101 ermordete »Untermenschen«

geschrieben von Rustam Qobil

19. Juli 2017

Von Rustam Qobil BBC World Service, Amersfoort

Sie verließen ihre Häuser in Zentralasien, um gegen die deutsche Armee zu kämpfen. Dann wurden sie, in Lumpen gekleidet, als Gefangene in ein holländisches Konzentrationslager gebracht. Wenige der heute noch Lebenden erinnern sich an die 101 zumeist Usbeken, die 1942 in einem Wald bei Amersfoort ermordet wurden – und man hätte sie wohl vollständig vergessen, gäbe es nicht einen neugierigen holländischen Journalisten.

Jedes Frühjahr treffen sich hunderte holländische Männer und Frauen, jung und alt, in einem Wald in der Nähe von Amersfoort bei Utrecht. Hier zünden sie Kerzen an, um der 101 unbekannten Sowjetsoldaten zu gedenken, die von den Nazis an eben diesem Ort erschossen worden waren – vergessen für über ein halbes Jahrhundert.

Die Geschichte wurde vor 18 Jahren aufgedeckt, als der Journalist Remco Reiding nach mehrjähriger Arbeit in Russland in die Stadt zurückkehrte und von einem Freund über einen sowjetischen Kriegsfriedhof in der Nähe erfuhr. »Ich war überrascht, da ich vorher nie davon gehört hatte,« sagt Reiding. »Ich besuchte den Ort und begann, nach Archiven und Zeugen zu suchen.«

Es zeigte sich, dass hier 865 sowjetische Soldaten begraben waren, doch alle außer 101 kamen aus anderen Teilen der Niederlande oder aus Deutschland. Die 101 jedoch, allesamt namenlos, waren in Amersfoort selbst gestorben. Sie wurden in den ersten Wochen nach der deutschen Invasion der Sowjetunion bei Smolensk gefangengenommen und zu Propagandazwecken in die von Deutschland besetzten Niederlande geschafft.

»Man hatte die asiatisch aussehenden Gefangenen aussortiert und wollte sie den Holländern vorführen, die sich den nazistischen Ideen entgegenstellten,« sagt Reiding. »Sie nannten sie Untermenschen – minderwertige Menschen – und hofften, dass sich die Holländer, nachdem sie gesehen hatten, wie die Sowjets aussahen, den Deutschen anschließen würden.«

Es waren die im Konzentrationslager in Amersfoort internierten holländischen Kommunisten, deren Überzeugung von den Sowjetmenschen die Deutschen zu ändern hofften. Sie wurden hier seit August 1941 gemeinsam mit ortsansässigen Juden gefangen gehalten und erwarteten alle eine Verlegung an andere Orte. Doch ging der Plan nicht auf.

Henk Broekhuizen, jetzt 91, ist einer der wenigen verbleibenden Zeugen. Er erinnert sich, dass er als Teenager beobachtete, wie sowjetische Kriegsgefangene in der Stadt ankamen. »Wenn ich meine Augen schließe, erinnere ich mich an ihre Gesichter,« sagt er. »Eingewickelt in Lumpen, sahen sie gar nicht wie Soldaten aus. Man konnte nur ihre Gesichter erkennen. Die Nazis ließen sie durch die Hauptstraße spießrutenlaufen, den ganzen Weg vom Bahnhof bis zum Lager. Sie waren schwach und klein, ihre Füße waren von alten Sachen bedeckt. Einige konnten kaum laufen und wurden von Freunden gestützt.«

Einige der Gefangenen schafften es, Blickkontakt zu den Zuschauern herzustellen, und bedeuteten per Handzeichen, dass sie hungrig waren. »Wir holten etwas Wasser und Brot für sie,« sagt Broekhuizen. »Doch die Nazis schlugen uns alles aus den Händen. Sie ließen uns ihnen nicht helfen.« Er sah sie nie wieder und hörte nichts darüber, was mit ihnen im Lager geschah. Doch begann Reiding, in holländischen Archiven Zeugnisse zu sammeln. Er entdeckte, dass es sich hauptsächlich um Usbeken handelte. Die Lagerleitung war sich selbst dessen nicht bewusst, bis ein russisch sprechender SS-Offizier ankam, um sie zu befragen.Die meisten von ihnen waren aus Samarkand, sagt Reiding. »Vielleicht waren einige von ihnen Kasachen, Kirgisen oder Baschkiren. Doch die Mehrheit waren Usbeken.«

Reiding erfuhr auch, dass die Zentralasiaten schlechter als alle anderen Gefangenen im Lager behandelt wurden. »Während der ersten Tage im Lager mussten sich die Usbeken unter freiem Himmel, ohne Nahrung und umgeben von Stacheldraht, aufhalten,« sagt Reiding. »Ein deutsches Filmteam bereitet sich auf den Moment vor, wenn die ‘barbarischen Untermenschen’ um Lebensmittel kämpfen. Sie wollten diese Szene für ihre Propaganda filmen. So werfen die Nazis den hungrigen Usbeken einen Laib Brot zu. Zu ihrer Überraschung nimmt einer von ihnen das Brot und teilt es mit einem Löffel ruhig in gleiche Teile. Die anderen warten geduldig. Niemand kämpft. Dann verteilen sie die gerecht geteilten Brotstücke. Die Nazis sind enttäuscht.« Doch es sollte für die Gefangenen noch schlimmer kommen.

»Die Usbeken erhielten nur die Hälfte der Verpflegung der anderen. Wenn ein anderer Gefangener ihnen half, wurde das ganze Lager mit Lebensmittelentzug bestraft,« sagt Bahodir Uzakov, ein usbekischer Historiker aus dem benachbarten Gouda, der die Geschichte des Amersfoort-Lagers ebenfalls untersucht. »Wenn sie Reste und Kartoffelschalen aßen, wurden sie von den Nazis dafür geschlagen, dass sie Schweinefutter aßen.«

Aus den Zeugenaussagen der Lagerwachen und Mitteilungen von Gefangenen, die er in den Archiven fand und die die Grundlage seines Buchs von 2015, »Kind auf dem Feld der Ehre«, bildeten, erfuhr Reiding ebenso, dass die Usbeken ununterbrochen geschlagen wurden und die schlechtesten Arbeiten ausführen mussten, wie den Transport von schwerem Baumaterial, Sand oder Holz in der Kälte.

Eine der schockierendsten Geschichten betrifft den Lagerarzt, einen Holländer namens Nikolaas Van Nieuwenhuysen. Als zwei der Usbeken starben, zwang er andere Gefangene, sie zu enthaupten und ihre Schädel zu kochen, bis sie sauber waren, erzählt Reiding. »Der Arzt stellte die Schädel von zwei Usbeken zum Studium auf seinen Schreibtisch. Wie verrückt!« Verhungert und schwach begannen die Usbeken, Ratten, Mäuse und Pflanzen zu essen. Vierundzwanzig von ihnen überlebten den harten Winter 1941 nicht und die verbleibenden 77 wurden nicht mehr gebraucht, als sie zum Arbeiten zu schwach geworden waren. So erzählten ihnen die Nazis im April 1942, dass man sie nach Südfrankreich bringen würde, wo das wärmere Klima besser für sie wäre. Tatsächlich brachte man sie in einen Wald in der Nähe des Lagers, wo sie erschossen und in einem Massengrab verscharrt wurden.

»Manche weinten, einige hielten sich an den Händen und gingen ihrem Tod entgegen. Wer versuchte zu fliehen, wurde von den Soldaten gejagt und erschossen,« sagt Reiding gemäß Aussagen von Lagerwachen und Fahrern, die Zeugen der Exekution waren. »Man stelle sich vor, 5.000 km weit weg von Zuhause, wo die Muezzins die Menschen zum Gebet rufen, wo der Wind mit dem Sand und dem Staub auf dem Marktplatz spielt und die Straßen mit den Aromen der Gewürze erfüllt sind. Du kennst ihre Sprache nicht und sie kennen Deine nicht. Und Du wirst niemals verstehen, warum Dich diese Leute wie Vieh behandeln.«

Es gibt kaum Informationen, die bei der Identifizierung dieser Gefangenen hilfreich sein könnten. Die Nazis verbrannten das Lagerarchiv, bevor sie im Mai 1945 flohen. Es gibt nur ein Foto, das Gesichter zeigt – zwei Männer, von denen keiner einen Namen hat. Von neun Portraits, die ein holländischer Gefangener mit Bleistift gezeichnet hatte, tragen nur zwei einen Namen.. »Die Namen sind falsch geschrieben, klingen jedoch usbekisch,« sagt Reiding. »Einer ist Kadiru Xatam und der andere heißt Muratov Zayer. So müsste der erste Kadirov, Hatam, sein und der zweite – Muratov, Zair.«

Ich erkenne den usbekischen Klang und die zentralasiatischen Gesichter sofort. Die zusammengewachsenen Augenbrauen, die freundlichen Augen und gemischtrassigen Gesichtszüge – sie alle werden in meinem Land als schön angesehen.

Das sind Portraits junger Männer in ihren frühen zwanziger Jahren oder noch jünger. Wahrscheinlich hatten ihre Mütter bereits begonnen, nach passenden Bräuten Ausschau zu halten, und die Väter hatten schon ein Kalb gekauft, um es für das Hochzeitsfest aufzuziehen, als der Krieg dazwischenkam.

Es scheint mir, einige meiner Verwandten könnten unter ihnen gewesen sein. Zwei meiner Großonkel und der Großvater meiner Frau sind nicht aus dem Krieg zurückgekehrt. Manchmal wurde mir gesagt, meine Onkel hätten deutsche Frauen geheiratet und sich entschlossen, in Europa zu bleiben – eine Geschichte, die sich meine Großmutter zum Trost ausgedacht hatte. Tatsächlich kamen circa 1,4 Millionen Usbeken aus dem Krieg nicht zurück und mindestens 100 000 gelten als vermisst.

