Der Hass auf Gleichheit

geschrieben von Isaak Rose

7. Juli 2026

Warum junge Männer in Südkorea zur Zielgruppe rechter Bewegungen werden

Südkoreas Hauptstadt Seoul verzeichnete 2025 weltweit die meisten Proteste. Auslöser war nicht zuletzt der Versuch des damaligen rechten Präsidenten Yoon, über die Ausrufung des Kriegsrechts die politische Opposition auszuschalten. Inzwischen ist er inhaftiert. Seine treuesten Anhänger treibt es jedoch weiterhin Woche für Woche auf die Straßen, um lautstark seine Freilassung zu fordern. »Only Yoon Again« lautet eine der zentralen Parolen, die dabei immer wieder skandiert werden. Eine bewusste Anlehnung an die MAGA-Kampagne des US-Präsidenten Trump.

Die südkoreanische Rechte rückt derzeit besonders durch eine neue Generation junger Männer in den Fokus. Viele Südkoreaner in ihren Zwanzigern bezeichnen sich offen als rechts und agieren vehement antifeministisch. Dabei berufen sie sich gezielt auf Figuren wie den im vergangenen Jahr getöteten US-Rechten Charlie Kirk. Bei Protesten, die sich explizit gegen Feminismus und chinesische Migrant*innen richteten, skandierten sie Parolen wie »We are Charlie Kirk«.

Eines ihrer zentralen Feindbilder ist die feministische »4B-Bewegung«. 4B bedeutet »viermal nein« und steht für die Prinzipien: Kein Sex, keine Kinder, keine Dates und keine Ehe mit Männern. Es ist der bewusste radikale Entzug all dessen, was viele Männer in einer patriarchalen Gesellschaft fälschlicherweise als ihr natürliches Anrecht betrachten. Diese Bewegung ist eine direkte Reaktion auf allgegenwärtige sexualisierte Gewalt, Femizide und strukturelle Unterdrückung. In diesem Zuge hatte auch die #MeToo-Bewegung in Südkorea Fuß gefasst und eine völlig neue, tiefgreifende Machtkritik in den öffentlichen Diskurs getragen. Tief ins kollektive Gedächtnis Seouls hat sich zudem ein besonders grausamer Femizid aus dem Jahr 2016 eingebrannt: Ein Mann ermordete eine ihm völlig unbekannte Frau mit der Begründung, er sei in seinem Leben von Frauen immer ignoriert worden und habe sich dafür rächen wollen.

Koreas progressive Kräfte mussten im Ringen um die Gleichberechtigung der Geschlechter historisch völlig andere Kämpfe ausfechten als europäische Feministinnen. Bis 1945 stand Korea unter japanischer Kolonialherrschaft. Im Schatten der brutalen Unterdrückung der Zivilbevölkerung und des nationalen Befreiungskampfes wurden zahllose koreanische Frauen vom japanischen Militär in die Zwangsprostitution getrieben (siehe Spalte). Die Gründe für das aktuelle Erstarken der Rechten sind vielschichtig und lassen sich ebenso wenig auf eine einfache Formel bringen wie die Radikalisierung junger Männer nach rechts in Deutschland. Neben internationalen Dynamiken und einem Rechtsruck, der sich quer durch alle gesellschaftlichen Schichten zieht, spielen dabei spezifisch nationale Umstände eine tragende Rolle.

Junge Männer wachsen dort heute nicht nur in einer realweltlich patriarchalen Gesellschaft auf, sondern formieren sich zeitgleich in neuen, digitalen Männerbünden. Die Vernetzung von sogenannten Incels über Onlineplattformen wirkt auch in Südkorea als massiver Multiplikator für die rechte Bewegung. Ein zentrales Bindeglied ist dabei die Wehrpflicht: Der unbeliebte, aber für Männer obligatorische Dienst ist ein Dauerbrenner im politischen Diskurs.

Statt jedoch eine antimilitaristische Perspektive einzunehmen und für die Abschaffung des Zwangs zu streiten, instrumentalisiert die junge rechte Generation ihn für einen reaktionären Opfermythos. Schließlich, so die Kritik, treffe der Militärdienst ausschließlich Männer. Eine so behauptete angebliche strukturelle Bevorzugung von Frauen befeuert die antifeministische Radikalisierung weiter. Hinzu kommt, dass das Militär allein durch seine strikten Hierarchien und autoritären Strukturen einen idealen Nährboden für Chauvinismus bietet. Ein Phänomen, das keineswegs exklusiv südkoreanisch ist.

Auch wenn die bei den antifeministischen Protesten in Seoul offen zur Schau getragene Misogynie nur schwer erträglich ist, griffe es zu kurz, das Problem schlicht auf »junge südkoreanische Männer« zu reduzieren. Gewiss: Frustrierte junge Männer sind weltweit eine leichte Beute für reaktionäre Propaganda und lassen sich besonders leicht radikalisieren. Ein tatsächliches Verständnis der Situation erfordert jedoch eine strukturelle Perspektive, die über die bloße moralische Verurteilung hinausgeht.

Zu dieser Analyse gehört zwingend auch ein Blick auf die christlichen Kirchen. Das Christentum ist die größte organisierte Religion auf der südlichen Halbinsel und tritt oft als mächtiger Akteur auf, was besonders bei den aggressiven, queerfeindlichen Aktionen protestantischer Gruppen sichtbar wird. Doch wer genauer hinsieht, erkennt auch hier Risse in der scheinbar homogenen reaktionären Front. Es gibt ein differenziertes Wahlverhalten und laute, progressive christliche Stimmen, die sich der rechten Instrumentalisierung ihres Glaubens aktiv widersetzen.

Letztlich zeigt sich in Südkorea, wie sich Militarismus, Antifeminismus und reaktionäre Netzwerke global bedingen. Und: Wie wichtig ein intersektionaler, solidarischer Blick auf die Kämpfe dort wie hier ist.

Sexualisierte Gewalt des japanischen Imperialismus

Die Geschichte der sexualisierten Gewalt während der Kolonialherrschaft Japans über Korea ist bis heute ein umkämpftes Erinnerungsfeld. Zwischen 1910 und 1945 wurde die koreanische Bevölkerung systematisch unterdrückt. Tausende Frauen und Mädchen aus Korea, aber auch aus von Japan besetzten Gebieten in anderen Ländern, wurden vom japanischen Militär in »Trostfrauen-Systeme« gezwungen – ein euphemistischer Begriff, der die tatsächliche Gewalt verschleiert. Die Betroffenen wurden in Militärbordellen festgehalten, vergewaltigt und ausgebeutet.

Die jahrzehntelange Tabuisierung dieser Verbrechen prägte auch die Nachkriegsgesellschaften. Erst ab den 1990er-Jahren erhoben sich Überlebende öffentlich und forderten Anerkennung, Entschädigung und eine historische Aufarbeitung. Die Auseinandersetzung um die Verantwortung Japans belastet die Beziehungen zwischen Südkorea und Japan bis heute.

Für feministische und antifaschistische Bewegungen in Südkorea ist die Erinnerung an diese Gewalt ein zentraler Bestandteil des Kampfes gegen patriarchale Machtstrukturen. Gleichzeitig zeigt die Geschichte, dass sexualisierte Gewalt nicht als Nebenfolge von Krieg und Herrschaft verstanden werden kann, sondern häufig ein bewusst eingesetztes Instrument politischer Unterdrückung ist. (ir)