Diskriminierung dauert an

geschrieben von Reinhold Weismann-Kieser

21. September 2017

Untersuchung zur Geschichte der Sinti und Roma

Ein spannendes und leider noch immer aktuelles Thema! Man könnte auch von einer » Geschichte des Abendlandes – Kurzer Lehrgang« reden. Karola Fings ist nicht nur die stellvertretende Leiterin des renommierten NS-Dokumentationszentrums in Köln, sondern, durch zahlreiche Publikationen ausgewiesen, auch eine Kennerin dieser Materie. Sie hat es nun unternommen, das Thema in einem schmalen, aber inhaltsreichen Bändchen zusammenzufassen.

Im Vorwort trifft sie zunächst zwei grundlegende Feststellungen, die sie im Folgenden vielfältig exemplifizieren wird: Die Sinti und Roma gibt es nicht. Als Minderheiten, sprachliche, nationale oder regionale Gruppen, sind sie in ihren individuellen Lebensentwürfen genau so vielfältig wie die jeweiligen Mehrheitsgesellschaften. Und die Kenntnisse über diese größte Minderheit in Europa sind bisher kaum wissenschaftlich fundiert. Das tradierte »Wissen«, verbreitet über Literatur und Kunst, enthält ein Bild vom »Zigeuner«, das die Sinti und Roma romantisiert, kriminalisiert oder – analog zu »den Juden« – rassenanthropologisch als Fremde kennzeichnet. Auch in bewusster Abgrenzung zu dieser Vorgehensweise sieht Fings das Problem, dass »jedes Schreiben über Sinti und Roma die Gefahr« enthält, »Stereotype zu reproduzieren.« Ob als verhasste Fremde oder als bemitleidenswerte Opfer dargestellt, immer erhalten sie einen »Objektstatus zugewiesen, werden sie als Subjekte der Geschichte negiert.« Vom Schreiber werden »aus privilegierter Position Deutungen und Zuschreibungen vorgenommen.«

Karola Fings: Sinti und Roma – Geschichte einer Minderheit; C.H Beck – Wissen, 126 S., 5 Abb.

Karola Fings: Sinti und Roma – Geschichte einer Minderheit; C.H Beck – Wissen, 126 S., 5 Abb.

Wesentliches Element zur Bewahrung und Entwicklung einer eigenen kulturellen Identität einer Minderheit ist Sprache, in diesem Fall das Romanes. Sinti und Roma waren in den Mehrheitsgesellschaften immer zur Zweisprachigkeit gezwungen. Im Gegensatz zu anderen Minderheitssprachen erlangte Romanes jedoch nirgendwo den Status einer zweiten Amtssprache. Hinzu kam das Fehlen einer Schriftsprache. Seit dem 16. Jh. gab es Versuche einer lexikalischen Erfassung durch die europäische Philologie und mit der Entdeckung der Herkunft des Romanes aus dem Sanskrit auch die Erstellung einer Grammatik. Als wesentlichen Durchbruch nennt Fings die Anerkennung des Romanes 1927 in der UdSSR als Nationalsprache, nachdem Roma-Aktivisten und sowjetische Linguisten entsprechendes Lehrmaterial erarbeitet und Literatur übersetzt hatten. Sie beklagt dann, dass »diese kurze Blüte« durch die Änderung der Nationalitätenpolitik 1938 beendet worden sei, räumt aber an anderer Stelle auch ein, die Behandlung der Roma als gleichberechtigte Bürger der Sowjetgesellschaft hätte ihnen bessere Aufstiegschancen ohne Diskriminierung verschafft.

In den folgenden Abschnitten zeigt sie, ihrem Programm getreu, wie die Abwehr gegenüber den ›Fremden‹ und die daraus folgenden Zwangsmaßnahmen der Mehrheit, die Minderheit zu bestimmten Lebens- und Reproduktionsformen zwang (Nichtsesshaftigkeit, Gelegenheitshandwerk und –Handel, Schaustellerei, etc.), die die Mehrheit wiederum als ›Wesensmerkale‹ der Minderheit ausgab. Die darauf fußende Tsiganologie fand dann Eingang in die polizeiliche Repression des 19. und 20. Jh. Eindrucksvoll stellt sie dar, wie die Gleichheitsforderung der bürgerlichen Revolution ideologisch durch rassistische und darwinistische Vorstellungen unterlaufen wurde, die ja auch zur Rechtfertigung des Kolonialismus herhalten mussten. Von ›Tsiganologen‹ vom Schlage eines Johann Gottfried Herder führt so eine Linie zur NS-Rassenkunde mit der Endstation Auschwitz.

Im Deutschen Reich führte das Staatsbürgerrecht, das sich auf ›Abstammung‹ gründete, zu einer weitgehend unsicheren Rechtslage von Polen, Juden und Roma. Viele galten als staatenlos. Besonders die ›Zigeuner‹ unterlagen damit polizeilichen Sondermaßnahmen, die die Weimarer Republik überdauerten. Mit den Nürnberger Gesetzen wurden die Weichen für die schrittweise radikale Entrechtung und Verfolgung auch der Sinti und Roma gestellt. In knappen, aber eindringlichen Absätzen wird die ganze Dimension von Deportation, Zwangsarbeit und Vernichtung, moralischer Blindheit und Kollaboration sichtbar.

In den Schlusskapiteln werden die Strategien der Opfer zur Selbstbehauptung und zum Widerstand geschildert. Der beschämenden Fortdauer der Diskriminierung zumal in der deutschen Gesellschaft nach1945 stehen die Bemühungen zum Aufbau einer internationalen Bürgerrechtsbewegung gegenüber. Ihre feierliche Anerkennung als Opfer des NS-Völkermords – symbolisiert durch das Mahnmal in Berlin – ändert nichts daran, dass die herrschende Politik ihre Verantwortung für das Schicksal der Roma nach der Zerschlagung Jugoslawiens negiert! Rassismus und Ethnisierung von Armut kennzeichnen die EU seit der ›Wende‹.