Es gibt viele Gründe, warum die 101 usbekischen, in Amersfoort begrabenen Soldaten niemals identifiziert wurden, abgesehen von den zwei uns bekannten Namen. Einer besteht im Kalten Krieg, der dem Zweiten Weltkrieg rasch folgte und Westeuropa und die UdSSR in ideologische Gegner verwandelte. Ein anderer besteht in der Entscheidung Usbekistans, nach der Erringung der Unabhängigkeit 1991 seine sowjetische Vergangenheit zu vergessen. Die Veteranen wurden nicht länger als Helden betrachtet. Ein Denkmal für eine Familie, die 14 Kriegswaisen aufgenommen hatte, wurde von einem Platz im Zentrum von Taschkent getilgt, obwohl der neue Präsident des Landes nun verkündet, dass es wiederhergestellt werden soll. Kurz gesagt, die Suche nach vermissten Soldaten der Sowjetarmee hatte vor einigen Jahrzehnten für die usbekische Regierung keine Priorität. Doch meint Reiding, dass er in der Lage wäre, die Namen in usbekischen Archiven zu finden. »Die Dokumente jener sowjetischen Soldaten, die nicht gestorben waren oder deren Tod den sowjetischen Behörden nicht bekannt war, wurden an das örtliche KGB geschickt. Und die Angaben zu den 101 Gefangenen sind höchstwahrscheinlich in Usbekistan, » sagt Reiding. »Wenn ich Zugang zu ihnen bekomme, kann ich einige der 101 Usbeken finden.«

Der Artikel wurde uns von unserem niederländischen Kameraden Rien Dijkstra übermittelt. Übersetzung: Jochen Willerding

Reprint mit bleibendem Wert

geschrieben von Peter Rau

19. Juli 2017

Nachdruck von »Pasaremos« erinnert an die XI. Internationalen Brigade im Spanischen Krieg

Auf dem Höhepunkt des Krieges in Spanien standen auf republikanischer Seite rund eine Million Menschen unter Waffen. Im Mai 1938 zählte die Volksarmee 23 Armeekorps mit 66 Divisionen und 202 Brigaden, darunter auch die Internationalen, also jene Einheiten, in denen vor allem ausländische Kämpfer konzentriert waren.

»Pasaremos«, Organ der XI. Brigade. Reprint der Zeitschrift. Hrsg: Werner Abel unter Mitarbeit von Karla Popp und Hans-Jürgen Schwebke. Ein Projekt des Vereins »Kämpfer und Freunde der Spanischen Republik 1936–1939«, gefördert von der Rosa-Luxemburg-Stiftung. Karl-Dietz-Verlag Berlin 2017, 430 Seiten, 39,90 Euro

»Pasaremos«, Organ der XI. Brigade. Reprint der Zeitschrift. Hrsg: Werner Abel unter Mitarbeit von Karla Popp und Hans-Jürgen Schwebke. Ein Projekt des Vereins »Kämpfer und Freunde der Spanischen Republik 1936–1939«, gefördert von der Rosa-Luxemburg-Stiftung. Karl-Dietz-Verlag Berlin 2017, 430 Seiten, 39,90 Euro

Im Verlauf des Krieges gab vermutlich jede Division der neuen Volksarmee, jede ihrer Brigaden und Bataillone mehr oder weniger regelmäßig eigene Zeitungen bzw. Zeitschriften heraus. Dazu gehörten auch die fünf offiziellen Internationalen Brigaden, zu denen sich im Jahr 1937 mit der 86., der 129. bzw. 150. Brigade weitere, maßgeblich von ausländischen Freiwilligen gebildete Einheiten gesellen sollten. Das erste, vorläufige Organ der XI. Interbrigade nannte sich »Le peuple en armes« (»Das Volk in Waffen«) und erschien erstmals im November 1936. Dass dieser Titel, wie auch die anderer Einheiten, zunächst in französisch gehalten waren, hing mit dem anfangs dominierenden Einfluss französischer Experten zusammen, die ihre Muttersprache als Kommandosprache durchsetzen wollten. Erst später, zu Beginn des Jahres 1937 wurde spanisch für alle Einheiten der Volksarmee verbindlich. Hinzu kam, dass die »Voluntarios de la Libertad« zunehmend nach Sprachgruppen erfasst und auf die entsprechenden Einheiten aufgeteilt wurden. Zur deutschen Sprachgruppe, die in der XI. Brigade vorherrschend war, zählten neben Österreichern und Schweizern auch die Niederländer und die Skandinavier. Im März 1937 lag ihr Bestand bei 1.468, im April wurden sogar 1.744 Kämpfer registriert, von denen aber bereits etwa 600 Spanier waren.

Als offizielles Organ der XI. Internationalen Brigade erschien »Pasaremos« erstmals am 2. März 1937, also vor nunmehr acht Jahrzehnten. Bis zur Verabschiedung der ausländischen Freiwilligen auf republikanischer Seite im Herbst 1938 wurden insgesamt 41 Ausgaben publiziert, allerdings in unregelmäßigen Abständen. Ihr Umfang lag zwischen vier und 20, dabei mehrheitlich zwischen acht und zwölf Seiten. Wenn »Pasaremos« eine Startauflage von 14.000 Exemplaren zählte, so ist davon auszugehen, dass sie als Beispiel für andere Brigade-Zeitungen dienen sollte. Denn vier Monate später war diese Auflage nahezu halbiert, und ab Oktober 1937 wurden mehr oder weniger konstant jeweils 2.500 Zeitungen gedruckt.

Erschienen sie anfangs noch in jeder Ausgabe in drei Sprachen – deutsch, spanisch und französisch, wobei allerdings nur in einer einzigen Zeitung (Nr. 5 vom 19. März 1937) alle drei gleichzeitig, gleichrangig und gleichlautend auf der Titelseite präsent waren –, so wurde ab Sommer 1937 mehr und mehr auf französische Übersetzungen verzichtet. Inhaltlich informierte »Pasaremos« – ab Nr. 10 vom 17. April 1937 übrigens mit einem leicht geänderten Layout – natürlich über die Kämpfe an den verschiedenen Frontabschnitten, über Siege wie über Niederlagen der Brigade sowie über das Geschehen in ihren Bataillonen. Das reichte vom Besuch von Repräsentanten der Sozialistischen Internationale im April 1937 bis zur Visite der legendären »Pasionaria« in der XI., über den am 7. August 1937 berichtet wurde. Die Einweihung des Kinderheims »Ernst Thälmann« wurde gleichermaßen thematisiert wie ein Ernteeinsatz oder das Brigadesportfest. Darüber hinaus wurden Aspekte der Volksfrontpolitik ebenso erörtert wie die durch die vermeintliche »Nichteinmischung« komplizierter werdende internationale Lage Spaniens.

Dennoch scheint die Siegeszuversicht der Spanienkämpfer über das Jahr 1937 hinaus noch ungebrochen zu sein, wie in »Pasaremos« wiederholt zu lesen ist. So etwa in der Nr. 12 vom 1. Mai 1937, in der Richard Staimer, seit der Beförderung von Hans Kahle zum Divisionskommandeur ab April 1937 neuer Befehlshaber der Brigade, das vergebliche Anrennen des Feindes gegen die Front der Antifaschisten hervorhebt. »An der Guadalajara-Front bezogen Mussolinis Divisionen eine eindrucksvolle Niederlage; im Universitätsstädtchen, an der Aragon-Front, bei Teruel und Oviedo wie an der Südfront ist die republikanische Armee in erfolgreichem Angriff. Die faschistischen Kräfte sind dezimiert, die Moral ihrer Truppen sinkt von Tag zu Tag. Überläufer kommen in immer größerer Zahl.«

Das unregelmäßige Erscheinen der Zeitung mag dem Auf und Ab all der Kämpfe geschuldet sein, an denen die XI. Brigade seit den Tagen von Madrid beteiligt war. Dennoch bleibt weitgehend offen, wieso nach den sieben Ausgaben im März 1937 und den vier bis fünf in den jeweiligen Folgemonaten im gesamten Jahr 1938 nur noch insgesamt fünf Ausgaben veröffentlicht wurden. Das mag mit der Abkehr von der anfangs gegebenen Siegesgewissheit zu tun haben, die bereits im Titel der Zeitschrift manifestiert ist. »Pasaremos« ist nicht nur das Gegenstück zur anfänglichen Widerstandslosung »No Pasarán!«, sondern besagt auch: »Wir werden durchkommen« – »Wir werden es schaffen«.

 

Briefe aus der Haft

geschrieben von Erika Schwarz

19. Juli 2017

Ermordet 1934: Ludwig Marum, Reichstagsabgeordneter der SPD

Am 23. Mai 2017 hatten sich zahlreiche Besucher in der »Anna-Seghers-Gedenkstätte« in Berlin Adlershof eingefunden. Der Ort war gut gewählt. Die Herausgeberin des zu präsentierenden Bandes: »Ludwig Marum: Das letzte Jahr in Briefen«, Andrée Fischer-Marum, verbindet einiges mit der renommierten Schriftstellerin. So wie Anna Seghers, emigrierte die 1941 in Paris Geborene mit ihrer Familie von Marseille aus nach Mexiko. 1947 kehrten die Marums ebenso wie die Literatin in das Nachkriegsdeutschland zurück.

Ludwig Marum: Das letzte Jahr in Briefen. Für die Neuausgabe ausgewählt und bearbeitet von Andrée Fischer-Marum. Herausgegeben von den Stadtarchiven Karlsruhe und Mannheim. Loeper Literaturverlag 2016.

Ludwig Marum: Das letzte Jahr in Briefen. Für die Neuausgabe ausgewählt und bearbeitet von Andrée Fischer-Marum. Herausgegeben von den Stadtarchiven Karlsruhe und Mannheim. Loeper Literaturverlag 2016.

