Allons enfants de la Patrie

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geschrieben von Gerhard Hoffmann

Günter Pappenheim zum Kommandeur der Ehrenlegion ernannt

Im festlich ausgestatteten Erfurter Konferenzsaal stand auf einem Beistelltisch eine Ziehharmonika, ein älteres Modell der Marke »Senator«. Die Gebrauchsspuren an dem Instrument deuteten auf rege Benutzung – gegenüber saß ein Akkordeonist mit einem anspruchsvollen Akkordeon.
Die Aufmerksamkeit der Gäste aber galt Günter Pappenheim, dem ehemaligen Häftling des Konzentrationslagers Buchenwald mit der Nummer 22514 sowie dem Botschafter der Französischen Republik in Deutschland, Philippe Etienne. Zu der Zusammenkunft, an der auch Überlebende des KZ Buchenwald sowie der Präsident des Internationalen Komitees Buchenwald-Dora und Kommandos, Dominique Durand und weitere Persönlichkeiten teilnahmen, hatte der Präsident des Thüringer Landtages, Christian Carius, eingeladen. Nach seiner Begrüßungsrede erklang, gespielt auf dem Akkordeon, die »Marseillaise«, die französische Hymne. Günter Pappenheim hatte sie als Achtzehnjähriger am französischen Nationalfeiertag 1943 für französische kriegsgefangene Zwangsarbeiter auf seiner schlichten Ziehharmonika gespielt, eben der auf dem Beistelltisch ausgestellten. Von Kollegen denunziert, verhaftete ihn die Gestapo, misshandelte ihn im Gefängnis Suhl, in dem zehn Jahre zuvor sein Vater als Antifaschist grausam gefoltert worden war und wies ihn schließlich mit Schutzhaftbefehl in das KZ Buchenwald ein.
Jetzt ist Günter Pappenheim durch Erlass des Präsidenten der Französischen Republik zum Kommandeur der Ehrenlegion, der ranghöchsten staatlichen Auszeichnung Frankreichs, ernannt worden. Der Botschafter überreichte am denkwürdigen 27. Januar die Insignien, den Orden am Halsband, die Ernennungsurkunde.
In einer emotionalen Rede zeichnete er den Weg des Geehrten zum Antifaschisten und Internationalisten nach.
Im sozialdemokratischen Elternhaus, der Vater war Landtagsabgeordneter und geachteter Kommunalpolitiker, herrschte ein antimilitaristischer und antifaschistischer Geist. Den Vater verhafteten die Nazis 1933, folterten ihn grausam und ermordeten ihn im Januar 1934 bestialisch im KZ Neusustrum. Mittellos sah sich die Mutter mit vier Kindern den Drangsalierungen der Nazis ausgesetzt. Dennoch nahm sie Einfluss darauf, dass sich die Kinder dem Nazieinfluss widersetzten. Rassistischen Anfeindungen ausgeliefert, gehörte die Familie nicht zur so genannten Volksgemeinschaft. Als Schlosser in einer Werkzeugfabrik in Schmalkalden fand Günter Kontakt zu kriegsgefangenen französischen Zwangsarbeitern, die er aus Kameradschaft mit Informationen zur politischen Lage und zum Kriegsverlauf versorgen konnte. Ihnen war die »Marseillaise« zugedacht. Dafür kam er nach Buchenwald ins Kleine Lager. Mitstreiter seines Vaters erkannten ihn. Der Vater sei ermordet worden, er müsse überleben, war das Motiv für die Solidarität, die er in der Folgezeit erfuhr und die nur möglich wurde durch den organisierten politischen Widerstand im Lager.
Günter sprach am 19. April 1945 mit seinen 21.000 Kameraden, die den Lagerterror überlebt hatten, den Schwur von Buchenwald »… Die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln ist unsere Losung. Eine neue Welt des Friedens und der Freiheit ist unser Ziel …«
Dieser Schwur, führte Günter in seiner Dankrede aus, sei für sein weiteres Leben stets Kompass gewesen und habe sein antifaschistisches, auf Völkerverständigung und Frieden gerichtetes politisches Wirken bestimmt. Als Vorsitzender der Lagerarbeitsgemeinschaft Buchenwald-Dora, als Erster Vizepräsident des Internationalen Komitees Buchenwald-Dora und Kommandos, bei seinen Begegnungen mit jungen Menschen habe er ohne jeden Zweifel im Sinne des Schwurs gehandelt.
In einem Exkurs wies er die infame Beleidigung der 56 000 Toten und der Überlebenden des KZ Buchenwald und aller Opfer des deutschen faschistischen Terrors durch den hessischen Verfassungsschutz zurück, der in einem Konstrukt die Aussage des Schwurs von Buchenwald als die Prinzipien der freiheitlich-demokratischen Grundordnung in Frage stellend bezeichnet hatte.
Abschließend sagte Günter Pappenheim: »Da ich nun diese hohe französische Ehrung erfuhr, möchte ich versichern: Ich bin durch Erleben Internationalist geworden und Internationalismus lässt sich von Antifaschismus nicht trennen, das beweist die Geschichte eindringlich. Dessen eingedenk ist es wichtig, in breiten Bündnissen gegen Terror, Rechtsextremismus, Fremdenfeindlichkeit, Rassismus das Trennende zu überwinden, gesunde Kompromissbereitschaft zu entwickeln, denn Kompromisse besiegen Feindschaft. Antifaschismus ist nichts Antiquiertes, Überlebtes, er muss ohne Einschränkung und Zeitgeist- Erwägungen an jüngere Generationen vermittelt werden – so, wie er gelebt, erlebt wurde. In dieser Überzeugung lebe ich und in dieser Überzeugung möchte ich Sie alle grüßen mit Versen von Johannes R. Becher:
>Friede, Friede sei auf Erden!
Menschen, lasst uns Menschen werden!<«

 

Der Minister der Thüringer Landesregierung und Chef der Staatskanzlei, Benjamin Immanuel Hoff, würdigte mit einer sehr persönlichen Ansprache den Antifaschisten Günter Pappenheim. Die Mitglieder der Lagerarbeitsgemeinschaft Buchenwald-Dora danken besonders jenen französischen Kameradinnen und Kameraden, die sich engagiert für diese hohe Auszeichnung eingesetzt hatten. In Deutschland war der Antrag zur Verleihung des Bundesverdienstkreuzes an Günter Pappenheim »vertraulich« ohne Begründung zurückgewiesen worden, weil, wie es hieß, die geforderten Voraussetzungen nicht erfüllt seien.

