Indiens »Porno-Nationalismus«

geschrieben von Thomas Willms

18. Juli 2014

Das Kapital setzt auf ihn, doch auch die Massen hoffen

 

Die hiesigen Reaktionen auf die Wahl des neuen indischen Ministerpräsidenten Narendra Modi und seiner rechtsextremen Partei BJP (Bahratiya Janata Party) fielen angesichts des monumentalen Ausmaßes des Ereignisses schwach aus. Modis Partei dominiert das indische Unterhaus nun mit einer absoluten Mehrheit und das nach dem vermutlich umfassendsten Wahlkampf aller Zeiten in der größten demokratischen Wahl der Menschheitsgeschichte.

Das ist umso bemerkenswerter, weil die indische »Innen«-politik mit Bundesstaaten, die so viele Einwohner wie Deutschland oder sogar Russland haben, eher mit der EU als mit einem normalen Nationalstaat zu vergleichen ist. Narendra Modi will und soll der »Führer einer Milliarde« sein, in einem Atemzug mit Obama, Putin und Xi zu nennen.

Modis Sieg wurde von der indischen Presse seit langem vorausgesagt. Und blickt man auf die typischen Berichte in »India Today« oder »Hindustan Times« weiß man auch warum: Eine endlose Kette von Verkehrskatastrophen, Stromausfällen und vor allem von Korruption, Verschwendung und Unfähigkeit haben das Image der seit der Unabhängigkeit zumeist regierenden konservativen Kongresspartei vollständig ruiniert.

Dass gleichzeitig auch die beiden starken kommunistischen Parteien abgestürzt sind, deutet auf tiefere Ursachen von Modis Durchbruch hin. Entscheidend ist der steile Aufstieg der indischen Wirtschaft, bzw. der einiger ihrer Bundesstaaten seit Anfang der 1990er Jahre. Die Entwicklung des gesamtindischen Staates und seiner Agenturen, aber auch der gesellschaftlichen Werte halten damit nicht Schritt. Was nützt z.B. das neue Auto, wenn in Indiens Großstädten eine reelle Chance besteht bei Parkplatzstreitigkeiten umgebracht zu werden. Wer kann, kauft sich lieber im sicheren London eine Luxuswohnung (Indische Investitionen von 1 Milliarde Pfund in den letzten 18 Monaten).

Unzufriedenheit entsteht vor allem, wenn man sich mit China vergleicht. Die eiserne Hand der regierenden Gongchandang beschert dem Kapital dort beste Entwicklungsmöglichkeiten, u.a. tausende Kilometer Hochgeschwindigkeitseisenbahnen und andere Infrastrukturprojekte sowie Wohlstands-chancen für die Massen. Mithalten können da nur einige der indischen Bundesstaaten, allen voran der seit einem Jahrzehnt von Modi regierte westindische Bundesstaat Gujarat mit seinen 60 Millionen Einwohnern. Die gujaratischen Technokraten sollen den korrupten Prinzenhof von Delhi aufräumen – das ist der gemeinsame Wunsch des indischen Kapitals und der wachsenden Mittelschichten. Aber auch die hunderten von Millionen Armer sehen in ihm überwiegend denjenigen, der Aufstieg und Wohlstand binnen kurzem möglich machen soll. Das schließt selbst Angehörige der Dalits (der Kaste der Unberührbaren), der Buddhisten und sogar der Muslime ein.

Der ideologische Kern der BJP und der eng mit ihr verbundenen Kader-, Massen- und Jugendorganisationen wurde im vergangenen Wahlkampf bewusst hintan gestellt. Der indische Sozialforscher Anand vermittelt einen lebhaften Eindruck von ihrer verheerend destruktiven Hindutva-Ideologie (Hindu-Nationalismus). Er charakterisiert Hindutva als »porno-nationalistisches asexuelles maskulinistisches Projekt«. Es richtet sich gegen alle Religionen und Theorien der Gleichheit, seien es Liberalismus, Kommunismus und die monotheistischen Religionen. Praktisch ist die 140 Millionen Menschen große islamische Minderheit Indiens das Ziel unglaublicher Diffamierungen, Einschüchterungen, von Pogromen, Vertreibungen und Morden. Hindutva zufolge ist »Bharat Mata« (Mutter Indien) seit Jahrhunderten das Ziel eines islamischen Übernahmeplans, der mittels Gewalt und Sexualität durchgeführt werde. In psychologischen Projektionen wird den muslimischen Männern unterstellt mittels eines tierischen Fortpflanzungstriebes das Hindu-Volk (dessen schiere Existenz in einem Land mit 122 offiziell registrierten Sprachen durchaus bezweifelt werden kann) auslöschen zu wollen. Hindu-Männer hätten entsprechend die Pflicht, Hindu-Frauen zu überwachen, zu kontrollieren und zu korrigieren. Die weitverbreitete sadistische sexualisierte Gewalt gegen Frauen und Mädchen, die Modi zur Zeit mit Worten kritisiert, ist tatsächlich tief in die Ideologie seiner eigenen Bewegung eingeschrieben.

Das Ergebnis der Entwicklung ist trotz allem offen, denn die dynamischen indischen Gesellschaften bringen auch Kräfte hervor, die auf mehr Gleichheit und Freiheit drängen, allen voran eine starke Frauenbewegung mit ihrem militanten Arm, den »Pink Saris«.