Die Enkelin Andrée las in den historischen Räumlichkeiten aus der Korrespondenz ihres Großvaters Ludwig mit seiner Frau Johanna. Ludwig Marum, geboren 1882, war Rechtsanwalt in Karlsruhe, Vater von drei Kindern und seit 1904 Mitglied der SPD. Am 2. April 1919 wählte ihn die badische Nationalversammlung zum Staatsrat. Seit 1928 Mitglied des Reichtages wurde er nach der Machtübertragung an die Faschisten wie Tausende Regimegegner verfolgt. Denn er war am 5. März 1933 wieder in das Parlament gewählt worden. Vom 10. März 1933 bis zum 16. Mai 1933 saß er als Häftling im Karlsruher Bezirksgefängnis, danach und bis zu seiner heimtückischen Ermordung am 29. März 1934 im badischen Konzentrationslager Kislau. Dem Sozialdemokraten Ludwig Marum wird noch heute in Karlsruhe ehrenvoll gedacht. Die SPD Karlsruhe vergibt jährlich den Ludwig-Marum-Preis an Menschen und Gruppen, die im Sinne Ludwig Marums eintreten und das Ludwig Marum Gymnasium in Berghausen fördert Jugendliche, die sich mit dem dunkelsten Kapitel deutscher Geschichte auseinandersetzen. Seine Biographie wurde in verschiedenen Veröffentlichungen dargestellt. 1984 edierte seine Tochter Elisabeth Marum-Lunau erstmals die in New York überlieferten Briefe des Vaters aus der Haft. Was veranlasste seine Enkeltochter Andrée, nach über 30 Jahren, eine Neuausgabe der Hinterlassenschaft ihrer Familie bekannt zu machen? Zu ihren Beweggründen schrieb sie im Nachwort der Publikation: »Nicht veröffentlicht waren die Briefe von Johanna. Aber das Ehepaar Marum korrespondierte so oft es möglich war. Es gingen Briefe und kleine Zettel zwischen ihnen hin und her. Als ich im Nachlass meiner Eltern mit den Kopien der Briefe des Großvaters auch die Briefe seiner Frau fand, war ich tief berührt von der großen Liebe, der großen Partnerschaft ihres gemeinsamen Lebens, die sich in ihnen äußert, zugleich auch von ihrer Kraft.« Der Briefwechsel des Ehepaares ist nicht vollständig erhalten. Die Nachrichten von Johanna an ihren Mann enden im Mai 1933. Der Herausgeberin Andrée Fischer–Marum ist es zu danken, durch die notwendigen Ergänzungen das Bild über den Großvater, eines standhaften Demokraten, eines verfolgten Deutschen jüdischer Herkunft vervollkommnet zu haben. Deutlicher wird dem Leser, dass die innige Beziehung zu seiner Frau, die er 1910 geheiratet hatte, und zu seinen Kindern ihm die Kraft gab, die Demütigungen und Qualen der Haft auszuhalten. So schrieb er am 2. Mai 1933 aus dem Gefängnis zu Johannas 53. Geburtstag: »Aber ich könnte mir ein Leben ohne Dich nicht vorstellen. Du weißt und duldest, dass ich neben Dir als Geliebte die Politik habe. Das danke ich Dir gerade heute, wo Du für diese Nebenbuhlerin so schwere Opfer bringen musst.« Im letzten überlieferten Schreiben Johannas an ihren Mann, das sie zwei Tage vor seiner Überführung in das Konzentrationslager verfasste, versicherte sie ihm: »Ich gebe mir Mühe, so tapfer zu sein, wie Du mich haben möchtest.« Sie setzte mutig eine Todesanzeige in die Badische Presse und gab den Termin der Einäscherung bekannt. Trotz der antisemitischen Hetze der Nazis fanden sich zur Trauerfeier am 3. April 1934 über 3 000 Menschen ein, um Abschied von Ludwig Marum zu nehmen. Die Diskriminierung und Verfolgung der jüdischen Menschen und die Ermordung ihres Ehemannes veranlassten Johanna gemeinsam mit ihrer Tochter Eva Brigitte, Deutschland zu verlassen und nach Paris zu fliehen, wo sich Sohn Hans seit April 1933 aufhielt. 1939 erst in französischen Lagern interniert, dann freigelassen, wanderte sie mit der ältesten Tochter Elisabeth, die seit 1936 in Frankreich lebte, in die USA aus. Eva Brigitte schloss sich der Mutter und Schwester wegen der bevorstehenden Geburt ihres Sohnes nicht an. Im Januar 1943 kam sie nach ihrer Verhaftung während einer Razzia in Marseille in das Vernichtungslager Sobibor, wo sie ermordet wurde. Auch Hans saß in einem Internierungslager, bevor er 1942 mit seiner Frau, dem Sohn Ludwig und seiner Tochter Andrée nach Mexiko emigrieren konnte. Johanna ging 1945 zu ihrem Sohn nach Mexiko und lebte bis zu ihrem Tode 1964 in seiner Familie in Berlin.

Die über 130 abgedruckten schriftlichen zeitgenössischen Zeugnisse beschreiben auf erschütternde und beeindruckende Weise die Brutalität des faschistischen Terrors in der Anfangsphase der Naziherrschaft und die unmittelbaren Auswirkungen auf die Betroffenen und ihre Familien, aber auch und vor allem die Standhaftigkeit von Menschen, die sich dem Regime nicht beugten. Der Anhang enthält über 30 Dokumente, die die politische Situation jener Zeit regional und reichsweit widerspiegeln.

Was Sprache nicht vermag

geschrieben von Gerald Netzl

16. Juli 2017

Nach 34 Jahren ist das Buch »KZ« auf Deutsch erschienen

1983 erschien dieses zeitlose Buch mit dem Untertitel »Zeichnungen aus den NS-Konzentrationslagern« zum ersten Mal in Italien. 2017 präsentiert der Wiener Verlag bahoe books (»Bahö« = Wienerisch für Aufruhr, Tumult, Wirrwarr, Radau) das bildreiche Werk in deutscher Sprache. Auf 280 Seiten sind mehr als 250 Zeichnungen und Grafiken von KZ-Insassen reproduziert. Arturo Benvenuti sammelte diese unter grausamsten Umständen gefertigten Zeichnungen in verschiedenen Archiven und Museen in London, Wien, Belgrad, Auschwitz, München, Krakau, Paris, Dachau, Theresienstadt, Budapest und Prag. Ergänzt (soweit bekannt) mit den Namen und Lebensdaten der NS-Opfer, einigen Gedichten und einem Vorwort von Primo Levi, liegt hier ein unschätzbares historisches Zeugnis vor. Arturo Benvenuti, geboren 1923 im Treviso, ist Literat, Maler, Kunstkritiker und Forscher. Bis heute kombiniert er sein soziales und politisches Engagement mit der Förderung von Kunst und Fotografie durch Ausstellungen in der ganzen Welt.

Arturo Benvenuti »KZ – Zeichnungen aus den NS-Konzentrationslagern«, bahoe books 2017, 278 Seiten, 26 Euro

Arturo Benvenuti »KZ – Zeichnungen aus den NS-Konzentrationslagern«, bahoe books 2017, 278 Seiten, 26 Euro

Lesen wir Benvenutis Abwägungen und Überlegungen: »Ich gebe zu, dass diese Arbeit nicht frei von Schwierigkeiten war, vor allem bezüglich der Sammlung und der Auswahl der künstlerischen Zeugnisse, die fast ausnahmslos in den nazi-faschistischen Konzentrations- und Vernichtungslagern unter untragbaren Bedingungen und unter Lebensgefahr entstanden sind.

Was also? Ein Buch der Kunst oder der historischen Zeugnisse? Ein Zeugnis, obwohl gültig, muss nicht unbedingt den ästhetischen Anforderungen des Kritikers genügen. Ist es möglich – und rechtens, würde ich fragen – in einer besonderen Arbeit wie der vorliegenden, die Unbeugsamkeit des strengen Richters, des kalten Ästheten, zu bewahren?

Ich versuchte daher, beide Kriterien so weit wie möglich in Einklang zu bringen, ohne aus den Augen zu verlieren, dass meine vordringliche Absicht darin lag, mich mit den Zeugnissen zu beschäftigen. Diese stammen von Leuten unterschiedlichster Nationalitäten, weil es nur wenige Länder gab, die den Horror dieser ungeheuren Tragödie nicht erlebt und erlitten haben. …

Es kann – wie erwähnt – nicht nur die Ästhetik sein und zwar, weil sich neben den hervorragenden ›Blättern‹ professioneller Künstler und Künstlerinnen auch andere Werke finden, authentisch ›naive‹ Werke. Wir haben daher nicht selten Zeichnungen mit einer entwaffnenden Offenheit, oft Illustrationen, die sicherlich einen übermäßig beschreibenden Ansatz haben. Sie sind aber nicht weniger gültig im Hinblick auf die Darstellung jener ›Fakten‹ und ›Momente‹, von denen es gut gewesen wäre, wenn sie der Menschheit erspart geblieben wären. Und was sagt man zu den vielen Kinderzeichnungen, insbesondere zu jenen aus Theresienstadt?«

»Bis heute fehlte ein Buch wie dieses«, schreibt Primo Levi in seinem Vorwort. »Die hier abgedruckten Bilder sind kein Äquivalent und kein Ersatz dafür. Aber sie lösen die Worte ab. Sie stellen etwas dar, was die Sprache nicht auszudrücken vermag.«

Dem ist vom Rezensenten außer einer Kaufempfehlung nichts hinzuzufügen. Das Buch hat für uns Antifaschisten und Antifaschsitinnen einen künstlerischen und einen politischen Wert. Einzelne Zeichnungen kennt man, die meisten kennt man nicht. Sie eignen sich (auch) sehr gut zur Illustration zeitgenössischer politischer Schriften und Druckwerke (aber Achtung auf das Copyright!). Vergnügen bereitet das Betrachten der Bilder keines, doch das ist bei der Lektüre von Büchern mit unserem Thema selten. Das Buch ist wertvoll.

Genau hingeschaut

geschrieben von Janka Kluge

16. Juli 2017

Das Jahrbuch rechter Gewalt 2017

Die Journalistin Andrea Röpke hat die verdienstvolle Aufgabe übernommen, die öffentlich bekannt gewordenen Gewalttaten von Rechten zu dokumentieren und zu veröffentlichen. Ihre Liste beginnt im Oktober 2015 und endet im September 2016. Zwischen den einzelnen Monaten finden sich Aufsätze, die das Verständnis vertiefen. Ein erster Blick in das Buch zeigt, dass die Zahl der Überfälle in allen Monaten ungefähr gleich hoch war. Beim zweiten Blick zeigen sich allerdings Unterschiede. So gibt es örtliche Schwerpunkte von Angriffen und Überfällen. Berlin, im Ortsverzeichnis am Ende des Buches nach Stadtteilen sortiert, steht mit 134 registrierten Straftaten deutlich an der traurigen Spitze. Als nächstes kommen Dresden (32), Halle (23), Cottbus (19) Erfurt (18) und Chemnitz (18). Die Menschen in den alten Bundesländern können sich dennoch nicht zurücklehnen und alles auf den Osten schieben. Es gibt es auch Städte im Westen mit einer hohen Zahl an Überfällen und Angriffen. Dortmund führt mit 17 vor München (15), Hannover (10) und Düsseldorf mit 9 registrierten rechten Straftaten.