Der Abgrenzung durch die Mehrheitsgesellschaften (z.B. »Zigeuner«) steht die eigene begriffliche Definition der Minderheit in den verschiedenen Dialekten (Rom, Roma, Sinti) gegenüber der Mehrheit (Gadje). Die Selbstdefinition beinhaltet jedoch keinesfalls Homogenität! Die örtlichen Gemeinschaften sind, abhängig von ihren freiwilligen oder erzwungenen Wanderungen, immer mit der sie umgebenden Mehrheit verwoben.

Unheilbar destruktiv?

geschrieben von Uta Ottmüller

21. September 2017

Henri Parens über die Vermeidbarkeit von Kriegen

Sind Kriege unvermeidbar? Können die Menschen nicht anders? 1932, zwischen den verheerenden Weltkriegen, hat der Atomphysiker Albert Einstein diese Frage an den Begründer der Psychoanalyse gerichtet. Sigmund Freuds Antwort fiel sorgenvoll aus, denn in seiner Triebtheorie nahm er an, dass die Libido, als prosozialer Lebenstrieb, im Todestrieb mit einem machtvollen Gegenspieler konfrontiert sei. Weil dieser seine Zerstörungsimpulse sowohl nach innen wie nach außen richte, müsse er schon im Interesse der Selbsterhaltung – durchaus auch lustvoll – nach außen gelenkt werden. Ob der Pazifismus, als Produkt der Kulturentwicklung, sich dagegen durchsetzen könne, sei deshalb ungewiss.

Henri Parens, Psychoanalytiker und Überlebender des Holocaust, leitet sein umfangreiches und argumentativ eindrucksvolles Plädoyer für die Vermeidbarkeit von Kriegen mit Freuds Antwort an Einstein ein, um dann die »extreme Destruktivität«, die mit dem Todestriebbegriff gemeint war, als bösartige Variante des Narzissmus zu erklären.

Henri Parens: Krieg ist nicht unvermeidbar. Psychoanalytische Überlegungen zu Krieg und Frieden, Psychosozial-Verlag 2017 402 Seiten 39,90 €

Henri Parens: Krieg ist nicht unvermeidbar. Psychoanalytische Überlegungen zu Krieg und Frieden, Psychosozial-Verlag 2017 402 Seiten 39,90 €

Seine jahrzehntelange Forschungsarbeit mit Kleinkindern und ihren Eltern brachte ihn zu der Überzeugung, dass die Existenz eines allen Menschen angeborenen Todestriebs nicht bewiesen werden kann. Ausgehend von der »Nesthockerqualität des menschlichen Kleinkindes«, das proportional länger als alle anderen Lebewesen auf umfassende Betreuung angewiesen ist, beschreibt er, wie sich das Selbstwertgefühl des Kindes – also sein »gutartiger Narzissmus« – in der liebenden Fürsorge seiner Eltern spiegelt und das Kind seinerseits eine aktiv liebende Bindung eingeht. Je weniger die Eltern – aus welchen Gründen auch immer – die Bedürfnisse ihres Kindes verstehen und beantworten können, desto stärker entwickelt sich bei diesem eine frühe Prägung zu feindseliger Destruktivität, Gier und Neid. Parens beschreibt ausführlich die qualitativen und lebenszeitlichen Varianten des Narzissmus bis hin zu einem »bösartigen Hypernarzissmus«, den er an den Charakteren von Hitler und Stalin illustriert.

Seine individual- und familienpsychologischen Ausführungen verbindet Parens u.a. mit der Großgruppenpsychologie des Konfliktforschers und -moderators Vamik Volkan, der eine viel rezipierte Theorie des Zusammenhangs von individueller und großgruppenspezifischer Identitätsbildung entwickelt hat. Volkans Konzept des »gewählten Traumas«, das eine vergangene, von der Gruppe als ungerecht empfundene und rituell wiederholt betrauerte Niederlage bezeichnet, bietet einen aufschlussreichen Zugang zum Selbstverständnis konfliktbereiter Großgruppen. Als »narzisstische Wunde« weckt und fördert das gewählte Trauma Racheimpulse, die sich im Lauf der Geschichte benachbarter Gruppen gegenseitig aufschaukeln können. Diese Racheimpulse, die so als Reparaturwünsche für eine beschädigte Gruppenidentität erscheinen, gehen jeweils einher mit der Überbewertung der eigenen und der Verachtung der anderen Gruppe. Parens entwickelt hierzu theoretische Varianten des Vorurteils, die er aus mehr oder weniger bösartigen Varianten des Narzissmus heraus erklärt. Er verweist dazu auf gruppenspezifisch vorherrschende harte Erziehungsregeln wie etwa die von Katharina Rutschky für Deutschland beschriebene »Schwarze Pädagogik«.

Eine besondere Rolle für den gruppenpsychologischen Umschlag vom gutartigen zum feindseligen oder bösartigen Vorurteil spielt dabei das politische Geschehen unmittelbar nach bewaffneten Großgruppenkonflikten, wobei es häufig zu Gefühlen des Verrates und der Benachteiligung kommt. Parens vergleicht dazu ausführlich die Reaktionen Deutschlands nach dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg. Am Ende des Ersten Weltkriegs wurde der Versailler Vertrag, bei dessen Abschluss »kein einziger feindlicher Soldat den Fuß auf deutsche Erde gesetzt hatte«, wegen seiner harten, die Not des Krieges verlängernden Reparationsforderungen als extrem ungerecht empfunden. Weil er auf die revolutionär erzwungene Abdankung des deutschen Kaisers folgte, entstand demnach die »Dolchstoßlegende«, die nun den Feind im Inneren suchte und die rechtsradikale Entwicklung förderte. Diese wiederum habe, u.a. verstärkt durch verschärfte Reparationsforderungen, zur Machtergreifung Hitlers, Wiederaufrüstung, dem Zweiten Weltkrieg und dem Massenmord an den Juden und weiteren Opfergruppen geführt. Ganz anders reagierten die Siegermächte und insbesondere die USA nach dem Zweiten Weltkrieg. Mit dem Marshallplan förderten sie nicht nur die wirtschaftliche, sondern auch die demokratische Entwicklung.