Gegen den Zeitgeist

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geschrieben von Ulrich Schneider

Vor 50 Jahren wurde der Studienkreis Deutscher Widerstand gegründet

Im Februar 1967 gründeten ehemalige Widerstandskämpfer, Historiker und Politikwissenschaftler, Lehrer und andere an antifaschistischer Aufklärungsarbeit Interessierte in Frankfurt/ Main den »Studienkreis Deutscher Widerstand 1933 – 1945«. Ziel war es, einen eigenen Beitrag zu einem wahrheitsgemäßen Geschichtsbild über Faschismus und antifaschistischen Widerstand zu vermitteln.
50 JahreEinige Jahre zuvor hatte die FIR eine internationale Geschichtskonferenz organisiert, auf der über die Frage diskutiert wurde, wie die Erfahrungen des Widerstands an die Nachgeborenen weitergegeben werden könnten. Die VVN hatte damals eine erschreckende Bestandsaufnahme beigesteuert, wie das Thema NS-Zeit in bundesdeutschen Schulbüchern behandelt wird. Ausgehend von diesen Vorarbeiten luden Max Oppenheimer, Prof. Wolfgang Abendroth und Edgar Weick zu einer Schulbuchkonferenz ein. Etwa 80 Historiker, Pädagogen, Widerstandskämpfer und selbst Vertreter von Schulbuchverlagen nahmen an dieser Konferenz teil.
Als ein praktisches Ergebnis entstand der »Studienkreis Deutscher Widerstand«, Prof. Hans-Joachim Heydorn wurde der erste Vorsitzende, Edgar Weick der Sekretär. Max Oppenheimer erklärte dazu: »Unser Anliegen war es damals, den Widerstand der Arbeiterbewegung, der quantitativ der stärkste und der erste gewesen war, und der in der Bundesrepublik in der Periode des Kalten Krieges unterdrückt wurde, zu erforschen und ihn im Kontext des Gesamtwiderstandes darzustellen und zu vermitteln.«
Obwohl damals noch viele Frauen und Männer Zeugnis aus eigenem Erleben ablegen konnten, war es notwendig, gegen die gesellschaftliche Verdrängung anzugehen.
In den folgenden Jahren wurde der Studienkreis um einen wichtigen Bereich, nämlich das Dokumentationsarchiv, erweitert. Nun hatten die Überlebenden auch einen Ort, dem sie ihre Nachlässe und die Dokumente aus dem antifaschistischen Kampf anvertrauen konnten – wissend, dass sie dort bewahrt und für Geschichtsarbeit genutzt werden würden. Der Studienkreis verfügt heute über Nachlässe und Sammlungen zu den Internationalen Brigaden, zum Widerstand im KZ Buchenwald, zu Frauen im Widerstand und anderen Spezialthemen, die selbst in großen Archiven nicht zu finden sind. Bei der Arbeit mit diesen Unterlagen war der Studienkreis in den vergangenen Jahrzehnten überaus erfolgreich, obwohl sich die finanzielle Ausstattung der Einrichtung nie mit staatlichen Archiven vergleichen ließ.

Neben der Sicherung von Archivbeständen und der Pflege der ständig wachsenden Bibliothek, die über einen Fundus von zeitgenössischen Werken und »grauer Literatur« verfügt, entwickelte der Studienkreis auch eigene Projekte, wie mehrere erfolgreiche Ausstellungen, u.a. eine mit Kinderzeichnungen aus Theresienstadt.
Ein arbeitsintensives Projekt, das nur mit Hilfe zahlreicher freiwilliger Helfer in den verschiedenen Bundesländern realisiert werden konnte, waren die »Heimatgeschichtlichen Wegweiser zu den Stätten der Verfolgung und des Widerstandes«. Leider konnten aufgrund fehlender Mittel und Kräfte diese Wegweiser nicht für alle Bundesländer fertig gestellt werden. Die vorhandenen sind aber als regionale Nachschlagewerke bis heute unübertroffen.
Neben weiteren eindrucksvollen Ausstellungen über den Jugendwiderstand und Frauen im Widerstand, ein Thema, das viele Jahrzehnte Hanna Elling engagiert bearbeitet hatte, wurde als letztes großes Projekt ein Internetportal über »Europäische Gedenkorte« entwickelt, eine elektronische Landkarte von Italien und Südfrankreich, auf der Bilder, historische Informationen und weitere Details des antifaschistischen Kampfes und der Erinnerung verzeichnet sind.
Die Arbeit des Studienkreises wird bis heute von einem kleinen hauptamtlichen Team und vielen Ehrenamtlichen getragen. Ob Konferenzen, Ausstellungen oder die halbjährlich erscheinenden »Informationen« – alle diese Arbeiten werden hoch geschätzt. Im November 2016 erhielt der Studienkreis für seine jahrzehntelange engagierte antifaschistische Aufklärungsarbeit die höchste Ehrung der Internationalen Föderation der Widerstandskämpfer (FIR), den Michel-Vanderborght-Preis«. Eine durchaus angemessene Würdigung 50jähriger verdienstvoller Arbeit.

Leitantrag des Bundesausschusses zum Bundeskongress 2017

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1947, zwei Jahre nach der Befreiung von Faschismus und Krieg, gründeten die Überlebenden der Verfolgung und des Widerstands die VVN, die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes als gesamtdeutsche Organisation.
Aus dem von ihnen Erlebten zogen sie die Konsequenz, die die befreiten Häftlinge im Schwur von Buchenwald formuliert hatten:

»Wir stellen den Kampf erst ein, wenn auch der letzte Schuldige vor den Richtern der Völker steht!
Die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln ist unsere Losung.
Der Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit ist unser Ziel.«

Über Parteien und Weltanschauungen hinweg organisierten sie sich in der VVN, seit 1971 als VVN-BdA, um mitzuwirken an der vollständigen Befreiung von Faschismus und Militarismus, an der Beseitigung ihrer Ursachen. Sie wollten mitwirken beim Aufbau einer neuen, solidarischen, gerechten, demokratischen Gesellschaft ohne Krieg.

Bis heute ist eine Politik gefordert, die die Konsequenzen aus der historischen Erfahrung des Faschismus zieht und eine Wiederholung solcher Verbrechen unmöglich macht. Auch in Zukunft wird eine starke VVN-BdA notwendig sein!
Gegen Faschismus und Rassismus
Mit der AfD ist zusätzlich zum bereits bestehen braunen Netzwerk offen neofaschistischer Parteien und Organisation eine antisoziale, antidemokratische, antifeministische und rassistische Partei in der Mitte der Gesellschaft herangewachsen, der es nicht nur gelungen ist in die Landesparlamente einzuziehen, sondern Gesellschaft und Politik der BRD nach rechts zu drängen.

  • Dieser Partei, ihren Parolen und ihrer Politik stellen wir uns entschieden entgegen.
  • So wie wir in örtlichen und regionalen Bündnissen gegen Faschismus und Rassismus mitarbeiten beteiligen wir uns auch an der Kampagne Aufstehen gegen Rassismus.
  • Trotz des Urteils des Verfassungsgerichts bleiben wir bei unserer Forderung, die NPD, die in Wesensverwandtschaft mit der faschistischen Bewegung steht, zu verbieten. Denn Faschismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen!

Deutsche Großmachtträume platzen lassen.
Die Bundeswehr führt Krieg in Afghanistan, in Syrien, in Mali, am Horn von Afrika und im Mittelmeer. Deutsche Politiker werden nicht müde, immer »mehr deutsche Verantwortung« anzumahnen, womit immer neue Kriegseinsätze gemeint sind. Gleichzeitig bereitet sich die Bundeswehr auf künftige Einsätze im Inneren vor.
Für die kommenden Jahre ist ein milliardenschweres Aufrüstungsprogramm und damit nahezu die Verdoppelung des Rüstungshaushaltes fest eingeplant.
Auch die EU soll weiter militarisiert werden: neben den bereits aufgestellten »battlegroups« sind die Einrichtung eines europäischen Generalstabes und ein Europäischer Aufrüstungshaushalt vorgesehen.
Im Rahmen der NATO führt die Bundeswehr die sog. Speerspitze einer Schnellen Eingreiftruppe an und stationiert Panzereinheiten im Baltikum und in Polen.
Die Konfrontation mit der Atommacht Russland – nicht nur in der Ukraine – wird offen zugespitzt.

