann, Lore Wolf und Rudolf Wunderlich. Dabei ist nicht zu übersehen, wie viele Mitglieder der Naturfreunde-Organisation sich nach 1945 der VVN angeschlossen haben, da dies ihrer Überzeugung für einen antifaschistischen Neubeginn entsprach.

In zwanzig Lokalstudien, die der Herausgeber Veröffentlichungen zur regionalen Geschichte der Naturfreunde entnehmen konnte, wird deutlich, dass Widerstand in vielen der damals 200 Ortsgruppen geleistet wurde. Gleichzeitig beklagt Lampasiak jedoch die schlechte Materiallage, da in vielen Festschriften und Chroniken die Zeit 1933 bis 1945 nur mit wenigen Worten erwähnt werde. Er verband damit die Hoffnung, dass dies als Anregung für weitere Gruppen dienen könne, »das eventuell noch vorhandene Material über die Zeit von 1933 bis 1945 zusammenzustellen.«

Insgesamt entstand mit dieser Sammlung von Lebenserinnerungen, Veröffentlichungen und Dokumenten ein eindrucksvolles Kaleidoskop des antifaschistischen Wirkens von Mitgliedern der Naturfreunde-Organisationen. Auch wenn Lampasiak an mehreren Stellen zurecht darauf hinweist, dass es auch bei den Naturfreunde Anpassungen an das NS-Regime gegeben habe, dieses Lesebuch dokumentiert eine Traditionslinie, auf die auch heutige Mitglieder der Naturfreunde mit Stolz zurückblicken können.

Wissenschaft von Rechts

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geschrieben von Nils Becker

Studienheft zu rechter Ideologieproduktion und dem Kampf dagegen

 

Die Hochschulen, als Orte von Bildung, Vernunft und Humanität, sind nicht gefeit vor autoritären, nationalistischen, rassistischen und antisemitischen Einstellungen. Diese schlagen sich auch in der Wissenschaftsproduktion nieder und finden sich in akademischen (Elite-)Netzwerken, in Zitations- und Publikationskartellen. Im aktuellen Studienheft des Bund demokratischer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler (BdWi) wird diese »Wissenschaft von Rechts« in ihren unterschiedlichen Facetten beleuchtet. Neben den obligatorischen Begriffsbestimmungen und Problematisierungen der Extremismustheorie, widmen sich die Beiträge klassischen Themen des hochschulpolitischen Antifaschismus wie der »Rassenkunde«, der »Elitenzucht« und den Debatten in den Koporationen, die mit dem »Ariernachweis« im Dachverband Deutsche Burschenschaft oder dem Wiener Akademikerball exemplarisch in der Öffentlichkeit verhandelt wurden. Beiträge zum Erstarken des europäischen Rechtspopulismus und zu den Veränderungen im ungarischen Bildungssektor unter Viktor Orban, erweitern die Perspektive. Gisela Notz liefert den Leitartikel zur historischen Dimension des akademischen Rechtsextremismus. So weht bis heute ein patriarchaler Geist in Verbindung mit Elementen des Rechtsextremismus und des Klassismus durch Forschung und Lehre.

 

