Aktionen mit Waffen

28. Juli 2017

Bei Razzien in Thüringen und Niedersachsen wurden bei Neonazis und Rechtsextremisten Waffen und Munition gefunden. Die Razzien erfolgten wegen des Verdachts der Bildung einer kriminellen Vereinigung. Einige der Beschuldigten sollen der »Europäischen Aktion« angehören, einer international agierenden rechtsextremen Bewegung, die u.a. Ausbildungscamps mit Waffen organisiert. Nach Auskunft der Bundesregierung besitzen 750 Rechtsextreme in Deutschland einen Waffenschein. Das geht aus der Antwort auf eine Anfrage der Linken-MdB Martina Renner hervor. Die Zahl legaler Schusswaffenbesitzer im rechtsextremen Bereich hat sich damit erhöht. 2014 waren es rund 400. Erhöht hat sich dem Bericht zufolge auch die Zahl der Angriffe mit Waffen auf Flüchtlinge, Unterkünfte und Helfer. Registriert wurden 79 solcher Fälle im Jahre 2016; im Jahr zuvor waren es rund dreißig.

Neonazi-Chef V-Mann

28. Juli 2017

Der ehemalige Deutschland-Chef der seit 2000 verbotenen Neonazigruppierung »Blood and Honour«, Stephan Lange, war offenbar V-Mann des Bundesamtes für Verfassungsschutz. Das geht aus Recherchen der ARD-Magazine Fakt und Report hervor. »Blood and Honour« gilt als wichtigster Unterstützer der rechtsterroristischen NSU-Gruppe.

Gedränge am Tatort

geschrieben von Janka Kluge

25. Juli 2017

Im Mordfall Michele Kiesewetter bleiben viele Fragen offen

Vor zehn Jahren wurde die Polizistin Michele Kiesewetter in Heilbronn ermordet und einer ihrer Kollegen schwer verletzt. Die Ermittlungen von Polizei und Staatsanwaltschaft waren in diesen zehn Jahren davon geprägt, dass falschen Spuren nachgegangen wurde und andere nicht verfolgt und einfach ignoriert wurden. Am Anfang war die Polizei davon ausgegangen, dass die Tat von einer Gruppe reisender Roma(!) verübt worden war.

Erst nach der Selbstenttarnung des NSU-Trios vollzog die Bundesstaats-anwaltschaft eine Kurskorrektur. Die rassistisch geprägten Ermittlungen wurden eingestellt und Mundlos und Böhnhardt als Täter präsentiert. Auf dem Bekennervideo, das Beate Zschäpe auf ihrer Flucht verschickt hat, ist eine kurze Sequenz mit Bildern vom Tatort in Heilbronn zu sehen.

Doch zehn Jahre nach dem Mord sind nach wie vor viele Fragen ungeklärt und die Staatsanwaltschaft lässt auch keine Bereitschaft erkennen, sie noch klären zu wollen. Da ist beispielsweise die Frage, warum gerade Michele Kiesewetter ermordet wurde. Bereits früh war klar, dass die Polizistin wie die Täter aus Thüringen kam. Der NSU ist aus dem Netzwerk des Thüringer Heimatschutzes hervorgegangen. Hier hatten sich unterschiedliche Kameradschaften und Nazigruppen unter der Führung von Tino Brandt organisiert. Teile dieser Gruppen hatten Kontakte zu Kriminellen, die in den Handel mit Waffen und Rauschgift verstrickt waren. Genau in diesem Milieu hat Michele Kiesewetter in Süddeutschland immer wieder verdeckt ermittelt. Am Tag vor ihrer Ermordung war sie mit einem Kollegen in einer Böblinger Pizzeria verabredet. Vor dem baden-württembergischen Untersuchungsausschuss hat er ausgesagt, dass sie sich an jenem Abend verfolgt und bedroht gefühlt habe.

Eine Auswertung der Funkzellendaten am Tatort hat ergeben, dass im Bereich des Tatorts allein 16 Handys eingeloggt waren, deren Besitzer Bezüge zur organisierten Kriminalität Osteuropas hatten. Obwohl die ermittelnden Beamten die Spur für so wichtig hielten, dass sie ihr weiter nachgehen wollten, wurden sie von der Staatsanwaltschaft gestoppt.

Die Staatsanwaltschaft hält auch bis heute alle Zeugen für unglaubwürdig, die unabhängig von einander mehrere Männer gesehen haben, die vom Tatort geflohen sind. Einer von ihnen soll »Davej, davej!« gerufen haben, bevor er in ein vorbeifahrendes Auto gesprungen ist. Davej ist russisch und heißt »los, schnell«. Trotz aller Hinweise, dass es mehr als zwei Täter gegeben haben muss, beharrt die Bundesstaatsanwaltschaft auf der These der beiden Einzeltäter. Vielleicht will sie damit verhindern, dass bekannt wird, wie viele Mitarbeiter von unterschiedlichen Geheimdiensten damals vor Ort oder in unmittelbarer Nähe waren.

Beim Untersuchungsausschuss in Baden-Württemberg hatte sich vor einigen Wochen eine Rechtsanwältin gemeldet, die aussagte, dass eine »Kontaktperson« ihr gesagt habe, zur Tatzeit auf der Theresienwiese in Heilbronn gewesen zu sein und dass es um Waffengeschäfte gegangen sei. Die Anwältin war eine der Verteidigerinnen im Prozess gegen die Sauerlandgruppe. Bei der Gruppe handelte es sich um Islamisten, die in Deutschland einen Anschlag verüben wollten, aber bereits während der Planungen von Verfassungsschutz und LKA überwacht worden sind.

Ein Verfassungsschützer aus Stuttgart war zu der Zeit ebenfalls auf dem Weg zur Heilbronner Theresienwiese. Er wollte sich nach eigenen Angaben mit einem Informanten aus der Ulmer und Neu-Ulmer Salafistenszene treffen. Zu diesem Treffen sei es dann aber wegen der hohen Polizeipräsenz nicht gekommen. Auf dem Weg nach Heilbronn wurde ein Auto wegen zu hoher Geschwindigkeit geblitzt. Als die Polizei das Kennzeichen prüfte, staunte sie nicht schlecht, auf ein Auto gestoßen zu sein, das vom amerikanischen Geheimdienst benutzt wird. Mittlerweile ist klar, dass ein Mitarbeiter des FBI auf dem Weg nach Heilbronn war. Der türkische Geheimdienst soll ebenfalls mit mindestens einer Person vor Ort gewesen sein.