Obwohl Parens in seinem vielschichtigen Buch immer wieder auf Deutschland und den Holocaust zurückkommt, sind die Beispiele für seine »multi-trends-Theorie der Aggression« global und vielfältig und er rezipiert ausführlich die international vergleichende Literatur zu Krieg und Genozid. Hervorzuheben ist ein ausführlicher Schlussteil, in dem er Wege zur Vorbeugung von Kriegen empfiehlt. Die Forderung nach weltweit institutionalisierter Elternbildung zeigt sich darin als sein ureigenstes Anliegen.

In Anbetracht des seither enorm angewachsenen Zerstörungspotentials unserer Waffensysteme und einer Vielzahl politischer Probleme hat die Frage nach einer womöglich unheilbar destruktiven Natur des Menschen nichts von ihrer Brisanz verloren.

Der kalte Geschichtskrieg

geschrieben von Waltraud Bierwirth

21. September 2017

Studie über die beiden deutschen Historiographien

Unter dem Stichwort »Historikerstreit« hat die erbittert ausgetragene Kontroverse Mitte der 80er-Jahre ihren Platz in den Annalen der Historiographie gefunden. Die Frage indes: »Wie ist die Ermordung von Millionen Juden geschichtlich einzuordnen – als ein Verbrechen, wie es vergleichbar in der Geschichte auch anderswo und zu anderen Zeit stattgefunden hat, oder als einzigartiges, unvergleichliches Geschehen?« – hat sich anscheinend bis heute nicht erledigt.

Da gibt es die Ideologieplaner von rechts, die über eine »Wiederbelebung des Nationalbewusstseins« Konsens stiften wollen. Da gibt es aber auch die Historiker, die bis ins Detail den »kalten Geschichtskrieg« von damals akribisch nachvollziehen und zum Befund kommen: »Was ist an den Ergebnissen des Dialogs von Marxisten und Nichtmarxisten im besten Sinne aufhebenswert und was weist möglicherweise in die Zukunft?«

Mit dieser Fragestellung beschäftigt sich der Journalist und Historiker Matthias Dohmen in seinem Werk mit dem etwas blumigen Titel »Geraubte Träume, verlorene Illusionen« über den deutschen Geschichtskrieg. Die im Leipziger Universitätsverlag veröffentlichte Studie, die den spätberufenen Journalisten Dohmen zum akademischen Historiker kürte, ist in sechs Kapitel gegliedert und holt weit aus.

Vom »Schicksalsjahr« 1923, als die vermeintlichen »Reformländer« Sachsen und Thüringen mit ihren Arbeiterregierungen aus SPD und KPD die Republik gegen die reaktionären Kräfte aus Bayern durch proletarische Hundertschaften verteidigen wollten, die im November 1923 unter Hitler zuschlagen sollten. Was die Historiker zum »Schicksalsjahr der Deutschen« meinten, beurteilt Dohmen: »Schon hier wird deutlich, wie 1923 zum Gegenstand von Legenden und Lügen, vor allem aber von ›Lehren‹ geworden ist, die bis auf den heutigen Tag von Bedeutung sind.«

Matthias Dohmen »Geraubte Träume, verlorene Illusionen« , Leipziger Universitätsverlag 2017, 471 Seiten, 29 Euro

Matthias Dohmen »Geraubte Träume, verlorene Illusionen« , Leipziger Universitätsverlag 2017, 471 Seiten, 29 Euro

Wie sich der Kalte Krieg wie eine schwere Decke über die Hoffnungen der frühen Jahre hüben wie drüben legte und die Historiker bildlich in beiden deutschen Staaten in die Schützengräben drängten und den »kalten Geschichtskrieg« ausfochten, ist Gegenstand des dritten Kapitels: »Wohl nie in der Nachkriegsgeschichte ist die historische Wissenschaft eine engere Beziehung zur großen Politik eingegangen.«

Die Befindlichkeiten der Historiker in den beiden Staaten lassen sich in der Rückschau grob zuordnen: Im Hauptstrom der Historiographie (BRD) dominierte die Totalitarismustheorie, »während das Klima in der DDR gegenüber nichtmarxistischen Historikern immer unduldsamer wurde.« Mit einem »Kunstgriff« bemüht sich Matthias Dohmen im fünften Kapitel den deutsch-deutschen Historikerstreit darzustellen: Er beleuchtet das Thema aus der Sicht eines finnischen Fachmanns, sozusagen aus der Position eines »neutralen Schiedsrichters« heraus.

Dieser Versuch ist weniger überzeugend als die informative Darstellung der Historikertagung vom März 1987, der die Fachwissenschaftler aus beiden deutschen Staaten auf Initiative der SPD zusammenbrachte. Zum ersten Mal diskutierten angesehene Historiker gemeinsam das Erbe der deutschen Geschichte und bekannten sich im Ergebnis zu einer »Verantwortungsgemeinschaft der Deutschen«. In einer vielbeachteten Rede unterstrich SPD-Vorsitzender Willy Brandt: »Ganz und gar gegen Vernunft und Moral wäre es, die historische Verantwortung für den Mord an Millionen Menschen jüdischer Herkunft herabzustufen oder verwischen zu lassen. Die spezifische Einmaligkeit der nazistischen Verbrechen lässt sich, durch welche Vergleiche auch immer, nicht aus der Welt reden.«

Als erfahrener Journalist versäumt es Matthias Dohmen nicht, darzustellen, was nach der Wende unter Historikern so veröffentlicht wurde. In Siegerlaune gab sich etwa Hans-Ulrich Wehler und schrieb, dass, »unter den Trümmern der verblichenen DDR auch der Großteil ihrer Historiographie endgültig begraben« sei. In ähnlicher Manier urteilte der Literatur- und Kunsthistoriker Werner Fuld, wenn er über die Werke von Heiner Müller, Christa Wolf, Franz Fühmann oder Sarah Kirsch in unnachahmlicher Arroganz befand: »Die Zensur, durch die diese Texte gegangen sind, bringt eine ganz bestimmte Art von Literatur hervor…sie ist eindimensional und sie kann ganz bestimmte Probleme nicht behandeln.« Diesen Ausfall kommentierte allerdings damals die Süddeutsche Zeitung mit der trockenen Bemerkung, im Kapitel über die Zensur in der DDR »verliere der Autor Fuld völlig die Contenance«.

