»Artgemeinschaft« passé?
7. Juli 2026
Warum eine kleine Gruppe die extreme Rechte jahrzehntelang prägte
Bereits am 29. April 2026 hat das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig eine Beschwerde von Mitgliedern der extrem rechten »Artgemeinschaft – Germanische Glaubens-Gemeinschaft wesensgemäßer Lebensgestaltung« gegen das Verbot der Organisation abgelehnt. Die »Artgemeinschaft« war bereits im August 2023 verboten worden. Begründet wurde das Verbot damit, dass die Organisation direkten Bezug auf den Nationalsozialismus nimmt. Das Bundesinnenministerium stellte in der Verbotsverfügung fest, dass »das von ihr befürwortete Konzept der biologisch definierten ›Volksgemeinschaft‹, die antisemitische Grundhaltung und die damit einhergehende Verächtlichmachung der bestehenden demokratischen Ordnung« deutliche Parallelen zum deutschen Faschismus aufweisen.
Die »Artgemeinschaft« war eine der ältesten Organisationen, die mit dem Ziel gegründet wurde, die NS-Ideologie am Leben zu halten. Sie konnte viele Jahre weitgehend unbeachtet bestehen, weil sie sich als Religionsgemeinschaft bezeichnete. Obwohl die »Artgemeinschaft« nie besonders viele Mitglieder hatte, ist ihre Bedeutung für die neonazistische Bewegung nach 1945 nicht zu unterschätzen.
Die Organisation wurde 1951 von Wilhelm Kusserow gegründet und war ab 1957 ein eingetragener Verein. Kusserow engagierte sich bereits vor 1933 in neuheidnischen Gruppen. 1927 gründete er als Abspaltung von der »Deutsch-religiösen Gemeinschaft« die »Nordische Glaubensgemeinschaft«. Diese propagierte eine germanische Religion, verbunden mit extremem Antisemitismus. Da Hitler die Unterstützung der Kirchen suchte, führten die neuheidnischen Gruppen während der NS-Zeit eher ein Schattendasein. Lediglich Heinrich Himmler übernahm in der SS Elemente ihrer Ideologie. Nach einem Sieg Hitlers sollten die christlichen Kirchen zurückgedrängt und ein Glaube, wie ihn die »Nordische Glaubensgemeinschaft« vertrat, zur offiziellen Religion werden. Wilhelm Kusserow soll zwar Offizier der SS gewesen sein, wurde aber nie Mitglied der NSDAP. Dadurch konnte er sich nach 1945 als unbelasteter Gelehrter darstellen.
In der »Artgemeinschaft« fanden alte, später aber verstärkt auch jüngere Nationalsozialisten eine Heimat. 1980 kam es innerhalb der Gruppe zu einer Neuausrichtung. Junge Neonazis um den Anwalt Jürgen Rieger wollten, dass sich die »Artgemeinschaft« nicht nur als Glaubensgemeinschaft verstand, sondern auch als Kampforganisation für die Wiederzulassung der NSDAP betätigte. Von diesem Zeitpunkt an waren überwiegend jüngere Neonazis aus dem Umfeld der »Gesinnungsgemeinschaft der Neuen Front« Mitglied – eines Netzwerks militanter rechter Gruppen und Parteien aus dem Umfeld von Michael Kühnen. Jürgen Rieger war Landesvorsitzender der Hamburger NPD und stellvertretender NPD-Bundesvorsitzender. Bis zu seinem Tod im Jahr 2009 blieb er Vorsitzender der »Artgemeinschaft«. Über die Mitglieder der Organisation ist nicht viel bekannt. Einige Namen sind jedoch öffentlich. Stephan Ernst, der Mörder von Walter Lübcke, war Mitglied der »Artgemeinschaft«, wurde aber 2011 wegen nicht gezahlter Mitgliedsbeiträge ausgeschlossen.
Mitglied war auch der 1961 geborene Claus Nordbruch. Er wollte ursprünglich eine Karriere bei der Bundeswehr machen, wurde jedoch 1986 wegen extrem rechter Aktivitäten entlassen. Anschließend zog er nach Südafrika, studierte in Pretoria und verteidigte die Apartheid. Er arbeitet eng mit verschiedenen Gruppen aus dem Umfeld der Kameradschaften zusammen. Immer wieder sollen Mitglieder dieser Kameradschaften zu ihm nach Südafrika gereist sein, um sich an Waffen ausbilden zu lassen. Nordbruch veröffentlichte Artikel in der rechten Wochengazette Junge Freiheit, in der 2017 eingestellten Zeitschrift Deutschland in Geschichte und Gegenwart und zuletzt verstärkt im Magazin des »Institute for Historical Review«. Das Institut mit Sitz in Kalifornien ist eine der zentralen Organisationen der Holocaustleugner. Ebenfalls bekannt ist der Vordenker der Neuen Rechten Pierre Krebs. Er gehörte zu den führenden Ideologen der Neuen Rechten in Frankreich. Seine Schriften und Bücher hatten auch in Deutschland großen Einfluss auf die Entwicklung rechter Parteien und Organisationen.
Die Bedeutung der »Artgemeinschaft« reichte weit über ihre eigentliche Mitgliedschaft hinaus. An ihren Treffen nahmen oft mehrere hundert Menschen teil. Das Teilnehmerfeld umfasste militante Neonazis ebenso wie Mitglieder der AfD. Nach Recherchen der Welt nahm die Duisburger AfD-Stadträtin Sabine Dehnen an solchen Treffen teil. Sie ist jedoch nicht die einzige Politikerin der Partei mit Kontakten zur »Artgemeinschaft«. Stefan Broschell, der für die AfD in der Stadtverordnetenversammlung im brandenburgischen Zossen sitzt, betrieb in den 1990er-Jahren den Buchdienst der »Artgemeinschaft«. Von Ralf Janetschek, der als parteiloser Vertreter der AfD im Gemeinderat von Letschin sitzt, ist bekannt, dass er 2005 an einem Treffen der »Artgemeinschaft« teilgenommen hat. Die Lagerfeuerromantik der »Artgemeinschaft« scheint also deutlich mehr Menschen angesprochen zu haben, als lange angenommen wurde.




