So sorgfältig Andrea Röpke auch gearbeitet hat, stellt die Aufstellung doch nur einen Teil der tatsächlichen Taten dar. Viele Überfälle tauchen in der Polizeistatistik gar nicht auf. Zum einen, weil sie nicht als rassistische, oder rechte Gewalt von der Polizei behandelt wurden, zum anderen, weil viele Geschädigte sich erst gar nicht bei der Polizei melden. Das ist »ein bundesweites Phänomen, das zu einer hohen Dunkelziffer nicht angezeigter Gewalttaten führt.« (S. 256) Auch bei den Opferberatungsstellen, die bei der Erstellung der Daten mitgeholfen haben, sind nicht alle rechten Straftaten bekannt.

Einen sehr großen Anteil der Übergriffe machen Angriffe auf der Straße aus. Viele der Täter fühlen sich offenbar so sicher, dass sie tagsüber und auf offener Straße Menschen, denen sie die Berechtigung absprechen, in Deutschland zu leben, angreifen. Nur selten ist in den Chroniken verzeichnet, dass den Menschen die bedroht, oder körperlich angegriffen wurden, andere zur Hilfe kamen.

Sowohl die deutlich gesteigerte Aggressivität, als auch die unterlassene Hilfeleistung könnten dieselbe Ursache haben. Hat sich erst einmal eine rechte Gruppe in einer Gegend festgesetzt, beherrscht sie meist schnell den Alltag. Ihre Mitglieder fühlen sich stark und zeigen das auch, wovon andere eingeschüchtert werden. Es ist gleichgültig, ob es sich bei den Gruppen um Hooligans, Pegida oder militante Nazigruppen handelt. Darin liegt auch einer der Gründe, warum es wichtig ist, dass die Zivilgesellschaft und antifaschistische Gruppen nicht nachlassen, sich den Rechten in den Weg zu stellen.

Neben den Angriffen auf Geflüchtete und ihre Unterkünfte hat es in dem beschriebenen Zeitraum auch viele Überfälle auf Antifaschisten und Antifaschistinnen gegeben. Ziel dieser Angriffe ist es, Angst zu schüren und Menschen so einzuschüchtern, dass sie sich nicht mehr engagieren. Nazis haben dabei auch immer wieder die Orte linker Strukturen angegriffen.

In den Artikeln des Buches wird auf Ereignisse aus den Chroniken Bezug genommen. Dadurch ist trotz der erschreckenden Anzahl schlimmer Angriffe und Überfälle ein Buch entstanden, das sich zu lesen lohnt.

In den dokumentierten Zeitraum fiel auch das Attentat auf die Bürgermeisterkandidatin in Köln, Henriette Reker. Sie war bis zu ihrer Wahl im Oktober 2015 in Köln für die Unterbringung von Geflüchteten zuständig. Der Attentäter Frank S. war seit vielen Jahren in rechten Gruppen aktiv. Bereits 1993 nahm er an einem Aufmarsch zum Gedenken an Rudolf Hess teil. Er bewegte sich damals im Umfeld der FAP und der Hooligangruppe »Berserker Bonn«. In den folgenden Jahren ist er kaum noch in Erscheinung getreten, seine politische Überzeugung aber hat sich nicht geändert. Die Stimmung im Land hat ihn dann mit zu dem Attentat ermuntert. Im Prozess stilisierte er sich als »Freiheitskämpfer« und »wertkonservativer Rebell« hoch.

Zu der aufgeheizten Stimmung im Land haben auch die zahlreichen Demonstrationen von Pegida und die Internethetze gegen Flüchtlinge beigetragen. Beiden Aspekten ist ebenfalls ein Kapitel des Buches gewidmet. In einem weiteren Aufsatz wird der neofaschistische Terror des NSU und der Oldschool Society beschrieben. Ein anderer Artikel erläutert, wie geschickt sich Funktionäre der NPD als besorgte Bürger ausgeben um gegen Geflüchtete zu hetzen. Die im ganzen Bundesgebiet verbreiteten Internetseiten »Nein zum Heim« gehören in den Dunstkreis der NPD. Nach außen sieht man ihnen die Nähe zur NPD nicht an. Mit dieser Strategie versuchen die Kader der NPD Anschluss an offen rassistische Pegida und AfD Kreise zu bekommen.

Leider hat sich Andrea Röpke dazu entschlossen, antisemitische Straftaten nicht mitzuzählen. Dabei gehört der Antisemitismus für einen Teil der Rechten zum festen Bestandteil ihres Weltbildes. Ich hoffe, dass sie sie in späteren Jahrbüchern auch berücksichtigen wird.

Andrea Röpke »Jahrbuch rechte Gewalt 2017« Knaur Verlag 2017, 12.99 Euro

 

Die Selbstschutzwand durchbrechen

geschrieben von Nils Becker

16. Juli 2017

Zum kleinen Band »Adolf Hitler nach-gedacht«

 

Manchmal sind es ganz einfache Dinge, die uns in die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit treiben. Der Psychologe Klaus Weber beschreibt es an einer Geige. Das aus 9000 Streichhölzern gefertigte Instrument wurde von seinem Erbauer Siegfried Geiger 1936 als Geburtstagsgeschenk an Adolf Hitler übergeben. Dafür fuhr er sogar nach Berchtesgaden, wo er leider nur die Leibgarde Hitlers antraf. Wie kommt ein Schreiner aus Kolbermoor (Oberbayern) dazu, solch ein Geschenk zu überreichen? Welche Rolle spielte Hitler sozialpsychologisch und was änderte sich nach 1945? Welches Verhältnis haben die Deutschen heute noch zu ihm? Solche und viele weitere Fragen, die sich einem wachen Geist, der in Kolbermoor in den 60er Jahren aufwächst, stellen, haben Klaus Weber unter anderem zu diesem kleinen und sehr lesenswerten Buch ermutigt.

 

Klaus Weber »Adolf Hitler nach-gedacht«, Argument-Verlag 2016, 160 Seiten, 9,90 Euro

Klaus Weber »Adolf Hitler nach-gedacht«, Argument-Verlag 2016, 160 Seiten, 9,90 Euro

»Selbst die Klügsten verlieren ihren Verstand«

Wenn es um Hitler geht, ist laut Weber hierzulande kein rationales Argumentieren möglich. Exemplarisch zeigt er dies an populären Hitler-Biografien (z.B. von Joachim C. Fest, Ian Kershaw, Volker Ullrich, Wolfram Pyta, Peter Longerich), insbesondere aber an der kommentierten Ausgabe von Hitlers »Mein Kampf«. An letzterer hat Weber sogar als ehrenamtlicher sozial-psychologischer Berater mitgewirkt. Er konnte den Historikern vom Institut für Zeitgeschichte (IfZ) Fragen zu den Zusammenhängen von Hitlers Subjektentwicklung und den damaligen gesellschaftlichen Verhältnissen beantworten. Seine nun harsche Kritik, am Herausgeber Christian Hartmann, die er wortgewandt und genüsslich in dem kleinen Band ausbreitet, ist entsprechend fundiert, erscheint aber manchmal übertrieben. Zu Hartmann heißt es beispielsweise: »Hitler muss sterben, damit das deutsche Volk weiter kultiviert und gebildet und von Hartmann geliebt werden kann«.

 

Die Selbstschutzwand

Letztlich geht es in Webers Kritik um klassische Probleme der Biografieforschung. Wie gehen His-torikerInnen an so einen wie Adolf Hitler ran? Entweder stellen sie formal die Person, ihre Handlungen und Motive in den Mittelpunkt der Analyse (beispielsweise Hitlers schwere Kindheit). Oder sie versuchen, über die strukturellen Verhältnisse (bei Hitler oft die zeitweise Arbeitslosigkeit im Wien der 1910er Jahre) die Taten und Motive der einzelnen Personen zu begründen. Beides muss aber, laut Weber, der sich der Kritischen Psychologie verschrieben hat, miteinander verbunden werden. Und das wird von den Hitler-Biografen nicht nur unterlassen. Sie versteifen sich vielmehr auf nicht begründbare (psychologisierende) Thesen, haben ungenügendes wissenschaftliches Werkzeug zur Hand und neigen zu (erneuten) Mystifizierungen der (Über)Person Adolf Hitler. Dieses bewusste Unvermögen steht einer ernsthaften Aufarbeitung des Faschismus, der weder bei Hitler begann, noch mit ihm endete, im Weg. Denn den Hitler-Biografen geht es – und hier ist es Weber, der sich etwas zu steif macht – im Grunde auch nicht um Aufdeckung und Verhütung des Faschismus, sondern darum, das westlich-demokratisierte Nachkriegsdeutschland (inklusive des »geläuterten« Militärs und des Kapitals), als Kontrastprogramm zum deutschen Faschismus in Schutz zu nehmen. Weil die Kontinuitäten nach dem 8. Mai 1945 möglichst nicht auf den Tisch kommen sollen, bleibt nur »Hitler« als einziger echter Verantwortlicher für die »dunkelste Zeit« (auch so eine Metapher, die mehr verdeckt als sie erklärt). Die LeserInnen der Hitler-Biografien sollen sich gerade nicht selbst befragen, ob sie als Mitläufer, Mitmacher, Zuschauer oder Widerständler damals (oder vielleicht auch heute?) dabei gewesen wären. Hitler, Wahnsinn, Verführung. Auf diese Weise kann man nichts aus der Geschichte lernen.

Die breite Kollegenschelte nimmt man Weber auch deshalb ab, weil er auf gerade einmal 20 Seiten ausführen kann, mit welchen psychologischen Kategorien man sich an eine Hitler-Biografie wagen müsste, damit der Anspruch zu Erklären auch erfüllt werden kann. Hier schreibt einer, der nicht nur gern austeilt, sondern auch alles dazu gelesen hat.

Faschismus und Ideologie

Der zweite wichtige Punkt, den Weber in dem Band macht, ist die Entwicklung und der aktuelle Stand der theoretischen Durchdringung des Faschismus, insbesondere seiner Faschisierungs-These (»das Changieren zwischen Gerade-Noch demokratisch und Noch-Nicht faschistisch«). Hier nimmt er seitenlang Bezug auf den Doppelband »Faschismus und Ideologie« von 1980, dessen Neuauflage von 2007 er selbst verantwortet. Die Einblicke in die Faschismusforschung sind nicht nur erhellend. Vielmehr ist diese Arbeit der Zukunft verpflichtet um die »Handlungsmöglichkeiten eines fortschrittlichen Blocks« zu erweitern. Welche Auswege aus der Faschisierung gibt es denn? Wie können wir uns vergesellschaften »ohne dass anderen ein Haar gekrümmt wird«? Der Ausweg aus der »entfremdeten Gemeinschaftlichkeit« der Hitler-Jugend verläuft, so Weber, nicht über Individualisierung, sondern über kollektive Auseinandersetzungen mit den Verhältnissen. Dieser zweite Teil des Buches kann auch als Beitrag zu aktuellen (Populismus-)Diskussionen gelesen werden.