Was, wenn hier zwei Geschehen fast zur selben Zeit am gleichen Ort stattgefunden haben? Zum einen war ein Treffen mit einem Informanten aus der Islamistenszene geplant. Vielleicht sollte sie wirklich mit Waffen versorgt werden. Dieses Treffen muss so brisant gewesen sein, dass Geheimdienstmitarbeiter verschiedener Ländern anwesend waren, oder sich auf dem Weg dorthin befanden. Gleichzeitig fand der Mord an Michele Kiesewetter statt. Wegen der hohen Polizeipräsenz kam es dann nicht zu dem geplanten Treffen. Und um die Operation der Geheimdienste zu decken unternahm die Bundesstaatsanwaltschaft anschließend alles in ihrer Macht Stehende, um von ihr abzulenken. Wenn die Ereignisse rund um den Mord an Michele Kiesewetter so betrachtet werden, ergibt auf einmal vieles Sinn.

 

Fast zur Nebensache wurde es dann, dass ein Filmteam des SWR, welches Aufnahmen anschaute, die kurz nach dem Mord gemacht worden sind, den Schriftzug des NSU an einer Wand in der Nähe des Tatorts entdeckte. Wer soll das gewesen sein? Für das LKA bestand die Heilbronner Naziszene immer nur aus handlungsunfähigen Trinkern.

»Wir klagen an«

geschrieben von Markus Roth

25. Juli 2017

Im Mai fand in Köln das »NSU-Tribunal« statt

Das Münchner Verfahren gegen den Nationalsozialistischen Untergrund (NSU), die Hauptangeklagte Beate Zschäpe und Unterstützer neigt sich dem Ende zu. Doch die Ergebnisse der Verhandlungen sind ernüchternd. Wer gehofft hatte, über das weit verzweigte Netzwerk des NSU oder die Verstrickung der Sicherheitsorgane in die Terrorserie mehr zu erfahren, wurde bisher enttäuscht. Angeklagt sind nur wenige Neonazis. Relevante Fragen, die durch die Nebenklage der Angehörigen der Opfer immer wieder gestellt werden, bleiben unbeantwortet. Auch die Untersuchungsausschüsse der Länder und im Bundestag umschiffen die Probleme eher und verheddern sich im Kleinklein. Merkels Versprechen von 2012, den NSU-Komplex vollständig aufzuklären, bleibt unerfüllt. In der politisch-juristischen Inszenierung werden die Opfer des NSU zu StatistInnen und der NSU zum Ausrutscher der Sicherheitsbehörden. Dabei ist doch offensichtlich, dass der NSU nur morden konnte, weil Neonazis von Teilen der Gesellschaft und des Staates verharmlost, geschützt und gefördert wurden. Rassistische Klischees gegenüber den migrantischen Opfern verhinderten eine Aufdeckung der wahren Hintergründe. Auch die »kritische Öffentlichkeit« versagt hier auf ganzer Linie. Doch wo kommen diese Zusammenhänge zur Sprache und wird an ihrer Überwindung gearbeitet?

Die 60seitige Anklageschrift des NSU-Tribunal gibt es als Broschüre zum download unter nsu-tribunal.de  Das Tribunal wurde filmisch festgehalten. Auf dem Youtube-Kanal gibt es zahlreiche Kurz-Dokus von den einzelnen Workshops und Veranstaltungen.

Die 60seitige Anklageschrift des NSU-Tribunal gibt es als Broschüre zum download unter nsu-tribunal.de
Das Tribunal wurde filmisch festgehalten. Auf dem Youtube-Kanal gibt es zahlreiche Kurz-Dokus von den einzelnen Workshops und Veranstaltungen.

Leerstelle Opferperspektive

Um einige Leerstellen der Aufarbeitung zu schließen, aber vor allem um die Opferperspektive in den Mittelpunkt zu rücken, fand in Köln-Mühlheim das NSU-Tribunal mit rund 800 Teilnehmenden statt. An fünf Tagen konnten in kleineren Workshops und größeren Abendveranstaltungen rund um den NSU-Komplex, Alltagsrassismus und die Kämpfe dagegen diskutiert werden. Zentral waren die Geschichten der Betroffenen des NSU-Komplexes, die im geschützten Rahmen ihrer Trauer Ausdruck verleihen, ihre Analysen präsentieren und ihre Forderungen stellen konnten. Der Ort in der Nähe der Keupstraße wurde bewusst gewählt. Hier ließ der NSU 2006 eine Nagelbombe explodieren. Die vor allem türkischstämmigen Gewerbetreibenden waren jahrelang falschen Verdächtigungen durch die ErmittlerInnen und durch die Öffentlichkeit ausgesetzt. Nach der Selbstenttarnung des NSU 2012 gründeten sie die Initiative »Keupstraße ist überall« um auf ihre Erfahrungen als Opfer von Neonazigewalt aufmerksam zu machen. Die Initiative ermutigte viele andere ihre Stimme ebenfalls zu erheben. Ihre Forderung: Den NSU als Komplex wahrzunehmen und die Aufklärung entsprechend breit anzulegen.

Da dies in den letzten vier Jahren nicht durch die zuständigen Stellen erfolgte, wurde nun ein eigener Beitrag zur Aufklärung geliefert. Das Tribunal mündete in neun Anklagepunkten gegen etwa 100 namentlich genannte Personen. Darunter nicht nur viele Neonazis, PolizistInnen und Verfassungsschützer-Innen, sondern auch PolitikerInnen und JournalistInnen. Denn so die Tribunal-MacherInnen: »Jeder besitzt einen Spielraum und kann sich entscheiden, ob er ein Opfer anlügt, eine Akte vernichtet, ein Gedächtnis vor Gericht verliert oder wider besseres Wissen die Aufklärung behindert oder nicht.« Wer den NSU-Komplex tatsächlich aufklären will, muss all diese Dimensionen betrachten.