Historische Dimensionen

Fast die gesamte »vernunfbegabte« Dozentenschaft von über 3000 Professoren rief im Oktober 1914 zur Kriegsbeteiligung auf – unzählige Studierende folgten ihrem Ruf und unterbrachen für das Gemetzel ihr Studium. Bereits nach dem Ende des Krieges begannen die Heimkehrer sich auf den nächsten vorzubereiten. Der Antisemitismus und der wissenschaftlich objektivierte Rassismus hatten ohnehin seit Jahrzehnten einen festen Platz im Curiculum. Auf dem Höhepunkt antijüdischer Propaganda 1881 gründete sich der Verein Deutscher Studenten (VDS), der Monarchie und das Deutschtum in der Studierendenschaft kultivierte. Das Scharnier zwischen Nationalsozialisten und Bürgerelite bildete später der Antisemitismus. »Fremdblütige Studenten« sollten von den Universitäten ausgeschlossen werden. Mit dieser Forderung schaffte es der Nationalsozialistische Deutsche Studentenbund (NSDStB) in den Vorsitz des VDS. Schon 1932 wurden nahezu alle Studierendenausschüsse von NSDStB-Mitglieder gestellt, die in NSDAP-Uniformen auftraten. Bücherverbrennungen, die Verfolgung von jüdischen, marxistischen und pazifistischen Schriftstellern und Wissenschaftlern waren also lang ideologisch und praktisch vorbereitet – die Beteiligung an der späteren Front akademische Ehrensache. Bis in die 60er Jahre wurde dieser, wenn auch kriegsversehrten, rechten Ideologie an den Hochschulen wenig entgegengesetzt. Der Muff des 1000-jährigen Reiches unter den Talaren war als Zukunftsmodell dann aber für Studierende untragbar geworden. Erst der neoliberale Umbau der Universitäten, der bis heute anhält, ließ die Demokratisierung der Hochschulen und die Bildungsexpansion ins Stocken geraten. Der politische Rollback zeitigt sich in den letzten Jahren im abnehmenden politischen Interesse der Studierenden und einer immer offener agierenden Rechten.

 

Neokonservative Netzwerke

Der Artikel von Helmut Kellershohn widmet sich dem Netzwerk rund um die »Junge Freiheit«, das »Institut für Staatspolitik« (IfS) und den Verlag Antaios. In seiner Analyse der personellen und publizistischen Strukturen offenbart er ein professionalisiertes Milieu, dass sich »auf den Ernstfall eines politischen Elitewechsels« vorbereitet und dessen Kampffeld auch die Universitäten sind. Hervorgegangen ist dieses Netzwerk aus der Studentenverbindung Deutsche Gildenschaft. Dessen ehemalige Führungsriege geht arbeitsteilig vor. Dieter Stein versucht mit der Wochenzeitung Junge Freiheit den Aufstieg der Neuen Rechten (z.B. der Alternative für Deutschland), publizisitisch zu begleiten um »die Union von rechts unter Druck zu setzen«. Das IfS um Karlheinz Weißmann wiederum, richtet sich mit seiner Politikberatung nicht an die breite Masse, sondern an Verantwortungsträger. Der Verlag Antaios von Götz Kubitschek unterstützt die Arbeit des IfS durch Publikationen. Kellershohns Verdienst ist es das dieses Netzwerk mit den »jungkonservativen Netzwerken« der 20er Jahre zu vergleichen und es ebenso als Hegemonieprojekt zu begreifen, das sich geplant und umfassend um die praktische Indienstbarmachung anderer rechter Strömungen (z.B. rechte Euro-Kritik, christilicher Fundamentalismus, Neonazismus) zur Verallgemeinerung völkisch-nationalistischer Basisideologeme bemüht. Denn der programmatische Zusammenhang dieser Strömungen muss bei all den persönlichen Animositäten und Widersprüchen rechter Bewegungen erst einmal hergestellt werden, um als rechte Massenbewegung durchsetzungsfähig zu sein.

Die Erfolgsaussichten solcher Netzwerke hängen aber nicht nur von deren finanziellen und intellektuellen Ressourcen ab, sondern auch von der Gegenwehr, die ihnen von einem gesellschaftlich umfassend aufgestellten Antifaschismus gegenübertritt. Der BdWi leistet dazu in der Hochschullandschaft einen wichtigen Beitrag.