Christian Hartmann, Othmar Plöckinger »Mein Kampf – Eine kritische Edition«, IfZ 2017, 1.966 Seiten 59 Euro

Klaus Weber »Faschismus und Ideologie« Argument-Verlag 2007, 374 Seiten, 19,50 Euro

Mélenchon und Mouffe

geschrieben von Thomas Willms

14. Juli 2017

Über populistische Programmatiken in Frankreichs FI – Von Thomas Willms

Die Wählerinnen und Wähler Frankreichs haben in den Präsidentschafts- und Parlamentswahlen das politische System Frankreichs de facto abgewählt ohne es formal abzuschaffen. Die die 5. Republik dominierenden und sich an der Macht abwechselnden konservativen und sozialistischen (sprich sozialdemokratischen) Kräfte haben eine katastrophale Niederlage erlitten. Regiert wird das Land nun von einem Präsidenten Emmanuel Macron, der eine Partei hat, die bis einen Tag nach den Präsidentschaftswahlen gar keine war, sondern nur eine »Vorwärts-«Bewegung (»En Marche«). Außer mittels weitreichender eigener Befugnisse kann Macron seine Ziele im Parlament über eine absolute Mehrheit seiner Partei »La République en Marche« von 308 der 566 Sitze verwirklichen. Diese Parlamentarier sind überwiegend ohne jede parlamentarische Erfahrung.

Das Programm der >>France Isoumine<<. L'avenir en commun. Le programme de la France insoumise et son candidat Jean-Luc Mélenchon

Das Programm der >>France Isoumine<<. L’avenir en commun. Le programme de la France insoumise et son candidat Jean-Luc Mélenchon

Der Verzicht auf klare inhaltliche Aussagen hat diesen Sieg offenbar nicht verhindert, sondern ermöglicht. Sicher ist, dass die Wähler einen jungen Mann an die Macht gebracht haben, von dem man sagen kann, dass er gut aussieht und eine kluge ältere Frau geheiratet hat. Wofür er darüber hinaus eigentlich steht, scheint den Wählern nicht so wichtig gewesen zu sein: Hauptsache weg mit dem Alten. Macron kann, was die politischen Strukturen angeht, also eigentlich machen was er will. Eine Grundsatzentscheidung pro Europäischer Union ist immerhin gefallen – vorerst.

Der dann doch deutliche Sieg Macrons hat schon fast vergessen gemacht, wie nahe Marine Le Pen an der Präsidentschaft war. 34% stimmten im entscheidenden zweiten Wahlgang für die Frontfrau des Front National (FN), eine nie dagewesene Machtdemonstration der französischen extremen Rechten. Im ersten Wahlgang tat sich jedoch überraschend mit »France Insoumise« (FI) auch eine Bewegung von Links hervor, und lag nur knapp hinter dem FN. Die »Nationale Front« und »Das aufständische Frankreich« erreichten zusammen über 40%. »Halt!« wird man rufen – was heißt hier »zusammen«? Man kann doch nicht Stimmen für Links und Rechts einfach addieren!

 

Die FI – eine linke Bewegung?

Immerhin ist die FI der bevorzugte französische Partnerverband der Partei »Die Linke«. -Katja Kipping und Bernd Riexinger hatten dem Spitzenkandidaten im Vorfeld alles Gute gewünscht: »Wir wünschen Jean-Luc Mélenchon am Sonntag viel Erfolg. Jede Stimme für den linken Präsidentschaftskandidaten ist eine Stimme gegen Rassismus, Nationalismus, soziale Ungleichheit und Homophobie… Jean-Luc Mélenchon spricht eine Sprache, in der sich jemand wiedererkennt, der ausgeschlossen ist. Er will diesen Menschen klarmachen, dass nicht andere ›Randgruppen‹ ihre Gegner sind, sondern die Reichen, die Finanzwelt und die soziale Ungerechtigkeit.«

Besonders eng ist Mélenchons Verhältnis seit längerem zu Oskar Lafontaine. Beider Weg führte aus den Führungskreisen der Sozialdemokratie in die Linksopposition. Beide sind begnadete Redner, Mélenchon sogar ein echter Überzeuger der Massen auf der Straße. Das alles spricht die Linken-Spitzenkandidatin Sarah Wagenknecht wenig überraschend stark an. Sie schrieb nach dem ersten Wahlgang, Mélenchon zu seinem »grandiosen Ergebnis« gratulierend, »dass mit konsequent linken Positionen, deutlicher EU-Kritik und dem couragierten Eintreten für soziale Gerechtigkeit in Frankreich und Europa fast ein Fünftel der Wähler gewonnen werden können«.

In diesen Glückwünschen schimmert das Zwiespältige des FI durch, latent kritisch bei Kipping/Riexinger, euphorisch bei Wagenknecht. Wer bitte soll sich wovon genau »ausgeschlossen« und sich deshalb wovon angesprochen fühlen, könnte man mit Kipping/Riexinger fragen?

Die FI ist ohne Zweifel eine radikale Bewegung, die für deutliche Umverteilung des gesellschaftlichen Reichtums, die Einschränkung der Macht von Banken und Konzernen, gegen Korruption, gegen die etablierten Machtzirkel der Absolventen der Elite-Universitäten, für die Energiewende und radikalen Umweltschutz eintritt.

Aber ebenso deutlich ist sie eines nicht, nämlich antifaschistisch. Zwar ist Mélenchon ein ausgesprochener Le Pen-Hasser und ausgewiesener FN-Gegner, trotzdem muss es irgendwann in den letzten Jahren bei ihm zu einem bedeutsamen Umschwung gekommen sein. Die FI steht nämlich für den fundamentalen Bruch mit einer informellen Regel der politischen Kultur Frankreichs, die da heißt: Sollte ein extrem rechter Kandidat in eine Stichwahl kommen, wählen alle anderen »republikanisch«, wählen also dessen Gegenkandidaten unabhängig der politischen Zugehörigkeit. Entsprechende Empfehlungen wurden denn auch unmittelbar nach dem ersten Wahlgang abgegeben, mit einer Ausnahme: Jean-Luc Mélenchon. Die FI veranstaltete stattdessen eine Online-Umfrage unter ihren Anhängern, die erstaunliches zu Tage brachte. Etwa zwei Drittel wollten nicht Macron wählen, sondern sich enthalten oder nicht wählen gehen, mithin lieber eine faschistische Präsidentin in Kauf nehmen als jemanden, von dem man nicht zu Unrecht annimmt, dass er doch nur in neuer Verpackung wirtschaftsliberale Ideen vertritt. Schlimmer noch: etwa jeder achte FI-Anhänger wählte gleich selbst FN.

Will man diesen Bruch erklären, muss man sich stärker mit der Ideologie der FI und des – sich selbst so nennenden – Linkspopulismus beschäftigen. Das Zusammenrücken des extrem rechten und des extrem linken französischen Elektorats erscheint dann nicht mehr als erschreckender Zufall, sondern als Ausdruck erheblicher agitatorischer Kongruenz, schlimmer noch: erheblicher Übereinstimmungen in den theoretischen Grundlagen.

 

Die Theoretikerin Chantal Mouffe

Als führende Theoretikerin des Linkspopulismus gilt die in Großbritannien lehrende belgische Politologin Chantal Mouffe. Die Presse nennt sie regelmäßig die »Inspiration« Mélenchons, beide treten gemeinsam auf und ihr Denken durchzieht das Programm der FI-Bewegung. Sie äußert sich in immer schärferer und direkt politischer Art, zuletzt in »Le Figaro« (11.04.17), einer rechtskonservativen französischen Tageszeitung, die dem Rüstungsunternehmer Serge Dassault gehört. Das dort von ihr entfaltete Weltbild enthält eine klare Frontstellung gegenüber dem politischen System Frankreichs, das per sei als »postdemokratisch«, mithin illegetim, abqualifiziert wird. Es gelte »dem Volke« wieder eine echte Wahl zurückzugeben, d.h. »echte Alternativen« zu bieten. Der Front National gilt ihr als Konkurrent des Linkspopulismus, aber trotzdem als eine legitime »demokratische« Alternative. Er stelle keine Gefahr für die Existenz der grundlegenden demokratischen Institutionen dar. Sie wendet sich gegen seine »sterile moralische Abwertung«, die sie »kontraproduktiv« findet. Verbunden fühlt sie sich mit ihm vor allem durch die Art der Bildung einer politischen Front, nämlich die Unterscheidung von unvereinbarem »Sie« und »Wir«. Nicht teilhaben an der Bildung nunmehr wahrer politischen Debatten dürften hingegen »bestimmte Formen« islamischer Politik. Die Linke habe die Affekte der nationalen Gefühle zu beachten und zu nutzen und, so die abschließenden Worte, müsse sich um einen »leader charismatique« scharen.

Wie ist es möglich, dass eine Wortführerin der radikalen Linken in einem einzigen Text die Nation hochleben lässt, die faschistische Bewegung als demokratisch, die Demokratie aber als illegetim bezeichnet, darüber hinaus Muslime ausschließen will und ihrer Sehnsucht nach einem Führer Ausdruck verleiht?

Zunächst einmal muss man festhalten, dass die Verächtlichmachung des Antifaschismus bereits in Mouffes Grundsatzschrift »On the Policial« von 2005 breiten Raum einnimmt. Sie ist von vornherein gegen die »Strategie der Ausgrenzung«, wertet die »Etikettierung« des Rechtspopulismus als »rechtsextrem« als »eilfertig« ab, ja nennt sie eine »typisch liberale Taschenspielerei«. Der antifaschistische Diskurs ist für sie nur »traditionell« und ganz ungeeignet die Probleme zu lösen. Sie hat nicht unrecht, wenn sie darauf hinweist, dass das Fehlen einer »lebhaft geführten demokratischen Diskussion« mitverantwortlich ist für den Aufstieg des Rechtspopulismus. Die weitgehenden ideologischen Übereinstimmungen heutiger und damaliger rechter Bewegungen thematisiert sie aber nicht. Für Mouffe gibt es weder Holocaust noch Zweiten Weltkrieg und natürlich dann auch keine Lehren aus denselben.