Die Anklage

Als erster Punkt wird die gesellschaftliche Akzeptanz und das Klima der Straffreiheit für rassistische Gewalt zur Geburtsstunde des NSU in den 90er Jahren aufgeführt. Nicht nur der Polizeieinsatzleiter bei dem Pogrom am Rostocker Sonnenblumenhaus 1992, Siegfried Kordus, wird hier benannt, sondern auch die jetzige Bundeskanzlerin, die damals als Bundesjugendministerin die akzeptierende Jugendarbeit für Neonazis forcierte. Ein weiterer Anklagepunkt befasst sich mit der Durchführung und Planung des Neonaziterrors. Alte Bekannte aus dem Blood&Honour Spektrum und V-Personen finden sich hier wieder. Die Verharmlosung und Leugnung rechtsterroristischer Strukturen und indirekte Förderung als »Möglichkeitsstrukturen« kommen ebenso zur Sprache. Ein Angeklagter, der Totalitarismusforscher Eckhard Jesse, der den Sicherheitsbehörden immer wieder bescheinigte, dass die Neonaziszene eher subkulturell geprägt ist und als Gefahr hochgespielt werde. Für einige Furore dürfte noch der Anklagepunkt zur medialen (De-)Thematisierung des rassistischen Tatmotivs und die Diffamierung der Opfer sorgen. Hier werden namhafte JournalistInnen, wie der aktuell vom NSU-Prozess berichtende ARD-Terrorexperte Holger Schmidt, benannt.

Wahrscheinlich war das ein Grund dafür, dass das Tribunal nur wenig medialen Wiederhall fand. Die nächsten Jahre werden zeigen, ob der Anspruch der Anklage, dass die Gesellschaft politische und nicht nur juristische Konsequenzen ziehen möge, erfüllt wird.

 

 

Bundeswehrgeschichte aufarbeiten

22. Juli 2017

Erklärung des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma

Das Bekanntwerden rechtsradikaler Strukturen und potentieller rechtsradikaler Straftäter in der Bundeswehr ist für den Zentralrat Deutscher Sinti und Roma gleichermaßen beunruhigend wie altbekannt. Seit ihrer Gründung war die Bundeswehr immer wieder für die enge Verbindung von Nazi-Größen und -Kriegshelden wie Hans-Ulrich Rudel und anderen öffentlich kritisiert worden, ohne dass sich an der Grundhaltung innerhalb großer Teile der Bundeswehr etwas geändert hätte. Bis heute ist das Bild von Marinemaler Claus Bergen, das den sinnlosen Untergang der »Bismarck« im 2. Weltkrieg zeigt, Ausdruck eines falsch verstandenen Heldentums, das soldatisches Handeln unabhängig von demokratischer Legitimation sieht. Das Bild ist seit Jahrzehnten in der Marineschule Mürwik Symbol einer Traditionspflege, die gerade nicht die demokratischen Werte der Bundesrepublik Deutschland in den Mittelpunkt stellt.

Dass jetzt in der nach Helmut Schmidt benannten Bundeswehr-Universität Hamburg ein Bild von Helmut Schmidt in Wehrmachtsuniform abgehängt wurde, zeigt, dass die Bundeswehr die Auseinandersetzung mit ihrer Geschichte nach 1945 noch immer nicht ernst nimmt. Im Gegenteil wird durch das Abhängen des Bildes von Helmut Schmidt ein sozialdemokratischer Bundeskanzler noch nachträglich diffamiert. »Helmut Schmidt hat nach 1945 erkannt, dass das staatliche Handeln, und dies galt für ihn in besonderem Maße für die Bundeswehr, demokratisch legitimiert sein muss. Jetzt sein Bild in der nach ihm benannten Bundeswehr-Universität abzuhängen dient offenkundig nur dazu, die gesamte notwendige Diskussion ins Lächerliche zu ziehen«, so der Vorsitzende des Zentralrats, Romani Rose.

Der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma fordert Bundesministerin von der Leyen auf, die Aufarbeitung der Geschichte der Bundeswehr nach 1945 nicht auf die Umbenennung von Kasernen zu beschränken, sondern eine unabhängige, kritische Historiker-Kommission zu beauftragen, die dann auch Zugang zu den entsprechenden zeitgeschichtlichen Akten haben muss. »Eine solche Dokumentation wäre die notwendige Grundlage für einen neuen Traditionserlass der Bundeswehr, wie ihn Ministerin von der Leyen jetzt erarbeiten will«, so Rose.    Zentralrat Deutscher Sinti und Roma

»Bewältigtes« neu benennen

geschrieben von Heinrich Fink

22. Juli 2017

Der Schriftsteller Johannes Bobrowski war Christ, Humanist und Antifaschist

Vor 100 Jahren, am 9. April 1917 wurde Johannes Bobrowski in Tilsit, nahe der litauischen Grenze, geboren. Die Eltern des Vaters waren Bauern, eingewanderte Hugenotten, die die christliche Tradition der Familie begründeten. Wichtig für Bobrowski waren die verschiedenen Nationalitäten, die in diesem Grenzgebiet zusammenlebten – Polen, Litauer, Russen und Deutsche, unter ihnen allen viele Juden. Das Aufwachsen als Deutscher unter diesen Völkern wurde zum Thema seines Lebens und Schreibens.

1928 zog die Familie nach Königsberg, dem Sammelpunkt bürgerlichen Geisteslebens oder, wie Bobrowski oft sagte, dem Gipfel der Aufklärung. Er besuchte das Gymnasium, vor dem ein Denkmal von Immanuel Kant stand. Bobrowski berichtet: »In diesem humanistischen Gymnasium war die latinisierte Eleganz des 17. und 18. Jahrhunderts genauso zu Hause wie der humorvolle derbe Dialekt ostpreußischer Bauern.«

Johannes Bobrowski  Foto: Roger Melis

Johannes Bobrowski
Foto: Roger Melis

Zur Selbstverständlichkeit seiner Eltern gehörte der sonntägliche Kirchgang. Dem nazikritischen Dompfarrer verdankt er seine frühe Aufklärung über den Streit in der Kirche. Er bekam lebendig mit, wie die »Deutschen Christen« in ihrer Sympathie für die Nazis und die Gruppe der »Bekennenden Kirche«, einer kritischen Bewegung in Opposition zur faschistischen Gleichstellungspolitik, zur herrschenden Auffassung, ihre gegensätzlichen Standpunkt ausfochten.