Am Schluss wird geschaufelt

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geschrieben von Thomas Willms

Leporello »Der Erste Weltkrieg« orientiert sich am Teppich von Bayeux

 

Joe Saccos neues Werk »Der Erste Weltkrieg. Die Schlacht an der Somme« stellt die Fans dieses -großen Comic-Künstlers zunächst vor ein Rätsel. Sacco hat zahlreiche Terror-, Kriegs- und Katastrophengebiete der Welt bereist und zu Comic-Reportagen verarbeitet. Er ist berühmt für seine Direktheit und ungeschminkte Härte, für Nahbilder, große Gesichter und Einzelgeschichten, die das große Ganze verdeutlichen. Nichts von alledem findet sich in »The Great War«, das sich mit dem aus britischer Sicher schlimmsten Ereignis des Ersten Weltkrieges, dem Angriff auf die deutschen Stellungen im Bereich der Somme am 1. Juli 1916 beschäftigt. Mit übermäßigem Optimismus im Morgengrauen begonnen, endete er als blutigster Tag der britischen Militärgeschichte mit 57.000 Verlusten, davon fast 20.000 Toten.

Die Horrorszenarien zu diesem Krieg sind aber längst gezeichnet. Jacques Tardis anarchistisch-defätistisches Werk zum Ersten Weltkrieg ist nicht zu übertreffen, mag Sacco sich gesagt haben. Umso erstaunlicher ist aber, dass er auch eine andere ausdrücklich von ihm benannte und hervorgehobene Vorlage nicht angenommen hat. Es ist der bereits 1971 erschienene Band »The First Day of the Somme« von Martin Middlebrook. Die bizarren Details, für die diese Schlacht berüchtigt ist, werden nach diesem u.a. auf zahlreichen Interviews beruhendem Klassiker, zitiert. Die Ausgabe von Fußbällen an die Angreifer, mit denen sie das Niemandsland im Wettstreit überqueren sollten; das Bataillon Neufundländer, das bis heute an der Stelle begraben ist, an der es nahezu vollständig umkam; der Offizier, der ein Geländemodell anfertigte, anhand dessen er exakt die Stelle berechnete an der er umkommen würde; all das und noch viel mehr, hätte zu einer Visualisierung geradezu eingeladen.

Die gestalterische Lösung ist aber eine radikal andere. Es ist ein sieben Meter langes Leporello, das die Vorbereitungen, den Angriff und sein Scheitern aus britischer Perspektive zeigt. Sein Vorbild ist der Teppich von Bayeux, ein grundlegendes Werk europäischer Kunst aus dem 11. Jahrhundert. Der 70 Meter lange Teppich, eigentlich eher ein bestickter Wandbehang für die großen Herrenhäuser, schildert den normannisch-angelsächsischen Konflikt um die Macht auf der Insel, der in der Schlacht von Hastings 1066 kulminierte. Es ist ein Produkt der Sieger, der Normannen. Und doch ist es keine reine Verherrlichung von König Wilhelm dem Eroberer, sondern ausgerichtet auf Fairness und Versöhnung. Harold, der unterlegene angelsächsische König wird als fehlgeleitet, aber trotzdem ehrenwert charakterisiert. 1066 steht für den Beginn der englischen Geschichte und Sprache im eigentlichen Sinn. Den 1. Juli 1916 kann man – zugespitzt – für den Anfang vom Ende des britischen Empire halten, da er die Endlichkeit der eigenen Kräfte zum ersten Mal wirklich deutlich machte.

Saccos gezeichnetes Leporello bringt es auf sieben Meter, die man entweder wie ein Buch durchblättern oder entfalten kann. Hier wie dort ist es eine Bildergeschichte voller Details an Personen, Kleidung, Waffen, Gebäuden, Werkzeugen, Tieren usw.. Doch Sacco fehlen im Gegensatz zu den Frauen, die den Teppich auch mit lateinischen Erläuterungen bestickt haben, die Worte. Was man sieht, wird nur im Begleitheft erklärt. Es ist außerdem eine graue Welt ohne die wunderschönen Farben des Mittelalters.