  • Wir wollen diese gefährliche Politik der Kriegsvorbereitung stoppen.
  • Wir wollen dazu beitragen, die Friedensbewegung zu stärken um die weitere Militarisierung der deutschen, der europäischen und der internationalen Politik aufzuhalten.

Demokratische und soziale Rechte verteidigen und ausbauen.
Gleiche Rechte für alle.
Vielen Menschen werden weiterhin gleiche demokratische Rechte vorenthalten.
Am stärksten betroffen sind Geflüchtete, Asylsuchende und Zugewanderte.

  • Wir fordern die volle Wiederherstellung des Grundrechts auf Asyl, Wir setzen uns für den Stopp der Abschiebungen, die Öffnung legaler Reisewege für Flüchtlinge, Zugang zum Arbeitsmarkt ein.

Schluss mit dem Überwachungsstaat
Die Datensammelwut von Behörden, unkontrollierbaren Organisationen wie Internetanbietern oder der Schufa und anderer stellt eine gravierende Bedrohung von Demokratie und Freiheitsrechten dar.

  • Wir fordern Schluss mit Vorratsdatenspeicherung und Überwachung.

Auflösung der Geheimdienste
Beim Versuch der Aufklärung der Verbrechen der rechtsterroristischen NSU wird immer deutlicher, dass die Geheimdienste, insbesondere der Verfassungsschutz, auf vielfältige Weise in dessen Strukturen und Taten verstrickt sind. Zugleich wird Antifaschismus als verfassungsfeindlich denunziert.

  • Geheimdienste sind mit einer Demokratie, die vom Austausch und Streit der Meinungen und der Transparenz der Entscheidungen lebt unvereinbar. Sie müssen aufgelöst werden.

Erinnerung Wachhalten
Der beste Schutz gegen faschistische Parolen und Entwicklungen bleibt die gesellschaftliche Erinnerung an die Verbrechen der Nazis und die Wurzeln faschistischer Herrschaft.
Aus dieser Erkenntnis heraus wenden wir uns entschieden gegen alle Versuche, diese Verbrechen und dadurch den verbrecherischen Charakter faschistischer Ideologie zu verharmlosen oder zu relativieren.

  • Wir weisen die sogenannte Totalitarismus-These entschieden zurück, da sie auf unhistorischen Analogien beruht
  • Wir kritisieren alle Geschichtsinterpretationen, die eine Gleichsetzung von Faschismus und Kommunismus/ Sozialismus als Voraussetzung, Inhalt und Ziel haben.
  • Wir lehnen daher den europäischen Gedenktag für die Opfer des »Totalitarismus« ab, mit dem Kommunismus und Nationalsozialismus gleichgesetzt werden sollen.
  • Wir lehnen solche Gedenkstättenkonzeptionen ab, bei denen von »zwei deutschen Diktaturen im 20. Jahrhundert« ausgegangen wird.
  • Wir werden uns auch in Zukunft mit den Verbrechen der Wirtschaft als Förderer und Nutznießer des deutschen Faschismus befassen.
  • Wir fordern, dass der Tag der Befreiung, der 8. Mai, zum gesetzlichen Feiertag erklärt wird.

Da wir nun mit unserer Gründergeneration die authentischen Zeugen aus Widerstand und Verfolgung verloren haben, suchen wir nach neuen Wegen der Vermittlung der Geschichte und der Ursachen des Faschismus und der Leistungen des Widerstandes.

  • Wir bemühen uns dabei um die enge Zusammenarbeit mit allen Institutionen und Initiativen die sich die Pflege von Gedenkstätten, das Andenken an Opfer und die historische Aufarbeitung des Faschismus zum Ziel gesetzt haben. In lokalgeschichtlichen Initiativen und Netzwerken ergeben sich für uns dabei ein großes Betätigungsfeld und die Aussicht auf die Gewinnung neuer Menschen.

Antifaschismus ist international
In immer mehr Ländern Europas und in der Welt, zuletzt durch den Wahlsieg von Donald Trump in den USA, übernehmen extrem rechte Kräfte die Regierungsmacht.

  • Dem stellen wir uns im Bündnis mit internationalen Partnerverbänden und insbesondere im Rahmen der FIR gemeinsam entgegen.
  • Gemeinsam setzten wir uns für die Rechte der Flüchtlinge über Grenzen hinweg ein.

Antifaschistische Gegenstrategien

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geschrieben von Cornelia Kerth

Anfang April tagt der 6. Bundeskongress der VVN-BdA in Frankfurt/Main

Deutsche Großmachtträume platzen lassen. Rechts-entwicklung stoppen. Menschenrechte verteidigen. Unter diesem Motto steht der Bundeskongress der VVN-BdA, der am 1. und 2. April 2017 im Frankfurter Haus Gallus stattfinden wird.
Seit unserem letzten Bundeskongress 2014 hat sich die politische Situation, in der wir uns positionieren müssen, erheblich verändert. Damals haben wir beim Kongress erstmals die neueste Version unserer Ausstellung »Neofaschismus in Deutschland« vorgestellt, in der die AfD nur als Randnotiz vorkam. Es gab noch keine Pegida-Aufmärsche und brennende Unterkünfte von Geflüchteten schienen der Vergangenheit anzugehören.
Das alles hat sich inzwischen geändert. Anders als häufig dargestellt allerdings nicht erst nachdem die Bundeskanzlerin die Öffnung der Grenzen für Hunderttausende verzweifelte Menschen anwies, die auf der Flucht vor Kriegen, Verfolgung und Elend versuchten über die »Balkanroute« den reichen (Nord-)Westen Europas zu erreichen und dort auf Ablehnung, Verweigerung von Schutz und Hilfe und teilweise offene Pogromstimmung gestoßen waren. Schon ein knappes Jahr vorher hatten Ende 2014 die ersten Pegida-Märsche in Dresden stattgefunden und die Zahl derer, die dort und anderswo gegen »Merkel« und die »Lügenpresse« demonstrierten und beide offensichtlich mit der halluzinierten »Islamisierung des Abendlandes« in Verbindung brachten, war auf 20- bis 30.000 an jedem Montag gestiegen.
Auch der Sieg des völkisch-nationalen Teils der AfD über die »Euro-Kritiker« hatte schon im Sommer 2015 den Weg für Gauland, Höcke und Co. geebnet. Insofern stellt die weit verbreitete Interpretation der rasanten Entwickung einer extrem rechten Partei als parlamentarischer Arm einer ebensolchen Bewegung als Folge einer »Flüchtlingskrise« eher eine Verharmlosung des Phänomens dar als eine Erklärung, auf deren Grundlage wirksame Gegenstrategien entwickelt werden können.
Unbestreitbar bilden die Erosion des Sozialstaats zugunsten verallgemeinerter Konkurrenz in der »Ellbogen-Gesellschaft« in allen westlich-kapitalistischen Staaten eine wesentliche Voraussetzung für die Abkehr vieler Menschen von einem parlamentarischen System, das sein Versprechen – einen gewissen Ausgleich der widerstreitenden sozialen Interessen zu organisieren – nicht mehr einlöst. Kurz: die seit der Sinus-Studie in den 1980er Jahren bekannte »latente« Zustimmung zu extrem rechten Positionen liegt nun offen zutage und die darauf basierende Bewegung und ihre Partei sind zu einer wesentlichen Bedrohung für alles geworden, was wir als die antifaschistischen Grundlagen dieses Staates ansehen und für alle, die in deren völkischer Weltsicht keinen Platz haben.
Dieser Entwicklung haben wir zwei unserer drei Diskussionsschwerpunkte gewidmet: »Die Mitte radikalisiert sich« und »Die äußerste Rechte formiert sich neu.«
Die erste Losung für unseren Kongress heißt indes »Deutsche Großmachtträume zum Platzen bringen« und weist darauf hin, dass die Rechtsentwicklung in unserer Gesellschaft durchaus auch von den aktuell Regierenden vorangetrieben wird. Schon 2014 haben wir die eindeutige und massive Parteinahme der Bundesregierung für die auch von Faschisten befeuerte und gesteuerte Maidan-Revolte in Kiew kritisiert und in die Bestrebungen zur Ausweitung der deutschen Vormachtstellung in Europa eingeordnet. Inzwischen ist die Bundeskanzlerin zur »Patin« des türkischen Diktators Erdogan geworden, der mit den Milliarden, die er aus Europa für Türsteher-Dienste gegen Flüchtende kassiert, seine Anhängerschaft alimentiert und Gegner mit Willkür und Terror verfolgt. Diesem Modell folgend verhandelt Deutschland mit weiteren Diktatoren, wie sie aufgerüstet werden können, um diejenigen, die vor ihnen fliehen wollen, daran zu hindern sich auf den Weg in Richtung Europa zu machen.
Unterdessen hat die Gauck‘sche Ansage von der größeren militärischen »Verantwortung« Deutschlands, die seiner gewachsenen politischen Bedeutung folgen müsse, materielle Gestalt angenommen. Bis 2030 soll sich der Rüstungsanteil im Bundeshaushalt verdoppeln, die Bundeswehr soll personell deutlich verstärkt und mit neuen Waffensystemen ausgerüstet werden, um an immer mehr Kriegsschauplätzen »deutsche Interessen« zu vertreten.
»Deutschland rüstet auf« heißt dementsprechend unser erstes Thema am Samstagnachmittag. Alle drei Themen des Samstagnachmittags sollen an ca. zehn Tischen unter den Aspekten »Fragen – Widersprüche – Schlussfolgerungen« diskutiert werden; die Schlussfolgerungen sollen als Anforderungen an unsere Arbeit in den nächsten drei Jahren formuliert und dokumentiert werden, so dass die Antragskommission sie über Nacht in unseren Leitantrag einarbeiten kann.
Wir freuen uns, dass wir ausgewiesene Experten gewinnen konnten, die uns zunächst mit jeweils einem Input in die Themen einführen und anschließend in den Diskussionen zur Verfügung stehen.
Alle Mitglieder sind herzlich eingeladen, sich an den Diskussionen zu beteiligen.

