Die Fotos der »Unsterblichen«

geschrieben von Klaus Holdefehr

7. Juli 2026

Neue Bilder eines NS-Verbrechens lösen in Griechenland Debatten über Erinnerung und Widerstand aus

Die Gesichter sind ernst. Ernst und entschlossen. Keine Spur von Angst ist zu erkennen, obwohl die Männer auf den Fotos wissen, dass sie dem Tod entgegengehen. Einige haben den Mund geöffnet. Vielleicht singen sie. Die griechische Nationalhymne? Die Internationale? Sicher ist nur: Die Aufnahmen zeigen die Menschen, die wenige Minuten später von deutschen Besatzern ermordet werden.

Mitte Februar tauchten auf dem internationalen Militariamarkt bislang unbekannte Fotografien auf, die die Hinrichtung von 200 griechischen Kommunisten (es waren ausschließlich Männer) am 1. Mai 1944 auf dem Schießstand von Kessariani dokumentieren. Inzwischen wurden die Bilder als authentisch bestätigt. Die Erschießungen waren eine Vergeltungsmaßnahme der deutschen Besatzungsmacht für die Tötung des Wehrmachtsoffiziers Franz Krech und dreier Begleiter durch griechische Partisan*innen wenige Tage zuvor. Dabei kam erneut die zynische »Sühnequote« von 50 Geiseln für einen getöteten Deutschen zur Anwendung.

Die Fotos haben in Griechenland eine außergewöhnlich intensive Debatte ausgelöst. Erstmals existieren damit fotografische Zeugnisse eines Verbrechens, das tief im historischen Gedächtnis des Landes verankert ist. Die Ermordeten gelten als Symbolfiguren des antifaschistischen Widerstands gegen die deutsch-italienische Besatzung.

Die öffentliche Würdigung der Opfer blieb jahrzehntelang eingeschränkt. Auf die Befreiung Griechenlands folgten Bürgerkrieg, politische Repression gegen die Linke, die Militärdiktatur von 1967 bis 1974 und die Frontstellungen des Kalten Krieges. Erst 1984 konnte auf dem Gelände von Kessariani eine erste Gedenktafel errichtet werden. Das monumentale Denkmal »Altar der Freiheit« entstand erst 2005. Zusammen mit dem kleinen »Museum des Nationalen Widerstands« erinnert es heute nicht nur an die 200 Hingerichteten des 1. Mai 1944, sondern auch an mehr als 400 weitere Opfer der Besatzungszeit.

Dass die Erinnerung bis heute umkämpft ist, zeigte sich unmittelbar nach Bekanntwerden der Fotos. Bereits wenige Tage nach Beginn der Debatte wurden die Steintafeln mit den Namen der Ermordeten beschädigt. Die Friedrich-Ebert-Stiftung in Athen sagte eine geplante Veranstaltung wegen Drohungen ab.

Auch innerhalb der griechischen Linken haben die Aufnahmen neue Diskussionen ausgelöst. Wie stark ihre Wirkung ist, zeigt ein Vergleich der Gedenkveranstaltungen der vergangenen Jahre. Zum 80. Jahrestag der Erschießungen versammelten sich 2024 einige Hundert Menschen vor Block 15 des ehemaligen SS-Konzentrationslagers Haidari bei Athen, in dem die Geiseln vor ihrer Ermordung festgehalten worden waren. Im April 2026 kamen dagegen Tausende zu einer Kundgebung der Kommunistischen Partei Griechenlands in Kessariani. Die neu aufgetauchten Fotos standen dabei im Mittelpunkt.

In zahlreichen Veröffentlichungen wird die Haltung der Todeskandidaten hervorgehoben: aufrecht, furchtlos und geeint. Die Bilder scheinen jene Erzählungen zu bestätigen, die den 200 Ermordeten seit Jahrzehnten einen besonderen Platz in der linken Erinnerungskultur einräumen. Für sie schrieb Mikis Theodorakis ein Lied. Der Schriftsteller Themos Kornaros verarbeitete seine Erfahrungen im Lager Haidari im autobiografischen Roman »Die Kaserne Haidari« (deutsch: Leben auf Widerruf). Der Regisseur Pantelis Voulgaris stellte 2017 in seinem Film »Die letzte Notiz« das Schicksal des Lagerdolmetschers und Kommunistenführers Napoleon Soukatzidis in den Mittelpunkt.

Tatsächlich existieren diese »letzten Notizen«. Auf dem Transport zur Hinrichtungsstätte schrieben viele der Geiseln kurze Abschiedsbotschaften an Angehörige und Freund*innen. Einige wurden aus den Lastwagen geworfen oder weitergereicht. Mehrere dieser bewegenden Dokumente sind erhalten geblieben und wurden bei einer Gedenkveranstaltung 2024 in Haidari öffentlich verlesen.

Der Schriftsteller Kornaros beschrieb eindringlich die Folter und Erniedrigungen, denen politische Gefangene in Haidari ausgesetzt waren. Zugleich schilderte er, wie die Nationalsozialisten mit ihrem Versuch scheiterten, den Gefangenen Würde und Selbstachtung zu nehmen. Unter Führung von Soukatzidis hätten die 200 Kommunisten der Angst widerstanden, seien singend und mit erhobener Faust ihrem Tod entgegengegangen.

Ob sich alle Details dieser Überlieferung historisch belegen lassen, ist zweitrangig für ihre Wirkung. In der griechischen Erinnerungskultur stehen die Hingerichteten für Mut, Solidarität und politische Standhaftigkeit. Auf Kundgebungen werden sie heute häufig als »Athanatoi« – die »Unsterblichen« – bezeichnet.

Auch Historiker ziehen aus den Fotos weitreichende Schlüsse. Menelaos Charalambidis erklärte in einem Interview mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung Athen: »Die Fotos zeigen Menschen, deren Haltung zum Leben sich stark von den dominierenden Werten unserer Zeit unterscheidet. In einer Epoche, in der Individualismus häufig im Vordergrund steht, sehen wir Menschen, die als Kollektiv – als Genoss*innen – dem Tod entgegengingen, getragen von einer politischen Idee.«

Museum gefordert

Die Entdeckung der Fotos hat die Debatte um ein zentrales Museum für die Zeit der italienisch-deutschen Besatzung und den griechischen Widerstand neu belebt. Historiker Charalambidis plädiert seit Jahren für eine solche Einrichtung in Athen. Dort könnten Dokumente wie die neu entdeckten Fotografien gesichert, wissenschaftlich erschlossen und öffentlich zugänglich gemacht werden. Zugleich könnte ein solches Museum die Erinnerung an Besatzung, Opfer und antifaschistischen Widerstand dauerhaft verankern.

Sowohl Kessariani als auch Haidari beanspruchen inzwischen die Unterbringung des Fotomaterials. Der Bürgermeister von Haidari, Michalis Selekos (KKE), fordert seit Jahren, den historischen Block 15 des ehemaligen Konzentrationslagers zu einem Museum des Nationalen Widerstands auszubauen. Die Fotos haben damit nicht nur die Erinnerung an ein deutsches Kriegsverbrechen neu belebt. Sie werfen auch die Frage auf, wie Griechenland künftig an Besatzung, Widerstand und Befreiung erinnern will. Eine solche Gedenkstätte könnte zugleich ein Ort deutsch-griechischer Verständigung werden.