Der Militärhistoriker würde außerdem einwenden, dass Details fehlen, die das schreckliche Desaster erklärbar machen. Der Gegner wird nicht dargestellt und es gibt auch keine politisch-moralische Einordnung. Vor allem aber fehlt das, was bei vielen Denkmälern zu Kriegen und Terror heute vordringlich ist, das Element des Namengebens. Das Leporello ist hingegen ein Werk der Distanz, akzeptierend, dass wir keine persönliche Beziehung mehr herstellen können. Sacco vermittelt den Respekt gegenüber den Menschen auf eine andere Weise, die eine titanische Arbeit, eine Art von Opfer, erfordert hat. Er konzentriert sich darauf, jeder Figur eine Umrandung zu geben, sie nicht in Andeutungen und Schatten verschwinden, also in der Masse untergehen zu lassen. Und er macht im Gegensatz zum derzeitigen medialen Schlachtengetöse deutlich, dass das Kriegsgeschehen selbst nicht in erster Linie Kampf, sondern zu allererst Arbeit war. Seine Figuren – und es müssen tausende sein – tragen, schieben, ziehen, stopfen usw. usf.. Und am Ende muss vor allem geschaufelt werden, nämlich die Gräber und gehämmert und bemalt, und zwar die Grabkreuze.

Der Bayeux-Teppich hat fast ein Jahrtausend an Kriegen, Plünderungen, Bränden, Umstürzen und Verbrechen und zum Schluss sogar die Deutschen überstanden. Auch Joe Saccos »The Great War« wird noch sehr lange betrachtet werden.

Im Dienst des Antifaschismus

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geschrieben von Michael Landmann