Ein bitteres Ende

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geschrieben von Hans-Jürgen Schwebke

Zum Beitrag »Die internationalen Kämpfer« von Dirk Krüger

Gefallene, verwundete oder vermisste Interbrigadisten sind Opfer des Faschismus. Mitglieder und Freunde der Spanischen Republik 1936-1939 e.V. (KFSR) haben es sich zur Aufgabe gemacht, ihrer würdig zu gedenken, indem sie ihre Namen und ihr Vermächtnis in der Öffentlichkeit wachhalten und ihre Ehre verteidigen. Dirk Krüger stellt im Zusammenhang mit der Verlegung der XIII. Internationalen Brigade (IB), zu der das Tschapaiew-Bataillon gehörte, an die Zentralfront fest: »Dort erlebte sie nach einiger Zeit in der Reservestellung am 4. August 1937 ihre Auflösung.« Abgesehen davon, dass der Autor eine völlig den Tatsachen widersprechende Interpretation der Geschichte des Tschapaiew-Buches bringt, ist der Begriff »Reservestellung« eine groteske Bezeichnung für eine Situation, in der diese Brigade unvorbereitet und ohne Reserven in einen mörderischen Kampf geschickt wurde. Nachstehende Zeitzeugen berichten in unterschiedlichen Quellen, so z.B. in einigen in der DDR erschienenen Büchern, von dem aufreibenden, kräftezehrenden Kampf der Interbrigadisten mit großen Verlusten:
Wilhelm Zaisser, als General José Gómez, Kommandeur der XIII. IB, protestierte erfolglos bei General Miaja, dem Befehlshaber der Zentrumsfront, dagegen, seine durch den monatelangen ununterbrochenen Einsatz an der Südfront erschöpften Kämpfer ohne Erholungspause wieder in den Kampf zu schicken. Der Brigadearzt Dr. Jensen hielt es für unverantwortlich, die Männer sofort wieder an die Front zu kommandieren. Wilhelm Zaisser wurde als Kommandeur der Brigade abgelöst. Schon am 4. Juli 1937 musste die XIII. Brigade ohne Reserven den Ort Villanueva de la Cañada angreifen. Der Ort konnte erobert werden, wurde dann aber von der faschistischen Luftwaffe zerstört. Danach wurde der Brigade der Sturm auf das stark befestigte Romanillos befohlen. Sie war schon arg dezimiert, der neue Kriegskommissar Blagoje Parovič-Schmid gefallen. Aus Mangel an Kräften musste sogar die Pionier-Kompanie als Infanterie an die Front kommandiert werden. Dabei fiel auch der deutsche Kommunist Fritz Giga, von den Nazis fast zum Krüppel gefoltert und nur durch einen Geniestreich seiner Genossen aus der Haft entflohen. In Spanien kam er in einem verantwortungslos zu nennenden angeordneten Gefecht ums Leben. Otto Brunner, der Kommandeur des Tschapaiew-Bataillons, war schwer verwundet und auch Alfred Kantorowicz durch die Detonation einer Bombe verschüttet und ebenfalls verwundet worden.
In den Erinnerungen Rudolf Engels »Freunde und Feinde« (Militärverlag der DDR, 1984, S.220), heißt es: »Nach meiner Übersicht und den Auskünften, die ich von den Stäben der Bataillone bekam, hatte die XIII. Brigade nur noch die Sollstärke eines Bataillons. Nach fünf Tagen Offensive waren fast 75 Prozent der Kameraden tot, verwundet oder in der Sonnenglut zusammengebrochen – eine traurige Bilanz. In diesen fünf Tagen hatte der Gegner auch die absolute Luftherrschaft und eine erdrückende Überlegenheit an Artillerie und Panzern gewonnen und, wie wir in Romanillos beobachten konnten, ununterbrochen neue Truppen herangefahren.« Verwundet hört Engel im Hospital in Murcia: »Die XIII. Brigade hätte fast alle Offiziere verloren, verwundet oder tot. Der Mannschaftsbestand sei so klein geworden, dass sie nicht mehr aufgefüllt werden sollte. Die überlebenden Kameraden ordnete man den jeweiligen nationalen Einheiten der anderen Brigaden zu.«
Und Luigi Longo, Generalinspekteur-Generalkommissar der IB, in seinem 1958 in der DDR unter dem Titel »Die Internationalen Brigaden in Spanien« erschienenen Buch: »In dieser Schlacht hat die XIII. Brigade die schwersten Verluste an Mannschaften und Kadern.« (S. 274)
In einer internen und vertraulichen Kritik am spanischen Generalstab wegen dessen Umgang mit den IB schrieb der Kommandeur der Base Albacete Vidal (d.i. der Franzose Vitali Gayman) am 28. Juli 1937 über das Schicksal der XIII. Brigade nach Moskau: »Es ist nicht so, dass diese Brigade besiegt wurde, sie wurde ermordet.« Vidal trat danach als Kommandeur der Base zurück. (Bundesarchiv, SAPMO,SgY11/V/237/4/24, Bl. 18).
Die Angehörigen der XIII. Brigade haben trotz der widersinnigen Befehle, trotz der unfähigen Führung, trotz der Erschöpfung und des Ausbleibens von Nachschub und des Ersatzes durch neue Einheiten, trotz der immer mehr werdenden Toten und Verletzten heldenhaft weitergekämpft, bis zum bitteren Ende. Als die XIII. Brigade nach ihrer Auflösung dann im Oktober 1937 neu aufgestellt wurde, gab es kein Tschapaiew-Bataillon mehr. Und auch kaum noch Deutsche in der Brigade, diese wurde nun vornehmlich aus polnischen Kameraden zusammengestellt, die man aus anderen Einheiten abgezogen hatte.
Das von Alfred Kanotorowicz redigierte Tschapaiew«-Buch, das wird vom Autor leider nicht erwähnt, erlebte 1956 in der DDR einen fast unveränderten Nachdruck.