In seiner Erzählung »Der Mahner« bringt er die Haltung der Bekennenden Kirche zum Ausdruck. Immer wieder wird über den Umgang der Gemeindemitglieder mit den Juden diskutiert. Zum großen Entsetzen seiner Familie erkannten sie plötzlich, dass der Pfarrer der Deutschen Christen unter seinem Talar eine SA-Uniform trug. Dies macht die Gruppe der Bekennenden Kirche wütend. Wie seine Mitschüler, so diskutierte auch Johannes Bobrowski mit seinem Lateinlehrer. Es war der Schriftsteller Ernst Wiechert, der 1935 eine berühmte Rede an der Münchner Universität hielt und später, nach dem Protest gegen die Verhaftung von Pastor Niemöller, im Konzentrationslager Buchenwald eingesperrt war. Dessen Zugehörigkeit zur Bekennenden Kirche prägte Bobrowskis weitere Entwicklung in seinem antifaschistischen Denken und im dann folgenden Widerstand gemeinsam von Klassenkameraden und Lehrern.

1938 siedelte Familie Bobrowski nach Berlin-Friedrichshagen um. Im selben Jahr wurde er zum Arbeitsdienst eingezogen und dann zur Hitler-Wehrmacht. Der Krieg führte ihn wieder nach Ostpreußen, in eine Landschaft, die seinem Geburtsland ähnelte. Bobrowski sagte später, dass die von ihm später verfasste Literatur »so etwas wie eine Kriegsverletzung war«. »Ich bin als Soldat in die Sowjetunion gewesen, ich habe dort das noch vor Augen geführt bekommen, was ich historisch von der Auseinandersetzung des Deutschen Ritterordens mit den Völkern im Osten von der preußischen Ostpolitik, aus der Geschichte wußte.« An anderer Stelle heißt es: »Zu schreiben habe ich begonnen am Ilmensee 1941, über russische Landschaft, aber als Fremder, als Deutscher.«

Krieg und Gefangenschaft zwingen ihn, politisch-historische Zusammenhänge zu sehen, und er beginnt, neu darüber nachzudenken. Er stand als Mitglied der Bekennenden Kirche auf der Seite des christlichen Widerstands gegen den Hitlerfaschismus und hatte engen Kontakt mit dem Theologieprofessor Hans Iwand, der die Gemeinde über das Denken von Dietrich Bonhoeffer aufklärte.

1949 kam Bobrowski wieder nach Berlin-Friedrichshagen zurück. Er fand hier in seiner Familie den Ort, von dem aus er wirken konnte. Die Umsetzung der Erfahrungen aus den Kriegerlebnissen schlug sich in seinem Schreiben nieder. Seine Bekanntschaft mit Peter Huchel gab ihm die Möglichkeit, seine ersten Gedichte in der Zeitschrift »Sinn und Form« zu veröffentlichen.

1950 begann er als Lektor im Altberliner Verlag Lucie Groszer. Dort hatte er die Möglichkeit, Bücher zu lektorieren, die in sein Denken passten, z.B. den »Märkischen Eulenspiegel aus dem Jahr 1587«. Später wechselte er ins Lektorat des Union-Verlages. Dort wurde er in Literaturkreisen bekannt und zu Lesungen eingeladen. Als Dichter wurde er von der »Gruppe 47« entdeckt und konnte seine Gedichte auf deren 22. Tagung vortragen. Ehrungen blieben nicht aus. Er bekam z.B. 1962 in Wien den Alma-Johanna-König-Preis, benannt nach der jüdischen Dichterin, die von den Faschisten verschleppt und ermordet worden war. Im gleichen Jahr folgte der Preise der Gruppe 47 und der Heinrich-Mann-Preis. Bobrowski wird über die Grenzen hinaus bekannt, besonders mit seinem Meisterwerk »Levins Mühle«.

Bobrowski schrieb: »Ich bin dafür, dass alles neu benannt wird, was als ›bewältigt‹ bezeichnet wird. Es muß in seiner Wirkung der jungen Generation bewußt gemacht werden und deren Folgen in der Geschichte.« Er beschreibt das auch in einem Gedicht – »Holunderblüte«, für mich eines seiner eindrücklichsten.

Johannes Bobrowski starb am 2. September 1965. Er hinterließ mit seinem Werk einen großen, nicht vollendeten Entwurf zeitgeschichtlicher und lyrischer Arbeiten.

Holunderblüte

Es kommt
Babel, Isaak.
Er sagt: Bei dem Pogrom,
als ich Kind war,
meiner Taube
riß man den Kopf ab.

Häuser in hölzerner Straße,
mit Zäunen, darüber Holunder.
Weiß gescheuert die Schwelle,
die kleine Treppe hinab –
Damals, weißt du,
die Blutspur.

Leute, ihr redet: Vergessen –
Es kommen die jungen Menschen,
ihr Lachen wie Büsche Holunders.
Leute, es möcht der Holunder
sterben
an eurer Vergeßlichkeit.

Internationales Workcamp

geschrieben von Charlotte Hahn

22. Juli 2017

In Umsetzung des gemeinsamen Aufrufes von VVN-BdA und KFSR e.V. zur Ehrung der Freiwilligen, die im Spanischen Krieg 1936 – 1939 an der Seite der Republikaner kämpften, findet vom 21. August bis 1. September 2017 das 2. Internationale Workcamp unter dem Motto »Voluntarios de la Libertad unvergessen«, organisiert von KFSR und Vereinigung junger Freiwilliger e.V. in Berlin statt. Schon im vergangenen Jahr, hatten sich zwölf Jugendliche aus verschiedenen Ländern den Ehrennamen »Brigada internacional« gegeben.

Jugendliche aus verschiedenen Ländern, wie Korea, der Ukraine, der Türkei, Russland haben sich schon angemeldet. Sie werden auf dem Friedhof in Berlin-Friedrichsfelde Pflegearbeiten an Gräbern von Spanienkämpfern und anderen Antifaschistinnen und Antifaschisten vornehmen. Gesucht werden Teilnehmerinnen und Teilnehmer zwischen 18 und 25 Jahren aus Deutschland, bei Bereitschaft zur Campleitung auch älter.

Kontakte über

www.vjf.dewww.spanienkaempfer.de, www.kfsr.info.