Zum 110ten Geburtstag von Jürgen Kuczynski

Viele kennen ihn als außerordentlich produktiven Wirtschaftswissenschaftler und Historiker, mehrfach nominiert für den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften (zuletzt 1988), als »letzten Universalgelehrten der deutschen Sozialwissenschaften«, als Weltenbürger, bekennenden Marxisten, »hoffnungslosen Optimisten und linientreuen Dissidenten« (Selbstbeschreibung), als streitbaren Denker, Briefeschreiber an seine Urenkel und Autoren witziger Anekdoten, auch als Politiker und »Deutschen jüdischer Herkunft« – Jürgen Kuczynski (17.09.1904 – 06.08.1997). Vergleichsweise selten wird über ihn als einen Antifaschisten gesprochen. 20100621-content.800 Seine wissenschaftliche und publizistische Arbeit während der Weimarer Republik war eng mit dem auf die Verhinderung des Faschismus und eines neuen Krieges gerichteten politischen Kampf der KPD verbunden, deren Mitglied er 1930 geworden war. Er arbeitete in deren Informationsabteilung und als Redakteur der »Roten Fahne«, half antifaschistische Demonstrationen zu organisieren, erarbeitete wirtschaftspolitische Analysen, auch für die sowjetische Botschaft. J. K. und seine Frau entschlossen sich im Februar/ März 1933, den Eltern nicht in die Emigration zu folgen, sondern sich am antifaschistischen Widerstand in Deutschland zu beteiligen. Es folgten fast drei Jahre zunächst noch legaler, dann illegaler Arbeit, angefüllt mit analytischer Arbeit zur wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung im Lande für die Reichsleitung der KPD, sowjetische Institutionen und eigene Veröffentlichungen, mit der Herstellung von Propagandamaterial, dem Verfassen von Zeitungsartikeln, immer wieder bedroht von Hausdurchsuchungen und Inhaftierung. In diese Zeit fiel aber auch eine Reise in die Sowjetunion (1935), die bestehende wissenschaftliche und politische Kontakte zu sowjetischen Institutionen vertiefen half. Schließlich wurde im Januar 1936 eine Emigration unumgänglich. Das Ziel: England. Hier setzte J.K. seine antifaschistische Arbeit unmittelbar fort. Als Politischer Leiter organisierte er den Zusammenhalt und die Arbeit der Genossen vor Ort, unterhielt regelmäßige Kontakte zur Parteiführung in Paris, traf sich dort auch mit anderen deutschen Emigranten zum Gedankenaustausch. Als international bereits bekannter Wissenschaftler war es ihm möglich, im Rahmen der Volksfrontpolitik Verbindungen zu sozialdemokratischen Gruppen in England, Gewerkschaftsorganisationen, der aus Vertretern unterschiedlicher bürgerlicher Schichten gebildeten »Notgemeinschaft deutscher Wissenschaftler« und dem von der Kommunistischen Partei initiierten, aber überparteilich wirkenden »Freien Deutschen Kulturbund«, einer Vereinigung emigrierter Kunstschaffender, herzustellen und auch deren Arbeit publizistisch und durch Vorträge zu unterstützen. Kuczynski arbeitete für den Freiheitssender 29,8, für den er dank seiner internationalen Kontakte auch finanzielle Mittel beschaffte. Er unterstützte politisch die Gruppe um Winston Churchill, die im Unterschied zu anderen Interessengruppen innerhalb der englischen herrschenden Klasse konträr zum Hitler-Regime stand. Nach Ausbruch des Krieges interniert, führte er auch unter diesen Bedingungen seine politische Arbeit unter den internierten deutschen Nazi-Anhängern fort. Er kam durch Intervention amerikanischer Prominenter frei. 1942 meldete sich der als »Atom-Spion« bekanntgewordene Klaus Fuchs aus der Schweiz kommend bei Kuczynski und berichtete von der Arbeit an der neuen verheerenden Waffe. J.K. stellte daraufhin den Kontakt zu seiner Schwester (Ruth Werner) her, die für den militärischen Nachrichtendienst der Sowjetunion arbeitete. Ende 1944 zog die US-Regierung pragmatisch Experten zusammen, unabhängig von deren politischen Bekenntnissen. Das KPD-Mitglied -Kuczynski landete so im Range eines Oberst beim United States Strategic Bombing Survey, beauftragt mit der Analyse der wirtschaftlichen Auswirkungen der alliierten Bombenangriffe und der Aufklärung der Rüstungsproduktion Deutschlands, unter anderem durch Sicherstellung entsprechender Dokumente in Deutschland, wo er noch vor Kriegsende zum Einsatz kam. In Heidelberg nahm er persönlich den I.G.-Farben-Chef Hermann Schmitz fest. Nach der Befreiung beteiligte sich J.K. sofort am antifaschistischen Wiederaufbau – im Juli 1945 hatte ihn der Chef der SMAD zum Präsidenten der Zentralverwaltung für Finanzen ernannt (wovon er auf der Rückfahrt nach London über den Berliner Rundfunk erfuhr). Für den Nebenkläger im Frankfurter Auschwitz-Prozess von 1964, F. K. Kaul, erarbeitete J.K. ein Gutachten über das Zusammenwirken von SS und I.G. Farben beim Aufbau und Betrieb dieses Massenvernichtungslagers und die treibende Rolle des Chemiekonzerns. Das Gutachten wurde seinerzeit mit der Begründung nicht zugelassen, als »von der Sowjetischen Besatzungszone bezahlter Professor« bewege er sich innerhalb der »Grundsätze der kommunistischen SED«, seine wissenschaftliche Methode sei für die Bundesrepublik suspekt.

Öffentliche Eingriffe

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geschrieben von Ernst Antoni

Die Aktionen des Münchner Künstlers Wolfram Kastner

 

Schwer war, obwohl innen hohl, der Bronzekopf. Zu dritt mussten sie anpacken, der Künstler Wolfram Kastner und zwei Freunde, um ihn herunter zu hieven vom Sims an der Klostermauer. Dann betteten sie das Haupt des einstigen Generalfeldmarschalls und Reichspräsidenten erst einmal ins Grüne und der Künstler markierte das rechte Auge der Plastik mit einem Hakenkreuz-Button. Zur Veranschaulichung der Hintergründe und Zusammenhänge der Demontage, die da eben stattgefunden hatte.