Wer über die Institutionen, Organisationen und die über 300 Ost- und West-Historiker in beiden deutschen Staaten mehr erfahren will, wird in dieser umfangreichen Studie von Matthias Dohmen jedenfalls vielfach fündig.

Matthias Dohmen »Geraubte Träume, verlorene Illusionen« , Leipziger Universitätsverlag 2017, 471 Seiten, 29 Euro

Eine junge Frau in Gefahr

geschrieben von Axel Holz

18. September 2017

Vom Überleben als »Untergetauchte«

Kurz vor ihrem Tod sprach Marie Jalowicz Simon ihrem Sohn ihre Lebensgeschichte auf 77 Tonbänder. Die Professorin für antike Literatur und Kulturgeschichte an der Berliner Humboldt-Universität hatte nach der Befreiung Berlins, die sie sehnsüchtig erwartet hatte, nie über ihre Zeit als Untergetauchte und rassisch Verfolgte gesprochen. Sie war eine von über 5.000 Menschen, die in Berlin vor der Deportation flohen, von den Nazis auf Grund ihrer jüdischen Herkunft in die Illegalität getrieben wurde und von denen nur etwa 1.600 überlebten.

Marie Jalowicz Simon berichtet darüber, was es bedeutet, sich Tag für Tag im faschistischen Berlin durchzuschlagen. Dazu braucht die junge Frau, deren Eltern bereits gestorben sind, sichere Verstecke, Papiere, Lebensmittel und Menschen, die ihr helfen. Mehr als einhundert Menschen tragen dazu bei, an neunzehn verschiedenen Orten vor der Verfolgung durch die Nazis Unterschlupf zu finden. Ihr Überlebenswillen, ihr Mut und ihre Schlagfertigkeit helfen der Verfolgten zu überleben. Vielfach kann sie einer Verhaftung nur knapp entkommen – durch Zufall und einen siebten Sinn für drohende Gefahr. So flieht sie nach monatelanger Zwangsarbeit bei Siemens 1942 in letzter Minute im Unterrock aus ihrer Wohnung an den Gestapo-Häschern vorbei. Ein wildfremder Arbeiter hilft ihr an der Ecke mit einer Windjacke aus. Sie erzählt im Buch von Leiden und Langeweile, von ständiger Angst, von sexuellen Übergriffen auf die Schutzlose und auch über die erstaunliche Hilfsbereitschaft vieler Menschen. So nutzt sie die Identität und Lebensmittekarte von Johanna Koch, die ihr hilft und sie doch armselig, abhängig und leidend sehen möchte. Marie Jalowitcz spielt die alleinstehende Schwester oder Haushalthilfe und wird hier geliebt, dort geduldet und woanders als Halbjüdin beschimpft. Die Motive der Helfer sind sehr unterschiedlich. Nicht wenige nutzen ihre schwierige Lage aus. Ein Rechtsanwalt, der ihr zu Papieren verhilft, verlangt Sex von ihr, ein anderer Helfer bedrängt sie. Aber sie erfährt auch Solidarität und Zuwendung. Sie versucht, mit einem bulgarischen Freund in die Türkei zu fliehen und erhält falsche Papiere vom deutschen Dienststellenleiter für die Fremdarbeiter in Deutschland Hans Goll in Sofia, um nach dem Scheitern der Flucht unerkannt zurückzukehren. Sie erhält die Gnadenpension für ihren verstorbene Vater durch den Kammergerichtspräsidenten Heinrich Hölscher aus Hilfsbereitschaft zugebilligt, lebt mit der Artistin Camilla Fiochi zusammen und in einer Beziehung mit einem holländischen Zwangsarbeiter. Sie wird von der Kommunistin Trude Neuke aufgenommen, die wochenlang nach neuen Fluchtorten sucht und findet Unterschlupf bei der kommunistischen Portiersfrau Krause.

Sie trifft viele, die sie nicht denunzieren und andere, die ihr helfen, aber weder Nazigegner noch Antifaschisten sind. Sie trifft auf ihrer Flucht auf eine zwiespältige Mischung aus Gleichgültigkeit und gelegentlicher Hilfsbereitschaft, aus humanem Verhalten und rassistischen Einstellungen. Das zeigt auch, dass unser Bild von dieser Zeit oft zu holzschnittartig und die Realität in Wirklichkeit komplizierter ist. Als kluge und gebildete Frau wird die Protagonistin gezwungen, um des Überleben Willens zu einer routinierten Lügnerin und Taktikerin zu werden. Sie checkt die Personen und Situationen in ihrer Umgebung gewissenhaft, geht Abschieden aus dem Weg und meidet Menschaufläufe. Ihr Sohn stellt fest, dass sie aus dieser Rolle noch Jahrzehnte nach dem Krieg nicht herauskommt und von mehreren Zusammenbrüchen heimgesucht wird.