Hans-Jürgen Schwebke, Kämpfer und Freunde der Spanischen Republik 1936 – 1939 e.V.

Artikel von Dirk Krüger in der antifa Januar/Februar

Aus Fremden müssen Nachbarn werden

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geschrieben von Hans Coppi und Kamil Majchrzak

Zum Tod des Widerstandskämpfers und Soziologen Zygmunt Bauman

Anlässlich des 70. Jahrestages der Befreiung vom Faschismus besuchte am 6. Mai 2015 der polnische Soziologe und Widerstandskämpfer Zygmunt Bauman zusammen mit der Soziologin Aleksandra Jasińska-Kania die Berliner VVN-BdA. Gemeinsam mit einer Gruppe junger polnischer und deutscher Antifaschistinnen und Antifaschisten tauschten wir uns über die Notwendigkeit der Bewahrung der Erinnerung an die Shoah und die Bewahrung der Werte des antifaschistischen Widerstandes aus. Zygmunt Bauman war weltweit einer der anerkanntesten Soziologen.
1939 bei Kriegsausbruch floh der 14-Jährige aus Poznań in die UdSSR. 1944 trat er der in der Sowjetunion formierten 1. Polnischen Armee unter General Zygmunt Berling bei, die aus Sibirien-Deportierten und Flüchtlingen bestand. Er kämpfte u. a. am Pommernwall, wo er mit der Tapferkeitsmedaille ausgezeichnet wurde. Trotz Verwundung bei Kolberg meldete er sich zum 1. Mai freiwillig zum Sturm auf Berlin. Nach dem Krieg wurde seine 4. Jan-Kiliński-Division in den Korps der Inneren Sicherheit (KBW) überführt, wo er als Major diente. Während der antisemitischen Säuberungen im Zuge des sogenannten Slánský-Prozesses wurde er aus dem Sicherheitsapparat entlassen und begann ein Soziologie-Studium.

Foto: Andreas Domma

Foto: Andreas Domma

Baumans soziologische Auseinandersetzung mit dem Holocaust begann relativ spät. Große Bedeutung hatten die Erlebnisse seiner damaligen Ehefrau Janina Bauman, die das Ghetto überlebte. Während ihr Vater als Reserve-Offizier in Katyń ermordet wurde, scheiterten aufgrund ihrer jüdischen Herkunft ihre Bemühungen, während des Warschauer Aufstandes in die Armia Krajowa (Heimatarmee) aufgenommen zu werden. Als Janina 1986 in London ihre Aufzeichnungen »Winter in the Morning« [»Als Mädchen im Warschauer Ghetto«] veröffentlichte, strich sie aus dem Buch mehrere Passagen, die den Antisemitismus in Polen betrafen, u. a. die Schilderung ihrer Rückkehr nach Warschau nach mehreren Jahren im Versteck. Auf der Überfahrt wurde sie mit den Worten begrüßt: »Unglaublich! Sie sind noch immer da. Diesen deutschen Pfuschern gelang es doch nicht, alle zu vergasen!«
Diese Erinnerungen und das Bewusstsein, dass in Polen nach der Befreiung mehr als 2000 überlebende Jüdinnen und Juden ermordet wurden, finden sich auch in Baumans Studie »Dialektik der Ordnung« wieder: »Was zum Vorschein kam, geht nicht nur die Urheber, die Opfer und die Zeugen des Verbrechens etwas an, sondern ist von größter Bedeutung für alle, die heute leben und auch in Zukunft leben wollen.« Bauman unterstrich, dass der Völkermord keine Unterbrechung im Lebenslauf der Rechtsstaatlichkeit darstellte, sondern der planmäßige Mord an den europäischen Juden im Namen des Rechts und der Ordnung geschah.
Er kritisierte den in der osteuropäischen Geschichtspolitik populären Begriff der »Wahrheit«: »Das ist gefährlich, denn selektive Erinnerungen werden als Wahrheit und einzige Wahrheit ausgegeben.« Ironisch fügte er hinzu: »Eure Arbeit als soldiers of history ist deshalb wichtig. Ihr versucht, Widerstand und Verfolgung gegen das Nazi-Regime vor dem Vergessen zu bewahren. Denn Geschichte ist heute keine Kultur des Lernens mehr, sondern eine des Vergessens.«
Bauman hob hervor, dass er erst spät entdeckte, »[D]ass die Ursprünge des Faschismus in unserer universellen Art zu denken liegen: dem Projekt der Moderne. Eines der gefährlichsten Elemente der Nazi-Ideologie ist die Idee vom ›unwerten Leben‹. Dieses wurde nicht nur auf Nationen bezogen, nicht nur Juden oder Homosexuelle. Es wurde auch gegenüber ›reinen‹ Deutschen angewendet, die auf die eine oder andere Weise als defekt erklärt wurden.«
Und er mahnte: »Vergesst nicht, dass ihr mit einem Feind kämpft, der weitaus stärker ist als Faschisten-Gruppen. Es sind nicht nur die Neonazis! Ihre wesentliche Stütze ist weit breiter als sie selbst. Sie nähren sich von unserer Kultur, und unsere Kultur ist in vielerlei Hinsicht sehr unangenehm falsch. Wenn ihr wirklich dieses immer wiederkehrende Phänomen mit seinen Wurzeln vernichten wollt und die Auferstehung der extremen Rechten mit dessen Konzept des ›unwerten Lebens‹ verhindern wollt, dann müsst ihr auch etwas gegen die Art, wie wir leben, unternehmen. Ihr dürft es nicht als isoliertes Phänomen betrachten, es hat weitreichendere Verästelungen.”
Zu der »Flüchtlingskrise« befragt, äußerte sich Zygmunt Bauman in einem bemerkenswerten Interview im »Spiegel«: »Angst, Hass, Ressentiment und Ausgrenzung setzen eine sich selbst erfüllende Prophezeiung in Gang. Inklusion und Integration sind die stärksten Waffen des Westens. Es gibt keinen anderen Ausweg aus der Krise, in der die Menschheit sich befindet, als Solidarität. Die Entfremdung, die Barriere zwischen uns und den Fremden, den Etablierten und den Außenseitern, muss überwunden werden. Der erste Schritt dazu ist die Aufnahme eines Dialogs. Aus Fremden müssen Nachbarn werden.«

Großmachträume platzen lassen!

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Beteiligt Euch an den Ostermärschen 2017!