Künstler Wolfram Kastner bei der Hindenburg-Erläuterung. Foto: ikufo

Künstler Wolfram Kastner bei der Hindenburg-Erläuterung. Foto: ikufo

Die Hindenburg-Büste stammt aus der Werkstatt des Nazi-Bildhauers Josef Thorak. Vielerorts fand sie während der NS-Zeit Verwendung, nicht zuletzt dort, wo der Mann, der Hitler zur Macht verholfen hatte, mit Ehrenbürgerwürden ausgezeichnet worden war. Im oberbayerischen Dorf Dietramszell, dem Ort unserer Handlung, hatte dies bereits 1926 stattgefunden. Und zwei Monate, nachdem Hindenburg Hitler 1933 zum Reichskanzler ernannt hatte, wurde auch dieser Ehrenbürger des Dorfes.

Als im vergangenen Jahr bekannt wurde, dass diese Ehrenbürgerschaften nach wie vor bestehen, ohne dass sich jemand davon distanziert hätte, rückte die Gemeinde kurzzeitig im In- und Ausland ins Rampenlicht. Hatte sich doch in einer dazu einberufenen Gemeinderatssitzung die Hälfte der Räte gegen den Entzug der Ehrenbürger-Würden ausgesprochen. Zwar wurde dies, als das Ausmaß des Image-Schadens unübersehbar war, in einer späteren Sitzung durch einen einstimmigen Aberkennungsbeschluss revidiert, der Thorak-Hindenburg jedoch blickte weiterhin von der Klostermauer markig ins Dorf. Bis ihn die Kastner’sche Kunstaktion nun, zumindest vorerst, vom Sockel holte.

Der Münchner Aktionskünstler – so nennen ihn die Medien, er selbst meint, er halte es lieber mit Paul Klee, der gesagt habe, Kunst müsse etwas sichtbar machen, das man sonst nicht sieht – hat viel Erfahrung mit veranschaulichenden Eingriffen in den öffentlichen Raum. Sei es durch Herausnahmen oder Umwidmungen dort vorhandener Scheußlichkeiten, meist mit militaristischen und nazistischen Hintergründen, wie hier am Beispiel Hindenburg geschehen, Sei es aber auch durch das Hinzufügen von Objekten und künstlerischen Hinweisen an historischen Orten.

Da gibt es von ihm etwa diese weißen Koffer mit den Namensetiketten, aufgestellt dort, wo jüdische Menschen in die Vernichtungslager verschleppt wurden. Da gibt es den »Brandfleck« auf dem Münchner Königsplatz, das vom Künstler Jahr für Jahr in den Rasen gebrannte Loch zur Erinnerung an die Bücherverbrennung der Nazis, inzwischen verbunden mit Lesungen aus »verbrannten Büchern«, an denen sich Münchnerinnen und Münchner aus unterschiedlichsten »Zusammenhängen« beteiligen. Und noch viele weitere Aktionen quer durch die Lande.

All das hat dem Künstler Kastner im Lauf der Jahre viel Publizität und auch die eine oder andere Ehrung eingebracht, so unter anderem 2011 den »Hans-Frankenthal-Preis« des Internationalen Auschwitzkomitees. Öfter aber kam es zu Interventionen durch Polizei und andere »Ordnungskräfte«, gefolgt von Strafverfolgungen und gerichtlichen Auseinandersetzungen.

Nach öffentlichkeitswirksamen Eingriffen mit einer Schere etwa, mit der Wolfram Kastner bei einschlägigen »Heldengedenk«-Veranstaltungen Kranzschleifen mit »Waffen-SS«-Ehrungen entfernte. Besonderes Kuriosum hier in einem Fall: Die »Tat« hatte auf österreichischem Boden stattgefunden, dort aber wollten die Behörden nicht aktiv werden. Worauf sich prompt eine bayerische Ermittlungsbehörde fand, die sich ans strafverfolgende Handwerk machte.