In einem Brief an einen Schulfreund gibt Marie Jalowicz 1946 eine Antwort auf die Frage, wie es eigentlich zur Judenverfolgung kommen konnte. Das, was passiert ist, sei immer und überall möglich, wenn man an die niedrigsten Instinkte des Pöbels appelliere, heißt es in dem Brief. Die biographische Verarbeitung der Erlebnisse von Marie Jalowicz ist spannend und zugleich authentisch. Sie macht die jahrelange Flucht der in Berlin Untergetauchten für den Leser ein wenig begreiflich. Die Autorin schildert die Kunst zu Überleben, mit der auch heute tausende Flüchtlinge immer wieder von neuem konfrontiert werden.

Das Buch »Untergetaucht« wird mit einem Nachwort des Sohnes abgeschlossen, dem Historiker und Direktor der Neuen Synagoge Berlin – Centrum Judaicum, Hermann Simon. Er hat gemeinsam mit der Autorin Irene Stratenwerth das Buchmanuskript aus den Tonbändern erstellt.

Für Marie Jalowicz Simon selbst war ihr Überleben Zufall. 1993 schrieb sie in einem Vortrag: »Wäre das beherzte Überleben Einzelner Segen oder Fluch, wenn es auf Vorhersehung und Lenkung beruhte, angesichts der Ermordung von einer Million Kindern?«

Marie Jalowicz Simon: Untergetaucht. Bearbeitung, Nachwort: Irene Stratenwerth, Hermann Simon. Fischer-Verlag, 416 Seiten

Der Anti-Trump

geschrieben von Thomas Willms

18. September 2017

Eine US-amerikanische Serie mit prophetischen Elementen

Außer vom jeweils realen wird die Welt auch noch von ungezählten künstlerischen Versionen des US-Präsidenten bevölkert. Das ist auch kein Wunder, ist er nun einmal einer der wichtigsten Menschen des Planeten und darüber hinaus auch noch Sinnbild und Projektionsfläche für das, wie auch immer zu verstehende, eigentlich Amerikanische, seine Ziele und Werte.

Zwei Fernsehserien sind dabei gerade besonders interessant. »House of Cards«, mittlerweile in der vierten Staffel, hat sich offenbar zum Ziel gesetzt, auch noch den letzten Anflug von optimistischem Pathos, der diesem Genre eigen ist, zu zersetzen. Es ist fast schon grauenhaft, dem charismatischen Kevin Spacey dabei zuzusehen, wie er durch unglaublichen Zynismus das Amt erst erobert und dann verteidigt und sich für nichts anderes als die Macht an sich begeistert. Das ist, auch mittels Elementen des epischen Theaters – »Meine Damen und Herren vor den Bildschirmen, passen sie genau auf was ich jetzt tue …« künstlerische Höchstleistung. Leider ist es auch völlig demoralisierend.

Etwas weniger anspruchsvoll, aber dafür auch weniger würgend, geht es bei »Designated Survivor« zu. Die eigenen politischen Repräsentanten in die Luft gejagt zu sehen ist dem amerikanischen Fernsehpublikum, insbesondere seinem rechts gestrickten Teil, bekanntlich immer wieder ein freudiges Erlebnis. Im Laufe des Jahres 2016 muss es wohl ein besonders großes Bedürfnis danach gegeben haben, denn in der im September erstmalig ausgestrahlten Eingangsfolge wird wirklich kurzer Prozess gemacht. Während der »Rede an die Nation« gehen Präsident, Senat, Repräsentantenhaus und Supreme Court mit dem Capitol zusammen in die Luft.

Für eine solche Gewaltfantasie gibt es allerdings auch noch eine andere Erklärung als den spezifisch US-amerikanischen staatsfeindlichen Extremismus, der seine Wurzeln in der Siedlerbewegung des 19. Jahrhunderts hat und deren aktueller Ausfluss die Präsidentschaft Trumps ist. Die Macher von Designated Survivor neigen eher zu den Democrats und werden von einer tiefen Verzweiflung über die ideologiegetriebene Selbstblockade des politischen Systems getrieben, so dass z.B. die Einführung einer annähernd allgemeinen Krankenversicherung durch Präsident Obama zum Höllenakt wurde.

Der Kunstgriff besteht nun darin, nach der Tabula Rasa einen ganz und gar unpräsidialen Ersatz-Präsidenten aufs Podium zu setzen. Tatsächlich gibt es die Funktion des »vorherbestimmten Überlebenden« wirklich, d.h. einen armen Polittropf, der fernab vom Geschehen als allerletzter Notnagel für den Fall des Falles zurückgehalten wird. Hier ist es der Wohnungsbauminister, eine an sich schon irgendwie europäisch anmutende Funktion. Diese Rolle ausgerechnet mit Kiefer Sutherland zu besetzen, ist eine bemerkenswerte Idee gewesen, steht er doch für eine äußerst bekannte und umstrittene andere Rolle im Präsidentenfilm-Genre. Als Geheimagent Jack Bauer war er in »24« zu allen, aber auch wirklich allen Schandtaten bereit, um den Präsidenten zu retten (siehe »antifa«, 2/2011).

Hier nun zelebriert er als Präsident Kirkman das Gegenteil. Vage an John F. Kennedy erinnernd, bräuchte der arme Mann doch nun wirklich einige Zeit, um sich an die neue Aufgabe heranzutasten. Doch natürlich bleibt ihm die nicht – insofern kommt man doch wieder in den Thriller-Modus – sondern er muss ganz im Gegenteil alle möglichen im Machtvakuum aufbrechenden internen und externen Krisen bewältigen, ganz zu schweigen von der Suche nach den Schuldigen für den Anschlag. Sutherland kann ausspielen was er am besten kann: unsicher mit dem Kopf zucken, waidwund gucken, die Schritte plötzlich verlangsamen, die Stimme brechen lassen und sich in dieser Rolle auch noch von Generälen und Provinzpolitikern anpöbeln lassen. Kirkman fehlt scheinbar die Härte, die Bauer auf jeden Fall zu viel hatte. Dieser Mann ist einfach in Ordnung, unparteiisch und geeignet, die Gräben zwischen Democrats und Republicans zu überbrücken. Auch in der Realität gibt es gelegentlich Beispiele für solches Versöhnlertum. Eines wäre der ehemalige republikanische Präsidentschaftskandidat John McCain, der im Senat immerhin Obamas Krankenversicherung gegen Trump rettete. Eine Reform, die er selbst stets heftig bekämpft hatte.