Mouffe sieht sich seit langem als »Postmarxistin«, soll heißen, sie sieht keinen logischen Zusammenhang mehr zwischen Klassenlage und -bewusstsein. Die Arbeiterklasse müsse nicht »von Natur« aus links sein, sondern sei dies nur durch ideologische Vermittlung. An dieser Kritik ist sicher etwas dran, führt bei Mouffe aber in der Umkehr zu der Vorstellung, dass man sich sein Volk »konstruieren« könne wie man wolle, dabei in den beliebten französischen Intellektuellen-Sprech verfallend. Der Unterschied zwischen FI und FN bestehe im Wesentlichen darin, dass der FI alle Einwohner Frankreichs unabhängig ethnischer Herkunft zusammenkonstruieren wolle, der FN aber nicht. Die soziale Realität der französischen Vorstädte, die genau dies unmöglich macht, ignoriert sie dabei gänzlich. Wo kein Marxismus mehr ist, Liberalismus und Sozialdemokratie aber als Feinde erhalten bleiben sollen, bleibt nur der Rückgriff auf den Konservatismus.

 

Carl Schmitt als Vorbild

Genau dies vollführte Mouffe in »On the Political«, dabei bereits mit dem Titel ihre Hommage an den folgenschwersten Ideologen der extremen Rechten Deutschlands deutlich machend: den Verfasssungsrechtler Carl Schmitt. Schmitts »Über das Politische« von 1932 ist so etwas wie das Glaubensbekenntnis in der Denkwelt der Junge Freiheit-Leserschaft und Schmitt ihr Gottvater. Von hier entlehnt Mouffe und mit ihr Mélenchon und seine FI ihre Vorstellung von »Freund« und »Feind« als der Kategorie »des Politischen« als gebe es eine von gesellschaftlicher Realität geschiedene und eigenständige Welt des Politischen. Für Schmitt erhielten Freund und Feind ihren »Sinn« dadurch, dass sie »auf die reale Möglichkeit der physischen Tötung Bezug haben und behalten.« In Praxis sah das bei Schmitt so aus, dass er aktiv beteiligt war am »Preußenschlag« (1932), der Rechtfertigung der Morde im Zuge des sogenannten »Röhmputsches« (1934) und am folgenschwersten des Ausschlusses von Juden aus der juristischen Kategorie »Mensch« (1935), damit deren Ausgrenzung und Ermordung im Zuge bürokratischer Maßnahmen mit ermöglichend. Zeit seines langen Lebens hat Schmitt dafür nie persönliche Verantwortung übernommen, sondern sich, als dies opportun wurde, als »reiner Theoretiker« dargestellt.

Tatsächlich aber setzt Schmitts Denken voraus, dass es innerhalb einer politischen Einheit keine Opposition geben dürfe. Dies gilt auch für Nation und Volk. In seiner »Verfassungslehre« heißt es denn auch mit Bezug auf die Französische Revolution über die »verfassungsgebende Gewalt«: »Sie setzt das Volk als eine politisch existierende Größe voraus: das Wort ›Nation‹ bezeichnet im prägnanten Sinne ein zu politischem Bewußtsein erwachtes, aktionsfähiges Volk … Es wird sich seiner politischen Aktionsfähigkeit bewußt und gibt sich selbst, unter der damit ausdrücklich bejahten Voraussetzung bestehender politischer Einheit und Handlungsfähigkeit, eine Verfassung… Die politische Kraft dieses Vorganges führte zu einer Steigerung der Staatsgewalt, zu intensivster Einheit und Unteilbarkeit, unité und indivisibilité.« Eben dieses Konstrukt ist die Blaupause für die Umsturz-ideologie der FI, wie man noch sehen wird.

Für Mouffe ist das Denken Schmitts eine »theoretische Errungenschaft«, auf das sie sich breit stützt. (Weitere wichtige Stichwortgeber sind Martin Heidegger, ein weiterer NS-Apologet und Niccolo Macchiavelli, der Advokat rücksichtsloser Machtpolitik der Renaissance-Zeit.) Sie ignoriert dabei vollständig den ideologischen Kontext, zu dem nicht nur die zeitgenössische extreme Rechte gehört, sondern auch der lange Zug gewaltverherrlichender staatsterroristischer Denker der europäischen Gegenrevolution, die Schmitt mit in den Kampf gegen die Weimarer Republik warf. Sie reflektiert auch nicht das »Gefühl« der rechten Kräfte der 1920er Jahre, das in Oswald Spenglers »Der Untergang des Abendlandes« seine schlagwortartige Verdichtung gefunden hat. Es war diese apokalyptische Furcht vor »Bolschewismus, Amerikanismus, Feminismus und Judaismus«, die gerade auch gebildete konservative Schichten durchzog und die die tatsächliche Apokalypse des NS mit herbeiführte.

Dass das Freund-Feind-Schema im Sinne Schmitts blutige Folgen haben kann und aus seiner inneren Logik heraus auch haben muss, war Mouffe 2005 noch bewusst und Anlass für Einschränkungen und Mahnungen. Der Antagonismus dürfe nicht eskalieren, sondern müsse in einen produktiven »Agonismus« überführt werden, d.h. »es muss zwischen den miteinander im Konflikt liegenden Parteien eine Art gemeinsamen Bandes bestehen, damit sie den jeweiligen Gegner nicht als zu vernichtenden Feind betrachten, dessen Forderungen illegetim sind.« Sie warnte vor der Zerstörung oder Schwächung »parlamentarischer Institutionen«, weil dadurch die Möglichkeit agonistischer Konfrontation verschwinde und durch ein antagonistisches Wir-Sie ersetzt werde. Es sei nicht Aufgabe der Linken, die liberale Demokatie »als Schwindel und Deckmantel kapitalistischer Herrschaft« abzulehnen, sondern vielmehr die fehlende Verwirklichung ihrer proklamierten Ideale zu kritisieren. Diese Einschränkungen gelten, geht es nach der Mouffe von 2017, nun nicht mehr. Beschäftigt man sich nun mit der durch Mouffes Denken geprägten Bewegung »France Insoumise« sollte man sie jedoch im Ohr behalten.

Führer-Bewegungen

»France insoumise« gibt es nur dank, durch und für »ihren Kandidaten« Jean-Luc Mélenchon. Sie ist im Sinne Max Webers eine charismatische Bewegung, die in Gefolgschaft einer herausragenden Persönlichkeit den Anlauf nimmt, bestehende traditionale, in diesem Fall aber bürokratische Herrschaftsstrukturen umzustürzen. Biographisch gesehen hat sich Mélenchon von einem Vertreter »des Systems«, eingebunden in eine traditionsreiche sozialistische Partei zunächst eine Fraktion innerhalb eben dieser Partei geschaffen. Als er seine Ziele auf diesem Weg nicht mehr zu erreichen können schien, entschied er sich für die Gründung eines Gegenapparates in Form einer eigenen Partei »Parti de Gauche«. Er kandidierte dann 2012 als Kandidat eines Bündnisses insbesondere mit der Kommunistischen Partei PCF. 2017 hielt er es nicht mehr für nötig, irgendwelche Absprachen mit dieser zu treffen, sondern kandidierte aus eigener Vollkommenheit heraus für eine noch breitere Bewegung, eben »France insoumise«, die keine Partei mehr sein will. Der Kandidat steht in keinem demokratischen Verhältnis zur Bewegung mehr. Niemand kann ihn abwählen, denn gewählt ist er nicht, sondern vielmehr einfach »aufgestanden«. Im Namen eines demokratischen Aufstandes ganz und gar undemokratische politische Strukturen zu schaffen, ist ein auffallender Zug rechtspopulistischer, linkspopulistischer, aber auch separatistischer Bewegungen Europas. Selbst die SPD, Mutter aller Polit-Apparate, versuchte es bei Martin Schulz mit der Bewegungs- und Heilands-Ausrufung, darin aber auch gleich wieder sympathisch scheiternd.

In der programmatischen Schrift der FI-Bewegung »L‘avenir en commun« spiegelt sich diese Bewegungsstruktur wieder. Einerseits ist die Schrift vorgeblich das Ergebnis eines breiten Diskussionsprozesses von Aktivisten und unterstützenden Strukturen, was witzigerweise unter der Überschrift »die permanente Evolution« dargestellt wird, die trotzkistische Losung »die permanente Revolution« aufnehmend. Die Worte des Ex-Trotzkisten Mélenchon sind von dieser Debatte aber ausgenommen, denn sie bilden eine eigene und zwar die textstrategisch höchste Ebene. Eine Ebene darunter finden sich zusammenfassende thematische Ausführungen und erst dann folgen Listen von »Maßnahmen«. In ihrem ideologischen Gehalt unterscheiden sich die drei Ebenen deutlich, wobei die unterste, praktischste, sich vorrangig an Wählerinnen des linken und grünen Spektrums richtet.

Vieles von dem was sich dort findet, macht Sinn, z.B. dass man sich doch mal mit der Frage beschäftigen solle, wie viele Menschen sich in unserem Wirtschaftssystem eigentlich buchstäblich zu Tode arbeiten. Weniger Sinn macht die Gewichtung der Themen, bzw. welche überhaupt behandelt werden. Dem Schutz des französischen Waldes durch protektionistische Maßnahmen wird ein Kapitel gewidmet, der Integration hunderttausender arabischstämmiger Jugendlicher in Wirtschaft und Gesellschaft aber nicht.

 

Die FI – eine rechte Bewegung?

Geht man als Leser zu den Zusammenfassungen und dann zu Mélenchons Worten über, nimmt der Ideologisierungsgrad drastisch zu. Das französische Volk ist demzufolge Opfer eines globalen Neoliberalismus, der mit Hilfe einer Kaste von System-politikern die guten und wahren Eigenschaften Frankreichs und seine herausragende Bestimmung in der Welt vereitele. Es helfe nur noch die vollständige Abschaffung des Systems durch Schaffung einer 6. Republik. An das Vorbild der Einberufung der Generalstände von 1789 unausgesprochen anknüpfend, wird eine verfassungsgebende Versammlung gefordert, an der kein vormaliger Parlamentarier teilnehmen dürfe. Da Mélenchon auch noch gerne von der französischen »Präsidialmonarchie« spricht, ist das Bild von der aktuellen französischen Republik als Wiederkehr der Bourbonen-Herrschaft vollständig. Gegen die half, wie jeder weiß, nur noch Gewalt. Zur Lösung der Widersprüche der französischen Republik, die sich, wenn es nach Schmitt geht, so ganz vollständig und einig eine neue Nation schuf, half dann nur noch zehntausendfach die Guillotine.

