Auschwitz als Hüpfburg
7. Juli 2026
Gut gemeinte Geschichtsklitterung des Aktionskünstlers Oliver Bienkowski
Misslungene Kunst hat mitunter die interessante Eigenschaft, einen unbeabsichtigten Bedeutungs-überschuss zu produzieren, das heißt Interpretationsspielräume zu öffnen, die von dem*der Künstler*in nicht beabsichtigt wurden. Betrachtet man das neueste Projekt des Aktionskünstlers Oliver Bienkowski könnte man meinen, dass es sich um eine Satire auf die popkulturelle Verkitschung und Vermarktung des Holocaust handelt. Er und sein Kollektiv Pixelhelper arbeiten aktuell an einer »immersiven mobilen Holocaust Gedenkstätte & Musical« mit dem Titel »Auschwitz.us«. Auf der Website wird das Ganze beworben als »Bildungsprojekt, das jungen Menschen die Realität des Holocaust auf eine immersive und tief berührende Weise näherbringen soll (…).« Das klingt zunächst nach einem noblen Ziel, doch die (geplante) Umsetzung ist ein grober Fehlgriff.
In der »mobilen Gedenkstätte«, so der Beschreibungstext, »schlüpfen die Besucher in die Perspektive der Opfer und durchlaufen authentisch rekonstruierte Stationen«. In einem KI-produzierten Werbevideo wird präsentiert, wie das Ganze später einmal aussehen soll. In Form einer aufblasbaren, an eine Hüpfburg erinnernden Struktur, wird Auschwitz auf dem Alexanderplatz im Herzen Berlins ausgestellt. Durch die verschiedenen Stationen der Installation laufen Besucher*innen, die teils typische Häftlingskleidung tragen. An einer Station, die wie ein mobiles Tattoostudio aussieht, kann man sich eine Nummer auf den Unterarm malen lassen, an der nächsten in einer aufblasbaren Häftlingsbaracke auf einer Holzpritsche liegen, eine weitere Szene zeigt einen Besucher unter einer Dusche1. So sollen die Besucher*innen »in die Perspektive der Opfer schlüpfen«. Das Vernichtungslager wird – mit historisch völlig verfehlten und verzerrenden Darstellungen – zu einem Erlebnispark.
Den krönenden Abschluss der Erfahrung bildet ein Musical, das einen nachhaltigen Lerneffekt erzeugen soll. Auch hier gibt es bereits einen Vorgeschmack in Form eines KI-generierten Songs inklusive Musikvideo, das an den Disney-Musical-Film »Frozen« erinnert. Die Protagonistin besingt darin ihren Leidensweg und mahnt an, ihrer zu gedenken. Ein User auf YouTube kommentiert das Video treffend: »Das ist eine beschämende Verächtlichmachung realen Leids. (…) Ich sehe hier keinen erzieherischen Wert. Im Gegenteil: Das wird nur Holocaustleugnern in die Hände spielen.«

Screenshot aus dem Video
Oliver Bienkowski ist in der Vergangenheit des Öfteren mit kontroversen Kunstaktionen in Erscheinung getreten. 2019 errichtete er im marokkanischen Marrakesch ein Replikat des Berliner Holocaustmahnmals, um auf antisemitische und faschistische Tendenzen in Teilen des Islams aufmerksam zu machen. Drei Jahre später protestierte Bienkowski gegen Antisemitismus und Homophobie auf der documenta fifteen in Kassel, indem er Parolen auf eines der Ausstellungshäuser projizierte.
Mit seinen Aktionen und Kunstprojekten mag Bienkowski Gutes beabsichtigen. Er und sein Kollektiv, das sich selbst als Menschenrechtsorganisation versteht, schießen dabei jedoch regelmäßig übers Ziel hinaus, bezeugen mangelndes Verständnis fürs Thema und fehlendes Feingefühl. So widmeten sie ihr Mahnmal in Marrakesch neben den ermordeten Jüdinnen_Juden Europas in einem gewagten Rundumschlag auch den verfolgten muslimischen Uiguren in China. Ein Vertreter der jüdischen Gemeinde in Marrakesch begrüßte den späteren Abriss des Mahnmals durch die Behörden. Zuletzt machte Bienkowski auf sich aufmerksam, indem er sich unter dem Hashtag jeSuisTimmy für die Rettung des gestrandeten Buckelwals »Timmy« einsetze. Expert*innen hatten von Anfang an darauf hingewiesen, dass der Wal bereits im Sterben liege und jegliche Rettungsversuche eher schädlich als hilfreich wären. Als er bemerkte, dass sich seinem Aufruf viele AfD-Anhänger*innen angeschlossen hatten, machte er einen Rückzieher und verkündete, dass man den Wal nun »für die Demokratie sterben lassen« wolle.
Von groben Fehleinschätzungen ist auch das Projekt Auschwitz.us durchzogen. Und das ist keine Frage des guten Geschmacks. Die Darstellungen vermitteln verzerrte historische Bilder und verharmlosen sowie romantisieren die Realität der Konzentrations- und Vernichtungslager.
Dass die »mobile Gedenkstätte« tatsächlich wie geplant ihre Tour durch Schulen und Städte in Deutschland und ganz Europa antritt, bleibt zu bezweifeln. Erstmals ausgestellt werden soll sie parallel zur documenta 16 von Juni bis September 2027. Sollte das gelingen, dient sie im besten Fall als abschreckendes Beispiel dafür, wie Gedenken nicht aussehen sollte.
1 Die Dusche ist in diesem Kontext doppeldeutig. KZ-Häftlinge mussten bei Ankunft duschen, um sich zu desinfizieren. Gleichzeitig wurden Häftlinge bekanntermaßen mit der Anordnung zu duschen in die Gaskammern gelockt, um Massenpaniken zu vermeiden. Die Darstellung ist also im besten Fall geschmacklos, im schlimmsten Fall, wenn auch ungewollt, geschichtsverfälschend.




