Von prophetischer Weitsichtigkeit ist »Designated Survivor« angesichts des (in seiner Art an dschihadistischen Terror erinnernden) nazistischen Terroranschlags von Charlottesville.

Als eigentlicher Gegner Kirkmans stellt sich nämlich, nachdem die üblichen arabischen Terroristen als Täter aussortiert werden, eine tief in die Sicherheitsapparate eingebundene rassistisch-rechtsradikale Erweckungsbewegung heraus.

Anders als im Film hat diese in der Realität leider einen verständnisvollen Freund im Weißen Haus.

Den Eltern auf der Spur

geschrieben von Ernst Antoni

18. September 2017

Christian Weisenborns »Rote-Kapelle«-Film

Vor einigen Wochen hatte in zahlreichen deutschen Kinos ein neuer Dokumentarfilm Premiere: »Die guten Feinde – Mein Vater, die Rote Kapelle und ich« von Christian Weisenborn. Die »Rote Kapelle«: Das war der Name, den sich die Gestapo und »Abwehr«, die braunen Verfolger, ausgedacht hatten für die Menschen um das Ehepaar Harro und Libertas Schulze-Boysen, um Arvid und Mildred Harnack, um Adam und Greta Kuckhoff, Hans und Hilde Coppi und viele andere.

Der Name wird den Widerstandskämpferinnen und -kämpfern, um die es in dem Film geht, wohl weiter anhaften. Aus unterschiedlichen Gründen. Zuerst war es ein Gestapo-Konstrukt, das suggerieren sollte, es habe sich um ein von und aus der Sowjetunion dirigiertes Ensemble von Agentinnen und Agenten gehandelt. Waren einige von ihnen doch in politisch, militärisch und kulturell wichtigen Bereichen zugange. Zudem gab es in dieser – die Herkunft der Beteiligten, deren Berufe und politischen Präferenzen betreffend bunt gemischten – Gruppe schon mehrere, die sich kommunistischen »Zusammenhängen« zuordnen ließen.

Das Konstrukt wurde dann in Kalte-Kriegs-Zeiten in der alten BRD gerne wieder aufgegriffen und weiter verbreitet. Hatte man sich inzwischen doch darauf eingependelt, eventuell dem militärischen Widerstand vom 20. Juli 1944 eine gewisse Berechtigung zuzugestehen angesichts des sich damals abzeichnenden verlorenen Krieges. Und vielleicht noch den Studenten und deren Mitkämpfern von der »Weißen Rose« (bei deren Bewertung Religiöses gerne in den Vordergrund geschoben wurde). Für alles andere, den Arbeiterwiderstand, den kommunistischen besonders, gab es oft Verachtung und Diffamierung: »Landesverräter« eben…

Die guten Feinde

Die guten Feinde

Mit der Legende von der »Roten Kapelle« wurden in den 60er-Jahren die alten Nazi-Konstruktionen von den »russischen Agenten« aufgefrischt. Nicht nur in einschlägigen Rechtsaußen-Medien, sondern auch in Blättern wie dem »Spiegel« oder öffentlich-rechtlichen TV-Anstalten. »Gewährsleute« blieben die einstigen NS-Verfolger. Juristen wie Manfred Roeder etwa, der an vorderster Stelle damals den Widerstandskämpferinnen und -kämpfern nachgestellt, sie Schauprozessen ausgesetzt und dafür gesorgt hatte, dass sie aufs Grausamste vom Leben zum Tode zu gebracht werden.

Der Schriftsteller, Dramaturg und Journalist Günther Weisenborn, der 1969 verstorbene Vater des Filmemachers, hatte einst versucht, diesen Nazi-Juristen Roeder und andere ehemalige Verfolger vor Gericht zu bringen. Günther Weisenborn, der selbst in der Widerstandsgruppe aktiv war und das Glück hatte, zu überleben, scheiterte mit diesen Versuchen. Roeder, der sich nach 1945 flink auf die »richtige« Seite im Ost-West-Konflikt zu schlagen wusste und – Thema: »Rote Kapelle« – dem US-Geheimdienst CIC antisowjetische Propagandahilfe leistete, blieb Zeit seines Lebens ein angesehener Mann und starb hoch geehrt in seiner hessischen Heimatgemeinde.

In der DDR sprach man von der Schulze-Boysen-Harnack-Gruppe, hielt die Erinnerung an deren Widerstand hoch, jedoch: »Die mit der politischen Entwicklung der Nachkriegsgeschichte verwobenen Deutungsmuster von Spionage und Landesverrat auf der westlichen Seite und von der sich an Beschlüssen der Führung der KPD orientierenden Widerstandsorganisation oder der mit der Sowjetunion verbundenen ‚Kundschaftergruppe‘ auf der östlichen Seite Deutschlands dominierten als komplementäre Fehleinschätzungen bis in die achtziger Jahre hinein die historische Publizistik«. So Hans Coppi, dessen Eltern von den Nazis wegen ihren Aktivitäten in der Widerstandsgruppe ermordet wurden, im Vorwort zur von ihm gemeinsam mit Geertje Andresen 1999 herausgegeben Edition der Briefe von Harro Schulze-Boysen.

Die alten Fehleinschätzungen will der 1947 geborene Christian Weisenborn nun mit seinem Film geraderücken. Ihm geht es darum, am Beispiel seiner Eltern und ihrer Freunde und Kampfgefährten aufzuzeigen, wie vielschichtig die Gruppe war, wie sie zusammenfand, was sie schließlich zum gemeinsamen Widerstand motivierte. Dies gelingt ihm mit Hilfe zahlreicher Bild- und Tondokumente, mit eingestreuten wissenschaftlichen Exkursen und eigenen Reflexionen.

