Hinterland-CSDs sind Goldstaub

geschrieben von Eike Sanders und Tomke Clausmann, AK Fe.In

7. Juli 2026

Die Pride Saison kann auf Wissen und Strategien aufbauen

Die Pride Saison 2026 ist in vollem Gange. In vielen Bundesländern gab es schon 2025 mehr CSDs als im Jahr zuvor. In Brandenburg wird es dieses Jahr 23 CSDs und Prides geben. Doch überall spüren vulnerable Gruppen, gerade in ländlichen Regionen, die gewaltvolle Realität der Diskursverschiebung und die rechte Dominanz. Die eigenen Freiräume schrumpfen, und mit dem vorauseilenden Gehorsam von Behörden und Privilegierten droht der Verlust erkämpfter Rechte und Akzeptanz.

CSDs sind zu Orten des rechten Kulturkampfes geworden. Der Umgang mit ihnen hat sich zu einem Gradmesser entwickelt: Wie verhält sich die Stadtgesellschaft – Anwohner*innen, Gewerbetreibende, Zivilgesellschaft? Sorgt die Verwaltung für eine gute Infrastruktur und Sicherheit für den CSD oder verordnet sie Auflagen, die ihn einschränken und delegitimieren? Ist die Lokalpolitik vor Ort – und wenn ja, auf welcher Seite? Diese Fragen stellen sich auch ohne Naziaufmarsch. Aber die Naziaufmärsche, die es seit 2024 vermehrt gibt, spitzen die Lage enorm zu.

Was hat sich verändert?

Klar, schon vor dem 10. August 2024, als in Bautzen 720 gewaltbereite Neonazis den örtlichen CSD bedrohten, gab es (extrem) rechte Versammlungen gegen CSDs. Und schon seit dem Aufstand von Queers in der New Yorker Christopher Street 1969 gibt es Kampagnen von Neonazis, Konservativen, religiösen Fundamentalist*innen gegen queeres Leben. In Deutschland fanden 2025 nur 110 von 243 CSDs und Prides störungsfrei statt, also ohne anlassbezogene (extrem) rechte Demonstration oder Kundgebung und ohne bekannt gewordene Angriffe, Beleidigungen, Bedrohungen oder Sachbeschädigungen. Das entspricht deutlich unter der Hälfte (45,2 Prozent) und ist neu und alarmierend. Gab es 2024 zu 15 Prozent der CSDs (extrem) rechte Versammlungen, waren es 2025 schon 21,4 Prozent. Allerdings kamen 2025 jeweils weniger Teilnehmende zu den organisierten (extrem) rechten und insbesondere neonazistischen Aufmärschen: Lediglich zehn extrem rechte Demonstrationen konnten um die oder mehr als 100 Teilnehmende mobilisieren, doch gingen über die Saison verteilt und dezentral erneut mehrere Tausend Neonazis auf die Straße.1 Der große Eklat wie in Bautzen 2024 blieb aus. Was blieb, war eine neue Normalität.

Aber CSDs werden nicht nur durch Naziaufmärsche gestört. Die Anzahl der CSDs, von denen tatsächlich keinerlei anderweitige Störung bekannt wird, ist auch weiter gesunken: von 52 Prozent (2024) auf 37 Prozent (2025). Die Dunkelziffer an nicht gemeldeten Vorfällen dürfte riesig sein. Wenn man in die Lokalpresse schaut: Kaum ein CSD ohne Hitlergruß oder Eierwurf, ohne drohenden Spruch durch einen Passanten, ohne grölende Jungmännergruppe am Rand. Dabei herrscht in manchen Regionen eine Gemengelage, wo Störungen durch Anwohner*innen, Unbekannte, Nazikleingruppen oder betrunkene »Schaulustige« die angemeldete Neonazidemo als kleineres Problem erscheinen lassen.

Tipps und Tricks: Austausch und Vernetzung!

Es gibt kein Patentrezept, ob oder wie man Sicherheitsbehörden in die Pflicht nehmen und/oder eigene Sicherheitsstrukturen aufbauen kann. Wichtige Verbündete suchen und einbinden können nur die, die die Verhältnisse vor Ort kennen und Teil davon sind.

Solidarisch hinfahren und Schutz durch Masse bieten ist wichtig. Aber es muss immer gelten, sich mit den Strukturen vor Ort abzusprechen und sich ihren Einschätzungen und Bedürfnissen anzupassen. Wer also Anreisen organisieren, sich schützend zwischen CSD und Nazis stellen, einen Spendenaufruf starten will: Nehmt vorher Kontakt mit der Orga auf! Fragt, was gebraucht wird – und was nicht. Das heißt auch, das Primärziel der queeren Sichtbarkeit vor Ort ins Zentrum zu stellen – und sie nicht mit anderen Kämpfen zu vereinnahmen.

Wer neu einen CSD organisieren will: Die CSD-Orgas haben sich in den letzten zwei Jahren vernetzt, teilen Erfahrungen und Wissen miteinander.2 Es wurden gute Strategien entwickelt, wie beispielsweise die Gefahrenlage eingeschätzt werden kann (Monitoring der lokalen Naziszene), wie An- und Abreise gesichert werden können (Bahnhofsnähe oder Zubringerdemo anmelden? Wer behält potenzielle Sammlungspunkte von Störer*innen im Blick?) und wie Betroffene unterstützt werden können, wenn es doch zu Angriffen kommt (Aware-ness-Strukturen, Kontakt mit Beratungsstellen). Es gibt Wissen zum Umgang mit rechten Streamern (z. B. Regenschirme und Bluetoothboxen mitnehmen).

All dieses Wissen ist da, und es entwickeln sich stetig neue Strategien. Es gibt seit Jahren Überschneidungen und gemeinsame Praxen von Antifaschismus, Feminismus und Queerpride – die gilt es zu stärken. Denn gerade die kleinen CSDs im ländlichen Raum sind unser Goldstaub und gelebter Widerstand gegen die rechte Raumnahme. Die Sicherheit der Prides geht uns alle an.

»Das Autor*innenkollektiv Feministische Intervention (AK Fe.In) arbeitet und recherchiert bundesweit zu feministischen und antifaschistischen Themen. Seit 2024 beobachtet das Kollektiv rechte Angriffe auf CSDs und veröffentlicht die Auswertungen bei NSU-Watch (nsu-watch.info).

1 AK Fe.In (2026): Das neue Normal ist queerfeindlich. Auswertung der rechten Angriffe auf CSDs in der Pridesaison 2025, online auf hnsu-watch.info/2026/04/angriffe-pride-saison-2025/

2 Es gibt eine Vernetzung von CSDs in Ostdeutschland, aber auch darüber hinaus Austausch und Zusammenarbeit.

Zuletzt übernahm z. B. Jonas Löschau vom CSD Bautzen die Schirmherrschaft über den Pforzheimer CSD am 13. Juni 2026 und hielt vor Ort auch eine Rede. Ohne Autor*in (queer.de): Pforzheim: Der CSD lebt!, online am 14.6.2026 queer.de/detail.php?article_id=58380.

Vgl.: Ohne Autor*in (2025): WIR sind das bunte Hinterland: Gemeinsame Erklärung ostdeutscher CSDs, online am 8.5.2026 auf queerpridedd.org/index.php/2025/05/08/wir-sind-das-bunte-hinterland/