101 ermordete »Untermenschen«

geschrieben von Rustam Qobil

19. Juli 2017

Von Rustam Qobil BBC World Service, Amersfoort

Sie verließen ihre Häuser in Zentralasien, um gegen die deutsche Armee zu kämpfen. Dann wurden sie, in Lumpen gekleidet, als Gefangene in ein holländisches Konzentrationslager gebracht. Wenige der heute noch Lebenden erinnern sich an die 101 zumeist Usbeken, die 1942 in einem Wald bei Amersfoort ermordet wurden – und man hätte sie wohl vollständig vergessen, gäbe es nicht einen neugierigen holländischen Journalisten.

Jedes Frühjahr treffen sich hunderte holländische Männer und Frauen, jung und alt, in einem Wald in der Nähe von Amersfoort bei Utrecht. Hier zünden sie Kerzen an, um der 101 unbekannten Sowjetsoldaten zu gedenken, die von den Nazis an eben diesem Ort erschossen worden waren – vergessen für über ein halbes Jahrhundert.

Die Geschichte wurde vor 18 Jahren aufgedeckt, als der Journalist Remco Reiding nach mehrjähriger Arbeit in Russland in die Stadt zurückkehrte und von einem Freund über einen sowjetischen Kriegsfriedhof in der Nähe erfuhr. »Ich war überrascht, da ich vorher nie davon gehört hatte,« sagt Reiding. »Ich besuchte den Ort und begann, nach Archiven und Zeugen zu suchen.«

Es zeigte sich, dass hier 865 sowjetische Soldaten begraben waren, doch alle außer 101 kamen aus anderen Teilen der Niederlande oder aus Deutschland. Die 101 jedoch, allesamt namenlos, waren in Amersfoort selbst gestorben. Sie wurden in den ersten Wochen nach der deutschen Invasion der Sowjetunion bei Smolensk gefangengenommen und zu Propagandazwecken in die von Deutschland besetzten Niederlande geschafft.

»Man hatte die asiatisch aussehenden Gefangenen aussortiert und wollte sie den Holländern vorführen, die sich den nazistischen Ideen entgegenstellten,« sagt Reiding. »Sie nannten sie Untermenschen – minderwertige Menschen – und hofften, dass sich die Holländer, nachdem sie gesehen hatten, wie die Sowjets aussahen, den Deutschen anschließen würden.«

Es waren die im Konzentrationslager in Amersfoort internierten holländischen Kommunisten, deren Überzeugung von den Sowjetmenschen die Deutschen zu ändern hofften. Sie wurden hier seit August 1941 gemeinsam mit ortsansässigen Juden gefangen gehalten und erwarteten alle eine Verlegung an andere Orte. Doch ging der Plan nicht auf.

Henk Broekhuizen, jetzt 91, ist einer der wenigen verbleibenden Zeugen. Er erinnert sich, dass er als Teenager beobachtete, wie sowjetische Kriegsgefangene in der Stadt ankamen. »Wenn ich meine Augen schließe, erinnere ich mich an ihre Gesichter,« sagt er. »Eingewickelt in Lumpen, sahen sie gar nicht wie Soldaten aus. Man konnte nur ihre Gesichter erkennen. Die Nazis ließen sie durch die Hauptstraße spießrutenlaufen, den ganzen Weg vom Bahnhof bis zum Lager. Sie waren schwach und klein, ihre Füße waren von alten Sachen bedeckt. Einige konnten kaum laufen und wurden von Freunden gestützt.«

Einige der Gefangenen schafften es, Blickkontakt zu den Zuschauern herzustellen, und bedeuteten per Handzeichen, dass sie hungrig waren. »Wir holten etwas Wasser und Brot für sie,« sagt Broekhuizen. »Doch die Nazis schlugen uns alles aus den Händen. Sie ließen uns ihnen nicht helfen.« Er sah sie nie wieder und hörte nichts darüber, was mit ihnen im Lager geschah. Doch begann Reiding, in holländischen Archiven Zeugnisse zu sammeln. Er entdeckte, dass es sich hauptsächlich um Usbeken handelte. Die Lagerleitung war sich selbst dessen nicht bewusst, bis ein russisch sprechender SS-Offizier ankam, um sie zu befragen.Die meisten von ihnen waren aus Samarkand, sagt Reiding. »Vielleicht waren einige von ihnen Kasachen, Kirgisen oder Baschkiren. Doch die Mehrheit waren Usbeken.«

Reiding erfuhr auch, dass die Zentralasiaten schlechter als alle anderen Gefangenen im Lager behandelt wurden. »Während der ersten Tage im Lager mussten sich die Usbeken unter freiem Himmel, ohne Nahrung und umgeben von Stacheldraht, aufhalten,« sagt Reiding. »Ein deutsches Filmteam bereitet sich auf den Moment vor, wenn die ‘barbarischen Untermenschen’ um Lebensmittel kämpfen. Sie wollten diese Szene für ihre Propaganda filmen. So werfen die Nazis den hungrigen Usbeken einen Laib Brot zu. Zu ihrer Überraschung nimmt einer von ihnen das Brot und teilt es mit einem Löffel ruhig in gleiche Teile. Die anderen warten geduldig. Niemand kämpft. Dann verteilen sie die gerecht geteilten Brotstücke. Die Nazis sind enttäuscht.« Doch es sollte für die Gefangenen noch schlimmer kommen.

»Die Usbeken erhielten nur die Hälfte der Verpflegung der anderen. Wenn ein anderer Gefangener ihnen half, wurde das ganze Lager mit Lebensmittelentzug bestraft,« sagt Bahodir Uzakov, ein usbekischer Historiker aus dem benachbarten Gouda, der die Geschichte des Amersfoort-Lagers ebenfalls untersucht. »Wenn sie Reste und Kartoffelschalen aßen, wurden sie von den Nazis dafür geschlagen, dass sie Schweinefutter aßen.«

Aus den Zeugenaussagen der Lagerwachen und Mitteilungen von Gefangenen, die er in den Archiven fand und die die Grundlage seines Buchs von 2015, »Kind auf dem Feld der Ehre«, bildeten, erfuhr Reiding ebenso, dass die Usbeken ununterbrochen geschlagen wurden und die schlechtesten Arbeiten ausführen mussten, wie den Transport von schwerem Baumaterial, Sand oder Holz in der Kälte.

