Laut gegen das Klischee

geschrieben von André Wartmann

7. Juli 2026

Sammelband zeigt Punk als Raum jüdischer Selbstbehauptung und Kritik

Dass Punk und Jüdischsein keine Gegensätze sind, war bislang ein Thema, das kaum beleuchtet wurde. Das Autor*innenkollektiv des Sammelbandes vereint Wissenschaftler*innen, Journalist*innen sowie Protagonist*innen der Szene selbst und verleiht dem Buch damit eine Vielstimmigkeit. Ein roter Faden ist die Absicht, dominante Narrative von Jüdinnen*Juden als Opfer zu unterlaufen und diesen starke, subversive jüdische Widerständigkeit entgegenzusetzen. Das gelingt dem Band in weiten Teilen, gerade weil er nicht bei der Bestandsaufnahme von Diskriminierung stehen bleibt, sondern Punk als Ressource und Möglichkeitsraum für antisemitismuskritische Praxis begreift.

Viele der versammelten Autor*innen benennen Steven Lee Beebers »Die Heebie-Jeebies im CBGB’s« als den Auftakt der wissenschaftlichen und popkulturellen Beschäftigung mit jüdischem Punk. Als weiterer wichtiger Vorläufer gilt Michael Crolands »Oy Oy Oy Gevalt!«. Croland ist im vorliegenden Sammelband selbst als Autor vertreten.

Neben den oft sehr akademisch gehaltenen Texten sind es vor allem die persönlichen Beiträge jüdischer (ehemaliger) Punks, die das Buch lebendig machen. Die Texte von unter anderen Monty Ott, Itty Minchesta, Lara Dvorah und Oz Ozon vermitteln eindrücklich, was die Subkultur als individuelles Vehikel für junge Jüdinnen*Juden bedeuten konnte und kann. Einen besonders persönlichen Einblick bietet das Interview mit der Band DVMP, das zeigt, wie sich politische Haltung und jüdische Identität in der eigenen Musik verbinden lassen. Beim Lesen all dieser Beiträge entsteht unweigerlich der Eindruck: Punk ist jüdisch.

Tobias Johann und Andreas Borsch (Hg.): Jüdische Identitäten und Antisemitismus im Punk. Verbrecher Verlag, Berlin 2026, 320 Seiten, 24 Euro

Tobias Johann und Andreas Borsch (Hg.): Jüdische Identitäten und Antisemitismus im Punk. Verbrecher Verlag, Berlin 2026, 320 Seiten, 24 Euro

Ott beschreibt jüdischen Punk als Widerstandspraxis: Punks und Jüdinnen*Juden teilen die Erfahrung der Marginalisierung – und die daraus erwachsende Energie, lieber eigene Räume zu schaffen, als sich in eine ablehnende Mehrheitsgesellschaft einzufügen. Klaus Walter geht der provokanten Frage nach, ob es Punk ohne die Shoah überhaupt gegeben hätte. Jonas Engelmann zeigt, dass jüdische Identität oft weniger einer inneren Selbstdefinition entspringt als einer äußeren Zuschreibung. Auch Dvorah betont, dass Punk für sie immer politisch und antifaschistisch war, macht aber zugleich deutlich, dass Punk und Judentum für sie zunächst eher Gegensätze darstellten.

Tina Sanders unternimmt den theoretisch ambitionierten Versuch, Hardcore-Punk mit Freud und der Kritischen Theorie zu analysieren, und sieht im unkonformistischen Verhalten sowie in der exklusiven Gruppenbildung der Szene strukturelle Ähnlichkeiten zu antisemitischen Mustern. Georg Gläser dreht den Spieß um und argumentiert, dass Deutschpunk durchaus antisemitismuskritisch sein kann. Einen ähnlich kritischen Blick richtet Teresa Streiß auf die (queer-)feministische Riot-Grrrl-Bewegung: Antisemitismus werde dort kaum mitgedacht, Solidarität bleibe selektiv – nicht zuletzt aufgrund eines verbreiteten Missverständnisses, das Antisemitismus lediglich als Unterkategorie von Rassismus begreife.

Wie aktuell die Auseinandersetzung mit Antisemitismus in der Szene ist, zeigt das Gespräch mit der Initiative »Punks against Antisemitism«, die unmittelbar nach dem 7. Oktober 2023 entstanden ist. Annica Peters Beitrag zur antisemitismuskritischen Bildungsarbeit mit Punk liefert konkrete Praxisbeispiele und gehört zu den erfrischend anwendungsorientierten Texten des Bandes.

Der Sammelband ist kein schnell zu lesendes Zine über Punk, sondern ein akademisches Sachbuch, das die Subkultur und ihre Genres differenziert analysiert. Dabei wird auch mal daneben gegriffen, etwa wenn Nikolas Lelle die fehlende Tiefe von Punksongs zum Arbeitsbegriff bemängelt, ohne die Kürze des Songformats hinreichend zu berücksichtigen. Ähnlich zwiespältig wirkt Tina Sanders Versuch, Teile des Hardcore-Punk als tendenziell antisemitisch zu charakterisieren. Die Frage, warum antikapitalistische Haltung und nonkonformes Verhalten in Antisemitismus münden sollen, bleibt letztlich unbeantwortet, zumal dieselbe Autorin zuvor eine Vielzahl jüdischer Musiker*innen in eben diesem Genre benennt. Dass es antisemitismuskritische Bands und Veranstaltungsorte gibt, wird dagegen nur am Rande erwähnt. An einzelnen Stellen wird zudem zu viel in Texte und Songtexte hineininterpretiert, ohne dass die tatsächliche Intention der Musiker*innen hinreichend belegt würde.

Wer selbst eine Vergangenheit in der Punkszene hat, ertappt sich bei der Lektüre mancher Passagen unweigerlich bei kritischer Selbstreflexion über die eigene Szenebiografie. Der Sammelband richtet sich vornehmlich an ein akademisches und bildungspolitisch interessiertes Publikum. Und doch bietet er Szeneangehörigen die Gelegenheit, vertrautes Terrain mit neuen Augen zu sehen. Zudem ist das Buch für alle empfehlenswert, die verstehen wollen, wie gesellschaftliche Diskurse tief in vermeintlich gegenkulturelle Räume eindringen können. Dass auch Stimmen jüdischer Punks selbst zu Wort kommen, ist die eigentliche Stärke des Bandes. Wer nach der Lektüre die Plattensammlung herauskramt und genauer auf die Texte hört, hat das Buch wohl richtig gelesen.