Im »Fall Hindenburg« sieht es, darf man der regionalen Presse glauben, derzeit anders aus: »Wolfram Kastner hat nach Einschätzung der Staatsanwaltschaft München II keine strafbare Handlung begangen. Sachbeschädigung liegt nicht vor, weil der Bronzeschädel nicht so in Mitleidenschaft gezogen wurde, dass man ihn nicht wieder anbringen könnte. Diebstahl liegt nicht vor, weil er die Büste ja nicht mitgenommen hat. Und auch das Verwenden verfassungsfeindlicher Symbole – Kastner klebte ein Hakenkreuz auf das Auge des eisernen Marschalls – kommt nicht in Betracht. ‚Es geht hier ja um eine Negativdarstellung‘, erklärt Frank Konrad vom Polizeipräsidium Oberbayern. ‚Damit soll die nationalsozialistische Gesinnung nicht verherrlicht, sondern im Gegenteil angeprangert werden.‘»

Solches liest man in vergleichbaren Fällen eher selten. Vielleicht lag es in diesem Falle auch daran, dass der Kommentator der überregionalen Süddeutschen Zeitung seiner Meinung zu Hindenburg-Büste und Kunstaktion eine überzeugende Überschrift gegeben hatte: »Weg mit dem Hohlkopf«.

Titelbild der Ausgabe Nov./Dez. 2013

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Zerstörtes jüdisches Geschäft am 9.11.1938 in Magdeburg (Foto: H. Friedrich)

Zerstörtes jüdisches Geschäft am 9.11.1938 in Magdeburg (Foto: H. Friedrich)

Editorial

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geschrieben von Regina Girod

Wie ging man in der alten BRD mit der Nazivergangenheit um und was bedeutet das für uns Heutige? Diese Frage, einschließlich ihrer internationalen Dimension, zieht sich wie ein roter Faden durch die vorliegende antifa-Ausgabe. In den Beiträgen über Gauck in Oradour (Seite 9), Priebke, Kappler und Co (Seite 8) und die Überlebenden des Massakers von Santa Anna (S. 20) geht es um Naziverbrechen in den besetzten Ländern und ihre jahrzehntelangen Nachwirkungen. Im Porträt stellen wir eine litauisch-jüdische Partisanin vor, die bis heute für die Erinnerung an den Widerstand und seine Würdigung kämpft. Und die junge Autorin Nele Nussbaum informiert über ein eindrucksvolles Straßenprojekt zur Kennzeichnung von Orten der Besetzung und des Kampfes gegen die deutschen Okkupanten in Marseille (S. 29).

Doch auch unsere eigene Geschichte kommt nicht zu kurz. Ulrich Sander, seit seiner Jugend engagierter Antifaschist, zieht im »Spezial« eine Bilanz seiner politischen Erfahrungen. Der zweite Teil des »Spezials« vermittelt parallel dazu einen Eindruck von den ungehobenen Schätzen, die im Bundesarchiv der VVN ruhen. Die Geschichte einer beinahe vergessenen Publikation der VVN hat nicht nur uns beeindruckt, sondern auch den 23jährigen Studenten, der sie dort gefunden hat.

Schließlich gibt es noch eine direkte Verbindung aus der Vergangenheit in die Gegenwart. Auf den Seiten 22 und 23 erinnern P.C. Walther und der 86jährige Journalist Conrad Taler, der vor 50 Jahren als Berichterstatter am Auschwitzprozess in Frankfurt am Main teilgenommen hat, an diese wichtige Zäsur bundesrepublikanischer Geschichtsdebatten. Im »Haus Gallus«, das extra für diesen Prozess errichtet wurde, wird vom 30. Mai bis zum 1. Juni 2014 der nächste Bundeskongress der VVN-BdA tagen. Die Information für alle Mitglieder über seine Einberufung durch den Bundesausschuss findet sich auf den Verbandsseiten.

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