Die Rechte nach 1945 verstehen
7. Juli 2026
Eine Doppelrezension über Forschung, Erinnerung und die Macht neonazistischer Milieus
Der israelische Faschismusforscher Zeev Sternhell beendete im März 2001 seinen Vortrag in Berlin mit den Worten, der Faschismus »wurde nicht in den Schützengräben des Ersten Weltkrieges geboren und starb nicht in den Ruinen von Berlin. Was auch immer wir über ihre Zukunft glauben mögen, diese Rechte ist noch immer Bestandteil unserer Welt.«
Angesichts dieser Worte mutet es seltsam an, dass ein Vierteljahrhundert später, im April 2025, einer der Vortragenden bei der gemeinsamen Konferenz der Bundeszentrale für politische Bildung und des Instituts für Zeitgeschichte in München »Die radikale Rechte in Deutschland nach 1945« unwidersprochen erklärte, es gebe zwar eine Fülle an wissenschaftlicher Literatur aus den unterschiedlichsten Disziplinen zur extremen Rechten, doch ausgerechnet die Zeitgeschichtsforschung habe diesen Bereich bisher weitgehend vernachlässigt.
Wichtige Bände beseitigen Mangel
Dieser Mangel bestand zweifellos. Glücklicherweise wird inzwischen intensiv an seiner Beseitigung gearbeitet. Wichtige Beteiligte daran sind der »Zeithistorische Arbeitskreis Extreme Rechte« (ZAER), das Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung (ZZF) und das Moses Mendelssohn Zentrum sowie auch die Bundeszentrale für politische Bildung. An den genannten Einrichtungen arbeitende Wissenschaftler*innen haben in den letzten Jahren nicht nur eine Reihe wichtiger Dissertationen zu diesem Themenkomplex vorgelegt, sondern sind auch beteiligt an zwei jüngst veröffentlichten Sammelbänden, die an dieser Stelle nachdrücklich empfohlen werden sollen.

Frank Bösch/Gideon Botsch (Hg.): Lebenswelten der radikalen Rechten in der Bonner Republik. Wallstein, Göttingen 2026, 304 Seiten, 32 Euro (auch als Open Access)
»Deutschlands radikale Rechte 1945 bis 2025«, veröffentlicht durch die Bundeszentrale für politische Bildung, bietet, wie es der Titel verspricht, einen chronologischen Abriss der Geschichte der extremen Rechten in Deutschland seit dem Ende des NS-Regimes bis in die unmittelbare Gegenwart. Herausgeber des üppig bebilderten, großformatigen Bandes ist Martin Langebach, der die erwähnte Tagung in München mit organisiert hatte. Ihm ist es zu danken, dass die einzelnen Abschnitte durch anerkannte Fachleute behandelt werden.
So bearbeiteten das Kapitel zur Spätphase der DDR von 1980 bis 1990 David Begrich (Miteinander e. V.) und der Historiker Paul Räuber, der aktuell an seiner Dissertation zur extremen Rechten in Mecklenburg-Vorpommern arbeitet. Eindrucksvoll zum Beispiel ihre Darstellung des »Gewaltherbstes 1987«, der mindestens neun größere Prozesse zur Folge hatte. Den Übergriffen war gemein, dass sich »die Hetzjagden und Schlägereien in Jugendclubs, Diskotheken und Gaststätten« abspielten. Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass »der Neonazismus der späten DDR einer« war, »der mit der Faust vermittelt wurde«.
Krisen als Motor des rechten Aufstiegs

Martin Langebach (Hg.): Deutschlands radikale Rechte 1945 bis 2025. Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2026, 439 Seiten, 7,50 Euro
Das bis in die unmittelbare Gegenwart reichende Kapitel, das den Zeitraum seit der Gründung der AfD abdeckt und mit »Transformation und Etablierung« überschrieben ist, stammt aus der Feder des renommierten Historikers Volker Weiß. Eindrucksvoll schildert er nicht nur den Aufstieg der AfD zur momentan stärksten Partei in Wählerumfragen, sondern ebenso die gesellschaftlichen Krisen, die zum Motor dieses Aufstiegs wurden, und die verfehlten politischen Reaktionen, die ihm den Treibstoff lieferten.
Der von den Potsdamer Professoren Frank Bösch und Gideon Botsch herausgegebene Sammelband über »Lebenswelten der radikalen Rechten« ist die optimale Ergänzung zu diesem historischen Abriss. Die Autor*innen richten den Blick nicht auf den chronologischen Ablauf, sondern nehmen einzelne Organisationen wie die JN oder die Wiking-Jugend, unter die Lupe oder analysieren das Umfeld, in dem sich die extreme Rechte entwickelt. So untersucht Anette Schlimm die radikale Rechte im ländlichen Raum, Dominik Rigoll macht »Die alltägliche Lebenswelt als politische Ressource« zu seinem Thema.
Milieubildung von Neonazis in Cottbus
Besonders hervorgehoben sei die Fallstudie Eric Angermanns zur rechten Milieubildung in Cottbus nach dem Mauerfall. Cottbus galt in jenen Jahren als Hotspot des Neonazismus auf dem Gebiet der früheren DDR. Mit der »Deutschen Alternative« war dort eine Ortsgruppe einer Partei dieses Milieus entstanden, die tatsächlich eine gewisse regionale Verankerung hatte. Angermann betont: »Die Wahl auf Cottbus fiel dabei nicht auf der Grundlage einer tiefergehenden strategischen Analyse, sondern nur aufgrund zufälliger persönlicher Kontakte.« Frank Hübner, der kommende Führer der Gruppe, war als Häftling von der BRD freigekauft worden, dort zum Neonazi geworden, kehrte nun in seine Heimatstadt zurück und rekrutierte erfolgreich.
Beide Bände ergänzen sich hervorragend. Schon die Terminologie (»radikale Rechte«) macht deutlich, dass die beteiligten Autor*innen nicht nach Geheimdienstkriterien vorgehen. Der günstige Preis ist ein zusätzliches Argument.




