Unbeleckt durch Lobbyismus und Korruption werde sich das Volk einen neuen Staat schaffen, der, so Mélenchon, »seine Unabhängig zurückerobern« werde. »Hinwegfegen« müsse man die alte Kaste. Erst die neu formierte Nation könne dann für den Frieden in der Welt eintreten, das biologisch »junge« französische Volk vertreten und seine »Kraft« und besonderen Fähigkeiten für die Menschheit ausbreiten. Der französischen Sprache wird dafür eine besondere Bedeutung zugemessen, nicht zu vergessen aber auch dem Militär, das durch Einführung einer Nationalgarde und einer allgemeinen Dienstpflicht für junge Menschen beiderlei Geschlechts zu stärken sei. Für alle dabei eventuell auftretenden Probleme weiß man zwei Lösungen, nämlich erstens den Staat, der in guter französischer Tradition alles regeln soll und wenn das gar zu unrealistisch wird, zweitens die UNO.

Auffällig ist der pessimistische, den allgemeinen Zerfall der Gesellschaft beklagende Tonfall, der rasch in Aggressivität umschlägt. Gerufen wird nach »Ordnung« und »Staat« gegen das Chaos und das ganze Durcheinander unserer Zeit.

Thematische, inhaltliche und ideologische Überschneidungen mit dem Programm des FN sind unverkennbar (siehe antifa 6/2016). Wer hier von wem abgeschrieben hat, ist letztlich weniger interessant als die Tatsache, dass relevante Teile der radikalen Linken nicht mehr wissen wer ihr Todfeind ist.

 

Was würde die Welt dazu sagen?

Wie nationalistisch und gleichzeitig wie weltfremd das FI-Programm ist, lässt sich ermessen, wenn man einmal versucht, es aus außereuropäischer Perspektive zu sehen. Globalisierung erscheint dann nicht einseitig als Geißel Frankreichs, sondern als überaus komplexer und widersprüchlicher weltweiter Prozess – als Prozess, der gleichzeitig zerstört und aufbaut, neue Abhängigkeiten und neue Freiheiten schafft.

So ist für 500 Millionen Chinesinnen und Chinesen Globalisierung in allererster Linie der Weg, der sie aus totaler Armut befreit hat. Aus Sicht von Westafrikanern lesen sich FN und FI-Programmatik wie Versuche, ihnen die Segnungen des französischen Kolonialismus erneut aufzudrücken. Und aus Sicht weltoffener kritischer indischen Intellektueller wie Pankaj Mishra oder Parag Kanna ist es ein lächerlicher Versuch einer ehemaligen Großmacht, sich durch Gewalt eine verlorene Welt zurückzudenken oder zurückzuerobern.

Marke Speer vom Markt?

geschrieben von Ernst Antoni

13. Juli 2017

Ausstellung in Nürnberg und neues Buch machen Hoffnung

 

Wer in die Halle im Dokumentationszentrum des ehemaligen »Reichsparteitagsgeländes« eintritt – elf Meter hoch und breit, 40 Meter lang – steht vor einer begehbaren Installation. Ein nach oben offener Pavillon. Die Außenwände gebildet aus fünf riesigen Buchstaben. Darauf Fotografien: Immer wieder ein Mann, mal in Uniform, öfter in Zivil. An seiner Seite Persönlichkeiten eines einst öffentlichen Lebens. Unübersehbar der mit dem Bärtchen.

»Albert Speer in der Bundesrepublik. Vom Umgang mit deutscher Vergangenheit«, heißt die Ausstellung über den, der nicht nur dieses schließlich unvollendet gebliebene Areal für Nürnberg, die »Stadt der Reichsparteitage«, entworfen hatte, sondern in den zwölf Jahren des geplanten »Tausendjährigen Reiches« führender Architekt bleiben sollte. Auch im übertragenen Sinne. Nicht zuletzt als Rüstungsminister.

Großbuchstaben bilden das Gerüst der Installation. S, P, E, E und R.: SPEER. Sie springen uns auch weiter ins Auge, wenn wir den »Empfangs-Pavillon« verlassen haben. In diesem gab es die Hauptperson im O-Ton, Lese-, Anhör-, Anschauungsstoff, Text-, Film- und Tondokumente. Vieles blieb da noch ins Halbdunkel getaucht, Orientierungshilfe gefragt…

Die folgt, bringen Besucherinnen und Besucher die notwendige Zeit und Geduld mit. In der Ausstellungshalle wartet ein Tisch-Geviert, an dem manches, was eingangs zu erahnen war, nun deutlicher präsentiert wird. Ausführlich wird dokumentiert, wie Bewohnern der damaligen Bundesrepublik (und nicht nur diesen) von der Mitte der 60er-Jahre an beinahe bis heute ein entscheidender Protagonist der NS-Herrschaft als »Gewandelter« verkauft werden konnte. Als einer, der unwillentlich ins Räderwerk des Regimes eingebunden wurde. Als einer, den 20 Jahre Haft durch die Alliierten der Anti-Hitler-Koalition in Spandau so geläutert hätten, dass er nun unbedingt Zeugnis ablegen wollte. Als Beinahe-Helden gar, der – vergeblich – versucht habe, dem Regime aktiv entgegenzutreten.

Buch-Neuerscheinung zum Thema: Magnus Brechtken, Albert Speer. Eine deutsche Karriere, Siedler Verlag München, 912 S., 40 Euro

Buch-Neuerscheinung zum Thema:
Magnus Brechtken, Albert Speer. Eine deutsche Karriere, Siedler Verlag München, 912 S., 40 Euro

Die auskragenden Rahmen des Tisch-Rechtecks, vor dem wir uns nun befinden, sind »Büchertische«. Hier liegen anschaulich nebeneinander aufgereiht viele mit gefälligen Schutzumschlägen versehene Hardcover-Editionen. Dazwischen auch der eine oder andere Taschenbuch-Titel, der diesen folgte. Auf den Umschlägen lesen wir, meist in Großbuchstaben gesetzt, den Namen. Das Erlebnis vom Eintritt ins Ausstellungsgebäude wiederholt sich. SPEER bleibt Logo. Auch dann, wenn der so Präsentierte gar nicht Autor des Werks ist sondern nur Interviewpartner ist oder Porträtierter.

Ein »Markenname«. SPEER stand (und steht?) für etwas, was nicht nur kommerziell bedeutsam war: Für »Authentisch-Historisches«, »Informationen aus erster Hand«. Und für: »Wir waren es doch nicht, sondern nur der Hitler und ein paar Obernazis«. Für »Da-konnte-man-halt-nichts-machen« und »Wir-haben-immer-das-Beste-gewollt«. Für späte »Persilscheine«, ausgestellt von einem von »ganz oben«, der nun »gesühnt« hatte.

Das funktionierte nicht nur »daheim«. In den USA etwa oder in Großbritannien – auch das zeigt die Ausstellung – wurde Speer präsentiert als »the good Nazi«. Dies in »Kalte-Kriegs«-Muster einzuordnen ist bestimmt nicht falsch – ausreichend ist es nicht, sieht man, wer diesem Konstrukt alles auf den Leim gegangen ist.

Umso verdienstvoller ist der mit der Ausstellung und auch mit der kurz nach deren Eröffnung erfolgten Publikation der neuen Biographie »Albert Speer. Eine deutsche Karriere« von Markus Brechtken eingeleitete Versuch einer nun endgültigen »Entzauberung« der »Marke Speer«. Im Inneren des Nürnberger Bücher-Gevierts sind Zitate von Zeitgenossen zu lesen, als der »Speer-Hype« vom FAZ-Mann und »Hitler-Spezialisten« Joachim C. Fest und vom Verleger Wolf Jobst Siedler (damals beim Springer-Ableger »Propyläen«) angeschoben wurde. Kritischen Stimmen – u.a. der Auschwitz-Überlebende und Autor Jean Améry oder der Psychologe Alexander Mitscherlich – waren da erschreckend in der Minderheit.

Wer sich in die Info-Monitore der Schau versenkt, kann von heutigen Forscherinnen und Forschern (Isabell Trommer, Jörn Düwel, Bertrand Perz, Jens-Christian Wagner, Susanne Willems, Matthias Schmidt und Heinrich Schwendemann) und auch von Heinrich Breloer (seinen TV-Film »Speer und Er« betreffend) einiges lernen, wie der »Speer-Fake« lanciert, etabliert und jahrzehntelang haltbar gemacht werden konnte. Und welch bedeutende Rolle dieser Speer im Massenmordsystem des NS-Regimes tatsächlich gespielt hat.

Die Ausstellung ist noch bis zum 26. November 2017 in der Großen Ausstellungshalle des Dokumentationszentrum Reichsparteigelände, Bayernstraße 110, 90478 Nürnberg zu sehen. Katalog: Michael Imhof Verlag, 88 S., 9,80 Euro

Der alte Auschwitz-Täter

geschrieben von Axel Holz

13. Juli 2017

Winterjagd: Ein Film über die Nachwirkung faschistischer Verbrechen

 

Einen Konflikt zur Nazivergangenheit über drei Generationen hinweg hat ein Psychothriller der ZDF-Nachwuchsredaktion »Das kleine Fernsehspiel« zum Gegenstand. Er wurde mit großer Resonanz Anfang Mai auf dem Schweriner Filmfest gezeigt und wird voraussichtlich im Herbst 2017 im ZDF zu sehen sein. Nach dem Drehbuch von Daniel Blickermann und Astrid Schult führte die Autorin Astrid Schult selbst Regie, die bereits durch ihren engagierten Film »Colonia Dignidad« über einen chilenischen Ort des Schreckens bekannt wurde.