Besonders beeindruckend sind alte Film-Aufzeichnungen von Gesprächen mit Joy, der Mutter des Filmemachers, deren spontane Authentizität, ihre musikalischen Beiträge… Deutlich wird, dass damals junge und nicht mehr ganz junge Leute mit effektiven und auch weniger effektiven Mitteln alles versuchten, dem Faschismus an der Macht zu trotzen. Und gleichzeitig fröhlich und gesellig sein wollten.

Ist wo was locker?

geschrieben von Ernst Antoni

15. August 2017

Bundeswehr wirbt Reparateure für »defekten Weltfrieden«

Seit längerer Zeit schon werden (nicht allein) jungen Bundesbürgerinnen und -bürgern großformatig auf Plakaten und in Medienanzeigen vor olivem Hintergrund zackige Werbebotschaften für die Bundeswehr als Arbeitgeber entgegengeknallt. Die neueste, die in den vergangenen Wochen unübersehbar war, lautete: »Weltfrieden defekt. Techniker gesucht. Mach, was wirklich zählt.«

Um klar zu machen, wie ihrer Meinung nach dem »Defekt« beizukommen wäre, bieten die Militär-PRler potentiell Interessierten eine Vertiefung an: In einem Kasten steht der Hinweis »Technik Karriere«, verbunden mit dem »Eisernen Kreuz«, dem wahrlich traditionsreichen Bundeswehr-Logo. Jenes wiederum wird, wie bei Wikipedia nachzulesen ist, »als militärisches Erkennungszeichen der Bundeswehr geführt (…), insbesondere an Luft- und gepanzerten Rad- und Kettenfahrzeugen«. Und schon erschließt sich der Link, der von den Zielpersonen der Kampagne nun angeklickt werden soll: »bundeswehr.karriere.de«. Wer der Klick-Einladung folgt, landet nämlich bei den spaßig gemeinten olivgrünen Angeboten: »Du kannst an Käfern schrauben. Oder an Tiger, Leopard und Puma.«

Nun ja, der Käfer ist als Bundeswehr-Fahrzeug eigentlich nie besonders aufgefallen. Aber er hat sich halt fürs Tierwelt-Witzchen angeboten, damit der Helikopter Tiger, der Panzer Leopard und der Schützenpanzer Puma ins positive Licht gerückt werden.

»Mit Dir«, erfahren die Adressaten dann noch, »funktioniert Freiheit und Sicherheit«. Weil dann die Kriegsmaschinen schön rund laufen? Da war doch irgendwann mal was mit »Räder müssen rollen…« Das ist nun aber wirklich ein unzulässiger Vergleich. Belassen wir es deshalb bei der Vermutung, dass in den zuständigen Militär- und Ministeriumsgremien, die für diese Werbekampagne zuständig sind, eventuell einige Schrauben locker sind.

Editorial

geschrieben von Regina Girod

15. August 2017

Wozu dienten die Wehrmachtstraditionen in der Bundeswehr, von denen sich Ministerin von der Leyen seit Neuestem so entschieden distanziert? Hat in den 62 Jahren ihrer Existenz gar niemand etwas davon bemerkt? Unser Autor Jakob Knab schreibt dazu: »Krieg war eine zentrale Kategorie der NS-Gewaltherrschaft. Der Krieg füllte nicht nur die Hälfte der NS-Herrschaftsperiode aus, sondern der Nationalsozialismus kam aus dem Kriege, fand im Krieg seine eigentliche Bestimmung und ging schließlich im Krieg unter. Heldenkult und Traditionspflege sind heroisierende Darstellungen von Geschichte.« (Seite 3) Diese heroisierenden Darstellungen wurden und werden gebraucht in einer Bundeswehr, die erst den Kommunismus bekämpfen sollte und nun auf 14 Kriegsschauplätzen dieser Welt im Einsatz ist. Davon zeugt auch der Widerstand, der der Ministerin in dieser Frage entgegenschlägt. Die deutsche Geschichte hat zum Thema Krieg keine Vorbilder zu bieten. Bleibt nur, die Kriege selber endlich abzuschaffen.

Dass politische Interessen den Blick auf die Geschichte und einzelne Akteure extrem verzerren können, hat die Nachkriegsgeschichte immer wieder gezeigt. »Albert Speer in der Bundesrepublik. Vom Umgang mit deutscher Vergangenheit«, heißt eine Ausstellung in Nürnberg, über die Ernst Antoni auf Seite 28 berichtet. Ein Versuch, die »Wandlungsgeschichte« des einstigen Naziarchitekten und Rüstungsministers als das zu entlarven, was sie war: ein Fake, der lanciert und etabliert wurde, um späte Persilscheine unter dem Motto: »Da-konnte-man-halt-nichts-machen« und »Wir-haben-immer-das-Beste-gewollt.«, zu verteilen.

Wichtige Diskussionen zum Umgang mit Rechtpopulismus wollen wir mit unserem Spezial (Seite 13 – 16) befördern. Kann oder sollte man ihm mittels »Linkspopulismus« begegnen? Thomas Willms untersucht theoretische Wurzeln und programmatische Eckpunkte der »France Insoumise« (FI), die im ersten Wahlgang der Präsidentschaftswahlen nur knapp unter dem Ergebnis des Front National blieb und sich selbst als linkspopulistisch begreift.