Eine der schockierendsten Geschichten betrifft den Lagerarzt, einen Holländer namens Nikolaas Van Nieuwenhuysen. Als zwei der Usbeken starben, zwang er andere Gefangene, sie zu enthaupten und ihre Schädel zu kochen, bis sie sauber waren, erzählt Reiding. »Der Arzt stellte die Schädel von zwei Usbeken zum Studium auf seinen Schreibtisch. Wie verrückt!« Verhungert und schwach begannen die Usbeken, Ratten, Mäuse und Pflanzen zu essen. Vierundzwanzig von ihnen überlebten den harten Winter 1941 nicht und die verbleibenden 77 wurden nicht mehr gebraucht, als sie zum Arbeiten zu schwach geworden waren. So erzählten ihnen die Nazis im April 1942, dass man sie nach Südfrankreich bringen würde, wo das wärmere Klima besser für sie wäre. Tatsächlich brachte man sie in einen Wald in der Nähe des Lagers, wo sie erschossen und in einem Massengrab verscharrt wurden.

»Manche weinten, einige hielten sich an den Händen und gingen ihrem Tod entgegen. Wer versuchte zu fliehen, wurde von den Soldaten gejagt und erschossen,« sagt Reiding gemäß Aussagen von Lagerwachen und Fahrern, die Zeugen der Exekution waren. »Man stelle sich vor, 5.000 km weit weg von Zuhause, wo die Muezzins die Menschen zum Gebet rufen, wo der Wind mit dem Sand und dem Staub auf dem Marktplatz spielt und die Straßen mit den Aromen der Gewürze erfüllt sind. Du kennst ihre Sprache nicht und sie kennen Deine nicht. Und Du wirst niemals verstehen, warum Dich diese Leute wie Vieh behandeln.«

Es gibt kaum Informationen, die bei der Identifizierung dieser Gefangenen hilfreich sein könnten. Die Nazis verbrannten das Lagerarchiv, bevor sie im Mai 1945 flohen. Es gibt nur ein Foto, das Gesichter zeigt – zwei Männer, von denen keiner einen Namen hat. Von neun Portraits, die ein holländischer Gefangener mit Bleistift gezeichnet hatte, tragen nur zwei einen Namen.. »Die Namen sind falsch geschrieben, klingen jedoch usbekisch,« sagt Reiding. »Einer ist Kadiru Xatam und der andere heißt Muratov Zayer. So müsste der erste Kadirov, Hatam, sein und der zweite – Muratov, Zair.«

Ich erkenne den usbekischen Klang und die zentralasiatischen Gesichter sofort. Die zusammengewachsenen Augenbrauen, die freundlichen Augen und gemischtrassigen Gesichtszüge – sie alle werden in meinem Land als schön angesehen.

Das sind Portraits junger Männer in ihren frühen zwanziger Jahren oder noch jünger. Wahrscheinlich hatten ihre Mütter bereits begonnen, nach passenden Bräuten Ausschau zu halten, und die Väter hatten schon ein Kalb gekauft, um es für das Hochzeitsfest aufzuziehen, als der Krieg dazwischenkam.

Es scheint mir, einige meiner Verwandten könnten unter ihnen gewesen sein. Zwei meiner Großonkel und der Großvater meiner Frau sind nicht aus dem Krieg zurückgekehrt. Manchmal wurde mir gesagt, meine Onkel hätten deutsche Frauen geheiratet und sich entschlossen, in Europa zu bleiben – eine Geschichte, die sich meine Großmutter zum Trost ausgedacht hatte. Tatsächlich kamen circa 1,4 Millionen Usbeken aus dem Krieg nicht zurück und mindestens 100 000 gelten als vermisst.

Es gibt viele Gründe, warum die 101 usbekischen, in Amersfoort begrabenen Soldaten niemals identifiziert wurden, abgesehen von den zwei uns bekannten Namen. Einer besteht im Kalten Krieg, der dem Zweiten Weltkrieg rasch folgte und Westeuropa und die UdSSR in ideologische Gegner verwandelte. Ein anderer besteht in der Entscheidung Usbekistans, nach der Erringung der Unabhängigkeit 1991 seine sowjetische Vergangenheit zu vergessen. Die Veteranen wurden nicht länger als Helden betrachtet. Ein Denkmal für eine Familie, die 14 Kriegswaisen aufgenommen hatte, wurde von einem Platz im Zentrum von Taschkent getilgt, obwohl der neue Präsident des Landes nun verkündet, dass es wiederhergestellt werden soll. Kurz gesagt, die Suche nach vermissten Soldaten der Sowjetarmee hatte vor einigen Jahrzehnten für die usbekische Regierung keine Priorität. Doch meint Reiding, dass er in der Lage wäre, die Namen in usbekischen Archiven zu finden. »Die Dokumente jener sowjetischen Soldaten, die nicht gestorben waren oder deren Tod den sowjetischen Behörden nicht bekannt war, wurden an das örtliche KGB geschickt. Und die Angaben zu den 101 Gefangenen sind höchstwahrscheinlich in Usbekistan, » sagt Reiding. »Wenn ich Zugang zu ihnen bekomme, kann ich einige der 101 Usbeken finden.«

Der Artikel wurde uns von unserem niederländischen Kameraden Rien Dijkstra übermittelt. Übersetzung: Jochen Willerding

Reprint mit bleibendem Wert

geschrieben von Peter Rau

19. Juli 2017

Nachdruck von »Pasaremos« erinnert an die XI. Internationalen Brigade im Spanischen Krieg

Auf dem Höhepunkt des Krieges in Spanien standen auf republikanischer Seite rund eine Million Menschen unter Waffen. Im Mai 1938 zählte die Volksarmee 23 Armeekorps mit 66 Divisionen und 202 Brigaden, darunter auch die Internationalen, also jene Einheiten, in denen vor allem ausländische Kämpfer konzentriert waren.