Der Film kommt mit vier Schauspielern aus, darunter Carolyn Genskow sowie Michael und Elisabeth Degen. Die 25-jährige Lena (Carolyn Genskow) verschafft sich Zutritt zu dem einsam gelegenen Haus des über 90-jährigen Unternehmers Anselm Rossberg (Michael Degen). Rossberg ist ein angesehener Unternehmer der Schwerindustrie, die sich nach dem Krieg nicht nur seiner Auschwitztäterschaft entledigen konnte, sondern auch als Industrieller in Spitzengremien Karriere machen konnte. Anselms Tochter (Elisabeth Degen) leugnet nach dem Eindringen von Lena in das einsame Schloss des 90-Jährigen die Anwesenheit ihres Vaters, dessen Auschwitz-Vergangenheit gerade durch die Medien geht, und versucht, die junge Frau abzuwimmeln. In typischer Weise wurde der 90-Jährige gerade in einem Prozess von jeglicher Schuld freigesprochen. Das ist der Grund, warum Lena, die Enkelin einer Auschwitzüberlebenden, Rossberg zur Rechenschaft ziehen will.

Michael Degen und Carolyn Genzkow in Winterjagd

Michael Degen und Carolyn Genzkow in Winterjagd

Als Lena dann Rossberg im Haus findet, mit einer Waffe bedroht und eine schreckliche Anklage erhebt, stehen alle drei vor einer schwierigen moralischen Entscheidung. Denn im erzwungenen Gespräch mit dem Auschwitztäter zeigt sich nicht nur, dass sich dieser keiner Schuld bewusst ist und jegliche Verantwortung ablehnt, sondern auch, dass sich das Leid der Opfer über die nachfolgenden Generationen fortsetzt. Während Lenas Großmutter über den Freispruch des Täters Rossberg verbittert stirbt, hat sich deren Sohn in der Folge der KZ-Erlebnisse seiner Mutter bereits vor Jahren das Leben genommen.

Für den Zuschauer stellt sich die Frage, ob die Enkelin nach ihren Schießübungen im Wald Rache nehmen will, die Wahrheit erfahren möchte oder ein Schuldgeständnis des Täters erzwingen will. Diese Konstellation erinnert sehr an Jurek Beckers »Bronsteins Kinder«, der als Kind die KZ Ravensbrück und Sachsenhausen überlebt hatte und im Buch selbst Hand an die Täter anlegt.

Der Regisseurin gelingt es überzeugend, die Spannung zwischen den Akteuren zu erhalten und die Motive der Beteiligten schrittweise herauszuarbeiten. Lange bleibt im Dunkeln, ob Anselm Rossberg tatsächlich Täter ist, ob Anselms Tochter ihren Vater im Wissen um dessen Verbrechen schützt oder selbst von dessen Unschuld überzeugt ist, ob Lena gegen die ungerechte Nazi-Rehabilitation revoltiert oder ob noch mehr dahinter steckt. Davon kann sich der Zuschauer im Film persönlich ein Bild machen. Besonders beindruckend ist, wie das Vater-Tochter-Verhältnis im Film durch Michael Degen und dessen Tochter Elisabeth Degen dargestellt werden. Die grausame persönliche Verstrickung dreier Generationen in Schuld und Last, die bis heute fortwirkt, macht den Film besonders wertvoll. Die Lebenssituation und Abhängigkeitsverhältnisse dreier Genrationen von Tätern und Opfern werden idealtypisch von einer jungen Nachwuchsregisseurin zu einer spannenden Geschichte verwoben. Das ist ein interessanter Ansatz, um mit einer persönlichen Erzählung junge Leute zu den Verbrechen des deutschen Faschismus anzusprechen, die von diesem Geschehen mittlerweile Generationen entfernt sind. Der Film ist ein gelungenes künstlerisches Werk, um die moralischen Dimensionen von Schuld und Verantwortung über die faschistischen Verbrechen und den notwendigen Umgang damit auf moderne Weise zu vermitteln.

Er hat für das Schweriner Filmfest aber noch eine besondere Bedeutung, denn parallel zur Filmpräsentation stockt in Neubrandenburg seit Monaten ein Prozess gegen einen Auschwitz-Täter, der wie im Film angeblich nur ein Schreibtischtäter war. Es bleibt zu hoffen, dass die Wende in der juristischen Bewertung der persönlichen Schuld von Nazi-Tätern, wie sie nach dem Demjanjuk-Prozess eingesetzt hat, auch in Neubrandenburg ankommen wird.

»Banditi e ribelli«

geschrieben von Markus Tervooren

12. Juli 2017

Die italienische Resistenza 1943-1945 »Banditi e ribelli«

Die italienische Partisanenbewegung war nach der jugoslawischen die zweitgrößte in Westeuropa, Zehntausende kämpften bewaffnet gegen Faschismus, deutsche Besatzung und Krieg. Eine neue Wanderausstellung vom Geschichtsinstitut Istoreco aus Reggio Emilia und CultureLabs aus Berlin hat ihr kein weiteres Denkmal gesetzt, sondern zeigt detailliert auf, was damals wie und warum passiert ist.

Die sehr schöne, gestalterisch mehr als gelungene Ausstellung stützt sich auf 58 Tafeln und vor allem auf 120 Bilder, sie ist fotodokumentarisch und mit sehr kurzen prägnanten Texten versehen – eine Gestaltung die bestens funktioniert.

Die nächsten Ausstellungstermine sind vom 1. bis 20. September 2017 in Göttingen und vom 1.bis 22. Oktober 2017 in Hamburg.

Die nächsten Ausstellungstermine sind vom 1. bis 20. September 2017 in Göttingen und vom 1.bis 22. Oktober 2017 in Hamburg.

Der italienische Historiker und Chronist des bewaffneten Widerstands gegen den Faschismus, deutsche Besatzung und Krieg in Italien, Santo Peli, Verfasser etlicher Bücher über die GAP, die antifaschistischen Stadtguerilla und die Resistenza, hat seine jahrzehntelangen Forschungen auf kurze Textblöcke von nicht mehr als 600 Zeichen reduzieren müssen. Das ist ihm in Zusammenarbeit und als Mitglied des Kollektivs der Ausstellungsmacherinnen und Steffen Kreuseler, der die Texte ins Deutsche übertragen hat, hervorragend gelungen.

Es sei für ihn eine große Herausforderung gewesen, nach Jahren als wissenschaftlicher »Einzelkämpfer« an der Universität von Padua, erzählt er bei der Eröffnung der Ausstellung in Berlin.

Drei Thesen ziehen sich durch die chrono-logisch aufgebaute Ausstellung. Die ribelli waren überwiegend sehr jung und schlossen sich zumeist spontan und aus unterschiedlichen Gründen den Gruppen der Resistenza an. Gemeinsam war ihnen aber eines, sie wollten leben, überleben, besser leben. Und das ging nur im bewaffneten Widerstand gegen den Faschismus.

Die Grundvoraussetzung für den Erfolg der Resistenza war die militärische Niederlage Italiens und der Waffenstillstand mit den USA und Großbritannien, den Marschall Badoglio am 8. September 1943 verkündete. Am gleichen Tag besetzten die Deutschen das Land ihres ehemaligen Achsenpartners Italien. Mussolini war bereits im April 1943 abgesetzt und verhaftet worden.

Die Organisatoren des Widerstands, der in einen Aufstand mündete, waren tausende erfahrene linke militanti, die sich auch nach 20 Jahren faschistischer Diktatur ihre klandestinen Organisationsformen bewahren konnten und nach dem Sturz Mussolinis aus dem Gefängnis oder der Verbannung freikamen oder aus dem Exil zurückkehrten.

So beginnen die »20 Monate«: von den ersten Streiks, Massendesertationen aus der italienischen Armee und bewaffneten Anschlägen auf die deutschen Besatzer, hin zu befreiten Gebieten und offenen militärischen Kampf gegen die deutsche Armee und faschistische Milizen bis zum 25. April 1945, dem Tag der Befreiung.

Der chronologische Aufbau der Ausstellung schildert das erst allmähliche, dann immer schnellere Schwinden der Unterstützung der 20 jährigen faschistischen Diktatur durch die italienische Bevölkerung. Soldaten die sich zuvor durchaus als Profiteure des Regimes fühlen konnten, wollten sich nach dem Beginn der Invasion der Alliierten in Süditalien und der Kapitulation des Königs nicht mehr in die Truppen der faschistischen »Sozialrepublik« von Deutschlands Gnaden pressen lassen. Der Krieg stand jetzt im eigenen Land. Zuvor hatten schon massive Lohnkürzungen, massive Ausbeutung, Hunger in den Städten, verbunden mit den beginnenden Bombardierungen der Alliierten, zu massenhaften Aufkündigungen des faschistischen Konsens geführt. Überwiegend kommunistische Aktivisten organisierten seit Frühjahr 1943 eine Streikwelle und gaben damit Orientierung für die gleichgeschalteten Arbeiter. Später demonstrierten die Aktionen der Stadtguerilla das Ende der Ohnmacht. Kommunistische, sozialistische, anarchistische, teils auch konservative Partisanengruppen auf dem Land und in den Bergen im Norden Italiens boten Deserteuren Zuflucht und jungen Leuten die Chance, ihr Leben endlich selbst in die Hand zu nehmen, den konservativen Elternhäusern zu entfliehen und sich auszutauschen.

Den jüdischen Italienerinnen und Italienern gab es zudem die Möglichkeit, den Nazis mit der Waffe in der Hand entgegenzutreten. Dokumentiert sind auch die brutalen, mörderischen Reaktionen der italienischen Faschisten und der deutschen Besatzer, die meisten Mörder waren im gleichen Alter wie die Aufständischen.

Die Ausstellung bietet spannende Aufklärung, konzentriertes Geschichtswissen, aber auch ganz einfach ein ästhetisches Vergnügen. So locker und klar wird Widerstandsgeschichte selten vermittelt. Toll auch der Katalog: In sieben hübschen Heften kann man die Texte und Bilder mit nach Hause nehmen.

 

»Da habe ich den Unterschied tatsächlich begriffen. Zuhause wäre es unmöglich gewesen, bei einem Mann zu schlafen« erinnert sich »Laila« Anita Malavasi lächelnd an ihren ersten Tag in einer bewaffneten Partisaneneinheit. »Wir haben die ganze Nacht geredet. Was wussten wir denn von Politik, im Faschismus war sogar diskutieren verboten.«

Die nächsten Ausstellungstermine sind vom 1. bis 20. September 2017 in Göttingen und vom 1.bis 22. Oktober 2017 in Hamburg.

Die Ausstellung kann und möchte möglichst oft ausgeliehen und gezeigt werden. Kontakt: Istoreco Via Dante Alighieri 11, 42121 Reggio Emilia / Italy : +39 0522 437327 info@banditi.org

 

Unter http://www.banditi.org/ finden sich auch Partisan*inneninterviews.

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