Da bleibt noch viel zu tun

geschrieben von Jakob Knab

15. August 2017

Traditionspflege in der Bundeswehr

In der Bundeswehr gärt und brodelt es. Nach ihrem Besuch vom 3. Mai 2017 in der Kaserne von Illkirch tat Bundesministerin von der Leyen kund: »Die Wehrmacht ist in keiner Form traditionsstiftend für die Bundeswehr. Einzige Ausnahme sind einige herausragende Einzeltaten im Widerstand. Aber sonst hat die Wehrmacht nichts mit der Bundeswehr gemein.«

Hier nun ein Blick in die deutsche Geschichte und in die real existierende Traditionspflege: Als am 1. September 1939 die Wehrmacht Polen überfiel, war dies der Auftakt zum Vernichtungskrieg. Vor dem Angriff auf Krakau machte Leutnant Lent klar: »Jeder von uns weiß, dass heute ein schicksalsschwerer Abschnitt Weltgeschichte beginnt, der nicht mit Worten und auf Papier, sondern mit Blut geschrieben wird. Jeder von uns ist sich seiner Verantwortung bewußt, dass er mit dazu beizutragen hat, dass das deutsche Volk vor der Geschichte bestehen kann, dass Deutscher Fliegergeist im neuen Glanze erstrahlt, dass des Führers Hoffnung auf seine Luftwaffe nicht enttäuscht wird.« Lent enttäuschte seinen »Führer« nicht. Am 22. Juni 1944, am dritten Jahrestag des Angriffs auf die Sowjetunion, sprach Lent vom Endsieg: »Wir sind in der entscheidenden Phase dieses Krieges angelangt. Durch den Einsatz unserer neuen Waffen ist das Vertrauen nicht nur des deutschen Menschen in der Heimat, sondern auch des deutschen Soldaten an der Front zur Führung und vor allem auch zum Endsieg unerhört gewachsen. Ich bin gewiss, dass der Endsieg nicht mehr fern ist.« Mehrfach rief Lent seine Männer dazu auf, »in leidenschaftlicher und fanatischer Weise bis zum letzten Blutstropfen zu kämpfen«.

In seiner kriegerischen Tüchtigkeit war der hochdekorierte Lent unübertroffen. Beim Staatsakt für den tödlich verunglückten Lent sprach Reichsmarschall Göring von dessen »unvergänglichem Heldentum«. Auf Initiative von General Josef Kammhuber wurde im Juli 1964 die Liegenschaft im niedersächsischen Rotenburg nach Oberst Lent benannt. Es war jener Kammhuber, der sich zusammen mit seinem Kameraden Dietl beim Hitler-Putsch im November 1923 geweigert hatte, die junge Republik zu verteidigen. Die Dietl-Kaserne Füssen wurde im November 1995 umbenannt, die Kammhuber-Kaserne Karlsruhe wurde im Juli 2011 aufgegeben. Die Lent-Kaserne in Rotenburg heißt bis heute so.

Krieg war eine zentrale Kategorie der NS-Gewaltherrschaft. Der Krieg füllte nicht nur die Hälfte der NS-Herrschaftsperiode aus, sondern der Nationalsozialismus kam aus dem Kriege, fand im Krieg seine eigentliche Bestimmung und ging schließlich im Krieg unter. Heldenkult und Traditionspflege sind heroisierende Darstellungen von Geschichte. Der Held muss die Todesangst ebenso wie die Tötungshemmung überwinden.

Deutschlands weltweit verehrter Kriegsheld ist Rommel. Er ist die Symbolgestalt der Panzertruppe. Bei der Bundeswehr gibt es ebenfalls bis heute Rommel-Kasernen in Augustdorf und in Dornstadt.

Nach dem Einmarsch in Polen schrieb Rommel über den »Führer«: »Von ihm geht eine magnetische, vielleicht hypnotische Kraft aus, die ihren tiefsten Ursprung in dem Glauben hat, er sei von Gott oder der Vorsehung berufen, das deutsche Volk ‘zur Sonne empor’ zu führen.« Für Rommel war die Wehrmacht »das Schwert der neuen Weltanschauung.« Am 21. Juni 1942 fiel nach schweren Kämpfen die Festung Tobruk. Tagesbefehl Rommels an seine tapferen Krieger: »Soldaten der Panzerarmee Afrika! Jetzt gilt es, den Gegner vollends zu vernichten.« Rommels Propagandarede »Entscheidungsschlacht im Westen« für die Wochenschau Mitte Mai 1944 markierte ein letztes Aufbäumen: »Der angreifende Gegner muß in ein tödliches Staunen fallen!« Doch in einer Lagebetrachtung vom 15. Juli 1944 übte Rommel entschiedene Kritik an Hitlers Kriegsführung. Rommel wusste auch um die Pläne der Verschwörer. Als Rommel jedoch auf dem Krankenlager von Stauffenbergs missglückter Tat erfuhr, schrieb er an seine Frau: »Zu meinem Unfall hat mich das Attentat auf den Führer besonders stark erschüttert. Man kann Gott danken, dass es so gut abgegangen ist.« Am 14. Oktober 1944 wurde Rommel vor die Wahl gestellt, eine Giftkapsel zu schlucken oder wegen Hochverrats vor den Volksgerichtshof gestellt zu werden. Rommel wählte den Freitod.

Mit seinem Tagesbefehl förderte Hitler den Heldenkult: »Mit ihm ist einer unserer besten Heerführer dahingegangen. Sein Name ist im gegenwärtigen Schicksalskampf des deutschen Volkes der Inbegriff für hervorragende Tapferkeit und unerschrockenes Draufgängertum. Das Heer senkt vor diesem großen Soldaten in stolzer Trauer die Reichskriegsflagge. Sein Name ist in die Geschichte des deutschen Volkes eingegangen.« Beim Staatsakt für Rommel sprach Generalfeldmarschall von Runstedt diesen markigen und zynischen Worte: »Der unermüdliche Kämpfer war erfüllt von nationalsozialistischen Geist, der die Kraftquelle und Grundlage seines Handelns bildete. Sein Herz gehörte dem Führer.«

Jakob Knab ist Gründer und Sprecher der »Initiative gegen falsche Glorie«.

Titel

15. August 2017

Unser Titelbild: Junge Gäste am Stand der VVN auf dem Kirchentag in Berlin (siehe auch Seite 6)

Unser Titelbild:
Junge Gäste am Stand der VVN auf dem Kirchentag in Berlin

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