»Pasaremos«, Organ der XI. Brigade. Reprint der Zeitschrift. Hrsg: Werner Abel unter Mitarbeit von Karla Popp und Hans-Jürgen Schwebke. Ein Projekt des Vereins »Kämpfer und Freunde der Spanischen Republik 1936–1939«, gefördert von der Rosa-Luxemburg-Stiftung. Karl-Dietz-Verlag Berlin 2017, 430 Seiten, 39,90 Euro

»Pasaremos«, Organ der XI. Brigade. Reprint der Zeitschrift. Hrsg: Werner Abel unter Mitarbeit von Karla Popp und Hans-Jürgen Schwebke. Ein Projekt des Vereins »Kämpfer und Freunde der Spanischen Republik 1936–1939«, gefördert von der Rosa-Luxemburg-Stiftung. Karl-Dietz-Verlag Berlin 2017, 430 Seiten, 39,90 Euro

Im Verlauf des Krieges gab vermutlich jede Division der neuen Volksarmee, jede ihrer Brigaden und Bataillone mehr oder weniger regelmäßig eigene Zeitungen bzw. Zeitschriften heraus. Dazu gehörten auch die fünf offiziellen Internationalen Brigaden, zu denen sich im Jahr 1937 mit der 86., der 129. bzw. 150. Brigade weitere, maßgeblich von ausländischen Freiwilligen gebildete Einheiten gesellen sollten. Das erste, vorläufige Organ der XI. Interbrigade nannte sich »Le peuple en armes« (»Das Volk in Waffen«) und erschien erstmals im November 1936. Dass dieser Titel, wie auch die anderer Einheiten, zunächst in französisch gehalten waren, hing mit dem anfangs dominierenden Einfluss französischer Experten zusammen, die ihre Muttersprache als Kommandosprache durchsetzen wollten. Erst später, zu Beginn des Jahres 1937 wurde spanisch für alle Einheiten der Volksarmee verbindlich. Hinzu kam, dass die »Voluntarios de la Libertad« zunehmend nach Sprachgruppen erfasst und auf die entsprechenden Einheiten aufgeteilt wurden. Zur deutschen Sprachgruppe, die in der XI. Brigade vorherrschend war, zählten neben Österreichern und Schweizern auch die Niederländer und die Skandinavier. Im März 1937 lag ihr Bestand bei 1.468, im April wurden sogar 1.744 Kämpfer registriert, von denen aber bereits etwa 600 Spanier waren.

Als offizielles Organ der XI. Internationalen Brigade erschien »Pasaremos« erstmals am 2. März 1937, also vor nunmehr acht Jahrzehnten. Bis zur Verabschiedung der ausländischen Freiwilligen auf republikanischer Seite im Herbst 1938 wurden insgesamt 41 Ausgaben publiziert, allerdings in unregelmäßigen Abständen. Ihr Umfang lag zwischen vier und 20, dabei mehrheitlich zwischen acht und zwölf Seiten. Wenn »Pasaremos« eine Startauflage von 14.000 Exemplaren zählte, so ist davon auszugehen, dass sie als Beispiel für andere Brigade-Zeitungen dienen sollte. Denn vier Monate später war diese Auflage nahezu halbiert, und ab Oktober 1937 wurden mehr oder weniger konstant jeweils 2.500 Zeitungen gedruckt.

Erschienen sie anfangs noch in jeder Ausgabe in drei Sprachen – deutsch, spanisch und französisch, wobei allerdings nur in einer einzigen Zeitung (Nr. 5 vom 19. März 1937) alle drei gleichzeitig, gleichrangig und gleichlautend auf der Titelseite präsent waren –, so wurde ab Sommer 1937 mehr und mehr auf französische Übersetzungen verzichtet. Inhaltlich informierte »Pasaremos« – ab Nr. 10 vom 17. April 1937 übrigens mit einem leicht geänderten Layout – natürlich über die Kämpfe an den verschiedenen Frontabschnitten, über Siege wie über Niederlagen der Brigade sowie über das Geschehen in ihren Bataillonen. Das reichte vom Besuch von Repräsentanten der Sozialistischen Internationale im April 1937 bis zur Visite der legendären »Pasionaria« in der XI., über den am 7. August 1937 berichtet wurde. Die Einweihung des Kinderheims »Ernst Thälmann« wurde gleichermaßen thematisiert wie ein Ernteeinsatz oder das Brigadesportfest. Darüber hinaus wurden Aspekte der Volksfrontpolitik ebenso erörtert wie die durch die vermeintliche »Nichteinmischung« komplizierter werdende internationale Lage Spaniens.

Dennoch scheint die Siegeszuversicht der Spanienkämpfer über das Jahr 1937 hinaus noch ungebrochen zu sein, wie in »Pasaremos« wiederholt zu lesen ist. So etwa in der Nr. 12 vom 1. Mai 1937, in der Richard Staimer, seit der Beförderung von Hans Kahle zum Divisionskommandeur ab April 1937 neuer Befehlshaber der Brigade, das vergebliche Anrennen des Feindes gegen die Front der Antifaschisten hervorhebt. »An der Guadalajara-Front bezogen Mussolinis Divisionen eine eindrucksvolle Niederlage; im Universitätsstädtchen, an der Aragon-Front, bei Teruel und Oviedo wie an der Südfront ist die republikanische Armee in erfolgreichem Angriff. Die faschistischen Kräfte sind dezimiert, die Moral ihrer Truppen sinkt von Tag zu Tag. Überläufer kommen in immer größerer Zahl.«

Das unregelmäßige Erscheinen der Zeitung mag dem Auf und Ab all der Kämpfe geschuldet sein, an denen die XI. Brigade seit den Tagen von Madrid beteiligt war. Dennoch bleibt weitgehend offen, wieso nach den sieben Ausgaben im März 1937 und den vier bis fünf in den jeweiligen Folgemonaten im gesamten Jahr 1938 nur noch insgesamt fünf Ausgaben veröffentlicht wurden. Das mag mit der Abkehr von der anfangs gegebenen Siegesgewissheit zu tun haben, die bereits im Titel der Zeitschrift manifestiert ist. »Pasaremos« ist nicht nur das Gegenstück zur anfänglichen Widerstandslosung »No Pasarán!«, sondern besagt auch: »Wir werden durchkommen« – »Wir werden es schaffen«.

 

Briefe aus der Haft

geschrieben von Erika Schwarz

19. Juli 2017

Ermordet 1934: Ludwig Marum, Reichstagsabgeordneter der SPD

Am 23. Mai 2017 hatten sich zahlreiche Besucher in der »Anna-Seghers-Gedenkstätte« in Berlin Adlershof eingefunden. Der Ort war gut gewählt. Die Herausgeberin des zu präsentierenden Bandes: »Ludwig Marum: Das letzte Jahr in Briefen«, Andrée Fischer-Marum, verbindet einiges mit der renommierten Schriftstellerin. So wie Anna Seghers, emigrierte die 1941 in Paris Geborene mit ihrer Familie von Marseille aus nach Mexiko. 1947 kehrten die Marums ebenso wie die Literatin in das Nachkriegsdeutschland zurück.