…Die neue US-Regierung setzt den Drohnenkrieg von deutschem Boden aus fort, sie startet neue Militäroperationen z.B. im Jemen. Die US-Regierungswebsite verkündet: Mit höheren Rüstungsausgaben, dem Aufbau eines Antiraketensystems, der Cyberkriegsführung soll der höchste Level militärischer Bereitschaft erreicht werden, denn die »militärische Dominanz muss unbestritten sein«.
Immer deutlicher wird erkennbar: Mit der Losung, dass nun die EU kampfbereit sein soll, wird ein europäischer Nationalismus unter deutscher Oberhoheit gepriesen. Trumps Politik wird zum Vorwand für weitere Hochrüstung und Kriegsvorbereitung.
Die Bundesrepublik Deutschland ist eine der politisch und ökonomisch stärksten Nationen und bestimmt daher maßgeblich die Verhältnisse in der Welt mit.
Deutschland wird als Anführer Europas gepriesen, es ist mächtig geworden durch eine Exportoffensive, die getragen ist durch eine Umverteilungspolitik im Inneren. Die unteren Schichten sollen nun noch mehr opfern zugunsten der Rüstung.
Die Trump-Politik darf nicht durch eine Stärkung der Nato und durch Kriegsvorbereitung beantwortet werden. Wer nicht sieht, dass die Nato in der Hand eines Trump und einer nach mehr militärischer Verantwortung rufenden deutschen Regierung endgültig zur Hauptgefahr für den Frieden wird, der verschließt die Augen.

Die Aufrüstung stoppen!

Nato-Stützpunkte raus aus Deutschland. US-Atomwaffen raus, denn Trump droht, sie einzusetzen! Die Bundeswehr hat außerhalb Deutschlands nichts zu suchen – schon gar nichts an der russischen Grenze – und sie hat keine innenpolitische Daseinsberechtigung. Sie gehört abgerüstet. Wie auch die Nato. Deshalb: Deutschland raus aus der Nato!
Deutschland spielt sich immer mehr als militärische Kraft gegen den »Osten« auf, mit Hochrüstung aller Sektoren, auch mit dem Anspruch, jetzt eigene Atomwaffen aufzubauen. Der Hauptfeind steht, wie die Friedensbewegung seit Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg weiß, im eigenen Land. Der Kampf gegen terroristische Verbrechen im Inland ist eine polizeiliche Aufgabe, keine der Bundeswehr.
Wir sagen: Deutsche Großmachtträume platzen lassen! Alle Rassisten stoppen!
Wir widersprechen der Regierung unseres Landes, wenn sie den Rüstungsetat in den nächsten Jahren nahezu verdoppeln will und Auslandseinsätze der Bundeswehr in aktuell 15 Staaten zu verantworten hat, u.a. in Syrien, in Mali, in Afghanistan und bald in Litauen. Uns aber machen die Kriegsbilder aus aller Welt immer wieder deutlich, dass tagtäglich unsere Mitmenschen, die gerne in Frieden gelebt hätten, ermordet werden, auch durch deutsche Waffen. Millionen Menschen sind auf der Flucht, vertrieben durch Krieg oder die elenden Verhältnisse in ihren Ländern. Das wollen wir nicht weiter hinnehmen. Wir fordern Solidarität und Hilfe für alle flüchtenden Menschen, die zu uns kommen. Wir wollen Kriegsursachen erkennen und sie beseitigen.

Unsere Forderungen:

  • Stopp sämtlicher Auslandseinsätze der Bundeswehr.
  • Keine neuen Truppen- und Waffenstationierungen in unserem Land.
  • Einstellung aller Rüstungsexporte mit dem Ziel, die Rüstungsproduktion deutscher Unternehmen generell einzustellen.
  • Einfrieren des deutschen Rüstungshaushalts, Verzicht auf Neuanschaffungen, mit dem Ziel, die Ausgaben für Tod bringende Rüstung nach und nach zurückzufahren.
  • Ersatzloser, sofortiger Abzug der US-Atomwaffen vom Standort Büchel, wie schon 2010 vom Bundestag beschlossen.
  • Hände weg von der Atomwaffe! Unterstützung für die Konvention zur völkerrechtlichen Ächtung der Atomwaffen und die Initiative der UN zur Ächtung von Uranmunition durch die Bundesregierung. Entzug der Betriebsgenehmigung für die Urananreicherungsanlage der URENCO in Gronau sowie deren Schließung, damit deren Atomwaffen-Technologie nicht an Dritte verkauft werden kann.
  • Keine Killer-Drohnen für die Bundeswehr. Stopp der Unterstützung der US-amerikanischen Drohnenmorde von deutschem Boden. Nein zur Cyber-Kriegsführung.
  • Schließung von Nato- und anderen Stützpunkten, von denen der Krieg ausgehen kann: so in Dülmen, Münster, Kalkar und in Uedem.
  • Verbot von Bundeswehrwerbung jeglicher Art: Werben für das Erlernen des Tötens ist verwerflich. Einstellung aller Maßnahmen, Minderjährige für die Bundeswehr anzuwerben und zu verpflichten.

Unser Land leidet darunter, dass faschistisches und nationalistisches Gedankengut wieder auf dem Vormarsch ist. Offen rechtsgerichtete Parteien wie NPD, die Rechte und AfD dürfen ihr Unwesen genau so treiben wie getarnte rechtsradikale Gruppen und Nazi-Anhänger. Damit muss Schluss gemacht werden.

Vom Recht, Rechte zu haben

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Ernst Grubes Rede gegen das bayerische »Integrationsgesetz«

Seit Beginn dieses Jahres ist in Bayern ein »Integrationsgesetz« in Kraft, das im Dezember 2016 der Landtag nach einer 16stündigen Debatte mit der CSU-Mehrheit im Parlament beschlossen hatte. Gegen dieses »Ausgrenzungsgesetz«, wie es von vielen, die sich dagegen engagieren, genannt wird, gab und gibt es nach wie vor massiven Protest. Und Initiativen, dem »Gesetz, in dem die CSU gegen erbitterte Widerstände von Opposition, Kirchen, Gewerkschaften und Verbänden auch den Begriff einer ›Leitkultur‹ verankert hat« (Der Spiegel) auch mit juristischen Mitteln entgegenzutreten. Im Vorfeld der parlamentarischen Auseinandersetzungen fand am 22. Oktober eine große Demonstration und Kundgebung in München statt, bei der auch der Holocaust-Überlebende Ernst Grube eine Rede hielt. Sie hat bis heute nicht an Aktualität verloren:
»In einigen Wochen werde ich 84 Jahre alt. Ich bin als Kind einer jüdischen Mutter in München geboren. In meiner Erinnerung haben sich Ausgrenzung, Verfolgung und Rechtlosigkeit tief eingeprägt. 1938 – ich war noch keine sechs Jahre alt – wurde meine Familie nach dem Abriss der Synagoge aus der Wohnung vertrieben. Wir hatten kein Recht auf Wohnung!
In ihrer Not brachten unsere Eltern ihre drei Kinder ins jüdische Kinderheim in der Antonienstrasse in Schwabing. Unsere Familie wurde auf Jahre hinaus getrennt. Eine Familienzusammenführung gab es nicht. Der Schulbesuch wurde erschwert und später ganz verboten. Wir hatten kein Recht auf Bildung.
Durch die Verordnungen und Ausführungsbestimmungen der Nürnberger Gesetze von 1935 waren wir keine Bürger mehr. Reichsbürger konnten nur solche Menschen sein, die den rassistischen Kriterien entsprachen.
Wir waren ›Juden‹, ›Halbjuden‹, ›Vierteljuden‹, ›Zigeuner‹… Wir drei Grube-Kinder wurden von den Behörden der Stadt München als ›Geltungsjuden‹ eingestuft. Nach diesen Nazikategorien vollzog sich die zeitliche Abfolge der Deportation und Vernichtung.
Am 20. November jährt sich der Tag zum 75. mal, an dem der erste Transport aus München mit 998 jüdischen Bürgerinnen und Bürgern nach Kaunas in Litauen fuhr. Niemand hat überlebt.
Das jüdische Kinderheim in München wurde aufgelöst, ›arisiert‹, dem ›Lebensborn‹ übereignet. Wir, die wenigen Kinder, die noch nicht deportiert waren, kamen in die Zwangsghettos Milbertshofen und Berg am Laim. Nach Auflösung der Ghettos kamen wir zu den Eltern. Im Februar 1945 wurden wir Kinder mit unserer Mutter ins Ghetto Theresienstadt deportiert. Die drei Schwestern meiner Mutter, deren Ehemänner und Kinder wurden in den Vernichtungslagern des Ostens ermordet. Nie wieder !!!
Heute kommen Menschen zu uns aus Kriegsgebieten und aus Ländern, in denen sie unterdrückt und verfolgt wurden und keine Existenzgrundlage für sich sehen. Die Fluchtursachen sind auch ›Made in Germany‹.
Wahrscheinlich ist es meine Erinnerung, die mich alarmiert und mit Empörung auf dieses so genannte Integrationsgesetz schauen lässt. Schon die diffamierende, Feindbilder schaffende Sprache zeigt das: ›Asylmissbrauch, Wirtschaftsflüchtlinge, Ausländerkriminalität‹ … Das ist Wasser auf die Mühlen der rassistischen und nazistischen Bewegungen.
›Integration‹ qua ›Leitkultur‹ ist der Kern dieses Gesetzentwurfes. ›Integration‹ heißt hier: Unterordnung, Verbote, Entzug von Rechten und Lager.
›Leitkultur‹ heißt hier: Du musst deine eigene Kultur weglegen, Du musst sie vergessen. Du musst so leben, wie wir uns das vorstellen.

