Für Frieden, der weiterträgt

geschrieben von Meike Hertzberg, Josef Kaiser und Gerhard Marquart

7. Juli 2026

Lilo Rademacher ist tot: Gewerkschafterin, Antifaschistin und Kämpferin gegen Krieg und für Gerechtigkeit

Die 1948 geborene Lilo Rademacher studierte in Marburg Politik und Pädagogik. 1971 wurde sie Mitglied der IG Metall, 1978 Landesjugendsekretärin in Rheinland-Pfalz. 1987 machte sie die bis dahin ehrenamtlich geleistete Gewerkschaftsarbeit zu ihrem Beruf und wurde Gewerkschaftssekretärin, zunächst kurze Zeit bei der IG Metall in Albstadt, dann in Friedrichshafen. Einer ihrer Schwerpunkte war die Zusammenarbeit mit den Frauen im Ortsfrauenausschuss. Dort trafen sich regelmäßig bis zu 20 Frauen, um Fragen der Stärkung von Frauen in der betrieblichen Gewerkschaftsarbeit zu beraten und voranzubringen. Von 2003 bis 2012 war sie Geschäftsführerin und Erste Bevollmächtigte. Zwei Jahre später ging sie in Rente.

Danach war sie weiterhin aktiv: in der gewerkschaftlichen Frauenarbeit, sie arbeitete an ihrer Doktorarbeit zur Gleichstellung von Frauen in der Industrie; als Schiedsstellenvorsitzende trug sie zur außergerichtlichen Lösung von Eingruppierungskonflikten zwischen Unternehmen und Beschäftigten bei; außerdem engagierte sie sich im internationalen Solidaritätsarbeitskreis Brasilien.

Lilo hat sich während ihres Studiums und als Gewerkschafterin bereits in jungen Jahren intensiv mit der Geschichte der Arbeiterbewegung und der Nazizeit befasst – sie kannte sich aus mit den his-torischen Ereignissen und Zusammenhängen: Die Nationalsozialisten kamen im Januar 1933 an die Macht. Umgehend ließen sie die ersten Konzentrationslager in Deutschland errichten. Und was viele heute nicht mehr wissen: Es waren GewerkschafterInnen und BetriebsrätInnen, SozialdemokratInnen und KommunistInnen, die zwei Monate später als Erste von den Nazis in diese Konzentrationslager eingesperrt wurden und politisch gebrochen werden sollten. Am 2. Mai 1933 schließlich wurden die freien Gewerkschaften verboten und enteignet.

Lilo Rademacher (1946-2026) Foto: privat

Lilo Rademacher (1946-2026) Foto: privat

Lilo lernte viele dieser ehemaligen KZ-Häftlinge und WiderstandskämpferInnen persönlich kennen, darunter auch den legendären Buchenwald-Häftling Willi Bleicher, der später Vorsitzender der IG Metall Baden-Württemberg wurde. Das ihnen zugefügte Unrecht und Leid hat sie empört. Es hat ihr politisches Denken und Handeln für den Rest ihres Lebens geprägt – so etwas sollte und durfte nie wieder passieren. Aus diesem Wissen heraus war für Lilo immer klar, dass gewerkschaftliche Arbeit und antifaschistisches Engagement zusammengehören, dass sie eins sind – dazu hat sie sich bekannt, dafür ist sie eingetreten, das hat sie gelebt. Ihr war wichtig, das Wissen um die Verbrechen der Nazizeit in Deutschland wachzuhalten, das Wissen darum, wie die Nazis an die Macht gekommen sind, weiterzugeben und all die schrecklichen Erfahrungen der Opfer nicht zu verdrängen, sondern daraus für heute und für die Zukunft zu lernen. Lilo war wichtig, sich nicht von den verführerischen Versprechungen der AfD und anderer rechter Demagogen täuschen zu lassen. Denn das hatten wir alles schon einmal.

Auf diesem Hintergrund war Lilo 1983 Mitglied der VVN-BdA geworden. Sie übernahm Verantwortung in der VVN-BdA Ravensburg/Oberschwaben, auch auf Landes- und Bundesebene. Bis zu ihrer Erkrankung war sie von 2015 bis 2023 als Vorstandsmitglied aktiv. Im September 2023 bekam Lilo die Ehren-Vorstandsmitgliedschaft der VVN-BdA Ravensburg verliehen.

Ihr lag die Friedensarbeit am Herzen. Der Verein Friedensregion Bodensee organisiert jedes Jahr den Ostermarsch am Ostermontag, abwechselnd in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Lilo trat dort als Mitorganisatorin und Rednerin bei den Kundgebungen auf.

Ein wichtiges Anliegen war Lilo die Durchführung der jährlichen Gedenkfeier für die Opfer von Faschismus und Krieg auf dem KZ-Friedhof in Birnau. Sie wird seit Jahrzehnten gemeinsam von IG Metall, ver.di, DGB und VVN-BdA gestaltet. Dort liegen 97 Zwangsarbeiter aus Osteuropa und Italien begraben. Sie mussten 1944/45 bei Überlingen einen vier Kilometer langen Stollen graben, in dem auf Befehl Hitlers die Friedrichshafener Rüstungsindustrie bombensicher untergebracht werden sollte. Heute ist der Friedhof ein Ort des Gedenkens an die Opfer von Krieg, Hass und Gewalt – ein Ort, der ein friedliches Zusammenleben, Respekt, Toleranz und Demokratie einfordert. Das alles war für Lilo sinnstiftend. Dafür hat sie sich immer eingesetzt.

Wir sind für ihr politisches Engagement und Leben dankbar. Wir verlieren mit ihr eine engagierte Antifaschistin, eine Kämpferin für Frieden und Gerechtigkeit und trauern mit den Hinterbliebenen. Nie wieder Faschismus – Nie wieder Krieg!

Lilo verstarb am 2. Januar 2026 nach ihrer schweren Demenzerkrankung.