Ludwig Marum: Das letzte Jahr in Briefen. Für die Neuausgabe ausgewählt und bearbeitet von Andrée Fischer-Marum. Herausgegeben von den Stadtarchiven Karlsruhe und Mannheim. Loeper Literaturverlag 2016.

Ludwig Marum: Das letzte Jahr in Briefen. Für die Neuausgabe ausgewählt und bearbeitet von Andrée Fischer-Marum. Herausgegeben von den Stadtarchiven Karlsruhe und Mannheim. Loeper Literaturverlag 2016.

Die Enkelin Andrée las in den historischen Räumlichkeiten aus der Korrespondenz ihres Großvaters Ludwig mit seiner Frau Johanna. Ludwig Marum, geboren 1882, war Rechtsanwalt in Karlsruhe, Vater von drei Kindern und seit 1904 Mitglied der SPD. Am 2. April 1919 wählte ihn die badische Nationalversammlung zum Staatsrat. Seit 1928 Mitglied des Reichtages wurde er nach der Machtübertragung an die Faschisten wie Tausende Regimegegner verfolgt. Denn er war am 5. März 1933 wieder in das Parlament gewählt worden. Vom 10. März 1933 bis zum 16. Mai 1933 saß er als Häftling im Karlsruher Bezirksgefängnis, danach und bis zu seiner heimtückischen Ermordung am 29. März 1934 im badischen Konzentrationslager Kislau. Dem Sozialdemokraten Ludwig Marum wird noch heute in Karlsruhe ehrenvoll gedacht. Die SPD Karlsruhe vergibt jährlich den Ludwig-Marum-Preis an Menschen und Gruppen, die im Sinne Ludwig Marums eintreten und das Ludwig Marum Gymnasium in Berghausen fördert Jugendliche, die sich mit dem dunkelsten Kapitel deutscher Geschichte auseinandersetzen. Seine Biographie wurde in verschiedenen Veröffentlichungen dargestellt. 1984 edierte seine Tochter Elisabeth Marum-Lunau erstmals die in New York überlieferten Briefe des Vaters aus der Haft. Was veranlasste seine Enkeltochter Andrée, nach über 30 Jahren, eine Neuausgabe der Hinterlassenschaft ihrer Familie bekannt zu machen? Zu ihren Beweggründen schrieb sie im Nachwort der Publikation: »Nicht veröffentlicht waren die Briefe von Johanna. Aber das Ehepaar Marum korrespondierte so oft es möglich war. Es gingen Briefe und kleine Zettel zwischen ihnen hin und her. Als ich im Nachlass meiner Eltern mit den Kopien der Briefe des Großvaters auch die Briefe seiner Frau fand, war ich tief berührt von der großen Liebe, der großen Partnerschaft ihres gemeinsamen Lebens, die sich in ihnen äußert, zugleich auch von ihrer Kraft.« Der Briefwechsel des Ehepaares ist nicht vollständig erhalten. Die Nachrichten von Johanna an ihren Mann enden im Mai 1933. Der Herausgeberin Andrée Fischer–Marum ist es zu danken, durch die notwendigen Ergänzungen das Bild über den Großvater, eines standhaften Demokraten, eines verfolgten Deutschen jüdischer Herkunft vervollkommnet zu haben. Deutlicher wird dem Leser, dass die innige Beziehung zu seiner Frau, die er 1910 geheiratet hatte, und zu seinen Kindern ihm die Kraft gab, die Demütigungen und Qualen der Haft auszuhalten. So schrieb er am 2. Mai 1933 aus dem Gefängnis zu Johannas 53. Geburtstag: »Aber ich könnte mir ein Leben ohne Dich nicht vorstellen. Du weißt und duldest, dass ich neben Dir als Geliebte die Politik habe. Das danke ich Dir gerade heute, wo Du für diese Nebenbuhlerin so schwere Opfer bringen musst.« Im letzten überlieferten Schreiben Johannas an ihren Mann, das sie zwei Tage vor seiner Überführung in das Konzentrationslager verfasste, versicherte sie ihm: »Ich gebe mir Mühe, so tapfer zu sein, wie Du mich haben möchtest.« Sie setzte mutig eine Todesanzeige in die Badische Presse und gab den Termin der Einäscherung bekannt. Trotz der antisemitischen Hetze der Nazis fanden sich zur Trauerfeier am 3. April 1934 über 3 000 Menschen ein, um Abschied von Ludwig Marum zu nehmen. Die Diskriminierung und Verfolgung der jüdischen Menschen und die Ermordung ihres Ehemannes veranlassten Johanna gemeinsam mit ihrer Tochter Eva Brigitte, Deutschland zu verlassen und nach Paris zu fliehen, wo sich Sohn Hans seit April 1933 aufhielt. 1939 erst in französischen Lagern interniert, dann freigelassen, wanderte sie mit der ältesten Tochter Elisabeth, die seit 1936 in Frankreich lebte, in die USA aus. Eva Brigitte schloss sich der Mutter und Schwester wegen der bevorstehenden Geburt ihres Sohnes nicht an. Im Januar 1943 kam sie nach ihrer Verhaftung während einer Razzia in Marseille in das Vernichtungslager Sobibor, wo sie ermordet wurde. Auch Hans saß in einem Internierungslager, bevor er 1942 mit seiner Frau, dem Sohn Ludwig und seiner Tochter Andrée nach Mexiko emigrieren konnte. Johanna ging 1945 zu ihrem Sohn nach Mexiko und lebte bis zu ihrem Tode 1964 in seiner Familie in Berlin.

Die über 130 abgedruckten schriftlichen zeitgenössischen Zeugnisse beschreiben auf erschütternde und beeindruckende Weise die Brutalität des faschistischen Terrors in der Anfangsphase der Naziherrschaft und die unmittelbaren Auswirkungen auf die Betroffenen und ihre Familien, aber auch und vor allem die Standhaftigkeit von Menschen, die sich dem Regime nicht beugten. Der Anhang enthält über 30 Dokumente, die die politische Situation jener Zeit regional und reichsweit widerspiegeln.

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