Welche Eiseskälte, welche Enge, welche Blindheit – als handle es sich um irgendwelche bedrohlichen Wesen, die man irgendwie in Schach halten muss. Und nicht um Menschen wie du und ich.
Weit entfernt ist das von dem, was die Schöpfer der Bayerischen Verfassung vor 70 Jahren als Grundsätze für unser Zusammenleben dort festgeschrieben haben. Experten belegen, dass das geplante Gesetz weder mit der Bayerischen Verfassung, noch mit unserem Grundgesetz, noch mit der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte vereinbar ist.
Nie wieder! Asyl ist ein Menschenrecht, das älteste der Menschheit überhaupt. Es geht um das Recht, Rechte zu haben. So hat es die jüdische Philosophin und von den Nazis vertriebene Emigrantin Hannah Arendt gefordert. Kämpfen wir gemeinsam.«

»Ernst Grube – Zeitzeuge. – Von einem der nicht aufgibt.« So heißt ein neuer Film von Christel Priemer und Ingeborg Weber, der am 31. Januar im Münchner NS-Dokumentationszentrum erstmals öffentlich vorgestellt wurde. Ein beeindruckendes Filmporträt über einen bis heute Unermüdlichen, wenn es um historische Aufklärung geht. »Entstanden ist«, stand im Programmheft des NS-Dokumentationszentrums in der Ankündigung des Film- und Diskussionsabends »ein berührendes Porträt über den Münchner Juden und Kommunisten Ernst Grube und ein Zeichen für Toleranz, Freundlichkeit und Abkehr von Gewalt und Krieg.«

Die Filmemacherin Christel Priemer hat über viele Jahre hinweg für ARD, ZDF und Dritte Fernsehprogramme Dokumentationen und Reportagen gedreht. Als gemeinsame Arbeit mit der Journalistin Ingeborg Weber entstand 1998 das Filmporträt »Angela Davis – eine Legende lebt«. – In den nächsten Wochen und Monaten sind weitere Vorführungen des Grube-Films, unter anderem in der KZ-Gedenkstätte Dachau, vorgesehen. In einer der nächsten Ausgaben der »antifa« werden wir uns ausführlicher mit dem Film und damit verbunden mit Vorführ- und Bezugsmöglichkeiten befassen.

Orte der Shoah in Polen

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geschrieben von Gerald Netzl

Ein kritischer Diskurs über Gedenkorte und Erinnerungskultur

Polen betreut ein schwieriges Erbe. Eine Vielzahl von Gedenkstätten erinnert an die Ermordung der europäischen Juden während der deutschen Besatzung. Im Buch »Orte der Shoah in Polen« werden ausgewählte Orte vorgestellt und diskutiert: Chełmno, Bełżec, Sobibór, Treblinka, Majdanek, Płaszów und Oświęcim repräsentieren verschiedene Phasen, Formen und Bedingungen der Shoah. Sie haben zudem eine individuelle Nachgeschichte und unterscheiden sich auch heute durch ein jeweils eigenes Erscheinungsbild.
Der Band vermittelt einen Überblick über die Geschichte dieser Orte und fragt nach der Wechselbeziehung zwischen den historischen Ereignissen und der Gestaltung der Orte von 1943 bis in die Gegenwart. Ergänzt wird die Auseinandersetzung mit den Gedenkstätten durch übergreifende Texte, die etwa nach der Rolle der Fotografie in Ausstellungen, der Problematik des sprachlichen Umgangs mit der Shoah und der Würde von Opfern und BesucherInnen in Gestaltungskonzepten fragen. Der Autor dieses Artikels hat 2012 und 2014 die meisten der diskutierten Orte besucht.
In Oświęcim und in Lublin-Majdanek wurde mit den baulichen Hinterlassenschaften der Deutschen gearbeitet, nicht so in Chełmno und den drei Massentötungsorten der »Aktion Reinhard«, wo durch die Täter vor Eintreffen der Sowjetarmee alle Spuren des Massenmordes verwischt wurden. In Bełżec, Sobibór und Treblinka wurden Mitte der 1960er Jahre, in der Zeit der polnischen Volksrepublik, reine Friedhofsanlagen gestaltet, ohne Museum oder Informationsangebot. Die sowjetische, und von Polen übernommene, Position, die Shoah nicht als ein explizit antisemitisches Verbrechen zu deuten, sollte lange Bestand haben. Im Juni 2004 wurde mit US-amerikanischer Finanzierung in Bełżec als erste eine neue, gelungene Gedenkstätte inklusive Museum eröffnet. Zwei Aspekte der Repräsentation müssen miteinander verbunden werden: die Geschichte des Ortes als Tatort und die Funktion des Ortes als Friedhof. In Sobibór wird aktuell an einem Museum gearbeitet. Für das gesamte Areal gilt, dass das Gedenken wichtiger ist als das Lernen über den Ort. Das Museum ist als Ergänzung zur Gedenkstätte gedacht.
Viele BesucherInnen haben eine »Sehnsucht nach Sinn«, bei der künstlerischen Gestaltung der Gedenkstätten kann es jedoch gerade nicht um Sinnstiftung gehen, sondern vielmehr darum, die Sinnlosigkeit dieses monströsen Verbrechens vor Augen zu führen. Die Begegnung mit Orten der Shoah ist durch ihre Intensität, Vielschichtigkeit, Materialität und Konkretheit aber vor allem anderen die Gelegenheit, eigene Erwartungen, Wissensstände und Haltungen zu überprüfen.
Was kann man durch den Besuch eines Ortes der Shoah eigentlich lernen, was nicht auch durch Fachliteratur, in Filmdokumentationen oder Ausstellungen angeboten wird? »Betroffenheitspädagogik«, die mit Überwältigung, Furcht und Mitleid arbeitet, trägt nicht zur Auseinandersetzung mit dem Thema bei. Schlimmstenfalls kann die Konfrontation mit Furcht, Grausamkeit und Schrecken gar zu gänzlich unintendierten, konträren Reaktionen führen. Für große Teile der BesucherInnen (im Beitrag sind Museum Auschwitz und Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau gemeint) »schrumpft die Geschichte des Lagers auf stereotyp gewordene Metaphern des Grauens zusammen. Die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit beschränkt sich darauf, dieses Grauen sehen zu wollen, um sich rhetorisch davon zu distanzieren.«
Auf die Beiträge zu den einzelnen Orten wird in diesem Artikel nicht weiter eingegangen, die sollen im Buch nachgelesen werden, Fotos und Grundinformationen bietet etwa Wikipedia. Von den eingangs erwähnten ergänzenden Texten haben mich zwei am nachdenklichsten gemacht: »Die Sprache der Shoah: Verschleierung – Pragmatismus – Euphemismus«. So sollte man etwa statt »Vernichtungslager« den Terminus »Massentötungsanlagen« verwenden. »Zwischen Pilgerfahrt und Bildungsreise – Israelisches Gedenken an den ehemaligen nationalsozialistischen Tötungsorten der Shoah« wirft einen kritischen Blick auf die Praxis der Polenreisen israelischer SchülerInnengruppen.

 

 

Muster der Holocaustleugnung

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geschrieben von Janka Kluge

Die neue Rechte entwickelt faschistische Apologien weiter

Seit Jahren gehört das Leugnen des Holocaust zur den Grundmustern faschistischer Rhetorik. Neofaschisten wissen, dass einer Wiederbelebung nationalistischer Überzeugungen der millionenfache, planmäßig und industriell verübte Mord an den europäischen Juden im Weg steht. Neben der offenen Leugnung hat sich jetzt eine weitere Form entwickelt.
Der inzwischen aus der Fraktion ausgeschlossene baden-württembergische AfD Abgeordnete Wolfgang Gedeon schreibt, dass es sich bei Auschwitz um eine »Zivilreligion des Westens« handele. Der Begriff der Zivilreligion geht zurück auf Rousseau, der in seinen Schriften gefordert hat, dass eine säkulare Gesellschaft eine »religion civile« brauche um einen Zusammenhalt zu entwickeln. Dieser Konsens einer Gesellschaft kann neben grundlegenden Gesetzen, wie dem Grundgesetz, auch aus Mythen bestehen. Also aus angenommen Behauptungen, die aber ähnlich wie der Glaube an einen Gott, letztendlich nicht bewiesen, sondern nur geglaubt werden können.
Wolfgang Gedeon ist nicht der erste, der behauptet, der Holocaust sei eine Zivilreligion. Bereits im Februar 2000 schrieben die Sozialwissenschaftler Lothar Probst und Winfried Thaa in der »Welt« einen Artikel mit dem Titel »Welche Zivilreligion braucht Europa«, dass der Holocaust sich nicht als Element einer Zivilreligion eigne. »Auch in der Vision einer auf die Erinnerung an den Holocaust begründeten europäischen Innenpolitik lauert die Gefahr einer Unterordnung des Politischen unter eine moralische Instanz, die ebenso unangreifbar wie instrumentalisierbar ist.«
Mit der Bezeichnung des Holocaust als Zivilreligion wird aber noch ein anderer Aspekt eingeführt. Es ist damit Sache des Einzelnen, daran zu glauben und nicht mehr gesichertes historisches Wissen.
Marc Jongen, Mitglied im Bundesvorstand der AfD und so etwas wie ihr Hausphilosoph, schrieb im Juni 2016 in einem Artikel in der Jungen Freiheit über die Auseinandersetzungen mit Gedeon:
»Bestätigt der Aufschrei, den die Presse und die etablierten Parteien wegen dieser und anderer Äußerungen Gedeons veranstalten, nicht exakt dessen These, daß sich der Holocaust längst zu einer ›Zivilreligion des Westens‹ entwickelt hat, zu einer Art negativem Heiligtum, vor dem sich alle in den Staub zu werfen haben und demgegenüber Kritik – auch berechtigte und vernünftige – bei Strafe der bürgerlichen Existenzvernichtung tabuisiert ist?«
Damit hat er deutlich gezeigt, dass in der Formulierung von der »Zivilreligion« noch mehr Zündstoff steckt. Die weitere Argumentationskette läuft ungefähr so: Weil die meisten Menschen daran glauben, dass von den deutschen Faschisten und ihren Helfern Millionen jüdischer Menschen ermordet wurden, darf es in Deutschland keine freie Geschichtsforschung geben. Damit wird die Argumentation von Revisionisten und Holocaustleugnern übernommen. Bereits in den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts haben Holocaustleugner angefangen ihre Strategie zu ändern. Sie erklärten jetzt, dass sie »offene Fragen« haben, die geprüft werden müssen und versuchten, sich als ein Teil der Geschichtswissenschaft darzustellen. Sie bestritten zwar immer noch den Holocaust, suchten aber neue Argumente. 1981 gründeten Alfred Schickel und Hellmut Diwald die »Zeitgeschichtliche Forschungsstelle Ingolstadt«. Hier versammelten sich Holocaustleugner und viele, die sie unterstützen wollten. Zweimal im Jahr finden Tagungen statt, auf denen die vermeintlichen neuen »Erkenntnisse« über den Nationalsozialismus vorgetragen werden. Ziel dieses Vereins, der seit über 35 Jahren aktiv ist, ist es, die Geschichtsschreibung zu verändern. Die Tagungen werden in den meisten rechten Zeitschriften positiv besprochen und aufgenommen. Besonders pikant ist, dass der ehemalige Bürgermeister Ingolstadts, Alfred Lehmann (CSU), mehrfach an den Tagungen teilgenommen hat und Horst Seehofer die Arbeit der »Forschungsstelle« in Grußworten lobte.
Eine weitere Strategie, den Holocaust zu relativieren, ist die Benutzung des Wortes in anderen Zusammenhängen. In Dresden demonstrierten beispielsweise jahrelang tausende alte und junge Nazis um an den »Bombenholocaust« zu erinnern. Unverhohlen verglichen dabei Redner die Bombardierung deutscher Städte mit dem Holocaust.
Immer wieder zweifeln Revisionisten auch das einzige erhaltene Protokoll der Wannseekonferenz an. Sie bestreiten dann, was kein Historiker behauptet, dass es einen Befehl Hitlers zur Ermordung der jüdischen Menschen gegeben hat und behaupten, dass alle Dokumente die gefunden worden sind, Fälschungen von Zionisten sind, die von Deutschland Geld erpressen wollen.
Damit schließt sich dann auch der Kreis zu Wolfgang Gedeon wieder. Er behauptet bis heute von sich, mit Antisemitismus nichts zu tun zu haben, sondern Antizionist zu sein. Deswegen beruft er sich wahrscheinlich auch immer wieder auf die einflussreichste antisemitische Schrift der Neuzeit »Die Protokolle der Weisen von Zion«. Zumindest das hat er mit Hitler gemeinsam, für ihn waren die »Protokolle« auch ein geschichtliches Zeugnis aus dem er seinen Antisemitismus schöpfte.

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